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Blutrote Lilie

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
31.10.2014
12.12.2014
14
100.556
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31.10.2014 9.526
 
Kapitel I.


Ohne auch nur einmal aufzusehen, lief er den langen Gehweg entlang, ignorierte entgegenkommende Fußgänger und wich ihnen noch nicht mal aus. Sollten die doch aufpassen wo sie hinlatschten!
Links neben ihm tobte der Feierabendverkehr, rechts türmte sich die hohe, verwitterte Steinmauer des Friedhofs auf. Diesen Weg kannte er inzwischen in- und auswendig, ging er ihn doch jeden Abend. Die Luft war noch warm, obwohl die Sonne schon recht tief am Himmel stand. Nichts Besonderes, denn es war bereits Ende August, eine Jahreszeit, die er wohl nie wieder genießen konnte. Eigentlich war es ein herrliches Wetter zum Spazierengehen, doch das alles war Dale egal. Ihm war seit langem einfach so gut wie alles egal. Alles, bis auf eine Sache: Sein allabendliches Ziel, welches er eben jetzt ansteuerte, wie immer mit einer dunkelroten Lilie in der Hand.
Hätte einer der anderen Fußgänger ihm länger als nur einen flüchtigen Blick zugeworfen, hätte er wohl erkannt, dass der schmale, hochgewachsene junge Mann rechts leicht humpelte. Ihm wäre vielleicht auch der ausdruckslose Blick aufgefallen, die Leeren Augen, die bleiche Haut und die hängenden Schultern. Doch es fiel niemanden auf. Niemand interessierte sich für den dunkelhaarigen Dale, was ihm auch mehr als recht war. Er brauchte niemanden. Nicht mehr seit jenem Abend, letztes Jahr im August.
Abb. -01.1-
Er steuerte auf das große Eisentor des Friedhofs zu, legte seine freie Hand um das kalte Metall und öffnete es einen Spalt breit, schlängelte sich dort hindurch und warf es hinter sich zu. Lauter als beabsichtigt knallte es in die rostigen Angeln. Der laute Schlag, der den ganzen Friedhof aus seinem spätsommerlichen Dösen zu wecken schien, brachte eine alte Dame dazu, erschrocken aufzuschauen. Sie schaute in Dales Richtung, schüttelte ihr ergrautes Haupt und hackte danach unbeirrt das Unkraut aus dem Grab, vor dem sie kniete.
Dales Griff um den dicken Stängel der Lilie wurde fester. Er mochte es nicht, dumm angegafft zu werden. Erst recht nicht hier. Hier, wo er lag. Hier, wo sein ganzes Leben begraben lag. Seit fast genau einem Jahr schon, wie er sich immer wieder ungläubig ins Gedächtnis rufen musste. Wie hatte er nur die ganzen Tage seitdem überlebt? Er wusste keine Antwort darauf.
Dale verbannte die alte Dame aus seinem Denken. Sie war nicht von Bedeutung. Gar nichts war von Bedeutung, seit ... Er schloss die Augen und nach einem tiefen Atemzug drehte Dale sich nach rechts, ließ die Alte und ihren grimmigen Blick hinter sich und ging den Kiesweg entlang. Nach einigen Metern begann sein rechtes Knie wieder zu pochen. Das tat es immer, nachdem er den langen Weg von seiner Wohnung bis hier her gelaufen war. 'Nachher wird es wieder taub sein', dachte er und beschleunigte seine Schritte.
Egal. Einfach alles war egal. Selbst wenn ihm jetzt das Bein abfallen würde, wäre es ihm egal. Vielleicht würde ihn das für einige kurze Momente von dem Schmerz in seinem Inneren ablenken. Doch was nutzte das, wenn die verzehrende Leere in ihm dadurch nicht verschwand? Wenn der kalte Klammergriff, der sich immer fester um sein Herz zog, einfach nicht locker lassen wollte? Er hätte all seine Gliedmaßen mit Freunden hergeben, wenn er dadurch alles ungeschehen machen könnte. Doch das konnte er nicht. Das konnte niemand.

Auf dem parkähnlich angelegten alten Friedhof war wie immer alles ruhig und friedlich. Nur die Vögel zwitscherten laut, gaben noch einmal alles, bevor die Sonne gänzlich untergehen würde und sie für eine weitere Nacht zum verstummen brachte. Dann traten an ihrer Stelle ganz andere Tiere auf den Plan, auch größere und teilweise auch gefährlichere Tiere. Rehe gab es hier nicht selten, Katzen, Eulen, selbst Karnickel hatte Dale hier schon beobachten können, während er still und leise die Abende hier verbrachte. Wenn sie ihn hören, verschwanden sie allerdings sofort und bis jetzt hatte er noch kein unerfreuliches Zusammentreffen mit den nächtlichen Besuchern hier gehabt.
Dale marschierte unter alten Bäumen entlang, die ihm noch für einige Momente Schatten spendeten, ehe die warmen Sonnenstrahlen hinter der hohen Friedhofsmauer abtauchten. Die großen und kleinen Grabsteine, an denen Dale nun vorbeilief, kannte er mittlerweile auswendig. Von manchen wusste er sogar die darauf eingravierten Namen, obwohl er sie sich gar nicht bewusst eingeprägt hatte und es auch gar nicht wollte. Es geschah von ganz allein, schlichen sich ihm ins Gedächtnis, genau wie seine Füße von ganz allein den Weg kannten, den er unter leisem Knirschen beschritt. Ebenso kannte er die vielen Abzweigungen, die er nehmen musste, fand den Weg zu dem Grab, seinem Grab, wie im Schlaf. Fand ihn sogar nachts, wenn es sein musste.
Fremde dagegen verliefen sich oft hier. Die meisten Besucher kamen allerdings nur aus Neugierde, suchten die letzten Ruhestädten berühmter Persönlichkeiten auf, die hier begraben lagen, machten Fotos und genossen die Stille. Nicht viele hatten überhaupt das Privileg, hier begraben zu werden. Nur Angehörige schon hier beerdigter Familien, oder Stinkreiche, die es sich leisten konnten, hatten noch das 'Glück', sich ein Stückchen kalte, dunkle Erde oder gar eine ganze Gruft ergattern zu dürfen.
Dale blieb stehen. Das Glück, hier vor sich hin zu verrotten ging ihm verdammt am Arsch vorbei. Es war ebenfalls kein Glück für ihn, dass er hier noch aufrecht stand und nicht dort drinnen, zusammen mit ihm, zu Staub zerfallen konnte. Es war Pech gewesen, dass sie beide damals getrennt worden waren. Endgültig und für immer.
Das Grab vor dem er nun stand, oder besser gesagt, das kleine Mausoleum, war eins der aufwendigeren Ruhestädten hier. Seine Bewohner waren einstmals sehr bekannt hier in der Stadt gewesen. Bekannt und reich.
Doch das war einmal. Was jetzt noch von ihnen übrig geblieben war, waren bloß noch Knochen und Staub, Geld und eine Eigentumswohnung, die Dale so leer vorkam, dass er manchmal das Gefühl hatte, einfach in ihrer leeren Endlosigkeit zu ersticken. Wenn er die Macht dazu gehabt hätte, hätte Dale das alles gern eingetauscht, um dafür die Vergangenheit auszuradieren, um alles ungeschehen zu machen. Dafür würde er sogar arm und obdachlos unter irgendeiner Brücke hausen. Hauptsache er könnte wieder bei ihm sein. Doch Träume wurden selten Realität. Erst recht, wenn sie so unmöglich waren, wie dieser. Mit Geld konnte man sich eben nicht alles kaufen, wie er nur zu gut wusste.

