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Blutrote Lilie

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
31.10.2014
12.12.2014
14
100.556
7
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31.10.2014 8.788
 
Kapitel V.


"Ich will da hin!"
"Bist du dir sicher?"
"Natürlich bin ich das. Vielleicht kann ich mich dann daran erinnern, was passiert ist."
"Gut, aber wir kommen mit." Auch wenn es Laurel gar nicht recht war, er musste sich der Forderung Dales beugen. Wenn er und Sky es ihm verbieten würden, ginge er sicher später alleine dorthin. Dann doch lieber in ihrer Begleitung, damit sie ein Auge auf den noch immer verletzten Dale haben konnten.
In Windeseile hatte sich Dale angezogen und wartete mit verschränkten Armen auf Laurel und Sky. "Wie lange braucht ihr denn?"
"Nur mit der Ruhe. Und hetze nicht so! Du weißt, dass du noch langsam machen musst." Dale war gerade mal zwei Tage aus dem Krankenhaus raus. Eigentlich durfte er noch keine langen Spaziergänge machen. Erst recht nicht ohne seine Krücken, doch damit wollte dieser Sturkopf nicht vor die Tür. "Wir sind fertig", verkündete Laurel und prompt spurtete Dale humpelnd davon. Laurel schüttelte nur den Kopf. "Wenn er stolpert und sich alle Gräten bricht, spielst du diesmal die Krankenschwester."
Sky grinste schief. "Als ob du mich das machen lassen würdest." Da hatte er wohl recht.


Dale war schon draußen, hangelte sich an einem Zaun entlang und verschnaufte kurz. Sein Knie tat höllisch weh! Schnell ein Blick zur Haustür. Keiner zu sehen. Er schob seine Hand in die Jackentasche und nahm sich drei der Schmerztabletten, die er sich vorhin unbemerkt eingesteckt hatte. Ohne einen Schluck Wasser nahm er die Dinger ein, die man ihm verschrieben hatte. Schon längst hatte er die empfohlene Dosis überschritten. Doch was juckte es ihn? An den Folgen einer Überdosis zu sterben, machte ihm keine Angst mehr. Früher war das noch anders gewesen.
Er hatte Tabletten gehasst, brauchte jedes Mal Ewigkeiten, bis er eine einfache Aspirin herunter bekam. Adam hatte dies immer mit einem Lächeln abgetan und ihm geduldig das Glas Wasser nachgefüllt, denn ohne genug Flüssigkeit hatte Dale stets das Gefühl, die kleinen Mistdinger würden sich in seinem Hals querstellen. Ein furchtbares Gefühl, das er jetzt jedoch nicht mehr verspürte. Alles änderte sich eben. Meist langsam, doch stetig, und manchmal wurde man brutal aus seinem alten Leben gerissen, sodass man gar keine andere Wahl hatte, als sich dem zu stellen, was das neue 'Leben' einem vor die Füße kotzte.
"Warte doch mal Dale! Wir sind nicht so agil wie du." Laurel tauchte neben ihm auf, Sky im Schlepptau.
"Ihr trödelt doch absichtlich."
"Quatsch! ... Los jetzt. Ich will es hinter mich bringen." Da war Laurel nicht der Einzige.

Zum Glück begannen die Schmerzmittel schon zu wirken und Dale konnte einigermaßen normal gehen und brauchte sich noch nicht mal an einem seiner Freunde festzuhalten. Die argwöhnischen Blicke Laurels deswegen ignorierte er. Sicher ahnte er was.
'Soll er doch!'
Die Ecke, an der es passiert war, lag nicht weit von Dales Wohnung entfernt und sie waren in relativ kurzer Zeit dort angelangt. "Hier haben sie euch überfallen", flüsterte Laurel und blieb stehen. Den Blick, genau wie Sky und Dale auf die Treppenstufen gerichtet, die nach oben zur Haustür führten.
"Ich weiß. Ich kann mich noch erinnern, wie Adam mich da hoch gezerrt hat. Wie wir uns geküsst haben und ..." Wieder war alles dunkel. "Ich kann mich immer noch nicht an mehr erinnern. Es ist, als renne ich gegen eine schwarze Wand, sobald ich es versuche."
"Ist nicht schlimm Dale", versuchte Sky ihn zu trösten und tätschelte ihm tröstend die Schulter.
Die schlug Dale allerdings gleich wieder wütend von sich. "Nicht schlimm?! Ich kann mich an nichts erinnern! Kann euch nichts geben, womit ihr Adams Mörder fassen könnt, und du sagst, das sei nicht schlimm?!"
"So meinte ich das nicht ..."
"Ach nein?! Ich scheiß auf das, was du gemeint hast! Und wisst ihr was? Es ist mir auch egal! Es bringt mir Adam nicht zurück! Ob wir diese Arschlöcher nun schnappen, oder nicht! Es ändert nichts daran, dass sie mir alles genommen haben!" Dale klappte in sich zusammen und nur Sky war es zu verdanken, dass er nicht auf den Gehweg aufgeschlagen war.


"Sie haben ihn mir weggenommen", jammerte Dale erstickt.
Laurel half Sky, ihn an eine Hauswand zu lehnen und ihn somit etwas von den Blicken der glotzenden Passanten abzuschirmen. Dales Ausbruch hatte ihnen eine Menge Aufmerksamkeit beschert, womit Laurel aber schon gerechnet hatte. Sie mussten ja auch ausgerechnet mitten am Tag hierher kommen, wenn die Gehwege vollgestopft mit Passanten waren!
Dale zitterte wieder, atmete schnell aber weinte nicht. Das hatte er seit vorgestern nicht mehr und Laurel war sich sicher, dass er einfach nicht mehr weinen konnte. So viele Tränen, wie Dale in den letzten Wochen vergossen hatte, konnte ein Körper gar nicht produzieren. Das war unmöglich. "Willst du gehen?" Eine verständliche Frage, doch Dale schüttelte seinen Kopf.
"Ich muss da hoch." Er fixierte den Hausaufgang. "Ich muss es wissen."
"Ist gut. Aber atme erst mal durch, ja?" Das Nicken auf seine Frage beruhigte ihn. Manchmal war Dale eben doch vernünftig. Leider kam dies immer seltener vor.
"Wieso haben sie das getan? Wir haben doch gar nichts gemacht", wisperte Dale und sah auf den Boden vor seinen Füßen.
"Das wissen die wahrscheinlich selbst nicht." Laurel wollte nicht aussprechen, was er wirklich darüber dachte. In Wahrheit kannte er den Grund für den Überfall, denn er war doch so offensichtlich. Ein schwules Pärchen, das sich in der Öffentlichkeit küsste, machte sich nicht immer große Freunde damit. Und wenn dann noch die Falschen um die Ecke kamen, dann konnte es auch passieren, dass so etwas Furchtbares geschah. Als Anwalt kannte Laurel all die Gräueltaten, die aus Ignoranz, Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit hervorgingen. Doch seit das mit Adam und Dale geschehen war, gingen Laurel und Sky auch nicht mehr so unbedacht aus dem Haus. Verdammt! Sie hielten sogar einen Mindestabstand zueinander ein, aus Angst, Adams Mördern oder anderen Bestien dieser Art über den Weg zu laufen. Es gab genug Spinner da draußen.
"Ich bin bereit." Dale stieß sich von der Wand ab und marschierte auf die Treppen zu, auf denen ihr aller Leben auf so drastische und dramatische Weise verändert worden war.


