Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Blutrote Lilie

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
31.10.2014
12.12.2014
14
100.556
7
Alle Kapitel
15 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
31.10.2014 10.809
 
Guten Abend! ^^ Heute Morgen war ich so im Stress (ich bin zu meiner Familie gefahren), dass ich total vergessen habe, das zweite Kapitel hochzuladen. Das hole ich jetzt schnell nach.
Einen schönen Restsonntag euch noch und einen guten Start in die neue Woche.
Eure Fara




Kapitel II.


Das war es jetzt also.
Die Zeit war gekommen.
Ein Jahr war vergangen, zwei miteinander verbundene Seelen waren auf grausame Weise voneinander getrennt worden, waren in Stücke gerissen worden, die eine schnell und ohne Gnade, die andere war dabei, sich langsam aus Einsamkeit und Schmerz selbst zu zerstören. Und die, die daran schuld waren, bereuten nichts. Ihre Tat blieb noch immer ungesühnt, was auch die rechtschaffenste Seele nicht ertragen konnte.
Es sollte also so sein. Endgültig.

Lautlos machte sie sich auf den Weg, nicht ohne noch mal zu dem blassen jungen Mann zu schauen, der bewusstlos in seinem Bett lag, dem Tod schon viel näher als dem Leben. Sie hatte mit ansehen müssen, wie er mit jedem Tag mehr an Lebenskraft verlor. Hatte seine traurigen, flehenden Gedanken gehört, ihn weinend und schreiend vor dem Grab seines Freundes liegen gesehen und wusste um sein zerbrochenes Herz. Genug war genug.
Manchmal musste das geschehene Unrecht anderen Mächten überlassen werden, damit Gerechtigkeit herrschen konnte. Immer dann, wenn es in der realen Welt keine Chance auf Wiedergutmachung mehr gab.
Ihr glänzender, spitzer Schnabel blitzte wie ein Dolch im fahlen Mondlicht und sie stieß ein lautes Krächzen aus. Es wurde Zeit. Zeit für ihn aufzuwachen und das zu tun, was die Lebenden nicht imstande waren zu tun. Rache ausüben und mit der Hilfe ihrer Kräfte diejenigen finden, die diese Gräueltaten verübt hatten. Sie schwang sich in die Lüfte und segelte ihrem Ziel entgegen.
Ein aufkommender Wind zerzauste ihr das Gefieder, als sie auf dem Türbogen der kleinen Gruft landete. Sie wartete, bis der Wind etwas nachließ, dann begann sie mit ihrer Arbeit. Sie pickte mit ihrem Schnabel auf das harte Gestein. Ein dumpfer Laut erklang. Danach ein weiterer. Ein dritter Schnabelhieb, ein vierter. 'Wach auf!' Die dumpfen Schläge schwollen zu einem Donnern heran. Sie spürte das Zerren in ihrem Inneren. Spürte, wie Teile ihrer eigenen Energie entzogen wurden, damit der noch tote Körper unter ihr in der Gruft bald bereit war für die unsterbliche Seele, die sie, in sich behütet, beherbergte. Sie überwachte das unheimliche Geschehen, das sich unter ihr abspielte, fühlte, wie der Körper ihres Schützlings eine Verwandlung durchmachte, wie sich die Wunden, die ihm zugefügt worden waren, schlossen und wie die Arbeit des Bestatters rückgängig gemacht wurde.
Und dann, ganz zaghaft und mit einem leisen dumpfen Laut, tat Adams Herz seinen ersten Schlag, nachdem es für ein Jahr lang still in seiner Brust ausgeharrt hatte. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Es war in Gang gesetzt. 'Wach auf!'

*

'Nein, nein, nein! Tut ihm nichts! NEIN!' Er versuchte sich zu bewegen, konnte es aber nicht. Der unerträgliche Druck in seinen Eingeweiden und die Angst lähmten ihn. Wie Feuer brannten diese Gefühle in seinem Körper und brachten ihn dazu laut zu schreien, doch nicht der leiseste Ton verließ seine Kehle. 'Tut ihm nicht weh! Er hat euch doch gar nichts getan!' Er hörte ein Lachen. Sein Lachen? Nein. Sicher nicht. So lachte er nicht. Nicht so ... Gehässig. Widerwärtig triefend vor Hass und Genugtuung. 'Fasst ihn nicht an! Nein! Ich bring euch um, wenn ihr ... NEIIIIN!!!' Etwas um ihn herum zerbrach. Er hielt sich die Arme vors Gesicht, lugte dann aber nach der ersten Schrecksekunde dazwischen hindurch. Ein großer, schwarzer Vogel kam mit einer unbeschreiblichen Geschwindigkeit auf ihn zugeflogen, zerteilte den Nebel in der Dunkelheit um ihn herum und krähte laut. 'Rache', dröhnte es in seinem Inneren. 'Es wird Zeit! … Wach auf, Mensch. ... Komm mit mir.'
Er breitete die Arme aus und starrte weiter auf die herannahende Krähe, die ihn kurz danach mit voller Wucht rammte. Er verlor das Gleichgewicht und fiel. Er fiel in ein bodenloses Loch, doch er hatte keine Angst mehr. Jetzt nicht mehr.
Der Aufschlag kam überraschend und drückte ihm die Luft aus den Lungen. Die Krähe krächzte laut, stürzte sich auf ihn hinab und ... Dunkelheit. 'Wach auf!'

'Wach auf!'


Ein bitteres Lachen, das fast einem Schrei gleichkam, gellte in seinen Ohren. Wo kam das bloß her? Das Lachen wuchs heran, wandelte sich gänzlich zu einem Schrei, der immer mehr anschwoll und schließlich so laut wurde, dass er langsam aufwachte.
Hatte er geschlafen? Jedenfalls war ihm so, als hätte er das. Hatte dort nicht auch jemand geschrien? Gelacht? Er versuchte sich zu erinnern, konnte es aber nicht.
Hatte er geträumt? Falls ja, dann war das ein merkwürdiger Schlaf gewesen, der ihm nicht die erhoffte Erholung schenken wollte und er hatte plötzlich das dringende Gefühl, sofort ganz aufwachen zu müssen. Als hätte er verschlafen, weil der Wecker versagt hatte.
Das Bedürfnis aufzuwachen wurde immer drängender. Mühsam kämpfte er sich an die Oberfläche und sein Bewusstsein kehrte endlich nach und nach zurück, auch wenn er noch nicht wusste, was überhaupt um ihn herum geschah, als ihm auf einmal furchtbar übel wurde. Seine Eingeweide schienen sich zu verknoten, sich krampfhaft zusammenzuziehen, nur um sich wieder zu entspannen, damit sie dieses Spiel gleich wieder von vorn beginnen konnten. Eben hatte er sich noch so schwerelos gefühlt, wie zwischen Schlaf und Erwachen, und mit einem Mal war es so, als habe ihm jemand einen Vorschlaghammer in den Bauch geschleudert. Schmerzen. Überall Schmerzen. Wo kamen die plötzlich her? Zudem kroch blanke, heiß-glühende Wut in ihm auf. Nur für einen Augenblick, der aber genügte, um ihn klarer denken, und völlig erwachen zu lassen.
Irgendwas stimmte hier nicht, wurde ihm auf eine komische Art bewusst. Die Magenschmerzen ließen zwar langsam nach, doch es ging ihm noch immer mies. Sein Schädel drohte zu explodieren und seine Brust schnürte sich eng zusammen. Langsam bekam er Panik. 'Ich muss aufwachen!'