Mit geschlossenen Augen hob er sein Gesicht gen Himmel empor, öffnete sie wieder und blickte in die dichten Baumkronen alter Eichen die bald ihr ganzes Laub verlieren würden. Er war angekommen. Links neben ihm lag die kleine Familiengruft seines Freundes. "Ich bin wieder bei dir, Babe", flüsterte er so leise, dass ihn womöglich noch nicht mal die wenigen herabsegelnden Blätter direkt neben ihm hören konnten und blickte nun auf die graue Marmorwand.
COITH stand in großen Buchstaben über dem Eingang des Mausoleums. Darunter, auf der Marmortür, standen einige Familiennamen, die mit Geburts- und Sterbedaten versehen waren. Ganz unten, als letzter Name, der noch nicht völlig verwittert war, stand er: Der Name seines Partners. Seiner einzigen, großen Liebe. Adam. Adam Coith.
Abb. -01.2-
Dale ging langsam auf die kleine Gruft zu. Sie war eigentlich gar nicht so protzig wie manch andere Ruhestädte auf dem Friedhof, doch man konnte ihr ansehen, dass die Familie Geld gehabt hatte. Sein mittlerweile wirklich taub gewordenes Bein von sich gestreckt, hockte sich Dale seitlich auf die zweite Stufe des Mausoleums, genau so wie er es immer tat. Abend für Abend. Seit diesem furchtbaren Abend vor knapp einem Jahr.
Seufzend lehnte er sich gegen die kalte Steinplatte und legte die Lilie zu den anderen vor sich. Die verwelken Blumen würde er nachher wieder mitnehmen. Wie jedes Mal. "Du fehlst mir." Trotz dem schmerzenden Knie zog er die Beine an seinen Oberkörper heran und bettete sein Kinn darauf. Vor seinem inneren Auge erschien das Antlitz seines Freundes. Er lächelte, so wie er ihn immer angelächelt hatte. Mit diesem Leuchten in seinem braunen und grünen Auge. Adam hatte ein verschiedenfarbiges Augenpaar gehabt. Das war damals das erste gewesen, was Dale an ihm aufgefallen war. Das und der warme, leicht überraschte Ausdruck darin, als er realisiert hatte, dass Dale ebenfalls auf ihm aufmerksam geworden war.

Dale war erst ganz erschrocken gewesen, als er die Blicke des Mannes, der keine zwei Meter von ihm entfernt stand, wahrgenommen hatte. Doch dann stellte sich ein warmes, erwartungsvolles Kribbeln in seinem Bauch ein. 'Ich muss ihn kennenlernen!' Er nahm all seinen Mut zusammen und sprach den hübschen Fremden an. "Hallo. Möchtest du auch mal probieren?" Dabei streckte er, etwas hilflos wie er fand, dem jungen Mann das Tablett mit den Probierhäppchen entgegen.
"Danke ..." Fasziniert starrte Dale in das zweifarbige Augenpaar. Noch nie hatte er jemanden gesehen, der solche Augen besaß! Zudem hatte der junge Mann vor ihm schwarzes Haar, die vom Wind leicht zerzaust wurden, was ihn etwas verwegen aussehen ließ. Sie fielen ihm auf eine Seite kinnlang ins Gesicht und immer wieder strich er sich einige nervige Strähnen aus der Stirn. Der hübsche Kerl war genau sein Typ!
Fasziniert sah Dale seinem Gegenüber dabei zu, wie er das kleine, von ihm dargereichte Häppchen in seinem Mund verschwinden ließ, was so sexy aussah, das Dale ihm am liebsten ein weiteres gereicht hätte. Diesmal natürlich, hätte er ihm die Leckerei selbst zwischen die rosigen Lippen geschoben. Jedenfalls hätte er das gern getan. Leider hinderte ihn seine eigene Schüchternheit daran, seine Gedanken auch in die Tat umzusetzen. "Schmeck's?", fragte er daher bloß und atmete schneller, als der junge Mann sich über die Lippen leckte.
"Wunderschön", meinte dieser und Dale spürte es heftig in seinem Unterleib ziehen. "Ähm ... Ich meine wunderbar! Lecker!" , korrigierte sich der junge Mann mit den zweifarbigen Augen schnell und schien sich wegen des Versprechers zu schämen.
Dale musste sofort lächeln. Der Fremde reizte ihn immer mehr und er spürte es immer deutlicher: Dieser faszinierende Mann interessierte sich ebenfalls für ihn! Er beschloss, alles auf eine Karte zu setzten. Jetzt oder nie! "Möchtest du was davon? Wenn es dir so gut gefällt." Damit hatte er natürlich nicht die Häppchen gemeint, sondern etwas ganz anderes ...
Dale hatte es damals sofort gewusst: Dieser Wirrkopf gehörte an seine Seite. Und er sollte damit recht behalten. Noch am selben Abend war es ihnen beiden klar gewesen: Sie gehörten zusammen, waren auf wundersame und wundervolle Weise eins. Unveränderlich und unzertrennlich. Und das war ihnen noch nicht mal merkwürdig vorgekommen.


Mit einem erstickten Laut krallte Dale seine Fingernägel fest in die Schienbeine. Unzertrennlich! Dale musste heftig schlucken. Das waren sie wirklich gewesen. Unzertrennlich, verliebt bis über beide Ohren und vor allem glücklich. Glücklich darüber, dass sie sich gefunden hatten. Das mit ihnen alles so schnell ging, dass sie eigentlich kaum genug Zeit gehabt hatten, sich über ihre Zukunft Gedanken zu machen. Sie wussten nur eins: Diese Zukunft sollte ihnen gehören. Ihnen gemeinsam. Doch das war ein Trugschluss gewesen. Es gab kein für immer und ewig. Der Tod trennte am Ende alles und jeden. Den einen später, den anderen früher. Leider war es bei ihnen früher gewesen.
Es schmerzte, sich das vor Augen zu führen. Es schmerzte, an Adam zu denken und an ihre glückliche gemeinsame Zeit, die Dale nie wieder erleben sollte. Diese Schmerzen waren sogar noch schlimmer, als die körperlicher Natur, die Dale noch immer hatte. Seelischer Schmerz konnte einen töten und Trauer bereitete Schmerzen. Sehr furchtbare Schmerzen, die sehr langsam töteten. Jeden Tag ein bisschen mehr. Das wusste Dale nur zu gut. Mit jedem weiteren verstrichenen Tag, kam er sich lebloser vor, starb jedoch nicht.
"Wieso?", wisperte Dale erstickt gegen seine Knie. "Das ist so ungerecht." Krampfhaft versuchte er die erdrückenden Erinnerungen zu verdrängen. Aber er schaffte es nicht. Er schaffte es nie. So sehr Dale es auch versuchte, all seine Gedanken drehten sich ständig um seinen Liebsten. Dabei tat es so weh, diese Gefühle wieder aufwallen zu lassen. Es tat weh, an ihr erstes Treffen zu denken. Es tat weh, überhaupt an ihn zu denken. Aber am meisten tat es weh, jede Nacht von den furchtbaren Minuten zu Träumen, die ihm Adam genommen haben. Damals, vor fast genau einem Jahr.