Sein Bauch fing an sich zusammenzuziehen, als er vor den Stufen stand und hinaufschaute. Die Tür. Wie oft hatte er von dieser Tür geträumt? Doch an mehr konnte er sich kaum noch erinnern. Vereinzelte Beschimpfungen, das Lachen eines der Typen. Mehr aber auch nicht. Alles in ihm sträubte sich, diese Bilder heraufzubeschwören, doch es musste sein. Wie sonst sollte er der Polizei hilfreiche Hinweise geben können? Oder gar eine Täterbeschreibung? Er musste die Mauern in seinem Hirn niederreißen, den Schmerz zulassen, damit diese Schweine hinter Gitter kommen konnten. Denn egal was er eben zu Sky gesagt hatte, es war ihm nicht gleichgültig, dass Adams Mörder noch frei herumliefen. Sie verdienten eine harte Strafe. Mehr als das ... Er wünschte ihnen das Selbe, das sie Adam und ihm angetan hatten. Sie sollten leiden für das, was sie ihnen angetan hatten.
Seine linke Hand legte er auf das niedrige Treppengeländer, fühlte die kühlen, harten Sandsteine an seiner Handfläche, aber nichts blitzte in seiner Erinnerung auf. Mit langsamen, vorsichtigen Schritten ging er die paar Stufen hoch, fühlte sich von Sekunde zu Sekunde immer schwerer und hatte das Gefühl gleich ersticken zu müssen. Dennoch ging er weiter. Er wollte dort hoch, wollte sich dort hinstellen und sehen was passiert. "Und? Kannst du dich an was erinnern?" Skylars Stimme war direkt hinter ihm, als sie oben angekommen waren.
"Nein. Da ist nichts. Nur ..." Dales Blick fällt auf die Klingelleiste.
"Dale?" Hände griffen nach ihm.
"NEIN! LASST MICH LOS!!!" Dale stolperte nach vorn, drehte sich um und stellte sich mit dem Rücken zur Tür. Schützend hielt er sich die Arme vors Gesicht.
"Dale! Wir sind es! Sky und Laurel!"
"Geht weg!", krächzte er erstickt und rutschte an der Tür nach unten, bis er zum Sitzen kam und sein mittlerweile wieder schmerzendes Knie von sich streckte. "Bitte geht weg!" Dale verbarg sein Gesicht in den Händen und begann zu weinen.
"Ganz ruhig Dale. Wir sind da." Er spürte Laurels Arme, die sich um ihn schlossen. Er wollte das nicht. Er wollte nicht berührt werden, doch ihm fehlte die Kraft um die Arme von sich zu schlagen. Deshalb lehnte er sich ergeben an seinen Freund und weinte still, bis er sich wieder gefangen hatte und die Hände sinken ließ. "Geht es wieder?"
Dale stieß einen sarkastischen Laut aus. "Es wird nie wieder gehen!", presste er hervor und rappelte sich auf. Nicht ganz ohne Laurels Hilfe, wie er leidvoll zugab. Verbissen hielt er sich an der Tür hinter sich fest, sah Laurel und Sky, die vor ihm standen und plötzlich ging der Türsummer.
'Da ist es!', dachte er erschrocken und merkwürdig erleichtert. 'Jemand macht uns auf! Jemand hat uns gehört und auf mein Klingeln ...' Dale stockte.
/Hallo? Wer ist da?/, kam es von der Gegensprechanlage.
"Ähm. Hallo. Tut mir leid. Wir sind am falschen Haus", sprach Sky in den Sprechschlitz.
"Ich weiß es wieder!" Dale sah es vor sich. Adams Rücken, der sich schützend zwischen ihn und den Angreifern geschoben hatte. Es war dunkel gewesen. Er hatte Angst gehabt. Dann der Schlag. Adam prallte gegen ihn und dann ... Dunkelheit. Doch diesmal war es keine imaginäre Mauer, die ihn abhielt sich zu erinnern. Er war ohnmächtig gewesen, doch was danach passiert war, das wollte sich ihm noch immer nicht richtig zeigen. "Ich hab sie nicht gesehen!", schrie er bloß und klammerte sich an Laurel, da ihm sonst die Beine nachgegeben wären. "Ich konnte sie nicht erkennen!" Verzweifelt drückte er sein Gesicht in Laurels Halsbeuge. Alles war umsonst! Was, wenn er auch nach deinem Ohnmachtsanfall die Täter nicht zu Gesicht bekommen hatte? Alles was nach dem ersten Angriff kam, verging in Dunkelheit und Schmerzen. An seinen Verletzungen konnte er genau ablesen, was passiert sein musste, und genau diese fühlte er jetzt mit aller Macht. Der Schnitt in seinem Gesicht, der noch immer zu erkennen war, sein Knie, das furchtbar pochte und stach, die Verbrennungen an seinem Arm, auf die er ein paar mal täglich eine Salbe auftragen musste, weil die Haut dort so verdammt empfindlich war, und auch die Quetschungen an seinem Hals, die von zwei kräftigten Händen herrühren mussten. Nur war das nichts im Vergleich zu seinem Brustkorb, der sich so sehr zusammenschnürte, als würde ihn jemand packen, ihn noch fester zusammenquetschen als seinen Hals zuvor. Sein Herz schien in zwei Stücke zu zerreißen und er schrie auf.
Hier war es passiert! Hier war sein Adam gestorben. Hier hatte auch sein Leben auf eine andere furchtbare Art geendet. Das würde er niemals verkraften, das wusste er mit einer Klarheit, die ihn selbst überraschte.
'Ich werde niemals wieder glücklich werden können!' Wie ein Häufchen Elend hing er an Laurels Schulter und ließ sich fallen. Dunkelheit, Stille und Vergessen hießen ihn willkommen. Leider nicht für lange.

