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Blutrote Lilie

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
31.10.2014
12.12.2014
14
100.556
7
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31.10.2014 10.216
 
Kapitel VIII.


Leise landete die Krähe auf einem dünnen Ast. So konnte sie über den hohen Lattenzaun schauen und die Lage erfassen. Schrotthaufen, auseinandergenommene Autos und schwere Maschinen, die auch schon mal bessere Tage gesehen hatten, verteilten sich auf dem weiträumigen Gelände. Der Schrottplatz lag um diese Uhrzeit friedlich und ruhig da. Doch die Krähe wusste, dieser friedliche Anblick trog. Ihr feines Gehör nahm metallene Geräusche wahr, leises Fluchen, feste Schritte. Er war hier. Dessen war sie sich sicher.
Er kam öfter hier her, um Autoteile zu stehlen und sich damit ein Zubrot zu verdienen. Manchmal vertickte er sogar das gestohlene Altmetall wieder auf genau denselben Schrottplatz, auf dem er es in der Nacht zuvor gestohlen hatte. Keiner kam ihm auf die Schliche. Dazu sah er zu unscheinbar, zu unschuldig aus und wer bekam schon mit, wenn in einem Haufen voll Metallröhren und Drähten etwas fehlte? Niemand. Nicht hier, wo mehr Chaos als Ordnung herrschte.
Neben ihr spürte sie ihren Schützling. Sie schaute zu ihm hinab und zeigte ihm, was sie wahrgenommen hatte. Er sah sie kurz an, nickte und drehte sich vom Lattenzaun weg. Nach ein paar Metern machte er auf dem Absatz kehrt und nahm Anlauf. Leise wie ein Schatten näherte er sich mit hoher Geschwindigkeit erneut dem Zaun. Kurz davor stieß er sich vom Boden ab und bekam den oberen Rand des Zauns zu fassen. Als hätte er niemals etwas anderes gemacht, schwang er sich darüber hinweg und landete ebenso lautlos auf dem staubigen Boden des Schrottplatzes. Dort hockend orientierte sich für wenige Augenblicke. Die Krähe hob ab und flog über ihn hinweg über das Terrain des Schrottplatzes. Sie kannte den Weg schon längst, und ohne den leisesten Zweifel daran, dass ihr Schützling ihr gleich folgen würde, setzte sie Kurs auf ihr nächstes Ziel: Adams nächstes Opfer.


Adam starrte dem schwarzen Schatten über ihm im Nachthimmel hinterher. Das Federvieh wusste schon wieder mehr als er, worüber er jedoch froh war. Sehr froh. Ohne ihre Hilfe wäre er sicher aufgeschmissen gewesen. Woher sonst hätte er sonst wissen sollen, wo sich seine Mörder gerade aufhielten?
Er erhob sich und folgte der Krähe. Lautlos lief er quer über den verwaisten Schrottplatz. Wen er hier finden würde, wusste er schon. Babyface, oder wie er sich jetzt nannte: B.Face. 'Was für ein lächerlicher Name für solch einen sadistischen Dreckshund', dachte Adam spottend. Woher dieser Kerl seinen Spitznamen hatte, dass konnte Adam sich schon selbst denken. Würde er diesem Monster auf offener Straße begegnen, niemals hätte er geglaubt, welchen widerlicheren Kern dieser zierliche Junge in sich hatte.
B.Face war ein skrupelloser Killer, der seine Opfer gerne quälte. Das hatte er am eigenen Leib erfahren müssen und auch gesehen. Seine Krähe zweigte es ihm, schickte ihm ihre Erinnerungen von dem was sie das letzte Jahr über alles beobachtet hatte. Sie war seinen Mördern gefolgt, hatte jeden einzelnen von ihnen genaustens im Blick gehabt. So auch B.Face.
Er war schon längst aus Rex' Gruppe ausgestiegen, wollte sein Ding allein durchziehen, das allerdings mit eher mäßigem Erfolg. Er arbeitete meist für andere, was bedeutete: Er tötete für andere. Zwischendurch hielt sich mit Diebstählen über Wasser. B.Face war nicht besonders schlau, hielt sich aber aufgrund seines Aussehens für was Besseres. Leider machte ihn das nicht weniger gefährlich. Diese Ratte war vielleicht einfältig und dumm, doch er hatte Spaß am quälen und töten, und liebte es seine Opfer leiden zu lassen. Etwas, das er mit Shock gemeinsam hatte. 'Bald werden sie sich in der Hölle treffen.'
Die Krähe über Adam krächzte laut. Adams Schritte wurden schneller. Gleich war er bei diesem Subjekt angekommen. Gleich würde er ... Etwas dünnes, langes erweckte seine Aufmerksamkeit. 'Das wäre doch perfekt.' Er stoppte abrupt ab und ging darauf zu, hob es auf und schaute es nachdenklich an. 'War dort hinten nicht ein Baum gewesen?' Ihm kam eine Idee. Warum sollte er für B.Face keine kleine Überraschung vorbereiten? Verdient hatte er es.


Mit einer letzten Kraftanstrengung bekam er die schwere Tür des Geländewagens aufgehebelt. Er atmete tief durch. Geschafft!
Achtlos ließ er die Brechstange neben sich auf den Boden fallen. Den Lärm würde hier keiner hören. Der Typ, dem dieser Schrottplatz gehörte, war ein alter, fast tauber Mann. Der bekäme es noch nicht mal mit, wenn ihm jemand mit Baggern und LKWs den gesamten Schrott unter seinem schlafenden Arsch weg stehlen würde!
B.Face wischte sich über seine feuchte Stirn und rutschte ins Innere des Geländewagens. Als er sich auf den Beifahrersitz des Wagens setzte, erkannte er, dass sich die Anstrengung wirklich gelohnt hatte. Fette Beute! Ein super teures Autoradio sprang ihm ins Auge. Dieser alte Idiot von Schrotthändler hatte wirklich keine Ahnung, wie viel Kohle diese Dinger brachten. Deshalb ging er hier auch so gerne auf Tour. Weil der Alte so was immer übersah.
Mit schnellen gekonnten Handgriffen hatte er das Teil ausgebaut und legte es auf den Fahrersitz. Danach untersuchte er das Handschuhfach. "Yeah! Jackpot Baby!" Ein Navi! Stolz hielt er seine Beute in den Händen. Das Teil würde ihm ein gutes Sümmchen bringen. Zusammen mit den zuvor eingesammelten Kupferrohren und dem Radio hatte er heute besonders gut abgesahnt. Das würde ihm die nächsten Tage bis zum kommenden Auftrag versüßen.
Er nahm beides an sich und rutschte rückwärts wieder nach draußen. Dort stopfte er alles in seinen kleinen Rucksack und verschloss diesen gewissenhaft. Trotz dem tauben Alten ging er nie ein Risiko ein und hielt sich immer fluchtbereit. Mit der Brechstange bewaffnet machte er sich auf den Weg zu seinem Haufen, den er sich schon zum Abtransport zurechtgelegt hatte, stockte aber, als er dort ankam. "Was soll'n das? Verschwinde!" Eine fette Krähe saß auf seinen Rohren und stellte ihre Federn auf. "Weg da!" B.Face wog seine Brechstange in der Hand. "Husch!" Zischend teilte sie die Luft, als er sie zwei mal hin und her schwenkte, doch der Vogel flatterte bloß auf und setzte sich wieder auf die Rohre nieder. "Mistvieh!" Was zu viel war, war zu viel. Sauer schleuderte er ihr die Brechstange entgegen. Krachend landete sie in dem Haufen, woraufhin die Krähe kreischend davonflog. "Geht doch", kicherte B.Face vergnügt.
Vor sich hinsummend stapfte er auf die Rohre zu und hob zuerst die Brechstange auf. Doch gerade als er sich wieder aufrichten wollte, hörte er leise Schritte auf sich zukommen. 'Der Schrotthändler!', ging ihm durch den Kopf. Sein Griff um die Brechstange wurde fester und er schaute auf. Das war nicht der Alte! Das war wer anders. Vielleicht ein Nebenbuhler, der ihm sein lukratives Revier streitig machen wollte. Es wurde wohl mal wieder an der Zeit, einen Neuling in seine Schranken zu weisen.
B.Face richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Einen Moment überlegte er, welche Taktik er anwenden sollte. Sollte er gleich zum Angriff übergehen, oder den kleinen verängstigten Jungen spielen? Er entschied sich für Letzteres, wie so oft. Dass ihn andere unterschätzten, war seine größte Waffe. "Was haben Sie hier zu suchen Mister?", fragte er mit leicht zitternder Stimme. 'Ich hätte Schauspieler werden sollen', lachte er angesichts seiner Darbietung still in sich hinein. Er setzte noch einen drauf und ging einen unsicheren Schritt zurück.
"Ich suche dich, mein Hübscher", säuselte der Fremde ihm zu. "Seit sehr langer Zeit schon freue ich mich darauf, dir endlich von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen. Dein hübsches Gesicht hat mir bei unserem ersten Treffen gleich den ... Atem geraubt." Ein leises, kaltes Lachen folgte.
B.Face verengte seine Augen zu schmalen Schlitzen. Kannte der Fremde ihn? Wenn ja, dann wusste er auch, dass er kein kleiner unbescholtener Junge war. "Warum suchen Sie mich?" Dennoch fiel er erstmal nicht aus seiner Rolle. Vielleicht irrte er sich auch und dann war es besser abzuwarten, was der Fremde von ihm wollte. "Was wollen Sie von mir Mister?" B.Face spielte den unsicheren, verängstigten Jungen fast schon zu perfekt.
"Was ich von dir will?", lachte der Fremde leise säuselnd. "Ich will dich."
'Der spinnt doch!' "Für was?" Der Typ kam ihm langsam richtig suspekt vor.
"Ich will dich hängen sehen, B.Face. Ich will deine hübschen Lippen blau anlaufen sehen. Ich will sehen, wie das dünne Stahlseil sich in deinen Hals schneidet und diesmal dir den Atem raubt." B.Face straffte sich. Dieser Drecksack kannte ihn also wirklich und wusste über ihn Bescheid. Zeit, seine Maskerade fallen zu lassen und zu dem Mann zu werden, der er eigentlich war.
"Dazu musst du mich erstmal fangen, du Penner. Komm ... Fang mich." Eiskalt war seine Stimme. So eiskalt wie sein Inneres. So eiskalt wie das Brecheisen in seiner Hand. "Komm und lass mich dir deinen Schädel einschlagen wenn du dich traust."


