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Blutrote Lilie

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
31.10.2014
12.12.2014
14
100.556
7
Alle Kapitel
15 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
31.10.2014 7.204
 
Juhu meine Lieben. ^^
Heute Morgen lade ich euch noch schnell das nächste Kapitel hoch, bevor ich mich auf den Weg mache, und mich der Wochenend-Stress packt.
Bei mir laufen die Adventsvorbereitungen in vollem Gange, denn wir haben bald Ausstellung. *seufz* Das bedeutet, ich acker rund 12 Stunden am Tag durch, und kann mich in der Zeit nicht um euch kümmern. Das Los der Selbstständigen.  -___-
Trotzdem versuche ich, die Kapitel zeitig hochzuladen und hin und wieder ein Kommi zu beantworten. ^^

Liebe, schnelle Grüße
Fara




Kapitel IV.


Bevor Adam Dale traf, hatte er, bis auf einige unbedeutende Liebschaften, noch nie eine ernste Beziehung gehabt. Weder eine Liebesbeziehung, noch eine Familiäre. Seine Eltern, die bei einem Wohnungsbrand ums Leben gekommen waren, von dem Adam aber nicht  wusste, sah er bis zu ihrem Unfalltod noch nicht mal regelmäßig. Er wuchs die ersten Jahre seines Lebens quasi bei seiner Nanny auf, die ihm aber natürlich niemals die Mutter oder gar den Vater hatte ersetzen können. Lange Zeit hatte er niemanden gehabt, bis sein Onkel auftauchte, der ihn nach dem Tod seiner Eltern bei sich aufgenommen hatte.
Adam war gerade mal fünf Jahre alt gewesen, als er allein dastand. Eines Tages hatte er im Kindergarten vergeblich auf seine Nanny gewartet. Er saß alleine auf eine der kleinen Bankreihen, auf denen die Kinder jeden Tag auf ihre Eltern warteten, aber niemand kam, um ihn abzuholen. Nach einer furchtbar langen Wartezeit kam schließlich eine fremde Frau, einer Sozialarbeiterin, die ihn mitnahm, was ihm sehr große Angst eingejagt hatte. Adam verstand damals noch nicht was passiert war und weinte viel. All die fremden Menschen um ihn herum, die ihn wie ein rohes Ei behandelten und immer wieder sagten, dass er nicht mehr nach Hause könne. Stundenlang saß er in einem Zimmer, umgeben von Spielsachen und im Beisein einer jungen Frau, die ihn vergeblich zum mitspielen animieren wollte.
Irgendwann tauchte die Frau vom Sozialamt wieder auf und brachte ihn in ein Kinderheim. Dort gefiel es ihm noch weniger. Es war laut dort und die Kinder waren alle gemein zu ihm. Er hasste es, dort zu sein, fragte jeden Tag mehrfach einen der Betreuer, wann er denn wieder nach Hause dürfte, bis einer von ihnen die Geduld mit Adam verlor und ihn anschrie, dass er nie mehr nach Hause kommen würde, da sein Haus abgebrannt war.
Von da an verschanzte Adam sich, sprach mit niemanden mehr ein Wort und ließ all die Beleidigungen und Attacken der anderen Kinder äußerlich ungerührt über sich ergehen. Innerlich aber fühlte er sich allein und verlassen.
Er blieb über zwei Monate in diesem schrecklichen Heim, bis eines Morgens, während des Frühstücks, die Tür zum großen Saal aufging und der Heimleiter in Begleitung eines jungen Mannes den Essenssaal betrat. Sofort wusste Adam, dass dieser Mann wegen ihm gekommen war. Und als dieser Mann wie ganz selbstverständlich auf ihn zuging, ihn in die Arme schloss und ihm zuflüsterte, dass nun alles wieder gut werden würde, glaubte Adam ihm. Das lag nicht zuletzt daran, dass der Mann seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war und wie er später erfuhr, ihr Bruder war. Er spürte vom ersten Augenblick an, dass sie beide etwas Verband. "Sie haben mich erst gestern ausfindig gemacht und ich habe alles stehen und liegen gelassen, damit ich zu dir konnte. Aber jetzt bin ich da und kümmere mich um dich. Du bist nicht mehr alleine", versprach ihm dieser fremde und doch so seltsam bekannte Mann. Ab da an lebte Adam bei seinem Onkel.
Onkel Clyde nahm ihn bei sich auf und sie zogen in ein riesiges Anwesen, das mitten in der Stadt stand, aber umgeben war von viel Grün und vielen alten Bäumen. Adam fühlte sie wie in einem Märchen und sein wiedergefundener Onkel tat alles, damit er sich bei ihm wohlfühlte. Er war es auch, der bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr Adams Erbe verwaltete. Ein nicht zu verachtendes Erbe. Doch sein Onkel erzog ihn zur Sparsamkeit, brachte ihm bei, dass man sich niemals auf seine Herkunft oder seinen Ruf ausruhen sollte und nicht alles als selbstverständlich ansehen durfte. "Du wirst sehen, alles was du dir selbst hart erarbeitet hast, wirst du viel mehr zu schätzen wissen als alles, was dir in die Wiege gelegt wurde." Und damit hatte er recht behalten.
Adam begann schon früh in seinem Leben zu schreiben. Schon bevor er in die Schule kam, war er fasziniert von Büchern und Wörtern. Er wunderte sich regelrecht, wie diese vielen kleinen Buchstaben ganze Wörter ergeben konnten, die man lesen und sogar verstehen konnte. Und wie diese aneinandergereihten Wörter ganze Sätze bildeten, die zusammengenommen ganze Bücher ergaben. Bücher, die mit fantastischen Geschichten angefühlt waren, die ihm sein Onkel oft vorlas. Als er dann endlich selbst Lesen und Schreiben lernte, war es für ihn wie eine Offenbarung und er begann erste, kurze Sätze zu schreiben.
Zuerst schrieb er sich einfach all das von der kleinen Kinderseele, das ihn bedrückte, denn wie auch schon im Kinderheim, keiner seiner Altersgenossen mochte ihn wirklich. Man redete viel Unsinn über den Jungen mit den zweifarbigen Augen, der auch noch ausgerechnet bei einem unheimlichen Mann in einer großen, verwilderten Stadtvilla wohnte. Die Kinder ärgerten ihn deshalb, mieden ihn im besten Falle und die Lehrer übergingen ihn, weil er stets leise war und wenig redete. Einzig das Schreiben hielt ihn aufrecht, wenn er sich in seine Welt flüchtete und alles um sich herum vergessen konnte. Doch nicht nur das war anders an ihm.
In der sechsten Klasse fiel es ihm zuerst auf. Einer seiner Schulkameraden machte ihn aufmerksam. Bald schon konnte Adam nicht mehr aufhören an ihn zu denken, hatte ziemlich unanständige Gedanken über den Jungen und fragte nach langen Überlegungen seinen Onkel um Rat. "Und Mädchen? Magst du die?"
"Nein", hatte Adam ihm knapp geantwortet. An Mädchen verschwendete er nie einen längeren Gedanken als nötig. "Also magst du nur Jungs."
"Ist das schlecht?" Adam war alt genug gewesen, um zu wissen, was das bedeutete. Er wusste ganz genau was eine Schwuchtel war und das man dieses Wort als Schimpfwort benutzte. Das machte ihm Angst. Das jeder ihn für seltsam hielt, damit konnte er leben. Doch für abartig, oder verdorben wollte er nicht gehalten werden.
"Nein. Das ist nicht schlecht", beruhigte ihn Onkel Clyde. "Nur verstehen es die meisten Menschen nicht, wenn man so empfindet wie du."
"Dann muss ich es verheimlichen."
'Sonst hätten sie noch mehr Dinge, über die sie hinter meinem Rücken tuscheln können.'
"Es muss ja auch nicht jeder wissen. Nur die, die du in dein Leben lässt." Wie froh war Adam gewesen, dass sein Onkel ihn zu verstehen schien. Er ließ ihn der sein, der er sein wollte, der er eben war, und stellte auch keine Fragen, als Adam mal in Begleitung eines anderen Jungen sturzbetrunken nach Hause kam. Er war noch keine achtzehn gewesen, hätte also noch gar nicht trinken dürfen. Am nächsten Morgen knallte Onkel Clyde ihm ohne ein Wort zu sagen ein großes Glas Wasser auf das Nachtschränkchen, dazu eine Packung Schmerztabletten und verschwand wieder, nachdem er mit wohlwollenden Blick in Adams verkatertes Gesicht geblickt hatte.
"Wer war'n das gewesen?", hatte es neben Adam gebrummt.
"Mein Onkel", antwortete Adam daraufhin seiner abendlichen Eroberung, noch immer verwundert darüber, dass Onkel Clyde nicht wütend geworden war.
Als Adam schließlich volljährig geworden war, suchten er und sein Onkel zusammen für ihn eine Wohnung, fanden eine in einer wunderschönen alten Stadtwohnung, nicht unweit von dem Anwesen seines Onkels entfernt, wo Adam bald einzog. Endlich lebte er allein! Auch wenn er seinen Onkel sehr mochte und ihm alles zu verdanken hatte, war er froh, sein eigenes Reich zu besitzen und nun auf eigenen Beinen zu stehen. Jenes Reich, in dem er schon bald nicht mehr allein leben sollte, was er allerdings bei seinem Einzug noch nicht einmal geahnt, oder gar zu hoffen gewagt hatte.
Abb. -04.0-