Er riss die Augen auf, doch alles um ihn herum war dunkel. So dunkel, dass er noch nicht mal erkennen konnte, wo er sich aufhielt. Oder war es etwa ganz anders? Hatte er überhaupt noch Augen? Die Panik wuchs an. Erstmal musste er wissen, wo er eigentlich war. Eben war er doch noch ... Himmel! Wer war er eigentlich?! Wie hieß er?! Wo kam er her?! Was war, verflucht noch mal passiert?!
Er wollte schreien, doch ihm entkam nur ein erbärmlich dünnes Krächzen. Seine Kehle sowie sein Mund waren nur noch trockene, staubige Höhlen, aus denen gar kein Ton hervorkommen mochte.
Wenn er sich schon nicht bemerkbar machen konnte, ob ihn überhaupt jemand hier hören würde, bezweifelte er, dann konnte er sich eventuell selbst befreien und herausfinden wo er sich gerade befand. Mit seinen Fingern tastete er sich deshalb seitwärts, kam aber nicht weit. Ganz dicht, rechts und links neben ihm, befand sich eine Wand, bezogen mit etwas Weichem. An ihr fuhr er nach oben und begann heftig zu zittern, als er seine Lage langsam realisierte. Er war irgendwo eingesperrt! Etwa einen Kopf breit über ihm endete dieser enge Kasten. Wo war er verflucht noch mal?!
So fest er konnte, stemmte er sich gegen diesen Kasten, oder was auch immer das war, drückte und ignorierte die erneut anschwellenden Schmerzen in seinem Kopf. Ebenso wie das einsetzende Brennen in seinen Muskeln. Und es lohnte sich. Es knackte und die Decke gab plötzlich nach! Noch mal mobilisierte er all seine Kräfte und trat zusätzlich mit den Füßen zu. Das gab der beengenden Konstruktion den Rest. Sie widersetzte sich ihm nicht mehr und knallte laut krachend nach oben, wo sie seitwärts wegkippte.
Nach dieser Kraftanstrengung atmete er schnell und abgehackt, war dennoch unendlich froh darüber, dass er sich hatte befreien können und öffnete vorsichtig die Augen. Schwaches Licht blendete ihn, weshalb er sie schnell wieder schloss, doch wenigstens konnte er endlich was sehen. Vorsichtig setzte er sich langsam auf und nachdem eine weitere Schmerzattacke abgeklungen war, wartet er noch einige Momente, bis auch sein wild schlagendes Herz endlich zur Ruhe gefunden hatte. Trotzdem zitterte er noch immer wie Espenlaub.
Einen zweiten Versuch wagend, blinzelte er ein paar Mal, bis er keine Schlieren mehr vor den Augen hatte und ohne brennende Augen etwas von seiner Umgebung erkennen konnte. Jetzt sah er auch, wo er sich befand. Nur was das für ein Raum nun genau war, das wusste er immer noch nicht. Wer er überhaupt war, erschloss sich ebenfalls nicht aus seinem merkwürdigen Aufenthaltsort. Mit leichter Panik wurde ihm immer bewusster, dass er wirklich jegliches Erinnerungsvermögen verloren hatte. War ihm eben nicht noch so gewesen, als wüsste er ... Ja, was eigentlich? Er konnte sich einfach nicht mehr dran erinnern.
Er atmete ein paar mal tief ein, versuchte einen klaren Kopf zu bekommen, füllte seine rasselnden Lungen mit abgestandener Luft und versuchte sich zu beruhigen. Es klappte. Etwas ruhiger als noch vor wenigen Minuten, starrte er in die schummrige Dunkelheit hinein. Der Raum war klein und düster. Das wenige Licht hier drinnen schien von draußen herein, doch es reichte nicht im Entferntesten dazu aus, um sich hier drin orientieren zu können.
"Hallo?" Seine kratzig-dünne Stimme hallte von den Wänden wieder. Es sah nicht danach aus, dass ihn hier jemand finden würde. Sich leise räuspernd versuchte er erst einmal aus diesem Kasten zu klettern. Gar nicht so leicht, wenn man dabei zitterte, als läge man im Eis begraben. 'Begraben?' Heftig durchzuckte ihn eine leise Ahnung. Allerdings nur so kurz, dass er sie nicht zu fassen bekam. Wie ein Traum, an den man sich am nächsten Morgen nicht mehr erinnern konnte, trotzdem aber wusste, dass er da war, weil man noch immer das Gefühl dieses erlebten Traumes in sich trug. Doch all das Grübeln brachte nichts. Er musste zuerst hier raus. Danach würde er weitersehen.

Neugierig späte er über den Rand der Kiste, sah aber keinen Boden unter sich. 'Und wenn da keiner ist?' Eine Gänsehaut überzog seine Haut und er unterdrückte eine erneure Panikattacke. Unsinnig, so was zu denken! Schließlich war er in keinem Gruselroman aus dem neunzehnten Jahrhundert. Aber im Moment schien ihm selbst das möglich zu sein.
Egal! Er musste hier raus! Und wenn er gar nichts unternahm, dann versauerte er hier noch, in diesem komischen Kasten. Dann doch lieber fallen und unten aufschlagen, als hier bis in alle Ewigkeit ängstlich hocken zu bleiben. Er hatte sich entschieden, beugte sich weiter nach vorn, verengte seine Augen zu Schlitzen, um vielleicht doch etwas zu erkennen und
... verlor das Gleichgewicht.
"Ahh!" Krachend schlug er keinen Meter weiter unten auf dem Boden auf. "Shit!" Sauer schleuderte er diesen dämlichen Kasten von sich, der mit ihm eine Rolle gedreht hatte und halb auf ihm gelandet war. Schwankend richtete er sich auf. Er wusste, dass er auf seinen Knien gelandet war, ebenso auf seinen Handflächen. Nur taten diese merkwürdigerweise gar nicht weh. 'Möglicherweise liegt das an den vorigen Schmerzen.' Immer noch tobte es in seinen Gedärmen, stellte er gerade fest. Aber die Schmerzen blieben aus. Noch nicht mal ein unangenehmes Pochen an den aufgeschlagenen Stellen spürte er. Vielleicht war der Mensch auch nur für eine gewisse Menge an Schmerzempfinden gemacht. 'Unsinn! Aber schön wäre es ...' "Haaah!" Er beugte sich nach vorn und hielt sich den Kopf. Fast wäre er wieder auf seine Knie gefallen, konnte sich aber gerade so noch an die Wand hinter sich anlehnen. Wieder Erinnerungsfetzen, die ihn peinigten, doch ihm sofort wieder entglitten. Er versuchte es auszuhalten, irgendwie wegzuatmen, was ihm auch bald gelang. Jedoch waren die flüchtigen Bilder nun wieder in seinem Gedächtnis begraben und wollten ihm anscheinend nicht preisgeben, was hier vor sich ging. Nichtsdestotrotz war er mehr als froh darüber, dass die Kopfschmerzen nach der Attacke allmählich wieder nachließen.
Er richtete sich vorsichtig auf, drehte sich einmal um die eigene Achse und schließlich wurde ihm bewusst wo er sich befand. 'Eine Gruft! Ich bin in einer verdammten Gruft gefangen!' In dem dunstigen Dämmerlicht konnte er Särge erkennen, die in kleinen Nischen aufgereiht dastanden. Fünf Stück. Seiner nicht mitgezählt. Er erschauderte. Wie auch immer er in diese Situation gelangt war, er wollte auf der Stelle hier heraus!
Schnell hatte er den vermeidlichen Ausgang der Gruft ausgemacht und lief darauf zu. Mit aller Kraft stemmte er sich dagegen, doch nichts tat sich. Waren Mausoleen immer verschlossen? Gab es in ihnen eigentlich Notausgänge? 'Handyempfang?!' Hektisch tastete er seinen Körper ab. Kein Handy. Nichts! Hatte er überhaupt mal eins besessen? Er wusste es nicht mehr.
Wieder wendete er sich dem Ausgang der Gruft zu. "Hallo?!" Irgendwie musste er doch hier raus kommen! "Hallo!" Er horchte in die Nacht. Etwas klopfte von außen gegen die Marmorwand. Mit gerunzelter Stirn versuchte er genauer hinzuhören. Etwas fauchte. Nein! Kein Fauchen. Ein Krächzen. Wie von einer Krähe. Das Bild von schwarzen Schwingen tauchte in seiner Erinnerung auf, die er verwirrt abschüttelte.
'Na die hilft mir ganz sicher nicht', dachte er bitter und setzte zu einem zweiten Versuch an hier raus zu kommen. Mit Schwung warf er sich gegen die Marmortür der Gruft und schrie erschrocken auf, als er praktisch ohne Widerstand nach draußen stolperte und die zwei Stufen vor sich herunterrasselte.
"Au!", ächzte er. Natürlich war er genau auf seinem Hintern gelandet, nachdem er ins Straucheln geraten war und auf einer am Boden liegenden Blume ausgerutscht war. Merkwürdigerweise hatte er aber auch jetzt keine Schmerzen. Und auch das Rumoren in seinem Bauch hatte aufgehört. Ebenso die zerreißenden Kopfschmerzen. 'Wenigstens etwas.'

Wieder auf den Beinen zuckte er erschrocken zusammen, als hinter ihm der Eingang zur Gruft wieder zuschlug. Mit klopfenden Herzen sah er sich um. Er war tatsächlich auf einem Friedhof. Nur was suchte er hier, verdammt noch mal? Er konnte sich beim besten Willen an nichts erinnern, erkannte weder das kleine Mausoleum, noch den Friedhof. Erneut drangen sich im tausend Fragen auf, wobei ihm eine mehr Kopfzerbrechen bereitete, als alle anderen. Wieso hatte man ihn in einen Sarg gesperrt? Die Antwort darauf erschloss sich ihm noch immer nicht. Doch vor allem, wo wollte er jetzt hin? Zur Polizei? In ein Krankenhaus? Konnte es möglich sein, dass er krank gewesen war? Es sogar noch immer war? Hatte man ihm zum sterben weggeschlossen?
Seine Grübeleien wurden rüde unterbrochen, denn hinter ihm verlangte etwas seine Aufmerksamkeit. Die Krähe. Sie saß auf den Stufen, die in das Grab führten aus dem er sich gerade befreit hatte und stellte ihren schwarz-schimmernden Kopf schief. "Was?" Sie krähte ohrenbetäubend. "Kscht! Weg hier!" Er wedelte mit den Armen, doch das gefiederte Biest schien ihn deswegen regelrecht auszulachen. Sie krähte erneut und spannte ihre Flügel aus. Leicht beeindruckt von ihrer Größe, blieb er regungslos stehen und verlor sich für einen Moment in dem schwarz-blauen Schimmern des Gefieders. Dabei lauschte er in die Stille hinein, die hier herrschte und so langsam dämmerte ihm, was hier vor sich ging. 'Ich gehöre hier her. Ich bin gestorben.' Wie um seine Gedanken zu bestätigen, stieß die Krähe einen traurigen Laut aus. Aus irgendeinen Grund wusste er plötzlich was sie von ihm verlangte. Er konnte sie verstehen!

Ihr Schützling verstand es langsam. Er ahnte, dass er nicht mehr hier her gehörte, in das Reich der Lebenden, dass er nur aus einem ganz speziellen Grund wieder zurückgekehrt war. Noch wusste er nicht, was das für ein Grund war, oder was vorher geschehen war und weshalb er sich jetzt in dieser Lage befand. Aber das würde er noch früh genug erfahren. Sie musste ihn zuerst dorthin bringen, wo es geschehen war. Musste ihm zeigen, was noch in seiner Erinnerung begraben lag, und was sie gesehen hatte, damals, als er tot und erstochen auf dem kalten Betonboden der Treppe gelegen hatte.
"Dann zeig es mir. Zeig mir, wieso ich wieder hier bin", flüsterte ihr Schützling leise, woraufhin sich die Krähe lautlos in die Lüfte schwang. Adam Coith hatte noch einen schmerzhaften Weg vor sich, bevor er damit anfangen konnte, seiner Seele den langersehnten Frieden zu schenken. Doch der Weg musste gegangen werden. Adams Zorn und die glühende Wut in ihm mussten erneut entzündet werden, damit er das ihm noch Bevorstehende auch bewältigen konnte.

