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Blutrote Lilie

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
31.10.2014
12.12.2014
14
100.556
7
Alle Kapitel
15 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
31.10.2014 9.538
 
Es tut mir echt leid, dass ich nicht wie sonst, alle zwei Tage ein neues Kapitel hochlade, aber ich vergesse es schlichtweg. -__-“““
Die Zeit rennt und ich hab so viel zu tun, dass ich einfach nicht mehr an meine Storys denke. Schande über mich!
Aber heute Morgen habe ich es nicht vergessen, und präsentiere euch das nächste Kapitelchen. ^^

LG
Fara




Kapitel VI.


Während er an die trostlose, weiße Decke über sich starrte und dem monotonen Piepsen des Herzmonitors seines Zimmergenossen zuhörte, ging er immer wieder die letzte Nacht durch. Dale konnte noch immer die Stimme hören, die ihm eiskalte Schauer bescherte. 'Früher hatte sie Schauer der ganz anderen Art bei mir ausgelöst …' Er war sich so gut wie sicher: Das war Adams Stimme auf dem Friedhof gewesen! 'Das kann aber doch gar nicht sein!' Verwirrt fuhr er sich über die Augen. Sie brannten furchtbar. Er war müde vom vielen Nachdenken und ihm war, seit er in diesem verfluchten Krankenwagen verfrachtet worden war, eiskalt. Wo kam nur diese verdammte Eiseskälte her?
Dale wollte nur noch nach Hause in sein Bett, sich ausruhen und dann noch mal auf den Friedhof gehen. Vielleicht fand er dort eine Antwort. 'Oder ich werde doch langsam verrückt.' Die Erkenntnis traf ihn hart, aber nicht überraschend. Eigentlich war es nur die logische Konsequenz, die Summe aller Dinge die ihm zuvor passiert waren. Er drehte langsam durch und fragte sich nun viel mehr, wieso erst jetzt? Wieso nicht schon vor einem Jahr? Oder einem Halben? Oder war er schon längst verrückt, hatte es jedoch eben erst bemerkt? War er damals schon verrückt geworden, als er das erste Mal hier gelegen hatte und von Adams Tod erfuhr? Hatte dies sein Hirn durchschmoren lassen, wie es sein Herz zum Zerbrechen gebracht hatte? Er kannte die Antwort nicht, und ehrlich gesagt: Er wollte es auch gar nicht so genau wissen.
Es klopfte an der Tür und Laurels Kopf schob sich durch den Spalt. "Dale, bist du schon wach?"
"Ja. Kommt rein." Entgegen seiner Erwartung war Dale froh darüber seine beiden Freunde zu sehen. Obwohl sie daran schuld waren, dass er wieder im Krankenhaus lag und nicht tot vor Adams Ruhestädte.
"Geht es dir wieder besser?" Sky schaute ihn sorgenvoll an. Dabei verpuffte auch die restliche Wut in seinem Inneren. Er war einfach zu schwach um sich weiter zu ärgern. Zumal er seine Freunde ja eigentlich verstehen konnte.
"Ja, etwas." Immer wieder kamen ihm die Worte des Phantom-Adam in den Sinn. 'Die zwei können nichts dafür. Sie machen sich nur Sorgen um mich. Und wäre das, was Adam und mir zugestoßen war, ihnen passiert, würde ich auch nicht anders handeln als sie.' Erneut schossen ihm Tränen in die Augen. Hatten die Krankenschwestern vorhin irgendwas in seinen Tropf getan? Er lief bald über.
"Tut mir leid", entschuldigte sich Dale. "Es ist nur ... keine Ahnung."
"Schon okay." Laurel hatte sich neben Dales Bett auf einen der Besucherstühle gesetzt, während Sky es sich auf dem Fußende bequem machte.
"Scheiß Erinnerungen! Ich hasse Krankenhäuser."
"Geht uns auch so", erwiderte Sky. "Wir wollten dich nicht zwingen, aber du warst so blass und hast Unsinn vor dich hergestammelt ..."
Unsinn? Dale brauste auf. "Das war kein Unsinn!", unterbrach er Sky. "Adam war da gewesen! Ich habe seine Stimme gehört. Und dieser große Vogel ..." Sky und Laurel sahen sich besorgt an. "Oh Fuck! ... Ich drehe wirklich durch, oder?" Einen Vogel! Ja, den hatte er tatsächlich. Jetzt ahnte er, woher diese Redewendung zu stammen schien. Fing der Wahnsinn damit an? Das man große, schwarze Vögel sah?
"Das sagt doch niemand. Wenn du selbst einsiehst, dass du dir das auf dem Friedhof nur eingebildet hast, dann ist es vielleicht gar nicht so schlimm. Dann wird es dir bald wieder besser gehen." Laurel umschloss seine Hand und sah ihn dabei flehend an. "Er kann nicht da gewesen sein, Dale. Adam ist nicht mehr hier."
"Verflucht, Laurel! Er war da! Ich habe ihn gehört, so wie ich dich gerade reden höre! Und ..." Dale schloss für einige Sekunden die Augen. Presste sie so fest zusammen, dass er glaubte, sie würden dank der noch immer laufenden Tränen miteinander verschmelzen. "Ich weiß doch, dass das unmöglich mein Adam gewesen sein kann. Aber ich war mir plötzlich so sicher gewesen, dass  ..." Dale schluchzt auf. Warum nur spielte sein Hirn ihm solche gemeinen Streiche?
"Du warst Dehydriert. Das war sicher alles", versuchte Sky ihn zu beruhigen. Doch das half nicht. Es war so real gewesen! ER war so real gewesen. Himmel! Er würde sogar jeden Eid darauf schwören, dass er den Lufthauch der Worte dieses Phantom-Adams auf seiner Haut gespürt hatte!
Dale bekam es langsam mit der Angst zu tun. "Vielleicht brauche ich doch Hilfe", flüsterte er und sank tiefer ins Kissen. "Sonst drehe ich womöglich noch völlig durch."


Laurels Herz machte einen Satz vor Erleichterung. Dale war endlich dazu bereit, Hilfe anzunehmen! "Das wirst du nicht! Wir helfen dir!", versprach er ihm überschwänglich.
Dale aber wurde noch blasser, als er sowieso schon war. "Was ist, wenn ich ihn dann einfach vergesse?", fragte er und sah Laurel flehend an. So fertig und zerschlagen hatte er noch nicht mal ausgesehen, als er aus dem Koma erwacht war.
"Du wirst ihn niemals vergessen. Ganz sicher nicht", sagte Sky leise.
In solchen Momenten war Laurel froh, dass er Sky an seiner Seite hatte. Er war immer zur Stelle, wenn Laurel nicht mehr weiter wusste, oder so wie jetzt, einen dicken Klos im Hals feststecken hatte. Wie konnte Dale nur glauben, Adam irgendwann zu vergessen? "Du musst jetzt erstmal zu Kräften kommen. Danach sehen wir weiter."
Dale nickte schwach. "Könnt ihr noch bleiben? Ich mag hier nicht allein sein. Sonst fange ich wieder an zu grübeln und zu heulen."
"Keine Sorge. Wir bleiben so lange, bis uns eine der Krankenschwestern rausschmeißt", scherzte Laurel. Er war so froh, dass Dale jetzt bereit war, ihre Hilfe anzunehmen. Vielleicht würde ja ab jetzt alles besser werden. Vielleicht konnte Dale endlich damit beginnen, Adams Tod zu verarbeiten. Und Sky und er selbst somit auch.