Adam sah zu, wie B.Face die Brechstange erhob. Entschlossen setzte er sich in Bewegung, kickte die Kupferrohre beiseite und ging langsam auf seinen damaligen Peiniger zu. "Schlag schon zu. Na los!" Adam lachte gehässig auf. "Du hässliches Milchgesicht." Er konnte richtig sehen, wie B.Face mit den Zähnen knirschte. Wenn man ihn beleidigte, wurde er rasend. Besonders, wenn man sein Aussehen kritisierte. "Was ist? Doch zu schwach und zu ängstlich? Willst du nach Hause zu deiner Mami? Bist wohl doch ein kleiner Hosenscheißer. Genauso wie du aussiehst: Klein und schwächlich."
"AHHHH!!! ICH MACH DICH ALLE, DU PENNER!" Genau darauf hatte Adam gewartet. Das B.Face vor Wut die Kontrolle verlor, was bei so einem Typen wie ihm, wie erwartet, ziemlich schnell ging.
Schreiend rannte B.Face auf ihn zu, hob das Brecheinsen an und holte aus. Doch zu spät. Adam war unter ihm hindurchgetaucht und hatte ihm einen Hieb in den Magen verpasst. B.Face keuchte auf und ließ die Brechstange fallen. "So schnell aus der Fassung zu bringen? Zis zis zis. Babyface, Babyface. Nicht nur so ein Gesicht wie ein Baby, sondern auch das aufbrausende Gemüt, was?"
"Du elendiger ... Penner!" Der am Boden Kauernde rappelte sich mühsam wieder auf. Dabei angelte er nach der Brechstange, bekam sie allerdings nicht zu fassen, da Adam wieder schneller war.
"Willst du die hier? Tut mir leid. Aber die" er holte aus und warf sie in irgendeinen Schrotthaufen in der Nähe "brauchen wir nun nicht mehr." B.Face grunzte aufgebracht und biss die Zähne zusammen, ehe er erneut in gebückter Haltung auf Adam zustürmte. Der aber setzte seinen Angreifer mit einem gekonnten Schlag gegen das Genick vorerst außer Gefecht. Halb bewusstlos lag Babyface nun vor ihm im Dreck des schäbigen Schrottplatzes. "Jetzt zeige ich dir mal, wie man das richtig macht, Babyface", knurrte Adam und zerrte den leise jammernden B.Face mit sich.


B.Face spüre, wie er hochgehoben wurde. "Was ...?" Er öffnete seine schweren Augenlider und sah den Fremden vom Schrottplatz direkt vor sich. Er trug eine lächerliche Bemalung im Gesicht, die ihm erst jetzt auffiel.
"Guten Morgen mein Engel. Hast du ausgeschlafen?" B.Face glaubte sich verhört zu haben. Was war das den bloß für ein Irrer, an den er geraten war? "Warte noch einen Moment, dann haben wir es, ja?"
"Was soll das?" Verwirrt stellte er fest, dass seine Hände hinter dem Rücken gefesselt waren. Der Typ vor ihm hielt ihn mit einem Arm fest und werkelte mit der anderen an irgendwas neben seinem Kopf herum. "Was machst du Penner da?"
"Dir einen Strick knüpfen, mein Engel."
"Einen Strick?" B.Face fing an sich zu winden. Der hatte sie doch nicht mehr alle!
"Halt doch still!" Ihn traf eine Ohrfeige. "So wird das sonst nichts!" Etwas wurde um seinen Hals gelegt. "Gar nicht so einfach mit einem Stahlseil. Auch wenn es so dünn ist, ist es doch ganz schön sperrig. Man merkt, dass ich darin nicht so viel Übung habe wie du. Bitte verzeih mir meine stümperhafte Behandlung, aber gleich hast du es geschafft." Stahlseil?!
B.Face bäumte sich auf, versuchte die Hände des Mannes vor sich abzuschütteln. Vergebens. "Lass mich los! Nimm das Seil von mir!", brüllte er stattdessen und ergriff die einzige Chance, die sich ihm bot. Sein Kopf schnellte nach vorn und er biss diesem Scheißkerl direkt in den Hals.
Davon unbeeindruckt machte dieser aber weiter, stieß B.Face einfach mit einer Schulterbewegung von sich und wickelte noch ein paar mal das dünne Stahlseil um seinen Hals.
Danach trat er zurück und beschaute sein 'Werk'. In einer Hand hielt er das andere Ende des Seils und wickelte es zwei mal um seine Hand. "Könnte klappen", plauderte er vergnügt. "Testen wir es doch einfach mal." Mit der freien Hand griff er nach dem Seil und zog mit aller Kraft daran.
B.Face wurde schmerzhaft die Luft abgeschnürt, wobei er etwas in die Höhe gezogen wurde, und seine Füße dabei kaum noch den Boden berührten. Er zuckte und versuchte sich zu strecken, damit der Druck auf seiner Kehle nachließ, was aber nicht wirklich funktionierte. Als der andere wieder locker ließ, rasselte B.Face hustend zu Boden. Was hatte dieser Kerl bloß mit ihm vor? Wollte er ihn wirklich umbringen?


Noch immer das Stahlseil in der Hand kniete Adam sich vor den erbärmlich hustenden Killer zu seinen Füßen. "Jetzt siehst du mal wie das ist. Nicht so schön, oder?"
"Was willst du ... von mir?" Röchelnde Geräusche, die Adam so furchtbar vertraut vorkamen.
"Was ich von dir will? Ist das nicht offensichtlich? Ich will, dass du leidest. Das du in der Hölle schmorst für das, was du meinem Liebling angetan hast, für das, was du auch deinen anderen Opfern angetan hast."
"Ich weiß nicht, was du ... meinst!" Wut kochte in Adam auf.
Er packte B.Faces Haarschopf und zog seinen Kopf daran nach hinten, sodass er die folgenden Worte direkt in dessen widerlich unschuldig aussehendes Gesicht spucken konnte. "Dann helfe ich dir mal auf die Sprünge, ja? Du hast dich vor einem Jahr an dem Wertvollsten vergriffen, das für mich existiert! Hast ihm die Luft abgeschnürt, ihn festgehalten, damit dein widerwärtiger Freund Shock sich mit seinem Spielzeug an ihm vergehen konnte!" Übelkeit stieg in Adam auf, als er diese furchtbaren Szenen in sich wachrief. Er packte seinen Liebling von hinten und legte beide Hände um seinen Hals. Dale wimmerte erstickt, während B.Face irre lachte. "Halt ihn gut fest. Mal sehen was der so aushält." "Genau das hast du gemacht, du dreckige kleine Göre!" Adam ließ ihn los und schlug zu. Knochen brachen unter seinen Knochen. "Du hättest fast meinen Freund umgebracht, nachdem ihr mit mir fertig gewesen wart. Du hast es genossen, Shock dabei zuzusehen, wie er meinen Liebling quälte!"
Schnaufend stand Adam auf, wobei B.Face einfach zur Seite wegkippte und vor Schmerzen wimmerte. "Scht, mein Engel. Nur die Ruhe", flüsterte Adam und zog am Seil. "Gleich ist es vorbei."