Sie kamen gerade aus dem Kino. Eine Spätvorstellung von irgendeinem schwedischen Film, den Adam unbedingt hatte sehen wollen. Einer mit Untertiteln, wie sich Dale noch erinnern konnte. Adam stand auf solches Zeug und Dale gönnte ihm diesen Tick. Außerdem liebte er es seinen Liebling im flackernden Licht der Leinwand anzusehen, währenddessen sein Profil zu studieren, wenn er ganz konzentriert in dem Film vor ihnen versunken war. Und das heimliche Fummeln in der hintersten Reihe war ihm auch mehr als recht. In diesem engen, kleinen Kino hatten sie schon so einiges angestellt ...
Langsam schlenderten sie gemeinsam den Gehweg entlang, der sie nach Hause führte. Sie waren zu Fuß unterwegs, da das kleine Kino nicht weit entfernt von ihrer Wohnung lag. "Lass uns noch schnell was zu Knabbern holen", schlug Adam vor, der immer und überall hunger bekam.
"In Ordnung. Aber dann nichts wie nach Hause. Ich bin total KO." Dale lehnte sich im Gehen an seinen Freund und drückte seine Hand, die er fest umschlungen hielt.
"Ach ... Wirklich?", kicherte Adam und blieb stehen. "Ich habe eigentlich noch was vor mit dir heute Nacht."
"Hast du?" Dale schmunzelte leise und schaute Adam mit einem unschuldigen Blick an.
"Habe ich und ich kann es kaum noch erwarten." Adam sah sich kurz um und zog ihn mit sich. Sie stolperten ein paar Stufen hinauf, die zu einem dunklen Hauseingang führten, der direkt links neben ihnen lag. "Hoffentlich bist du nicht zu müde für das hier."
"Hey, doch nicht hier!", beschwerte sich Dale halbherzig, schob aber selbst seine Hände unter den dünnen Pullover seines Gegenübers.
"Nur ganz kurz." Adam presste Dale gegen die Wand, rieb sich an seinem Körper und raubte ihm leidenschaftliche Küsse. Auch nach acht Jahren konnten sie kaum genug voneinander bekommen und Dale hätte niemals daran geglaubt, dass es irgendwann hätte enden können. Hätte es auch wahrscheinlich nicht, wären da nicht plötzlich diese Typen aufgetaucht.
Fünf waren es gewesen. Irgendwelche dunkle Gestalten, die nachts in düsteren Ecken herumgelungerten. Sie mussten Adam und Dale schon eine Zeit lang beobachtet haben, denn die Kerle hätten sie hier nicht so ohne Weiteres ausfindig machen können. Der Hauseingang lag völlig im Dunkeln und man konnte sie nur erkennen, wenn man direkt vor ihnen stand, oder eben gesehen hatte, wo sie hingelaufen waren.
Wie auch immer es gewesen war: Adam und Dale sahen sich plötzlich von ihnen umzingelt, konnten nirgendwohin ausweichen, da sie in diesem verflixten Hauseingang in der Falle saßen.
"Na da schau an! Da haben sich aber zwei lieb. ... Widerlich!" Der Sprecher spuckte ihnen angewidert vor die Füße.
Adam schob Dale hinter sich und machte sich groß, was nicht sonderlich schwer war mit seinen knappen einsneunzig. "Dann schaut weg und geht wo anders hin", zischte er ihnen mutig zu. Leider waren die anderen in der Überzahl und schienen nicht vorzuhaben, auf Adams Vorschlag ernsthaft eingehen zu wollen.
Ein schnappendes metallenes Geräusch ertönte und etwas funkelte kalt im Schein der Straßenlaterne, die neben ihnen flimmerndes Licht spendete. Dale wurde von Adam dichter gegen die Tür hinter sich gerückt. Der Kerl hatte ein Messer! "Adam ...", flüsterte Dale leise und spürte, wie die nackte Angst nach ihm griff.
"Solche Arschficker wie ihr macht mich krank!" Die Stimme des Kerls mit dem Messer triefte vor Ekel.
Vor lauter Panik griff sich Dale Adams Jacke, wollte ihn irgendwie schützen, wusste aber nicht wie. Dann fiel ihm die leuchtende Klingelleiste zu seiner Rechten auf. Ohne groß nachzudenken drückte er wie von Sinnen auf die vielen Knöpfe, hoffte, irgendeiner der Bewohner würde ihnen ohne viel nachzufragen die Tür öffnen und das die Zeit dazu noch ausreichen würde. Das tat sie aber nicht.
Dale wurde mit einem Mal die Luft aus den Lungen gepresst, da ihn Adam mit voller Wucht traf und fest gegen die Haustür drückte. Einer der Angreifer war blitzschnell auf Adam los gehechtet und hatte seinem Freund eine verpasst, was zur Folge hatte, dass Dale mit dem Kopf gegen den hölzernen Rand der Tür schlug und für kurze Zeit das Bewusstsein verlor.

Das war auch für lange Zeit das Letzte, was er über diese hinterhältige Attacke noch wusste. Erst nach und nach kamen die restlichen Erinnerungen zurück und quälten ihn seitdem Nacht um Nacht. Er spürte dann jedes Mal aufs Neue die Schmerzen, mit denen sie ihn gequält hatten, roch das Blut und das verbrannte Fleisch. Hörte die Verspottungen, die grölenden Jubelrufe, als sie auf Adam und ihn eingeprügelt hatten und dann immer wieder das Knacken der Gegensprechanlage, das sich in seinem Kopf wiederholte.
Keiner war herausgekommen um ihnen zu helfen. Dabei war sich Dale sicher gewesen, dass wenigstens einer seine Hilferufe gehört haben musste, oder mitbekommen hatte, was da vor ihrer Haustür geschah. Hinterher waren sie alle da gewesen. Gafften, standen den Rettungshelfern im Weg und einer machte sogar mit seinem Handy Bilder.

'Gott, wieso musste uns das nur passieren? Was haben wir denn getan, außer gemeinsam unser Leben zu leben und glücklich zu sein?' Natürlich gab es keine Antwort darauf und ganz sicher keine von Gott, an den Dale noch nie geglaubt hatte. Jetzt erst recht nicht mehr, denn welcher Gott ließ so etwas zu?
Die Lilien, die er bis eben noch angestarrt hatte, verschwammen vor seinen Augen. 'Sie haben uns alles genommen.'
Und zu seiner ganzen lähmenden Trauer und dem Schmerz, nie wieder an Adams Seite sein zu können, kam zudem noch, dass die Täter ungeschoren davon gekommen waren. Es gab noch immer keine Hinweise auf ihre Identität und Dale konnte sich nur an die Stimme des Täters erinnern, der Adam das Messer in den Bauch gerammt hatte und das mehr als gut. Aber mir einer bloßen Erinnerung an eine Stimme konnte man keinen Täter schnappen und erst recht nicht des Mordes überführen. Hätte er doch nur einen von ihnen erkennen können! Doch es war einfach zu dunkel in diesem verflixten Hauseingang gewesen. Und Adam, der die Mistschweine sicher besser zu Gesicht bekommen hatte, konnte keine Aussage mehr machen. Bevor damals die Polizei und der Rettungswagen bei ihnen angekommen waren, war er schon ...
Dale blinzelte einige Tränen weg. Es war bereits dunkel geworden und der Lärm der Straße drang nur gedämpft bis hier her vor. Auch die Vögel waren mittlerweile verstummt. Es war still um ihn herum. Noch immer gefangen in seinen albtraumhaften Erinnerungen, legte er sich auf die Seite. Das der Steinboden eiskalt war und mehr als unbequem, störte Dale nicht. So lag er oft hier, mal mit dem Gesicht zum Grabmal gewandt, mal zu den Stufen davor, und ignorierte alles andere um sich herum.
Einige Male war er so schon angesprochen worden, als er hier in dieser Stellung vor dem Grab dagelegen hatte, oder es war versucht worden, ihn von hier zu vertreiben. Aber auch das hatte er jedes Mal ignoriert. Wahrscheinlich dachten sie, er sei irgendein Obdachloser oder Ausreißer, der nur ein Plätzchen zum Schlafen suchte. Meist ließ man ihn dann in Ruhe, wenn er einen dummen Spruch losließ und sich noch kleiner zusammenrollte, als er es sowieso schon tat.
Dann lag er meistens bis spät in der Nacht hier, hörte seinem eigenen Herzschlag zu, verfluchte das dumpfe Schlagen, hasste sich dafür, dass er überlebt hatte und Adam nicht gefolgt war. Manchmal, wenn er so dalag, lauschte er angestrengt in das Grab vor sich hinein und versuchte sich vorzustellen, wie es darin wohl sein mochte. Stellte sich die Dunkelheit vor, das wenige Licht, das von dem kleinen, runden Fenster oben hineinschien. Die Staubkörner, die in diesem spärlichen Lichtstrahlen tanzten. Die Holzkisten, die darin standen. Besonders über eine darin dachte er oft nach ... Es überlief ihn jedes Mal eiskalt, wenn er sich ins Gedächtnis reif, dass sein Adam darin lag. Gerade in diesem Moment. Wie er langsam zerfiel, sein Körper sich in Staub auflöste während Dales Seele das Selbe tat.
Er wusste noch nicht mal mehr, wie der Sarg genau aussah, den ihr gemeinsamer Freund Laurel für ihn ausgesucht hatte. Welche Farbe er hatte, oder aus welcher Holzart er war. Dale wusste nur noch, welche Blumen den Sarg damals bedeckten. Rote Lilien. Zwar war er bei Adams Beisetzung dabei gewesen, konnte sich aber an nichts Genaueres mehr erinnern. Zu vollgepumpt mit Schmerzmitteln war sein Körper zu der Zeit gewesen. Das hatte zu Folge gehabt, das ihm die ganze Beisetzung wie in Watte gepackt vorgekommen war. Er erinnerte sich noch daran, dass er dabei gewesen war, aber nicht mehr an das, was genau an diesem Tag passiert war. Dale glaubte sogar, dass er noch nicht mal richtig getrauert hatte. Was auch immer ihm die Ärzte für einen Schmerzmittelcocktail gegeben hatten, er hasste sie dafür. Lieber hätte er die Schmerzen ertragen, als unbeteiligt hinter dem Sarg hergeschoben zu werden, in diesem verfluchten Rollstuhl, dem sie ihm noch zusätzlich verpasst hatten, weil er so erbärmlich schwach gewesen war!

