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Memories at Christmas Eve

von GinaRayne
GeschichteÜbernatürlich / P12 / Gen
Derek Rayne Nick Boyle OC (Own Character) Philip Callahan Rachel Corrigan Reed Horton
28.10.2014
07.01.2021
11
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28.10.2014 1.787
 
Eine Woche später ergab sich für Gina die Gelegenheit zum Gespräch mit Derek Rayne. Zum Abschluss der Projektwoche waren alle Gastdozenten noch einmal an die High School gekommen, um die Ergebnisse der vergangenen acht Tage mit den Schülern auszuwerten und den kleineren Klassen zu präsentieren. Gemeinsam mit Claire schlenderte Gina durch die Gänge. Für die ausgestellten Projektarbeiten hatte sie jedoch kein Auge - sie suchte nach Derek. Claire, der sie weder eine Erklärung für ihr merkwürdiges Verhalten nach Raynes Vortrag gegeben noch von ihrem heutigen Vorhaben erzählt hatte, schwatzte ununterbrochen auf sie ein, aber Gina hörte ihr gar nicht zu. Als sie schließlich den hochgewachsenen, schlanken jungen Dozenten mit dem dichten dunklen Haar unter den Schülern erspähte, ließ sie Claire wieder einmal einfach stehen und bahnte sich hastig einen Weg durch das Gedränge.

"Mr Rayne?" Überrascht drehte Derek sich um, als sie ihn unerwartet von hinten ansprach. Er erkannte das Mädchen sofort wieder und fühlte sich erneut von ihren tiefen, graublauen Augen wie hypnotisiert. Sein freundliches Lächeln überspielte seine Verwirrung, während er sich sekundenlang fragte, was sie wohl von ihm wollen mochte. Was auch immer er erwartet hatte - auf das, was letzten Endes tatsächlich kam, war er nicht vorbereitet.

"Mr Rayne, ich... würde gern etwas mit Ihnen besprechen, zu dem ich... Ihren Rat hören möchte. Man sagt, Sie... seien Experte für paranormale Vorkommnisse?"

Derek wurde aufmerksam; nicht nur des angeschnittenen Themas wegen, sondern auch ihrer gewählten Ausdrucksweise halber, die er von einer Schülerin ihres Alters nicht erwartet hatte. "Experte ist übertrieben. Sagen wir, es... begegnet mir gelegentlich bei meiner Arbeit. Warum interessiert Sie das?"

Gina holte tief Luft. "Wie gesagt, es gibt da etwas, das ich Ihnen gern anvertrauen möchte... Es steht mit dem Übernatürlichen in Beziehung. Allerdings habe ich bisher außer meiner Familie noch nie jemandem davon berichtet..."

Derek wusste sofort, worauf sie hinauswollte, und winkte ab: "Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Diskretion gehört zu den Grundpfeilern unserer Arbeit."

Das Mädchen nickte nachdenklich und holte erneut tief Atem, als sei sie unschlüssig, wie sie beginnen solle. Schließlich entschied sie sich dafür einfach mit der Tür ins Haus zu fallen: "Als ich fünf Jahre alt war, starb nach langer, schwerer Krankheit meine Großmutter. Es kam nicht wirklich überraschend für uns... nur die Art, wie wir davon erfahren haben, muss ich als etwas... ungewöhnlich bezeichnen." Sie lächelte unsicher: "In der Nacht, als Grandma starb, hatte ich einen Traum... in dem ich ihren Tod sozusagen live miterlebt habe. Es war nichts Beängstigendes für mich; wohl auch deshalb, weil sie ganz friedlich eingeschlafen ist und nicht mehr gelitten hat. Das wusste ich von Anfang an, und seltsamerweise habe ich es auch von Anfang an verstanden. Ich bin aufgestanden, habe meine Eltern geweckt und ihnen gesagt, dass Grandma tot war und wie sie gestorben ist. Dad hat mir kein Wort geglaubt... bis uns das Krankenhaus anrief und ihm die gleiche Geschichte erzählte, die ich ihnen gerade erzählt hatte... Ich glaube, sein Weltbild ist in dieser Nacht zerbrochen..." Eine fast unheimliche Distanziertheit war in ihrer Stimme bei diesen Worten. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht: "Mum hat völlig anders reagiert. Sie glaubte mir sofort. Für sie schien es auch nichts Spektakuläres gewesen zu sein... Sie hat es einfach akzeptiert. Das konnte Dad nie."