Dales Sicht verwischte. Die Pillen in seiner Hand wurden zu einer schlierigen, weißen Masse. Das machte aber nichts. Er würde seinen Mund auch blind finden, damit die kleinen, weißen Pillen ihre Arbeit tun konnten. Ihm endlich all die schmerzhaften Erinnerungen nehmen, damit er hoffentlich Ruhe und Frieden finden konnte. Und vielleicht, so hoffte er mehr als alles andere, würde er dann auch Adam wiederfinden.
Ihm fiel das Gedicht ein, das Adam ihm einmal in einem seiner Bücher gewidmet hatte. Er sagte damals immer, er könnte keine Gedichte schreiben, wagte es auch gar nicht erst. Aber für ihn hatte er es gewagt. Dale erinnerte sich nicht mehr an das ganze Gedicht, obwohl er es bestimmt tausende Male gelesen und gehört hatte. Nur ein Abschnitt daraus fiel ihm wieder ein, den Adam auch in einem Brief niedergeschrieben hatte, den er Laurel gegeben hatte, zusammen mit seinen ganzen Erbangelegenheiten. Diesen sagte er nun leise auf, bevor er die Tabletten auf die Reise schickte.
"Auch wenn ich blind und taub wäre,
wenn ich nie wieder dein Lächeln sehen, oder deine Stimme hören könnte,
zu wissen, dass du bei mir bist,
zu wissen, dass du mich anlächelst,
zu wissen, dass du mich berührst,
zu wissen, dass du für mich singst.
Allein das hielte mich aufrecht und am Leben.
Und noch nicht mal die Hölle könnte mich aufhalten, dich für all das zu lieben und dir bis zur Unendlichkeit zu folgen."
Weitere Tränen zogen feuchte Bahnen über Dales Wangen. Lange hatte er nicht mehr so sehr geweint. "Ich vermisse dich so ...", flüsterte er, hielt mit seiner linken Hand den Anhänger, den er um den Hals trug, fest umklammert und schloss die Augen. Er öffnete seinen Mund, hob die Hand. 'Noch nicht mal die Hölle könnte mich aufhalten ...'
Ein ohrenbetäubender Schrei jagte über den Friedhof. Dale öffnete erschrocken die Augen, als sich etwas gehen ihn warf. Die Pillen flogen aus seiner Handfläche, kullerten über den Boden und Dale versuchte sein Gesicht vor dem angreifenden Vogel zu schützen. Wo kam der denn so plötzlich her?
Der große Vogel krächzte, flatterte wild um Dales Kopf herum, verletzte ihn aber nicht. Er spürte nur den Luftwirbel, den die Flügel dicht über seinem Kopf verursachten und so schnell es angefangen hatte, war es auch wieder vorbei und die Krähe ließ von ihm ab. "Fuck!", rief Dale und stand mit wackligen Beinen auf. Dabei lehnte er sich an die Marmorplatte und klammerte sich an eine der herausgearbeiteten Säulen. 'Was war den das eben?!'
Zitternd sah sich Dale nach dem angriffslustigen Vogel um, und entdeckte ihn vor sich auf einem Grabstein hockend. "Du Mistvieh!", plärrte er den Vogel an.
"Schimpf nicht mit ihr. Sie hat dich von einer großen Dummheit bewahrt." Erschrocken wendete sich Dale in Richtung der Stimme, konnte aber nur den dunklen Umriss eines Mannes erkennen. "Wer ist da?" Der Vogel krähte und flog zu dem Unbekannten in die Dunkelheit. Dale bekam Panik.
"Ich habe eine Waffe!"
"Ich tue dir nichts." Adams Stimme war dünn und kratzig. Er musste sich noch nicht mal verstellen, damit er nicht Gefahr lief, dass Dale ihn an ihr erkannte.
"Kann ja jeder sagen! Verpiss dich und nimm diesen gemeingefährlichen Vogel gleich mit!" Wie viel Verbitterung in der Stimme seines Liebsten lag. So kannte er seinen Dale gar nicht. Es schnürte Adam die Kehle zu und brach ihm das Herz.
"Nein. Ich bleibe hier. ... Bei dir." Sky und Laurel waren nicht mehr weit entfernt. Adam musste also nur etwas Zeit schinden, bis sie hier waren und Dale vor sich selbst in Sicherheit bringen konnten. Bis dahin musste er alles tun, damit ihn sein Liebling nicht erkannte.
"Was willst du?" Dale wurde langsam sauer. Woher kam dieser Typ so plötzlich? Und woher wusste er, was er vorgehabt hatte?
"Auf dich aufpassen."
Ein hysterischer Laut entkam Dale. "Dazu kommst du ein Jahr zu spät."
In Adam kochte Wut hoch. Dale hatte recht. Er war Schuld daran gewesen. Wären sie gleich nach Hause gegangen, hätte er das alles verhindern können. "Es tut mir leid."
Dale runzelte die Stirn. "Was tut dir leid?"
"Alles." Was sollte das nun wieder bedeuten, fragte sich Dale.
"DALE?!" Hastige Schritte näherten sich ihm. "DALE? HÖRST DU MICH?!" Das war Laurel! Sie waren ihm also auf die Schliche gekommen und suchten ihn bereits.
"Bitte hör auf damit, dich selbst zu zerstören." Die Stimme des Fremden klang erstickt.
"Du kennst mich doch gar nicht! Und wer zum Geier bist du eigentlich?" Es fehlte noch, dass ein Fremder ihm Anweisungen gab!
"Meinst du, deinem Freund würde es gefallen, dich so zu sehen?" Wie oft hatte Dale diesen Satz schon von Laurel gehört? Schon lange ging ihn dieser Satz am Arsch vorbei. Doch jetzt ... Irgendwas sagte ihm, dass der Fremde wusste wovon er sprach.
Trotzdem gab Dale nicht zu, dass der Vogeltyp wahrscheinlich Recht hatte. "Adam ist tot! Und ich wäre es besser auch!" Trotzig stieß er sich von der Gruft ab und ging auf die Schattengestalt zu. "Da drin liegt der einzige Mensch, dem ich je etwas bedeutet habe! Dem es egal war, dass ich nicht perfekt bin. Selbst meine Eltern haben mich nie verstanden oder mir auch nur einmal gesagt, dass sie stolz auf mich sind! Nur Adam war für mich da. Allen anderen bin ich egal!"
Adams Hände ballten sich zu Fäusten. Das glaubte sein Liebling doch nicht wirklich? Das es niemanden mehr gab, dem er etwas bedeutete? "Und wieso rennen deine Freunde gerade kopflos über den ganzen Friedhof und rufen nach dir? Sie haben Angst um dich. Du bedeutest ihnen viel mehr als du dir vorstellen kannst." Warum verschloss Dale die Augen davor?
Immer noch riefen Laurel und Sky seinen Namen. "Sie sind besser dran ohne mich", flüsterte Dale traurig, denn er wusste, das war die Wahrheit. "Immer nur machen sie sich Sorgen um mich und fühlen sich schlecht wegen mir. Schlimmer noch: Sie fühlen sich verantwortlich für mich! Es ist besser für sie, wenn ich nicht mehr da bin." Dales Augen wurden wieder feucht. Die Wahrheit tat weh, aber so war es nun mal.
"So ein Unsinn!", brauste Adam auf. Am liebsten hätte er Dale gepackt und wach geschüttelt. Wieso verstand er nicht, dass das Leben ein Geschenk war?! Keiner wusste das so gut wie er. "Adam ist für dich gestorben! Damit du weiterleben kannst! Verstehst du das denn nicht?! Adam ist für dich durch die Hölle gegangen!" Damit hatte er schon zu viel gesagt. Verbittert schloss Adam die Augen. Seine Krähe, die es sich eben noch auf seiner linken Schulter gemütlich gemacht hatte, rauschte krächzend davon. Das er mit Dale redete, behagte ihr nicht und er konnte sie sogar verstehen. Es machte alles nur noch komplizierter.
Dale überzog eine Gänsehaut. Dieser Satz ... "Wer bist du?" Entschlossen, diesem Geheimnis endlich auf den Grund zu gehen, schritt er weiter voran ins Dunkel.
"Bleib stehen."
"Nein!" Dale beschleunigte seinen Schritt.
"Dale ... Bitte."
"Zeig mir, wer du bist."
"Dale, ich ..."

"Oh Gott sei Dank! Dale!" Eine Hand berührte Dales Schulter und zog ihn zurück. "Bist du okay?" Völlig konfus versuchte Dale sich aus Skys Klammergriff zu befreien. Er musste dort hin, wo der Mann stand! Er musste wissen, ob ... "Hey! Halt still Dale! Was hast du denn?"
Er schubste Sky mit einer erstaunlichen Kraft von sich und stolperte in die Richtung, in der eben noch der Mann gestanden hatte. Er war verschwunden. "Das kann doch nicht ..." Dale sackte auf seine Knie.
"Verdammt Dale! ... LAURIE! HIER!" Sky war wieder an seiner Seite und versuchte ihm aufzuhelfen, doch Dale hing wie ein nasser Sack in seinen Armen.
"Das kann nicht ... Nein ... Das ..."
"Was kann nicht? Dale? Hast du was geschluckt? Antworte!" Wen interessierte es, ob er was geschluckt hatte?
"Himmel! Geht es ihm gut?" Laurel war nun auch bei ihnen angekommen und schilderte an Dales Seite. "Dale? Hey Kleiner? Alles gut?" Keine Antwort. Er starrte einfach geradeaus. Dicke Tränen in seinen Augenwinkeln. "Was hat er denn nur? Hat er etwa wirklich die ..."
"ADAM!!! KOMM ZURÜCK!"
Laurel und Sky sahen erst Dale, dann sich erschrocken an und Laurel überflog eine eiskalte Gänsehaut. Dale kippte einfach vorn über und wurde von den beiden zum Glück noch aufgefangen, bevor er kopfüber auf dem Boden aufschlug. "Wie soll es auch anders sein?", brummte Laurel und hielt seinen besten Freund in den Armen. Anscheinend war er bewusstlos. Schon wieder! "Schaffen wir ihn von hier weg."
"Willst du etwa ...?"
"Was bleibt uns den anderes übrig?", antwortete Laurel erstickt und hievte Dale auf seine Arme. "Wir bringen ihn erstmal von hier weg und rufen einen Krankenwagen."
"Einen Krankenwagen?"
"Was denkst du denn? Oder hast du eine Ahnung, ob und was er geschluckt hat?" Sky schüttelte den Kopf, während Laurel den federleichten Körper Dales auf seine Arme hob.


