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Blutrote Lilie

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
31.10.2014
12.12.2014
14
100.556
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31.10.2014 7.943
 
Kapitel III.


Fest zog Rex an seiner Zigarette und füllte seine Lungen mit deren beißenden Rauch. Kurz danach ließ er den weißen Dunst wieder äußerst genervt aus seiner Nase weichen. Langsam wurde er ungeduldig. Wo blieben diese Wichser nur? Er hatte null Bock, sich hier stundenlang die Beine in den Bauch zu stehen. Inzwischen hätte er wirklich etwas Besseres mit seiner Zeit anstellen können. Doch Job war Job und sein Boss konnte recht ungehalten reagieren, wenn was nicht so lief, wie geplant, oder die Arbeit unverrichteter Dinge blieb. Also mussten sie hier warten, auch wenn es bis morgen früh dauern sollte, bis sich diese Idioten endlich blicken ließen.
"Mensch Rex. Ich hab keinen Bock mehr. Is stink langweilig hier." Rex konnte es seinem Kumpel voll und ganz nachfühlen, ging es ihm doch nicht viel anders.
Nur durfte er vor seinen Leuten nicht einknicken. Er war das starke Rückgrat ihrer kleinen Truppe. Eben Rex, der König. Der Löwe unter ihnen. Ihr Anführer. Der, der wusste, was für sie gut war und was nicht. Besonders aber wusste er, was für ihn gut war. Das stand immerhin ganz oben auf seiner Liste und war das Wichtigste überhaupt. Dazu gehörte auch, den Lakaien des Bosses zu spielen, solange es noch nötig war, denn irgendwann würde er den ganzen verfickten Untergrund dieser Drecksstadt anführen. Dessen war er sich mehr als sicher. Er musste jetzt nur stark bleiben und sich vor allem nichts zu Schulden kommen lassen, brav gehorchen und zufriedenstellende Arbeit abliefern.
Vor einigen Monaten war er diesem großen Ziel, seinem Ziel, schon ein riesiges Stück näher gekommen, denn er war zur Nummer zwei in der Reihenfolge ihrer großen, lukrativen Organisation aufgestiegen. Die helfende Hand des Bosses. 'Es dauert nicht mehr lange und dann stehe ich an der Spitze dieses Dreckslochs hier.'
Rex konnte den Boss nicht ausstehen. Doch wen juckte es? Der Boss war für ihn auch nur Mittel zum Zweck. Genau wie alle anderen auch. Wie zwei seiner mittlerweile drei Männer starken Gruppe, die er mühsam bei Laune halten musste. Gerade mehr denn je. Langeweile trieb manchmal seltsame Knospen, welche bei diesen zwei Idioten böse enden konnte, wie er nur zu gut wusste. "Hör auf zu flennen, Shock. Sie tauchen schon noch auf", grunzte er deshalb seinem quengelnden Kumpel zu und bedachte ihn mit einem strengen Blick, weil dieser gerade damit begonnen hatte, mit seinem kleinen, elektrischen Spielzeug zu spielen.
"Hoffentlich. Ich hab noch was vor heute." Die anderen pfiffen anzüglich. Und auch Rex konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, auch wenn es bloß ein mehr als dünnes Grinsen war. "Ist die Kleine so gut?", fragte er eher aus alter Gewohnheit heraus, biss sich allerdings sofort selbst in den Hintern. Hoffentlich beschwor er damit keine ausführlich dargebrachten Details herauf. Eigentlich mochte er gar nicht wissen, was Shock mit der Kleinen so alles anstellte.
"Näh! Wie alle anderen", grunzte er verächtlich "Aber ich hab meinen Spaß mit ihr." So so … Rex wusste, was das bedeutete.
Shock hatte seinen Namen nicht von ungefähr. Mr. Shocker war ein verdammter Sadist. Ganz nach Rex' Geschmack und, wie er fand, eine wahre Bereicherung für seine Truppe. Man konnte ihn zwar nur schwer unter Kontrolle halten wenn er einmal in Fahrt kam, doch Rex wusste, welche Aufgaben ihm lagen und er wusste vor allem, wie er ihn richtig anpacken musste, dass er nicht völlig durchzudrehen drohte. Zur Not auch weniger sanft. Wie lange das noch gut gehen würde, war eine andere Frage, auf dessen Antwort er gar nicht wirklich scharf war.
"Können wir nicht einfach abhauen und das auf Morgen verschieben? Ich friere mir noch den Schwanz ab", begann nun auch Walker rumzujammern.
"Dann hält sich der Schaden ja in Grenzen", kicherte Shock und ließ sein Spielzeug zischen.
"Klappe Shock!"
"Ruhe Jungs." 'Wie kleine Kinder!' "Wir hauen erst ab, wenn der Job erledigt ist." 'Ihr Mistsäcke bekommt ja auch nicht den ganzen Ärger ab, wenn die Kacke hier schief geht.' Walker grunzte verstimmt und lehnte sich an die kahle Hauswand neben ihm.
Rex beobachtete ihn etwas genauer. Zitterte er? Vielleicht ein wenig, doch es war noch im akzeptablen Rahmen. 'Dann scheint er vorher genug getankt zu haben. Der alte Säufer', dachte Rex sarkastisch. Wenn Walker mal auf dem Trockenen lag, konnte man mit ihm nichts anfangen. Aber solange er seinen Alkoholpegel aufrecht erhielt, war auch mit ihm nicht zu spaßen. Walker hatte einen rechten Harken, der einen alle Lichter ausknipsen konnte. Außerdem war sein fester Tritt ziemlich treffsicher und dank seiner Stahlklappenschuhe, das auch mit einschlagendem und schmerzhaften Erfolg.

