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Blutrote Lilie

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
31.10.2014
12.12.2014
14
100.556
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Kapitel XI.


Gina stand an ihren kleinen schneidigen Sportflitzer gelehnt und wartete ab. Starr war ihr Blick auf die oberste Etage des Hauses gerichtet, von dem sie sich etwa zwanzig Meter entfernt positioniert hatte. Vorsicht war besser als Nachsicht.
Ihre Männer standen ebenfalls untätig in der Gegend herum, taten so, als würden sie gerne für ihren Boss im Nieselregen stehen und sich langsam aufweichen lassen, während sie dem leisen Prasseln zuhörte, die die kleinen Wassertropfen auf dem Lack ihres Autos erzeugten. Gina grinste in sich hinein. 'Trottel!', dachte sie und genoss die Führungsposition, die sie innehatte. Die Macht, die sie auf jeden Einzelnen ausüben konnte. Wenn sie wollte, könnte sie die Kerle die ganze Nacht im Nieselregen verrotten lassen. Natürlich würde sie das nie tun. Das würde nur zornige Gemüter wecken und sie am Ende vielleicht noch gegen sich auflehnen lassen. Dann doch lieber die kleinen Schikanen des Alltags genießen und auf Nummer sicher gehen. Man hatte ja an Rex gesehen, wohin das führte.
So vergingen die Minuten, die sich dutzendfach gelangweilt aneinanderreihten, bis endlich im Inneren der Wohnung schwaches Licht aufflackerte. Mehr als zufrieden darüber, zog sie an ihrer Zigarette und warf sie in eine der unzähligen Pfützen vor sich. Endlich tat sich etwas dort oben, auch wenn es nur ein schwach brennendes Licht war. 'Er ist also wieder brav und gutgläubig nach Hause gedackelt. Wie sehr ich sie doch liebe, diese nichtsahnenden und berechenbaren Schäfchen.' Sie beobachtete weiter das Geschehen von unten aus und konnte hin und wieder huschende Bewegungen ausmachen. Es mussten noch mehr Personen bei ihrem entflohenen Schätzchen sein. Das einer davon der Rächer war, bezweifelte Gina. Dieser war schon mit Rex zu Gange, wie sie auf dem Weg hierher von einem ihrer Männer erfahren hatte. Den hatte sie wohl wissentlich in der Nähe der Bruchbude positioniert, in der sie Rex sich selbst überlassen hatte. Die Entscheidung war richtig gewesen, ebenso ihr Riecher, der sich mal wieder als unfehlbar erwiesen hatte. Der Rächer hatte genau das getan, was sie erwartet hatte.
Bestimmt wartete sein kleines Liebchen sehnsüchtig dort oben auf ihn. Dessen war sie sich genauso sicher. Er bewachte Bett und Herd, wie eine kleine, gute Ehefrau, die darauf wartet, dass sich ihr Ehemann nach getaner Arbeit wieder an den Essenstisch setzt. Nun, sie würde mit dem Kleinen gemeinsam auf die Heimkehr des schwer malochenden Ehemannes warten.
Genüsslich blies sie den Zigarrenqualm in die kühle Nachtluft und wendete sich an ihre Männer. "Geht rein, aber Leise. Jeder, der dort oben ist, soll gefesselt werden. Bis auf mein kleines Zuckerstück. Den übernehme ich persönlich." Die Angesprochenen nickten ergeben und machten sich auf den Weg. Auf keinen Fall wollte sie den Kleinen einem ihrer Männer überlassen. Das war ihr Privileg, denn es war der Rächer, den sie unbedingt wollte. Diesen starken Mann, der sich niemanden unterordnete. Der für einen anderen Menschen tötete, ob aus Liebe, oder aus sonstigen lächerlichen Beweggründen auch immer er das tat. Es war ihr egal. Was sie daran interessierte war allein er. Ihn zu brechen würde ihr Meisterstück werden. Er würde danach ihr gehören. Ihr ganz allein. Und das schaffte sie nur, wenn sie sich seinen kleinen Freund unter den Nagel riss.
Langsam lief sie ihren Männern nach und kam dem alten Gebäude immer näher. 'Die Wohnung wäre doch ein nettes Plätzchen für mich, wenn die jetzigen Bewohner nicht mehr sind.' Sie gefiel ihr, die großzügige Wohnung im Dachgeschoss. Das war ihr schon bei ihrem ersten Besuch durch den Kopf gegangen. 'Dann werde ich mich mal ein wenig in meinem zukünftigen Reich umsehen', dachte sie gut gelaunt. 'Und wäre es nicht poetisch, sich gerade dort mit dem Rächer ein lauschiges Plätzchen einzurichten?' Grinsend fuhr sie sich über ihre zurückgebundenen Haare und beschleunigte beschwingt ihre Schritte. Zuerst mal war aber der kleine Knilch an der Reihe. Bevor sie sich den Rächer zu Eigen machen konnte, musste er verschwinden. Und zwar ein für alle mal. Keine Spielchen mehr. 'Warte nur Bürschchen. Gleich wirst du deinem toten Freund folgen. Und dann wird dein heißgeliebter Rächer an meiner Seite kämpfen. Früher oder später tun das nämlich alle.'

***

Der Teppich saugte sich mit dem roten Lebenssaft des am Boden liegenden, einstmals so von sich überzeugten Bandenführers, voll. Endlich war es vorbei. Der Letzte war tot. Adams Aufgabe war hiermit erfüllt.
Er ließ das Messer achtlos neben den Leichnam fallen und ging aus dem Zimmer. Die Krähe wartete dort schon auf ihn. Erschöpft lehnte sich Adam gegen die Wand und sah an sich hinab. Blut klebte an seinen Händen. Rex' Blut. Das musste er erst abwaschen, bevor er zu Dale gehen konnte, um sich von ihm zu verabschieden. So wollte er auf keinen Fall seinem Liebling ein letztes Mal gegenübertreten. Doch bevor er das konnte, musste er noch eine Sache in Ordnung bringen.
Die Krähe spürte, dass Adam trotz seiner erledigten Aufgabe noch nicht bereit war zu gehen. "Es geht noch nicht. Nicht jetzt." Lautstarker Protest. Schwarze Schwingen, die sich ausbreiteten. "Nicht, solange Dale und meine Freunde noch in Gefahr sind." Und das waren sie. Das wusste Adam. "Nicht, solange SIE noch frei herumläuft." Gina. Der Boss. Er war sich sicher, dass sie seine Freunde nicht in Ruhe lassen würde.
Er wollte sie nicht töten, obwohl sie es weiß-Gott verdient hatte, aber das war nicht seiner Aufgabe. Nicht mehr. Adam musste sie nur überwältigen und Laurel würde den Rest übernehmen. Genug Beweise, um sie endlich hinter Schloss und Riegel zu bringen hatte sein Freund ja. Das würde seine letzte Aufgabe hier sein. Dann war es geschafft und sein Liebling konnte endlich ein neues Leben beginnen.
Sein Blick fiel auf die Hälfte des Anhängers, der ihn und Dale seit so langer Zeit miteinander verband. Nachdenklich griff er nach dem silbernen Flügel und drehte ihn um, sodass er die Inschrift lesen könnte. Hatte er damals schon geahnt, was das kleine Unendlichkeitssymbol wirklich für sie bedeuten würde? "Bis zur Unendlichkeit." Vielleicht annähernd, nur hatte er vor Jahren etwas ganz anderes damit im Sinn gehabt. Das Gedicht, dass er für Dale geschrieben hatte, hieß so. Unendlich. Deshalb hatte er das Symbol eingravieren lassen. Als Zeichen für ihre Liebe und als Andeutung auf die Worte, mit denen er versucht hatte, Dale auch nur annähernd zu beschreiben, was er für ihn empfand.