Einige Gräber weit entfernt stand Adam mit geschlossenen Augen an eine Linde gelehnt. Er hatte alles nur noch schlimmer gemacht! "Ich muss das wieder geradebiegen. Irgendwie." Die Krähe, die vor ihm im Gras gelandet war, schüttelte ihr Köpfchen und sah ihn fast vorwurfsvoll an. "Du willst doch, dass ich meinen Frieden finde, nicht wahr? Dazu gehört auch Dales Wohlergehen. ... Vielleicht ist er in einer Klinik wirklich erstmal besser aufgehoben." Adam konnte im Moment sowieso nichts für ihn tun. Nachdenklich sah er das blaue Flackern des gerufenen Krankenwagens herbeieilen. Er wusste ja, dass Dale nicht dazu gekommen war, die Tabletten zu schlucken. Darüber musste er sich vorerst keine Sorgen machen. Das was ihm jedoch Sorgen bereitete, war Dales seelischer Zustand. So konnte es mit ihm nicht weitergehen. Außerdem galt es noch ganz andere Dinge zu erledigen. Dinge, von denen er wenigstens schon genau wusste, wie er sie zu anzugehen hatte. "Ich muss endlich damit beginnen, diese Schweine zu finden." Die Krähe krächzte markerschütternd, spannte ihre Flügel aus und flog davon. Lange sah ihr Adam nicht nach, sondern setzte sich gleich in Bewegung, um ihr zu folgen. Die Dinge mussten wieder in Ordnung gebracht werden. Jetzt mehr denn je.
Abb. -05.1-

***

Angewidert zog Rex die Tür hinter sich zu. 'Wenigstens hat es der Schlampe genauso wenig gefallen wie mir', dachte er grimmig.
Er war schon viel zu lange hier gewesen. 'Alles nur wegen dieser dummen Pussy!' Damit meinte er seinen Noch-Boss. Diese blonde Hexe. Seit Stunden war er dazu verdammt gewesen in diesem als Bar getarnter Puff rumzueiern! Und bei jedem Schritt den er hier tat, fühlte er sich beobachtet. Rex wollte nur noch raus hier!
Auf dem Weg nach draußen versuchte er selbstsicher und abgebrüht zu wirken, grinste jedem Dreckig ins Gesicht und zog lässig an seiner Kubanischen, das einzig Positive an seinem Besuch hier. Endlich draußen, stieg er in seinen Wagen und sauste los. Die Anspannung wich langsam aus seinem Körper, doch das Gespräch mit Gina ging ihm ständig durch den Kopf.
Der Boss wusste also über jeden ihrer Schritte Bescheid. Und diese räudige Schlampe verheimlichte es ihm noch nicht mal. Hielt es ihm arrogant wie sie war vor die Nase und machte sich über ihn lustig. 'Dieses hochwohlgeborene Weib versucht mir sogar damit zu drohen.' Rex musste sich was einfallen lassen. Und zwar schleunigst! 'Es wird Zeit, dass wir Gina aus den Weg schaffen.' Mal sehen, ob der gute alte Skin endlich ein wenig Schmutzwäsche über den Boss ausgegraben hatte. Rex trat das Gaspedal durch. Jetzt hatte er doch ein klein bisschen bessere Laune. Was so ein Luftwechsel alles bewirken konnte!

*

"Skin?!"
"Hier unten!" Rex marschierte die kahle Steintreppe hinunter in Skins Keller.
"Du Penner hast nicht abgeschlossen", raunzte er seinen Kameraden an.
"Ich komme gerade vom Gassigehen." Skin ließ seine Hantel fallen, die er eben noch locker mit einer Hand auf und ab bewegte.
"Ist der Köter etwa hier?!" Rex hasste Skins Dobermann. Das Biest war gemeingefährlich!
"Nee. Der ist im Zwinger. ... Was führt dich zu mir?" Sein eingeschworener Kumpan zuckte leicht mit den Mundwinkeln. Ein Lächeln sah man selten von ihm. Ein ernstgemeintes Lächeln, wohlgemerkt.
"Nur die Arbeit. Hast du was für mich?"
"Nicht viel."
"Mist!" Rex war das Warten langsam leid!
"Gina hatte mal ein kleines Problem mit der Einwanderungsbehörde."
"Und?"
"Verlief im Sande. Aber halt dich fest. Die Kleine ist gar keine Irin, wie sie immer behauptet. Sie kommt aus der Tschechei."
Rex grinste hämisch. "Leider ist es kein Verbrechen seine Herkunft zu verleugnen."
"Stimmt. Aber ich bohre weiter."
"Du musst! Dieser Schlampe geht mir auf die Eier."
"So ist das eben mit Frauen. Hab noch etwas Geduld, Rex."
"Du hast leicht reden!" Skin wischte sich mit einem Handtuch die Stirn ab und trat an die Hantelbank, wo er sich gelassen niederließ. "Die spioniert uns nach."
"Das verwuuhh! ... Verwundert dich doch nicht wirklich?" Rex schaute beeindruckt zu, wie Skin die vollbepackte Langhantel nach oben stemmte.
"Nein. Es wurmt mich nur, dass sie damit vor meinen Augen herumprahlt und mich indirekt bedroht. Als wüsste sie was, das ich nicht weiß und führt mich damit an der Nase herum." Skeptisch blickte Rex nach oben und begutachtete den kleinen Kellerraum. "Und hier sind wir wirklich abhörsicher?"
"Ja .. uff! Völlig spionagesicher."
"Wenn du's sagst." Nicht auszudenken, was der Boss täte, wenn sie rausfinden würde, was Skin und er genau planten. Das diese Schlampe eine Vermutung hatte, dessen war sich Rex fast sicher, aber was sollte sie schon tun, ohne Beweise. Er und Skin waren übervorsichtig. So schnell bekam man sie beide nicht zu fassen, dessen war er sich sicher. Trotzdem: "Ich glaube, sie weiß es, Skin."
"Was weiß sie?" Krachend fiel die Hantel in ihre Halterung zurück und Skin setzte sich auf.
"Ich durfte mich letzte Nacht mit einem ihrer Mäuschen austoben." Rex verzog das Gesicht.
"Das muss nichts heißen." Skin stand auf und stellte sich direkt vor ihn, wollte nach seiner Taille greifen, doch Rex fauchte ihn ungehalten an. "Schon gut!" Abwehrend hob Skin die Hände.
"Das muss aufhören!" Das hatte Rex schon so oft gesagt. Es ekelte ihn an so zu sein. Er ekelte sich an! Er wollte nicht so fühlen und schon gar nicht wollte er, dass jemand anderes davon erfährt. Nur Skin konnte er vertrauen. Ihn kannte er schon ewig und er musste keine davor Angst haben, dass er es jemanden verriet.
"Mach doch was du willst", sagte Skin leise und stieg die Treppe empor. "Kaffee?"
"Ich brauche zuerst was Stärkeres", antwortete Rex und ging Skin nach, mühsam darauf bedacht, immer schön den Blick gesenkt zu halten.