*

Achtlos ließ Adam seine alte Kleidung in eine Ecke des Bades fallen und schlich ins Schlafzimmer. Laurel und Sky pennten wie Murmeltiere. 'Die bekommt man kaum wach, wenn sie einmal eingeschlafen sind', erinnerte er sich amüsiert. Trotzdem ging er so leise wie möglich dabei vor, seine Sachen aus dem Schrank zu holen. Sie zu wecken wäre keine gute Idee. Wie gut, dass er seine Kleidung auch im Dunkeln finden konnte. Dale hatte nichts von ihm weggeworfen und alles lang an seinem Platz. Diese Tatsache schnürte Adam die Brust zu. 'Als hätte er Angst davor, meine alten Sachen auszusortieren.' Er versuchte nicht weiter darüber nachzudenken und suchte sich dunkle Kleidung raus, damit er mit dem Dunkel der Nacht besser verschmelzen, und somit seinen Mördern so unauffällig wie möglich auflauern konnte.
Mit einer schwarzen Jeans, einem schwarzem dünnen Pullover und mit seinen damals so heißgeliebten Boots im Arm, verließ er das Schlafzimmer wieder. Für einen Moment blieb dabei sein Blick auf dem großen Bett hängen. Das hatten sie sich zuerst gekauft, nachdem Dale bei ihm eingezogen war. King Size. Eine riesige Spielwiese für zwei frisch Verliebte, die sie auch ausgiebig genossen hatten, wie er sich schmerzlich erinnerte.
"Das ist der Wahnsinn!", hatte Dale gerufen, als es endlich aufgebaut war und die Monteure verschwunden waren. "So viel Platz!", lachte er und warf sich übermütig auf die übergroße Matratze. "Was man hier alles machen kann ..." Lasziv räkelte sich Dale auf der noch unbezogenen Matratze und grinste Adam breit an.
"Was denn zum Beispiel?" Adam war zu neugierig gewesen. Nicht nur Dale hatte eine blühende Fantasie. Ihm fielen ebenfalls sehr, sehr viele Dinge ein, die er mit Dale darauf anstellen könnte.
"Na, wenn du nachts schnarchst, dann rolle ich dich ganz an den Rand der einen Seite, und ich lege mich auf die andere. Dort höre ich dich sicher nicht mehr", gluckste Dale verschmitzt grinsend.
"Hey! Ich schnarche nicht!" Gab's denn sowas?! Frecher Kerl!
"Jetzt noch nicht ... Aber wenn du alt und dick bist, und wir unseren Lebensabend auf diesem Bett verbringen, dann sicher."
Adams Grinsen gefror ihm auf der Stelle. "Du stellst dir vor, mit mir in diesem Bett alt zu werden?" Sein Herz begann wie wild zu schlagen.
"Ja. Und Fett." Dale lachte leise und klopfte mit seiner Hand auf die Matratze. "Lass es uns austesten. Komm!"
"Oh mein Liebling!" Wie konnte dieser liebenswerte Trottel nur so ruhig vor ihm liegen, während er ihm quasi eine Liebeserklärung auf Lebenszeit machte? "Du bist ..."
"Was bin ich?", fragte sein Schatz nach, weil Adam nicht weiterredete.
"Ich liebe dich, mein kleiner Wirrkopf."
"Uh. Eine Liebeserklärung und Beleidigung in einem?"
"Das war keine Beleidigung!"
"Dann beweise es mir", kicherte sein Freund und glitt mit der Hand zu seinem Hosenknopf. Ein leises Plopp, und die Hose war offen. Elektrisiert sah Adam Dales Fingern zu, wie sie ebenfalls den Reißverschluss nach unten zogen.
"Alles was du willst", raunte er seinem Liebling zu. "Und wenn es sein muss, auch die ganze Nacht lang."
"Yiepieee!", lachte Dale und hob ihm seine Arme entgegen.
Adam schüttelte grinsend den Kopf, stieg aufs Bett und zog seinen Schatz in seine Arme, der sich schnurrend an ihn drückte, und ihn ganz deutlich spüren ließ, wie sie die kommende Nacht verbringen würden. Diese Nacht und die Nächste. Und die Übernächste. Und die Über-übernächste. ...