"Zeig her!" Dale war ganz aufgeregt gewesen, als er das Päckchen von Adams Verlag erblickt hatte, das auf dem Wohnzimmertisch lag. Ungeduldig trat er von einem Bein aufs andere. "Gib schon her! Ich will es sehen!"
"Warte doch. Ich muss erstmal das Paket aufbekommen."
"Lass mich das machen!"
"Nix da! Das ist mein Buch, also mache ich das!" Adam besah ihn mit einem nicht ernst gemeinten strengen Blick. "Außerdem möchte ich, dass du der erste bist, dem ich eins davon überreiche."
"Und für mich unterschreibst", lachte Dale. "Persönlich von dir Signiert. Das wird bestimmt mal wertvoll."
Adam schmunzelte und riss das Paket von seinem Verlag vollends auf. "Sicher nicht. So berühmt werde ich nie. Dazu schreibe ich nicht gut genug."
"Sag das doch nicht!" Adam grinste ein wenig verschämt. Lob vertrug er nicht so gut. Das machte ihn immer verlegen, auch wenn es von dem Menschen kam, den er über alles liebte. "Mach schon!" Dale klatschte in die Hände, um ihn anzutreiben. Was sein Liebling jedoch nicht wusste war, dass Adam dieses Paket selbst gepackt hatte. Es war schon am Morgen zuvor angekommen, da war Dale allerdings nicht zu Hause gewesen. Zum Glück! Adam hatte die Gelegenheit genutzt und schrieb in eins der Bücher eine ganz persönliche Widmung für Dale.
Dieses Buch nahm er nun, nachdem er das Paket endlich auf hatte, in die Hand und reichte es seinem Liebsten. "Bitte schön."
"Danke schön", äffte Dale seinen schwülstigen Ton nach. Andächtig betrachtete er es von allen Seiten. "Für mich ist es schon ein komisches Gefühl dein Werk in den Händen zu halten. Wie muss es dann für dich sein?"
Adam zuckte mit den Schultern. "Ist ja nicht mein erstes." Er war viel zu aufgeregt, was Dale zu seinem Gedicht sagen würde, als sich um das ganze Buch Gedanken zu machen. Er hatte ihm noch nicht verraten, dass er sich tatsächlich an ein Gedicht gewagt hatte. Nur für ihn hatte er es geschrieben. Für seinen Dale.
Adam wurde immer aufgeregter. Er hatte keine Ahnung, wie es Dale gefallen würde. Ob es ihm überhaupt gefallen würde. So oft hatte Adam dieses Gedicht durchgelesen, etwas daran verändert, Passagen ausgetauscht und dran herum gepfeilt, dass er selbst kaum noch wusste, ob es überhaupt seinen selbstgesetzten Standards stand halten würde, läse er es zum ersten Mal. Am Ende kam es sowieso bloß darauf an, ob es Dale gefallen, ob es seinen Geschmack entspräche.
"Schlag es auf", forderte Adam ihn auf, da Dale noch immer mit der Betrachtung des Einbandes beschäftigt war.
Sein Liebling tat wie geheißen und blätterte ein wenig darin herum. "Großartig! Und es duftet so gut! Riech doch mal."
"Ich weiß wie Bücher riechen", lachte Adam. "Schau mal auf der letzten Seite."
Dale runzelte die Stirn und blätterte weiter. "Da ist nichts."
"Doch nicht da!" Sein Liebling hatte doch wirklich die allerletzte Seite aufgeschlagen! Dort würde er ganz sicher nicht fündig werden. "Die letzte bedruckte Seite."
"Oh … Okay." Dale blätterte zwei Seiten vor und "Was ist denn das?"
"Für dich", erwiderte Adam leise. "Das habe ich für dich geschrieben."
"Mit Widmung ... Wie hast du ...?"
"Die Bücher waren gestern schon da", gestand er und wurde immer nervöser. Es wäre besser gewesen, sie hätten sich vorher gesetzt. Seine Beine wurden ganz weich und er knetete sich nervös die Finger durch. "Lies es bitte."
Dales Miene verriet nichts über seine derzeitige Stimmung, aber er tat wie geheißen und begann zu lesen.


Ganz oben stand gedruckt: 'Dieses Gedicht widme ich einem ganz besonderen Menschen. Einem Menschen, der mir mein Herz gestohlen, und mir dafür etwas viel Wertvolleres geschenkt hat. Liebe.' Darunter hatte Adam ihm eine Widmung geschrieben: 'Dale, du hast mich immer weiter vorangetrieben, wenn ich aufgeben wollte. Dafür bin ich dir Unendlich dankbar und deshalb habe ich mich hingesetzt und ein Gedicht für dich verfasst.
Die folgenden Worte sind für dich, weil du sie mir entlockt hast.
In unendlicher Liebe
Adam'
Dale schaute auf und sah ihm ergriffen in die Augen. "Du hast mir ein Gedicht geschrieben?"
"Ich hab's versucht." Adam lächelte verlegen.
"Adam, ich ..."
"Lies bitte erst weiter, ja?" Adams Magen drehte sich um. Himmel! So nervös war er noch nicht mal gewesen, als er von seinem Verlag auf diese dämliche Buchvorlesung geschickt worden war!
Sein Liebling schluckte und nickte, ehe er laut weiterlas.

"Unendlich

Wir sahen uns an, bloß einen Augenblick lang, doch sofort war ich dein.
Ein weiterer Augenblick, und ich wusste, das zwischen uns wird für immer sein.
Kein Tag verging, und wir waren uns unendlich nah.
Eine Nacht, und unsere Herzen schlugen im selben Takt, wurden eins,
unzertrennbar für alle Zeit.

Seitdem zählt für mich die Zeit nicht mehr, es sei denn, du bist nicht bei mir.
Bist du fort, von mir getrennt, verdamme ich jede Sekunde die vergeht, bis wir uns wiedersehen.
Doch bist du wieder bei mir, wünschte ich, jede davon würde eine Unendlichkeit andauern, würde für uns stehen bleiben, bis die Zeit erlischt.