Während Rex seinen Kippenstummel vor sich auf den Asphalt schnipste, ließ er seinen Blick zum hundertsten Mal über den Hinterhof umherschweifen. Nichts. Nicht die kleinste Bewegung. Entweder war ihre Info falsch gewesen, oder man hatte die Wichser vorgewarnt. Sein Nasenflügel zuckte angespannt. Ein untrügliches Zeichen, dass er nervös wurde. 'Shit!' Sollten die wirklich vorgewarnt worden sein, hatten sie jetzt ein Problem. Der Boss würde das als Ausrede nicht gelten lassen.
Skin, der einzige Drecksack in seiner Gruppe, dem er anstandslos vertrauen konnte, gesellte sich zu ihm. Von ihm stammte die Info, dass sich die kleinen Dealer heute hier austoben wollten. "Sie werden kommen. Meine Infos sind sicher."
"Ich weiß." Ja, das stimmte. Auf Skins Infos war immer verlass. Nur konnten diese auch in die andere Richtung gehen. Wer wusste schon, wer wem heimlich die selben Informationen zustecke? Doppelter Gewinn, sozusagen. Es war nicht immer von Vorteil, wenn man kein Gewissen hatte. "Ich hasse es nur, die Müllabfuhr für den Boss zu spielen", zischte Rex leise, damit es Walker und Shock nicht mitbekamen.
"Geht mir auch so. Aber ein wenig Spaß ist für uns doch alle mal drinnen. Und solange die Vergütung stimmt, ist alles andere doch sowieso egal."
"Hast ja Recht." Rex stieß dennoch genervt die Luft aus seiner Nase. 'Die kleinen Penner sollten besser mal endlich auftauchen!' Shock spielte noch immer gelangweilt mit seinem elektronischen Spielzeug. Kein gutes Zeichen. Nicht, dass der Irre noch auf den Gedanken kam, das Teil an einen von ihnen auszutesten.
Skin hielt ihm eine neue Kippe hin, die er aber ablehnte. Sein Kumpel zuckte mit den Schultern und zündete sie sich selbst an.
Skin war, wie gesagt, der Einzige hier, dem er sein Leben anvertrauen würde. Schon seit Ewigkeiten waren sie miteinander befreundet, teilten sogar meist ihre Freizeit miteinander. Der durchtrainierte Riese war eine imposante Erscheinung. Er brauchte keine Waffen. Seine Waffen waren seine schraubstockartigen Hände. Rex hatte sie auch schon einige Male zu spüren bekommen ... Natürlich war er da niemals ernsthaft in Gefahr gewesen. Skin würde ihm nie absichtlich wehtun.
Wenn es aber drauf ankam, dann nahm auch er eine Waffe zur Hand. Zuhause hatte er eine beängstigend große Anzahl an Schusswaffen und Gewehre. Früher waren sie oft zusammen in die Wälder gefahren um Wild zu jagen. Dazu hatten sie nun leider keine Zeit mehr. Sie jagten jetzt ganz andere Dinge ...
"Rex? Da!" Er drehte sich um und schaute in die Richtung, in die Skin zeigte.
"Da haben wir sie ja." Ein fieses Grinsen legte sich auf seine Lippen.
"Dann mal los Jungs", feuerte er seine Männer an. Jetzt war Party time!

Als der wortwörtliche König ging Rex voraus, die anderen bauten sich wie tödliche Schatten hinter ihm auf. Er liebte solche Auftritte. Ganz besonders, wenn sich ihre Gegner dabei fast in die Hosen machten. Ganz genau wie diese hier, auch wenn das diesmal eine nicht allzu schwierige Aufgabe darstellte. Denn das vor ihnen waren bloß kleine Milchbubis, mit diesen lächerlichen Baggys, die aussahen, als hätten sie gerade reingeschifft. Das hier waren kleine Pisser, die nicht wussten, wie in dieser Stadt der Hase lief.
So was gab es immer. Kleine Schulschwänzer, die meinten, einen auf Gangster machen zu müssen. Die dachten, die könnten einfach mal so auf seinen Straßen Drogen verticken und dabei natürlich noch eine Menge Kohle scheffeln. Eigentlich waren diese Gören kaum der Rede wert, doch solche Möchtegern-Gangster wie diese hier, lockten nur die Bullen in ihr Revier und das konnte sein Boss nicht gebrauchen. Die vermasselten einem nur die Geschäfte und die Geschäfte des Bosses waren recht lukrativ, weswegen Rex auch so heiß darauf war, sich dieses Imperium selbst unter den Nagel zu reißen. Deshalb war es in gewissen Maßen reiner Selbstschutz, wenn er diesen kleinen Mini-Gangstern jetzt eine gehörige Lektion in Sachen illegaler Geschäfte gab und er gleich die Fronten klärte, nur für den Fall, dass wiedermal solche halbstarke Schulabbrecher auf dumme Gedanken kamen. Und diese hier hatten das Glück, oder eher das Pech, dass Rex und seine Leute jetzt das Sagen hatten. Sogar mehr denn je.
"Hey! Was wird'n das wenn's fertig ist?" Rex trat auf die drei Bubis zu.
"Was geht's dich an, Penner?", quakte der scheinbare 'Anführer' zurück. Nicht sehr nett, die Kleinen.
Skin lachte leise und verschränkte seine gewaltigen Arme vor der Brust. "Wollt ihr uns mal nicht zeigen, was ihr da so alles feines an Naschkram dabei habt?" Er ließ seine Muskeln spielen. Sehr beeindruckend, wie Rex fand. Und immer wieder ein Erlebnis.
"Wollt ihr was kaufen?", plapperte einer dieser Winzlinge auch schon brav los und griff sich in die Hosentaschen, wo er das Zeug anscheinend gebunkert hatte. Amateure! Die konnten einem ja fast schon leid tun.
"Nee", winkte Rex ab und spuckte vor sich. "Davon haben wir selbst genug."
"Was willst'n dann Opa? Verschwinde lieber, bevor dein Herzschrittmacher 'nen Kurzen bekommt." Uh man!
Rex rieb sich innerlich die Hände. 'Das wird ein Spaß!' "Shock? Den übernimmst dann wohl du. Ehre, dem Ehre gebührt."
"Alles klar Boss." Das Funkeln in den Augen dieses Sadisten an seiner Seite jagte ihm eiskalte Schauer über den Rücken. Und das sollte was heißen. 'Irgendwann dreht der noch durch. Wenn er es nicht schon längst ist.' Rex wollte gar nicht wissen, was dieser Irre privat noch so alles anstellte. Sicherlich füllte er keine Poesiealben mit romantischen Gedichten und gepressten Rosenblüten.
Walker und Skin hatten sich mittlerweile seitlich zu den Hoppern gestellt und warteten auf ihr Zeichen. Blieb nur die Frage, gleich handeln oder noch ein paar erklärende Worte verlieren? 'Ach was. Das kann man auch hinterher noch machen.' Seine Jungs mussten vorhin lange genug hierauf warten. Wieso ihnen dann nicht sofort etwas Spaß gönnen?
"Meine Herren? Darf ich bitten?" Rex' Grinsen vertiefte sich, als er sein Messer aufschnappen ließ und seinen Kameraden zur Hilfe kam. 'Heute ist ein wirklich guter Abend.' Da war er sich sicher.

*

"Wehe ihr verdient auch nur noch einen Cent mit eurem Billigstoff. Dann reißen wir eure Ärsche bis zum Hals auf. Kapische?" Der kleine, heulende Feigling, den Rex am Kragen gepackt hielt, wimmerte brav seine Zustimmung.
"Sehr gut. ... Und jetzt macht, das ihr zu euren Mamis nach Hause kommt, damit sie eure kleinen, verweinten Äugelein trocknen können. Los! Sonst gibt's noch einen Nachschlag." Die Augen des Pimpf weiteten sich, denn Shock spielte vor dessen Gesicht mit seinem Lieblingsspielzeug herum. Es bratzelte laut und Rex stellten sich die Nackenhärchen auf. Er kam diesem Ding echt nicht gern zu nah.
Lachend sahen Rex und seine Männer zu, wie die drei Hopper ihre Beine in die Hand nahmen und Fersengeld gaben. "Habt ihr das gehört? Der eine hat doch wirklich nach seiner Mami gerufen!" Walker kringelte sich vor Lachen. "Für den Boss zu arbeiten hat auch seine Vorteile, was?"
Mit knirschenden Zähnen drehte Rex sich zu Walker. Er hasste solche Kommentare. "Ihr arbeitet für mich! Klar?! Nicht für den Boss!"
"Ja ... Klar Rex. Ich meinte ja nur, weil du ..."
Sauer packte er sich diesen dauerbesoffenen Idioten. "DU.ARBEITEST.FÜR.MICH!", spie er ihm entgegen. Dabei sah er den Stoppelkopf biestig an.
So oft es ging, musste Rex Walker und Shock klar machen, zu wem sie gehörten, denn 'Wenn ich zur Nummer eins aufsteigen will, brauche ich diese Mistkröten. Noch ...' Er konnte es wirklich nicht mehr erwarten, endlich diesen miesen Job als Handlanger und Kindermädchen aufzugeben. Denn das war er: Der Mann, der alles für den Boss erledigen musste und zudem musste er noch das Kindermädchen eines Irren und eines Säufers spielen. Rex hatte es manchmal so satt!