Zurück im Badezimmer zog Adam sich zügig an. Diese Erinnerungen schmerzten. Einerseits lenkten sie ihn von seinem Vorhaben ab, andererseits fachten sie seinen Zorn noch mehr an. 'Er darf nichts von mir erfahren. Unter keinen Umständen.' Noch immer hatte er keine Ahnung, wie es Dale gerade ging und wo er überhaupt war, mitten in der Nacht. Er machte sich Sorgen.
Nachdenklich sah er sich im Spiegel an. Eine Art Maske wäre nicht schlecht. Nur für den Fall, dass sie sich doch über den Weg laufen würden. Ihm fiel die Kostümparty eines früheren Bekannten ein. Dale und er waren dort gewesen und hatten sich als Zombies verkleidet. 'Wie passend', dachte Adam sarkastisch und öffnete die kleine Schublade, in der sie alles mögliche an Bade- und Pflegeutensilien aufbewahrten. Darunter auch Dales Kajal. Adam hatte es immer geliebt, wenn Dale sich damit seine Augen geschminkt hatte. Doch den konnte er erstmal nicht gebrauchen. Da war die Karnevalsschminke doch schon viel besser. Mit der schwarzen, pampigen Schminke begann er sich die Augenlider zu bemalen. Danach verstrich er sie auch unter dem Auge, wodurch er jetzt wirklich wie ein Untoter aussah. Seine unterschiedlich pigmentierten Augen wirkten so noch bedrohlicher und leuchtender. Nur eins störte ihn noch: Die Narbe, die sich längs über seinem Auge entlangzog. Kurzerhand deckte Adam auch diese ab, wozu er nun doch zu Dales Kajal griff, und imitierte sie auf der anderen Gesichtshälfte, damit es nicht ganz so merkwürdig aussah und verlängerte die Striche bis runter zu seiner Wange. Das Gleiche tat er mit der Narbe an seinem Mundwinkel, schwärzte sogar seine Lippen mit ein. 'Nun sehe ich aus wie der lebende Tod. Wie eine tödliche Grimasse', befand Adam und legte die Schminke an Ort und Stelle zurück. Er war nicht mehr der Adam, der er vor seinem Tod war. Und das sah man nun auch umso deutlicher. Wie ein dunkler, tödlicher Schatten seiner Selbst wirkte er nun.
Leise ging er ins Wohnzimmer, trat vor das große Panoramafenster und sah dort hinaus. Wie oft hatten sie hier gestanden und die Aussicht genossen? Wie oft hier ruhige Abende verbracht, nur sie beide? Wie schlimm musste es für Dale gewesen sein, hier plötzlich ganz allein zu leben? Aber auch das war besser als tot in einem Sarg zu verrotten. Adam hatte sein Leben gegeben, damit Dale Seins weiterleben konnte und er würde es immer wieder tun.
Als er damals Dale das erste Mal sah, da wusste er, dass er einfach alles für diesen Mann tun würde. 'Wir gehörten von Anfang an zusammen. Waren zwei Teile eines Ganzen, die zusammengefunden hatten. Bis ...' Adam ballte seine Hände zu Fäusten. Hass verdrängte alles andere in ihm. 'Das werden sie büßen!'
Abb. -04.1-