Über all das dachte Dale nach, wenn er hier auf den Marmorstufen lag. Durchlebte die Vergangenheit unzählige Male von vorn, ersehnte sich längst Vergangenes und wünschte sich, er könne einiges davon ungeschehen machen. So vergingen die Stunden. Jeden Abend, jede Nacht blieb er vor Adams Ruhestädte liegen, bis ihm jeder Knochen weh tat und ging erst dann nach Hause, wenn er komplett durchgefroren war, oder er sich fast nicht mehr rühren konnte, weil er einfach zu lange auf den kalten Steinen gelegen hatte. Erst dann raffte er sich auf und ging zurück in die Wohnung, wo Adam und er früher einmal miteinander glücklich gewesen waren. Jetzt war sie nur noch ein einsamer Rückzugspunkt für Dale, wo er schlief und manchmal etwas aß. Im Grunde aber, existierte sein Zuhause nicht mehr. Sein Zuhause war mit Adam zusammen zerstört worden.

***

"Hoffentlich ist er auch da", seufzte Laurel und blieb vor der massigen Haustür stehen. Die Sonne schien, Vögel zwitscherten und die Luft war frisch und klar. Es hätte ein so schöner Tag sein können, wäre heute nicht DER Tag. "Vielleicht ist er ja auch wieder auf dem Friedhof." Er hoffte es eigentlich nicht, dass er schon dort war. Nicht heute. Jedenfalls nicht allein.
Skylar, kurz Sky genannt, schien da anderer Meinung zu sein. "Um diese Uhrzeit bestimmt noch nicht. Allerdings verwette ich meinen Hintern darauf, dass er uns wieder nicht auf macht."
"Hm", brummte Laurel nur und warf seinem Freund einen skeptischen Blick zu. Er ahnte, dass er recht behalten würde. Seit damals zog sich ihr bester Freund immer mehr von ihnen und dem Rest der Welt zurück. Verständlich, aber das konnte nicht mehr ewig so weitergehen. Irgendwann musste Dale aus seinem dunklen Loch herauskommen und sein Leben leben, auch wenn es schwer für ihn war. Und das ging nur mit ihrer Hilfe, einer Mischung aus Einfühlsamkeit und Strenge und mit viel Geduld. Obwohl Laurel das wusste und Dale teilweise verstehen konnte, langsam aber sicher drohte er selbst daran zu zerbrechen. Denn egal was sie taten, Dales Zustand wollte sich einfach nicht bessern. Manchmal dachte Laurel sogar, dass es mit jedem weiteren Tag nur noch schlimmer wurde, an dem sich Dale von der Welt absonderte und dabei in seinen Albträumen festhing. Manchmal wusste selbst er sich einfach keinen Rat mehr. Manchmal wollte er auch einfach aufgeben und ... Laurel riss sich zusammen. Er musste stark sein! Stark für sich, Sky und vor allem für Dale. Das war er Adam schuldig.
Sky drückte auf den kleinen Klingelknopf und wie vorausgesagt: Nichts tat sich. "Was habe ich gesagt?" Laurel verdrehte die Augen und zog den Ersatzschlüssel hervor. Wieder einmal war er heidenfroh, dass er ihn besaß. Sky beobachtete dies argwöhnisch. "Meinst du, dass ist richtig?" Er deutete auf den Schlüssel.
"Fragst du mich das gerade im Ernst?"
"Vielleicht will Dale nur seine Ruhe. Er braucht noch Zeit ..."
"Zeit? Noch mal: Das meinst du doch nicht ernsthaft?" Laurel konnte es nicht fassen. "Du weißt was heute für ein Tag ist?" Sky nickte zaghaft. "Und du weißt, was passieren kann, wenn wir ihn heute alleine lassen?" Wieder ein Nicken. "Adam würde es mir niemals verzeihen, falls Dale etwas zustößt. Dann benutze ich lieber den hier und scheiß darauf, ob Dale bloß seine Ruhe will und die Klingel deshalb ignoriert." Laurel steckte demonstrativ den Ersatzschlüssel ins Schloss und entriegelte es. Er hasste es, dass sein Freund hin und wieder so naiv sein konnte. "Nach dir, mein Schatz." Sky gab seufzend nach und betrat den Hausflur. Laute Musik dröhnte ihnen entgegen. Sie beschallte das komplette Treppenhaus. Tubeway Army, wie Laurel erkannte. Eine von Adams Lieblingsbands. Deshalb hatte Dale ihnen also nicht geöffnet. Oder er hatte die Anlage absichtlich lauter gedreht, als er das Klingeln vernommen hatte.
Wie dem auch sei, Laurel wunderte es immer wieder, dass noch nicht die Polizei hier aufgetaucht war. Dales Verhalten stieß den anderen Bewohnern schon lange sauer auf und er war schon mehrfach darauf angesprochen worden. Doch die Bewohner ließen noch immer Gnade wallten, weil sie selbst noch ganz geschockt waren, von den Geschehnissen damals. Dale und Adam waren bei jedem im Haus beliebt gewesen. Anders konnte es sich Laurel nicht erklären, dass sie Dales Eskapaden immer wieder tolerierten. Und das waren bei weitem schon genug gewesen!
Abb. -01.3-

Laurel und Sky eilten die Treppenstufen hinauf. Oben vor der Wohnungstür fackelte Laurel gar nicht erst lange und schloss sie gleich auf. Mit einem Seitenblick gab er Sky zuvor zu verstehen, dass er deswegen erst keine vorwurfsvollen Worte von ihm hören wollte und dieser hielt diesmal tatsächlich sein kleines Plappermäulchen.
Drinnen war es stickig und es roch verdächtig nach Gras. 'Solange er nicht wieder was Stärkeres nimmt, soll's mir recht sein', dachte Laurel betrübt. Aber wer sagte denn, dass Dale nicht zusätzlich zum Gras noch was anderes eingeworfen hatte, damit er vor der Vergangenheit flüchten konnte? Dale gab es nicht zu, aber er war schon längst von seinen Schmerzmitteln abhängig geworden. Angeblich hatte er chronische Schmerzen, bekam deshalb auch immer brav seine Medikamente vom lieben Onkel Dok. Laurel war sich ziemlich sicher, dass Dales Schmerzen von etwas ganz anderem kamen und das schmerzende Knie nicht der alleinige Grund für seinen hohen Tablettenkonsum war.
Doch war das verwunderlich? Er hatte sich schon oft gefragt, wie es ihm an Dales Stelle ergehen würde. 'Nicht viel anders.' Sich vorzustellen, Sky auf eine so grausame Art zu verlieren und die Mistschweine, die das getan hatten, noch immer auf freien Fuß zu wissen, das konnte und mochte er sich auch nicht vorstellen. Allein der Schmerz, der Adams Tod bei ihm hinterlassen hatte genügte, um ihn nächtelang wachzuhalten und ihn manchmal hinter verschlossenen Türen vor Kummer zusammensacken zu lassen.
"Dale?!" Sky war schon auf den Weg in Richtung Schlafzimmer, während Laurel ihm langsam nachlief. Meist verkroch Dale sich dort. Und tatsächlich: Auf dem zerwühlten Bett lag eine blasse, dünne Gestalt und rauchte wie erwartet einen Joint. Es schnürte Laurel die Kehle zu, seinen Freund so zu sehen. Die einst so herrlich glänzenden kastanienbraunen Haare waren schon lange stumpf und hingen ihm strähnig ins Gesicht. Auch Dales braune Augen hatten jeglichen Glanz und jeden funken Wärme verloren. Seine ganze Gestalt hob sich so gut wie gar nicht von dem weißen Bettlaken ab. Auch weil er so dürr geworden war und im zerwühlten Bettzeug kaum auffiel. Hätte Laurel es nicht besser gewusst, würde er glauben, einen Toten vor sich liegen zu haben. 'Wer zum Teufel sagt mir denn, dass es nicht wirklich so ist?' Dale lebte zwar, doch das nur äußerlich. Er war nur noch eine leere Hülle, hatte es immer öfter den Anschein. Laurel mochte gar nicht wissen, wie es im Inneren Dales tatsächlich aussah. Die kurzen Einblicke, die er und Sky das vergangene Jahr über hin und wieder zu sehen bekommen hatten, reichten ihm vollkommen aus. Die kleinen Momente, in denen Dale nicht mehr er selbst war, schreiend und weinend zusammenbrach und sich selbst verletzte.
So konnte es nicht weiter gehen, das wusste Laurel. Aber was dagegen tun? Es gab da zwar eine Lösung, doch sollte er soweit gehen? Eins stand auf jeden Fall fest: Noch so ein Jahr, und sie konnten Laurel zusammen mit Dale einliefern.