"Ja! Das weiß ich." Abwehrend hob Walker seine Hände." Du bist unser Boss." Mit Rex war nicht zu spaßen, wenn er so drauf war.
"Dann ist ja gut." Rex schleuderte ihn von sich und stürmte an den anderen vorbei, während Walker sich gerade so fangen konnte, um nicht von Rex wuchtigen Stoß auf den Hintern befördert zu werden. "Feierabend!", brüllte er ihnen noch zu und marschierte mit festen Schritten davon, während er sich eine Zigarette anzündete.
"Fuck! Was hat den den gestochen?" Shock schüttelte den Kopf.
"Lasst nur Männer. Ihr kennt ihn doch." Skin zog die Nase hoch.
"So'n Arsch!" Walker war angepisst. 'Der glaubt auch alles tun zu können, was er will.'
"Klappe Walker. Mach dich Heim und vergiss es. Er ist eben manchmal etwas angespannt. Rex hat als Nummer zwei eine große Verantwortung. Morgen ist er wieder wie immer."
"Hm." Daran glaubte Walker nicht mehr. Seit Rex den Deal mit dem Boss eingegangen war, wurde er immer grantiger und seine Laune explosiver. Früher hatten sie noch Spaß zusammen gehabt. Sind durch die Straßen getigert wie eine unheilvoll bringende Macht. Doch heute war es nur noch Arbeit. Nervtötende, eintönige Drecksarbeit. Sie waren die gefügigen Trottel des Bosses. Vielleicht wurde es Zeit zu gehen. Walker hatte schon öfter darüber nachgedacht die Truppe zu verlassen. Alles hatte eben mal ein Ende. Auch Freundschaften.
"Gute Idee, Skin. Zuhause wartet noch jemand auf mich", frohlockte Shock und verschwand ebenfalls.
"Ich mach mich auch. Bis morgen. Und ärger dich nicht."
"Mach ich nicht", grummelte Walker und spuckte auf den Asphalt vor sich.
Nachdem auch Skin abgehauen war, trabte auch Walker langsam davon. Ob er noch mal ins Larrys gehen sollte? Durst hatte er bekanntlich immer und Frustsaufen war eins der Dinge, die er besonders gut konnte. 'Also ab ins Larrys.' Seine Kehle war trocken und der Teufel behüte, dass Walker mal nüchtern wurde.

***

In seinem Inneren rumorte es. Alles zog ihn von hier weg, zu dem Ort, an dem er sich ihm näher fühlte als in ihrem einstmals gemeinsamen Zuhause. Woher dieses starke Zerren plötzlich herkam konnte er nicht genau bestimmen. Es war plötzlich da gewesen und es zu ignorieren brachte er nicht fertig. Bestimmt lag es am diesem verfluchten Jahrestag, dass er so fühlte. Er musste hier weg!
Auf leisen Sohlen schlich sich Dale in den Flur. Sky und Laurel schlummerten selig auf der Matratze vor seinem Bett und bekamen nichts von seinem geplanten Fluchtversuch mit. Schnell zog er sich Schuhe und Jacke an und machte sich auf den Weg. Es war schon kurz nach elf und Dale musste sich beeilen, um noch rechtzeitig zu seinem Babe zu kommen, zu seinem Babe, der schon seit einem Jahr nicht mehr bei ihm war ...
Kurz vor dem Treppenabsatz jedoch, stoppte er abrupt. Die Tabletten kamen ihm in den Sinn. Er dachte nach und wurde sich seiner Idee immer sicherer. Sein Leben hätte sowieso heute vor einem Jahr ein Enden finden sollen. 'Ich kann einfach nicht mehr', beendete Dale seine Gedanken, fühlte die Leere in sich immer deutlicher, und schlüpfte entschlossen wieder zurück in seine Wohnung. Wenn sie ihn jetzt ertappten, war alles aus. 'Dann stecken sie mich endgültig in die Klapse.' Aber ein Versuch war es wert.
Im Bad schnappte er sich wahllos einige Tablettendöschen, lief in die Küche und schrieb auf dem kleinen Post-it am Kühlschrank: 'Ihr seid nicht daran Schuld. Es war meine Entscheidung.' Er überlegte kurz. 'Hab euch lieb.' Das hatte er Laurel und Sky ewig nicht mehr gesagt. 'Ich bin so ein scheiß Freund.' Es war wirklich das Beste, wenn er diese Welt endgültig verließ.
Zusätzlich mit einer Flasche Jack Daniels bewaffnet, ging er endgültig aus seiner Wohnung. "Bye", flüsterte er, besah sich noch ein letztes Mal die Haustür, durch die er so oft ein und aus gegangen war. Meist war er dabei glücklich gewesen. Doch das war schon lange vorbei. Die Haustür fiel leise ins Schloss und er ging, ohne sich noch mal umzudrehen. Seine Entscheidung war längst gefallen. Er würde nie wieder diese Wohnung betreten.
Abb. -03.0-