Du gabst und gibst mir Kraft das Unmögliche zu bewältigen und über mich hinauszuwachsen.
An deiner Seite habe ich das Gefühl, alles schaffen zu können und komme über jede Krise hinweg.
Du spendest mir Trost und schenkst mir deine Liebe. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde.
Dafür liebe ich dich.
Unendlich.


Auch wenn ich blind und taub wäre,
wenn ich nie wieder dein Lächeln sehen, oder deine Stimme hören könnte,
zu wissen, dass du bei mir bist,
zu wissen, dass du mich anlächelst,
zu wissen, dass du mich berührst,
zu wissen, dass du für mich singst.
Allein das hielte mich aufrecht und am Leben.
Und noch nicht mal die Hölle könnte mich aufhalten, dich für all das zu lieben und dir bis zur Unendlichkeit zu folgen." Dales Stimme verstummte.

Sprachlos sah er Adam an, was seine Nervosität um ein Vielfaches anstiegen ließ. Gefiel ihm das Gedicht, oder hatte er vollkommen versagt?
Da Dale noch immer nichts sagte, begann Adam zu reden. Er sagte das Erstbeste, das ihm einfiel. "Der erste Reim war zufällig. Du weißt ja, dass das normal nicht so mein Ding ist, aber da es die Wahrheit ist, passte nicht anderes und schon stand da ein Rei..."
"Oh Adam!" Dale flog ihm in die Arme und kuschelte sich fest an ihn. "Danke", hauchte er leise. "Du weißt gar nicht, wie viel mir das bedeutet."
Adam vielen tausend Tonnen Steine vom Herzen. Dale mochte es! "Jedes Wort ist ernst gemeint."
"Ich weiß." Sie küssten sich, bis ihre Lippen ganz wund waren.
Danach machten sie es sich auf der Couch bequem und Dale las immer wieder Adams Zeilen durch, bis er anfing zu kichern. "Was ist?"
"Das ich für dich singe?", fragte Dale ihn und tippte auf die Stelle im Gedicht. "Wann habe ich jemals für dich gesungen?"
"Na ja", druckste Adam herum. "Du singst so oft vor dich hin, oder pfeifst irgendeine Melodie wenn du beschäftigt bist. Ich kann es mir einfach nicht mehr vorstellen, ohne deine kleinen Melodien hier zu sein. Die Wohnung wäre einfach still und leer ohne dich. ... Genau wie ich."
'Wie kitschig', dachte Adam, aber so war es nun mal.
"Das war mir gar nicht bewusst." Das sah seinem Liebling mal wieder ähnlich.
"Hör jetzt damit aber ja nicht auf!"
"Bestimmt nicht", lachte Dale und legte das Buch auf den Wohnzimmertisch. "Meine Stimme wirst du noch lange zu hören bekommen."
"Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen", hatte Adam ihm daraufhin geantwortet und Dale auf die Couch niedergedrückt. "Obwohl ... Da gibt es doch was …"
"Ach ja?"
"Ja."
"Zeigst du mir auch was du meinst?"
"Gerne", raunte Adam ihm zu und versiegelte Dales Mund.

Adam ließ den kleinen Anhänger aus seiner Hand gleiten und zwang sich von der Erinnerung los. Besser, er brach nun endlich auf, auch wenn die Krähe anderer Meinung sein sollte. "Das muss ich noch tun, ehe ich gehe. Verstehst du?"


Ein Schauer überflog sie. Ihr Schützling hatte Recht. Ihre Sinne sagten ihr, dass etwas nicht in Ordnung war. Das sich etwas in diesem Moment begann zuzuspitzen. Etwas, das Adams Seele niemals zur Ruhe kommen lassen würde. Kraaa!
Sie schlug mit ihren Flügeln und übermittelte ihrem Schützling dieses Gefühl der Unruhe. Dieser begriff sofort und wusste anscheinend was zu tun war, denn er rannte an ihr vorbei aus dem Haus, jagte wie ein Schatten durch die Stadt und eilte die Straßen entlang.
Ja, es war wirklich so. Die Dinge schienen nie so zu sein, wie sie auf den ersten Blick waren. Immer konnte was Unvorhersehbares geschehen, das alles durcheinander wirbelte, oder gar ganze Leben zerstören konnte.

***

Seit langem hatte Dale nicht mehr so fest und so tief geschlafen. Seit gut über einem Jahr schon nicht mehr, wenn er es sich recht überlegte. Es war, als hätte Adams Besuch ihm ein völlig neues Leben geschenkt. Mit der Gewissheit, dass er Adam noch einmal sehen würde, sich diesmal von ihm verabschieden konnte und dass selbst der Tod sie nicht voneinander trennen konnte, war er wie ein Baby eingeschlafen. Selbst geträumt hatte er nicht. Traumlos war er dahingedämmert und fühlte sich sogar richtig ausgeruht.
Doch weshalb war er jetzt wach? Irgendwas hatte ihn geweckt. Laurel und Sky vielleicht. Sicher waren sie vorhin nicht nach Hause gegangen, wachten an seiner Seite und warteten genauso wie er auf die Rückkehr seines Freundes. Ausgeruht und voller Vorfreude auf Adams Rückkehr setzte sich Dale auf und lauschte. Leises Gemurmel. Feste Schritte auf Holzdielen. Mit einem Schlag war Dale hellwach. 'Adam!' War er wieder da?!
Schnell sprang Dale aus dem Bett und verließ das Schlafzimmer. "Adam?! ... Bist du schon zurück?!" Dale eilte mit aufgeregtem Herzklopfen ins Wohnzimmer. Doch da war kein Adam. Ein Schreck jagte ihm durch den Körper und ließ ihn straucheln, da er abrupt abbremste. "Laurie? Sky?"
"Nnnmmm!"
Dale erstarrte nun völlig und blieb stehen. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Seine Beine wurden schwer wie Blei und in seinem Bauch zog sich alles zusammen. "Was ist den mit euch passiert?!" Dale sah zu Laurel und Sky hinüber, die gefesselt und geknebelt an das große Wohnzimmerfenster gelehnt hockten. Ihre Augen waren erschrocken aufgerissen und an Skys Wange liefen Tränen hinab. "Wer war das?", keuchte er, bekam endlich wieder seine Beine in den Griff und hockte sich vor seine Freunde. Ihm zitterten die Hände, als er nach den Knebeln langte.
"Das würde ich an deiner Stelle sein lassen." Dale hielt inne.
Wie dumm von ihm! Er hatte gar nicht drauf geachtet, ob noch jemand hier war. Und zwar der jemand, der seine Freunde so verschnürt und geknebelt hatte. "Wenn du jetzt langsam aufstehst und zu mir kommst, werde ich deinen Freunden kein Härchen krümmen und sie können nachher, wenn alles vorbei ist, einfach wieder nach Hause trappeln." Hatte Dale eine andere Wahl? Besonders da er wusste, zu wem diese Stimme gehörte, die hinter ihm diese furchtbaren Worte säuselte.
Vorsichtig schaute er sich um, während er wieder aufstand und sich mit erhobenen Händen umdrehte. Gab es hier nicht etwas, das er als Waffe benutzen konnte? Fehlanzeige. Jedenfalls war hier nichts, was besser war als die Knarre, die direkt auf ihn zielte.
"Was wollen Sie von mir?", fragte Dale mutig, obwohl ihm bereits jetzt der Schweiß auf der Stirn stand. Er wollte nicht sterben. Nicht mehr. Nicht bevor Adam wieder bei ihm war.
"Du und der Rächer. Ihr schuldet mir noch was. Dafür, das ich meinen kleinen Wettclub schließen musste." Anscheinend wusste der Boss nicht, dass auch Laurel und Sky nicht ganz unschuldig an der ganzen Sache waren. 'Das bleibt auch besser so', dachte Dale erleichtert. Den beiden durfte nichts geschehen.
"Und was haben Sie nun vor?"
"Dein Freund hat einen meiner fähigsten Männer abgemurkst und mir mit meinem Club eine lukrative Einnahmequelle genommen. Außerdem habe ich meinen Wettclub wirklich geliebt, genau wie Skin. Deshalb nehme ich ihm im Gegenzug etwas, das er liebt. Und danach ..." Gina verengte ihre gefährlich blitzenden Augen zu schmalen Schlitzen. "Danach nehme ich mir als Entschädigung deinen mehr als ansehnlichen Killer und richte ihn mir als Schoßhund ab." Mit Todesangst blickte Dale in den dunklen Lauf der Pistole. Wollte sie ihn etwa erschießen? "Mach's gut, Dale." Gina hob den Lauf der Pistole höher, grinste fies, bereit abzudrücken.
Kraaaaa! Plötzlich tauchte die Krähe vor Dales Sichtfeld auf, flatterte wie ein schwarzer Schatten im Wohnzimmer umher und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Mit den Händen über dem Kopf kippte er zur Seite. Gleichzeitig löste sich der Schuss aus Ginas Waffe, der laut in Dales Ohren dröhnte.
"Fuck! ... WO KOMMT DIESER SCHEIßVOGEL HER?!" Gina war außer sich. Ihr sonst so beherrschtes Gesicht war wutverzerrt.
'Adam! Er muss hier sein', dachte Dale erleichtert und rollte sich zur Seite, damit er sehen konnte, was gerade geschah. Und wirklich! Adam stand mitten im Raum. Drohend hatte er sich zwischen Dale und dem Boss aufgebaut.
Dales Erleichterung war grenzenlos und er wäre am liebsten seinem Schatz in die Arme geflogen, wäre da nicht noch immer diese mordlüsterne Frau, die mit ihrer Waffe in der Hand dastand, und nun auf ihn zielte.