Derek hatte ihr aufmerksam zugehört und spürte, dass die Geschichte noch nicht zu Ende war: "Blieb es bei diesem einen Traum?"

"Nein. Zwei Jahre später starb Dad bei einem Autounfall - ein Truck hatte ihm die Vorfahrt genommen. Ich bin in der Schule eingeschlafen und habe den Unfall in einem Traum miterlebt. Ich habe gesehen, wie es geschah... wie sie versucht haben ihn zu retten... und wie er den Kampf verlor. Meine Lehrerin erzählte später, sie habe fast eine halbe Stunde lang versucht mich zu wecken, aber ohne Erfolg. Als ich schließlich aufwachte, sah ich sie an und sagte nur, 'Jetzt ist Daddy tot.'" Für den Moment in der Erinnerung gefangen, starrte sie an Derek vorbei ins Nichts.

"Haben Sie diese Träume heute noch?" erkundigte sich der behutsam. Er wusste nur zu gut, wovon sie sprach. Die Ähnlichkeit zu ihm selbst war frappierend - und doch war es nicht dasselbe.

Sie nickte: "Aber es ist heute nicht mehr genauso wie damals. Heute sind es keine Träume mehr, sondern... Visionen, wenn ich das so ausdrücken darf. Nur noch Bruchstücke, einzelne Bilder... und sie kommen, bevor tatsächlich jemandem etwas passiert, nicht mehr parallel. Als sollte ich eine Chance bekommen die Dinge zu verhindern..."

'Wenn Sie wüssten, wie Recht Sie damit haben!', dachte Derek.

"Es betrifft heute auch nicht mehr nur nahe Verwandte", drang Ginas Stimme in seine Gedanken, "sondern Freunde, Bekannte... auch Personen, die ich persönlich gar nicht kenne. Mitunter reicht eine Fotografie. Aber es geht immer um den Tod."

Derek atmete tief durch. "Sie haben gelernt."

"Wie bitte?"

"Sie haben gelernt", wiederholte der junge Mann, wie zu sich selbst. "Deshalb haben sich die Visionen verändert. Ihr Unterbewusstsein hat gelernt Ihre Fähigkeit zu kontrollieren. Ich nehme an, Sie sind heute auch in der Lage diese Visionen bewusst herbeizuführen?"

Gina nickte.

"Ihnen ist gelungen, was ich leider nie geschafft habe: Sie haben Ihre Fähigkeit von der unterbewussten auf die bewusste Ebene geholt."

Mit großen Augen starrte das Mädchen ihn an: "Sie haben ebenfalls...?"

"...Visionen, ja. Ganz ähnlich wie Sie. Nicht genauso, aber ähnlich." Er sah ihr in die Augen: "Seien Sie stolz auf das, was Sie können. Nicht sehr viele Menschen sind zu so etwas in der Lage, und noch sehr viele weniger können ihre Gabe in einem solchen Maße kontrollieren."

"Was für eine Gabe ist das?" flüsterte Gina, fasziniert von dem, was der junge Mann ihr da eröffnete - vor allem davon, in ihm offenbar so etwas wie einen Seelenverwandten gefunden zu haben.

"Präkognition", erwiderte Derek. "Eine Form des Zweiten Gesichts - allerdings, zugegeben, eine sehr seltene Form. Todesvisionen sind die am wenigsten verbreitete Art der Hellsichtigkeit." Warum das so war, verschwieg er dem Mädchen jedoch. Der Gedanke, es hier mit einer Fähigkeit zu tun zu haben, die an dämonisches Blut gekoppelt war, machte dem Dozenten selbst ein wenig Angst. "Haben Sie schon darüber nachgedacht, wie Sie diese Gabe zukünftig nutzen wollen?"

Gina nickte: "Ich will Medizin studieren. Als Ärztin wird mir meine Kraft sehr nützlich sein."

Derek war beeindruckt und entschloss sich, dem Gedanken Ausdruck zu verleihen, der während des Gesprächs in ihm entstanden war: "Wären Sie damit einverstanden, wenn ich Sie meinem Team aus der Luna Foundation vorstellte? Auch wenn das jetzt vielleicht keinen Sinn ergibt - jemand mit Ihren Fähigkeiten könnte uns bei unserer Arbeit sehr helfen." Ein Leuchten trat in ihre Augen, auch wenn die Frage für sie völlig überraschend kam.

"Obwohl ich erst fünfzehn bin?"