***

"Sind sie sicher? ... Keine Übereinstimmungen?" Laurel seufzte in den Telefonhörer. "Dann suchen Sie weiter! ... Scheiße!" Lautstark knalle er den Hörer auf seinen Schreibtisch. 'Keine Übereinstimmungen.' Verzweifelt fuhr er sich übers Gesicht. "Soll ich ihm das sagen? Sorry Dale, aber die Wichser, die Adam auf dem Gewissen haben, haben noch nirgends ihre DNA hinterlassen. Pech für uns. Glück für sie?"
"Und der Taser? Gab es da mal was?", fragte Sky.
"Sie gleichen noch ab."
"Das ist doch etwas."
"Etwas?!" Laurel fuhr auf und lief im Wohnzimmer auf und ab. "Das ist ein Scheiß! Wir haben nichts! Keine Zeugen, keine passenden DNA-Spuren und Dale erinnert sich an nichts!"
"Was für ihn auch besser ist", murmelte Sky.
Laurel hielt inne. "Ja! Ja, da hast du vermutlich recht. ... Trotzdem haben wir nichts. Sky! Die Schweine werden davonkommen!"
"Niemals! Sag das doch nicht! Vielleicht kommt Dales Erinnerung ja noch zurück. ... Auch wenn ich es ihm nicht wünsche ... Ach, das ist doch alles Scheiße!"
"Ja, große Scheiße." Betrübt ließ Laurel sich wieder neben Sky sinken. Natürlich war es besser, dass Dale sich an so gut wie nichts mehr erinnern konnte. Dennoch half es ihnen nicht weiter, wenn der einzige offizielle Zeuge immense Lücken in seinem Erinnerungsvermögen hatte und der andere ... "Was machen wir jetzt?", fragte Sky und umarmte Laurel.
"Abwarten und uns um Dale kümmern." Morgen würde er aus dem Krankenhaus entlassen werden. "Wer weiß wie er reagiert, wenn er die Wohnung betritt." Noch immer war Dale in sich gekehrt und schottete sich von allem ab.
"Du meinst, dann bricht alles aus ihm heraus?"
"Kann gut möglich sein. Fragt sich nur, ob das nicht sogar besser wäre für ihn." Es tat Laurel jedes mal weh, Dale so abwesend zu sehen. Er fraß alles in sich hinein und nahm kaum Hilfe von anderen an.
"Wollen wir vielleicht vorher Adams Sachen aus der Wohnung räumen?" Laurel sah seinen Freund fassungslos an. Er konnte nicht glauben, was dieser ihm gerade vorschlug.
"Weißt du was Dale mit uns macht, wenn plötzlich alles von Adam weg ist?"
"Ich meine ja nur ..."
"Nein! Erst wenn er uns darum bittet. Eher nicht." Erst musste Dale mit dem klar kommen, was passiert war. Falls er dies überhaupt so schnell schaffte.

*

"Weg hier! ... Verflucht noch mal! Verpisst euch!" Laurel schob Dale in Skys Wagen, während der schon startete und nur darauf wartete, endlich loszufahren. "Fahr!" Auf Laurels Kommando gab Sky Gas.
"Das ist doch unnormal! Woher wussten die das?", fragte er und schaute Laurel im Rückspiegel an.
"Woher soll ich das wissen?" Besorgt schaute er neben sich zu Dale und legte einen Arm um ihn. "Alles klar bei dir?" Dale nickte bloß. "Es tut mir leid. Hätte ich gewusst, dass auf einmal lauter Reporter vorm Krankenhaus auftauchen, hätte ich dich da gar nicht erst raus gebracht."
"Egal", flüsterte Dale und starrte auf seine Hände.
Laurel schüttelte leicht den Kopf. Er war so ein Idiot! Wieso hatte er auch nicht dran gedacht? Der Überfall auf Dale und Adam hatte eine Menge Interesse auf sich gezogen. Sie waren überall in den Lokalmedien und einige Reporter lungerten schon eine Zeitlang vor dem Krankenhaus herum. Wenigstens hatten sie auf der Beerdigung ihre Ruhe vor ihnen gehabt und sie hatten sich in aller Stille von ihrem Freund verabschieden können.
"Hoffentlich sind keine von denen vor Dales Wohnung", meinte Sky und beschleunigte den Wagen.
"Ja. Hoffentlich." Verzweifelt beobachtete Laurel Dale. Er zeigte noch immer nicht die kleinste Regung.
'Als ginge es ihn überhaupt nicht an.'

Glücklicherweise lagen keine Reporter auf der Lauer, als sie vor Dales Wohnung ankamen. Sie betraten unbehelligt das Haus und halfen Dale die Treppenstufen hinauf, die er mit verbissener Miene und ohne jeden Ton hinaufstieg. Es zog ihn regelrecht nach oben. "Langsam! Du fällst noch!" Mit Mühe und Not konnte Laurel Dale am Arm festhalten und so verhindern, dass Dale kopflos in seine Wohnung stürmte. Dales Starre löste sich in dem Moment, als sie vor seiner Wohnung zum Stehen kamen und Dale langsam aus dem Auto ausstieg.
Eigentlich sollte Laurel froh darüber sein, doch er machte sich nur wieder Sorgen um ihn. Dales Reaktionen waren so unvorhersehbar, dass er ständig auf der Hut war und ihn keinen Augenblick aus den Augen ließ, was sich auch als gut herausstellen sollte, denn mit Dales Knie lief es immer noch nicht rund und er konnte gerade so mit seiner Krücke durch die Gegend humpeln, weshalb er fast gestürzt wäre, hätte Laurel ihn nicht gehalten.  
"Wir haben gestern für dich ein wenig eingekauft. Ist alles im Kühlschrank." Sky schleppte den Koffer voran und stellte ihn im Flur ab.
"Danke", murmelte Dale und fing an, jeden Raum zu inspizieren.
"Wir haben nichts umgestellt." Sky lachte gekünstelt.
'Oh, nicht doch Sky!' Laurels Freund konnte wirklich manchmal ein Trottel sein.
Als Dale die Besichtigungstour beendet zu haben schien, ließ er den Kopf hängen. "Dale?" Laurel war sofort bei ihm.
"Er ist nicht hier", flüsterte er leise.
"Wer ...?" Es machte Klick. Laurel schluckte hart und wusste erstmal nicht, was er tun oder sagen sollte. Hatte Dale etwa wirklich gedacht, Adam würde hier sein? Auf ihn warten und 'Überraschung' rufen? Das alles nur ein böser Traum gewesen wäre? "Komm. Setzt dich erstmal. Du sollst dein Knie noch schonen." Laurel versuchte ihn abzulenken, doch es half nicht. Dale klappte förmlich in sich zusammen und löste sich in Tränen auf.
Da hatten sie es. Die Antwort auf die Frage, wie Dale wohl reagieren würde, wenn er nach Hause kam. Auch wenn es schwer zu ertragen war, war Laurel über Dales Ausbruch erleichtert. Endlich ließ Dale seinen Kummer heraus, nachdem er sich wochenlang hinter einer imaginären Mauer verbarrikadiert hatte.