"Ich wusste doch, dass du noch auftauchst", zischte sie knurrend.
"Lass die drei aus dem Spiel. Das hier geht nur uns beide was an." Dale konnte nur Adams Rücken sehen, und sah deshalb nicht, dass er Gina ebenso mordlüstern anstarrte und arg mit sich rang, sie nicht einfach zu packen und aus dem verdammten Fenster zu werfen.
"Mein stolzer Rächer. Glaubst du wirklich, dein Herzchen wäre so unschuldig? Und die anderen beiden? Tut mir leid, doch die haben schon viel zu viel gesehen, als das ich sie einfach so verschonen könnte." Gina hob erneut ihre Waffe. Zuerst zielte sie damit auf Adam, schwang aber dann mit ihrem Arm nach links, visierte Laurel an und drückte ab. Drei mal.
Dale schrie. Er schrie so laut wie noch nie zuvor in seinem Leben. Aber nicht weil Laurel getroffen wurde. Adam hatte sich blitzschnell in die Schussbahn geworfen und schien alle Kugeln abgefangen zu haben. "ADAM!" Tränen verschleierten Dales Sicht, als er sich aufrappelte und zu Adam wankte. Er konnte doch seinen Schatz nicht schon wieder auf eine solch furchtbare Art verlieren! "Adam ...!" Er wollte sich neben seinen Freund fallen lassen, wollte bei ihm sein, wurde aber unerwartet aufgehalten. Von Adam!
Total verwirrt, aber mehr als erleichtert, hielt Dale inne und ließ sich von Adam nach hinten schieben, damit er vorerst in Sicherheit war. "Bleib hinter mir!", zischte er ihm zu und stand weiterhin wie ein Fels zwischen ihm und dem Boss. Wie das möglich sein konnte, blieb Dale schleierhaft. Er war nur froh, dass es seinem Babe gut ging. Denn, wenn dem nicht so wäre, würde er mit Sicherheit nicht so sicher und aufrecht dastehen, oder?
Schwankend blieb er wie aufgefordert hinter Adam stehen, versuchte konzentriert zu bleiben und auf eine Chance zu achten, die er irgendwie ausnutzen konnte, um seinem Babe zur Seite zu stehen. Wenn ihm doch nur nicht so verflucht schwindelig wäre!


Erst hatte Gina gedacht, dieser Mistkerl würde eine schusssichere Weste tragen. Doch nun musste sie ungläubig mitansehen, wie ein kleines Rinnsal Blut aus den Wunden sickerte, während sie begannen, sich langsam zu schließen. "Das kann nicht wahr sein!" Einen Moment noch herrschte Fassungslosigkeit in ihr, dann besann sie sich jedoch recht schnell wieder. Gina war nicht aus Zufall soweit aufgestiegen. Sie konnte auch mit schier unfassbaren und aussichtslosen Situationen umgehen. Zugegeben war dies eine ganz andere Nummer, als die, die sie sonst zu bewältigen hatte. Aber das war ihr schon von vornherein klar gewesen. Dennoch war sie nicht unlösbar. "Andrew? Scott?" Die beiden angesprochenen Männer betraten das Wohnzimmer. "Eine falsche Bewegung und die beiden kümmern sich um deine zwei kleinen geknebelten Freunde." Mal sehen, wie der Rächer die Kugeln dreier Pistolen abfangen wollte. "Und in der Zwischenzeit durchlöchere ich deinen kleinen Geliebten." Erregung durchströmte sie, als sie sah, dass der Rächer nun gar nicht mehr so cool und entschlossen wirkte, wie zuvor. Sie hatte ihn in ihrer Hand. Endlich!