Er schaute der Krähe einen Moment lang gedankenverloren hinterher. Noch immer konnte er sich an nichts erinnern, obwohl er es krampfhaft versuchte. Nichts. Bis er sich umdrehte und der Krähe folgen wollte. Plötzlich tat sich vor seinem inneren Augen ein Gesicht auf. Es sah traurig aus. Hoffnungslos und resigniert. Der Anblick des jungen Mannes tat ihm unglaublich weh. Sein Herz zog sich zusammen und am liebsten hätte er aufgeschrien vor Schmerz. War er das? Nein, ganz bestimmt nicht. Dieser Mann war einer der Gründe, weshalb er wieder hier war. Weshalb er diesem schwarzen Federvieh folgen musste, das anscheinend ganz genau wusste, was zu tun war.
Er blickte in den dunklen Nachthimmel auf, atmete die kühle Luft ein und lauschte. Die Krähe rief ihn, zog ihn quasi zu sich. Mit festen und schnellen Schritten lief er los. Was auch immer ihm gezeigt werden sollte, er musste es wissen! Dazu war er anscheinend wieder zurückgekommen. Deswegen und wegen diesem Mann, den er eben vor seinem inneren Auge erblickt hatte.

*

'Es gibt Dinge, die sollte man nicht hinterfragen. Sie sind eben so, wie sie sind und man sollte auch nicht versuchen etwas daran zu ändern', hatte mal jemand zu ihm gesagt. Seine Mutter? Sein Vater? Er wusste es nicht mehr. Kein Wunder. Wusste er doch noch nicht mal wer er überhaupt war.
'So ein Unsinn! Das Leben besteht aus Fragen und aus der Suche nach seinen eigenen passenden Antworten darauf. Und man kann immer etwas verändern. Das sollte man sogar, wenn man keinen andere Lösung mehr finden kann. Wenn man traurig ist und nicht mehr weiter weiß', hatte jemand anderes daraufhin geantwortet. Jemand, der ihm sehr wichtig gewesen war und den er sehr bewundert hatte. Diese Worte hatten ihm Trost gespendet. Ging es damals um ihn? War er es, der nicht mehr weitergewusst hatte und traurig gewesen war?
'Um was ging es da bloß?' Auch das konnte er nicht beantworten. Aber der Satz schien ihm nicht umsonst eingefallen zu sein. Aber was bedeutete er für ihn? Vielleicht fiel ihm dieser Satz jetzt ein, weil er selbst auf der Suche war. Auf der Suche nach seiner Vergangenheit, dem Sinn seines jetzigen, untoten Daseins.
Über sich konnte er den kaum sichtbaren Umriss der Krähe ausmachen, der sich so gut wie gar nicht vom Nachthimmel abhob. Sie wusste die Antwort auf seine Fragen, wenn er sich auch nicht vorstellen konnte, wie sie ihm diese Antworten geben wollte. Doch er vertraute ihr auf eine komische Art und Weise. Deshalb huschte er wie ein Schatten hinter der Krähe her, quer durch die Stadt.
Eigentlich brauchte er noch nicht mal Ausschau nach ihr zu halten. Ganz instinktiv wusste er, wohin sie ihn führen wollte, welchen Weg er einschlagen musste, auch wenn er das Ziel selbst noch nicht kannte. Einige Dinge kam ihm zwar bekannt vor, Häuser zum Beispiel, oder markante Bauwerke, nur konnte er sie in seiner Erinnerung nirgends unterbringen.
Anderen Menschen ging er aus dem Weg. Es war besser so. 'Ich weiß ja noch nicht mal, wie ich aussehe. ... Aber das kann ich ändern.' Ein kleiner Kiosk fiel ihm ins Auge. Alles Menschenleer. Er wurde langsamer und lief darauf zu, nicht wissend, wer oder was genau ihm da gleich in der Spiegelung der Glasscheibe anstarren würde. Seine Hände jedenfalls sahen ganz normal aus, stellte er erfreut fest. An seiner linken Hand trug er einen breiten, silbernen Ring, wie ihm erst jetzt auffiel. 'Der gehört mir nicht', kam es ihm plötzlich in den Sinn. Doch woher nahm er diese Gewissheit?
Er dachte erstmal nicht weiter darüber nach und trat mit gesenkten Kopf unter die Straßenlaterne. Zuerst noch hielt er seine Augen geschlossen und horchte leise in sich hinein. Er atmete. Sein Herz schlug. So, wie es bei einem lebenden Menschen ganz normal war. Aber er war nicht normal. Dessen jedenfalls war er schon mal bewusst.
Vorsichtig und neugierig riskierte er einen nervösen Blick in das spiegelnde Glas. 'Das bin ich also ...' Nichts von dem, was er sich vorher ausgemalt hatte, war in der fleckigen Glasscheibe zu sehen. Keine eitrigen Beulen, zerfallene Wangen oder Schimmelbefall. Sahen Tote nicht meist so aus? Zog sich ihre Haut nicht zurück, sodass es aussah, als wären ihre Haare selbst im Tode noch gewachsen? War sie nicht bleich und wächsern? Bekam man keine Totenflecken?
Nichts davon verunstaltete ihn. Ein ganz normaler Mann, circa Mitte zwanzig, schaute ihm entgegen und würde er sich selbst auf der Straße begegnen, würde er niemals denken, dass er vor kurzem aus seinem Grab entstiegen war. Markantes Kinn, gut definierte Wangenknochen, wache Augen, eins grün, das andere braun, was er überrascht wahrnahm. Das Haar war etwas zerzaust, aber wen störte es? Das solle ihm erstmal jemand nachmachen! Eben noch lag er in einem Sarg und nun spazierte er wieder unter den Lebenden umher.
Er hob sein Gesicht etwas an. Längs über seinem linken Augen schimmerte eine längliche Narbe, die sich von der Augenbraue bis zur hoch zum Stirnansatz zog. Auch an seinem Mundwinkel hatte er eine helle Linie. Zaghaft fuhr er die Narbe an seinem Mund mit den Fingern nach. Es sah so aus, als würde sein Mundwinkel in die Länge gezogen. Als wäre sein Mund zu einer bitter-grinsenden Maske verzogen. 'Und woher stammen die?' Auch das würde ihm sicher bald wieder einfallen.
Neugierig blickte er an sich herunter. Er trug einen schwarzen Anzug, in dem er ganz offensichtlich beerdigt worden war. Seine Füße waren nackt. 'Ich brauche Schuhe.' Auch wenn es ihn gar nichts ausmachte, hier ohne Schuhe herumzulaufen. Nur fiel er damit bestimmt jedem auf, der seinen Weg kreuzte. Er inspizierte sich weiter, bis sein Blick auf etwas richtete, das im fahlen Licht der Straßenlaterne funkelte.
Er hatte eine Kette um seinen Hals hängen, dessen Anhänger er nun neugierig in die Finger nahm. Er hatte die Form eines Flügels und auf der Rückseite stand etwas.
06-06-16 D & A

Was auch immer das zu bedeuten hatte, es war wichtig. Dessen war er sich sofort sicher.
Über ihm flatterte es leise. Die Krähe hatte sich auf das Vordach des Kiosks gesetzt und schien ungeduldig darauf zu warten, dass er endlich weiterlief. Er sollte wohl besser schnell mit seiner Selbststudie fertig werden. Ihre Krallen schabten laut über das Wellblech "Ich komme ja schon." Schief grinsend schaute er ihr nach, als sie wieder ins Dunkel verschwand. Ob ihm die Antworten auf seine Fragen gefallen werden? Irgendwie bezweifelte er es.
Abb. -02.1-