Sie verfrachteten Dale in die Küche, damit er sich setzen konnte. Mit dem Gesicht in den Händen verborgen, blieb er regungslos am Tisch sitzen, während Laurel und Sky einfach abwarteten.
'Wir sollten heute Nacht hier bleiben', beschloss Laurel. In diesem Zustand konnte er Dale unmöglich allein lassen.
"Sollen wir heute Nacht bei dir bleiben? Damit du nicht alleine bist." Keine Reaktion. Laurel schielte zu Sky, der nickte und mit seinem Vorschlag einverstanden war.
"Müsst ihr nicht", sagte Dale erstickt und wischte sich übers Gesicht. "Ich muss mich dran gewöhnen."
"Darum geht es doch gar nicht. Dir geht es körperlich noch nicht so gut und ..."
"Mein Körper ist mir scheißegal!" Dale stand schwankend auf und verließ die Küche.
"Verdammt!" Laurel und Sky eilten ihm nach. "Wir wollen dir doch nur helfen!" Sie fanden Dale im Schlafzimmer wieder. Vor dem riesigen Bett kauernd, sein eingegipstes Bein von sich gestreckt und erneut in Tränen aufgelöst. Es zerriss Laurel das Herz, seinen Freund so zu sehen. Er kniete sich neben ihn, traute sich aber nicht in zu berühren. Darauf konnte Dale ziemlich allergisch reagieren wenn er so deprimiert war, wie er schon einige Male feststellen musste.
"Wie soll ich das schaffen?", schluchzte er. "Wie kann ich ohne ihn ... Er fehlt mir so!"
"Ich weiß." Laurel schluckte fest, doch das hielt seine Tränen nicht auf. Er wollte stark sein, für Dale da sein, doch jetzt wurde er wieder schwach und fühlte sich so hilflos, dass er sich nicht rühren konnte.
"Wir vermissen ihn auch. Jede Sekunde." Sky hockte sich neben Laurel und bot ihm seine Schulter an, die er dankbar annahm. "Wir sind doch auch alleine ohne ihn. Bitte lass uns bei dir bleiben." Laurel bewunderte seinen Partner für diese Worte. Niemals hätte er das sagen können. Bei ihm wäre es wieder vollkommen anders rüber gekommen und hätte Dale sicher wieder sauer gemacht. Sky hatte seine Macken und konnte manchmal echt dämlich sein, aber in solchen Situationen war er unschlagbar.
Dale wischte sich nun übers Gesicht, zog die Nase hoch und richtete sich keuchend auf, um auf das Bett zu krabbeln. "Holt euch die große Luftmatratze. Ich bin müde." Erleichtert schloss Laurel die Augen. Dale ließ sie hier bleiben. Zuhause hätte er sonst kein Auge zugetan.
So leise es ging machten sie alles für ihre Übernachtung fertig und immer wieder schaute Laurel zu Dale, der auf seiner Seite des Bettes lang und das Kopfkissen seines verstorbenen Freundes fest im Arm hielt, während er sein Gesicht hineindrückte. Er schien leise zu weinen. Hin und wieder schüttelte sich sein Körper und man konnte ihn hören, wie er die Nase hochzog.
'Das wird eine lange, lange Nacht.' Wenn es damit doch nur getan wäre.
Abb. -03.1-


***

Kurz vor Zwölf. Dale hatte es geschafft! Ganz aus der Puste, die meiste Zeit war er gerannt, kam er an Adams Grab an. "Bin spät", keuchte er. "Aber bald bin ich für immer bei dir." Er umklammerte eine der Tablettendosen in seiner Jackentasche und war gerade dabei sich auf die Treppe setzen, so wie immer, hielt aber inne. Die roten Lilien waren total zertrampelt. Nur eine lag relativ heil am Rande der Stufen, die Dale aufhob und mit seiner Hand umklammerte. "Welches Arschloch war das denn?!" Wütend schob er den Blumenmatsch weg von der kleinen Gruft. "Solche Wichser!" Frustriert kickte er noch mal nach den Stängeln und bekam eine leichte Schwindelattacke. Das Gerenne war nicht die beste Idee gewesen. Aber was soll's? Nun war er endlich hier und ein Schwindelanfall war das geringste, worüber er jetzt noch nachdenken musste.
Müde ging er vorsichtig zurück und ließ sich auf seinem Platz niedersinken, die unversehrte Lilie legte er wieder neben sich. "Das war's also. Mein Dasein auf dieser Welt geht zu Ende." Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Erst brannte es unangenehm in seinem Hals, dann stellte sich die altbekannte Wärme in seinem Bauch ein. "Für mich gibt es einfach kein weiteres Dasein hier. Nicht ohne dich", flüsterte er und ließ seine Fingerkuppen über Adams Namen wandern. Dann griff er nach einer der Tablettendosen und schnickte den Deckel auf. Diese Dinger hatten noch nicht mal eine Kindersicherung! Da sah man mal wieder, wie nachlässig und leichtfertig man mit dem Leben anderer umging. Für Dale schrie es geradezu nach Tod und Selbstzerstörung. Als sollte es eben so sein.
Tränen schimmerten in seinen Augen. Doch eher aus Erleichterung, dass er sein mittlerweile so wertlos gewordenes Leben endlich beenden würde. "Ich habe wieder von dir geträumt. Letzte Nacht. Diesmal etwas Schönes." Dale schloss seine Augen, um sich die Bilder seines Traums wieder wach zu rufen. Noch einmal wollte er in schönen Erinnerungen schwelgen, bevor er die Tabletten einnahm.
Es war kein Traum im normalen Sinne. Dales schlafendes Hirn gönnte ihm einige Minuten des früheren Glücks und das Gefühl, alles wäre wieder in Ordnung. Der Traum führte ihn zurück in die Vergangenheit. Zeigte ihm einige Episoden seines verlorenen Lebens.
Adam und er waren frisch verliebt gewesen und sie hatten sich erst vor weniger Zeit kennengelernt, da schleifte Adam ihn mit zu einer Party seines besten Freundes. "Du wirst Laurie lieben!"
"Werde ich das? Und da willst du, dass ich mitkomme?"
"So meinte ich das doch gar nicht! ... Außerdem gebe ich dich nicht mehr so schnell her."
Dale hatte lachend aufgeschrien, denn nachdem Adam den Satz beendet hatte, umfasse er ihn plötzlich von hinten und zog ihn, noch halb nackt, aus dem Badezimmer. "Adam!"
"Was denn?"
"Ich muss mich für die Party anziehen!" Vergeblich versuchte Dale sich aus den Armen seines Freundes frei zu strampeln.
"Nachher. Erst ziehe ich dich noch mal aus." Wie hätte er da nein sagen können?
Am Ende kamen sie viel zu spät auf der Party an. Niemand nahm es ihnen übel, besonders Laurel nicht. Er wusste wie es war, frisch verliebt zu sein, da er selbst vor Kurzem jemanden kennengelernt hatte. Sky, der damals allerdings auf Laurels Party nicht anwesend gewesen war. Sky sollte Dale erst später kennenlernen.
Dale und Laurel verstanden sich auf Anhieb und Adam platze vor Stolz, Dale an seiner Seite zu haben, was er auch mehr als überschwänglich zeigte. "Das ist er. Der Mann den ich liebe", stellte Adam Dale jedem vor. Dales Bauch kribbelte dabei jedes Mal wie wahnsinnig. Die ganze Zeit über. Konnte man noch glücklicher sein?