Adam blieb keine andere Wahl, als ruhig zu bleiben. Irgendwie musste er diese gemeingefährliche Frau ablenken. Blieb aber noch ein weiteres Problem: Die zwei Typen, die hinter ihr standen. Sie hatten ebenfalls je eine Pistole in der Hand und zielten damit auf Laurel und Sky.
Bei all seinen Kräften, sie alle drei auf einmal zu schützen würde fast unmöglich werden. Ihm musste auf der Stelle was einfallen und das tat es auch. Er würde alles auf eine Karte setzten müssen und darauf hoffen, dass Ginas Männer keine nervösen Finger hatten. Doch noch waren ihre Waffen nicht entsichert. Er hatte also eine Chance. Zeit schinden war jetzt angesagt. Den Gegner von den drei wichtigsten Menschen die er noch hatte ablenken, und sie mit allen ihm zu Verfügung stehenden Mitteln zu beschützen. Die zwei Männer und der Boss sollten sich voll und ganz auf ihn konzentrieren und nicht auf seine Freunde hinter ihm.
"Lass uns das unter uns klären", sagte Adam leise-einschmeichelnd zu Gina und hob seine Hände. "Sie können doch gar nichts dafür. Du willst dich doch an mir rächen. Also tu's einfach und damit hat sich die Sache." Adam bemühte sich um einen möglichst neutralen Gesichtsausdruck und versuchte gleichzeitig die zwei Kerle hinter Gina im Auge zu behalten.
"Meinst du wirklich, dass ich so blöd bin?" Freudlos lachte die blonde Frau auf.
'Nein. Aber ich hatte es gehofft.' "Wovor hast du Angst? Ich bin unbewaffnet. Du und ich. Keine deiner Lakaien. Keine unbeteiligten Zeugen. Du kannst mit mir machen was du willst. Ich ergebe mich dir." Adam hoffte, dass er sie mit seinen Worten wenigstens ein Wenig aus dem Konzept bringen konnte.
Gina schüttelt ungläubig den Kopf, wobei sich einige ihrer so perfekt nach hinten geklemmten Haare lösen. Hätte sie nicht ständig diesen harten, missbilligenden Ausdruck in ihren Augen, könnte sie eine wirklich hübsche Frau sein. "Du glaubst doch nicht etwa im Ernst, dass ich mich darauf einlasse? Das ich auf das Vergnügen pfeife, dich leiden zu sehen? Nein, mein Lieber. Erst kommen deine lieben, kleinen Freunde dran. Und dann ... Dann gehörst du voll und ganz mir." Gierig schweifte ihr Blick über Adams Körper. Das wollte sie also?
"Und du glaubst doch nicht wirklich daran, dass ich mich dir willig ergebe, wenn du meine Freunde abknallst?"
"Nein", sagte Gina gelangweilt. "Aber ich habe Mittel und Wege, dich mir früher oder später gefügig zu machen. Auch ohne diese zwei kleinen Lustknaben, oder deinem schwachsinnigen Weibchen." Wut. In Adams Magen wallte heiße Wut auf und er musste sich sehr beherrschen … "NHHMMM!!!" Laurel!
"Halt die Klappe!", polterte Gina los, da hinter Adam Laurel anfing unruhig zu werden. Doch er beruhigte sich nicht und zeigte sich unbeeindruckt von Ginas Gebrüll. Seine Füße schabten über den Boden und er gab weiterhin ein panisches Keuchen von sich. "Halt dein Maul, hab ich gesagt!" Gina wurde immer nervöser und richtete den Lauf nun ebenfalls auf Laurel. Was war denn nur mit ihm los? Wieso hörte er nicht auf diese Wahnsinnige, brachte sich und seine Freunde damit in noch größere Gefahr?
Adam hörte das Kratzen von scharfen Klauen über kargen Holz. Das Geräusch kam von der Krähe, die in einer dunklen Ecke auf der hölzernen Armlehne eines alten Sessels balancierte. Vor Adams Augen blitze es und er sah, was die Krähe gerade sah. Und das brachte Adams Herz zum Stillstehen. 'Dale!'


Seine Hand zitterte. Er hatte es gar nicht bemerkt! Vor lauter Angst um Adam und seine Freunde, hatte er es gar nicht gespürt! Erst jetzt, als Laurel ihn mit entsetzen Blick und panischen Lauten darauf aufmerksam gemacht hatte, sah er es. Blut! Es klebte Blut an ihm. Überall! Doch es war nicht irgendein Blut. Es war Seins! Er blutete, und das ziemlich stark.
Der Schuss vorhin musste ihn doch getroffen haben. Die Kugel, die Gina abgefeuert hatte, als Adam wie aus dem Nichts hier aufgetaucht war, hatte ihn an der rechten Seite seines Bauches getroffen. So viel Blut ... War ihm deshalb schon die ganze Zeit über so schwindelig gewesen? Und wieso hatte er es nicht schon viel eher gespürt? Wieso spürte er noch immer keinen Schmerz?
Dale schluckte schwer und schaute auf. Vor ihm lief plötzlich alles wie in Zeitlupe ab. Adam schrie auf, sah ihn entsetzt und schmerzgeplagt an, bevor er seine Hände zu Fäusten ballte und und sich sein Gesicht vor Zorn und Wut verzerrte. Er rannte kopflos auf Gina zu, die kaum begriff was geschah, schlug ihr die Waffe aus der Hand und umfasste ihre Kehle.
Das musste so schnell passiert sein, dass die beiden Kerle hinter Gina kaum Zeit gehabt hatten zu reagieren. Adam brüllte den beiden Männern etwas zu, die dann ihre Waffen auf den Boden sinken ließen und ihre Hände hoben. Dale verstand die Worte nicht, die Adam ihnen zubrüllte. In seinen Ohren rauschte und piepste es im Takt seines schnell schlagenden Herzens. 'Ich muss mich beruhigen', dachte er panisch. 'Wenn mein Herz weiterhin so schnell schlägt, dann ist es aus.'
Fassungslos sah er zu, wie Adam Gina weiterhin festhielt und jetzt sogar in die Luft hob. Mit nur einer Hand schaffte Adam es, sie über den Boden schweben zu lassen. Ihr Gesicht lief krebsrot an und ihr Mund öffnete sich schnappartig.
Dale wandte den Blick ab, wollte nicht dabei zusehen, was Adam gerade im Begriff war zu tun. Laurel und Sky waren inzwischen zu ihm gerobbt und versuchten sich von ihren Fesseln zu befreien. Dale sank auf seine Knie, weil er sich einfach nicht mehr auf seinen Beinen halten konnte. Er brauchte was zum Abdrücken der Wunde! Irgendwas! Vergeblich drückte er seine Hände gegen sein blutdurchtränktes Shirt, was ihm selbst jetzt keine Schmerzen bereitete. Es half jedoch nicht. Das Blut quoll weiter aus ihm hervor und ihm wurde immer schwindeliger.
Er begann alles doppelt zu sehen und seine Arme wurden taub. "Adam ..." Er kippte seitlich gegen das Fenster und schloss die Augen. "Adam ..." Dale wollte nicht sterben. 'Wie kurios', ging ihm durch den Kopf. 'Jetzt ist es vielleicht soweit und ich habe Angst davor.' Denn wie sollte Adam zu ihm finden, wenn er starb? Wenn er vor Adam dort ankam, auf der anderen Seite? Was passierte dann? "Adam …" Würde ihn sein Babe dort trotzdem noch finden können?