***

"Im Magen hatte er nichts."
"Was für ein Glück!" Laurel fiel ein Stein vom Herzen. Dale hatte keine Tabletten geschluckt! Sie waren rechtzeitig da gewesen!
"Damit meine ich aber auch, dass er wirklich gar nichts im Magen hatte. Außerdem ist ihr Freund gefährlich untergewichtig."
"Ich weiß. Er macht gerade eine schwere Zeit durch."
"Also war es doch ein Selbstmordversuch?" Der Arzt schaute ihn über dem Rand seiner dicken Brille eindringlich an. "Wenn das so sein sollte, müsste man über einen Aufenthalt in einer ..."
"Ich weiß."
"Nach der ganzen Aktion sieht er es vielleicht selbst ein", mischte sich Sky ein. "Reden wir erstmal mit ihm."
"Das bringt doch nichts!" Wie oft hatten sie es schon im Guten mit Dale versucht?
"Falls Dale bereit dazu wäre, müssten wir ihn nicht zwangseinweisen lassen. Oder willst du das unbedingt?"
"Nein." Das hatte Laurel schon all die Zeit versucht zu verhindern.
"Denken Sie darüber nach. Ihr Freund bleibt erstmal am Tropf und wird überwacht. Sie haben also noch etwas Zeit um sich zu entscheiden."
"Danke Doktor." Laurel kam sich so furchtbar vor. Als ob er dabei war, seinem Freund Dale in den Rücken zu fallen. "Wir verlieren ihn", sagte er leise zu Sky, als der Doktor außer Hörweite war.
"Sag sowas nicht!" Sky nahm ihn fest in den Arm.
"Ich kann nicht mehr, Sky! Ich kann nicht mehr den Starken mimen! Du hast Dale doch erlebt! Er war außer sich! Er hat halluziniert!" Immer wieder sah er seinen besten Freund vor sich. Wie er sich vergebens dagegen gewehrt hatte, in den Krankenwagen einzusteigen. Er wollte unbedingt zurück auf den Friedhof, weil er angeblich mit Adam geredet hatte. 'Ich hab nichts genommen! Mir geht's gut! Lasst mich zurück! Adam war da! Ich hab ihn gesehen und seine Stimme gehört! Er war es! Ich schwöre es euch!'
"Er hat Wahnvorstellungen. Wie sollen wir ihm dabei noch helfen?" Laurel war fertig mit den Nerven.
"Das kam bestimmt vom Flüssigkeitsmangel. Meine Oma hatte das auch mal gehabt. Überall sah sie fremde Leute in ihrer Wohnung. Bis wir rausbekamen, dass sie gar nichts Trinkt. Bei Dale ist das bestimmt nicht anders."
"Deine Zuversicht hätte ich gerne ..."
"Hey! Schau mich an Laurie!" Sky zwang ihn in seine Augen zu schauen. "Alles wird gut."
"Versprichst du's?"
"Ich verspreche es." Wie sollte er das können?
Dennoch ... Irgendwie beruhigte Laurel das Versprechen seines Partners. Er wollte so gern dran glauben. Erschöpft lehnte er sich an seine Schulter und umklammerte seine Hand. "Es tut mir leid, dass ich so ein nerviger Arsch war." Das war er wirklich gewesen. Dieses verfluchte Datum hatte Laurel mit jedem Tag an dem es näher gerückt war nervöser gemacht. "Seit das passiert ist, liegen wir uns ständig in den Haaren."
"Ich weiß doch, dass du es nicht so meinst. Du machst dir Sorgen um Dale. Genau wie ich."
"Ich liebe dich", wisperte Laurel seinem Schatz zu.
"Ich dich auch, mein nerviger Hase."
Das brachte Laurel zum Lachen. Etwas, das nur Sky konnte. Egal wie schlecht es ihm ging, immer konnte er ihn aufbauen. Sie hauchten sich einen verstohlenen Kuss zu und lächelten sich an. "Wollen wir rein gehen?"
"Ja. Vielleicht ist er schon wach", nickte Sky.
Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend steuerten sie die Tür an, hinter der Dale in einem der sterilen Krankenhausbetten lag. Wie oft mussten sie das noch durchmachen?

"Was soll das? Lass mich mit dem Zeug in Ruhe!" Dale stand auf und humpelte so schnell wie er konnte aus dem Wohnzimmer. Laurel blieb zurück und starrte auf die ganzen Unterlagen vor ihm. Zu guter Letzt blieb sein Blick auf einen Umschlag haften. Einen Umschlag, den Dale mit panischen, feuchten Augen angestarrt hatte, und wegen dem er schlussendlich wieder dicht gemacht hatte. Adams letzter Wille. Aber nicht nur das. Er enthielt auch einen Brief für Dale, wie er wusste.
Als Adam vor geraumer Zeit mit der Bitte, seinen Nachlass zu verwalten, an ihn herangetreten war, hatte Laurel nur gelacht und gefragt, was er denn damit wolle. "Hast du vor in nächster Zeit zu sterben?", hatte er ihn gefragt, und als er jetzt daran dachte, wurde ihm ganz schlecht dabei.
"Nein. Sicher nicht", hatte Adam ihm ernst geantwortet. "Aber ich weiß nur zu gut, dass alles ein viel zu schnelles Ende haben kann. Alles was geschehen ist ... Meine Eltern, zuletzt Onkel Clydes Krebsdiagnose und sein schneller Tod ... Deshalb möchte ich, dass Dale das hier bekommt, wenn mir etwas zustoßen sollte. Du als mein baldiger persönlicher Anwalt tust das doch bestimmt für mich." Langsam sickerte die Erkenntnis in Laurels Bewusstsein.
Mit so einer Familiengeschichte war Adams Anliegen wirklich nicht unverständlich. Laurel willigte schließlich ein. "Ist gut. Gib her."
"Danke."
"Aber du weißt schon, dass es noch ein bisschen dauert, bis ich ein vollwertiger Anwalt bin?"
"Das ist nur eine Frage der Zeit", hatte Adam gelacht ihm und auf die Schulter. geklopft Er hatte immer an ihn geglaubt und das Wichtigste in seinem Leben anvertraut.
Adam war daraufhin alles mit Laurel durchgegangen, hatte ihn über seine Konten in Kenntnis gesetzt, alles Rechtliche mit Adams Tantiemen besprochen, die dann, genau wie die Wohnung in der sie lebten, an Dale gehen sollten, und hatte ihm schlussendlich eben diesen ganz persönlichen Brief für Dale überreicht. "Mein Onkel hat mir auch einen Brief geschrieben. Er half mir auf eine merkwürdige, tröstende Art."
"Ich hoffe, ich muss den hier deinem Freund niemals überreichen."
"Das hoffe ich auch."
Laurel überlief es bei dieser Erinnerung. Jetzt musste er es doch tun. Dale diesen letzten Abschiedsgruß überreichen und alles in die Wege leiten, dass Dale die Wohnung behalten konnte.
Mit feuchten Fingern hob er den Brief auf und lief Dale nach. Er lag zusammengerollt auf seiner Seite des Bettes und verbarg den Kopf unter der Bettdecke. Adams Seite war, mit Ausnahme des Kopfkissens noch unberührt, wie Laurel mit argen Bauchschmerzen feststellte.
'Das macht ihn kaputt', dachte er bitter und setzte sich vorsichtig auf die Bettkannte. "Dale?"
"Geh! Ich will das nicht!"
"Du musst aber."
"Ich muss gar nichts!"
Langsam hatte Laurel genug. Er riss die Bettdecke beiseite und hielt ihm den Brief vor die Nase. "Hör auf dich selbst zu bemitleiden und steh das jetzt durch! Es war Adams letzter Wille, und den kannst du ihm nicht verwehren!" Als er den Satz beendet hatte, tat er ihm fast schon leid, doch er zeigte Wirkung. Dale öffnete die Augen und griff nach dem elfenbeinfarbenen Umschlag. "Er hat das gemacht, weil du wichtig für ihn warst", fügte er leise hinzu.
"Wieso hatte er so was überhaupt vorausgeplant? Als hätte er gewusst, dass ..."
"Du kennst doch Adams Marotten. Besser als jeder andere. So war er eben und du weißt auch warum er so war."