Selbstverständlich hatten sie auch mal die ein oder andere Auseinandersetzung gehabt. Sie konnten sich sogar ziemlich heftig zoffen, wobei eher Dale so richtig aufdrehte, wenn er in Rage war. Adam blieb meist ruhig, ließ ihn wüten, warf hin und wieder ein paar Worte in den Raum und wartete einfach ab, bis sich der Sturm Dale wieder gelegt hatte. Die Versöhnung danach war dafür immer umso intensiver und der Grund des Streites war meist sehr schnell vergessen.
Noch immer konnte sich Dale an ihren ersten Streit erinnern. Sehr gut sogar. Er war einer der Wenigen, von denen er überhaupt noch wusste. Eigentlich war es weniger ein Streit, als ein kleines Missverständnis gewesen. Es passierte während Dales Einzug in Adams Wohnung. Die beiden kannten sich schon einen Monat lang und Dale hatte beschlossen, seinen Eltern von Adam zu erzählen. Es war nicht so gelaufen, wie er sich erhofft hatte. Das Ende vom Lied war, dass Dale einen riesengroßen Zoff mit ihnen gehabt hatte, weil sie es nicht tolerieren konnten, dass ihr Sohn eine feste Beziehung mit einem anderen Mann eingegangen war. Daraufhin hatte Adam ihn kurzerhand bei sich aufgenommen, weil Dale keine Sekunde länger mit ihnen unter einem Dach wohnen wollte. Noch am selben Tag packten sie Dales Sachen ein und schleppen die Kartons von der Wohnung seiner Eltern zu seinem neuen Zuhause, bis Adam einen dämlichen Satz losließ, den Dale zum nachgrübeln brachte und ganz langsam sauer werden ließ, je ausführlicher er über diesen Satz nachdachte.
Erst sagte Dale nichts dazu und fraß seinen Ärger in sich hinein, doch dann platzte  es aus ihm heraus. Er war gefrustet und genervt vom stundenlangen Kartons tragen und musste sich endlich Luft machen. Genervt fuhr er seinen Freund an, als dieser gerade eine Hand voll Kleidung auf die Schlafzimmerkommode ablegte und geschafft aufseufzte. "Weißt du was? Ich will nicht, dass du mich nur aus Pflichtgefühl bei dir aufnimmst!"
"Tu ich doch gar nicht." Adam sah ihn mit gerunzelter Stirn an und öffnete den Kleiderschrank, um Platz für Dales Kleidung zu schaffen. "Wie kommst du jetzt da drauf?" Die ganze Zeit hatten sie kaum miteinander geredet. Viel zu anstrengend war die ganze Schlepperei gewesen. Daher war Adams verwirrter Gesichtsausdruck umso verständlicher.
Das ignorierte Dale aber, denn Adams Kommentar brannte noch immer auf seiner Seele. "Du hast vorhin gesagt, ich zitiere wörtlich: Eigentlich noch ein bisschen zu früh für das hier, oder?"  
Adams Stirnrunzeln wich einer angehobenen Augenbraue. "Zickst du deshalb seit Stunden so rum?"
"Jetzt zicke ich auch noch rum?!" Dale war drauf und dran gewesen, wieder bei seinem Babe auszuziehen, obwohl er noch nicht mal richtig eingezogen war.
Adam wandte sich vom Kleiderschrank ab und ging auf ihn zu. "Dale? Mit dem bisschen zu früh meinte ich nicht deinen Einzug bei mir."
"Rede dich bloß nicht raus!"
Grinsend verschränkte Adam die Arme vor der Brust. "Damit meinte ich deine Libido."
"Was?" Verwirrt blinzelte Dale seinen Freund an. Was hatte das denn jetzt zu bedeuten?
"Du hast mir auf den Arsch gestarrt. Die ganze Zeit über. Mit dem Kommentar wollte ich dir klarmachen, dass es noch ein wenig zu früh für eventuelle Bettaktivitäten ist. Erst wollte ich deine Sachen in der Wohnung haben. Und da wir das jetzt haben ..." Langsam lief Adam weiter auf ihn zu, umfasste seine Hüfte und sah ihm tief in die Augen. "Ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als dich für immer und ewig bei mir zu haben."
"Ist das so?"
"So ist das", bestätigte Adam und raubte ihm einen atemlosen Kuss. Dales unausgepackte Sachen mussten warten. Erstmal war Zeit für die vorher erwähnten Bettaktivitäten und einer deftigen Entschuldigung für Dales dämlichen Gefühlsausbruch, die sich praktischerweise vereinen ließen.


"Weißt du, dass das einer der schönsten Tage meines Lebens war?" Dale wischte sich mit dem Ärmel seiner Jacke über die feuchte Nase. "Dieser Tag und der, an dem wir uns kennen gelernt haben." Die erste Schmerztablette fand ihren Weg in Dales Mund, ein kräftiger Schluck Jack Daniels gleich mit hinterher. "Als du mir das gesagt hast, dass du mich für ewig bei dir haben willst, da hätte ich vor Glück zerplatzen können. Allein, dass du mich in dein Leben gelassen hast, grenzte damals für mich an ein Wunder." Bevor er Adam getroffen hatte, sah es in Liebesangelegenheiten bei ihm eher mau aus. Klar hatte er schon seine Erfahrungen gesammelt, aber die große Liebe? Fehlanzeige. Immer hatte er sich abgemüht, dachte, wenn er alles richtig machte und sich zusammenriss, dann würde es irgendwann klappen. Dale wusste, dass er hin und wieder ein schwieriger Zeitgenosse sein konnte. Er war launisch, oder wie Adam immer sagte, zickig. Das hatte seine früheren Liebeleien immer wieder aus seinen Armen getrieben. Doch dann kam Adam und alles war so einfach gewesen. Wurde Dale zickig und launisch, lachte Adam nur, ließ ihn ihn Ruhe, damit er toben und wüten konnte, bis er sich abreagiert hatte. War das passiert, kroch Dale immer wieder reumütig zu Adam zurück, der ihn mit offenen Armen empfing.
Heiße Liebe durchflutete ihn, als er daran dachte. Weitere Bilder von Adam und ihm kamen hoch. Genau so wollte er sterben. Mit den Gedanken an glücklichere Tage. Keine Sekunde mehr sollten ihn die furchtbaren Erinnerungen heimsuchen, die sich heute vor einem Jahr abgespielt hatten. Er war bereit.
"Dann nichts wie runter mit dem Rest", nuschelte Dale und sah hoch in den Himmel, bevor er die Flasche abstellte und sich eine großzügige Menge Tabletten auf die Handfläche schüttete. Nachdenklich betrachtete er die Pillen und rollte sie in seiner Hand herum. 'Vielleicht reichen die paar schon aus, um mich zu dir zu bringen.' "Aber zuvor lass mich noch ein Wenig in schönen Erinnerungen versinken."