Mit einem Ziehen in der Magengegend stellte er sich vor das Bett. Sky hatte in der Zwischenzeit die Musik leiser gedreht und gesellte sich nun an seine Seite. Dale blinzelte nur gelangweilt zu ihnen empor und zog mit flatternden Augenlidern an dem Joint. "Ist das dein Mittagessen?", fragte Laurel ihn mit grantiger Stimme. Sicher hatte Dale noch keinen Bissen zu sich genommen. Weder heute noch gestern. 'Er isst viel zu wenig.'
"Nein … Mein Frühstück." Dünner Rauch kräuselte sich zwischen ihnen und dem im Bett dahindämmernden Dale empor. "Auch einen Happen?", fragte er und hielt ihnen den Joint entgegen. Wie dürr seine Finger waren!
"Nein." Laurel würde ganz bestimmt nicht ein einziges Mal an diesem Ding ziehen! Das bestärkte Dale hinterher nur wieder in seinem selbstzerstörerischen Tun.
Nur sah er das wohl als einziger hier so, denn Sky begann ausgelassen zu grinsen und griff sich die ihm dargereichte Tüte. "Klar", kicherte er und zog an dem Ding.
"Sky!" Laurel konnte es einfach nicht fassen!
"Was denn?" Wie Laurel dieser Unschuldsblick manchmal auf die Nerven ging!
Ja, er liebte seinen großen Schwachkopf, aber manchmal würde er ihm gerne mal eine scheuern. Nur ganz leicht, verstand sich.
"Wieso muss ich immer der Böse hier sein?", fragte er mehr sich selbst, als die anderen beiden.
"Weil du uns immer wie eine Mutter behütest", grinste Sky und legte einen Arm um seine Taille. "Jetzt guck nicht so." Sky hielt ihm den Joint vor die Nase, doch Laurel schlug seine Hand mit einer flüchtigen Bewegung weg. "Früher haben wir doch auch ..."
"Früher ist vorbei!", fauchte er Sky an, bereute es aber sofort wieder. "Wir sind nicht hier, um Gras zu qualmen. Vergessen?!"
"Nein." Gut. Wenigstens hatte das Gras seinem Schatz nicht ganz das Hirn vernebelt. Laurel hatte selbst vom Rauch schon genug von seiner Wirkung abgekommen und musste sich zwingen, seine Gedanken beisammen zu halten. Hier ging es um Dale, um sein Befinden und darum, dass er heute nicht alleine war. Alles andere zählte momentan nicht.


"Was wollt ihr hier?" Natürlich wusste Dale, weshalb sie seine friedliche Einsamkeit zu stören wagen. Er wollte es aber von ihnen selbst hören, denn manchmal kam es ihm so vor, als sei Adam gar nicht real gewesen. Nur ein Traum, ein Hirngespinst, das einfach zu schön gewesen war, als dass es jemals im wahren Leben existiert haben könnte. Doch wenn Sky und Laurel von Adam sprachen, dann konnte er sich sicher sein, dass alles real gewesen war. Das Adam wirklich sein Leben mit ihm geteilt hatte, dass sie beide sich geliebt haben und das Adam nun nicht mehr bei ihm war. Dann jedoch holte ihn mit einem Schlag wieder die furchtbare Realität ein. Der Schmerz, die Trauer, die Wut und die bedrückende Stille, die in der Wohnung herrschte, seit er nicht mehr bei ihm war.
Er hielt sie nicht aus. Deshalb dröhnte immer Adams Lieblingsmusik durch die ganze Bude, wenn er alleine war. Um sich die bedrückende Stille von der Seele fern zu halten und seine Einsamkeit zu überdecken. Doch am Ende war selbst dies zwecklos. Adam war tot. Er war zurückgeblieben. Allein und zerbrochen.
"Du weißt was wir hier wollen. Dich ablenken."
"Ich brauche keine Ablenkung", knurrte Dale Sky zu, sah ihn dabei aber nicht an. Sein Blick war starr an die Decke über ihn gerichtet. Eine kleine Spinne saß dort in einem Netz, das sie sich gesponnen hatte. Versteckt in der Ecke des Zimmers wartete sie geduldig auf ihr nächstes Opfer. 'Wenn ich klein genug wäre, würde ich mit Freuden dieses Opfer sein. Noch einmal würde ich genüsslich an meinen Joint ziehen und dann ab ins Netz fliegen. Ob die Spinne davon high werden würde?' Beinahe hätte Dale über diesen Gedanken gelacht. Aber nur fast.
"Sollen wir uns was zu Essen bestellen? Was hältst du davon?"
"Keinen hunger."
Laurel seufzte. "Dann koche ich uns eben was."
"Mein Kühlschrank ist leer." Wieso kapierte Laurel nicht, dass er nur seine gottverdammte Ruhe wollte? Das er jetzt am liebsten ein heißes Bad nehmen würde, zusammen mit einer Flasche Jack Daniels und seinen restlichen Packungen Schmerztabletten. Vielleicht würde er es diesmal schaffen ...
"Sky? Kannst du einkaufen gehen?"
Dale löste den Blick von der kleinen Spinne und sah Laurie sauer an. "Verdammt noch mal Laurie! Ich brauche eure bekackte Fürsorge nicht!" Wie ihn dieses bemutternde Getue aufregte!
"Dale ..."
"Nein! Haut einfach nur ab!" Sauer erhob er sich vom Bett und geriet dabei bedrohlich ins Schwanken, schaffte es aber schließlich ohne zu straucheln aus dem Schlafzimmer. Sie konnten ihn mal kreuzweise! Alle beide! Dale wollte nur noch weg von ihnen. Von seinen Freunden, die ihm nur noch mehr bewusst machten, was er verloren hatte und vor ihrem ständigen Gerede, er solle sich mal zusammenreißen, sein Leben leben und all diesen Selbstheilungsscheiß. Er hatte kein Leben mehr! Warum begriffen sie das nicht endlich? 'Ich will das nicht mehr.' Er war mit seiner Kraft am Ende.


"Dale, jetzt hau doch nicht wieder ab! Wir wollen dir doch nur helfen!" Laurel eilte Dale nach und fand ihn im Wohnzimmer wieder. Hier sah es aus, als habe eine Bombe eingeschlagen. Eine staubige, mit Kleidungsstücken und Tablettenschachteln versehene Bombe.
"Ihr könnt mir nicht helfen", kam es leise von Dale, der vor dem großen Panoramafenster stand und nach draußen sah. "Niemand kann das." Am liebsten hätte Laurel ihn jetzt gepackt, ihn so fest geschüttelt, bis er wieder zur Vernunft käme. Doch da könnte er ihn sicherlich schütteln, bis er schwarz anlief. Andererseits konnte er nur schwer dem Bedürfnis widerstehen, ihn an sich zu ziehen und fest in seine Arme zu schließen. Niemals würde Dale das zulassen. Seit Adam nicht mehr da war, war Dale ein gefühlsmäßiges Wrack. Berührungen nahm er nur sehr selten hin. Meist nur dann, wenn er zu schwach war, um sich dagegen zu wehren.
Traurig musterte Laurel seinen langjährigen Freund. Wie verloren er dastand. Wie hilflos, was er im Grunde auch war. "Das weiß ich. Aber du bist nicht allein. Wir sind für dich da. Immer." Es war schwer, aber Worte boten ihm meist die einzige Möglichkeit, Dale etwas Trost zu spenden. Wenn überhaupt.
"Das könnt ihr gar nicht. Ihr könnt mir nachts nicht diese furchtbaren Bilder nehmen, die sich in meinen Kopf eingebrannt haben, oder diese verfluchte Stimme, die ich immer wieder höre, als spielt mir mein Hirn eine Tonbandaufnahme ab. Ihr könnt mir nicht meine Sehnsucht nehmen und den Schmerz. Ihr wisst nicht wie es war, dazuliegen, alles mitansehen zu müssen und nichts tun zu können." Langsam drehte Dale sich um und sah Laurel das erste Mal heute direkt in die Augen. Dales Augen waren rot unterlaufen, was nicht nur vom Gras kam, wie Laurel gerade feststellte. "Du weißt nicht, wie es ist, deine große Liebe neben dir liegen zu haben und dabei zusehen zu müssen, wie ihm langsam das Leben verlässt. Wie mit jedem so wichtigen Herzschlag die Chance geringer wird, dass er überlebt ..." Dales Stimme versagte.
Laurels Hände ballten sich zu Fäusten. Nein, dies alles wusste er nicht. Und auch wenn er als Dales Freund und Anwalt jedes abscheuliche Detail dieses Abends kannte, sogar noch besser als Dale, da er die Polizeiberichte kannte, so konnte er es sich nicht im geringsten vorstellen, wie sich all das anfühlte.