Das wusste Dale nur zu gut. Adam mochte nicht den Eindruck gemacht haben, wahrscheinlich hatte er auf Fremde sogar den gegenteiligen Eindruck hinterlassen, aber Adam hatte jede Sekunde seines Lebens bewusst gelebt und so wie er es für richtig hielt. Das war auch etwas, was ihm sein Onkel mitgegeben hatte. Nicht zuletzt, weil ihm so früh seine Eltern genommen worden waren und er sonst niemanden hatte, bis auf ihn. So schwer es auch war, Dale wusste, dass Adam in seinem Leben nichts zu bereuen hatte. Abgesehen von diesem einen Abend ... "Wären wir gleich nach Hause gegangen, dann wäre das niemals passiert", flüsterte Dale und setzte sich auf, den Brief noch immer in seiner Hand.
"Hör auf dir das einzureden. Das kannst du nicht wissen."
"Doch. Kann ich." Sich das einzugestehen hatte geschmerzt. Es war fast zu viel für ihn gewesen, und daran zu denken tat noch immer mehr weh, als jede Messerklinge oder jeder Elektroschocker es je konnten.
"Willst du ihn alleine lesen?"
"Vielleicht ... Ich weiß nicht. Können wir davor doch erst alles andere erledigen?" Zu seiner Erleichterung nickte Laurel ihm zu und stand auf. Den Brief würde Dale doch erst lesen, wenn er alleine war. Es war zu persönlich, zu intim und zu schmerzhaft, um dabei noch jemand anderen in seiner Nähe ertragen zu können.

*

"Versuch diesmal ohne die Tabletten zu schlafen. Versprichst du es mir?" Dale nickte. "Gut. Ruf an, wenn du was brauchst, oder ..."
"Oder ich mich alleine fühle", beendete Dale Laurels Standartspruch. "Fahr schon zu Sky. Der braucht dich auch. Ich komme zurecht."
Mit seiner stets sorgenvollen Miene drehte sich Laurel um und Dale war allein. Endlich! Sein Kopf schwirrte von Laurels monotonen Erklärungen, seinen Aufforderungen, wo er zu unterschreiben hatte und diesen ganzen bürokratischen Kram, der laut Aussage seines Freundes so dringend sei. Jetzt war er endlich ungestört und konnte sich dem stellen, was in dem kleinen Briefumschlag verborgen war.
Dale betrat das Schlafzimmer, zündete die dort stehenden Kerzen an, wie Adam es immer geliebt hatte, und setzte sich im Schneidersitz auf das große Bett. Das Ziehen in seinem Knie dabei überging er. Der Brief lag noch immer brav auf der Bettdecke und wartete auf ihn. "Ich will das nicht Adam", flüsterte er und bekam eine Gänsehaut. Alles in ihm sträubte sich, trotzdem nahm er den Brief und riss vorsichtig den Umschlag auf. Tränen versperrten ihm die Sicht, die er schnell mit dem Unterarm wegwischte. Seine Finger zitterten und ihm war, als wäre er aus einer komischen wabernden Substanz gemacht, als er den Brief herauszog.
Schluchzend schloss er kurz die Augen, presste den Umschlag gegen seine Lippen und versuchte zur Ruhe zu kommen. Nachdem er dies halbwegs geschafft hatte, faltete er unter Aufbietung all seiner Kraftreserven den Brief auseinander.

'Dale', stand dort in Adams Handschrift, wovon Dale heftig schlucken musste. 'Mein geliebter Schatz.
Ich hoffe so sehr, dass du diesen Brief niemals in deinen Händen halten musst. Falls doch, dann sei dir eins gewiss, egal was passiert ist und egal was noch passieren wird: Ich liebe dich. Mehr als du dir vielleicht vorstellen kannst. Und nur deshalb sitze ich hier und schreibe dir diese Zeilen. Damit dir das bewusst wird und du dich nicht alleine fühlen musst.
Ich weiß, was du jetzt denkst. Natürlich fühlst du dich alleine. Wer bin ich, dir so was zu schreiben? Aber du weißt auch, dass auch ich genug Erfahrungen mit dem Alleinsein gesammelt habe. Du kennst meine Vergangenheit und wie es mir damals ergangen war. Ich war alleine. Völlig alleine. Doch das bist du nicht. Du hast Laurie und Sky. Die Einzigen, von denen ich mir sicher sein kann, dass sie für dich da sein werden, falls ich nicht mehr bei dir sein darf.
Dale, du bist das Wichtigste, das ich in meiner Obhut wissen durfte. Du bist mein größter Schatz und jede Sekunde, die wir zusammen verbracht haben war das größte Glück, das ich jemals erfahren habe. Deshalb bitte ich dich, werde glücklich. Ich hinterlasse dir alles was ich habe. Nimm es an, damit du abgesichert bist und dann versuche den Schmerz und die Einsamkeit hinter dir zu lassen.
Ich kann mir denken, wie sich das für dich jetzt anhört. Wahrscheinlich hasst du mich sogar für das, was ich dir schreibe, aber bitte nimm dir meine Worten zu Herzen und werde wieder glücklich. Bitte gib dich nicht auf.
Ich liebe dich.

Auch wenn ich blind und taub wäre,
wenn ich nie wieder dein Lächeln sehen, oder deine Stimme hören könnte,
zu wissen, dass du bei mir bist,
zu wissen, dass du mich anlächelst,
zu wissen, dass du mich berührst,
zu wissen, dass du für mich singst.
Allein das hielte mich aufrecht und am Leben.
Und noch nicht mal die Hölle könnte mich aufhalten, dich für all das zu lieben und dir bis zur Unendlichkeit zu folgen.

Adam'

Der Abschiedsbrief segelte zurück auf die Bettdecke und Dale zog die Beine an seinen Körper. Brennend heiße Tränen rannen über sein Gesicht und durchweichten bald schon seine Jeans. Wie konnte Adam das nur von ihm verlangen?! Hätte er auch nur geahnt, dass sie auf eine so schreckliche Art voneinander getrennt wurden, hätte er das sicher nicht geschrieben.
Niemals!
Niemals würde Dale wieder glücklich werden können. Nicht ohne ihn! Ohne seine Stimme, seine Blicke und seine Berührungen! "Niemals!"
Er kippte zur Seite. Automatisch wanderten seine Hände zum Nachtschränkchen und holten die Schlaftabletten hervor. Was zählten schon Versprechen? Gar nichts! Für Dale zähle nur noch eins: Vergessen! Und das konnte er nur, wenn er schlief. Wenn er traumlos schlief, um genau zu sein. Und das konnte er nur, wenn er diese keinen, weißen Pillen einnahm. Sollte Laurel später eben wieder im Dreieck springen. Es war ihm egal. So vollkommen egal ...
Abb. -05.2-