***

Dämlicher schwarzer Vogel! "Was soll ich hier?" Wehmütig schaute er an der gepflegten Fassade empor. Eigentlich musste er gar nicht fragen und konnte sich die gezischte Frage selbst beantworten. Adam brauchte dringend andere Kleidung. In seinem Anzug konnte er unmöglich weiter herumrennen. Außerdem war sein Hosenbein zerrissen und nervte ihn bei jedem Schritt.
Die Krähe flog hoch an eins der Fenster, das offen stand. Das war sein ehemaliges Badezimmer, wie er erkannte. Adam trat hinter den Büschen hervor, unter denen er stand und ging über die Straße. Vor der Tür blieb er stehen. 'Ich habe gar keinen Schlüssel.' Just in diesem Moment sprang die Tür einen Spalt breit auf. Er überlegte nicht lange, wunderte sich noch nicht mal groß darum, weshalb das geschah. Es war ihm sogar egal, da es doch eigentlich völlig klar zu sein schien. Wenn die Krähe ihn aus dem Reich der Toten zurückbringen konnte, dann konnte sie ja wohl auch eine läppische Tür öffnen! 'So muss es auch bei der Mausoleumstür gewesen sein', überlegte Adam und betrat sein altes Zuhause.
Drinnen umgab ihn das wohlige Gefühl, endlich nach einer langer Reise angekommen zu sein. Doch es verschwand wieder so schnell wie es gekommen war. Wut und der Hass traten an deren Stelle, die er auf seine Mörder hatte. Das trieb ihn wieder schneller voran und er nahm mehrere Treppen gleichzeitig, bis er ganz oben vor seiner alten Wohnungstür stand. Er schloss die Augen und wartete. Bilder tauchten auf. Das Innere seiner Wohnung. Er sah sie durch die Augen seines gefiederten Wegbegleiters, der sich durch das offene Badefenster Zutritt verschafft hatte. Noch etwas, das er einfach so hinnahm. Durch die Augen eines Vogels zu schauen, war auch nicht verrückter als die Tatsache, dass er noch vor einigen Stunden tot in seiner Familiengruft gelegen hatte.
Die Wohnung schien verlassen. 'Vielleicht ist er ausgezogen.' Das Dale noch lebte, hatte er sofort gewusst, als er seine Erinnerungen wieder zurückerlangt hatte. Das Gesicht, das er zuvor vor sich gesehen hatte, war Seins gewesen. 'Eher der Schatten seines früheren Selbst.' Adam schüttelte den Gedanken ab. Er durfte sich davon nicht ablenken lassen! Eile war geboten, denn jede Sekunde, die diese Mistschweine weiterleben durften, war eine zu viel.
Die Krähe flog ins Schlafzimmer. Dort lagen auf einer Matratze vor dem Boden zwei Gestalten. Adam erkannte sie wieder. Wehmut machte sich in ihm breit, als er seine beiden alten Freunde dort liegen sah: Sky und Laurel. Das Bett aber war leer. 'Wo ist Dale?' Ohne groß nachzudenken drückte er die Türklinke nach unten. Auch sie öffnete sich ohne Widerstand und hieß ihn nach langer Zeit willkommen.
Leise inspizierte Adam alle Räume. Überall herrschte Unordnung und es roch nach Hasch und Pizza, doch nirgends war sein Liebling zu sehen. "Wo ist er?", zischte er seinen Wegbegleiter an. Er befand sich nun im Bad und die Krähe hockte unruhig auf dem Waschbecken. Sofort fielen ihm die Tablettenpackung auf. Eine lag im Waschbecken, andere noch im halboffenen Spiegelschrank. Er musste einfach wissen, was das alles für Medikamente waren. 'Gehören sie etwa ...?' Kaum hatte er die Packung, die im Waschbecken lag, ergriffen, sah er seinen Dale vor sich. Wie er kotzend vor dem Klo hockte, sich Schmerz- und Schlaftabletten in den Mund schob, sie trocken schluckte. Er sah ihn auf dem Friedhof, wie er humpelnd auf dem Kiesweg entlanglief, sich hin und wieder sein Knie knetete, als würde es ihm wehtun. Dabei hatte er nur ein Ziel vor Augen: Sein Grab. Adam sah noch mehr und vor allem spürte er noch mehr. Die Schmerzen, die Dale noch immer hatte, seine Trauer, seine Sehnsucht, seinen verlorenen Lebenswillen.
Adam keuchte erstickt auf und schwankte leicht. Nun spürte er das verletzte Knie, das sich jeden Tag peinvoll bei Dale meldete und ihn jeden Tag nach immer mehr Tabletten greifen ließ.
Jeden weiteren Laut unterdrückend sank Adam auf die Knie und hielt sich die Hände vor den Mund, als ihm noch mehr gezeigt wurde. Seine Beerdigung. Er sah von oben auf Dale herab, der in einem Rollstuhl saß. Laurel und Sky dabei an seiner Seite. Sein rechtes Bein war vom Oberschenkel abwärts verbunden, genau wie Teile seine Arme. Ein dicker viereckiger Verband klebte auf seiner Wange und er war dabei, den dicken Stil einer Lilie zu zerdrücken, während er scheinbar teilnahmslos dabei zuschaute, wie sie Adams Sarg in die Gruft trugen. Er stand augenscheinlich unter Medikamenteneinfluss, damit er die schmerzenden Verletzungen und Wunden aushalten konnte. Verletzungen und Wunden, die bis heute noch nicht alle verheilt waren. 'Warum zeigst du mir das?!' Er erhielt keine Antwort.
Nur unter großer Anstrengung packte es Adam, nicht wieder wahllos alles kurz und klein zu schlagen. Kein Schrei löste sich aus seiner Kehle und außer ein paar erstickten Schluchzern war nichts zu hören. Hier alles zu demolieren und damit die beiden drüben im Schlafzimmer aufzuwecken brachte schließlich gar nichts außer Probleme. "Such ihn! Finde ihn! Zeig mir gefälligst wo er ist und wie es ihm geht!" Das war nicht die Aufgabe der Krähe und das wusste er. "Flieg schon!", knurrte Adam und pfefferte die halbleere Tablettenpackung in Richtung Krähe. Zeternd flatterte sie aus dem Badezimmerfenster und verschwand in die Nacht, um den Auftrag seines Schützlings gezwungenermaßen auszuführen.
Abb. -03.2-