"DU HINTERHÄLTIGES BIEST!" Adam drückte zu. Vergeblich kratzten die aufwendig manikürten Fingernägel des Bosses an seinen Händen. Er drückte fester zu. Ginas Kehle entkam ein hässlich gurgelndes Geräusch. Weiches Fleisch gab unter seinen Händen nach und sein Opfer röchelte feucht. Es dauerte nicht lange, da fingen Ginas Augenlider an zu flattern und die Finger, die sich eben noch in seinen Handrücken gebohrt hatten, rutschten kraftlos nach unten. Adam wartete ab, bis er keinen Herzschlag mehr spüren konnte. Bis er sich sicher war, dass sie ihren letzten Atemzug getan hatte.
Angewidert ließ Adam den toten Körper los und die einst so stolze Nummer eins des Untergrundes dieser Stadt sackte wie ein nasser Sack vor Adams Füße. Die zwei Männer hatten die Flucht ergriffen, nachdem Adam ihnen angedroht hatte, sie seien die Nächsten, wenn einer von ihnen was Dummes anzustellen gedachte. Sie waren schlau genug gewesen, auf ihn zu hören und hatten schnell die Beine in die Hand genommen, damit sie hier weg kamen. Sehr loyal, Ginas Männer. Adam hatte sie gehen lassen, da von ihnen nichts zu befürchten war. Sein Instinkt, oder besser gesagt, der Instinkt der Krähe, sagte ihm, dass die Kerle bloß kleine Lichter waren, die nur Befehle ausführten.
Schnell lief Adam zu Dale, der neben Laurel und Sky auf dem Boden gegen das Fenster angelehnt saß und die Augen geschlossen hielt. "Dale?! Dale!" Er klopfte leicht gegen die Wange seines Liebsten. Flatternd hoben sich Dales Augenlider. Es war noch nicht zu spät!
"Die andere Seite ... Muss warten ..." Dale schloss die Augen wieder.
"Du wirst die andere Seite noch nicht zu Gesicht bekommen, hörst du?", redete Adam auf Dale ein, doch dieser reagierte kaum noch. Sein Puls war schwach und seine Atmung flach. "Kommt ihr allein klar?" Adam sah seine Freunde an.
Sky hatte sich schon irgendwie selbst von den Fesseln befreit und zog sich gerade den Knebel vom Mund. "Geh schon! Beeil dich!", rief dieser ihm zu. "Bring ihn ins Krankenhaus!"
Adam handelte sofort, hob Dale auf seine Arme und eilte los. "Halte durch, ja?" Sorgenvoll musterte Adam das bleiche Gesicht seines Liebsten, als er mit ihm im Arm auf dem schnellsten Wege Richtung Krankenhaus rannte.

***

Ein herannahender Herbststurm zerzauste das Gefieder der Krähe, die auf einem alten, knochigen Ast ausharrte und in das erleuchtete Fenster direkt vor ihr schaute. Mittlerweile kannte sie die Menschen, die um das schmale Bett herum standen sehr gut und verstand deshalb auch die Angst und die Hoffnung, die sie alle empfanden. Ihr Schützling war einer von ihnen. Er sah mit steinerner Miene auf das Bett hinab, hielt die Hand des jungen Mannes darin fest umklammert und redete lautlos mit ihm. Die anderen beiden konnten somit nicht hören was er sagte, nicht verstehen, was der Bewusstlose ihm antwortete. Sie wussten noch nicht, was bald geschehen würde, ahnten es aber vielleicht schon.
Ihr Schützling schloss die Augen und unterdrückte seine Trauer. Sie spürte, dass er glaubte, versagt zu haben. 'Das hast du nicht', ließ sie ihn wissen. 'Manchmal geschehen Dinge, die man nicht vorhersehen, oder verhindern kann. Genau wie ich es nicht verhindern kann, was nun auf dich zukommt.' Seine Zeit war längst vorüber und das wusste ihr Schützling auch. Eigentlich hätte er schon längst in seinem Grab sein müssen, aber sie ließ ihm noch die wenigen Minuten bis es soweit war und rüstete sich für den letzten Akt, den sie noch zu bewältigen hatte, und den sie so eigentlich nicht geplant hatte.
Es wurde Zeit. Nicht nur für ihren Schützling.
Sie breitete ihre Flügel aus und schrie in den tobenden Wind, ehe sie sich erhob und auf den schmalen Fenstersims landete. Gleich. Gleich würde es soweit sein.