*

Sie hatten gehofft, sogar gebetet, obwohl sie weder gläubig waren, noch an ein gottähnliches Wesen glaubten. Aber was hätten sie anderes tun können? Dale so daliegen zu sehen, von Maschinen und Schläuchen umgeben, dass war so furchteinflößend gewesen.
"Er muss durchkommen." Sky lief unruhig im Warteraum auf und ab. Sie durften nicht zu ihm, hatten nur einen kurzen Blick auf Dale erhaschen können, als die Tür aufging und eine Krankenschwester daraus heraustrat. Auf die Nachfrage hin, wie sein Zustand war, erhielten sie bis auf einen traurig-mitfühlenden Blick keine Antwort. "Er darf nicht auch noch sterb..."
"Sag's nicht", bat ihn Laurel. "Dale packt das." Er wollte gar nicht daran denken, dass es Dale vielleicht auch nicht schaffen würde. Im Grunde hatte er noch nicht mal Adams Tot begriffen. Wie auch? Eben war er noch dagewesen, hatte heute Nachmittag mit ihm telefoniert, ihm von seinen Plänen für das Wochenende erzählt, und jetzt war er einfach weg. Er war nicht mehr hier und er würde auch nie wieder mit ihm telefonieren, mit ihm reden und lachen, oder mit ihm das Wochenende verbringen. Es würde nie wieder ein Abend zu viert geben. Auf einmal drehte sich die Welt komplett anders herum und sie standen in einem kargen Krankenhaus und mussten um das Leben ihres Freundes bangen. Wie hatte das nur passieren können? Wie konnte noch nicht mal ein Tag das Leben von vier Menschen so auf den Kopf stellen und sogar eins davon auslöschen?
Als sie dann endlich zu Dale durften, mussten sie sich gegenseitig stützen und Halt geben. Alles war so unwirklich, so furchtbar irreal.
'Kann mich nicht endlich jemand aus diesem Albtraum aufwecken?' Tränen stiegen ihm in die Augen und er klammerte sich an Skys Pullover. Gütigerweise nahmen ihm die salzigen Tropfen die Sicht und ersparten ihm den weiteren Anblick auf Dales zerschlagenes Gesicht.
Er war übel zugerichtet worden. Der Arzt sagte, er habe, im Vergleich zu seinen anderen Verletzungen, eine eher leichte Gehirnerschütterung, weshalb er dennoch vorsorglich ins künstliche Koma versetzt wurde. Dazu kamen drei gebrochene Rippen, etliche Prellungen am gesamten Körper und sie mussten seine rechte Kniescheibe durch eine Künstliche ersetzen. Auf seinen Armen hatte er einige Verbrennungen, die von einem Elektroschocker herrühren mussten. An seiner linken Wange hatte ihn ein Messer erwischt, was wahrscheinlich eine Narbe hinterlassen würde. "Diese Schweine", schluchzte Laurel und wurde von einem Heulkrampf durchgeschüttelt. Er konnte einfach nicht begreifen, warum das alles passiert war.
"Die werden bestimmt bald geschnappt", versuchte ihn Sky zu trösten. Damals hatten sie wirklich noch daran geglaubt. Und obwohl Laurel wusste, wie es in der Welt zuging, dass eben nicht alle Gewaltverbrechen aufgeklärt werden konnten, hatte er fest an Skys Worte geglaubt, denn wenn nicht er dazu alles in die Wege leiten konnte, wer dann? Aber auch er stieß bald an die Grenzen des Möglichen. Wenn es keine Zeugen gab, sich Dale an nichts erinnern konnte und von den Tätern keine eindeutigen Spuren am Tatort hinterlassen worden waren, was hätte ihn sonst noch auf die Fährte dieser Killer bringen können? Es war aussichtslos.

Lange Zeit lag Dale im Koma. Wie lange, daran konnte sich Laurel nicht mehr erinnern. Für ihn war die Zeit damals tröpfchenweise dahingesiecht, wie zähflüssiger Schleim, der einfach nicht weichen wollte. Als die Ärzte ihn dann langsam ins Leben zurückholten, saß Laurel angespannt neben seinem Bett und drückte Dales Hand. Sky war auch bei ihm und sie wichen keine Sekunde von Dales Seite. Zusammen hatten sie Tagelang an Dales Bett ausgeharrt. Auch seinem Partner konnte man die Nervosität anmerken. Schließlich wusste keiner, ob Dales Gehirn nicht doch einen bleibenden Schaden davon getragen hatte. Laurel versuchte sich erst gar nicht auszumalen, wie es dann weitergehen sollte mit ihm. Für einen kurzen Moment hatte er überlegt, Dales Familie anzurufen, ließ es dann aber doch sein.
'Dafür ist immer noch Zeit, falls er wirklich ...' Ob sie hier her kommen würden, wagte Laurel zu bezweifeln. Seit Dale sich dazu entschieden hatte, sein Leben mit einem Mann zu teilen, herrschte Funkstille zwischen ihm und seiner Familie. 'Es ist ihm bestimmt nicht recht, wenn ich sie informiere.'
Zum Glück musste er das dann auch nicht. Dales Zustand war zwar nicht der Beste, kein Wunder, aber bis auf eine Gedächtnislücke, die aber normal sei, wie der Arzt meinte, ging es ihm den Umständen entsprechend. Falls man das so sagen konnte.
Die ersten Tage, nachdem er aufgewacht war, waren furchtbar gewesen. Immer wieder fragte er nach Adam, wollte ihn sehen, wollte wissen ob es ihm gut ging. Sky und Laurel wichen ihm aus. Noch konnten sie es ihm nicht sagen. Dazu war sein Zustand noch zu kritisch. Doch irgendwann konnten sie es ihm nicht mehr verschweigen.
"Laurie?"
"Ja?" Er war gerade dabei, etwas Ordnung in Dales Chaos zu bringen. Wie konnte man im liegen nur so ein Durcheinander veranstalten?
Laurel sortierte gerade die unzähligen Zeitschriften, die sie ihm zur Ablenkung mitgebracht hatten, als Dale ihn quasi überrumpelte. "Geht es Adam so schlecht?"
"Wie ... wie kommst du darauf?" Am liebsten wäre Laurel aus dem Zimmer geflohen. Er wusste, jetzt war der Zeitpunkt gekommen, es ihm zu erzählen. Außerdem machte ihm die Polizei schon Druck. Sie wollten Dale vernehmen und das konnte angeblich nicht mehr länger warten. Spätestens dann würde er es erfahren. Dann doch besser jetzt und die schlimme Nachricht von einem Freund überbracht bekommen. Das war er schließlich Adam und Dale schuldig.
"Du siehst scheiße aus. Genau wie Sky. Manchmal sehe ich dich sogar heulen."
"Ach Dale!" Wieder flossen bei Laurel die Tränen.
"Sag es mir doch endlich." Dales Stimme zitterte. "Wie geht es ihm?" Ein dicker Klos wuchs in Laurels Hals. Wie sollte er es ihm nur beibringen? Wie stellte man es am besten an, jemanden zu erzählen, dass seine große Liebe gestorben war? Erstochen auf einer Treppe.
Er rückte sich den Stuhl zurecht und setzte sich. Der Klos verschwand einfach nicht. Deshalb atmete er tief ein, ehe er versuchte zu sprechen. Seine Stimme war eher ein Flüstern, doch er war froh, dass er überhaupt einen Ton herausbrachte. "Er hat's nicht geschafft." Das war alles, was er fertig brachte. Warum also lange um den heißen Brei reden?
Erst wirkte Dale ziemlich gefasst, was wohl am einsetzenden Schock lag. Als er dann realisierte, was Laurel gerade gesagt hatte, schüttelte er seinen Kopf. "Nein ... Du lügst."
"Ich wünschte, es wäre so."
"Nein ... Nein, nein nein nein ... NEIN!" Dales Hände krampften sich in die Bettdecke. "Sag mir die Wahrheit!"
"Das ist die Wahrheit, Dale. Adam ist tot."
Dales Gesicht verwandelte sich in eine entsetzte Maske. "DU LÜGST!"
"Wieso sollte ich das?", schluchzte Laurel. "Es tut mir so leid."
Dale begann zu schreien, griff nach der Infusionsnadel und all den anderen Drähten und Schläuchen, die ihn bewachten und versorgten, und versuchte sie sich vom Leib zu schaffen. "Lass das! ... Dale!" Laurel versuchte ihn aufzuhalten und drückte auf den Notknopf. Er hätte warten sollen, bis ein Arzt mit dabei war, wie man es ihm schon so oft geraten hatte.
"ICH WILL ZU IHM! ICH GLAUBE DIR NICHT!" Der Herzmonitor piepste, die Tür sprang auf. Endlich kam Hilfe.