***

Fest klopfte er an die große Stahltür. Drei mal, Pause und noch mal zwei Schläge. Rex wusste, dass er gerade durch einen kleinen Türspion gemustert wurde, weswegen den Kopf schräg stellte und seinen Mittelfinger erhob. "Mach schon auf du Ficker!" Der Riegel rumpelte quietschend. "Endlich!"
"Muumuuust miimimiich niiinich ..."
"Dauert die Unterredung noch länger, oder kann ich weitergehen?" Rex liebte es, diesem stotternden Schwachkopf einen rein zudrücken. Wie konnte der Boss so einen Vollpfosten für sich arbeiten lassen?
Grinsend lief Rex an ihm vorbei und ließ den Stotterer einfach stehen. "A ...A ... A ... Arsch!"
'Der Kleine wird ja richtig zutraulich.' Noch immer grinsend hob Rex ein zweites Mal die Hand und zeigte dem Türöffner erneut seinen Lieblingsfinger.
Mit eindeutig besserer Laune als noch vorhin auf dem stinkigen Hinterhof, betrat Rex das Innere des Gebäudes. Das hier war eine kleine Bar, in der man ausschließlich einkehrte, wenn man nicht ganz legale Geschäfte tätigen wollte, oder jemanden suchte, der unschöne Arbeiten für einen erledigte. Hier konnte sich jeder ein nettes Zubrot verdienen, falls man sich nicht vor etwas Blut ekelte.
"Rex! Schön dich zu sehen." Und da saß sie: Gina. Oder wie alle sie einfach nannten: Der Boss. Ja, Rex war der Untergebene einer Frau. Jedoch nicht irgendeiner Frau. Diese kleine Schlampe war mit allen Wassern gewaschen und tat alles, um das zu bekommen, was sie wollte.
Mit lässig übereinandergeschlagenem Bein und selbstzufrieden lächelnd, saß sie auf einer mit roten Samt bezogenen Protz-Couch. Ihre blonden Haare waren wie immer zu einem strengen Zopf nach hinten gebunden, was ihre eher zierlichen Gesichtszüge härter aussehen ließ, was sie sicher extra tat. Dazu noch der stets hautenge maßgeschneiderte Anzug und das Bild der harten Geschäftsfrau war perfekt. Wie gesagt: Gina war nicht zu unterschätzen. Und die, die es taten, erlebten ihr blaues Wunder.
Sie hob sich ein mit Scotch gefülltes Glas an den Mund und trank genüsslich die goldbraune Flüssigkeit. Zu ihrer Linken saßen zwei vollbusige Schönheiten und an ihrer Rechten einer ihrer ganz privaten Toyboys. Ihre rechte Hand lag auf dem nackten Oberschenkel des Schönlings und ihre roten Fingernägel drückten sich besitzergreifend in das feste Fleisch. "Hast du alles zu meiner Zufriedenheit erledigt?" Rex könnte kotzen!
"Natürlich Boss. Ich und meine Jungs waren wie immer erfolgreich."
"Wunderbar! Komm her und setz dich." Sie zeigte auf den Sessel zu ihrer Linken und Rex gehorchte ohne zu zögern. Eine der zwei Gespielinnen kam zu ihm und schmiegte sich an ihn. Sie war, wie alle 'Dienstleister' hier, halb nackt, von oben bis unten mit einem glitzernden Puder versehen und hatte eine unnatürliche Körpchengröße, die sie ihm lasziv gegen Arm und Brustkorb quetschte.
Rex schluckte. 'Schön ist was anderes.' Rex mochte Frauen nicht besonders. Er mochte ... 'Gar nichts!'
"Ein Glas Scotch?" Gina sah ihn aufmerksam an.
"Immer doch." Dieses Angebot auszuschlagen wäre fatal. Dem Boss schlug man nichts aus. Deshalb ließ Rex sich von einem weiten Handlanger des Bosses diesen widerlichen Scotch einschenken und tat so, als würde er die kraulende Hand genießen, die sich gerade an seinem Bauch gütlich tat.
"Wieso hast du deine Leute nicht mitgebracht?", wollte sein Boss wissen und aalte sich auf der widerlichen Couch.
Rex wusste ganz genau, was diese Frage zu bedeuten hatte. "Die haben alle noch was vor", antwortete Rex so beiläufig wie möglich.
"Was Wichtiges?" Etwas Lauerndes lag in ihrem Tonfall.
"Keine Ahnung. Ist deren Sache."
"Ja. ... Allerdings muss ein guter Anführer immer wissen was seine Untergeben so alles treiben."
Mit knirschenden Zähnen rang sich Rex ein Grinsen ab. "Ich vertraue meinen Leuten." 'Dem einem mehr, dem anderen weniger.'
"Sehr löblich. Aber Vorsicht ist besser als Nachsicht. Nicht wahr, meine Mäuse?" Die Weiber kicherten aufgesetzt und ihr Toyboy keuchte unterdrückt, da ihn der Boss wortwörtlich bei den Eiern gepackt hielt. Rex kam der Scotch hoch.
Er schaute weg und schwenkte sein Glas. Ablenkung war die beste Möglichkeit sich nicht durch ungewollte Mimiken zu verraten. Diese Schlampe hatte eine feine Spürnase, wenn es um so etwas ging. "Heute bin ich mit ihnen mal nachsichtig. Sie haben hervorragende Arbeit geleistet. Ansonsten zeige ich meinen Männern schon wo der Hammer hängt, wenn sie mal über die Stränge schlagen."
"Ah ja", lachte sie. "Das können sie gut. Schlagen. … Sicher treibt sich Walker wieder in einer schäbigen Spelunke rum. Shock hat bestimmt wieder Spaß in seinem 'Hobbykeller' und ich verwette meinen Arsch darauf, dass Skin gerade Gewichte in der Muckibude stemmt."
Wie zwei Löwen maßen sich die beiden mit ihren Blicken. 'Der Boss beobachtet mich und meine Leute also. Interessant.'
"Gut geraten", gratulierte er seinem Boss. "Das war aber auch nicht schwer herauszufinden."
"Sicher nicht. Aber ich kann auch noch ganz anders. Niemand kann ein Geheimnis vor mir verbergen. Ich bin nicht umsonst an der Spitze."
"Sicher nicht." Wie er diese selbstgefällige Schlampe hasste! Gina verengte ihre Augen zu Schlitzen und nippte an dem Drink. 'Was heckt sie nun wieder aus?'
"Ich habe einen neuen Job für dich. Und zwar nur für dich." Rex hatte es geahnt! "Einen wirklich angenehmen, will ich meinen."
"Das bekomme ich hin, Boss."
"Das wollte ich hören!", lachte sie und stand auf. "Welche der beiden gefällt dir am besten?"
Fassungslos sah Rex die blonde Ziege an. Meinte sie das im Ernst?! "Ich ... Aber ... Das geht doch nicht! Das kann ich unmöglich annehmen."
"Heute will ich mal nicht so sein. Du bist mein treuster Mitarbeiter. Meine Nummer zwei. Da hast du dir ein wenig exklusive Leckereien verdient. Oder stehst du auf ganz andere Früchtchen?" Ein überhebliches Grinsen stahl sich auf Ginas Gesichtszüge und sie fuhr mit ihrer Hand über die gestählte Brust ihres Toyboys.
'Niemand kann ein Geheimnis vor mir verbergen. Ich bin nicht umsonst an der Spitze.' Rex wurde es übel. Konnte es sein, dass ... "Die Linke. Ich stehe auf dicke Titten." Wenn er nicht aufpasste, kam ihm der Scotch wirklich noch hoch.
"Sehr schön! Viel Vergnügen. Sei so frei und nimm dir eins der unbelegten Zimmer hier", bot ihm Gina an und zwinkerte anzüglich. Danach drehte sie sich um und verschwand mit ihrem privaten 'Früchtchen' in dem hinteren Bereich, der in ihre eigenen Räumlichkeiten führte.
Das hieß ja dann wohl, dass er das hier nun durchziehen musste.Ob er wollte, oder nicht. 'Sonst hat mich der Boss völlig in der Hand, oder schlimmer noch: Die Schlampe schöpft Verdacht.' Das konnte er auf keinen Fall riskieren. Nicht, wenn er diese Schnepfe stürzen und ihren Platz einnehmen wollte.

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