"Ich war auch erst fünfzehn, als ich die Leitung der Luna Foundation übernehmen musste", wischte Derek den Einwand beiseite. Die Traurigkeit, die sich dabei in seine Stimme schlich, entging Gina nicht, doch sie spürte, dass es besser war nicht nachzufragen.

"Einverstanden", nickte sie. "Sehr gern sogar."

Er lächelte und bot ihr die Hand.

Gina schlug ein: "Ich danke Ihnen, Mr Rayne."

"Derek", korrigierte er.

"Derek", bestätigte sie. "Ich bin Gina. Gina Clark."

Sein fast unmerkliches Stocken bei der Nennung dieses Namens entging ihr. "Gina, wir treffen uns am Freitagabend um sechs Uhr hier an der High School. Ich hole Sie vorn am Portal ab und stelle Sie meinen Kollegen vor."

Gina nickte und wollte sich schon zum Gehen wenden, als er sie noch einmal zurückrief: "Gina, noch eine Bitte!"

Überrascht drehte sie sich um und sah ihn fragend an.

"Unser Gespräch von soeben und unsere Verabredung am Freitag müssen unter uns bleiben!" Eindringlich sah er ihr in die Augen: "Bitte, versprechen Sie mir das! Ich werde Ihnen am Freitag erklären warum." Er wusste, dass er ihr viel Vertrauen entgegenbrachte, ohne die geringste Sicherheit, dass sie sich an diese Vereinbarung halten und ihn und sein Team nicht einfach verraten würde. Ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen Gewohnheit und Vorsicht ging er dieses Mal ein hohes Risiko ein, wenn er dieses Mädchen, das er kaum kannte, ganz ohne vorherige Prüfung in das Geheimnis der Luna Foundation einzuweihen bereit war; auch das war ihm bewusst. Aber er war sicher, dass es die richtige Entscheidung war.

Ohne eine einzige Sekunde zu überlegen sah Gina ihm direkt in die Augen. "Ich verspreche es Ihnen, Derek." Sie hatte keine Ahnung, warum sie dieses Versprechen gab, ohne auch nur darüber nachzudenken, was es bedeuten mochte sich auf dieses Versteckspiel einzulassen. Sie tat es einfach.

Als sie sich voneinander verabschiedeten, hatten beide das Gefühl mit diesem Gespräch und ihrer Verabredung den ersten Schritt zu etwas Besonderem getan zu haben.

Gina vermied es ihrer Freundin Claire noch einmal zu begegnen. Seit sie Derek kennen gelernt hatte, wurde sie in Claires Gegenwart das Gefühl nicht mehr los einer völlig Fremden gegenüber zu stehen... Außerdem hätte sie nur versucht sie auszufragen, und Gina hatte nicht vor das Derek Rayne gegebene Versprechen zu brechen. Also schwieg sie. Auch gegen ihre Mutter.

Caroline machte nicht einmal den Versuch ihre Tochter zum Reden zu bewegen, obwohl sie nur zu genau spürte, dass sich etwas in ihr veränderte. Sie wusste, dass sie ohnehin nichts erfahren hätte. Gina hatte schon immer nur dann etwas preisgegeben, wenn sie es wollte. Darüber hinaus glaubte Caroline auch zu wissen, was die Veränderung in Gina ausgelöst hatte. Und darauf hatte sie seit fünfzehn Jahren bereits gewartet.



Am Freitagabend Punkt sechs Uhr stieg Gina vor dem Portal ihrer Schule in einen schweren, schwarzen Geländewagen. Der junge Mann hinter dem Steuer brachte sie zu einem alten, ehrwürdigen Gebäude am anderen Ende der Stadt. In diesem Teil Bostons, in dem die altherrschaftlichen Villen der ehemaligen und aktuellen High Society standen, war die Schülerin noch nie gewesen, und allein der Anblick des neogotischen Herrenhauses, zu dem Derek sie gebracht hatte, machte sie sprachlos. Derek führte seine Begleiterin ins Innere und dort direkt in ein gemütlich eingerichtetes, geräumiges Wohnzimmer, das offensichtlich gleichzeitig auch als Büro oder Arbeitszimmer genutzt wurde. Ein schwerer Mahagonischreibtisch dominierte den vorderen Teil des Raumes; um die Wände zogen sich deckenhohe, bis obenhin gefüllte Bücherregale. Im hinteren Bereich empfing die Besucher ein prasselndes Feuer im offenen Kamin und davor eine dunkle Ledersitzgruppe, auf der drei Männer offenbar auf die Neuankömmlinge gewartet hatten, denn sie erhoben sich, als Derek mit Gina hinzutrat.
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