*

Adam stand neben Dales Bett und umklammerte die schwache Hand seines Liebsten. Sie hatten ihn vor noch nicht mal einer halben Stunde aus dem OP geschoben und sein Liebster hing an piepsenden Geräten und unzähligen Schläuchen, die ihn am Leben hielten. Laurel und Sky waren wieder aus dem Krankenzimmer geben worden, da es Dale noch nicht über den Berg geschafft habe, wie der behandelnde Arzt vorhin meinte. Adam war natürlich nicht gegangen, hatte sich vor dem Arzt und den beiden Krankenschwestern im Verborgenen gehalten, damit er bei seinem Liebling bleiben konnte. Er war mit Dale allein.
Er konnte es spüren. Vielleicht lag es daran, dass er selbst tot war und den Tod mittlerweile besser kannte als ihm lieb war, so oft, wie er ihn schon anderen gebracht hatte, oder aber die Krähe flüsterte es ihm zu. Ganz egal was es war, es würde bald vorbei sein. Dale würde es nicht über den Berg schaffen und das wusste der Arzt auch, wollte Laurel und Sky aber nicht die Hoffnung nehmen.
Adam legte seine Hand auf Dales Stirn und beugte sich zu ihm runter. "Warte dort auf mich, wo du noch meine Nähe spüren kannst", flüsterte er Dale zu, der noch immer in seinem Körper gefangen war. Er wusste, dass sein Liebster ihn hören konnte. "Dann gehen wir gemeinsam in unseren Garten."
"Hier ist es? Das ist ja riesig!" Adam lächelte, als er Dales beeindruckt funkelnde Augen sah. "Wie groß ist das ganze Gelände eigentlich?"
Adam zuckte mit den Schultern. "Weiß ich nicht genau. Hab mich nie damit befasst."
"Es muss schön gewesen sein, hier aufzuwachsen", flüsterte Dale, der seinen Arm um Adams Taille gelegt hatte und mit ihm auf dem riesigen parkähnlichen Anwesen von Adams Onkel umherstreifte.
"Ja, war es." Mit Wehmut dachte Adam an die ganzen vergangenen Jahre hier zurück. Er hatte es geliebt sich hier vor der Außenwelt zu verstecken, sich an einem der vielen Bäume anzulehnen, während er sein dickes Notizbuch mit Geschichten füllte, die er sich ausdachte, oder eins der vielen Bücher las, die er schon in seinen jungen Jahren besessen hatte. Glückliche Tage, in denen er alles um sich herum vergessen konnte. Er hatte wirklich sehr viele schöne Erinnerungen an diesen Ort.
"Du vermisst ihn." Dale blieb stehen und stellte sich vor Adam, um ihm ins Gesicht schauen zu können. Sah man Adam seine Trauer um Onkel Clyde noch so sehr an?
"Ich wünschte, du hättest ihn kennengelernt. Er hätte dich gemocht, und du ihn bestimmt auch." Da war er sich sicher. Onkel Clyde besaß zu seinen Lebzeiten eine besonders gute Menschenkenntnis. Sicher hätte er seinen Dale vergöttert und wäre schier ausgeflippt, dass sein kleiner Neffe endlich in festen Händen war.
"Ja. Ich hätte ihn gerne kennengelernt." Dale lief weiter und griff nach Adams Hand. Händchenhaltend verließen sie den Kiesweg und schlenderten quer über die grüne Wiese. Es war ein herrlicher Tag. Die Sonne schien und der Garten lag jenseits der lauten Hektik der Stadt. "Hier fühlen sich die Kinder sicher wohl."
"Bestimmt." Dafür würde er schon sorgen.
Adams Onkel hatte in seinem Testament verfügt, dass das Anwesen zu einem Heim für elternlose Kinder umgebaut werden sollte, wenn er gestorben war. Alles Nötige dafür hatte er schon zu Lebzeiten geregelt und Adam blieb nur noch eins: Er überwachte die Umbauarbeiten und würde in Zukunft dafür sorgen, dass es jedem einzelnen Kind hier gut ging. Schließlich wusste er am besten, was dazu getan werden musste. "Vorn soll ein Spielplatz hin und hier hinten eine Art Zeltplatz mit kleinen Holzhütten, wo die Kinder in warmen Sommernächten übernachten können."
"Das kann ich mir richtig gut vorstellen." Begeistert tänzelte Dale auf dem Gras umher und zog Adam kichernd mit sich. "Zeig mir deinen Lieblingsort hier! Du hast doch sicher einen gehabt?", forderte er ihn auf. Adam nickte und musste nicht lange überlegen welcher Ort das war, und führte ihn weiter ins mit Büschen und Sträuchern bewachsene Dickicht. Es dauerte keine fünf Minuten, da kamen sie an einer kleinen Lichtung an, an deren Rand ein alter, großer Baum stand. Das Sonnenlicht malte gelbe Tupfen auf die grünen Pflanzen und tauchte alles in ein warmes, helles Licht. "Wow! Ist das schön!" Staunend drehte sich Dale ein paar mal im Kreis. "So stelle ich mir das Jenseits vor."
"Das Jenseits?" Adam schmunzelte und sah seinen Freund schief an. Wie kam er denn jetzt darauf? "Seit wann glaubst du an das Jenseits?"
"Na ja", begann Dale nachdenklich. "Damit meine ich nicht das Jenseits in dem Sinne. Einfach der Ort, an dem die Seele verweilt, wenn der Körper tot ist. Solange, bis man wiedergeboren wird." Adam schmunzelte. An Wiedergeburt glaube sein Liebling also auch noch.
"Ich wusste ja gar nicht, dass du so poetisch sein kannst. Das sind ja ganz neue Seiten an dir, die ich da kennenlerne." Dale verzog das Gesicht und verpasste Adam einen leichten Klaps auf die Schulter. Der lachte bloß und legte seinem schmollenden Liebling die Arme um die Hüfte.
"Falls es so was gibt, eine Art Leben danach, dann möchte ich, dass wir beide an so einen Ort kommen."
"Das wäre schön", flüsterte Adam und küsste Dales Haarschopf.
Der blinzelte grinsend zu ihm auf. "Und hier warst du also früher immer?"
"Meistens."
"Kann ich verstehen", flüsterte er andächtig und begann süffisant zu grinsen. "Und was hast du an diesem wundervollen Ort so alles gemacht?"
"Geschieben und Bücher gelesen", antwortete Adam unschuldig.
"Bloß geschrieben und gelesen?" Ziemlich frivol rieb sich Dale an Adams Körper und schlüpfte mit seinen Fingern unter sein Hemd.
"Hey! Damals war ich noch klein!"
"Und als du groß warst?", fragte Dale schnurrend und begann an Adams Ohrläppchen zu knabbern. "Was hast du dann hier alles so getrieben?"
Adam zog ihn sanft am Kinn von seinem Ohr weg und legte seine Stirn gegen Dales. "Da habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, hier mit dem Mann zu leben, den ich über alles liebe", gestand er ihm und packte seinen Liebsten nun ungestüm am Hintern.
"Möchtest du, dass ich dir deinen Wunsch wenigstens ansatzweise erfülle?" An Adams Oberkörper wurde es kühl, was daran lag, dass Dale ihm das dünne Shirt unter seinem Hemd hochschob.
"Das müssen wir nicht", sagte er und gluckste leise. Dale verstand wohl nicht wie er das meinte, denn er runzelte leicht die Stirn. "Mein Wunsch hat sich schon längst erfüllt", erklärte er. "Denn ich wohne schon längst mit dem Mann zusammen, den ich so sehr liebe, dass mir ganz schwindelig wird vor Glück und ich am liebsten schreien möchte vor lauter Unglaube, dass du wirklich zu mir gehörst."
Dale hielt inne mit seinen Bemühungen, Adam die Kleidung vom Körper zu pellen, sah ihn mit großen Augen an und stürmte ohne jedes weitere Wort seinen Mund. Sie taumelten, sich fest in den Armen haltend, umher und stießen zusammen an dem Stamm des großen Baumes, wo sie sich eilig aus den Klamotten schälten und eng miteinander verschlungen ins Gras hinabsanken.
An diesem Tag konnte Adam eine weitere, wundervolle Erinnerung an den Garten seines Onkels den anderen hinzufügen. Eine, die ihm lieber war als alle anderen zuvor.