***

Wie erwartet, war Laurie außer sich gewesen, als er erfuhr, dass sich Dale aus dem Krankenhaus geschlichen hatte. Jedoch verstummte sein Vortrag, als Dale ihm von dem offenen Grab erzählte. Er würde sich umgehend darum kümmern, hatte er versprochen, obwohl er bezweifelte, dass heute Abend noch jemand die offene Gruft inspizieren würde. Jetzt waren Laurel und Sky erstmal auf dem Weg zu ihm, um sich auch zu vergewissern, dass es ihm gut ging. Dale hatte Laurel nicht davon abhalten können.
So konnte er sich aber wenigstens ablenken lassen und würde nicht Gefahr laufen, die ganze Nacht wach zu bleiben und darüber nachzugrübeln, ob nicht doch er in das Mausoleum eingedrungen sein könnte, es aber einfach nicht mehr wusste. "Bestimmt nicht! Dazu bin ich nicht fähig", sagte er zu sich selbst, um sich davon zu überzeugen. Allein diese Marmortür zu bewegen, war sicherlich keine einfache Geschichte. Dale war viel zu schwach, um so etwas bewerkstelligen zu können, rief er sich immer wieder ins Gewissen. Das hätte er niemals schaffen können. In seinem gegenwärtigen Zustand erst recht nicht!
Müde und nachdenklich schlurfte er ins Badezimmer. Sein Knie pochte wieder unangenehm, weshalb er auf die Suche nach seinen Schmerzmitteln ging. Hoffentlich war noch etwas übrig! Und tatsächlich lag noch eine angebrochene Schachtel direkt im Waschbecken. Dale genehmigte sich gleich drei der übelschmeckenden Pillen, würgte sie mit etwas Leitungswasser hinab, setzte sich auf den geschlossenen Toilettendeckel und wartete auf das Einsetzen der Wirkung, während er sein schmerzendes Knie von sich streckte. Dabei blieb sein Blick auf einen Haufen schwarzer Kleidung hängen. 'Wo kommt die den her?' Dale konnte sich nicht erinnern, dort irgendwelche Kleidung hingeschmissen zu haben. Auch wenn er seit Adams Tod nicht der Ordentlichste war, so sah er wenigstens zu, dass seine Dreckwäsche nicht in der Wohnung verteilt herumlag. Deshalb stand er auf und bückte sich nach den Kleidungsstücken. 'Vielleicht hat Laurel sie ja ...' "Ahh!" Dale ließ den Stoff fallen und lief rückwärts, bis er mit der Hüfte geben den Waschbeckenrand stieß.
Das konnte unmöglich das sein, was er glaubte, das es war. "Nein! Das bilde ich mir ein!", flüsterte er erstickt und hielt sich die Hände vors Gesicht. 'Ich drehe doch durch! Ich bin wahnsinnig geworden!' Dale bekam einen Schweißausbruch und in seinen Ohren dröhnte es, als würde gerade ein Flugzeug neben ihm starten. In Gedanken mahnte er sich zur Ruhe. 'Dafür gibt es eine Erklärung! Das kann unmöglich der Anzug sein, indem Adam beigesetzt wurde!' Dale atmete tief ein. Es gab nur eine Möglichkeit herauszufinden, ob das dort wirklich Adams Anzug war.
Adam war damals zu einem Bankett eingeladen gewesen. Irgendeine Feier von seinem Verlag. Natürlich musste er dorthin gehen und Dale demzufolge auch. Doch Dale war sich nicht sicher, ob er überhaupt mit sollte. Wussten die Leute vom Verlag, dass er einen Freund hatte? Doch Adam hatte ihn am Ende doch dazu überredet ihn zu begleiten. "Du musst mit. Allein dir habe ich es zu verdanken, dass ich ohne Ende neue Ideen für mein neues Buch habe!"
"Okay. Dann komme ich mit." Dale konnte Adams liebevollen Blick einfach nichts entgegensetzen und versank in seinen zweifarbigen Augen. Er konnte sich einfach nie daran sattsehen. Also begleitete er seinen Freund und nach den ersten Minuten dort, war seine vorige Angst, er könnte Adam irgendwie in Verlegenheit bringen, wie weggeblasen.
Der Abend verlief entspannter als gedacht und Dale gefiel es sogar, dass er als Adams Anhängsel an dessen Seite stand. Leider passierte ihm dann doch ein kleiner Fauxpas. Aus versehen beschmierte er Adams teuren Anzug mit etwas heller Soße. Genau am rechten Hemdsärmel. "Das tut mir so leid!", jammerte Dale, als er mit Adam im Waschraum stand und versuchte den Fleck herauszubekommen. Vergebens. Adam nahm es ihm nicht übel, auch nicht, als der Fleck sich als extrem hartnäckig erwies. Sie bekamen ihn einfach nicht heraus!
"Das macht nichts. Lass gut sein. Man sieht den Fleck kaum noch. Ich bringe ihn Morgen in die Reinigung. Die bekommen das schon raus." Doch auch nach der Reinigung, blieb am unteren Rand eine kleine, helle Stelle zurück.

Und genau diese Stelle sah Dale sich nun an. Ganz leicht streiften seine Finger über den Stoff bis zu dem Ärmel, an dem eine kleine, helle Stelle sein müsste, wenn es der Anzug war, mit dem Adam beigesetzt worden war. Und da war er!
Entsetzt starrte Dale auf den hellen Fleck. Ein leiser Schrei verließ seine Kehle und er fuhr auf, rannte aus dem Bad und irrte, unfähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, in der Wohnung hin und her. Jetzt war er sicher: Er verlor den Verstand! Wie sonst konnte man das erklären? Wieso sonst sollten seine Augen ihm vorgaukeln, dass dieser verdammte Anzug bei ihm im Bad lag? Oder war er doch im Mausoleum gewesen und ... "Oh Gott!"
Um ihm herum begann sich alles zu drehen. Ihm wurde schwindelig und er musste sich im Flur an der Wand abstützen, um nicht umzufallen. Ihm wurde speiübel und die Schmerztabletten versuchten aus seiner Kehle zu kommen, als es an seiner Tür klopfte. Sicher Laurel und Sky. 'Endlich!' Dale rutschte an der Wand hinunter und landete auf dem Boden. Wieder klopfte es. Wieso schloss Laurie nicht einfach auf? Aber das würde er, wenn Dale nicht bald aufmachen würde. Dessen war er sich sicher, weshalb er einfach im Flur sitzen blieb und abwartete, das Gesicht in den Händen verborgen, die nach wenigen Sekunden durchnässt von Tränen waren.