***

"Nein. ... Wir lassen ihn im künstlichen Koma ..." 'Koma?'
"Ist er so schwer verletzt?" 'Verletzt? Wer ist verletzt?' Dale versuchte die Augen zu öffnen, doch seine Augenlider waren schwer wie Blei. Auch bewegen konnte er sich nicht. Was war nur passiert? Wo war er?
"Oh Gott! ... Wird er ... Er stirbt doch nicht auch noch?" Redeten sie von ihm? Dale war sich nicht sicher. Er erkannte Laurels Stimme, von wo auch immer sie herkam. Er sah ja nichts und in seinen Ohren hallte jedes gesprochene Wort nach. So gern er sich ihm auch bemerkbar machen wollte, ihn fragen wollte, was hier denn eigentlich los war und warum er in dieser Lage war, er konnte es nicht. Das Einzige, das er konnte, war liegen zu bleiben, wo auch immer das war, und den merkwürdig verzehrten Stimmen zuhören, die sich unter piepsende und zischende Geräusche mischten.
'Nur die Ruhe', dachte er. 'Das wird schon wieder. ... Irgendwie.'
Er versuchte einzuatmen, doch es blieb nur bei dem kläglichen Versuch. Wenn er noch nicht mal atmen konnte, lebte er dann überhaupt noch? Wie ging das? Panik erfasste ihn. Sein Herz begann zu rasten und ... Das bedeutete doch, dass er nicht tot war. Sein Herz schlug. Ja! Jetzt konnte er es ganz genau spüren. Wie es in der Brust das Blut durch seinen Körper pumpte und ihn mit Sauerstoff versorgte, woher auch immer der kommen mochte. Oder atmete er doch? 'Was ist hier nur los?' Erneut versuchte er sich zu bewegen und nach Laurel zu rufen, doch es misslang ihm wieder.
Da er ganz offensichtlich nichts dagegen tun konnte, versuchte sich Dale an das Letzte zu erinnern, was ihm widerfahren war. Doch da war nichts in seiner Erinnerung. Alles war dunkel und er fühlte sich unglaublich allein. Vermutlich lenkten ihn auch die Stimmen ab, oder das ständige, monotone Piepsen, welches einfach nicht aufhören mochte. Dale blendete es so gut es ging aus und suchte erneut nach irgendwelchen Erinnerungen, fand aber keine. In seinem Kopf herrschte heilloses Chaos, das sich nicht bändigen ließ. Die erneut einsetzende Panik wurde von dem schneller werdenden Piepsen begleitet. Wieder aufgeregtes Stimmgewirr. Einsetzende Hektik.
'Wieso hilft mir niemand?'
Mit einem Mal durchflutete ihn warmes Gefühl und die Stimmen seiner Freunde, sowie das Piepsen waren plötzlich verstummt. Was war den jetzt los? War er allein? Wo waren die anderen hin? Er wusste es nicht, wusste nur, das hier etwas ganz gewaltig nicht stimmte.
Ob er träumte? Falls ja, dann musste er versuchen, sofort aufzuwachen. Er würde jetzt einfach die Augen aufschlagen, sich nach links drehen und sich an Adam schmiegen, diesen furchtbaren Albtraum schnell vergessen, indem er weder reden, noch sich bewegen konnte. Er würde in Adams Gesicht schauen und ...
'Adam!' Hätte er es gekonnt, hätte er jetzt erschrocken die Augen aufgerissen, als ihm sein Freund in den Sinn kam.

Er hörte Adam auf einmal schmerzhaft aufstöhnen und sah sich nach ihm um.
'Adam?!' Dale versuchte die Laute zu lokalisieren, fand jedoch nur einen kleinen Lichtpunkt, der sich ihm zu nähern schien. 'Ich muss träumen.' Das konnte nicht real sein! Niemals!
Abwartend starrte Dale das auf ihn zukommende Licht an. Es wurde immer größer und heller, je näher es kam. Bald schon wurde es so hell, dass er regelrecht geblendet wurde und dann begann seine ganz persönlich Hölle auf ihn ein zu stürmen. Ihm wurde mit einem Schlag die Luft aus den Lungen gedrückt und er dachte, gleich ersticken zu müssen, als er sich mit einem Mal an alles erinnern konnte. Aber nicht nur das.
Dale war wieder da. Lag in diesem furchtbaren Hauseingang und erlebte binnen Sekunden all das wieder, was dort mit Adam und ihm geschehen war. Er spürte, wie ihm jemand etwas an die Arme drückte, wie sofort brennender Schmerz in ihm aufflackerte, wie er getreten und beschimpft wurde, wie er versuchte, sich zu wehren, es aber nicht schaffte. Wieder konnte er sich nicht bewegen.
'Nein!' Dale versuchte die Erinnerungen niederzukämpfen. Mit aller Macht. Er hatte sich geirrt. Daran wollte er sich nicht erinnern. Ganz bestimmt nicht. Aber es gelang ihm nicht die hochkochenden Erinnerungen niederzukämpfen.
Die verschwommenen Gesichter seiner Peiniger tauchten über ihm auf, er hörte und roch sie sogar. Den alkoholgeschwängerten Atem, Schweiß, sein verbranntes Fleisch und vergossenes Blut, das ekelhaft metallisch roch.
'Nein! Nein, ich will das nicht noch mal durchmachen! Hört auf!' Doch es war noch nicht genug. Er musste ein zweites Mal mitansehen, wie sein ein und alles geschlagen wurde, wie ihm ein Messer in die Brust gerammt wurde und musste hilflos zuschauen, wie sein Adam starb. Dale schüttelte gedanklich seinen Kopf. 'NEIN! HÖRT AUF!' Er versuchte zu schreien, aber kein Ton entwich seiner Kehle. 'NEIN!!! GEHT WEG!'

Stille.
Plötzlich war wieder alles dunkel. Für Dale ein wahrer Segen.
'Ich will das nie mehr sehen müssen! Bitte! Ich will das nie mehr sehen müssen! ...'
Dale krabbelte in die kleinste, dunkelste Ecke die er finden konnte und machte sich so klein wie möglich, damit sie ihn hier nicht finden konnten, weder die Erinnerungen, oder sonst irgendwer.
Noch immer wusste er nicht wo er war. Ob Adams Mörder nicht doch noch hier irgendwo lauerten, oder ob er vielleicht sogar tot war. Er wusste nur eins: Niemals wieder wollte er diese furchtbaren Bilder sehen. Wollte nie wieder hören, wie Adam vor Schmerzen wimmerte. Er wollte das alles einfach nur vergessen und zu Adam zurückkehren.
'Wo bist du nur?', fragte er sich. Wenn Dale wirklich tot war, wieso war Adam dann nicht bei ihm? Wieso hatte man sie getrennt?

*

"Guten Morgen, Pennmütze!" Laurel stürmte in das Krankenzimmer. Wie immer mit einem gezwungenen Lächeln auf den Lippen. "Wie geht es dir heute?"
"Mir tut alles weh und die Wunden fangen an zu jucken. Wann kann ich zu Adam?"
"Ähm. Noch nicht." Leere in Laurels Augen. Adam musste wirklich schwer verletzt sein. "Hattest du schon Frühstück? Ich kann ja mal nachfragen ..."
"Wie geht es ihm? Sag es mir Laurel. Bitte."
Er seufzte leise und legte die mitgebrachten Zeitschriften auf den leeren Stuhl neben sich. Warum sagte ihm niemand, was mit seinem Freund war? "Du weißt doch was der Arzt sagt. Dir geht es noch zu schlecht."
"Mir geht es gut!", brauste Dale auf. "Warum sagt mir keiner was Sache ist? Wo ist Adam?!" Dales Herzmonitor jagte in die Höhe. Wenn er nicht aufpasste, kam gleich eine Herde Krankenschwestern zu ihm gestürmt.
"Wenn der Arzt sein OK gibt, dann sagen wir dir es. Versprochen. ... So! Ich habe dir frische Unterwäsche und Socken mitgebracht ..."
Dale schloss die Augen und überhörte Laurels Geplapper. Er merkte doch, dass mit Adam etwas nicht stimmte. War er so schwer verletzt? Lag er vielleicht noch im Koma, oder hatten sie ihm etwas amputieren müssen? Oder war er ...
'Nein! Niemals!' Dale unterdrückte solche Gedanken. Seinem Freund musste es gutgehen! 'Ich wüsste es bestimmt, wenn er ...' Dale war sich sicher, wäre Adam gestorben, dann wüsste er es. 'Ich wäre mit ihm zusammen gestorben. Also kann das nicht sein. Es kann nicht sein! Adam liegt bestimmt nebenan und schläft. Ja. So muss es sein. Deshalb kann ich nicht zu ihm. Er ist einfach noch zu schwach.' Dales Hände begannen zu zittern und seine Augen wurden feucht. Schon wieder so eine Attacke! Die hatte er immer wieder und konnte sie nicht aufhalten wenn sie ihn überfielen. Natürlich bekam Laurel das mit und holte einen Arzt. Der verabreichte Dale ein leichtes Beruhigungsmittel, was seinem geschwächten Körper allerdings fast sofort wegdämmern ließ.
Das war, seitdem er aus dem Koma erwacht war, schon die übliche Prozedur. Fast glaube Dale, sie wollten ihn damit ruhig halten. Wollten so seinen Fragen aus dem Weg gehen.
'Damit haben sie es wieder geschafft', dachte er müde. 'Nun bin ich wieder ruhig gestellt und wache das nächste Mal hoffentlich wieder in meinem alten Leben auf.' Das war Dales übliche Prozedur. Jedes Mal, wenn ihn das Betäubungsmittel in den Schlaf zog, wünschte er sich nichts anderes, als dass alles wieder normal wurde. Doch das wurde es nicht.

*

'Dale? Hey Dale? Bist du wach?' Dale runzelte die Stirn.
'Nein ... Lass mich schlafen.'
'Ich muss dir aber was sagen. Es ist wichtig.'
'Dann sag es und lass mich wieder schlafen.' Ein leises Lachen ertönte. Wer war da bei ihm?
'Du warst schon immer eine Pennmütze. Aber ich habe gelernt, wie ich dich am schnellsten wieder wach bekomme.' Wieder ein warmes Lachen, was Dale eine Gänsehaut bescherte.
'Adam?'
'Erraten.' Dale blinzelte sich den Schlaf aus den Augen, was mehr als schwer war, denn kaum hatte er seine Augen einen Spalt geöffnet, blendete ihn ein helles Licht. 'Ich habe nicht viel Zeit. Es wird sich alles verändern.'
'Wo sind wir? Adam? Wo bist du?'
'Weit, weit weg. Aber trotzdem werde ich immer bei dir sein. Hörst du?'
'Was redest du da?' Endlich hatte Dale es geschafft, seine Augen offen halten zu können. Nur brachte das auch nichts. Es war so hell hier, dass er gar nichts sah. Er lief los, streckte seine Hände aus und tastete blind vor sich her. 'Adam?'
'Ich bin noch hier.' Sein Freund hörte sich traurig an. Wieso? 'Ich werde alles tun, damit sie so was nie wieder tun können, hast du verstanden? Sie werden dafür leiden. Sie alle.'
'Von wem redest du?'
'Von denen, die uns das angetan haben.' Schmerz durchzuckte Dales Kopf. Er blieb stehen und hielt sich die Hand vor die Augen. 'Dale ...' Der Schmerz verschwand und an seiner Stelle trat ein warmes Liebkosen, das sich fremd anfühlte, aber gleichzeitig komisch vertraut. War das Adam? 'Du fehlst mir so.'
'Du mir auch.' Tränen brannten in seinen Augen. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er angefangen hatte zu weinen. 'Was passiert hier nur? Wieso fühle ich mich so elend?'
'Schüttle deine Trauer ab. Werde glücklich.' Glücklich? Er sollte glücklich werden? Ohne ihn?
'Nein!'
'Bitte, Dale. Erfülle mir diesen letzten Wunsch.'
'Oh Gott Adam!' Das Licht wurde schwächer, genau wie Dale. 'Adam? Adam!'
'Wir werden uns wiedersehen. Wenn die Zeit gekommen ist, werden wir wieder zusammen sein.' Adams Stimme wurde immer leiser, schien mit dem Licht zu verschwinden. Bald würde Dale wieder in der Dunkelheit hocken. Allein. Ohne ihn.
'Nein! Bitte! Geh nicht! Adam! Bitte!' Dale wusste kaum wie ihm geschah, was sich gerade vor ihm abspielte. Er wusste nur, wenn Adam jetzt ging, würde er ihn nie wiedersehen. 'Bleib bei mir!'
'Dale ... Dale, ich liebe dich …'
'Adam!'