Abb. -11.1-

***

Ärzte und Krankenschwestern drängten sich an ihnen vorbei, und die Tür zu Dales Krankenzimmer wurde aufgestoßen. Laut schrillte der Herzmonitor diesen furchtbaren monotonen Ton in die Krankenhausflure hinaus.
"Dale!" Laurel wollte hinter den Ätzen und Krankenschwestern in das Zimmer hineinstürmen, wollte ihm beistehen, wollte irgendwie helfen, doch man ließ ihn nicht mehr mit in das Krankenzimmer hinein.
"Laurie! Wir müssen Platz machen." Sky zog ihn unbarmherzig vom tristen Krankenhauszimmer weg und sofort wurde die Tür von einer grimmig aussehenden Krankenschwester vor ihren Nasen zugeworfen.
"Er kann nicht ... Er nicht auch noch ...!" Laurel verbarg sein Gesicht an Skys Brust.
"Laurie?" Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Es war Adam. Laurel sah zu ihm auf. "Ich muss gehen."
"Jetzt?! Aber Dale ..." Laurel versagte die Sprache. Hieß das etwa ...? "Oh, bitte nicht!" Laurel begann zu zittern und drückte sich vor Schock die Hand gegen den Mund.
"Ich wünschte mir auch, es wäre anders gekommen, Laurel", sagte Adam mit belegter Stimme.
"Wieso?" Laurel wollte es nicht glauben, nicht wahrhaben, dass Dale sie nun auch noch verlassen würde.
"Ich hätte es so gerne verhindert, glaubt mir."
"Du kannst nichts dafür", flüsterte Sky und wischte sich über die Augen.
Laurel sah Adam an, dass er Skys Worten keinen Glauben schenkte. "Das war nur ihre Schuld! Diese verdammte ..."
"Laurel", unterbrach Adam seine hasserfüllten Worte. "Dale liebt euch. Vergesst das bitte niemals. Alles andere ist ab jetzt unwichtig." Laurel nickte. Adam hatte Recht. Es ließ sich nicht ungeschehen machen, auch wenn es noch so schmerzte. Seine Wut war gerade Nebensache.
Adam schloss sie beide noch einmal in den Arm, flüsterte ihnen ein leises Danke zu und verschwand in einem der Krankenhausflure. Laurels Sicht verschwamm und Sky drückte ihn wieder an sich. Jetzt hieß es wohl warten. Warten auf das Unvermeidliche.
Tatsächlich ging nach kurzer Zeit die Tür von Dales Krankenzimmer wieder auf und die Schwestern samt Ärzte kamen langsam heraus. Einer von den Ärzten blieb vor ihnen stehen und sah sie traurig an. 'Déjà-vu', dachte Laurel. Wie damals, als man ihnen sagte, dass es Adam nicht überlebt hatte.
"Es tut mir leid. Ihr Freund ..." Laurel schloss seine Augen und überhörte den Rest. Er wollte nicht wissen, weshalb genau es Dale nicht geschafft hatte, obwohl die Not-OP angeblich so gut verlaufen war. Vorhin hatte ein anderer Arzt ihnen schon erklärt, warum Dales Zustand so kritisch war. Weshalb es nicht nur wegen dem hohen Blutverlust zu Komplikationen gekommen war. Laurel konnte sich also auch ohne die erklärenden Worte des Arztes ausmalen, was geschehen war. "Wenn Sie möchten, können Sie sich jetzt von Ihrem Freund verabschieden."
Laurel atmete tief ein. Sich von Dale verabschieden ... Dale war nicht mehr bei ihnen. Kurz war ihm, als wolle ihn der Schmerz und die Trauer übermannen, und er musste sich an Sky klammern, damit er nicht drohte zusammenzuklappen.
"Danke Doktor", sagte dieser leise und atmete tief durch. "Schaffst du das?"
"Gleich, ja? … Ich muss nur erstmal zu Atem kommen." Sky nickte, und klammerte sich nun ebenfalls an ihn.


"Ich liebe dich." Adam küsste Dales Stirn. Das anhaltende, monotone Piepsen des Herzmonitors hallte noch immer in seinen Ohren nach. Es war vorbei.
Vorsichtig entfernte er die Infusionsnadel aus dem Arm seines Liebsten, befreite ihn von allen Schläuchen und Kabeln und strich ihm noch mal liebevoll über die Wange. Kurz sah er auf Dale nieder. Tiefe Traurigkeit überwältigte ihn für den Bruchteil einer Sekunde, Selbstvorwürfe und Schuld, dann hatte er sich wieder im Griff. Er hatte alles getan, doch es war nicht genug gewesen.
Es war an Zeit zu gehen.
Für sie beide.
Abb. -11.2-


Sky ließ Laurel nicht los, löste sich jedoch leicht von ihm. "Gehen wir?" Laurel nickte schwach und wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. Erst dann betraten sie gemeinsam das Zimmer. Mit gesenkten Köpfen starrten sie den grauen Boden an, auf dem sie standen und schlossen leise die Tür hinter sich.
Laurels Herz schlug so schmerzhaft fest, dass er nur zögernd aufsah und widerwillig das Bett anvisierte, auf dem Dales toter Körper lag. Doch ... "Das kann doch nicht ..."
Sky neben ihm versteifte sich. "Wo ist er?!", fragte er mit kratziger Stimme. Dales Bett war leer!
"Ich rufe jemanden!" Hektisch drehte sich Sky um und wollte das Zimmer verlassen, doch Laurel schaltete schneller und hielt seinen Partner auf.
"Sieh doch!" Er deutete auf das offene Fenster. Den kalten Luftzug hatte er schon beim Eintreten bemerkt, ihm aber keine weitere Bedeutung beigemessen. Jetzt ahnte er allerdings, was hier geschehen war. Er ging darauf zu, wobei ihn Sky einholte, sich am Fensterrahmen abstützte und nach draußen starrte. Laurel wollte ihm eigentlich nachgehen, doch er blieb wie angewurzelt stehen, als er etwas auf Dales Bett entdeckte. Er hob es vorsichtig auf und drehte es zwischen seinen Fingerspitzen. "Er ist wirklich weg", flüsterte er und strich über die weiche Spitze seines Fundstücks.
"Aber das kann doch nicht sein! Eben war er doch noch da gewesen!"
Laurel überbrückte die wenigen Schritte bis zum Fenster, hielt dabei noch immer die Feder vor sich erhoben, die er auf Dales Bett gefunden hatte, und tippte auf Skys Schulter. "Was ...? Das …!" Erst aufgeregt, schlich sich nun ein kleines Lächeln auf das Gesicht seines Freundes.
Andächtig nahm er Laurel die schwarze Feder ab. "Adam", flüsterte Sky und fuhr nun ebenfalls mit den Fingern über die weiche Feder.
"Er ist uns zuvorgekommen und hat uns ein kleines Abschiedsgeschenk dagelassen."
"Und jetzt?", wollte Sky von Laurel wissen, der sich neben ihm ans Fenster gesellte und in den stürmischen Nachthimmel schaute.
"Jetzt warten wir kurz und dann schlagen wir Alarm."
Sky runzelte die Stirn und sah seinen Freund fragend an. "Und was sagen wir?"
"Nichts."
"Nichts?"
"Was sollen wir denn sagen? Oder hast du eine Ahnung, wer Dale mitgenommen haben könnte? Schließlich waren wir ja nicht hier drinnen, oder? Und das ihn ein Toter entführt haben soll, das ist doch wirklich lächerlich." Laurel wusste nicht, weshalb er gerade jetzt einen so kühlen Kopf bewahren konnte. Vielleicht lag es daran, dass Dale nicht allein war und nun doch mit Adam zusammen dorthin ging, wo sie alle früher oder später hinkamen. Irgendwie tröstete ihn der Gedanke, auch wenn die Trauer überwog. 'Dale hat es nun doch geschafft. Jetzt ist er bei ihm.'
Seufzend drehte Laurel sich um und verließ das Krankenzimmer, während Sky noch mal in die Dunkelheit blickte und ihm dann folgte. Die schwarze Feder dabei fest zwischen seinen Fingern.
Abb. -11.3-

******



>___< steinigt mich nicht für dieses Ende. Büdde, büdde, büdde!
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