***

Er war so aufgeregt gewesen! Sogar noch aufgeregter als Dale, hatte er das Gefühl. Dieser stand mit dem Rücken vor ihm, grinste breit, was er zwar nicht sehen, aber spüren konnte. An seinen Handflächen, die er auf Dales Augen gelegt hatte und ihm somit nicht die geringste Chance gab, dass sein Liebster die kleine Überraschung vorzeitig erspähen konnte. "Bereit?", fragte Adam leise in das linke Ohr, bevor er sanft mit seinen Lippen entlangstrich.
"Ich platze gleich!" Adam schmunzelte und zog seine Hände von Dales Augen. Schnell huschte er an seine Seite, damit er Dales Reaktion beobachten konnte. Und die war einfach zu göttlich! "Käse?!" Fragend schaute Dale von dem riesigen Leib Käse, der auf dem Wohnzimmertisch stand, zu Adam. "Was soll das denn?"
"Jetzt sag nicht, du erinnerst dich nicht mehr!"
"Doch! Aber ..."
"Heute vor einem Jahr. Du, ich und der Käse", schnurrte Adam und nahm Dale fest in den Arm.
"Das weiß ich doch!", gluckste er. "Aber wieso schenkst du mir gleich so viel? Kannst du dich überhaupt noch daran erinnern, wie lange es gedauert hat, bis wir den letzten Berg Käse aufgegessen hatten?"
"Ja. Kann ich." Und wie er sich daran erinnern konnte! Wochenlang gab es alle möglichen Gerichte mit Käse, bis der Rest des Käsebergs zum Glück ungenießbar geworden war und somit die Biotonne beglücken durfte.
"Willst du das jetzt wiederholen?"
Adam legte seinen Kopf schief. "Natürlich nicht! Geh doch einfach mal hin und schau nach."
"Zum Käse?" Manchmal war sein Freund echt schwer von Begriff. Kurzentschlossen zog er Dale zum Wohnzimmertisch und bugsierte ihn auf die Couch. "Der ist ja gar nicht echt!"
"Hast du etwa wirklich geglaubt, dass ich uns das noch mal antue?", lachte Adam und hauchte Dale einen Kuss auf die Schläfe. "Heb den Kunstkäse an. Darunter ist deine Überraschung."
Skeptisch schielte Dale seinen Freund an, tat aber dann wie ihm befohlen. Der Käse war leichter als gedacht und flog fast vom Wohnzimmertisch, als er ihn anhob. "Adam! Das ..."
"Ein Jahr", flüsterte Adam und griff nach einer der zwei Ketten, die unter dem Hohlraum verborgen gewesen waren. "Und es kommt mir jetzt schon so vor, als würden wir uns ein Leben lang kennen." Adams Finger wurden feucht vor Aufregung und er strengte sich richtig an, um den Verschluss der dünnen Silberkette aufzubekommen. Es endlich geschafft, legte er sie Dale um. "Jeder von uns trägt eine Hälfte. Damit wir immer bei dem anderen sind, auch wenn wir nicht zusammen sind", schloss er seine Erklärung und schaute Dale zu, wie er mit zittrigen Fingern den Anhänger genauer inspizierte. Er war etwa zwei Zentimeter lang und hatte die Form eines Flügels. Wenn man die zwei Flügel zusammenhielt, ergaben sie die Form eines Herzens. "Hinten ist etwas eingraviert."
"Ich sehe es gerade", wisperte Dale leise. "06-06-16 D & A", las er leise vor. "Und das Unendlichzeichen. Wie in deinem Gedicht."
"Ja", flüsterte Adam. "Wie meine Liebe zu dir."
"Adam." Dale schaute auf und flog in Adams Arme. "Danke."
Der Größere musste schmunzeln und streichelte sanft über Dales Rücken. "Danke? Eigentlich müsste ich mich bei dir bedanken. Dafür, dass du bei mir bist und meine kaputten Nerven zusammengeflickt hast, die letzten Tage." Adam war wirklich ein Nervenbündel gewesen. Sein neues Buch war erst vor vier Tagen veröffentlicht worden. Das erste, seit dem Tod seines Onkels. Es war anders als alles, was er vorher geschrieben hatte. Natürlich lag das an Onkel Clydes Tod und an Dales Auftauchen in seinem Leben. Doch die Verkaufszahlen sprachen für sich. Selbst nach noch nicht mal einer Woche war schon abzusehen, dass das Buch ein Verkaufsschlager werden würde. Er war wieder zurück und hatte neue Energie für weitere Projekte. Ideen hatte er auch schon, und er freute sich auf die kommende Arbeit. Das verdankte er nur seinem Liebsten. "Ich liebe dich." Seufzend vergrub er sein Gesicht in Dales Halsbeuge, hörte, wie er ebenfalls die drei kleinen, aber so bedeutsamen Worte sagte, und seinen Hals küsste. "Dale?"
"Hm?"
"Legst du mir die andere Kette an?"
"Klar!"
Nachdem sie beide je eine Hälfte der Kette trugen, schnappte sich Adam sein größtes Schmuckstück, hob ihn auf seine Arme und trug ihn ins Schlafzimmer. Nun war Zeit für sein anderes, ganz privates Jahrestagesgeschenk.
Abb. -08.1-


Aufgeregt flatterte die Krähe auf Adam zu, und landete auf dessen Schulter. Sie krähte heißer und schüttelte ihr Köpfchen. Es regnete leicht, was dem schwarzen Vogel allerdings wenig ausmachte. "Ist er da drin? ... Gut." Grimmig schaute er zu dem verwahrlosten Reihenhaus, welches sich vor ihm auftat. Die Gegend war runtergekommen und hin und wieder konnte man Kinder plärren hören, leise Diskussionen und Hundegebell. Ein typisches Sozialviertel.
Adam lausche in die Nacht hinein. Wie es aussah, hatte der bullige Kerl einen kleinen Schoßhund, den das Gebell kam aus seinem Haus. Dieser Köter bellte die halbe Nachbarschaft zusammen. Um denn würde er sich erstmal kümmern müssen. 'Oder vielleicht auch doch nicht.' Die Tür öffnete sich plötzlich und der Glatzkopf trat daraus hervor. 'Na wer sagt's denn?' Die Krähe schwang sich auf und suchte sich einen Platz auf einem Baum, um Adam einen guten Überblick auf das Geschehen zu gestatten. Keiner in der Nähe. Einfach perfekt! Obwohl er nicht daran glaubte, dass ein Kampf, oder gar ein Schuss hier großes Aufsehen erregen würden.
Entschlossen setzte sich Adam lautlos in Bewegung und folgte dem Glatzkopf wie ein tödlicher Schatten. Dieser hatte sein Handy am Ohr und sprach mit jemanden, was Adam nicht im Geringsten interessierte. Ihn interessierte nur eins: Diese Ratte so schnell und so unauffällig wie möglich um die Ecke zu bringen. "Ja. Er ist unterwegs. ... Soll ich erst noch mal warten? ... Alles klar Boss. Bis gleich." Glatzkopf lächelte selig, legte auf und angelte sich eine Zigarre aus der der Jackentasche.
'Mit wem auch immer du Drecksack telefoniert hast, dieser jemand wird dich ganz sicher nicht mehr zu Gesicht bekommen', dachte Adam grimmig und näherte sich zielstrebig seinem vorletzten Opfer. 'Deine Verabredung muss ich hiermit leider platzen lassen.'


Genüsslich zog Skin an der dicken Zigarre, die er von seinem Boss bekommen hatte. Gina hatte wirklich einen ausgezeichneten Geschmack, nicht nur in Zigarrendingen.
Er bereute seine damalige Entscheidung jeden Tag weniger. Rex in den Rücken zu fallen war ihm zwar erst schwer gefallen, Rex war immerhin einer seiner besten Freunde, doch Skin musste endlich mal an sich denken. Trotz allem stand er schon immer in Rex Schatten. Davon hatte er ein für allemal die Schnauze voll. Nachdem Rex endlich von der Bildfläche verschwand, wäre er die wichtigste Person nach dem Boss. Dann hätte er alle Möglichkeiten im Ansehen aller aufzusteigen. Und nicht nur das. Er und Gina, sie würden das perfekte Pärchen abgeben. Sie war wie geschaffen für ihn. Sein Kumpel war einfach nur dumm wenn er dachte, Gina einfach mal so aus dem Weg räumen zu können. 'Rex hätte einfach zufrieden sein müssen, mit dem was er hat.'
Nun gut. Es ließ sich nicht mehr ändern. Alles fügte sich perfekt. Sogar das dieser kleine Dale sich um seine anderen beiden Kollegen gekümmert hatte, spielte ihm fast schon beängstigend in die Karten, und um Rex würde sich heute Nacht sein Boss kümmern. Skin wusch seine Hände somit in Unschuld. Jedenfalls in dieser Sache.
Noch einmal zog er kräftig an der Zigarre und beugte sich vor, um seinen Wagen aufzuschließen. Die Zeit drängte. "Wohin so eilig, wenn ich fragen darf?" Direkt hinter ihm tauchte plötzlich jemand auf! Wie war das möglich?
Wie ein geölter Blitz drehte Skin sich um und holte mit seiner Rechten aus. Treffer! Wie auch immer sich dieser Spinner so nah an ihn hatte heranschleichen können, nun lag er stöhnend vor ihm im Dreck. "Fuck Mann! Erschreck mich doch nicht so!" Dieser Typ hatte ihm tatsächlich für einige Sekunden das Herz stillstehen lassen. "Was willst du von mir, hä? Wer schickt dich?", wollte er wissen und hockte sich vor die Gestalt am Boden. "Hat's dir die Sprache verschlagen?" Skin musterte den groß gewachsenen Mann genauer. Er kam ihm bekannt vor. Nur hatte er keine Ahnung, wo er ihn hinzustecken hatte. 'Liegt vielleicht an dieser lächerlichen Bemalung.' "Hey?! Spreche ich Spanisch? Wer bist du?" Mit einem Mal wurde der Kerl vor ihm ganz ruhig, bewegte sich nicht mehr und gab auch sonst keinen Mucks von sich. Verwirrt runzelte Skin seine Stirn. War er ohnmächtig? "Was mache ich denn jetzt mit dir?" Kurz dachte er darüber nach, den schwarzgekleideten Mann einfach in seinen Kofferraum zu werfen, da wurde Skin an seiner Kehle gepackt, so schnell, dass er es nicht hatte kommen sehen, und wurde erst gegen seinen Wagen gestoßen, von dem er abprallte und auf den Asphalt krachte. Blitzschnell war sein Gegner über ihn und Skin geriet unter diesen Irren, der sich schwer auf ihn legte. 'Dieser Scheißer hat mich ausgetrickst!', dachte Skin und langte nach den schraubstockartigen Pranken, die seinen Kehlkopf einzudrücken versuchten. Vergebens. Die langen Finger lagen wie Eisenketten um seinem Hals. Kalt wie Eis, genau wie die Augen, die von oben herab auf ihn niederblickten.
Diesen Blick kannte er, und er bereitete ihm arge Sorgen. Das war der Blick eines Mannes, der alles verloren, und nichts mehr zu verlieren hatte. Dieser bepinselte Typ war auf Rache aus.