Nachdem ein Arzt Dale mit Mühe und Not eine Beruhigungsspritze verabreicht hatte, sackte er binnen Sekunden in seinem Krankenbett zusammen. Dennoch atmete er immer noch schwer und sein Gesicht war rot und von unzähligen Tränen aufgeweicht. Laurel packte seine Hand, während Dale wieder an alle notwendigen Maschinen angeschlossen wurde. "Sag, dass das nicht wahr ist. ... Sag, dass das nicht wahr ist. ... Bitte sag, ..." Diesen Satz wiederholte er so oft, bis er eingenickt war.
Am Boden zerstört wachte Laurel an Dales Seite. Wie sollten sie das alles bloß schaffen? Die Polizei saß ihm im Nacken und musste unbedingt Dales Aussage aufnehmen, ganz zu schweigen von all dem juristischen Kram, den er zu erledigen hatte. Adams Beerdigung stand an, da sein Leichnam gerade freigegeben worden war, weswegen es einen Haufen Entscheidungen zu treffen galt. Einige davon wollte er nicht ohne Dale treffen und konnte es auch gar nicht. Die Erbangelegenheiten musste er auch noch mit Dale besprechen. Natürlich erst, wenn es ihm irgendwann besser ging, aber lange aufschieben konnte er das auch nicht.
'Ich packe das nicht', dachte Laurel und erneut flossen bei ihm die Tränen.

*

Irgendwie hatte er es dann doch gepackt, obwohl, oder gerade weil er damals eigentlich nur noch funktionierte und stoisch alles Anstehende erledigte, seine 'To-Do-List' abarbeitete. Er tat eben alles, was zu tun war, versuchte so gut es ging für Dale da zu sein und ihm den Rücken freizuhalten. Sky griff ihm zwar auch unter die Arme, aber er stand selbst noch unter Schock und brauchte viel Zeit für sich.

Das sie das Jahr überstanden hatten, grenzte da fast schon an ein Wunder. Gerade auch, weil Dale sich einige Male das Leben nehmen wollte. Und diese Gefahr bestand noch immer, das ahnte Laurel, weshalb sie heute unbedingt bei ihm bleiben, und ein Auge auf ihn werfen mussten.
"Nein, ich weiß wirklich nicht wie es ist, seinen Freund sterben zu sehen. Aber du bist hier weiß Gott nicht der Einzige, der jemanden verloren hat", antwortete Laurel auf Dales vorige Worte. Doch dieser reagierte gar nicht mehr, sondern starrte auf einen unsichtbaren Punkt vor sich. "Dale? So kann das nicht weitergehen." Eigentlich wollte er es nicht soweit kommen lassen und es auch nicht gerade heute ansprechen. Doch er hatte Angst um seinen Freund. Angst, dass er es irgendwann schaffen würde, seinem Leben ein Ende zu setzen.


Dale senkte den Kopf. Er mochte doch nur allein sein. Wieso verstanden das seine Freunde denn nicht endlich? "Seit einem Jahr ist mein Leben vorbei. Daran ändert niemand was. Auch nicht deine schlauen Sprüche."
Laurel straffte sich und sah plötzlich ziemlich entschlossen aus. Auch wenn es nur gespielt war, wie Dale erkannte. "Dale? Vielleicht wäre es besser, wenn du dir endlich professionelle Hilfe suchst. Du musst hier raus. Das alles erdrückt dich doch nur."
Mit einem giftigen Blick fixierte Dale wieder seinen einstmals besten Freund. Er konnte nicht glauben, was er da gerade hörte. "Du willst mich in eine Klapse stecken?!"
"Falls das die letzte Lösung ist. ... Ja. Zur Not lasse ich dich Zwangseinweisen."
"Laurel!" Sky packte Laurel am Arm. "Das kannst du doch nicht ..."
"Und was soll das bringen? Die pumpen mich mit Antidepressiva voll und das war's. Praktisch für dich, was? Dann kannst du endlich beruhigt schlafen, wenn ich unter Drogen stehe und geistlos vor mich hinsabbere!" Dale hatte sich in Rage geredet, stellte sich nun ganz dicht vor Laurel, den das aber weniger beeindruckte als es von Dale erhofft war. Eigentlich war das auch kaum verwunderlich. Laurel war einen Kopf größer als Dale.
"Du sollst mit jemanden reden. Mit jemanden, der dir helfen kann." Oh, wie oft hatte er diese Worte schon gehört?
"Du weißt, dass das nichts bringt."
"Weil du dich dagegen wehrst. Du hast dem Psychologen nicht eine beschissene Chance gegeben!"
"Diesem Dummschwätzer? Warum hätte ich diesem Arschloch eine Chance geben sollen?"
"Mensch Leute! Beruhigt euch doch erstmal. Dale? Niemand will dich ruhig stellen. Und bestimmt kann man das auch ambulant machen. Oder Laurie?"
Dieser hörte nicht auf seinen Freund, sondern sagte nur: "Ich kümmere mich mal um was zu Essen", drehte sich um und lief in die Küche. Das tat er immer. Erst auf Konfrontation gehen, seine Meinung kundtun und sie dann einfach im Raum schweben lassen. Typisch Anwalt! Bloß wirkte seine Drohung nicht im geringsten bei Dale. Er hatte nicht im Traum vor, sich in irgendeine Klinik einweisen zu lassen, fern von seinem Adam. Niemals! Bevor das passierte, sprang er lieber vom Balkon. 'Keine schlechte Idee ...'
"Laurie meint es nicht so. Er macht sich nur Sorgen um dich. Das machen wir alle." Lüge! Der Rest seiner damaligen Freunde interessierte es einen Scheiß, was mit Dale war. Keiner von ihnen meldete sich mehr bei ihm. Okay, Dale hatte sie alle auch vor einiger Zeit erfolgreich vertrieben. Er brauchte sie alle nicht. Nur Laurel und Sky waren bis jetzt stoisch an seiner Seite geblieben. Allerdings konnte er sie auch nicht so einfach absägen, denn eins musste er zugeben, die beiden hatten wirklich eine Menge für ihn getan. Und auch für Adam.
Aber jetzt brauchte er sie nicht mehr. Und ihre Hilfe erst recht nicht! Die Zwei waren besser dran, wenn sie sich nicht mehr um ihn Sorgen müssen. Wenn es ihn nicht mehr gäbe. Dann könnten sie endlich abschließen und glücklich werden. Etwas, was Dale auf keinen Fall konnte. 'Nicht ohne ihn.'
"Ich kann verstehen, dass du heute lieber alleine sein willst, aber Laurel hat vielleicht recht. Falls du dir etwas antust, dass würden wir uns nie verzeihen. Wir wollen dich nicht auch noch verlieren." Dale antwortete nicht darauf. Sky widersprach ihm sowieso nur. Wozu dann die Mühe? "Los! Lass uns mal nachsehen, was Laurel uns auftischen will." Bemüht fröhlich dirigierte Sky ihn in die Küche.
Essen! Wie konnte man nur an so was Unnötiges denken?

***

Dale hockte am Küchentisch und zwang sich das erste Stück Pizza hinunter. Er wollte nichts essen und sein Magen war auch nicht wirklich dazu bereit, dieses fettige Zeug aufzunehmen. Sky und Laurel beobachteten ihn unterdessen mit Argusaugen. Jeden Bissen beäugten sie misstrauisch. Sie selbst waren schon fast fertig mit ihrer Pizza. "Ich kann nicht mehr", murmelte Dale schließlich und warf den Rest des Stücks in den Karton vor sich.
"Du hast doch noch gar nichts gegessen!" Wie nicht anders zu erwarten, protestierte Laurel und schob ihm den Pizzakarton zu, bis er fast über den Rand des Tisches hing.
"Mir ist kotzübel." Warum kapierten sie das nicht?
"Trink was. Dann flutscht's besser", probierte es Sky. Dümmster Spruch aller Zeiten!
"Bei mir flutscht nichts mehr. Erst recht kein fettiges Zeug."
"Fettig?! Die ist von deinem Lieblingsitaliener!"
"Noch schlimmer", krächzte Dale und stand schwankend auf. "Bleibt ja sitzen! Ich muss nur aufs Klo. Oder wollt ihr mir noch beim Pinkeln Gesellschaft leisten?" Es fehlte noch, dass sie ihm auch noch bis dorthin folgten. Besonders, da er so schnell wie möglich die Pizza loswerden wollte. Die von 'seinem Lieblingsitaliener'. Allein die Erinnerung daran, an all die schönen Stunden dort, ließen ihn würgen.
Er schmiss die Toilettentür hinter sich zu und kniete sich vor die Kloschüssel, worin er sich so leise wie möglich erbrach.
Fertig damit, ließ er sich mit einem Handtuch vorm Mund gegen die Badewanne sinken. Erinnerungen ... Auch wenn er sich den gesamten Magen auskotzte, er konnte ihnen nicht entkommen. Weder den Schönen, noch den Furchtbaren. Selbst hier im Bad gab es sie. Wunderschöne Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit. Bilder tauchten vor ihm auf. Fast war es ihm, als könne er Adams Stimme hören.
"Das Wasser wird schon kalt."
"Dann heizen wir es eben wieder an."
"Lieber heize ich dich an." Verlangende Küsse, sanfte und doch gierige Berührungen, keuchende Laute, welche von den Fliesen widerhallten. "Wird es dir schon wärmer?" Kichernd knabberte Dale an Adams Hals, der ihm seufzend mehr Spielraum dazu gab.
"Muss ich dir darauf antworten?"
"Nein. ... Musst du nicht." Ganz und gar nicht. Dale spürte es klar und deutlich, wie Adam immer heißer wurde.

Ein Stöhnen. Nicht das von Adam. Es war Dales schmerzverzerrtes Aufheulen, das ihn gütiger Weise ins Hier und Jetzt zurückholte. Wie immer verdrängte er sofort diese Erinnerungsfetzen. Sie quälten ihn sonst nur wieder und schürten erneut diese nie mehr zu stillende Sehnsucht in ihm, die er nach seinen gedanklichen Streifzügen durch seine Vergangenheit immer wieder händeringend niederkämpfte.

Er atmete tief durch, damit auch die restlichen Bilder aus seinem Kopf verschwanden. Ihm war noch immer schwindelig und sein Hals brannte von der eben hochgewürgten Magensäure. Eigentlich war es schon ein Wunder, dass er trotz schlechter und vor allem kaum vorhandener Nahrungsaufnahme noch immer einigermaßen fit war. Es war fast so, als wolle sein Körper nicht aufgeben, obwohl seine Seele schon längst bereit dazu war davon zu schweben.
Dale begann zu lächeln, falls man das so nennen konnte, was seine Mundwinkel da taten. Längst hatte er vergessen, wie es war, richtig zu lächeln oder zu lachen. 'Wahrscheinlich ist meine Seele schon längst verschwunden. ... Ganz sicher sogar.' Er schloss die Augen und stellte es sich vor. Wie sie ihn verließ und zu Adams zurückkehrte, wie sie sich nach einem windenden Tanz vereinten und sich ihre verschiedenen Farben miteinander vermischten. Adams Seele war ganz sicher in ein strahlendes Grün gehüllt. Das war seine Lieblingsfarbe gewesen. Dales dagegen wäre mit Sicherheit lila. Und während sie sich vermischten, erstrahlten sie in einem silbrigen Weiß. Genau dort gehörte seine Seele hin. Zu Adams, damit sie zusammen zu einem hellen, strahlenden Weiß werden konnten ...
Ob es sich wirklich so abgespielt haben könnte? Und wenn ja: Wann war das wohl passiert? Als Laurel ihm sagte, dass Adam tot war? Als er sich wieder mit einem Schlag an das furchtbare Verbrechen erinnern konnte, oder schon als er neben Adam lag und sah wie dieser starb? 'Sie muss sofort mit ihm gegangen sein.' Ja. Eine andere Erklärung gab es nicht. Seit diesem Zeitpunkt war er innerlich tot, zerbrochen und in Millionen kleine Teilchen zersprungen, doch sein Körper wollte einfach nicht aufgeben. 'Warum kann mein verfluchter Körper nicht endlich krepieren?' Nur er hielt ihn noch hier. Und aus irgendeinem Grund war er zu schwach, um sich selbst seiner zu entledigen.

Er öffnete die Augen wieder und schaute zum Badezimmerspiegel auf. Da lag eine nicht unerhebliche Menge an Tabletten. 'Wieso nicht? Ein weiterer Versuch mehr oder weniger ...' Mit wackligen Knien stand er auf. Der Schwindel nahm wieder zu und er musste sich am Waschbecken festhalten, damit er nicht umkippte. Seine Augen und Ohren fingen an ihm Streiche zu spielen. Gerade als er den Spiegelschrank aufgemacht hatte und er nach den Tabletten greifen wollte, erbebte ein lauter Schlag neben ihm. 'Bin ich umgefallen?' Dale sah an sich hinab. 'Nein. Ich stehe noch.' Ihm wurde immer schwindeliger und dusseliger im Kopf.
"Dale?!" Laurel hämmerte gegen die Tür. "Was war das?! Dale?! ... Hey! Antworte!" Hatte man denn hier nie seine Ruhe?!
Unbeirrt taxierte er wieder die Tablettendose, setzte sie sich an seinen Mund an und ... 'Was zum Geier ...?' Diesmal hielt ihn ein lautes Krähen auf.
Dale drehte seinen Kopf nach rechts zum Fenster, von wo das Krächzen hergekommen zu sein schien und musste einige male Blinzeln. Da saß eine Krähe! Sie starrte ihn direkt an. Zornig. Vorwurfsvoll. "Darf ich jetzt gehen?", fragte er sie leise und fing an zu lachen. Er wusste noch nicht einmal wieso. Da saß tatsächlich ein großer, schwarzer Vogel und starrte ihn vorwurfsvoll an!
Die Krähe krächzte erneut. So laut, dass Dale sich die Ohren zuhalten musste und ihm dabei die Tabletten ins Waschbecken fielen. Trotzdem lachte er weiter, hörte es von irgendwoher laut poltern und sackte zu Boden. 'Ich verliere den Verstand!', dachte er amüsiert. 'Ich drehe durch! Ich gehöre wirklich in die Klapse!' Vor seinen Augen flimmerte es, dann wurde es dunkel. Er versank darin, hieß die plötzlich auftauchenden Dunkelheit willkommen, die er sich jeden Tag aufs Neue so sehnlichst herbeiwünschte. 'Vergessen. Ich will einfach nur vergessen ...'


"Scheiße Dale! Was hast du gemacht?!" Kaum hatte Laurel die Tür des Badezimmers aufbekommen, ging er neben dem am Boden liegenden Dale in die Knie. Hatte er sich was angetan? Hatte das vorhin nicht mach einem Schuss geklungen? "Hilf mir Sky!" Laurels Stimme überschlug sich. "Siehst du was? Ist er verletzt?!"
"Nein. Scheint alles in Ordnung zu sein." Sie konnten Dales schwachen Puls ertasten, was Laurel über alle Maßen erleichterte. Sky half ihm daraufhin, den Bewusstlosen ins Schlafzimmer zu tragen. Dort legten sie ihn vorsichtig aufs Bett. "Er wiegt fast nichts."
"Ist das auch eine Überraschung?", fragte Laurel seinen Freund. "Wetten, er hat das bisschen Pizza eben wieder ausgekotzt?"
Sky seufzte leise. "Was machen wir jetzt mit ihm? Einen Arzt rufen?"
"Warten wir erstmal ab." Laurel prüfte Dales Atmung und erneut den Puls. "Bestimmt ist nur sein Kreislauf weggesackt. Hilf mir seine Beine hochzulegen. Decken und Kissen müssten reichen."
"Ist gut." Sky suchte alles Nötige zusammen.
Vorsichtig wischte Laurel die schweißnassen Strähnen von Dales Stirn. "Wie soll das nur mit dir weitergehen?", fragte er seinen bewusstlosen Freund leise und schaute sorgenvoll auf das ihm so vertraute Gesicht nieder, das allerdings gar nichts mehr von seinem alten Freund an sich hatte, wie er traurig feststellte. "Wie wird das nur enden?"

******



Das erste Kapitel wäre geschafft. Ich hoffe, es hat euch trotz der schwermütigen Stimmung zugesagt. Falls ja, dann bis zum nächsten Kapitel. ^^
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