*

"Kommen Sie. Sie können jetzt zu ihrem Freund." Laurel nickte, auch wenn er das Gefühl hatte, sich gleich in der nächste Ecke übergeben zu müssen. Seine Beine zitterten und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Er wollte dort nicht rein! Aber er musste.
Als Anwalt hatte er schon ein paar Leichen zu Gesicht bekommen, aber noch nie war jemand darunter gewesen, den er kannte, oder den er sogar einstmals geliebt hatte. Bis auf Adams Onkel Clyde damals, waren diese Toten nur Fälle für ihn gewesen. Gesichtslose Personen, dessen Fakten, Daten und Todesursache für ihn bloß zur Arbeit gehörte. Das hier war ganz anders. Das hier war die Hölle.
"Wollen Sie alleine mit ihm sein?" Laurel bejahte und starte auf die Bare, auf der ein offener Sarg stand. Der Bestatter verschwand aus dem kühlen Raum und schloss leise die Tür. Laurel war mit Adams Leichnam allein. Eine kalte Gänsehaut überflog ihn und sein Herz fühlte sich an, als pumpte es nassen Matsch durch seine Venen.
Wie in Trance ging er auf den schwarzen Holzsarg zu und schluckte mehrmals, als er Adam darin erkannte. Er atmete gequält ein und schlug eine Hand auf den Mund. "Oh Adam!" Tränen sammelten sich in seinen Augenwinkeln, die schnell überliefen. Laurel wischte sie sich eilig weg und griff nach einem Taschentuch, das er vorsorglich eingesteckt hatte. Eigentlich lief er nur noch mit Taschentüchern rum. Sein Blick wandte sich nach oben zur Zimmerdecke, bevor er noch einige Male kräftig durchatmete und wieder auf seinen Freund niedersah. Der Bestatter hatte wirklich hervorragende Arbeit geleistet. Adam sah aus, als würde er nur schlafen. Und das, obwohl Laurel wusste, welche Verletzungen er hatte erleiden müssen.
Aus seiner Hosentasche holte er Dales Ring hervor, den dieser ihm gestern überreicht hatte. Dale wollte, dass Adam ihn bekam. Nur deshalb war Laurel jetzt hier und zwang sich vor dem offenen Sarg seines toten Freundes zu stehen. Von sich aus hätte er bestimmt niemals den Bestatter darum gebeten, noch mal einen Blick auf Adam werfen zu dürfen. Sky wollte ihn eigentlich anfangs begleiten, saß jetzt aber im Ausstellungsraum des Institutes, weil er allein vom Anblick der leeren Särge kaum noch einen Schritt vor den anderen setzten konnte. Laurel ersparte ihm deshalb das Ganze und sagte ihm, dass er es auch alleine schaffen würde. Sky hatte ihn dankbar in den Arm genommen und eine leise Entschuldigung geflüstert, was er gar nicht hätte tun müssen. Für so etwas musste man sich nicht entschuldigen. Jetzt jedoch wünschte er sich, er hätte Sky neben sich. Als Stütze und Anker, obwohl er bezweifelte, dass sein Partner ihm in dieser Situation den benötigten Halt geben könnte. Wahrscheinlich wäre es eher umgekehrt.

Laurel schloss erneut seine Augen und raffte sich zusammen.
'Für Dale und Adam', rief er sich ins Gedächtnis und legte eine Hand auf den kalten Rand des Holzsarges, was ihm eine Menge Überwindung kostete. Die Hand zitterte. Schnell breitete es sich über seinen ganzen Körper aus. Er wollte das nicht tun! Er wollte Adams leblose, kalte Hand nicht berühren. Es war schwachsinnig, sich davor zu fürchten. Das hier war Adam! Sein langjähriger Freund und für einige Zeit sogar seine heimlich Liebe. Er musste keine Angst davor haben ... Und dann erkannte er es. Jetzt konnte er es ihm sagen. Jetzt konnte er ihm das sagen, was er sich all die Jahre niemals getraut hatte zu sagen.
Laurel räusperte sich und atmete tief durch. "Adam?", begann er leise flüsternd. "Ich würde dir gern noch was sagen." Trotz seiner leisen Worte, hallten sie metallisch von den Wänden wider. Diese Räume waren nicht dafür gemacht, dass man redete. "Ich habe dich geliebt, Adam. Damit meine ich nicht wie einen Freund. Für eine lange Zeit habe ich dich wirklich geliebt. Und ich ..." Laurel verstummte. Was tat er hier? Er redete mit einem Toten! Adam konnte ihn nicht mehr hören. Es war sinnlos. Dennoch ging es ihm jetzt ein wenig besser. Es gesagt zu haben, es endlich laut ausgesprochen zu haben. Das erleichterte ihn. Deshalb fuhr er fort und schaute in das bleiche Gesicht Adams. "Du bist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben gewesen. Bist du eigentlich noch immer. Du hast mich mehr beeinflusst und geprägt, als sonst ein Mensch in meinem Leben. Wegen dir hatte ich den Mut, zu mir zu stehen. Wegen dir habe ich Sky kennengelernt. Und wegen dir habe ich gelernt wie es ist, jemanden zu lieben. Nur wegen dir habe ich den Job in New York sausen lassen. Weil ich dich nicht verlassen wollte und gehofft hatte, dass das mit uns doch irgendwann etwas Festes wird. Dass du dich vielleicht doch in mich verlieben würdest. Das hast du zwar nicht, aber trotzdem war meine Entscheidung hier zu bleiben im Enddefekt das Beste gewesen, die ich jemals getroffen habe. Dadurch habe ich meine wirkliche, wahre Liebe getroffen." Laurels Blick heftete sich noch mal kurz auf Adams Gesicht, dann auf den Ring in seiner Hand. "Den hier soll ich dir von Dale geben", flüsterte er und nahm all seinen Mut zusammen.
Er griff nach Adams Hand und hielt sie für einige Momente einfach nur fest. Es war ein merkwürdiges Gefühl.
'Er ist nicht mehr da. Adam ist tot!' Entsetzt wollte er seine Hand von Adams nehmen, besann sich aber wieder. Natürlich war Adam nicht mehr da! Natürlich war er tot!
Laurel beruhigte sich so gut es ging und steckte Adams kalten, toten Fingern den Ring an. Erst dann ließ er seine Hand wieder los und klammerte sich wie zuvor an den Sarg. "Dale vermisst dich und er trauert um dich, was ja verständlich ist, aber ..." Eins musste er sich noch von der Seele reden, bevor er gehen konnte. "Er macht mir Sorgen, Adam. Ich habe Angst, dass er es nicht packt." Mit Sky konnte nicht über dieses Thema reden. Er trauerte selbst viel zu sehr und er wollte ihm nicht noch mehr Kummer bereiten, wenn er seine Ängste bezüglich Dale aussprach. "Aber ich verspreche dir, dass ich alles tun werde, damit es ihm wieder besser geht", sagte er und fuhr mit noch leiserer Stimme fort: "So wie besprochen."
Laurel blieb noch etwas, zupfte sogar den Anzug zurecht, den er zuvor für Adam rausgesucht hatte und den er nun trug. Sorgfältig richtete er die silberne Kette, die um seinen Hals hing, sah ein letztes Mal in das Gesicht seines Freundes und verließ den Raum, nachdem er Adam einen leisen Abschiedsgruß zugeflüstert hatte. Morgen war die Beerdigung und es gab noch einiges zu tun bis dahin.

*

Geduldig wartete Laurel, bis Sky endlich den Rollstuhl auseinandergeklappt hatte. Das Mistding klemmte wohl, und gerade als Laurel seinem Freund zu Hilfe eilen wollte, bekam er es hin. "Dale? Kannst du aufstehen?"
"Weiß nich..." Laurel knirschte mit den Zähnen. Diese verdammten Ärzte hatten ihn total vollgepumpt! Laurel musste vorher auch noch zustimmen, dass sie ihm vor der Beisetzung all die angeblich so nötigen Medikamente verabreichen konnten. Sonst hätten sie ihn niemals aus dem Krankenhaus gelassen. Deshalb wählten Sky und er eben das kleinere Übel und ließen die Ärzte eben das tun, was sie meinten tun zu müssen, damit Dale die Beerdigung überstand.
"Hilfst du mir Sky?" Laurel packte Dale an der Taille, während Sky den Rollstuhl vorschob, ehe er mithalf den total benommenen Dale dort hinein zu bugsieren. Als das geschafft war, kniete sich Laurel vor den Rollstuhl und schaute in Dales Gesicht. "Weißt du wo wir sind?"
"Nee."