Adam verzog sein Gesicht zu einer zornigen Grimasse und drückte so fest zu, dass seine Handknöchel weiß hervortraten. "Du willst wissen, wer ich bin?!", spie er dem Glatzkopf ins Gesicht. "Ich bin derjenige, der dich gleich zu deinen anderen Spielkameraden in die Hölle schickt!" Die Augen des Glatzkopfes traten panisch hervor.
"Wie ... so?", krächzte er.
Mit hochgezogenen Mundwinkeln beugte sich der Glatzkopf über Dale, packte in dessen Haare und schlug zu. Drei Mal, eher wieder aufstand und ihm gegen den Oberkörper trat.
"Da fragst du noch?", flüsterte Adam erstickt und löste den Griff. "Du hast meinem Liebling weh getan! Du hast auf ihn eingeschlagen und ihn getreten! Du elender Feigling hast ihm die Rippen gebrochen und eine Gehirnerschütterung beschert, weil du es nicht lassen konntest, in sein Gesicht zu schlagen!"
"Ich weiß nicht ... wen du … meinst ..." Der Glatzkopf drehte sich in Bauchlage und versuchte hustend unter Adam hervorzurobben.
"Ach nein? Erkennst du mich etwa nicht?"
Der andere schüttelte seinen Kopf. "Nein Mann."
Sauer packte Adam ihn, schleuderte ihn zurück auf den Rücken und schlug seine Finger in dessen Kinn. Danach beugte er sich zu ihm hinab, so nahe, dass Adam den noch immer leichten Zigarrengeruch an Skin ausmachen konnte, und sah ihm direkt ins Gesicht. "Ihr habt uns in diesem verfluchten Hauseingang umzingelt und angegriffen. Du und deine widerlichen Freunde habt meinen Dale schwer verletzt und mich auf dieser scheiß Treppe verrecken lassen. ... Dämmert's jetzt?!"


Natürlich dämmerte es ihm. Bei dem Namen Dale hatte es bei Skin geklingelt. Doch das konnte unmöglich sein! Der hier behauptete, dieser ermordete Freund zu sein? "Du verarschst mich! Du bist tot!", schrie Skin heißer und holte aus, traf Adam mitten im Gesicht, der nun selbst gegen den Wagen donnerte und den Seitenspiegel abriss.
Skin sprang auf die Beine und rannte in sein Haus. Er brauchte eine Waffe! Oder ... "Fass! Fass ihn!" Er zeigte auf den vermeidlichen Untoten, der sich gerade wieder aufrappelte, als sein Dobermann Rüde mit gefletschten Zähnen auf ihn zu hechtete.
Schnell schleuderte er die Haustür zu und rannte in seinen Keller. Dort hatte er seine Gewehre versteckt. 'Das gibt's nicht! Das kann niemals dieser Typ sein, den wir vor einem Jahr abgemurkst haben!' Dahinter musste dieser Dale stecken, ganz sicher! Aber egal wer er nun wirklich war, oder wer ihn geschickt hatte, er würde nicht lebend von hier wegkommen. Dafür würde Skin schon sorgen. Das hieß, falls der bekloppte Kerl die Attacke seines Hundes überlebte ...


Eine Sekunde lang starrte Adam in das aufgerissene Maul dieses Biestes auf vier Pfoten und brachte sich mit einem Satz auf dem feuchten Autodach in Sicherheit. Natürlich hielt das den Hund nicht weiter auf. Der Köter war ja fast schon so groß wie Skins tiefergelegte Sportkarre. Deshalb griff Adam nach einem der überhängenden Äste eines Baumes über ihm, nahm Anlauf und verpasste dem Vieh einen gezielten Tritt, als es gerade dabei war auf die Motorhaube des Wagens zu springen. Jaulend landete der Köter in der Auffahrt. "Bleib mir brav vom Hals und ich tu dir nichts", sagte Adam, obwohl ihn der Köter sicher nicht verstand. Dennoch wagte er es vom Dach des Autos zu springen und zum Haus zu laufen. Der Dobermann fiepste nur und ließ ihn ungehindert in das Reich seines Herrchens eintreten. "Braver Wauwau." Vielleicht hatte er ihn ja doch verstanden, genauso wie die Krähe ihn verstehen konnte.
"Skinny Boy?!", rief er und sah sich im Inneren des Hauses um. "Wo bist du denn? Komm raus, wo auch immer du dich versteckst. Dein Hündchen will nicht mehr mit mir spielen. Jetzt bist du an der Reihe mir den Abend zu versüßen." Hinter Adam klickte etwas metallisches. "Ich dachte, du bist ein großer, starker Mann, Skin. Brauchst du da wirklich eine Waffe?", fragte Adam leise und hob spaßeshalber seine Hände in die Höhe.
"Normal nicht", antwortete der Glatzkopf hinter ihm. "Aber heute habe ich es eilig. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel." Ein ohrenbetäubender Schuss folgte und Adam wurde die Luft aus der Lunge geblasen. Der Glatzkopf hatte ihm von hinten in den Rücken geschossen. Adam verlor die Kontrolle über seinen Körper, zuckte durch die Wucht des Schusses zusammen und fiel mit dem Gesicht voran auf den harten Boden. Er hörte, wie seine Nase ein hässlich knackendes Geräusch machte. 'Autsch!' Bewegungsunfähig blieb er liegen.


Grinsend sah Skin zu, wie der Kerl erst auf seine Knie fiel, und dann einfach Kopfüber auf dem Fußboden aufschlug. "Ich weiß zwar nicht ob du vorher schon tot warst, jetzt bist du es jedenfalls", lachte er und machte einen großen Schritt über die Leiche hinweg. Leichtfüßig ging er zurück in seinen Keller und zückte sein Handy. "Hey Boss. Ich hatte hier einen kleinen Zwischenfall. So ein Irrer wollte mir ans Leder und ich bin mir ziemlich sicher, dass der was mit diesem Dale zu tun gehabt hat. Dieser Kerl hatte ihn jedenfalls erwähnt. Es tut mir leid, aber ich musste ihn erledigen, daher bräuchte ich jemanden zum aufräumen … Danke. Ich warte hier und komme dann zu euch. Dann erkläre ich dir alles." Zufrieden legte er auf. Jetzt hatte er sich doch die Hände schmutzig machen müssen. Nun ja. Man bekam halt nicht immer alles auf dem Silbertablett dargereicht. Hin und wieder musste man selbst ran.
Blieb noch eine Frage zu klären. Wer war dieser Typ wirklich? War er der Rächer? Und diese kleine Schwuchtel Dale hatte gar nichts damit zu tun? Vielleicht war der Kleine auch zu zart besaitet, um sich derjenigen zu entledigen, die seinen Freund umgebracht hatten, und hatte daher diesen Spinner angeheuert, der nun mit einem großen Loch in seinem Oberkörper in seinem Flur lag. Tja. Die Antwort darauf konnte jetzt nur noch dieser Dale geben. Aber ob er dazu noch in der Lage sein würde, nachdem sein Boss mit ihm fertig war, dass sei mal dahingestellt.


"Dale? Bist du schon Zuhause?"
"Ja! Im Wohnzimmer!" Adam lächelte. Sein Schatz war schon Zuhause. Ihrem nun gemeinsamen Zuhause. Das fühlte sich so unbeschreiblich gut an. Ihr Zuhause ... "Komm her!"
"Gleich!" Adam balancierte drei große Einkaufstüten auf dem Arm. "Ich mach nur schnell das Eis in die Kühltruhe."
"Kay!" Dale lachte ausgelassen. Adam stellte stirnrunzelnd die Tüten auf die Arbeitsfläche. Schaute sein Liebling etwa Fern? Wieder lachte er.
'Sehr merkwürdig.' Normal war Dale keiner, der vor dem Fernseher zu ausgelassenen Gefühlsausbrüchen neigte, wenn er denn mal Fernsehen schaute, und wenn, dann eher Abends, wenn sie beide zusammen den Tag ausklingen ließen.
Schnell stopfte er das Eis ins Kühlfach und wischte sich über die Nase. Sie begann mit einem Mal ganz furchtbar zu kitzeln. "Hatschi!"
"Gesundheit!"
"Danke ... Hatschi!" Was war denn nun los? Er wurde doch nicht etwa krank?
Adam schnappte sich schnell ein Taschentuch aus der Schublade, schniefte hinein und lief neugierig zu Dale ins Wohnzimmer. "Liebling?" Er fand Dale auf der Couch hockend. Vor ihm "Ein Hund?!"
"Ja! Ist der nicht süß? Der Kleine stand ganz allein auf dem Gehweg. Er scheint niemanden zu gehören. Weder eine Hundemarke, noch eine Tätowierung hat er. Ich hab schon alles abgesucht."
"Ein Hund …? Hatschi!" Nun wusste er, wieso er plötzlich so ein Kribbeln in der Nase hatte. "Dale! Bring ihn hier rauhauuHATSCHI!"
"Bist du krank?" Sein Liebling schaute ihn besorgt an und drückte den kleinen, braunen Hund fester an sich. Er machte Anstalten mit ihm auf dem Arm aufzustehen, da hob Adam schnell seine Hände, bevor er noch einmal niesen musste. "Gesundheit ... Alles klar bei dir?"
"Mach den Hund weg!"
"Den Hund? Wieso?" Dale runzelte die Stirn, dann zeichnete sich langsam Erkennen in seinen Gesichtszügen wieder. "Bist du etwa allergisch?", fragte er Adam besorgt.
"Ach! Auch schon mitbekommen?!" Adams Augen begannen zu tränen. "Bring das Vieh hier raus, ehe ich noch ersticke!"
Dale lief käseweiß an. "Oh Gott! Ähm ... Geh ins Badezimmer! Ich ... Ähm ... Ich bring ihn raus!" Adam tat wie ihm vorgeschlagen und verbarrikadierte sich im Badezimmer. Noch bekam er genug Luft und er brauchte sich nicht das Zeug zu spritzen, das ihm der Arzt für den Notfall mal gegeben hatte. Vorerst brachte ihm kühles Wasser etwas Linderung, das er sich mit den Händen über dem Gesicht verteilte, nachdem er das Badezimmerfenster aufgemacht hatte.
Er hörte die Wohnungstür zuschlagen. Ein wenig grantig tupfte er sich das Gesicht wieder trocken. "Toll!", murrte er. "Jetzt darf ich den Abend auf dem Klo verbringen, oder was?!" Womit hatte er das nun wieder verdient? Wenigstens das Niesen hatte aufgehört, auch wenn seine Nase noch immer lief und seine Augen wie Hölle brannten.
Etwa eine halbe Stunde später hörte er die Wohnungstür wieder aufschwingen und kurz danach klopfte es an der Badezimmertür. "Adam? Lebst du noch?"
"Nee."
"Ha ha. Ich hab den Hund zu Laurie gebracht. Der bringt ihn ins Tierheim." Sein Liebling hörte sich traurig an. "Ich mach schnell sauber, ja? Damit keine Hundehaare mehr hier herumfliegen."
"Ist gut." Die Schritte entfernten sich wieder. Adam tat es leid, dass sein Liebling nun so geknickt war, aber mit seiner Hundeallergie war echt nicht zu spaßen.
Nachdem Staubsauger und feuchte Lappen die haarigen Spuren des Köters beseitigt hatten, traute sich Adam wieder aus dem Badezimmer hinaus. "Alles wieder ... oh wei!" Dale hielt sich die Hand vor den Mund. "Deine Augen sind ganz rot!"
"Geht schon wieder", beruhigte Adam ihn. "Sie brennen kaum noch."
"Das tut mir so leid!" Dale flog in seine Arme und drückte sein Gesicht gegen Adams Brust.
"Schon gut. Du konntest von meiner Allergie ja nicht wissen."
"Und dir geht es echt wieder gut?"
"Ja." Grinsend wuschelte Adam durch Dales braunen Haarschopf. "Du wirst dir ein anderes Haustier anschaffen müssen", tröstete er sein Liebling. "Eine Katze vielleicht."
Dale schnappte nach Luft. "Bloß nicht! Gegen Katzen bin ich total allergisch!"
Baff sah Adam auf Dale nieder, bis sie gleichzeitig anfingen zu lachen. "Wir passen echt hervorragend zusammen!", grölte Adam und drückte Dale einen Kuss auf.
"Wie wäre es mit Fischen?", gluckste sein Liebling und zog ihn in den Flur hinaus.
"Fische? Ich weiß nicht ..."
"Ja. Forelle. Lachs. Seeteufel ..."
Adam verpasste seinem Spaßvogel einen leichten Klaps auf den Hintern. "Lass mal lieber", grollte er, denn Fisch war absolut nicht seine Leibspeise. Wohingegen Dale am liebsten jeden Tag diesen glibbrigen Kram vertilgen konnte. "Und eigentlich habe ich schon das beste Schmusetier auf Erden."
"Ach?" Mit dem Kopf in den Nacken gelegt umarmte ihn Dale lächelnd. "Und das wäre?"
"Na einen super süßen und verschmusten Betthasen."


Still lag Adam auf dem Flurboden und merkte, wie das große Einschussloch in seinem Oberkörper zu heilen begannen. Keine Schmerzen. Nichts. Nur der anfängliche Schreck und der Druck auf seiner Lunge hatten ihm für einige Momente leichte Sorgen bereitet. Doch es schien alles in Ordnung zu sein.
Er rappelte sich langsam auf und tastete nach der Wunde. Nichts. Sie war zugeheilt, genau wie bei den Schnitten an seiner Wade zuvor. "Was willst du denn?" Skins Dobermann stand neugierig neben Adam und leckte sich über die Schnauze. Er musste schon die ganze Zeit über hier gewesen sein. Von Adams Hundeallergie war jedoch keine Spur zu merken. 'Wenn mich schon kein Loch im Rücken niederstreckt, dann anscheinend auch keine Hundehaare.'
Adam streckte seine Hand aus und tätschelte dem Riesenvieh den Kopf. Der Dobermann blieb weiterhin friedlich, schnüffelte an seiner Hand und dann am Boden. Angewidert schaute Adam weg, denn das Vieh begann über das blutverschmierte Parkett zu lecken. Sollte der Köter eben Putzfrau spielen. "Ich kümmere mich lieber erstmal um dein Herrchen", murmelte Adam und folgte Skin hinunter in den Keller.
Dieser saß mit dem Rücken zu ihm gewandt an einem Tisch und schien etwas aufzuschreiben, bemerkte Adam somit also gar nicht, als er langsam und leise die Stufen nach unten nahm. Er bemerkte ihn auch nicht, als Adam schon direkt hinter ihm stand und nur noch zuzupacken brauchte, was er auch tat. "Wahh!" Skin schreckte auf. Adam hatte ihm seinen linken Arm um die Kehle gelegt und zerrte ihn auf die Beine. Der Glatzkopf wollte sich wehren, erstarrte aber, als er sah, wer ihn da gerade angriff.
"Überraschung!", lachte Adam drohend und schleuderte den Muskelberg gegen eins der hier rumstehenden Regale. Skin knallte dagegen und kippte leicht zur Seite, ehe er mit dem Hintern auf dem Boden aufschlug.
Ungläubig sah er Adam an, der langsam auf ihn zulief. "DU?! Ich hab dich doch gerade erschossen!" Skin wurde immer panischer. Ein Anblick, den Adam voll und ganz genoss. Mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund sah Skin zu ihm auf, der ihn nun wieder auf die Beine zog, ein paar Schritte mit sich herzog und auf der schon praktischerweise parat stehenden Hantelbank niederdrückte.
Bedrohlich baute Adam sich über Skin auf und starrte in dessen immer noch panisch und ungläubig verzehrtes Gesicht. "Blut fließt wärmend aus mir in Strömen, doch kann keine Wunde größer sein, als die meiner Seele. ... Wie viele Wunden hast du schon anderen zugefügt in deinem Leben? Wie viele mussten wegen dir bluten, Skin?", flüsterte Adam wütend, begann dann jedoch wie ein Irrer zu lachen. Der sonst so beherrschte Muskelprotz wimmerte um sein Leben! War das zu fassen?
"Das kann nicht sein", krächzte Skin und schüttelte immer wieder den Kopf. "Das kannst nicht du sein! Niemals!"
Adam zuckte mit den Schultern. "Sorry Alter. Mich wird man nur sehr schwer los." Adams Lachen endete abrupt. Hass sprühte nun aus seinen Augen und er verpasste Skin einen Schlag ins Gesicht. Er setzte sich auf Skins Oberkörper, langte dann nach der schweren Hantel und legte sie auf dessen Kehle ab. Genau auf das Tattoo, welches er sich darauf hatte stechen lassen. Einen grimmigen Totenkopf, wie Adam jetzt erkannte. 'Wie passend.' Mit seinen Oberschenkeln regulierte er den Druck auf Skins Hals.
Der Glatzkopf versuchte sich von dem Gewicht zu befreien, konnte es jedoch nicht, da Adam seine rudernden Arme einfing und Skins Handgelenke mit nur einer Hand umfasst hielt. "Es ist nicht schön, einem Stärkeren ausgeliefert zu sein, und nichts dagegen tun zu können, nicht wahr?" Fragend blickte er auf das rot angelaufene Gesicht unter sich. "Genauso fühlen sich deine Opfer, Skin. Erdrückt vor Angst und unfähig sich gegen dich Monster zur Wehr zu setzen."
Schmerzen durchzuckten Adams Hinterkopf, als ihm Skin in die Haare griff und seinen Kopf daran nach hinten zog. "Jetzt ist Schluss mit Lustig! Schlaf gut, Vögelchen." Skins Faust traf ihm mitten im Gesicht.
"Damit ist jetzt wirklich Schluss." Er beugte sich nach vorn, sah direkt in die mittlerweile rot geäderten Augen Skins und flüsterte: "Hörst du den großen, schwarzen Vogel? Siehst du seinen spitzen Schnabel? Kannst du seinen düster, stechenden Blick auf dir spüren? Weißt du was er mit dir vorhat?" Adams Blick verfinsterte sich. Mit einer erstaunlichen Kraft beförderte er die Hantel von Skins Kehle und richtete sich abrupt auf. Dann ballte er seine Hand zur Faust, holte aus "Schlaf gut, Vögelchen" und schlug zu. Solange, bis Skin seinen eindeutig letzten, röchelnden Atemzug getan hatte.

*

Adam bückte sich nach einem Handtuch, das auf der Erde lag und wischte sich die Hand sauber. Wieder überkam ihn die Müdigkeit. Dennoch fühlte er sich erleichtert. 'Nur noch einer', dachte er erschöpft. 'Dann habe ich sie alle erwischt und es hat endlich ein Ende.'
Oben auf der Kellertreppe erschien ein Kopf. Ein Hundekopf. Anscheinend hatte er das Blut gewittert, denn der Dobermann sprang die Treppe hinunter und hechelte zu seinem ehemaligen Herrchen. Adam wandte sich ab. Es gab Dinge, die vermochte er sich noch nicht mal vorzustellen, geschweige denn ansehen. Deshalb beeilte er sich, um aus dem Haus zu kommen, damit er nicht weiter den schmatzenden Geräuschen zuhören musste, die nun durch den Keller hallten.

***

Rex war es leid geworden zu warten. Es wurde langsam kalt in seinem Auto und er ärgerte sich, nicht doch vorher noch bei Skin vorbei gefahren zu sein, um ihm abzuholen. Was musste sein Kumpel denn so dringendes erledigen? Hatte das hier nicht erstmal Vorrang? Da es jetzt definitiv zu spät war, um sich zu ärgern, beschloss Rex, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. 'Diese kleine Kröte kann ich auch allein platt machen.' Entschlossen stieg er aus seinem Auto und visierte den großen Altbau an. Der Zufall kam ihm entgegen, denn einer der Hausbewohner verließ gerade das Haus. Er beeilte sich, und noch bevor die Tür zuschlug, war er ins Innere des Hauses geschlüpft. 'Letzter Stock hat Skin gesagt', erinnerte Rex sich und stieg die Treppen empor.
Oben angekommen, klopfte an die Tür. Keine Reaktion. Noch einmal klopfte er, doch niemand machte auf. War Skin falsch informiert worden und der ach so erschöpfte Rächer war noch gar nicht daheim? Zum dritten Mal klopfte er fest gegen die Holztür und hörte in der Wohnung plötzlich einen dumpfen Schlag. Doch jemand Zuhause! Rex dachte gar nicht lange nach und knackte das Schloss, wofür er keine Minute brauchte.
Vorsichtig lugte er ins Innere. Niemand war zu sehen und alles war wieder ruhig. 'Doch niemand da?', fragte er sich zuerst, bis er eine dünne Stimme hörte.
"Laurie?" Sein Blick fiel auf eine zusammengesunkene Gestalt, die nicht weit von ihm an die Wand gelehnt saß, und das Gesicht in den Händen verborgen hielt. "Ich drehe durch. Hilf mir Laurie."
'Ich werde dir schon helfen, Kleiner', grinste Rex in sich hinein und betrat die Wohnung.


Dale hörte Schritte auf sich zukommen. Langsame Schritte, die ganz untypisch für Laurel waren. Normal wäre er doch gleich zu ihm geeilt, hätte ihn an sich gezogen und mit Fragen durchlöchert. "Laurie?" Dale blickte auf und sah, dass da in seiner Wohnung war nicht sein Freund Laurel! Und wer auch immer dieser Mann war, er führte sicher nichts Gutes im Schilde. Nicht bei diesem Gesichtsausdruck, dem hämischen Grinsen und den stechenden Augen.
Dale drückte sich näher an die Wand und versuchte aufzustehen, doch der Eindringling hinderte ihn daran. Kraftlos ließ Dale es geschehen, dass er an der Schulter wieder nach unten gedrückt wurde und schaute ängstlich zu diesem fies ausstehenden Typen auf, der ihn gepackt hielt.
"Ich fass es nicht! Und du Pimpf sollst meine Männer abgemurkst haben?!"
"Was?" Dale traute seinen Ohren nicht. Er sollte jemanden ermordet haben? "Nein! Sie verwechseln mich!" Das glaubte dieser Kerl doch nicht etwa wirklich?
"Ganz bestimmt nicht. Du bist doch die kleine Tucke, die wir vor einem Jahr mit ihrem widerlichen Freund aufgemischt haben. Oder?!"
"Vor einem Jahr ...?" Dales Herz schlug fest gegen seine Rippen und ihm wurde noch schwindeliger, als ihm sowieso schon war. Langsam dämmerte es ihm, wer der Fremde war, der gerade über ihm drohend Aufragte. War das wirklich einer der Männer, die Adam und ihn vor einem Jahr überfallen hatten? Löste deshalb die Stimme des Kerls in ihm diese panische Angst aus? Konnte es sein, dass sie ihn gefunden hatten? Wenn ja, dann steckte er in großen Schwierigkeiten.
"Hör mal, du kleine Schwuchtel", drohte ihm der andere leise. Sein Atem stank nach Zigarettenrauch. "Gib zu, dass du aus Rache zwei meiner Männer auf dem Gewissen hast, sonst bringe ich dich auf anderem Wege dazu, es mir zu beichten, wenn du verstehst was ich meine." Vor Dales Gesicht tauchte ein Springmesser auf, dessen Klinge gefährlich glitzerte. Das kam ihm definitiv bekannt vor! Mehr als das. Aber das alles konnte doch nicht wahr sein! Das durfte nicht wahr sein!
Erneut brach Dale der Schweiß aus und er begann zu wimmern. Das war definitiv einer der Kerle, die ihn und Adam damals überfallen hatten! Die Stimme, das Aufblitzen der Klinge, an all das konnte er sich mit so einer Klarheit erinnern, dass ihm erneut kotzübel wurde. So oft hatte er davon geträumt und war danach schweißgebadet aufgewacht. 'Wach auch! Wach endlich auf!' Doch er ahnte, dass er nicht aufwachen würde. Trotzdem flehte er stumm, dass er nur träumte. Er wollte das alles nicht noch einmal durchmachen müssen. Noch zu gut konnte er sich daran erinnern, was diese Schweine damals mit ihm gemacht hatten. Auch wenn er dabei fast bewusstlos gewesen war, die Schmerzen hatte er trotzdem gespürt. Spürte sie teilweise auch heute noch, wenn er schweißgebadet aufwachte und die verhöhnenden Stimmen aus seiner Erinnerung nachhallen hören konnte.
"Bitte nicht!", schluchzte er, machte sich so klein wie nur möglich und versuchte sich unter der Hand, die noch immer auf seine Schulter drückte, hinwegzuducken. "Du bist nicht da. Ich bilde mir das nur ein", schluchzte er, als ihm die Tränen kamen. 'Bitte lass es nur ein Albtraum sein!' "Du bist nicht real."
Der Kerl lachte hämisch, zog ihn auf die Beine und drückte ihm die Luft aus der Lunge, als er ihn fest gegen die Wand wuchtete. "Och, mein Süßer! Ich bin ganz real!" Sein Angreifer kam seinem Gesicht ganz nah und kleine, feuchte Tröpfchen trafen ihn, als er weitersprach. "Auf einmal so wehrlos?!", schrie er. "Ich möchte echt wissen, wie um alles in der Welt du es geschafft hast, Shock und Walker so barbarisch abzuschlachten!" Dale hatte keine Ahnung von wem der Kerl redete. Es war ihm auch egal. Er wollte nur hier weg. Aufwachen, sterben, sich in Luft auflösen, irgendwas, damit er nicht wieder diese Schmerzen erleiden musste, die man ihm vor einem Jahr bereitet hatte. "Dich mach ich fertig, bevor mein Boss dich dann endgültig erledigt." Tränen versperrten Dale nun endgültig die Sicht.
Hatte er zuvor auch noch eine winzige Hoffnung gehabt, in einem Albtraum gefangen zu sein, erlosch diese Hoffnung nun endgültig. Das hier war real, dessen wurde er sich immer sicherer. Träume konnten einem nicht die Luft abschnüren und solche Schmerzen bereiten. Und als der Kerl die scharfe Klinge plötzlich an seiner rechten Wange ansetzte, loderte blanke Panik in Dale auf. Er keuchte erschrocken auf, als sie in seine Haut schnitt und ahnte, das hier würde nur der Anfang sein.

***

Gina betrat die Wohnung im Obergeschoss. Sie musste einst sehr exklusiv gewesen sein. Doch jetzt war die nur noch eine jämmerliche Bruchbude. 'Sehr schade', dachte sie und blickte zu Rex, der allem Anschein nach diesen Dale schon gefunden hatte und gerade dabei war, sein Messer an dessen Hals hinabfahren zu lassen. Der Schnitt verlief von der Wange bis hinunter zur Kehle, schien aber nicht allzu tief zu gehen. Er schien den Kleinen nur etwas foltern zu wollen. Trotzdem. 'Nicht, dass er doch noch ausrastet und im Übermut dem Kleinen die Kehle komplett durchschneidet.' "Rex?!", donnerte sie und brachte ihre noch-Nummer zwei zum Innehalten." Was soll das? Hatte ich nicht gesagt, dass ich ihn lebend und unversehrt will?" Rex drehte sich erschrocken zu ihr herum.
"Boss!" Die Augen quollen ihm fast über vor Furcht. Genau das liebte Gina. Wenn alle starken, großen Männer vor ihr auf den Knien herumrutschten und sich vor Angst in die Hosen schifften. "Das hier ... Das waren meine Männer! Diese Schwuchtel gehört mir!"
"Falsch", sagte sie ruhig und ging auf Rex zu. "Deine Männer gehören nun auch zu mir, also gehört der Junge mir." Ein Wink, und einer von Ginas Leuten packte Rex und zerrte ihn von dem wimmernden Jungen weg. "Das ist er also?" Skeptisch stellte sie sich vor den Jungen namens Dale und begutachtete ihn. Das Blut verfärbte das hellgraue Shirt, das er trug und sein Gesicht war tränenverschmiert. "Kann ich mir gar nicht vorstellen."
"Der hat schiss vor mir!", grunzte Rex.
"Wirklich?"
"Na klar! Der kann sich noch gut an mein Messer ..." Gina holte aus und brachte Rex mit einem harten Schlag zum Schweigen.
"Packt alle beide in den Wagen", wies sie ihre Leute an. "Zuhause lässt es sich besser reden, nicht wahr mein Hübscher?" Gina grinste dem total verstörten Jungen vor sich an und strich ihm fast schon liebevoll über die unversehrte Wange, bevor ihn einer ihrer Männer ohne viel Aufhebens den Mund knebelte und über seine Schulter warf. "Passt mir gut auf den Hübschen auf. Ich brauch ihn noch." Auch wenn er nicht dieser Rächer war, so war sie doch sehr begierig zu wissen, wer der Mann war, der so einfach mal zwei gefährliche Killer um die Ecke bringen konnte. Der Kleine musste was über ihn wissen. 'Ich muss ihn haben. Koste es was es wolle.'

***

Erschöpft lehnte sich Adam gegen die Marmorverkleidung seines Mausoleums. Er hockte auf der obersten Treppenstufe und drehte gedankenverloren Dales Haarsträhne zwischen seinen Fingern. Wenn er ihn doch nur noch einmal in den Armen halten könnte. Den Duft seiner Haut einsaugen könnte. Ihn noch einmal küssen ... Seine Liebe spüren ...
Weich schmiegte sich die erhitzte Haut an seine Handflächen. Wie sehr er es liebte, ihn zu berühren und ihn damit zum Erschaudern zu bringen. Das leise Keuchen seines Liebsten verursache in ihm heiße Schauer, die von seiner Wirbelsäule abwärts direkt in seinen Schoß rannen. Er küsste feuchte Bahnen über das zuckende Fleisch, sah erregt zu, wie sich Dale unter ihm vor Ekstase wand. Adam wusste, dass sie beide für immer zusammengehörten. Er musste seinem Liebsten nur in die Augen sehen, um das zu wissen. "Dale ..." Adam legte sich auf seinen Freund, schmiegte sich an den weichen warmen Rücken unter ihn und blickte in dessen lustverhangenen Augen, die ihn ansahen. "Ich liebe dich."
Dale lächelte und strecke seinen Hals durch. "Ich dich auch." Heiß trafen sich ihre Lippen, ehe sich Adam mit einem festen Stoß mit seinem Liebsten eins wurde ...
Abb. -08.2-

Adam schreckte aus seinen Erinnerungen auf, als sein gefiederter Wegbegleiter neben ihm landete. Die Krähe stieß ein lautes Krächzen aus und stellte die Federn direkt hinter ihrem Kopf auf. "Was ist denn? Hast du ihn gefunden?" Rex. Der Letzte des tödlichen Quintetts. Nun war er an der Reihe. Noch mal ertönte ihr unheilvoller Ruf. Adam schloss die Augen und war er dann sah, ließ ihn nun selbst aufschreien. Das war nicht Rex, den er da sah! Er hatte Dale gesehen, der geknebelt von einem fremden Mann aus seiner Wohnung getragen, und in ein Auto verfrachtet wurde. "WO?!", schrie er die Krähe panisch an, die daraufhin losflog und ihrem Schützling den Weg wies.

***

"Das kann doch nicht ... Dale?! Bist du hier irgendwo?" Laurel lief von einem zum anderen Zimmer, doch keine Spur von Dale.
"Ist er wieder abgehauen?", fragte Sky und sah sich ebenfalls überall um.
"Das glaube ich nicht. Sonst hätte er mich doch gar nicht angerufen." Laurel wusste sofort, dass hier etwas ganz gewaltig nicht stimmte.
"Die Tür wurde aufgebrochen!", stellte Sky fest.
Die Information sickerte nur langsam in Laurels Verstand. "Dann ist hier jemand rein und hat Dale ...?" Glas zersplitterte. "Wohnzimmer!", rief Sky und rannte an Laurel vorbei.
"Sky! Warte!" Falls einer der Einbrecher noch da war, dann konnte das gefährlich werden. Laurel lief hinter Sky her und rannte prompt ihn ihn hinein. "Laurie ... Das da ... Da steht ... Das gibt's doch nicht", flüsterte er leise und war regelrecht erstarrt.
Laurel folgte seinem Blick und verstand sofort. Adam stand vor ihnen. Heißer Zorn brannte in seinem Gesicht. "Habt ihr ihn?!", brüllte er, überging Skys desolaten Zustand und ging auf die beiden zu. "Ob ihr ihn habt?!", fragte er erneut und sah sie mordlüstern an.
Mutig schob sich Laurel an Sky vorbei, der Anstalten machte, den Raum wieder rückwärts zu verlassen. "Dale ist nicht hier. Er ist ..." Adam ließ einen lauten Schrei los und selbst die Krähe, die gerade auf dem Fernseher platz genommen hatte, flatterte wieder erschrocken in die Höhe.
"Laurie! ... Ist das ... Ist das ..."
"Ja", sagte er schlicht und versuchte Adam beruhigend am Arm zu packen. Doch er drehte sich um und fixierte den schwarzen Vogel. "Wieso weißt du es nicht?! WO HABEN SIE IHN HINGEBRACHT?!" Laurel musste sich die Ohren zuhalten. Wenn Adam weiter so brüllte, würden bald alle Nachbarn auf der Matte stehen. "Adam? Was ist den los?"
"Was los ist?!" Wütend schritt er auf ihn zu. Anscheinend galt sein Zorn jetzt voll und ganz ihm. Laurel wurde es mulmig zu mute. So kannte er seinen jahrelangen Freund gar nicht. "Dale wurde mitgenommen! Von einer Bande gefährlicher Typen und einer Frau! Und dieses Mistvieh da hat keine Ahnung wohin sie ihn gebracht haben!" Er deutete auf die Krähe, die fast schuldbewusst zu ihnen rüber sah.
"Gefährliche Typen und eine Frau? Weißt du wie sie aussahen?" Laurel ahnte Böses.
"Ja! Ich habe sie gesehen. In meinem Kopf. Aber ich bin zu spät hier angekommen." Adam schien sich kaum zu beruhigen. Unruhig ging er im Wohnzimmer auf und ab. "Ich muss ihn finden. Ich muss! Such ihn, verdammt!", wies er die Krähe an, die daraufhin krächzend in die Nacht entschwebte.
"Kannst du mir beschreiben, wie sie aussahen? Vielleicht erkenne ich einen wieder", wollte Laurel wissen. Nachdem er Dale als Anwalt vertreten hatte, kannte er fast die komplette Verbrecherkartei der Stadt und der Umgebung auswendig. Und vor allem eine unter ihnen war ihm im Gedächtnis geblieben. Eigentlich kannte jeder Anwalt und jeder Gesetzeshüter diese Frau.
Adam nickte und packte ihn plötzlich am Handgelenk. "Schließe deine Augen", wurde Laurel angewiesen, was er auch verwirrt tat. Adams Stirn legte sich auf seine und auf einmal sah er es. Er sah, wie Dale aus der Wohnung verschleppt wurde und auch von wem. Laurel hatte recht behalten! Er kannte diese Frau.
Als Adam den Kontakt abbrach, kippte Laurel gegen ihn. "Und?!", fragte Adam. "Hast du einen erkannt?"
Laurel hob seinen Kopf. "Und ob."
"WER?!"
"Dale ist in großen Schwierigkeiten", flüsterte Laurel und schluckte hart. "Wir müssen uns beeilen. Diese Frau ist zu allem fähig."

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