*

Liebe auf den ersten Blick? Alles dummes Hollywood Geschwätz, um kleinen Mädchen die Höschen feucht werden zu lassen und um damit die Verkaufszahlen anzuheben. Das glaubte Adam jedenfalls, bis ... na bis er seinen Dale kennenlernte. Ab da an veränderte sich einfach alles in seinem Leben.
Sie lernten sich 2006 auf einem schnöden Straßenfest kennen, auf das Adam zuerst noch nicht einmal gehen wollte. Ein Bekannter von ihm hatte dort einen kleinen Stand und hatte ihn einige Tage zuvor eingeladen, doch mal vorbei zu schauen. Sein Onkel war erst vor kurzem gestorben, was Adam noch immer sehr zusetzte. Also ging er kurzentschlossen doch auf das Straßenfest, um auf andere Gedanken, und um vor allem mal wieder an die frische Luft zu kommen, nachdem er tagelang seine Wohnung nicht mehr verlassen hatte.
Ziellos streifte er an den Ständen und Läden vorbei, hielt mal hier und dort an, um sich etwas genauer zu betrachten. Zeit genug dazu hatte er allemal. Im Moment arbeitete er nicht viel. Er steckte in einer ausgereiften Schreibblockade, was als aufstrebender Schriftsteller pures Gift war. Doch wen interessierte es? Sein Erbe hielt ihn über Wasser. Für lange Zeit musste er sich wenigstens darüber keine Gedanken machen.
'Die Muse küsst auch mich irgendwann wieder', dachte er noch, da schaute er plötzlich in ein Paar wunderschön leuchtend braune Augen. Da war sie, seine Muse.
Adam blieb wie vom Blitz getroffen stehen, stand inmitten umherlaufender Straßenfestbesucher und hatte nur noch Augen für den jungen Mann direkt vor ihm, sah ihm zu, wie er mit jemanden redete, dabei lächelte und irgendwas antwortete. Er realisierte kaum, was genau dieser Mann mit den braunen Augen genau tat, und es war ihm auch egal. Alles was Adam wollte, war, ihm weiter dabei zuschauen, bis er den Mut dazu hatte, ihn anzusprechen. Allerdings fielen dem jungen Mann Adams Blicke recht schnell auf. Freundlich lächelte er Adam an und hielt ihm etwas entgegen. "Hallo. Möchtest du auch mal probieren?"
"Danke ..." Immer noch ganz gefangen von dem Anblick seines Gegenübers griff er sich das Ding, das er probieren sollte. Ohne nachzuschauen, biss er einfach in das Etwas hinein. Irgendein Stück Käse. Schmeckte jedenfalls nicht viel anders als der Käse, den er immer im Supermarkt kaufte.
"Schmeck's?", fragte ihn der Käseverkäufer und schenkte ihm ein Lächeln, das Adam beinahe vergessen ließ zu atmen.
"Wunderschön." Sofort fiel Adam dieser Fauxpas auf. "Ähm ... Ich meine wunderbar! Lecker!"
Der junge Mann mit den braunen Augen lächelte verschmitzt. "Möchtest du was davon? Wenn es dir so gut gefällt."
Adams Puls beschleunigte sich.
'Flirtet er mit mir?' "Kann ich auch alles haben?" Bei der Frage setzte fast sein Denken aus. Normal war er nicht schüchtern, oder auf den Mund gefallen. Doch noch nie hatte er gleich alles auf eine Karte gesetzt. 'Flirtet er jetzt doch nicht mit mir, dann habe ich gleich Käse für gut ein Jahr.'
"Alles?" Der Süße Kerl legte seinen Kopf schief und begann nun zu lachen."Das wird aber teuer."
"Und wenn es mich mein gesamtes Geld kosten würde. Gib mir alles." Kitschiger ging es nicht! Adam hätte sich am liebsten eine Ohrfeige verpasst.
'Ich Idiot! Was denkt er jetzt nur von mir?'
"Okay", meinte der Käseverkäufer leise. "Aber auf deine Verantwortung." Er nahm ein großes Stück Käse, packte es ein und wog es ab.
'Scheiße! Scheiße, scheiße, scheiße!' Der Süße hatte es doch falsch verstanden! Das war kein Flirt gewesen! Oder er wollte einfach den ganzen Käse schnell los werden.
Ein Kassenbon wurde ausgedruckt und an den verpackten Käse geheftet. "Das macht dann glatt siebenundvierzig."
"Ist gut." Hatte er überhaupt soviel Geld dabei? Er hatte, wie beruhigt feststellte, als er sein Geldbeutel rauskramte.
"Danke." Das Geld wechselte den Besitzer und Adam hielt diesen beeindruckend großen Brocken Käse in der Hand. "Sag Bescheid, ob sich der ganze Käse auch gelohnt hat."
"Was?"
Grinsend zeigte der Käseverkäufer auf den Kassenbon. Da stand eine Handynummer! "Für alle Fälle. Wenn der Käse nicht schmeckt, oder du ihn nicht allein schaffst und Hilfe von mir brauchst."

'Scheiß auf den Käse! Er hat mir seine Nummer gegeben!' "Wann hast du Feierabend?", fragte er den Süßen hinter der mobilen Käsetheke. Jetzt wollte Adam es wissen.
"In drei Stunden."
"Dann hol ich dich ab. Okay?" Hinter Adam wuchs schon eine unzufriedene Schlange wartender Kunden. Sie konnten ihn alle mal! Er hatte seinen Traummann gefunden! Da konnten diese Idioten doch mal für einen Moment auf ein Stück Käse warten!
"Ist gut. Aber wehe du bist nicht pünktlich."
'Yes!' "Ich kann auch gleich hier warten."
"Besser nicht." Der süße Kerl grinste frech. "Die Kundschaft läuft sonst noch davon, weil ich von dir dann ständig abgelenkt werde."
Adam erwiderte das Grinsen.
'Ich lenke ihn also ab ...' Der Gedanke gefiel ihm mehr als gut. "Wäre das so tragisch?"
"Na ja ..."
Eine ältere Frau trat hinter die Theke. "Dale?! Hör auf dich mit deinem Freund zu unterhalten und bediene die Kunden weiter."
"Ist gut Mama." Dale hieß dieser süße Käseverkäufer also. Und seine Mutter hielt Adam also schon für 's'einen Freund. Wenn das mal kein gutes Omen war!
"Wir sehen uns später. Dale", verabschiedete Adam sich fürs erste von diesem Traum von einem Mann.
"Freu mich drauf." Noch einmal verhakten sich ihre Blicke, bevor sich Adam umdrehte und ging. Einige Meter entfernt, blieb er jedoch wieder stehen und drehte sich noch mal zu dem kleinen Käsestand um. "Dale?! Ich bin Adam!" Das Lächeln, das Dale ihm daraufhin schenkte, eroberte Adams Herz im Sturm.
'Ich werde ihn in drei Stunden wiedersehen!' Überglücklich über diese unerwartete Begegnung suchte Adam das nächstbeste Café auf und wartete sehnsüchtig darauf, dass Dale endlich Feierabend hatte.

*

Adam kam knapp zwanzig Minuten zu früh am Käsestand an. Er hatte es einfach nicht mehr ausgehalten und wollte nicht weiter im Café rumzusitzen und nichts tun zu können, außer zu warten.
Kaum hatte Dale ihn erkannt, erschien wieder das atemberaubende Lächeln auf seinem Gesicht und seine braunen Augen schienen nur für Adam zu leuchten. "Du bist aber früh dran", begrüßte ihn Dale und wischte sich die Hände an seiner Schürze ab.
"Ich dachte mir, bevor ich zu spät komme, bin ich lieber zu früh."
"Eine wirklich gute Einstellung! Warte kurz, dann bin ich fertig."