***

"Gegen den hast du keine Chance! Walker säuft dich untern Tisch!" Gehässiges Lachen.
"Der hat doch schon bestimmt einige Promille intus."
"Das macht dem doch nichts! Eher kippst du blind vom Stuhl, als dass du Walker beim Wettsaufen schlägst." Noch lauteres Lachen.
Walker war es so leid. Konnten diese Trottel ihn nicht wenigstens einmal in Ruhe lassen? Er wollte doch nur hier sitzen und seine Drinks genießen. "Bock auf 'ne Wette?", fragte ihn einer dieser Vollidioten und wedelte mit einer Flasche Schnaps vor ihm herum.
"Nee. Ich hau mich aufs Ohr."
"Och komm schon! Bleib noch Walker!"
"Ein anderes Mal." Er hatte es satt, immer als saufende Witzfigur angesehen zu werden. Ja, gut. Er bekam bei diesen dämlichen Wetten den Alk immer umsonst, und vertragen konnte er auch einiges. Aber heute hatte er einfach keine Lust, den besoffenen Schlucker zu spielen und dem jungen Gemüse etwas zum Lachen zu bieten. Seine Laune war noch immer auf dem Tiefpunkt, und er überlegte ständig, ob er nicht doch besser Rex und den anderen den Rücken kehren sollte. Genau wie B.Face. Der hatte es richtig gemacht, und ihrer Gruppe zur rechten Zeit den Rücken gekehrt.
Walker machte sich auf den Weg, bezahlte seinen Deckel, ignorierte weitere dumme Sprüche und wankte zu seinem Motorrad. So besoffen er auch war, das Fahren auf seinem Bock ließ er sich nie nehmen. Auch nicht von den Bullen, die sich in diesem Teil der Stadt sowieso nicht oft blicken ließen. Mit einem knatternden Gebrüll erwachte sein Motorrad zum Leben und sauste mit ihm die fast leeren Straßen entlang. In diese Gegend der Stadt traute sich kaum ein normal denkender Mensch um diese Uhrzeit. 'Is auch besser so.' Jeder der aussah, als wäre er leichte Beute, wurde hier sofort hochgenommen. Den Meisten war es sogar egal, ob dabei etwas heraussprang. Genau wie ihm. Hauptsache der Spaß kam nicht zu kurz. Pech für die Trottel die dachten, sie kämen ungeschoren durch diesen Stadtteil. Das war ihr Stadtteil. Er gehörte dem Abschaum der Stadt.
Weit über dem gültigen Tempolimit sauste er bis zu seiner kleinen Bude am Stadtrand. Hier fand er Ruhe und Frieden, wenn sich sein Kater meldete und er mal nichts zum Saufen hatte. Kam zwar selten vor, aber Walker war froh über seinen kleinen Rückzugsort. Er bockte seine Maschine in der kleinen Hauseinfahrt auf und schlurfte die enge Außentreppe hinauf. Doch als er aufschließen wollte, stutze er. 'Ich hatte doch abgeschlossen.' Seine Haustür stand einen guten Spalt breit offen. 'Da ist jemand in meiner Bude!' Adrenalin pumpte durch seine Venen und ließ ihn prompt etwas nüchterner werden. Leise öffnete er die Tür. Jedoch nur soweit, dass er gerade so hindurchpasste, um ins Innere zu gelangen. Es war stockdunkel. 'Welcher scheiß Einbrecher schließt sämtliche Rollläden?' Blind tastete er nach der kleinen Kommode im Flur. Dort hatte er im hintersten Eck einen alten Baseballschläger bereitstehen. Er fand ihn ohne größeren Lärm zu veranstalten und schlich den Flur weiter entlang, der im Wohnzimmer endete. 'Dieser Bastard! Ich kann kaum meine Hand vor Augen sehen!' Walker blieb stehen und lauschte. Bis auf seinen schnellen, aufgeregten Herzschlag war nichts zu hören. Vorsichtig suchte er mit seiner Hand nach dem Lichtschalter, den Schläger zum Zuschlagen bereit vor sich erhoben.
Klick. Kein Strom. 'Fuck!'
Grimmig atmete er laut aus. "Also gut, du Pisser! Zeig dich und führ mich nicht länger an der Nase herum!" Etwas flatterte an seinem Kopf vorbei. Instinktiv schlug Walker danach, erwischte aber nichts bis auf den Türrahmen. "Ich mach dich alle, du feiger Ficker!" Ein dunkles Lachen ließ ihn innehalten. 'Wo versteckt sich dieses Arschloch bloß?'
"Waaalker …", säuselte es leise an seinem rechten Ohr. Erschrocken holte er mit dem Schläger aus, traf aber nichts als Luft. Der Kerl war doch eben noch direkt neben ihm gewesen! Walker hatte ganz genau den kalten Atem dieses Wichsers gespürt, und plötzlich war er weg!
Laut schreiend schlug er weiter mit dem Schläger wild um sich, mal weiter oben, mal weiter unten, falls der Kerl sich duckte. Doch er traf kein einziges Mal etwas, bis auf seine Möbel, die teilweise zersplitternd krachten. Wieder lachte der Fremde, und wieder traf Walker nur Luft. 'Das geht nicht mit rechten Dingen zu! Hier stimmt was nicht!' Entweder das Arschloch war verdammt schnell und konnte im Dunkeln sehen, oder es waren mehrere. Doch wieso traf er keinen von ihnen?
Nervös leckte er sich über die Lippen und blieb ruhig stehen, versuchte zum wiederholten Male irgendeinen Laut von dem Eindringling auszumachen. Seine Nerven waren zum zerreißen gespannt. Nichts! Er nahm nicht den kleinsten Laut war.
Walker hatte nicht die leiseste Ahnung, wie lange er regungslos und lauschend mit erhobenen Baseballschläger dastand, doch als der Fremde endlich was sagte, zuckte er heftig zusammen. "Das Licht geht aus, wir gehn nach Haus ..." Die Stimme schien plötzlich aus allen Richtungen zu kommen.
"Zeig dich endlich, du feiges Arschloch!", brüllte er ängstlich.
"... ich puste dir gleich dein Leben aus ..." Der Einbrecher lachte dunkel. "Such mich Walker."
'Da vorn!' Walker war sich sicher. Dort stand diese kleine Kanalratte!
Er fasste neuen Mut, ging beherzt in die Richtung und prallte prompt gegen einen harten Gegenstand. "Was ...?" Dann brach die Hölle los.
Walker wurde zu Boden gerissen und bekam so etwas wie einen Sack über den Kopf gestülpt. Mit Händen und Füßen versuchte er sich zu wehren, griff und trat aber ins Leere. Wo war sein Angreifer nur? "Feige Ratte! Kämpfst wie ein Weib!", spie er gegen den rauen Stoff des Sackes, hoffte damit, ihn mit dieser Provokation sauer zu machen, und somit zu einem Fehler zu begehen. Leider hatte er falsch gehofft.
Ein leises Lachen erklang. Direkt an seinem Ohr. Doch Walter konnte sich nicht bewegen. Seine Handgelenke wurden schraubstockartig über seinen Kopf an den Boden gepinnt. "Heul jetzt bloß nicht rum, dass ich unfair spiele. Das tust du nämlich sonst immer. Oder täuscht mich da meine Erinnerung?"
"Wer bist du?"
"Hm ... Rate mal. Bestimmt kannst du das gleich selbst herausbekommen, wenn du dir in dem vergangenen Jahr nicht schon sämtliche Hirnzellen weggesoffen hast, oder dir geht vielleicht endlich mal ein Licht auf. Das wäre doch mal was!"
"Wovon zu Teufel sprichst du?", presste Walker hervor. Der Sack um seinen Kopf stank und erschwerte ihm das Atmen.
"Soll ich dich davon befreien? Das haben wir gleich."
Walker schrie unterdrückt auf, als der Sack von seinem Kopf gezogen wurde und ihm dabei fast das Genick brach. 'Was ist das nur für ein rabiates Schwein?'
"Dann will ich mal Licht ins Dunkel bringen! Spot an!" Walkers Netzhäute brutzelten ihm fast weg, denn unzählige Glühlampen leuchteten ihm direkt ins Gesicht. Da seine Hände plötzlich wieder frei waren, hob er sie sich schützend vor sein Gesicht und blinzelte angestrengt in die Lichterflut. Dieser Freak hatte Walkers gesamte Lampen um ihn versammelt und stand mit einem emotionslosen Grinsen an einer hohen Stehlampe direkt vor Walkers Füßen. "Du bist sogar noch hässlicher als ich dich in Erinnerung habe. Hör auf mich: Das Saufen lässt dich schneller altern. Nun ... Das ist jetzt sowieso egal." Wer war dieses Arschloch nur? Und was zum Geier wollte er von ihm?