"Dale?"
"Adam ..."
"Dale, wach auf!"
"Nein ..." Er wollte nicht aufwachen, denn dann wäre Adam für immer weg. Doch er konnte es nicht verhindern. Die Medikamente hörten auf zu wirken und ließen ihn langsam erwachen. Er schlug die Augen auf und schaute direkt in Skys Gesicht, das über ihm schwebte.
"Du hast geträumt. Alles klar bei dir?" Fast hätte Dale gelacht. Ob alles klar bei ihm wäre?
"Alles bestens. Mir geht es super." Er gab einen sarkastischen Laut von sich. "Mein Freund ist tot und ich träume jede Nacht von ihm und wenn ich aufwache, dann ist alles noch beschissener als vorher. Ehrlich. Besser kann es einem ja wohl nicht gehen."
Sky senkte verlegen seinen Blick. "Konntest du dich ... an etwas ... erinnern?" Standartfrage. Jedes Mal die Selbe.
"Adam und ich kamen aus dem Kino. Wir haben uns einen schwedischen Film angeschaut. Auf dem Weg nach Hause konnten wir kaum die Finger voneinander lassen. Ich konnte es gar nicht bis nach Hause aushalten, wollte mit ihm endlich allein sein. Wir gingen auf dieses Haus zu. Adams Augen strahlten unternehmungslustig. Dann wurde alles schwarz und düster. Genau wie in meinem Inneren." Dales Standartantwort. Jedes Mal die Selbe. "Ich kann mich nicht erinnern", fügte er leise hinzu.
Sky schwieg eine Weile. Dann stand er langsam auf und knetete sich die Hände durch. Er fühlte sich nicht wohl in Dales Nähe und war selbst noch voller Trauer, aber das war Dale egal. "Magst du was zu Trinken?" Dale reagierte nicht. Was er sagen wollte, hatte er gesagt. "Bin gleich wieder da." Sky verschwand aus seinem Krankenzimmer. Ruhe. Endlich.



"Er wacht auf!" Skys Stimme dröhnte ihn Dales Ohren. Hatte er einen Kater? So ganz sicher war er sich nicht. Zumindest wusste er, dass er eben noch geträumt hatte. Geträumt von der Zeit, als er nach dem Überfall im Krankenhaus gewesen war. Furchtbare Träume, die er schon so oft gehabt hatte.
"Dale? Alles in Ordnung?" Laurel kauerte an seiner Seite. Er lag also in seinem Bett, stellte er nach einigen Blicken fest. Laurel an seiner Seite zu haben beruhigte ihn. Normal wachte er meist alleine auf, wenn er diese Träume hatte. Alleine und einsam in dieser riesigen Wohnung, wo sie früher so glücklich gewesen waren. "Geht es dir gut?", wollte Laurel erneut wissen.
"Woher soll ich das wissen? ... Was war denn?" Drehte sich das Bett, oder war er es der sich drehte?
"Du bist im Bad umgekippt. Keine Ahnung warum." Im Bad? Was hatte er da gewollt?
Angestrengt dachte er nach. "Mir wurde schwindelig", erklärte er noch etwas benommen. Allmählich lichtete sich der Nebel. Er wollte die Tabletten nehmen. Hatte es geklappt? Nein, denn: "Da war so ein komisches Donnern", erinnerte er sich dunkel. Deswegen hatte die Tabletten fallen lassen.
"Das haben wir auch gehört. Warst du das?" Dale verneinte.
"Das kam bestimmt von draußen. Irgendwelche Idioten mit Schreckschusspistolen", meinte Sky und drückte Laurel ein Glas Wasser in die Hand.
"Trink was." Dale wollte erst protestieren, doch seine Kehle fühlte sich wund wie ein Reibeisen an, weswegen er das Glas doch annahm und einige große Schlucke daraus trank.
"Danke." Vorsichtig setzte er sich auf. "Da war eine Krähe. Direkt vor dem Fenster. Sie hat ihre Flügel ausgebreitet und hat dabei so laut gekräht, dass ich mir die Ohren zuhalten musste. Habt ihr die auch gehört?"
"Nein", kam es von beiden, die dann unsichere Blicke miteinander austauschten. Jetzt hielten sie ihn bestimmt für völlig bescheuert.  
"Ist ja auch egal." Müde fuhr Dale sich übers Gesicht. Sollten sie denken was sie wollten. Mittlerweile war er sich selbst kaum noch sicher, ob da wirklich dieser merkwürdige Vogel gewesen war. "Wie spät ist es?"
"Kurz nach acht", antwortete Laurel, nachdem er auf seiner Armbanduhr nachgeschaut hatte. Ein Geschenk von Adam.
"So spät?! Ich muss los!" In Windeseile war Dale auf den Beinen und kletterte aus dem großen Doppelbett.
"Warte mal! Du willst jetzt noch weg? Wohin denn?"
"Zu Adam." Da fragte er noch?
Laurel verzog sein Gesicht. "Dazu ist es doch schon viel zu dunkel."
"Und?" Dale lief in den Flur und schnappte sich seine Jacke, gefolgt von seinem nervigem Wachhund namens Laurel.
"Du verirrst dich doch nur sinnlos auf dem riesen Friedhof!"
"Werde ich schon nicht. Ich kenne den Weg auswendig." Dale langte gerade nach der Türklinke, da warf sich Laurel mit seinem gesamten Körper dagegen.
"Nichts da! Wir gehen Morgen hin. Wir drei zusammen."
"Du hast mir gar nichts zu sagen!", herrschte Dale den anderen an und rüttelte an der Tür. "Geh mir aus dem Weg!"
"Nein! Verdammt Dale! Kapier es doch mal! Du lagst eben noch bewusstlos im Badezimmer! Da spazierst du mir jetzt ganz sicher nicht fröhlich mitten in der Nacht zum Friedhof!"
Mittlerweile hatte sich auch Sky zu ihnen gesellt und packte Dale sanft an der Schulter. "Komm. Leg dich hin und ruhe dich noch ein wenig aus. Morgen früh machen wir uns sofort auf den Weg zu Adams Grab. Versprochen."
Mit knirschenden Zähnen gab Dale nach. Gegen die Zwei kam er stärkemäßig nicht an. Also fügte er sich und ließ sich wieder ins Schlafzimmer ziehen. Für's Erste. 'Dann muss ich eben warten, bis meine beiden Glucken eingeschlafen sind.' Egal wie, er musste heute noch zu seinem Grab. Gerade an diesem Tag mochte Dale nicht von ihm fern bleiben. Bis jetzt war er jeden Abend an Adams Grab gewesen. Da würde er heute erst recht keine Ausnahme machen. Schließlich war es heute auf den Tag genau ein Jahr her, seit man ihm seinen Adam so brutal genommen hatte.

***

Von Weitem schon ahnte er, dass hier etwas passiert war. Er konnte es spüren. Tief in sich drin. Er war plötzlich total aufgewühlt, nervös. Chaos wütete in seinen Nervenbahnen und als dann auch noch die Krähe genau dorthin flog und sich auf das Treppengeländer setzte, da wusste er es. Hier war es passiert. Hier war er gestorben.
Langsam, die Augen auf den Hausaufgang gerichtet, ging er vorwärts. Erst geschah gar nichts. Sein Erinnerungsvermögen blieb weiterhin abhanden, doch als er seinen Fuß auf die erste der acht Stufen vor ihm setzte, blitzten sie in seinem Geist auf. Zuerst nur unzusammenhängend, bruchstückhaft. Aber es reichte aus, um ihn fast zusammensacken zu lassen. Er keuchte gequält auf, hielt sich mit einer Hand die Augen zu und umfasste mit der anderen das niedrige Treppengeländer. Er wollte das nicht sehen oder fühlen, wenn er deshalb wieder furchtbare Schmerzattacken über sich ergehen lassen musste. Aber das war anscheinend dazu nötig, um seine Erinnerung aus seinem Kopf zu befreien. Er setzte einen Fuß auf die zweite Stufe, hörte verhöhnende Stimmen, Jubelrufe, roch alkoholgeschwängerten Atem. Erst ganz leise, dann wurden sie aber immer lauter.
Die Erinnerungen wurden mit jedem Schritt klarer, bis er oben angekommen war und nun vollends auf seinen Knien landete, da er sich beim besten Willen nicht mehr aufrecht halten konnte. Er krümmte sich zusammen und umfasste seinen Kopf, als er alles noch mal durchleben musste, was hier vor einem Jahr geschehen war.
Abb. -02.2-