'Kann's kaum erwarten.'
Den Rest des Tages verbrachten die beiden damit, über den Markt zu schlendern, hier und da eine Kleinigkeit zu essen oder zu trinken, während sie sich dabei unterhielten und sich so immer besser kennenlernten. Schließlich landeten sie spät Abends in Adams Wohnung. Sie brauchen nicht viele Worte, wussten beide, was nach dieser schicksalhaften Begegnung und dem schönen gemeinsamen Tag folgen würde. Adam hatte kaum die Wohnungstür hinter sich geschlossen, da umklammerten ihn Dales Arme. "Ich hoffe, du denkst jetzt nicht von mir, dass ich immer gleich zur Sache komme. Aber ..."
"Tu ich nicht. Und eigentlich, bin ich aus dem Alter auch schon längst raus. Aber ich denke, für dich falle ich gerne in alte Verhaltensmuster zurück", antwortete Adam ihm mit rauer, belegter Stimme und legte seine Hände um Dales Gesicht. "Ich will dich, Dale Greev. Seit dem ersten Augenblick an." Er spürte, wie Dale in seinen Armen erschauderte und kurz danach trafen sich ihre Lippen zum ersten Mal. Heiße Funken regneten über seine Haut, flossen bis in jeden verborgenen Winkel seines Körpers und verfrachteten ihn in den siebten Himmel. Adam wusste sofort, dass er nie wieder andere Lippen schmecken wollte.
Eigentlich war Adam auch nicht der Typ für Sex nach dem ersten Date. Schon lange nicht mehr. Aber mit Dale war alles anders. Besonders und einmalig. Es war noch nicht mal so, dass er unbedingt mit ihm schlafen wollte, sondern es war viel eher, dass er es kaum erwarten konnte, ihm so nah wie möglich zu sein, ihn spüren zu können. Es fühlte sich richtig an. Als müsste es so sein, und duldete keinen Aufschub.
Erst noch ganz schüchtern und sich vorsichtig aneinander rantastend, waren beide bald schon nicht mehr zu bremsen. Ihre Kleidung flog in alle Richtungen und verteilte sich wüst im Flur. Im Schlafzimmer fielen sie aufs Bett, entledigten sich der restlichen Kleidung und wälzten sich in den Laken, suchten den gegenseitigen Hautkontakt und konnten kaum mehr voneinander lassen.
Hinterher, nach einem schier nicht enden wollenden und berauschenden Höhepunkt, lagen sie müde und erschöpft aneinandergeschmiegt nebeneinander. Spätestens jetzt war es Adam klar: Niemals mehr würde er Dale wieder gehen lassen können.
Dale blieb über Nacht, den darauffolgenden Tag und die nächste Nacht auch. Bei seinen Eltern, er half zu der Zeit in ihrer Käserei aus, meldete er sich mit einer Ausrede ab. "Ich kann dich ja nicht einfach so alleine lassen", sagte er zu Adam, als er den Anruf beendet hatte.
"Nicht?" Verträumt ließ Adam seine Finger durch Dales samtweiche Haare streifen. Sein Liebling lag auf seiner Brust und kraulte im Gegenzug seinen Bauch.
"Jemand muss dir doch bei dem riesigen Berg Käse helfen."
Abb. -04.2-


***

Inzwischen war Adam in seinem alten Arbeitszimmer angekommen. Im Gegensatz zu den anderen Räumen, hatte sich hier gar nichts verändert und alles stand noch so, wie er es verlassen hatte. Anscheinend war Dale schon lange nicht mehr hier drin gewesen, oder hatte es seit seinem Tod erst gar nicht mehr betreten, denn eine dicke Staubschicht lag auf allem, was Adam anfasste, und sein ehemaliger Schreibtisch war tatsächlich unberührt geblieben, wie er feststellte. Das erkannte er auf den ersten Blick, da dort noch eine alte Einkaufsliste lag, die er zuletzt begonnen hatte. Adam wurde es ganz anders. Das hier war nicht mehr sein Leben. Es kam ihm so weit entfernt vor, es lang eine so unendlich lange Zeitspanne dazwischen, als hätte wäre er seit Jahrzehnten nicht mehr hier gewesen. Und eigentlich war es ja auch so, in gewisser Weise.
Gemächlich, als wäre er in einem antiken Museum, schlenderte er in seinem Büro herum, besah sich seine alten Besitztümer, fuhr mit seinen Fingern über Buchrücken und Möbelstücke. An einem der Bücher hielt er inne. Es war das Buch, das er endlich beendet hatte, nachdem Dale in sein Leben getreten war. Er nahm es aus dem Regal und schlug es auf. Er hatte es seinem Onkel gewidmet. Ihm, und natürlich seinem Liebling. Immer wieder musste er es aus seinem Büro holen, oder Dale hielt ihm sein Exemplar vor die Nase, weil er wollte, dass Adam ihm das Gedicht vorlas.
"Adam?!" Dale kam ins Wohnzimmer und hielt ihm das Buch entgegen. "Lies es mir vor." Braune Augen strahlten ihn verliebt und stolz an. Er konnte ihm diesen Wunsch einfach nicht abschlagen.
"Na schön." Dale lachte frech, weil er wiedermal gewonnen hatte, und reichte ihm das Buch. Adam blätterte auf die letzte Seite und als Dale sich an ihn schmiegte, begann er zu laut vorzulesen. "Dieses Gedicht widme ich einem ganz besonderen Menschen. Einem Menschen, der mir mein Herz gestohlen, und mir dafür etwas viel Wertvolleres geschenkt hat. Liebe."