'Scheiße!' "Auf dem Friedhof. Kannst du dich erinnern? Die Beerdigung." Dale blinzelte und schaute sich um. "Heute wird Adam beerdigt. Du wolltest doch mit dabei sein."
"Adam ..." Stumme Tränen rannen Dales Wangen hinab.
"Packst du das wirklich?" Die blasse Gestalt im Rollstuhl nickte. "In Ordnung." Sie legten eine Decke auf Dales Schoß und rollten langsam mit ihm den Kiesweg des Friedhofs entlang.
Alles war still und ruhig um sie herum. Die Trauergäste waren noch nicht erschienen und sie konnten sich in aller Ruhe von Adam verabschieden. Der Sarg stand bereits in der alten Leichenhalle, nicht weit vom Eingang entfernt. Sky, der den Rollstuhl schob, klammerte sich fest an die Griffe, als sie in Sichtweite der Trauerhalle kamen. Laurel bemerkte dies und legte seinen Arm auf Skys Rücken. Besorgt schaute er immer wieder auf Dale nieder, der aber ganz ruhig dasaß und starr einen imaginären Punkt vor seinen Füßen fixierte. Daran waren nur diese Beruhigungsmittel schuld! Laurel könnte sich dafür in den Arsch beißen, dass er dem zugestimmt hatte!
Sie kamen direkt vor dem Sarg stehen, der mit dunkelroten Lilien geschmückt war. Davor stand ein Herz mit roten Rosen, welches Laurel für Dale in Auftrag gegeben hatte. "Adam liebt rote Lilien." Dale war anscheinend aus seinem Dämmerzustand erwacht und blickte den Sarg an.
"Ich weiß. Deswegen wollten wir die ja auch." Dale nickte und vergoss weitere stumme Tränen. Es war unheimlich, ihn so ruhig zu sehen. Man sah ihm zwar an, dass er trauerte, aber ansonsten zeigte er keinerlei Regung.
"Kann ich eine haben?"
"Was?" Nicht wissend, was Dale meinte, kniete sich Laurel wieder zu ihm hinab.
"Eine der Lilien. Kann ich eine haben?" Laurel schaute Sky an, der aber gar nicht reagierte.
"Natürlich." Laurel stand wieder auf und ging zum Sarg, wo er einen Stängel aus dem Sargbouquet zog, darauf achtend, dass man die Lücke hinterher nicht sah. "Hier." Dale nahm sie ihm aus der Hand und klammerte sich wie ein Ertrinkender daran. "Willst du ... Willst du Adam noch was sagen?" Dale schien darüber nachzudenken.
"Nein", erwiderte er. "Adam weiß, was ich für ihn fühle." Er schluchzte auf und die Lilie landete auf seinem Schoß.
"Laurie? Ich ... Ich kann nicht", flüsterte Sky und sah ihn hilfesuchend an. Laurel nickte und packte die Griffe des Rollstuhls an Stelle von seinem Partner. Sky drehte sich von ihm weg und wischte sich mit dem Arm über das Gesicht. "Nur ein paar Minuten", flüsterte er und verschwand durch den Ausgang nach draußen.
Laurel fühlte sich hundeelend. Dale saß noch immer in dieser beängstigend, zugedröhnten Trauer in seinem Rollstuhl, sein Freund bekam eine weitere Heulattacke und er? Er wusste überhaupt nicht in was für einer Gefühlslage er sich gerade befand. Sein Kopf war leer. Ebenso seine Brust. Laurel sah auf den Sarg, vor dem er gestern noch so sehr getrauert hatte und nun? Nichts. In seinem Inneren fühlte sich alles komplett taub an. Er hoffte nur, dass der Tag so schnell wie möglich vorbeigehen würde.

Nach einigen Minuten kam Sky wieder zurück. Sichtlich mitgenommen, jedoch gefasst, und lehnte sich an Laurel. So blieben sie stehen, bis sich die Trauerhalle langsam füllte und die Trauerfeier beginnen konnte.
Viele Freunde und Bekannte von Adam waren da. Auch einige Leute von dem Verlag, für den er geschrieben hatte. Sie alle waren gekommen, um von Adam Abschied zu nehmen. Dale schien davon nichts mehr mitzubekommen. Er zeigte keinerlei Emotionen, sah nur hin und wieder zum Sarg und zerdrückte allmählich den Stiel der Lilie. Erst als sie dem Sarg bis zum Mausoleum folgten, dabei zusahen wie er in die Gruft getragen wurde, löste sich ein leises Wimmern aus Dales Kehle und er sackte in sich zusammen. "Sie dürfen ihn mir nicht nehmen", schluchzte er leise. "Adam ..." Laurel klammerte sich an Skys Anzugjacke. Er wusste weder was er tun sollte, noch was er sagen sollte. Es ging ihm wie Dale, und sicher auch wie Sky, der sich immer wieder mit einem Taschentuch über die Augen fuhr. Er war total machtlos.
'Was für ein furchtbarer Tag!', dachte Laurel, drückte Dales Oberarm und sah benommen zu, wie die Sargträger verrichteter Dinge wieder aus der Gruft kamen, die schwere Tür schlossen und beiseite traten. 'Kann es noch schlimmer werden?' Laurel hoffte, dass es nicht so kommen würde, doch ein Blick auf Dale genügte um zu wissen, dass sie noch einige Hürden zu bewältigen hatten. Er hoffte nur für Dale, dass diese Hürden nicht allzu hoch sein würden.
Abb. -06.1-


***

Erschöpft ließ sich Adam auf das Bett fallen. Die Erschöpfung war weniger körperlicher Natur. Sein Kopf war nur so merkwürdig müde. 'Kein Wunder.' Er schloss seine Augen. Das er jemals imstande sein würde, so etwas zu tun! Für den Augenblick war sein Zorn vergessen. Aber er merkte, wie er unterschwellig weiter brodelte und nach Rache sann. Bald würde dieser Zorn ihn wieder auf die Beine jagen, damit er weitermachen konnte. Weiter damit, seine Mörder zur Rechenschaft zu ziehen. Jetzt aber wollte er nur eins: Sich ausruhen und sich in den Laken seines Bettes verkriechen. Sich noch einmal der Illusion hingeben, dass alles nur ein böser Traum sei.
Seufzend spürte er die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf seinem Rücken und drückte seine Nase tief in das Kissen. Es verströmte Dales Duft und beschwor damit wieder die Sehnsucht nach seinem Liebsten herauf. Es war so schwer gewesen, ihn vergangene Nacht auf dem Friedhof nicht einfach zu packen und an sich zu drücken. 'Das hätte er nicht durchgestanden.' Dessen war sich Adam sicher. 'Und ich wahrscheinlich auch nicht.' Niemals hätte er das tun können, was er noch tun musste, hätte er dort der Versuchung nachgegeben. Die gestohlene Zeit, die ihm noch blieb, war begrenzt genug. Jede weitere Ablenkungen musste er vermeiden, und dank seines gefiederten Begleiters wusste Adam, dass es Dale dem Umständen entsprechend ging. Seine Freunde standen weiterhin an seiner Seite. Sein Liebling konnte genesen. 'Ich wünsche es ihm so sehr ...' Langsam fielen ihm die Augen zu. 'Nur ein wenig ausruhen ...'

"Adam?!" Der Angesprochene fuhr auf. "Oh mein ... Das kann nicht ..."
'Shit!' Ertappt setzte sich Adam langsam auf und versuchte erst gar nicht abzuhauen. Es wäre sowieso sinnlos gewesen. "Hy Laurie." Ein kreidebleicher Laurel stand im Türbogen des Schlafzimmers und hielt sich die Hände vor den Mund. Wieso Adam nicht mitbekommen hatte, dass er das Haus betreten hatte, konnte er sich nicht erklären. Auch nicht, warum ihn diese verdammte Krähe nicht gewarnt hatte. Wo war das Mistvieh eigentlich? Sollte sie nicht aufpassen, dass so etwas nicht geschehen konnte?
"Das ... Du ..." Abrupt drehte Laurel sich um und verschwand aus Adams Blickfeld. Wenn er jetzt einfach abhaute, dann hielt ihn Laurel vielleicht bloß für ein Trugbild. Bevor Adam allerdings handeln konnte, stand Laurel wieder vor ihm. "Du bist immer noch da." Damit war es ja dann zu spät, um noch zu flüchten.
"Ich kann auch gehen."
Laurel schüttelte heftig seinen Kopf. "Gehen?! Wohin den? Ich … Scheiße du bist tot!"
Grinsend kam Adam auf die Beine. "Ja", hauchte er und ging auf seinen ehemals besten Freund zu.
"Wieso bist du dann ...? Oh Gott!"
"Es ist kompliziert."
"Kompliziert?! Scheiße! ... Scheiße! Jetzt drehe ich auch noch durch!" Laurel ging einen Schritt zurück, blieb aber am Türrahmen hängen.
"Bleib bitte stehen Laurie. Ist Sky auch hier?"
"Nein. … Ich ruf ihn an! Ich …"
"Lass das lieber sein. Willst du einen Tee? Du siehst so blass aus."
"Ha ha!" Fast schon hysterisch fuhr Laurel sich mehrfach übers Gesicht. "Ich brauche einen Nervenklempner!" Adam wurde noch mal ausführlich gemustert, dann eilte Laurel wieder aus dem Schlafzimmer.
'Was mach ich jetzt nur?' Gab es ein Handbuch für solche Fälle? Ein Handbuch für Wiedergänger wäre definitiv eine gute Idee.
"AHH!"
"Laurie!" Adam lief seinem schockierten Freund nach, folgte dem lauten, panischen Aufschrei und fand ihn im Wohnzimmer auf dem Boden hockend. "Laurie? Alles in Ordnung?" Die Frage erübrigte sich. Die Krähe saß auf dem Wohnzimmertisch und plusterte sich imposant auf. "Sie tut nichts. Komm, setzt dich erstmal."
Adam bedachte den Vogel mit einem bösen Blick. 'Sollst du nicht auf mich aufpassen, du Biest? Jetzt habe ich den Salat.'
"Gehört der zu dir?!"
"Gewissermaßen."
Mit geweiteten Augen, die Adam ängstlich fixierten, fragte Laurel ihn heißer: "Wo kommst du auf einmal her? Warum bist du nicht tot?"
'Soll ich es ihm sagen?' Die Krähe krächzte laut, aber Adam beachtete sie nicht weiter. Er musste es ihm sagen. Wie sonst hätte er das erklären sollen, ohne bei Laurel endgültig einen Nervenzusammenbruch zu riskieren? "Ich bin hier, um Dale und mich zu rächen."
"Du tust was?!"