Er sah seinen Freund an. Wie sehr er ihn doch liebte! Seit dem ersten Augenblick an tat er das und zwar so sehr, dass es ihn selbst sogar manchmal erstaunte. Wenn sie zusammen waren, war ihm alles andere egal.
Sie kicherten über irgendetwas, das Dale zu ihm gesagt hatte, liefen eng aneinandergeschmiegt nebeneinander her und er konnte ganz genau die abstrahlende Hitze spüren, die von seinem Liebsten ausging. Er konnte einfach nicht mehr warten. Schon im Kino wäre er am liebsten über seinen Freund hergefallen. Im Augenwinkel sah er eine geeignete, abgeschiedene Stelle, wobei ihm eine Idee kam. Eine verflucht dämliche, wie sich noch herausstellen sollte.
Er zog Dale mit sich, führte ihn die Treppe hinauf und drückte ihn in diesem dunklen Hauseingang in die Ecke. Gierig funkelte er seinen Liebsten an. Seine Geduld war am Ende gewesen. Er wollte ihm endlich nahe sein, seine Lippen kosten und seine samtweiche Haut mit seinen Händen berühren. Hätte er doch nur gewartet, bis sie wieder Zuhause gewesen wären! Doch nun standen sie hier, eng umschlungen und küssten sich verlangend, ließen ihre Hände unter den Stoff des anderen gleiten. Trotzdem bemerkte Adam die fünf Kerle, noch bevor sie auch nur ein Ton von sich gaben.
Die fünf waren ihnen schon länger gefolgt. Hatten sie beobachtet und auf eine günstige Gelegenheit gewartet, sich ihnen zu zeigen. Damals hatte es Adam noch nicht geahnt, doch jetzt sah er es. Wie sie vorher miteinander tuschelnd hinter ihnen hergeschlichen waren, sich über Dale und ihn lustig gemacht hatten, sie hinter ihren Rücken beschimpften und sich recht schnell dazu entschieden hatten, den beiden zu zeigen, was sie von zwei miteinander rummachenden Kerlen hielten.

Mit Besorgnis musterte Adam die kleine Gruppe, nachdem er sich von Dale gelöst hatte. Der augenscheinliche Anführer der Gruppe trat arrogant lächelnd vor die Treppe des Hauseingangs. "Na da schau an! Da haben sich aber zwei Schwuppen lieb. ... Wie widerlich!" Er spuckte aus. Der Typ hatte ein kantiges Gesicht mit einem hinterhältigen Ausdruck in den Augen. Dazu einen Spitzbart und nach hinten gegelte Haare. Der roch förmlich nach Ärger.
Adam wägte seine Chancen ab, doch die sahen mehr als schlecht aus. Die waren zu fünft, sie nur zu zweit und über das Geländer zu springen, würde ihnen auch nichts bringen. Dort würden sie genauso in der Falle sitzen, kurzum: Ihre Lage war fast aussichtslos. Doch aufgeben kam für ihn nicht in Frage.
Adam baute sich vor diesen miesen Typen auf und brachte Dale hinter sich aus der Schusslinie. Sicher war sicher und mehr konnte er im Moment nicht tun. "Dann schaut weg und geht wo anders hin", versuchte er die Kerle zu vertreiben.
Vergebens. Der Rädelsführer grinste breit und zog ein Schnappmesser aus seiner Weste. Jetzt wusste Adam, dass die Lage ernst war. Nervös schob er seinen Freund so weit es ging nach hinten. Viel war es nicht. Die Angst in ihm wuchs und er schaute die Straße entlang, ob nicht jemand in ihrer Nähe war, der ihnen helfen konnte, aber sie waren allein. Allein mit diesen fünf finsteren Gestalten.
"Solche Arschficker wie ihr macht mich krank!", spuckte ihnen der spitzbärtige Kerl entgegen. Adam verkniff sich jeden weiteren Kommentar. Damit würde er alles nur Schlimmer machen.
Er spürte, wie Dales Finger sich in seinen Rücken krallten und wie er leise seinen Namen flüsterte. Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Hinter ihm begann Dale anscheinend wahllos irgendwelche Klingelknöpfe zu drücken, als die fünf ihn ohne jede Vorwarnung angriffen. Sie fackelten nicht lange, schlugen Adam erst in die Magengrube, sodass er gegen Dale donnerte. Tapfer hielt er sich auf den Beinen, wollte sich wehren, doch er hörte, wie Dale hinter ihm zusammenbrach. "Dale?!" Erschrocken drehte er sich um, wollte nach ihm sehen, da blitze ein schneidender Schmerz in seinem Unterleib auf. "Das gefällt dir, was? So ordentlich aufgespießt zu werden, du kleiner Analakrobat", lachte dieser Drecksack mit dem Messer gehässig. Danach zog er die scharfe Klinge, die er eben in seinen Bauch gerammt hatte, wieder heraus und stach ein zweites Mal zu.
Rote Flecken tanzten vor Adams Sicht, sein Herz donnerte, Adrenalin jagte durch seine Venen. Doch selbst das konnte den furchtbaren Schmerz und die panische Angst um sein Leben und das seines Liebsten nicht lindern. Dennoch versuchte er noch immer mit all seinen Kräften Dale zu schützen, denn die Kraft sich zu wehren, den Angreifern ebenfalls einige gezielte Schläge zu verpassen, hatte er nicht mehr. Auch als ihn eine Faust im Gesicht traf blieb er stehen, klammerte sich an das Treppengeländer und an den Türknauf hinter sich und schirmte Dales Körper weiterhin vor den Angreifern ab. "Schaut euch den an, Jungs. Der ist hartnäckig." Lautes Lachen. "Das macht ihn ja fast sympathisch! Aber auch nur fast." Wieder drohte ihn ein Schlag gegen das Kinn umzuwerfen. Stechender Schmerz durchzuckte Adams Schädel, doch er blieb standhaft.

Ein anderer Kerl, mit fettiger Haut und Stoppelfrisur umfasste es kurz danach und zwang Adam ihm ins Gesicht zu schauen. Alkohol wehte um seine gebrochene Nase und aus der Gegensprechanlage hörte er die Stimmen der Hausbewohner. Konnten sie nicht hören, was hier gerade ablief? Warum kam den keine Hilfe? Wieso ging die Tür nicht endlich auf, damit er wenigstens Dale in Sicherheit bringen konnte? "Dich machen wir fertig", flüsterte dieses widerwärtige Subjekt, das ihn festhielt. Das Gesicht hielt er ganz nah vor Adams. Übelkeit drehte ihm den Magen um. Der Stoppelkopf lachte leise, was für die Anderen so was wie ein Kommando war. Sie fielen alle gleichzeitig über ihn her, traten, schlugen und einer dieser Schweine hatte sogar einen Elektroschocker. Es bratzelte. Ein Stechender Schmerz an Adams Hals ließ ihn aufschreien und es roch verbrannt.
Er konnte nicht sagen, wie lange sie sich am Ende an ihm vergingen ihn traten und zuschlugen. Nach gefühlten Ewigkeiten fand sich Adam jedoch auf dem Boden liegend wieder, immer noch halb über Dale hängend. Dale! Ging es ihm gut? Angestrengt schielte Adam in seine Richtung. Er war noch immer bewusstlos, sah aber unversehrt aus.
'Bitte lass ihm nichts geschehen!' Noch nie hatte er gebetet, doch jetzt war er dabei, alle Götter die er kannte anzuflehen, dass seinem Liebling kein Leid zugefügt wurde.
Ein fester Tritt in seine Nieren ließ ihn aufschreien. "Ach, der lebt ja noch!" Wieder dieses schäbige Lachen. "Wirklich ein hartnäckiges Mädchen, was Jungs?" Über ihm ging ein Licht an. Anscheinend waren die Hausbewohner endlich alarmiert worden. Doch wieso kam niemand, um ihnen zu helfen?
Plötzlich tauchte über ihm ein Gesicht auf. Ein junger Mann, der ihn ausdruckslos anstarrte. Kam endlich Hilfe? War einer der Hausbewohner endlich auf sie aufmerksam geworden? Dieser junge Mann konnte doch unmöglich zu diesem Pack hier gehören! "Hilf uns", flüsterte Adam deshalb angestrengt, in der Hoffnung, das der Mann mit dem fein geschnittenen Gesicht wirklich nicht zu den anderen gehörte.
Das ausdruckslose Starren wandelte sich in ein amüsiertes Grinsen. Adam runzelte die Stirn. Hatte er sich geirrt? "Ich soll euch helfen?" Gehässiges Lachen. "Das werde ich", zischte er und vor Adams Gesicht erschien die Hand des jungen Mannes.
Er überlegte noch was das sollte, da bekam er diese Hand um seine Kehle gelegt. Schraubstockartig schnürten sie Adams Atemwege ab. Er fing an zu husten und versuchte die Hand von seinem Hals zu lösen, bis schwarze und weiße Kreise sein Blickfeld umrandeten.
'Der erdrosselt mich!' Die Erkenntnis traf ihn wie einen Schlag. Er hatte sich geirrt! Hatte sich von diesem so feinen Gesicht täuschen lassen.
Seine Augenlider wurden schwer. Er versuchte dagegen anzukämpfen, konnte aber nicht. "Scht, mein Engel. Nur die Ruhe." Der Junge fing an zu lachen und drückte fester zu. Adam war kurz davor zu ersticken. "Penner!", spuckte ihm sein Peiniger entgegen, dann war die Hand verschwunden. Luft! Adam atmete stockend ein, hustete dann aber stark und griff nach seiner Kehle. Doch viel Zeit zum Ausruhen blieb ihm nicht.
Jemand packte Adams Hinterkopf. "Jetzt ist Schluss mit Lustig!", sagte dieser Jemand. Er hatte eine Glatze, sein rechtes Ohr war angeleiert von zu vielen Metallringen und auf seinem Kehlkopf war etwas Tätowiert. "Schlaf gut, Vögelchen", spie ihm der Glatzkopf zu, ehe Adam eine Faust auf sich zufliegen sah.