Adam schob das Buch wieder zurück an seinen Platz. Er wollte das Gedicht nicht lesen. Nicht allein. Er trug es in seinem Herzen. Jedes einzelne Wort. Doch sie anschauen, oder gar laut aussprechen, das konnte er nicht. Nicht hier und nicht jetzt. Allein. Ohne seinen Dale.
Sein Herz krampfte sich zusammen. Er hatte damals all seine Gefühle in dieses Gedicht gepackt. Hatte Blut und Wasser geschwitzt, weil er so aufgeregt war, was Dale dazu sagen würde. Adam selbst war schon immer der Meinung gewesen, dass er unfähig dazu war, Gedichte zu schreiben. Er konnte es einfach nicht. Doch Dale zuliebe hatte er es gewagt. An dieses Gedicht zu denken, die Worte in sich wachzurufen, das wühlte mehr auf, als gut für ihn war. Deshalb wandte er sich schnell vom Bücherregal ab und kehrte an den Schreibtisch zurück, wo er den Bilderrahmen in die Hand nahm, der darauf stand. Mit dem Zeigefinger glitt er sanft über das Foto, das ihn und seinen Dale zeigte. Er hatte es einmal von ihm zum Geburtstag geschenkt bekommen, was er ziemlich amüsant fand, da er ja Zuhause arbeitete, in ständiger Nähe zu seinem Liebling.
"Und? Schließlich bin ich nicht immer hier. Ich muss auch arbeiten. So kannst du mich selbst dann bewundern, wenn ich unterwegs bin. Außerdem gehört auf jeden Schreibtisch ein Bild seines Partners. Ist doch klar!", hatte er halb ernst erwidert und Adam schlussendlich damit überzeugt. Wehmütig stellte er es wieder an seinen Platz und sein Blick richtete sich auf den Gegenstand, der direkt neben dem Bilderrahmen stand. Es war eine kleine Auszeichnung, die er damals von seinem Verlag überreicht bekommen hatte. Was war Dale stolz auf ihn gewesen!
"Rechnung. Rechnung. Rechnung. Ein Brief von deinem Verlag." Dale reichte ihm den Brief. "Rechnung. Werbung. Versicherung. Rechnung ..." Neugierig runzelte Adam die Stirn und studierte den Umschlag. Der sah teuer aus und war aus einem dicken, elfenbeinfarbenen Papier. Es kribbelte ihm in den Fingern, den Umschlag schnell aufzureißen, was er auch gleich tat.
"Das gibt's nicht!", hatte er geflüstert, nachdem er die geschrieben Zeilen überflogen hatte.
"Was Wichtiges?" Dale sortierte noch immer die Post.
"Wie man es nimmt." Er reichte seinem Liebling den Brief, schob ihn einfach über die noch nicht durchgesehene Post.
"Sehr geehrter Herr Coith,
wir freuen uns Ihnen mitteilen zu dürfen, das Sie als langjähriger treuer Autor unseres Verlages dieses Jahr von uns ausgezeichnet werden, und einen Preis für das am meistgekaufte Buch unserer Hauses überreicht zu bekommen. Daher laden wir Sie mit Begleitung am ... Oh Gott!" Dales Unterkiefer klappte nach unten. "Du bekommst eine Auszeichnung!" Freudig erstaunt zuckte Dales Kopf zu Adam, der noch immer wie paralysiert am Küchentisch saß. "Du bekommst eine Auszeichnung für dein Buch! AHHH!!!" Dale ließ die restliche Post quer durch die Küche fliegen und sprang wie eine Stahlfeder auf und ab.
"Ja. Das ist ... unfassbar!" Adams Mundwinkel zuckten nach oben. Nur langsam sickerte die Information in sein Hirn.
"Unfassbar?! Das ist großartig! Du bist jetzt ein Bestsellerautor!" So weit war Adam noch lange nicht, aber er sagte nichts dazu. Er freute sich riesig über diese Ehrung. Gerade dieses Buch bedeutete ihm mehr als alle zuvor geschriebenen. "Mein Mann ist ein Bestsellerautor!", jubelte Dale noch mal und sprang auf Adams Schoß um ihn zu umarmen und das halbe Gesicht feucht zu küssen. "Ich bin so stolz auf dich! All die viele Arbeit und deine Angst, dass dein neues Buch nicht ankommen wird. All das wird endlich belohnt!"
"Sieht so aus", lachte Adam und konnte es immer noch nicht fassen.
"Weißt du schon, wen du zu dieser glamourösen, extravaganten Preisverleihung mitnehmen wirst?" Dale klimperte mit seinen Wimpern.
"Natürlich! Laurie wird mich sicher gern beglei... AHH!"
"Laurie?! Hast du sie noch alle?" Sein Liebling begann ihn in die Seiten zu pieksen und in den Hals zu beißen.
"Daleee!" Adam schrie und gluckste atemlos. "Gnade!"
"Wen nimmst du mit?", fragte er und piekste Adams Seiten noch immer ohne Unterlass.
"Laurie!"
"Falsche Antwort", knurrte sein Liebling und biss erneut in seinen Hals.
"DICH! ICH NEHME DICH MIT!", gackerte er laut lachend. "Wen denn sonst, außer dich würde ich an meiner Seite haben wollen?"
"Wieso nicht gleich so?" Zufrieden beugte sich Dale vor und Schoß die Augen. Adam kam ihm in Erwartung eines Kusses entgegen, doch sein Liebling hatte andere Pläne. Anstatt ihm seine Lippen aufzulegen, rieb er seine Nasenspitze an Adams.
"Was war denn das?", wollte Adam empört über diese unerwartete Geste wissen.
"Was war was?"
"Bekomme ich keinen richtigen Kuss?"
"Das war ein richtiger Kuss", verteidigte Dale seinen 'Nasenknutscher' und tippte auf Adams Nasenspitze. "Kennst du das nicht?" Adam verneinte und sag Dale schräg an. "Weißt du, die Eskimos machen das so. Die küssen sich nicht, sondern reiben nur ihre Nasen aneinander."
"Ach?" Adam hob eine Augenbraue. "Also spielen wir heute mal versaute Eskimos?"
Dales Augen wurden groß, dann grinste er schäbig. "Versaute Eskimos ... Das heißt, ich soll dich mit der Nase ..."
"Sprich ja nicht weiter!", unterbrach Adam seinen Liebling und hielt ihm den Mund zu. "So was ist ja nicht zum aushalten." Dales Augen verengten sich zu Schlitzen und noch ehe sich Adam überlegen konnte, was sein kleiner Frechdachs als nächstes vorhaben könnte, spürte er schon, wie seine Handfläche nass wurde. "Und bei welchem Erdenfolk wird das praktiziert?" Er bekam nur ein Schulterzucken als Antwort, während seine Handfläche immer feuchter wurde. "Eigentlich ist das ja auch egal, denn mir ist unsere Art sich zu küssen immer noch am liebsten." Adam zog seine Hand weg, zog dafür Dales Kopf zu sich ran, wobei er seine Finger in das weiche Haar grub, verschloss dessen Mund mit seinem und küsste ihn auf die, seiner Meinung nach, einzig richtige Art.
Abb. -04.3-


Das leise Rauschen von weichen Federn holte Adam aus seinen bittersüßen Erinnerungen. Fast konnte er noch Dales nachgiebige Lippen auf seinen spüren und die weichen Haare zwischen seinen Fingern hindurchfließen fühlen. Sehnsucht wallte heiß ihn ihm auf. Verzweifelt schüttelte er sie ab und rief sich ins Gedächtnis, wieso er wieder hier war. "Hast du ihn gefunden?" Der große Vogel krächzte und flatterte wieder von dannen, schickte Adam jedoch Bilder, die ihn fast zum Aufschreien gebracht hätten. Dale saß vor seinem Grab, hatte eine Tablettendose in der einen, und eine Schnapsflasche in der anderen Hand. Seine Absicht war klar!
Hinter Adam klapperte etwas. Erschrocken glitt er in eine dunkle Ecke und lauschte angestrengt. Laurel und Sky waren wach geworden und schienen ganz aufgeregt zu sein. Sicher hatten sie Dales Verschwinden auch schon mitbekommen. 'Ich muss zu ihm!', dachte er. 'Und das so schnell wie möglich!'