Laurel konnte nicht glauben, was er da zu hören bekam, oder was sich überhaupt gerade vor ihm abspielte. "Das kann doch nicht real sein!" Er stand schwankend auf, wobei sich das Wohnzimmer um ihn herum zu drehen begann. Er wankte zur Couch, den schwarzen Vogel dabei immer fest im Blick. "Du verarschst mich! Du ... Du bist nicht Adam! Ist das so eine Art versteckte Kamera? Das ist nicht lustig!"
"Ganz ruhig Laurie! Keiner will dich verarschen."
Als hätte jemand einen Schalter bei ihm umgelegt, fiel Laurel auf die Couch. "Das glaube ich nicht", flüsterte er. "Du kannst doch nicht einfach aus deinem Grab marschieren und deine Mörder suchen." Das war es doch was er tat, oder? Das hatte Adam gerade eben noch gesagt.
Ganz vorsichtig setzte sich Adam neben ihn. Als wolle er ihn nicht erschrecken. 'Ich benehme mich wie ein hysterisches Weib!' Konnte man ihm das verübeln? Neben ihm saß sein verstorbener Freund! Sein verstorbener, quicklebendiger Freund!
"So einfach geht das auch nicht. ... Einen habe ich auch schon gefunden", murmelte Adam und starrte seine Hände an, während er mit Daumen und Zeigefinger Dales Ring langsam drehte. Hätte Laurel noch einen Beweis dafür gebraucht, dass es tatsächlich Adam war, der hier gerade neben ihn saß, dann hätte er ihn hiermit. Das war Dales Ring, den Laurel damals seinem totem Freund selbst an den kalten Finger gesteckt hatte. Das, und der kleine Flügelanhänger den Adam umhatte und im schwachen Licht silbern glänzte. "Bleiben noch vier."
"Du hast einen gefunden? Was hast du mit ihm gemacht? Zu Polizei ..." Adams Blick ließ ihn verstummen.
"Zur Polizei? Was hätte ich denen sagen sollen? Hallo! Ich bin Adam Coith und das hier ist einer der Kerle, die vor einem Jahr meinen Freund misshandelt, und mich umgebracht haben? Ach und übrigens, die anderen vier kommen gleich nach?"
"Du hast ihn ..."
"Ja."
Laurel schluckte hart. "Gut."
Erstaunt drehte sich Adam zu ihm. "Gut? Ist das dein Ernst?"
"Ja", flüsterte Laurel und meinte es vollkommen ernst. "Seit einem Jahr suchen wir deine Mörder und Dales Peiniger, doch ohne Erfolg. Dale konnte keine genauen Beschreibungen abgeben und wir fanden keine Zeugen. Die Polizei fahndete nicht weiter und auch ich stieß bald an meine Grenzen. Um Dale zu schonen, belastete ich ihn nicht mehr damit.
Ich hasse diese Mistschweine, Adam. Jedes Mal wenn ich Dale ansehe, seinen verlorenen Blick und den Schmerz darin sehe, dann wünsche ich diesen Verbrechern den Tod an den Hals." Genau das war es, was Laurel fühlte und dachte. Insgeheim hatte er sich schon vorgestellt, andere Gauner hätten ihnen den Garaus gemacht. Der Gedanke hatte ihm leichten Trost gespendet. Das nun wirklich einer von ihnen tot war, dass war für ihn unvorstellbar. Unvorstellbar beruhigend.


Adam atmete leise aus. Er konnte es nicht recht glauben, was er da von seinem Freund hörte. Laurel war Anwalt, er glaubte an das Rechtssystem und daran, dass auch der schlimmste Verbrecher eine faire Verhandlung verdiente. Tja, das schien auch der Vergangenheit anzugehören. "Und ich dachte, du würdest mich deswegen hassen."
"Dich könnte ich nie hassen. Du hast Dale beschützt. So gut es in so einer Situation ging."
"Vor allem konnte ich ihn nicht beschützen." Adam stand auf und sah hinaus. Bald schon würde es wieder dunkel werden. Bald schon würde er den Nächsten ausfindig machen.
"Was meinst du?"
"Ich meine, dass ich seine Gefühle unterschätzt habe. Das er so sehr um mich trauert, das lähmt mich fast. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll."
"Verwundert dich das?" Laurel sah überrascht aus.  
"Etwas", gestand Adam. "Hast du ihm all das gegeben, worum ich dich vor meinem Tod gebeten habe?" Laurel nickte. "Wie hat er es aufgenommen?"
"Was glaubst du denn? Beschissen."
Nachdenklich schaute Adam der Krähe zu, wie sie unablässig das Geschehen beobachtete. Es gefiel ihr nicht, dass er und Laurel sich unterhielten. "Er hat es nicht verstanden, nicht wahr? Es hat ihn nur noch mehr aus der Bahn geworfen. Und dabei habe ich wirklich geglaubt, der Brief würde ihm helfen, dass alles irgendwie zu verkraften." Er hatte versagt. In allem.
"Adam, du bist nicht schuld daran. Dale hat ein so großes Trauma zurückbehalten, dass er das Geschehene nicht einfach mal so verkraften, oder gar überwinden kann. Jedenfalls nicht nach nur einem Jahr, auch wenn ich es mir jeden Tag aufs neue erhoffe. Das ist doch verständlich."
"Ja ... Vielleicht." Noch einmal sah er sich in seinem alten Wohnzimmer um. Schaute aus dem Fenster der Sonne beim Untergehen zu. "Versprich mir, dass du dich weiterhin so gut um meinen Liebling kümmerst."
"Natürlich werde ich das."
Beruhigt lächelte er seinen langjährigen Freund an. "Danke für alles. Für deine Freundschaft und dafür, dass du Dale ein so guter Freund bist. Das du so viel für ihn getan hast. ... Mach's gut Laurie,"
"Du willst gehen?!" Laurel stand nun ebenfalls auf, ging hinter Adam her und legte sanft seine Hand auf dessen Schulter.
"Ich muss. Die Arbeit ruft", sagte er sarkastisch.
"Was ist mit Dale? Willst du nicht zu ihm?"
"Zu ihm?" Mit gerunzelter Stirn musterte er seinen alten Freund. "Gerade dich habe ich für vernünftiger gehalten."
"Was hat das damit zu tun?"
"Laurie? Was glaubst du würde passieren, wenn ich jetzt bei Dale auftauchen würde?"
"Er würde sich freuen und er wüsste, dass er nicht verrückt ist." Er kapierte es noch immer nicht, oder wollte es nicht.
"Laurie! Ich kann nicht hierbleiben. Ich muss wieder gehen, nachdem ich den Rest dieses widerwärtigen Haufens gefunden habe. Das würde Dale das Herz brechen. ... Und meins ebenfalls", sagte er leise. "Niemals darf er erfahren, dass ich hier war. Niemals. Hörst du?"
Laurel nickte schwach. "Du hast recht. ... Aber kann ihm wenigstens eins sagen? Dass deine Mörder tot sind? Das könnte ihm vielleicht helfen, sich wieder in den Griff zu bekommen."
Adam dachte kurz nach, dann nickte er. "Warte damit aber noch etwas."
"Ist gut. … Dann gehst du jetzt für immer?"
"Ja."
Laurels Augen schimmerten feucht. Kurzerhand schloss Adam ihn fest in die Arme und vergrub sein Gesicht in Laurels Halsbeuge. Nur einmal schwach sein. Noch einmal die Nähe eines geliebten Menschen spüren.