Selige Dunkelheit. Kein Schmerz, keine Schläge ... Er ließ sich gehen, wollte in der Dunkelheit davongleiten und nie wieder aufwachen. Adam sah nichts, hörte nichts, fühlte nichts. Bis auf ...
'Nein!' Mit aller Macht kämpfte Adam gegen die verführerische Dunkelheit an. Er musste ihn doch beschützen! Dale durfte nichts passieren! Er hatte keine Ahnung, wie er es anstellte, doch er schlug seine Augen wieder auf. Sein Schädel schien kurz vorm auseinanderplatzen zu sein, seine Kehle fühlte sich noch immer so an, als sei sie völlig zerquetscht worden, sein Bauch brannte und er schmeckte Blut, welches nicht nur an dem vorigen Schlag in sein Gesicht lag. Es kam aus seinem Rachen. Seine Lungen schmerzten bei jedem Atemzug.
Noch immer auf dem Rücken liegend, Dale neben sich, musste er mit ansehen, dass sich die Kerle nun um seinen Freund herum drängten. Einer von ihnen zog seinen Liebling grob nach oben. Es war der Junge gewesen, der ihm eben noch die Kehle zugeschnürt hatte. Er rutschte hinter Dale, packte ihn von hinten und legte beide Hände um den Hals seines Lieblings. Dabei fing er wieder an wie ein irrer zu lachen, wobei Dale erstickt zu wimmern begann.
'Nein!' Adam wollte sich bewegen, konnte es aber nicht.
"Halt ihn gut fest", kicherte einer der fünf, der sich nun zwischen Adam und Dale schob. "Mal sehen was der so aushält." Adam hörte etwas klicken dann ... Es bratzelte ekelerregend. Dale röchelte und schien wieder wach zu werden. "Nein ... Aufhören", krächzte Adam. Doch niemand schien ihn zu hören. Der nach Alkohol riechende Stoppelkopf trat nach Dale, lachte widerlich und trat noch mal zu. Adams Herz pumpte schneller. Er hatte so eine Angst um seinen Schatz, dass er all seine verbliebenen Kraftreserven sammelte. Endlich kam Bewegung in seinen misshandelten Körper. "Nein! ... Nein! Hört auf!" Adam kämpfte sich nach vorn und packte nach einem der vor ihm aufragenden Beine. Wem es gehörte, war ihm egal. Hauptsache er konnte sie von Dale ablenken.
"Hat der immer noch nicht genug?!"
"Wie kann der wach sein?"
"Deine Schlagkraft lässt wohl nach." Sie lachten.
"Halts Maul!"
Zeit! Adam musste Zeit schinden! "Ihr Schweineficker. Ihr ... Ihr verfluchten ..." Ihm wurde schlecht und schwindelig. Doch er riss sich zusammen und schielte zu den Kerl, der noch immer seine Hände um Dales Hals gelegt hatte.
"Noch ganz schön redselig und munter, die kleine Schwuchtel." Der Kerl mit der Alkoholfahne beugte sich zu ihm. "Euch machen wir fertig. Dich und deinen kleinen Freund." Der Kerl lachte dreckig. Adam wurde es speiübel. "Dir verpass ich gleich einen ..."
"Scheiße Mann! Die Bullen!" Wirklich! Adam konnte Sirenen hören! Sie waren gerettet! Sein Liebling war gerettet!
"Die haben eh genug." Einstimmiges Johlen. Dale wurde endlich losgelassen. Er kippte kraftlos zur Seite.

Als sich die fünf davon machten, nicht ohne Adam noch mal zu treten und zu bespucken, atmete er erleichtert aus. Seine Lungen schmerzten dabei höllisch und gaben ein rasselndes Geräusch von sich.
'Das ist nicht gut.' Er sackte erschöpft in sich zusammen. Ihm tat alles weh und er wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. "Dale?" Beim Versuch, den Kopf zu seinem Liebling zu drehen, wurde ihm schwarz vor Augen. 'Bleib wach! Nur noch einen Moment!' Er musste durchhalten, bis der Rettungswagen hier war. Bis er sich sicher sein konnte, dass diese Schweine nicht mehr zurückkamen und Dale sicher war.
Unter beißenden Schmerzen schaffte er es, sich zu Dale zu drehen. Sein wunderschönes Gesicht war blutverschmiert, sein rechtes Auge geschwollen. "Dale?" Flatternd öffnete sein Liebster die Augen.
'Ihm noch einmal in die wunderschönen, sanften Augen sehen ...'
"Adam ...?" Dales Blick irrte umher, wurde dann jedoch panisch, als er Adam erblickte. Sah er so furchtbar aus? "Oh ... Gott!" Dafür war keine Zeit. Vor allem, da Gott ihm jetzt auch nicht mehr helfen konnte. Adams Zeit war um. Das wurde ihm mit jedem quälenden Atemzug klarer, denn sein Mund füllte sich weiterhin mit metallisch schmeckenden Blut. "Adam!" Dale rutschte seitwärts nach unten und beugte sich schräg über ihn.
Adam suchte Dales Hand, fand sie glücklicherweise sofort und verschränkte ihre Finger ineinander. Er wollte ihm noch so viel sagen, ihm versprechen, dass alles wieder gut wurde, doch dazu hatte er weder die Kraft, noch wollte er seinen Schatz anlügen. Nicht jetzt. Nicht in den letzten Momenten, die ihnen noch blieben. Daher sagte er seinem Liebling das einzig Wichtige. "Ich liebe dich", flüsterte Adam und versuchte zu Lächeln, wusste aber nicht, ob es ihm gelang. Alles fühlte sich so merkwürdig taub an, als wäre er in Watte verpackt und es fiel ihm immer schwerer, einen klaren Gedanken zu fassen. Er driftete ab. Er war dabei zu sterben.
Dale rappelte sich auf, sah nach etwas in der Ferne. "Gleich ist Hilfe da! ... Adam? Schau mich an! Halte durch, ja?"
Der Schmerz wurde weniger, seine Sicht verschwamm. Dabei hätte er noch so gern länger das Gesicht angeschaut, dass er über alles liebte. " ... liebe dich ..."
"Adam?! ... Adam! ... Oh nein, nein!" Er spürte eine warme Hand an seiner Wange. "Lass mich nicht allein! ... HILFE! ... WIR BRAUCHEN HILFE! ..." Er hörte Dale schreien. Nur hörte es sich so an, als habe die Watte mittlerweile auch seine Ohren verstopft. Zusätzlich wurde seine Sicht immer schlechter. Er wollte noch nicht gehen. Wollte noch bei ihm bleiben, aber er spürte, dass er loslassen musste.

'Dale ...' Hieß es nicht, man sähe das ganze Leben an sich vorbeiziehen wenn man starb? Dabei konnte er nur an eins vor sich sehen, konnte nur an eins denken. 'Dale.'
"Adam!" Seinem wunderschönen, geliebten Dale … "Oh bitte ... ADAM!"
Es wurde dunkel um ihn herum. Schwarze Schwingen tauchten in dieser Dunkelheit auf und trugen ihn davon. Fort von seiner großen Liebe.


Besorgt starrte die Krähe auf ihren Schützling. Er lag zusammengekrümmt und auf der Seite eingerollt auf dem kahlen Betonboden der Treppe zugewandt und durchlebte erneut die schlimmsten Minuten seines ehemaligen Lebens. Er hatte gesehen, wie er gestorben war. Hatte alles noch mal durchleben müssen, als hätte man für ihn die Zeit zurückgedreht, was in gewisser Weise sogar stimmte.
Noch geschwächt von ihrer Arbeit, die Seele und den Körper ihres Schützlings wieder eins werden zu lassen, plusterte sie sich in sich zusammengekauert auf. Er musste es sehen. Die letzte Szene. Die letzten Minuten nach seinem Tod.