"Verdammt! Sky! Im Bad ist er auch nicht." Laurel bekam Panik.
"Es ist mitten in der Nacht. Wo soll er denn schon hin?"
In Laurel Kopf ratterte es. So kurz nach dem Aufwachen war das gar nicht sein Ding. "Ich weiß wo! Adams Grab!" Es war so glasklar! Wo würde er auch sonst hingehen wollen?
"Vielleicht sollten wir ihn in Ruhe lassen."
"Fängst du schon wieder damit an?! Sky! Dale ist selbstmordgefährdet! Und heute ist es passiert! Heute vor einem Jahr hat Adam …" Laurel schloss die Augen. Er konnte es nicht laut aussprechen. Nicht jetzt, wo Dale vielleicht auch ... "Bitte lass uns ihn suchen. Ich habe ein ganz mieses Gefühl."
Sky kaute auf seiner Unterlippe herum. "Okay. Gehen wir ihn suchen."
"Danke!" Erleichtert atmete Laurel auf. "Ziehen wir uns schnell die Schuhe an, und dann nichts wie los!"
"Gut."
Als Laurel am Badezimmer vorbeilief, hörte er, wie dort das Fenster offen stand und laut gegen den Fensterrahmen schlug. Er sah kurz erschrocken ins Bad hinein. Dabei fiel ihm der offene und geplünderte Spiegelschrank auf. "Oh bitte nicht. ... SKY!", rief er, doch Sky stand schon im Türrahmen, einen kleinen Post-it in der Hand.
"In der Küche hing das hier!"
Voller Panik riss er seinem Freund das grell-orangene Zettelchen aus der Hand. "Wir müssen sofort los! Dale hat sich an den Medikamenten bedient." Skys Gesicht wurde schlagartig blass. 'Ich hasse es recht zu behalten', dachte Laurel und stürmte zusammen mit Sky kopflos und panisch aus der Wohnung.


Bei all der Hektik und der Angst um ihren Freund, bemerkten sie nicht, wie ihm Wohnzimmer eines der hohen Fenster aufgerissen wurde und daraufhin ein heftiger Windstoß durch die Wohnung zog. Auch den dunklen Schatten konnten sie nicht sehen, der durch das offene Fenster huschte, gedankenlos die fünf Stockwerke nach unten sprang, und sich ebenfalls auf den Weg zum Friedhof machte, noch bevor Sky und Laurel unten angekommen waren.
Es war noch nicht zu spät. Adam sah durch die Augen der Krähe, wie Dale vor der Gruft saß und redete. Er konnte ganz genau seine Stimme hören. Dale redete mit ihm! 'Ich bin gleich da, mein Liebling. Mach bis dahin bitte keinen Unsinn.'
Dale schüttete sich die Tabletten in die Hand, bereit sie jederzeit hinunter zu schlucken. "NEIN!" Adam lief schneller, hievte sich über Mauern und schlug sich durch dichtes Geäst. Schneller! Er musste schneller laufen! So durfte es nicht enden! Dale durfte nicht sterben!


Sie konnte nur zusehen. Was sollte sie auch schon anderes machen? Am Ende war sie nur dazu da, um ihrem Schützling zur Seite zu stehen, im alles zu zeigen was er wissen musste und bei ihm zu bleiben, bis alles durchgestanden war. Doch das dieser Mensch überlebte, war für seinen Schützling genauso wichtig, wie sich bei seinen Mördern zu rächen. Also bliebt ihr nichts anderes übrig, als ihm auch hierbei zu helfen. Würde es ihr Schützling jedoch auch rechtzeitig schaffen?
Sie stieß einen lauten Schrei aus und erhob sich in die kalte Nachtluft. Die Zeit wurde knapp und sie befürchtete, dass er nicht schnell genug war, um das aufzuhalten, was längst seinen Anfang genommen hatte.

***

Der Tod. Er schien Adams allgegenwärtiger Begleiter zu sein. Erst seine Großeltern, die kurz nach seiner Geburt starben, alle beide in einem Zeitraum von noch nicht mal einem halben Jahr, danach seine Eltern, die in ihrem Haus verbrannten und dann, über ein Jahrzehnt später, sein Onkel, den er über alles geliebt hatte und der ihm so eine große Stütze gewesen war.
"Was? Ja, natürlich komme ich sofort!" Völlig konfus legte Adam den Telefonhörer bei Seite. Nur langsam setzte der Schock ein, doch so konnte er unmöglich losfahren! Er griff wieder zum Telefonhörer, zitterte dabei wie Espenlaub und rief Laurel an, der sich sofort auf den Weg machte und ihn abholte.
"Oh Gott Adam! Wie geht es ihm?" Zusammen liefen sie die Stufen nach unten.
"Keine Ahnung. Die Ärzte geben doch keine Auskunft am Telefon. Der Arzt sagte nur, dass ich mich beeilen solle, wenn ich noch einmal mit ihm sprechen möchte." Laurel sah ihn traurig an. Adam realisierte die Worte des Arztes kaum. Er mochte nicht über die ganze Tragweite des Ganzen nachdenken. Jetzt zählte nur eins: Sie mussten schnell ins Krankenhaus.
Sie stiegen in Laurels Auto und fuhren los. "Beeil dich bitte Laurel." Adam schluckte heftig und untersagte es sich, jetzt loszuheulen. "Bitte halte durch, Onkel Clyde", bat er leise und alles in ihm drängte vorwärts.
Als sie schließlich ankamen, hielt Laurel direkt vorm Eingang des Krankenhauses und ließ zuerst Adam heraus, bevor er einen Parkplatz suchte, damit er so schnell wie möglich zu seinem Onkel konnte. Dieser rannte zum Fahrstuhl und fuhr in den dritten Stock, wo sein Onkel schon seit zwei Wochen lag. Adam wusste, dass dieser Tag irgendwann kommen würde, doch das er tatsächlich so schnell da sein würde, hätte er nicht für möglich gehalten.
Die Ärzte hatten den Krebs vor noch nicht mal einem Jahr diagnostiziert. Leider zu spät. Nächtelang hatte Adam wach gelegen, sich gefragt, wieso gerade sein Onkel. Lungenkrebs. Dabei hatte er nie geraucht!
'Er hätte viel eher zum Arzt gehen müssen', ging es Adam häufig bitter durch den Kopf, wenn er wieder nicht schlafen konnte. Doch Onkel Clyde war ein sturer Esel, der immer alles mit einer Handbewegung abtat. 'Das hat er nun davon.' Die Fahrstuhltür sprang auf und schon raste Adam voran und kam erst vor Onkel Clydes Zimmertür zum stehen. Er klopfte nicht an, trat gleich ein und schwankte in den kargen Raum, in dem zwei Ärzte neben dem Bett standen und den Zustand des Patienten bewachten. "Onkel Clyde?" Er schien zu schlafen, öffnete aber die Augen, als er seine Stimme hörte. Unzählige Steine fielen von Adams Herzen. Er kam nicht zu spät.
Vor einer Woche hatte Adam seinem Onkel versprechen müssen, dass er hier sein würde, wenn es soweit wäre. Adam war das so schwer gefallen, wie noch niemals etwas zuvor in seinem Leben. Gern hätte er jetzt auch einfach abgewunken, ihm gesagt, dass er wieder gesund werden würde, doch das konnte er nicht. Die Ärzte hatten ihnen unmissverständlich klar gemacht, dass sein Onkel nicht mehr lange hatte.
Onkel Clyde hatte eine Sauerstoffmaske auf, die er von einem der Ärzte abgenommen bekam, damit er reden konnte. "Adam ...", wisperte er müde und fing an zu husten.
"Schon gut Clyde. Du musst nichts sagen." Adam setzte sich auf das Bett und griff mit beiden Händen nach der bleichen, dünnen Hand. "Ich bin jetzt da", sagte er erstickt und drückte die Hand seines Onkels. Stundenlang hatte er überlegt, was er ihm sagen sollte, wenn es soweit war. Jetzt wollte es ihm einfach nicht mehr einfallen. Außer einem "Danke" kam ihm nichts über die Lippen. Sein Onkel lächelte schwach und drückte nun im Gegenzug seine Hand. Ganz leicht zwar, aber Adam konnte es spüren.
Dann ging alles ganz schnell. Als hätte sein Onkel nur auf ihn gewartet, fielen ihm die Augen zu und der Herzmonitor gab einen schrillen Dauerton von sich. "Zeitpunkt des Todes ..." Adam realisierte kaum, was ab da an um ihn herum geschah. Sein Onkel konnte doch nicht schon gestorben sein! "Oh nein", presste er erstickt hervor, fiel langsam nach vorn und bette sein Gesicht auf die Brust seines Onkels, genauso wie er es immer als kleiner Junge getan hatte, wenn er traurig gewesen war.
Onkel Clyde war seine ganze Familie. War alles, was er noch hatte. Jetzt war er wieder allein und einsam, wie zu der Zeit, als er im Kinderheim gewesen war.

Um ihn herum verfielen die Ärzte in ruhige Routine. Die Geräte wurden abgeschaltet und dann ließen die Ärzte Adam mit seinem Onkel alleine. Es wurde still im Raum und nun kamen die Tränen. Leise wanderten sie über sein Gesicht und versickerten in dem weißen Krankenhaushemd seines Onkels.
Er hatte keine Ahnung, wie lange er so dagelegen hatte. Längst waren seine Tränen wieder getrocknet, als es leise an die Tür klopfte und er Schritte hörte. "Bitte noch nicht! Nehmen Sie ihn noch nicht mit", flehte er.
"Ich bin es. Laurel." Erleichtert atmete Adam aus und setzte sich auf. "Brauchst du was?" Adam schüttelte den Kopf. "Soll ich dich noch etwas allein lassen?"
"Nein. Bleib bitte." Adam wischte sich übers Gesicht, hielt aber mit einer Hand weiter die seines Onkels. "Er war meine ganze Familie, Laurie. Was mache ich denn jetzt?"
"Dich um die Dinge kümmern, um die sich gekümmert werden müssen. Und danach tust du das, was du bei deinen Eltern nicht tun konntest. Dich von deinem Onkel verabschieden und um ihn trauern."
"Das kann ich nicht." Traurig sah er in die nun so leeren Gesichtszüge seines Onkels. Clyde war gegangen. Für immer.
"Das kannst du. Ich helfe dir." Laurel setzte sich neben Adam und zog ihn in seine Arme. "Ich bin bei dir." Adam hätte ihn am liebsten von sich gestoßen, konnte es aber nicht. Doch nicht, weil er sauer auf seine Worte war, sondern weil er um Laurels Gefühle um ihn wusste.
Damals war Laurel in ihn verliebt gewesen, hatte es ihm gegenüber aber niemals zugegeben. Für Adam war die Situation nicht die Einfachste, denn für ihn war Laurel stets bloß ein guter Freund gewesen und die Gefühle, die er für ihn hegte, waren zwar auch sehr stark, aber eben keine Leidenschaftlichen. Adam sah das alles mit Besorgnis, denn er hatte immer den Eindruck, dass Laurel sich in etwas verrate, das er ihm niemals geben konnte.
Das änderte sich aber glücklicherweise schlagartig, als Laurel Adam dabei half, den Nachlass von Onkel Clydes Firma zu verwalten. Dort lief ihm Skylar, der in der Firma damals arbeitete, über den Weg und von da an war Adam Geschichte. Liebes-mäßig gesehen. So sehr das Adam auch freute, änderte das nichts daran, dass er sich trotz allem noch immer alleine und zurückgelassen fühlte. Aber auch das sollte nicht lange so bleiben, denn schon bald danach, lernte er seinen Dale kennen.


Es wäre nicht auszudenken, wenn Dale sich jetzt etwas antun würde! Nicht, nachdem Adam vor einem Jahr sein Leben für ihn gegeben hatte. 'Ich bin gleich da, Dale! Gleich ...'

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