Adam zuckte mit den Schultern. "Was ziehst du denn hier für 'ne Show ab? Was willst du Penner von mir?"
"Du erkennst mich nicht? ... Woher auch." Adam seufzte und schritt langsam auf Walker zu. Der sah seine Chance gekommen und griff nach Adams Beinen. Der nach Alkohol riechende Stoppelkopf trat nach Dale, lachte widerlich und trat nochmal zu. "Nein! ... Nein! Hört auf!" ...
"Noch ganz schön redselig und munter, die kleine Schwuchtel." Der Kerl mit der Alkoholfahne beugte sich zu ihm. Alkohol wehte um Adams gebrochene Nase. "Euch machen wir fertig. Dich und deinen kleinen Freund" , flüsterte er ganz nahe vor seinem Gesicht. Übelkeit drehte ihm den Magen um. Leises, gehässiges Lachen.
"PFOTEN WEG!", brüllte Adam und verpasste Walkers Kinn einen gekonnten Tritt. Während dieser stöhnend die Hände dagegen presste und sich auf der Seite einrollte, schnappte sich Adam den Baseballschläger. "Schau mich an, du versoffener Sack!" Vor seinen Füßen jammerte Walker einfach weiter. Adam verlor langsam die Geduld. Er kniete sich neben den nach Alkohol stinkenden Kerl, dessen Gestank wie damals seinen Magen umdrehen ließ, schlug dessen Hände weg und packte jetzt selbst nach dem schon etwas angeschwollenen Kinn. Genauso, wie dieser es vor einem Jahr bei ihm gemacht hatte. Allerdings war Adam dabei weit aus weniger sanft, und schlug seine Fingernägel in die kratzigen Wangen. Walker grunzte und riss panisch die Augen auf. "Weißt du, wieso ich mit dir angefangen habe?"
"Mit mir?", gurgelte er und spuckte Blut.
"Ja, mit dir. Deine best buddies kommen auch noch dran. Keine Angst. Aber das wirst du nicht mehr erleben." Zufrieden sah er, wie Walkers Augenlid aufgeregt zuckte. "Mit dir habe ich angefangen, weil du versoffenes Schwein ein leichtes Ziel bist, du jämmerliches Subjekt. Ein guter Einstieg für einen Mörder in Ausbildung wie mich, sozusagen. Freut dich das?"
"Du bist ... wahnsinnig."
Adam lachte trocken. "Ja. Bin ich. Dank euch ... Und jetzt" Er wedelte mit dem Baseballschläger vor Walkers Gesicht herum. "Jetzt ist erstmal dein Knie an der Reihe. Weißt du noch? Du hast meinem Liebling das rechte Knie zertrümmert." Adam stand auf und stellte sich in Position.
"Nein! Hey Mann! Das kannst du ni... AHHH!" Walker schrie auf vor Schmerzen und versuchte sich auf die Seite zu rollen, was Adam jedoch nicht zuließ.
Er packte ihn an der Schulter und zwang ihn zurück in Rückenlage. "Ach herrje! Sag nur, das hat wehgetan!" Adam verzog sein Gesicht. Die ganze angestaute Wut drängte mit einem Mal aus ihm heraus, und er konnte sich nur schwer beherrschen, diesem versoffenen Drecksschwein jetzt nicht einfach den Schädel einzuschlagen. "WIESO?!", schrie er den vor Schmerz stöhnenden Trunkenbold an. "Wieso habt ihr meinen Liebling und mich angegriffen? Warum habt ihr das getan?"
"Ich weiß nicht ... von wem du redest", zischte Walter und öffnete flatternd die Augen.
"HEUTE VOR EINEM JAHR! ERINNER DICH, VERDAMTE SCHEIßE!" Adam packte Walker am Hals und drückte fest auf den hüpfenden Adamsapfel. "Ihr habt uns aufgelauert, seid uns nachgelaufen, bis wir in diesem beschissenen Hauseingang gestanden haben, und nicht mehr fliehen konnten. Na? Klingelt es?"
"Die ... die ... wir haben die nur etwas aufgemischt."
"Aufgemischt?!" Fassungslos starrte Adam auf seinen ehemaligen Peiniger nieder. "Ihr habt uns geschlagen, uns mit einem Elektroschocker gequält. Ihr habt uns getreten, bespuckt und dein netter Boss hat sich an Dale und mir mit seinem beschissenen SPRINGMESSER AUSGETOBT! UND DU SAGST, IHR HÄTTET UNS NUR ETWAS AUGEMISCHT?!!" Adam drückte fester zu. Die Wut brannte so heiß in seinen Eingeweiden, dass er fast durchzudrehen drohte.
Walkers schmierige Finger griffen nach seiner Hand, versuchten sie wegzudrücken. "Bitte Mann ... Der Arschficker sollte nicht sterben. Das war ein Unfall."
"Mein Tod war ein Unfall? Wirklich? ... Ja dann." Adam ließ ihn los und stand auf. "Dann ist das hier wohl auch zufällig passiert? Bloß ein kleiner Unfall, den man in Kauf nimmt, wenn man einen wehrlosen Mann quält?", fragte er und trat gegen Walkers schon zertrümmertes Knie.
"AHHH!!!" Walker drückte den Rücken durch, kam aber nicht mehr dazu sich weiter zu bewegen, da Adam auf seiner Brust platz nahm und ihn wieder an der Kehle packte.
"Das war jetzt ein bisschen viel für dich, was? Möchtest du einen Beruhigungsdrink? Dann habe ich dich gleich das Richtige für dich. Ich hoffe, das hier ist genug?" Er griff nach der ersten Flasche Schnaps, die er hinter sich zwischen den Lampen aufgereiht hatte. "Nur nicht so bescheiden. Es ist genug für dich da. Und wie sagte Mama immer?: Es wird nicht aufgestanden, ehe alles leer ist."


Walkers Augen wurden groß. Das konnte der Kerl doch nicht ernst meinen! Das konnte nicht der Mann sein, den sie vor einem Jahr gekillt hatten! Der Typ war tot! Hinüber!
Der erste Flaschenhals drückte sich unbarmherzig in seinen Rachen. Brennender Alkohol füllte seinen Mund und seine Kehle, und er wusste: Dieser Zombie wollte ihn damit ersticken. Die bemalte Grimasse des Kerls schwebte über ihn, grinste fies und unbarmherzig, und dann griff er nach der nächsten Flasche, wobei er glucksend leise vor sich hin sang. "Give me whiskey, give me whiskey all night long. Give me streams of whiskey all night long ..."* Das war das Letzte, das Walker hörte, ehe er vergeblich versuchte nach Luft zu schnappen.

******



* Aus dem Song: Black House von Omnia.
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