Laurel erschauderte. Das hier war Adam, den er im Arm hielt! Das war tatsächlich sein verstorbener Freund! Erleichterung und Trauer durchfluteten ihn. Ein komisches Gemisch, aber dennoch normal, wenn man die Umstände bedachte, die diese Gefühle in ihn auslösten. "Gib Dale von mir einen Kuss, ja?"
"Mach ich", schluchzte Laurel. "Aber sagen, von wem der kommt, darf ich nicht."
Adam seufzte leise. "Sag ihm, der ist für den Start in ein neues Leben."
"Okay." Sie ließen sich wieder los und Adam ging ohne noch einmal zurückzuschauen in den Flur.
"Adam! Warte!" Laurel rannte ihm nach, doch sein toter Freund war schon verschwunden. Ebenso wie die übellaunige Krähe, die nicht mehr an ihrem Platz saß. "Ich werde dich vermissen." Die Arme um seinen Oberkörper geschlungen, blieb er noch einige Momente im Flur stehen und ging dann zurück in das Schlafzimmer, um Kleidung für Dale zusammenzusuchen. Deswegen war er zu Anfang eigentlich hier hergekommen.
Melancholisch ging er zum Kleiderschrank und öffnete ihn. Adam. Adam war eben wirklich bei ihm gewesen. Und nun war er wieder für immer fort. Wenigstens konnte er sich diesmal von Adam verabschieden, was ihn etwas tröstete. 'Viel Glück mein Freund.'

***

Grinsend legte er den Taser beiseite. Er hatte seine Arbeit für heute getan. "Und? Hat es dir genau soviel Spaß gemacht wie mir?" Die kleine Nutte sagte keinen Ton. Glotzte nur mit ihren riesigen Kuhaugen zu ihm auf. "Wohl eher nicht", schlussfolgerte Shock daraus, zog die Nase hoch und fuhr noch mal liebevoll mit den Fingern über den Griff seines geliebten Tasers.
Er liebte sie alle, seine unzähligen Babies, wie er seine Spielzeuge nannte. Kleine, gemeine Dinger, die eine beachtliche Voltzahl hatten. Sein Lieblingsstück hatte er selbst in Eigenarbeit zusammengebaut. Ein ein Meter langer Stab, der mit einer Autobatterie aufgeladen wurde. Der brutzelte so einiges weg.
Schon als kleiner Junge war er fasziniert vom Strom und seiner sengenden Kraft gewesen. Er hatte regelmäßig die Viehweiden in der Nachbarschaft abgegrast, dort die Weidezaungeräte mitgehen lassen, sie in einem alten Schuppen genaustens unter die Lupe genommen und alles mögliche damit ausprobiert. Praktisch, wenn man auf dem Land groß wurde. Er selbst hatte von dieser Zeit noch einige Narben. So unerfahren wie er damals gewesen war, hatte er mehr als einmal den beißenden Kuss der Elektrizität zu spüren bekommen. Teilweise sogar mit voller Absicht. Er teste schon immer die Kraft seiner Geräte gern mal an sich selbst aus. Was einen nicht umbringt, macht einen nur noch härter. Das war sein Leitsatz, seine Überzeugung, seine Religion. Und er war der lebende Beweis dafür, dass dieser Satz auch wirklich stimmte.
Shocks kleine Spielgefährtin rüttelte wieder am Bettgestell und riss ihn aus den Betrachtungen seiner mehr als stolzen Sammlung an Spielzeugen, die alle hübsch aufgereiht an der großen Wand vor ihm hingen. Davor stand ein kleiner, wackliger Holztisch, auf dem schon eine Line auf ihn wartete. Die hatte er sich jetzt redlich verdient. Sie würde ihm den letzten Kick geben und dafür sorgen, dass das Hochgefühl seiner zuvor erledigten Arbeit noch etwas länger anhielt.
Shock legte seine Brille ab, dann beugte er sich vorn über, schnupfte das weiße Pulver und richtete sich abrupt wieder auf. Er schloss die Augen, legte seinen Kopf in den Nacken und ließ ihn kreisen. Das Zeug fing schnell an zu wirken. Er spürte die Wirkung einsetzten, wie er begann, schwerelos über den Boden zu schweben. Ja, das war gutes Zeug!
Übertrieben grinsend drehte er sich wieder zu der Kleinen auf dem Bett um, und hielt ihr eine Schere vor die Nase, die er zuvor ebenfalls vom Tisch gefischt hatte. Panisch weiteten sich ihre Augen und ein Zittern ging durch ihren Körper. "Angst?", fragte er unnötigerweise, lief die wenigen Schritte bis zu ihr ans Bett und lehnte sich über sie. Lachend ließ Shock die Schere auf- und zu schnappen und amüsierte sich köstlich über das erschrockene Luft schnappen seines Opfers. "Pscht, meine Kleine. Ich will nur eine klitzekleine Haarsträhne von dir. Keine Sorge. Deine Frisur wird es kaum ruinieren. ... Es sei den, ich rutsche ab. Also bleibe besser ruhig liegen." Fest griff er in ihren dunklen Haarschopf und zog sich eine dicke Strähne zurecht. Ein Schnitt, und ab war sie. Befriedigt besah er sich das Haarbüschel, roch daran und verzog seinen Mund zu einem noch breiteren Grinsen. Wieder ein Souvenir für seine kleine Erinnerungswand. Doch ehe er sie zusammenband und danach mit einem passenden Foto versehen würde, gönnte er sich heute noch mal ein wenig Spaß mir der kleinen Nutte. Bald stand ein Treffen mit den Jungs an, das er nicht verpassen durfte. Auch diese Arbeit war wichtig und ohne sie könnte er nicht seinem kleinen Hobby frönen. "Nur die Ruhe, meine Kleine. Gleich kommen wir zum krönenden Abschluss." Shock lachte hämisch und begann sich seine Hose aufzuknöpfen.


Die dunkelhaarige Frau zog weiter panisch an ihren Fesseln, doch weder sie, noch das Metallbett wollten nachgeben. Ihre Handgelenke brannten mittlerweile höllisch und waren blutig gescheuert, doch das war noch nicht mal das Schlimmste. Die zahlreichen Verbrennungen auf ihrer Haut taten nicht weniger weh, doch sie versuchte es auszuhalten. Sie versuchte Stark zu bleiben, was nicht leicht war. Denn dieser widerwärtige Mann, der sie vor einer ihr ewig vorkommenden Zeit gekidnappt hatte, setzte sich nun auch noch breitbeinig über sie und öffnete seine Hose.
"Hör auf so zu zappeln!" Shocks Hand traf brennend ihre rechte Wange. Sie verbiss sich jeden Schmerzenslaut. Darauf fuhr dieser Gestörte ab. Bei jedem Keuchen, Schreien oder erstickten Rufen fing er an zu grinsen, leckte sich über die Lippen und geilte sich regelrecht dran auf, wenn er sah, dass sie litt.
Nein! Solange sie noch ein Fünkchen Überlebenswillen und genug Kraft in sich hatte, würde sie es diesem perversen Schwein nicht noch einmal gönnen, sich auf diese Art an ihr aufzugeilen. "Schon so müde? Keine Sorge, meine Süße. Es geht auch ganz schnell", kicherte dieser Irre, der sich kaum beeindruckt gab von ihrer Willenskraft. "Hab noch etwas vor heute. Deshalb entschuldige ich mich jetzt schon mal dafür, wenn ich diesmal nicht so zärtlich mit dir bin." Sie begann zu würgen. Doch ihr Magen war inzwischen vollkommen leer. Das Einzige, was ihr einen geringen Trost spendete war, dass er sich vielleicht wirklich beeilen würde. Wenigstens diesmal.
Ängstlich schloss sie ihre Augen und begann zu zittern. Das konnte sie einfach nicht unterdrücken. Erst recht nicht, als sie merkte, wie sich die Matratze unter ihr weiter senkte, wie raue Hände nach ihren Oberschenkeln griffen und dabei waren, sie auseinander zu schieben. Sie hielt die Luft an, presste ihre Augen noch fester zusammen, als es plötzlich im Nebenraum einen lauten Knall gab. Glas zersplitterte und etwas Hartes schien auf dem Boden aufzuschlagen.
Die Hände verschwanden von ihren Beinen und die Matratze wippte nach oben. Leise Scharbgeräusche, Schritte über knarrende Dielen. Erst als sie nichts mehr hörte, wagte sie ihre Augen wieder zu öffnen. Sie war allein! Ruckartig zog sie an ihren Fesseln. Diese Scheißdinger mussten sich doch lockern lassen! Sie musste hier raus! Auch wenn sie wusste, dass es so gut wie zwecklos war. Die Fesseln würden nur weiter in ihr Fleisch schneiden, wie jedes Mal. Aber Aufgeben kam nicht in Frage. Nicht, wenn sie noch einen Funken Hoffnung in sich trug. Und davon hatte sie trotz allem noch mehr als genug.


Hätte er eben nur keine Line gezogen! Angestrengt kniff Shock die Augen zusammen, als er dabei war sich in den Nebenraum zu schleichen. Der Flur drehte sich dabei wie ein Karussell, doch er fühlte sich stark genug, sich alles und jedem zu stellen, was auch immer im Nebenzimmer auf ihn warten mochte. Denn bewaffnet mit seiner ein meterlangen Lieblingswaffe, kam er sich trotz der Wirkung der Droge, oder vielleicht auch gerade deswegen, unbesiegbar vor.
Aufgeladen, und zu allem bereit, schmiegte sich das kalte Metall in seine Handflächen und gab ihm dieses unglaubliche Gefühl der Macht, dem er so verfallen war. Fast konnte er die mörderische Spannung darunter spüren, die nur darauf wartete sich zischend auf das zu werfen, was auch immer da gerade durch sein Fenster geschlagen war. Falls es aus Fleisch und Blut war, würde es hier gleich ziemlich verbrannt riechen.
Er huschte um die Ecke, sah in den dunklen Raum, der nur von einer Laterne vor dem Fenster erhellt wurde. "Was willst du den hier?" Eine Krähe! Auf seinem Teppich, in mitten tausender Glasscherben, hüpfte leise krächzend eine große, schwarze Krähe. War die jetzt echt, oder ein Trugbild seines auf Droge schwebenden Hirns? Das ließ sich nur auf eine Art herausfinden. "Och. Bist du verletzt? Dann komm mal zu Papa. Der verpasst dir gleich mal eine Herzmassage." Shock ging auf die Krähe zu, der lange Stab in seiner Hand dabei auf sein Ziel gerichtet. 'Das dämliche Vieh bleibt wirklich brav vor mir hocken!', dachte er amüsiert und schnellte nach vorn. Doch noch bevor er das schwarz gefiederte Vieh traf, und er überhaupt begreifen konnte, was geschah, wurde Shock von seinen Füßen geholt.
Jemand hatte sich seitlich auf ihn gestürzt und landete nun auf ihn drauf, als sie zu zweit auf dem Boden aufschlugen. Er selbst fiel mit dem Gesicht voran in die Glasscherben, wo eben noch der Vogel gesessen hatte. Das Mistvieh krächzte laut und verschwand irgendwo in dem Zimmer. Dank des weißen Wunderzeugs, welches ihm die Sinne vernebelte, merkte er die Schmerzen, die das zersplitterte Glas in seinem Gesicht hervorrief nicht.
Aufgeputscht kämpfte er sich sofort mit lautem Gebrüll unter dem Fremden hervor und rangelte mit ihm, gewann die Oberhand und erwischte seinen Angreifer mit seinem Elektrostab. Dieser flog regelrecht von ihm herunter und landete krachend neben ihm auf den Glas gespickten Teppich.
Shock selbst spürte ebenfalls das Nachglühen des elektrischen Schlags. Das Kribbeln an seinen Nervenenden, das ihn jedes Mal so aufpeitschte, dass er am liebsten aufschreien wollte. Er liebte und genoss es, diesen metallischen Kick, der ihm jedes Härchen am Körper aufrecht stehen ließ. Er war der alleinige Herr dieser zerstörerischen Macht. Nur er, und kein anderer. Er könnte sogar schwören, eine Spur Metall auf seiner Zunge zu schmecken.
"Du elender Dreckshaufen!", brüllte Shock, lachte dabei aber wie ein Wahnsinniger und rappelte sich auf. "Du kommst mir gerade recht." Gierig musterte er den Mann der vor ihm, anscheinend bewusstlos, auf dem Rücken lag. "Neue Spielzeuge sind hier immer willkommen. Besonders wenn sie mir Freihaus geliefert werden." Er drückte ein zweites Mal auf den Knopf seines Elektroschockers, schloss die Augen und gab ein dunkles Knurren von sich. "Meins", flüsterte er und leckte sich über die Lippen.


Adam blieb reglos liegen. Der elektrische Schlag hatte ihn ganz schön aus den Latschen gehauen. Er hatte ihm nicht sonderlich weh getan, nicht so wie damals ... Er nutzte nur seine derzeitige Lage, um gleich erneut angreifen zu können und diesen Sadisten überrumpeln zu können. Durch die Krähe konnte Adam genau sehen, was dieses Schwein gerade tat. Mit zur Seite geneigten Kopf schaute er zu ihm herab, überlegte wohl, was er als nächstes mit ihm anstellen sollte, während immer wieder blaue Funken aus dem Ende des Stabes stoben, den er fest umklammert hielt. Adams Bein wurde leicht mit einem Fuß angestupst. "Der verträgt ja gar nichts." Kichernd wandte sich Adams Opfer von ihm ab, und die Krähe flatterte auf den Wohnzimmerschrank. So hatte Adam eine noch bessere Sicht auf das Geschehen in dem kleinen Zimmer. "Du bist ja auch noch da." Shock war sofort von ihr abgelenkt und hob seinen Stab zu der kehlig krächzenden Krähe. 'Jetzt oder nie.'
Adam nutzte Shocks Unachtsamkeit und erhob sich lautlos. Gerade rechtzeitig, den sein damaliger Peiniger drehte sich wieder herum, hatte anscheinend gemerkt, dass etwas hinter seinem Rücken vor sich ging. "Wo ...?", weiter kam er nicht. Adams rechter Arm legte sich von hinten um Shocks Kehle und drückte zu. Mit der freien Hand schlug er den Elektrostab außer Reichweite.
"Den brauchst du nicht mehr", flüsterte Adam ihm ins Ohr und drückte solange zu, bis Shock bewegungslos in seinen Armen hing. Danach schleifte er ihn in den Nebenraum, wo er all die furchtbaren Folterwerkzeuge aufbewahrte wie einen abartigen Schatz. "Jetzt bekommst du deine eigene Medizin zu schlucken, mein 'Freund'. Mal sehen, ob dir deine Spielzeuge dann immer noch so gut gefallen."


Sie konnte ihren Augen nicht glauben! Ein fremder Mann kam ins Zimmer, hatte ihren bewusstlosen Entführer am Kragen und ließ ihn achtlos vor dem Bett auf den Boden fallen. Doch ... Würde dieser Fremde ihr helfen, oder war das auch nur so ein Irrer, der in ihr ein willkommenes Opfer sah? 'Oh bitte nicht!'
"Keine Angst. Dieses Arschloch wird weder dir noch jemand anderen jemals wieder etwas antun können."
Ihr kamen die Tränen. Konnte sie das glauben? War sie wirklich gerettet? "Es ist vorbei?" Ihre Stimme war dünn und schwach.
"Für dich, ja." Der schwarz gekleidete Mann trat zu ihr ans Bett, befreite sie von den Fesseln und reichte ihr eine Decke, die am Fußende des Bettes lag. "Kannst du laufen?"
"Ich weiß nicht ..." Konnte er sie nicht einfach von hier fortbringen? Sie wollte jetzt nicht alleine sein.
"Es ist besser wenn du jetzt alleine von hier verschwindest. Das hier willst du nicht sehen. Glaub mir", erklärte er ihr, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Oder hatte sie es laut ausgesprochen? Sie konnte sich nicht daran erinnern, nickte deshalb nur verwirrt, zog die Decke fester um ihren Leib und ging.
"Danke", wisperte sie heißer, sah, wie der Fremde ihren langsam wieder erwachenden Peiniger auf dem Bett fixierte. So wie sie es eben noch gewesen war, fesselte der Fremde ihn auf die dreckige Matratze und ein beruhigendes Gefühl durchflutete sie. Er konnte ihr tatsächlich nicht mehr wehtun. 'Nur weg von hier!'


Shock kam allmählich wieder zu Bewusstsein. Er versuchte zu erkennen wo er war, sah seine Babies gegenüber an der Wand hängen und teilweise auf dem kleinen Holztisch verstreut liegen. Dann lag er also auf dem Bett. 'Wo ist die kleine Schlampe hin?' Verwirrt wollte er sich aufsetzen, aber es funktionierte nicht. 'Ich bin gefesselt!'
"Nette Spielsachen hast du hier. Verwendest du sie auch alle?" Ein Typ schob sich in sein Sichtfeld. Das war der Kerl, der vorhin durch sein Fenster gesprungen war!
"Mach mich los, du Missgeburt!", schrie Shock und zerrte an seinen Fesseln.
"Warum sollte ich das machen? Du hast uns auch nicht in Ruhe gelassen, obwohl wir dich darum angefleht haben. Und die Frau, die du vor Kurzem noch gefoltert hast, auch nicht. Sag mir also einen Grund, wieso ich dich gehen lassen sollte." Der dunkelhaarige Typ sah sich Shocks Babies an. Nahm mal dieses, mal jenes in die Hand und testete sie aus.
"Das ist mein Haus, meine Sachen, meine Babys die du da anfasst! Also mach schon! Binde mich los!" Dieses Arschloch sollte besser seine dreckigen Finger von seinen Babies lassen, oder er würde es noch bereuen!
Doch der besah sich weiter seine Wand und schaute sich scheinbar alles genau an. "Du bist Abschaum, Shock. Dreckiger, missratener Abschaum."
Der Typ ließ seine Finger weiter über seine unzähligen elektronischen Lieblinge gleiten, tüftelte daran herum und nahm sogar eins seiner Schätzchen auseinander. "Lass das los!", brüllte Shock und zerrte an seinen Fesseln. "Fass davon nichts an, du verwahrloster Bastard! Das gehört MIR!" 'Dieser Wichser soll in der Hölle schmoren!' Shock war außer sich. Kein Fremder sollte sich an seinen Sachen vergreifen! Jeder der es wagte, würde dafür eine deftige Quittung bekommen! Absolut jeder!


Adam lachte über den kleinen Wutausbruch dieses Monsters emotionslos auf. Sollte er herumtoben und ihn beschimpfen so viel er wollte. Das würde ihm auch nicht helfen. Er warf den auseinandergenommenen Taser achtlos auf den Boden und trat sogar auf den Einzelteilen herum, was sein Opfer rasend machte. Die Ketten klirrten, als Shock wie von Sinnen daran zog. "Bleib ruhig. Du wirst diese Dinger sowieso nie wieder benutzen."
"AHHH!" Shock drehte fast durch. "DU BASTARD!!! DU FEIGE RATTE! BINDEST MICH HIER FEST! HAST DU ETWA ANGST VOR MIR?!" Adam antwortete nicht, ließ den Irren weiter wüten und an seinen Fesseln ziehen bis er wieder ruhig war. Inzwischen hatte er einen anderen Taser in Gebrauch, hielt ihn sich selbst vors Gesicht und schaltete ihn an. Shock lachte. "Du feige Schwuchtel. Bist du ein Mann, oder eine Memme? Na los! Neugierig, wie es sich anfühlt? Hattest vorhin noch nicht genug, was?"
Adam hielt weiterhin den Knopf des Tasers gedrückt, schaute von der elektrischen Ladung auf und sah in Shocks irre Grimasse. Ein breites Grinsen stahl sich auf Adams Gesicht, und dann drückte er sich die zwei Elektroden an den Hals. Shock grölte und lachte wie der Wahnsinnige, der er auch war. Adam ließ den Taser fallen und streckte seinen Hals durch. Er spürte, wie das verbrannte Fleisch begann zu heilen. "Schau die Lilie, wie sie blüht. Rot ist sie, vom Tod berührt."
Shocks Lachen verstummte. Panik entstellte sein Gesicht. "Was ... Das kann doch nicht ... Du bist irre, Mann! Das gibt's nicht!"
"Nein Shock, da verwechselst du was. Du bist hier der wahre Irre", zischte Adam und drehte sich um, wollte sich das verfluchte Folterwerkzeug heraussuchen, das Shock vor einem Jahr bei Dale und ihm benutzt hatte. Er fand es recht schnell, doch ehe er danach greifen konnte, blieb sein Blick auf einen kleinen Zeitungsschnipsel kleben und ließ ihn inne halten. In seinem Magen bildete sich ein heißer Klumpen.
'Junger Mann stirbt bei Überfall. Ein anderer schwebt noch in Lebensgefahr.' Dieser Perverse hatte den Zeitungsartikel des Überfalls aufgehoben! Und nicht nur das. Zwei Haarsträhnen hingen daneben. Eindeutig Haare von ihm und seinem Dale. Mit zitternder Hand riss er den Artikel nebst den Haarsträhnen von der Wand. Noch mehr hingen dort. Meist waren es Vermisstenanzeigen von jungen Frauen, die neben den Haarbüscheln hingen und kleinen Polaroidfotos, die er von ihnen gemacht hatte, als er mit ihnen 'fertig' gewesen war. 'Er hebt all diese Trophäen auf. Wir alle sind für ihn nichts weiter als perverse Sammelstücke!'
Zärtlich fuhr er mit den Fingern über die Initialen von Dales Namen im Zeitungsartikel und drückte sich die weiche Haarsträhne von ihm gegen die Wange. "Und noch nicht mal die Hölle könnte mich aufhalten", flüsterte er und steckte sich Dales Haarsträhne in die Hosentasche. Entschlossen griff er nach dem zuvor herausgesuchten kleinen schwarzen Taser und drückte auf den Knopf.
Brennend-ziehender Schmerz. Der Geruch nach verbrannten Fleisch. Das schmerzverzerrte Stöhnen seines Liebsten. Das irre Lachen seines Peiniger, der immer wieder neue Stellen für sein 'Spielzeug' suchte. Das brutzelnde Geräusch und die Erinnerung ließen eine Gänsehaut auf Adams Haut entstehen. Nur zu gut erinnerte er sich an das Geräusch dieses Tasers. Denn es war eben jener Elektroschocker, den dieser Psychopath vor einem Jahr benutzt hatte, um ihn und seinem Liebsten damit zu drangsalieren.
Immer noch den Blick auf die Zeitungsanzeige gerichtet, drehte er sich zu Shock um. "Und damals? War es nicht das Leben MEINES Freundes und das MEINES, das du zerstört hast? Wer gab dir das Recht, einfach zu entscheiden, es uns wegzunehmen? Uns zu einem deiner kranken Souvenirs werden zu lassen?!"
"Was für einen Müll redest du da, du Wichser?!" 'Er erkennt mich nicht. Diese Monster töten und zerstören. Das ist alles, was sie machen. Aber an ihre Opfer erinnern sie sich nicht mehr. Selbst, wenn sie perverse Souvenirs von ihnen aufheben.'
"Du bist ein gewissenloser Mörder, Shock." Den Spitznamen dieses Subjekt spie Adam förmlich aus. "Du bist sogar noch schlimmer als all deine Kumpels zusammen. Jemand wie du gehört eigentlich für alle Ewigkeit in ein dunkles Loch gesteckt, dessen Schlüssel man in tausend Stücke zerfetzt. Aber leider hast du das Glück, dass ich nicht mehr so lange hier sein werde, um dir dieses Vergnügen auch gebührend zuteil kommen zu lassen. Deshalb ..." Adam drückte erneut auf den Knopf des Tasers. Fasziniert beobachtete er die giftigen, hellblauen Funken die zwischen den Kontakten hin und her stoben. "Deshalb werde ich damit vorlieb nehmen müssen und dich am eigenen Leib spüren lassen, was das hier alles anrichten kann."
"Alter! ... Mach keinen Scheiß, ja?!" Wie gut es tat, diesen Sadist dabei zuzusehen, wie er sich fast einnäste vor Angst. "Das bringt eh nix! Ich bin immun gegen Strom!"
"Immun?!" Adam lachte schallend auf und trat an das Bett heran. "Das glaubst du Wahnsinniger sogar wirklich, oder?" Shock schlucke nervös. Seine Augen waren blutunterlaufen und man konnte all den Wahnsinn darin erkennen, der in diesem Subjekt lauerte. "Dann teste ich das doch gleich mal aus", flüsterte Adam und setzte den Taser an die empfindliche Armbeuge dieses Irren.
"HAAAHHH!"
"Doch nicht so immun, wie mir scheint. Oder, Shock?" Ein weiteres mal drückte er den Knopf, ließ den sadistischen Psychopathen unter dem fließenden Strom zucken und japsen. "Du dreckiger, kleiner Sadist wirst heute am eigenen Leib erfahren, wie es ist, von jemanden gepeinigt zu werden, der in der Übermacht ist."
"AHHHHH!!!"


"Du elender Bastard!" Shock spuckte dem Fremden zielsicher in das lächerlich bemalte Gesicht, als er sich vom zweiten Stromschlag weitgehend erholt hatte. Doch das juckte den Kerl gar nicht.
"Wieso?", flüsterte die bemalte Schwuchtel bloß, doch Shock verstand den Sinn der Frage nicht. "Wieso habt ihr uns damals grundlos angegriffen?"
Shock musste blinzeln, um die Zeitungsanzeige lesen zu können, die ihm der Kerl plötzlich vor die Nase hielt. In Shocks Hirn arbeitete es. "Du bist das?", wurde es ihm plötzlich bewusst. "Du kleine Schwuchtel willst also deinen toten Freund rächen! Ist es das, was du willst?"
Der Typ beugte sich dicht über Shocks Gesicht, und flüsterte: "Rächen? Ja. Aber nicht meinen toten Freund. Mein Liebling hat überlebt. Du hältst mich anscheinend für den Falschen. ... Erkennst du die Narbe denn nicht?" Der selbsternannte Rächer zeigte auf eine Stelle über seinem linken Auge. Dort, unter der Schwarzen Farbe, erkannte Shock eine längliche Brandnarbe. "Du enttäuschst mich Shock. Ich dachte du stehst auf Souvenirs. Dann müsstest du dich doch an dieses hier erinnern."
Shock erinnerte sich daran, wie er damals diesem Kerl aus dem Zeitungsartikel seinen Taser ins Gesicht gedrückt hatte. Genau über dem Auge und am Mundwinkel. "Das kann nicht sein! Wir haben dich abgemurkst!", schrie er panisch, wollte nicht wahrhaben, dass das über ihm diese tote Schwuppe sein sollte, die sie damals so übel zugerichtet hatten, dass sie noch an Ort und Stelle krepiert war.
"Genau." Ein irres Grinsen verzehrte das Gesicht des Toten. "Und jetzt verrate mir, bevor ich dich mit deinem Spielzeug erledige: ... WIESO?!" Das konnte doch nur ein Scherz sein! Ein dämlicher Traum! Doch für einen Traum waren die stechend-brennenden Schmerzen, die sein geliebter Taser ihm bescherte, viel zu real.

*

"Dale?"
"Mhm?"
"Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt." Sie lagen zusammen auf der Couch und sahen sich irgendeinen Thriller im Fernsehen an.
"Du glaubst, du hast dich in mich verliebt?", hatte ihn Dale daraufhin gefragt, ihn dabei aber nicht angesehen. Das einzige, was er von Dale sah, waren seine dunkelbraunen Haare, direkt unter Adams Kinn, in die er hin und wieder seine Lippen drückte.
"Ja." Adams Herz trommelte wild gegen seine Rippen. Mit seinen neunzehn Jahren hatte er noch nie jemanden seine Liebe gestanden, weil er eben auch noch nie so sehr verliebt gewesen war, als dass er das Gefühl gehabt hatte, es überhaupt zu jemanden sagen zu müssen. Deshalb war er sich auch nicht sicher wie man das am besten tat.
Es war fast schon lächerlich! Ihm als Schriftsteller fehlten die richtigen Worte! Aber wie beschrieb man schon solch tiefen Gefühle, die man in sich hegte? Ein einfaches, ich liebe dich, war eigentlich nicht genug. Aber so war es. Er liebte Dale. Über alles. Das konnte man nicht mit Worten beschreiben. Er konnte es ihm höchstens zeigen. Tag für Tag. Immer wieder, bis er ihm auch nur annähernd seine tiefen Gefühle zuteil werden lassen konnte.
"Also, ich bin mir sicher, dass ich dich liebe." Frech grinsend drehte Dale sich zu ihm um. Adam wurde es leicht schummrig. Dale liebte ihn auch! Sein Liebster hegte die selben Gefühle für ihn, die auch er in sich trug.
"Das bin ich mir doch auch!", versicherte Adam ihm und fasste nach seiner Hand.
"Dann sag es doch auch so." Dale gluckste und wartete ab. Anscheinend wollte er von ihm eine richtige Liebeserklärung hören.

'Also gut', dachte Adam. 'Ganz wie er will.' "Dale Greev? Ich liebe dich mehr als es alle Worte jemals beschreiben können. Ich liebe dich mehr, als es Galaxien im Weltraum gibt. Ich liebe dich mehr ..."
"Du poetischer Trottel. Küss mich doch einfach, anstatt hier große Reden zu schwingen." Dales Lippen landeten auf seinen. Manchmal brauchte man eben doch keine Worte, um etwas zu beschreiben, dass so viel mehr war, als man sagen konnte.
Der Film war nach ihrem Liebesgeständnis nur noch Nebensache. Zu sehr waren sie damit beschäftigt gewesen, dem anderen zu beweisen, wie sehr sie sich liebten. Ganz ohne Worte.
Abb. -06.2-


Adam hockte vor Shocks totem Körper. "Einer weniger. Bleiben noch drei." Er hätte erwartet, dass es ihm beim zweiten Mal mehr zusetzen würde, jemanden das Leben genommen zu haben. Da hatte er sich geirrt. Nachdem er ein zweites Mal bestätigt bekommen hatte, dass weder sein Tod, noch Dales schwere Verletzungen, körperliche wie seelische, aus einem besonderen Grund geschehen waren, übermannte ihn so ein Zorn, dass ihm das Töten dieser miesen Kreatur leichter als das letzte Mal von der Hand ging. 'Es gab keinen Grund. Sie taten das aus purer Langeweile.' Adams Inneres zog sich zusammen. Der Hass wurde immer größer. Und nicht nur der wuchs von Minute zu Minute.
Die Erinnerung an Dale ließ ihn aufseufzen. Sehnsucht stahl sich in sein zerschmettertes Herz. Was wenn er sie alle gefunden hatte? Er musste dann wieder zurück, nicht wahr? Und wenn er nicht ging ...? Kraaa "Lass mir meine Ruhe!", fauchte Adam die Krähe an. "Und hör auf meine Gedanken zu lesen, oder wie auch immer du das anstellst." Sie saß auf dem kleinen Tisch vor Shocks 'Souvenirwand'. Stumm hatte sie mit angesehen, wie er Shock das Leben genommen hatte.
Adam griff sich an die Stirn. "Ich bin so müde." Nichts mehr war übrig von seiner vorigen Energie. Als hätte ihn die Wut und der Zorn wieder völlig ausgesaugt. "Sag mir lieber wo der Nächste ist." Der Vogel hob ab und rauschte lautlos aus dem Zimmer.
Adam stand auf und langte nach dem Zeitungsartikel, der immer noch neben Shock auf dem Bett lag. "Damit du es nicht vergisst. Und als Vorwarnung an deine bald toten Freunde", sagte er und legte das kleine verblichene Stück Papier auf dessen Stirn. Dann machte Adam sich ebenfalls auf den Weg, verließ diesen grausamen Ort und schaute nicht zurück. Er verschwand so schnell, wie er gekommen war und machte sich bereit für den Nächsten, die es auf seiner Liste abzuarbeiten galt.

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