Quietschend hielt ein Notarztwagen auf der Straße. Hinter ihm raste ein Krankenwagen heran. Eilige Schritte. "Hallo?! Können Sie mich hören?" Adam wurde auf die Wange geschlagen. Der Notarzt wirkte noch recht jung. Hektisch. Dennoch wusste er, dass es wahrscheinlich bereits zu spät war. Er konnte nur einen ganz schwachen Puls unter seinen Fingern spüren und die Menge des vergossenes Blutes hieß nichts Gutes.
"Helfen Sie ihm! Bitte!" Dale lag halb auf der Seite, über Adam gebeugt, zitterte stark und stand eindeutig unter Schock. "Adam ... Wach auf!"
"SANITÄTER!" Der Notarzt zerrte eine Schere aus seinem Arztkoffer und schnitt Adams Hemd auf, während die Sanitäter herbeigerannt kamen.
Die Haustür ging auf und sofort drängten sich die schaulustigen Bewohner im Türrahmen. Die Sanitäter taten ihr Bestes, um sie davon abzuhalten im Weg rumzustehen und auf die Szenerie zu starren, doch sie hatten wichtigere Aufgaben. "Bringt ihn hier weg", wies er die Sanitäter an und meinte damit Dale.
Doch dieser weigerte sich seinen Adam allein zu lassen. "Nein! Ich bleibe hier!" Sanfte Gewalt war notwendig, gutes Zureden und eine Beruhigungsspritze, dann ließ sich Dale die Stufen hinunter tragen. "Adam ..." Dales Augen wurden schwer wie Blei und noch ehe er sich versah, war er auf eine Trage geschnallt und in den Krankenwagen geladen. Mit lauten Sirenen fuhr er davon, machte den Weg für die vielen Polizeiwagen frei.
Die eintreffenden Polizisten kümmerten sich um die herumstehenden Zeugen, befragte sie und drängten sie von den Ärzten weg, die versuchten Adams Leben zu retten. Vergebens. "NOCH MAL!" Der Defibrillator wurde zum wiederholten Male angesetzt. Das fiepsende Geräusch, das er machte, als sie ihn aufluden durchdrang die Sirenen und die Worte der Ärzte, doch Adams Herz schien seinen letzten Schlag getan haben. Der Notarzt schüttelte den Kopf. "Er ist tot", flüsterte er. Dieser junge Mann, der vor ihm verblutet auf dem kalten Betonboden lag, war der erste Mensch, der ihm unter den Händen weggestorben war. Traurig legte er den Defibrillator weg und notierte den Todeszeitpunkt. "Ruft den scheiß Leichenwagen."
Betretenes Schweigen, bis sich der erste bewegte und den Leichenwagen orderte. "So ein junger Kerl" "Wie furchtbar", hörte man die Sanitäter murmeln, als sie die herumliegenden Dinge einsammelten, die um Adam verteilt waren. Die kläglichen Reste eines sinnlosen Wiederbelebungsversuches.
Die Polizisten und Kriminalbeamten taten ihre Arbeit. Fotografierten die Umgebung ab und den toten Körper Adams, verwandelten den Tatort in eine blitzende, groteske Momentaufnahme. Dazwischen wuselten die Leute der Spurensicherung umher, nahmen Abstriche vom Geländer, von der Tür und sogar der Klingelleiste, was ihnen aber nichts bringen würde, doch das wussten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sie sicherten Fingerabdrücke, deren Vergleich in ihrer Datenbank keinen Treffer hervorbringen würde. In den angrenzenden Büschen suchten sie nach der Tatwaffe, dem Messer, das man in Adams Brust und Bauch gerammt hatte. Alles sinnlose Zeitverschwendung. Kurze Zeit später, als die Beamten ihr Programm abgespult hatten, wurde Adams Körper in einen schwarzen Leichensack gepackt und weggefahren.
Langsam beruhigte sich die Szenerie wieder. Streifenwagen fuhren davon, die Bewohner des Hauses verschlossen sich in ihren Wohnungen. Fast hätte man von all dem, was hier vor kurzer Zeit geschehen war, nichts mehr erahnen können, wäre dort auf der Treppenstufe nicht eine große, dunkelrote Blutlache, die noch von diesem schrecklichen Geschehnissen berichtete. Doch auch die war bald Geschichte. Verblasst und vergessen. Nur die Beteiligten würden sich noch daran erinnern. Sie und ein großer, schwarzer Vogel, der das alles mitangesehen hatte, sich nun in die Lüfte erhob und davon flog. Der sich für das Kommende rüstete, das unvermeidlich auf ihn zukam.


*

"HAAA!" Adam schrak auf. Er lag genau an der Stelle, auf der er vor einem Jahr gestorben war. Die Krähe saß noch immer auf dem Geländer und schaute ihn mit geneigtem Köpfchen neugierig an. Kraaa. Sie wusste, was nun folgen würde. Die Erkenntnis würde ihren Schützling hart treffen. Aber das war gut. Er brauchte all seine und auch ihre Kraft, um das Bevorstehende zu überstehen. Er musste die Wut und die Bestürzung dazu nutzen, um das zu tun, was er tun musste. Wozu er nun berufen war.

Adams Körper bebte. Wut. Zorn. Hass. Schmerzlicher Verlust.
Sein Unterkiefer drückte sich hart gegen seinen Oberkiefer. All diese Emotionen brausten in ihm auf, wurden zu einer gleißend roten Welle, überschlugen sich und suchten einen Ausgang aus ihm. Schreiend sprang er mit einem kräftigen Satz auf, brüllte und trat auf das gemauerte Geländer ein. Kreischend flatterte der schwarze Vogel in Sicherheit. Adam interessierte das nicht. Er wütete weiter in dem kleinen Hauseingang, riss einen der verankerten Blumenkübel vom Geländer und schmiss in vor sich auf den Boden, bevor er sich mit seinem gesamten Körper gegen die Klingelleiste warf und dabei all diese verfluchten Knöpfe drückte. Das Licht über ihm ging an, Hunde bellten. Es juckte ihn nicht. Er begann auf die Tür einzutreten, schrie laut und schmerzverzerrt, und hämmerte mit den Fäusten dagegen. Ein weiterer fester Tritt und das Sicherheitsglas splitterte, sodass Adams Wade darin stecken blieb, er daraufhin das Gleichgewicht verlor und zur Seite kippte.
Schwer atmend stützte er sich mit den Armen ab und sah zu seinem Bein hinab. Es blutete stark und war aufgerissen. Kein Schmerz. 'Natürlich nicht. Ich bin tot.' Ein merkwürdiges Glucksen entwand sich seiner Kehle. "ICH BIN TOT!" Das Glucksen wuchs zu einem bitteren Lachen an. "HÖRT IHR? ICH BIN VERFLUCHT NOCH MAL TOT!!!"
Drinnen im Haus hörte er Schritte. 'Jetzt kommt jemand.' "Ihr verlogenen Arschlöcher!" Wütend zog Adam sein Bein mit einem kräftigen Ruck aus der zerborstenen Tür, rappelte sich auf und ... Kraaa! Die Krähe hielt ihn von weiteren Attacken ab. Das hier war nicht seine Aufgabe. Wahrscheinlich wohnten die Leute von damals gar nicht mehr hier. Seine Rache bezog sich nicht auf die Hausbewohner, auch wenn sie ihnen damals nicht zur Hilfe gekommen waren. Schuld an seinem Tod waren und blieben andere.
Noch bevor der Bewohner nachsehen konnte, wer vor der Haustür so eine Randale veranstaltete, war Adam in die Dunkelheit geflohen. An einem ruhigen Plätzchen ließ er sich auf eine Bank fallen und untersuchte sein Bein inklusive Fuß. Nichts! "Alles verheilt." Endlich mal etwas Positives!
Die Krähe landete neben ihm. Ihre Krallen kratzten leise auf dem Holz der Parkbank. Adam jedoch vergrub seine Finger im Haar und dachte eine Weile nach. Dachte darüber nach, was das alles zu bedeuten hatte. Warum er wieder hier war.
Abb. -02.3-

Jetzt, da Adam sich endlich wieder an alles erinnern könnte, begann sich für ihn alles zu fügen. Er hatte die Chance bekommen, sich an denen Schweinen rächen, die Dale und ihm alles genommen hatten. Der einsetzende Schmerz in seiner Brust ließ ihn leise aufschluchzen. Sein Dale ... Er hatte ihn verloren. Sie hatten sich verloren.
Der Ring an seinem Finger funkelte im Mondlicht. Das war Dales Ring, wie er sich nun endlich erinnern konnte. Der Ring seines Lieblings. Jemand musste ihn Adam vor seiner Beisetzung an den Finger gesteckt haben. Das Dale dieser Jemand gewesen war, bezweifelte er.
Zärtlich fuhr Adam mit seinen Lippen über das kalte Edelmetall. Wie schon zuvor in dem Hauseingang sah er erneut zerfetzte Bilder aufblitzen.
Laurel stand vor ihm, redete, sagte etwas, was Adam aber nicht verstand. Er weinte und steckte ihm zögernd den Ring an.
'Dann war er es gewesen'
, überlegte er und sah sich für eine Sekunde selbst im Sarg liegen. Bitter krochen erneute Rachegedanken in sein Bewusstsein und hielten sein Herz in ihrer eisig-festen Umklammerung. Grimmig blickte er zur Krähe, die nun vor ihm auf den Gehweg herumhüpfte.
Sie war bei ihm gewesen. All die Zeit. Sie war dabei gewesen, als er gestorben war. Hatte zugesehen, wie Dale und er misshandelt worden waren. Sie wusste um seine Gedanken und Gefühle und sie wusste auch um die Schmerzen, die er hatte erleiden müssen. Die Schmerzen und den furchtbaren Verlust, den Dale und er gleichermaßen empfanden.
"Ich kann dich verstehen, also kannst du mich sicher auch verstehen. Nicht wahr?" Der große Vogel spannte seine Flügel auseinander und flog ein Stück näher an Adam heran. "Dann hör zu, du schwarzes Biest. Bring mich zu ihnen."
Natürlich verstand die Krähe was ihr Schützling von ihr verlangte. Sie erhob sich lautlos in die Lüfte und segelte in die Nacht hinaus.
"Das werden sie büßen. Alle miteinander", flüsterte Adam drohend und sah das erste der fünf Gesichter vor seinem geistigen Auge. Walker. Der Kerl mit der Alkoholfarne. Er würde der Erste sein.
Mit einem Sprung war er auf den Beinen und hechtete los. 'Euer Ende naht und ist unterwegs zu euch. Ich werde euch alle finden, um mich an dem rächen, was ihr meinem Liebling und mir angetan habt. Koste es, was es wolle!'
Ein grimmiges, freudloses Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Seine Zeit war gekommen und ihre würde sich bald dem Ende zuneigen.

******
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast