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Treuer Gefährte

von GinaRayne
GeschichteMystery, Übernatürlich / P12 / Gen
Alexandra Moreau Derek Rayne Nick Boyle OC (Own Character) Rachel Corrigan
28.10.2014
28.12.2020
7
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28.12.2020 1.306
 
Kapitel 2




Die Beiden sahen sich an und folgten ihm dann in die Bibliothek, wo Rachel und Nick bereits auf sie warteten.  

Auf dem großen Tisch in der Mitte herrschte ein ziemliches Durcheinander verschiedener Papiere. Derek bedeutete seinen beiden Kolleginnen Platz zu nehmen, dann wühlte er eine Weile in den Papierstapeln herum und zog schließlich ein Blatt daraus hervor. „Diese Mail“, begann er und reichte den Ausdruck an Rachel weiter, nachdem er ihn kurz überflogen hatte, „habe ich in den letzten vier Stunden insgesamt sieben Mal erhalten. Einmal aus Lyon, einmal aus London, dann aus Osaka, Neapel, Berlin, Barcelona und Boston – in dieser Reihenfolge. Jedes unserer Häuser scheint gleichzeitig vor demselben Problem zu stehen…und keines weiß, was sie damit anfangen sollen.“ Er wartete, bis jeder seiner Mitarbeiter das Blatt einmal in der Hand gehabt hatte.

Gina war die letzte, die die Mail zu lesen bekam. Sie berichtete in wenigen Sätzen von einem Geschehnis, das auf den ersten Blick ebenso bizarr wie erschreckend wirkte: Die Polizei hatte wenige Tage zuvor eine Leiche gefunden, deren Tod man sich im ersten Augenblick überhaupt nicht erklären konnte. Erst bei näherem Hinsehen – sprich, bei der Obduktion – hatte man an der Kehle des Opfers winzige, gleichmäßige Löcher bemerkt, die sich auf den zweiten Blick als Bisswunden herausstellten und bei den Legatsmitgliedern nach und nach den Glauben an Vampire wieder auferstehen ließen.
Gina ließ das Blatt sinken. „Sie glauben, es wäre ein Vampir gewesen!?“

Derek nickte. „Alle glauben das. Wie gesagt, diese Mail habe ich in leichter Abwandlung jetzt sieben Mal auf dem Tisch. In allen Städten ist dasselbe passiert, und keiner hat eine andere Erklärung als Vampire.“

Nick schüttelte den Kopf und lehnte sich zurück. „Was denn – Graf Dracula auf Weltreise?! Das ist doch albern!“

„Haben sie dir Fotos geschickt?“ erkundigte sich Gina, ohne auf ihren Kollegen einzugehen.

Derek nickte und reichte ihr eine Mappe.

Die junge Frau öffnete sie und zog erstaunt die Augenbrauen hoch: „Sie haben dir die offiziellen Obduktionsbilder der Polizei geschickt!? Meine Güte… Die Polizei muss ja ganz schön verzweifelt sein, wenn sie ausgerechnet unsere Leute an ihr Allerheiligstes lassen!“ Sie sah die Bilder durch und schüttelte nachdenklich den Kopf. Eine steile Falte hatte sich über ihrer Nasenwurzel gebildet.

Nick beobachtete sie aufmerksam und runzelte die Stirn: „Was ist?“

„Ich glaub das nicht“, erwiderte sie, wenn auch mehr zu sich selbst als zu ihm gewandt.

„Was glaubst du nicht?“

Sie holte tief Luft. „Das mit den Vampiren.“

„Warum nicht?“

Gina seufzte. „Nick!“ wies sie ihren Kollegen streng und für ihre Verhältnisse ungewohnt schroff zurecht. „Willst du mir etwa weismachen, du würdest diesen Unfug glauben? Ausgerechnet du? Überall auf der Welt tauchen plötzlich, so mir nichts, dir nichts, Vampire auf? Völlig aus dem Nichts, und dann auch noch an allen Orten gleichzeitig? Und außerdem: Nur mal angenommen, es wäre so – dann gäbe es nicht immer nur ein Opfer, sondern mehrere. Vampire treten nicht einzeln auf. Und sie töten wahllos – das hier sind gezielte Angriffe. Also bitte! Mal völlig abgesehen davon, dass unsere Organisation im achtzehnten Jahrhundert die Existenz menschlicher Vampire zweifelsfrei widerlegt hat – schau dir die Bisswunden doch mal genau an! Nur auf anatomischer Basis: Ist das das Gebiss eines Menschen?“  

Derek schmunzelte anerkennend, überrascht von dem Umfang des Hintergrundwissens zur Geschichte des Legats, das sich seine Tochter im Lauf der Zeit angeeignet hatte.

„Du hast eine würdige Nachfolgerin“, raunte Rachel ihm zu, der seine Reaktion nicht entgangen war. Sie lächelte ihm zu: „Gina wird ihrem Vater immer ähnlicher.“

Der Kommentar versetzte Derek einen schmerzhaften Stich. Er wusste, dass Rachel den Satz ganz anders gemeint hatte, als er für ihn klang, aus Unkenntnis der Wahrheit, aber dennoch beschwor er ihm bedrückende Erinnerungen herauf. Sie hatte Recht – Gina wurde ihrem Vater immer ähnlicher. Er selbst auch, das konnte Derek vor sich selbst nicht leugnen; doch er fürchtete, sie könne über der Arbeit für das Legat früher oder später sich selbst verlieren. Die Verantwortung, die der tägliche Kampf gegen die Mächte der Finsternis vor allem für die mit sich brachte, die andere in diesem Kampf führten, konnte zu leicht zu einem Strudel werden, der einen langsam, aber unaufhaltsam in einen – im schlimmsten Falle tödlichen – Abgrund zerrte, das wusste Derek aus eigener, leidvoller Erfahrung nur zu gut.  

Ginas Stimme riss ihn jäh aus seinen Gedanken: „In welchem Zeitraum haben die Morde stattgefunden?“

Derek überflog seine Unterlagen. „Innerhalb der letzten sieben Monate“, antwortete er dann. „Im Juli fing es in Frankreich an – das letzte Opfer hat man vor neun Tagen in Boston gefunden.“

Gina schüttelte erneut den Kopf. „Komisch. Warum so lange auseinander?“

Nick zuckte die Schultern. „Vielleicht ist es ein Vampir, der gern reist?“

„Das. War. Kein. Vampir!“ fauchte Gina mit Nachdruck. Dann wurde sie nachdenklich: „Aber mit dem Reisen liegst du vielleicht gar nicht so falsch.“

Rachel hatte sich mittlerweile die Fotos gegriffen und studierte sie mit leisem Schaudern. „Warum haben wir nicht eher davon erfahren?“

„Weil jedes unserer Häuser gedacht hat, das Problem wäre lokal begrenzt“, erklärte Derek. „Es hat Monate gedauert, bis herauskam, dass es mehrere ähnlich geartete Fälle gab. Nach dem letzten Fall in Boston haben sie alle anderen Häuser informiert, wo es noch nicht einen solchen Vorfall gab, damit wir gewarnt sind und dem Täter eventuell zuvorkommen können. Oder den Tätern.“

„Aha, und wir sollen es jetzt aufklären, oder was?“ Gina grinste. „Ist doch wieder mal typisch. Wenn die anderen nicht weiterkommen, sollen wir die Kartoffeln aus dem Feuer holen.“

Alex studierte die Tatortbilder über Rachels Schulter mit. „Haben wir irgendeine Erklärung, wenn wir Vampire ausschließen?“ fragte sie in die Runde.

„Nein – das heißt, noch nicht“, entgegnete Derek. „Aber in einem gebe ich Gina auf alle Fälle Recht – Vampire waren das hier sicher nicht.“


Es vergingen mehrere Tage, bis der Zufall wieder Bewegung in diesen mehr als obskuren Fall brachte.

Mit beeindruckender Hartnäckigkeit hatte Alex versucht Thomas dazu zu bewegen, noch einmal zum Kaffee nach Angel Island zu kommen. Endlich war es ihr gelungen. Allerdings kam, wie so oft, wieder einmal etwas dazwischen, sodass es wieder Gina war, die den Gast an der Pforte in Empfang nahm. Wie schon beim ersten Besuch setzten sich die beiden in die Küche.

Askano, der seinen Herrn natürlich auch dieses Mal begleitete, verschwand auf der Stelle in den Garten.

Irgendwann – auf welchen Umwegen, konnten sie hinterher beide nicht mehr sagen – war Ginas und Thomas‘ Gespräch bei ihrer beider Berufen angelangt, und Thomas begann zu erzählen. Er sei Wirtschaftsdozent und halte Vorträge vor internationalen Gremien weltweit. Vor etwa anderthalb Wochen hätte er an einem Kongress in Boston teilgenommen, nachdem er erst vor kurzem von einer Reise aus Japan zurück in die Staaten gekommen sei.  

Gina wurde hellhörig. Warum, konnte sie in diesem Moment selbst nicht sagen. Aber irgendetwas weckte in diesem Moment ihr Interesse – und ihr Misstrauen. „Japan? Wo waren Sie denn da, wenn ich das fragen darf?“

„In Osaka“, war die Antwort.

„Das ist eine herrliche Stadt“, fiel Gina sofort ein.

Thomas nickte. „Interessieren Sie sich für Japan?“

Und wie Gina sich für Japan interessierte! Allerdings aus völlig anderen Gründen, als Thomas Brown glauben mochte. Ob er Fotos von seiner Reise dabei hätte?

Er nickte erneut und kramte einen Augenblick in seiner Tasche, dann förderte er ein Fotoalbum zu Tage und schlug es auf.  

Was er Gina in den nächsten Minuten alles erzählte, interessierte die junge Frau kein bisschen, und sie hörte ihm auch überhaupt nicht zu. Aber dann machte sie auf einem der Bilder eine Entdeckung, die ihre Aufmerksamkeit von einer Sekunde auf die andere komplett gefangen nahm. Wie gefesselt blieb ihr Blick an diesem einen Foto hängen.  

Thomas bemerkte es, auch wenn er es komplett missdeutete. „Das Panorama ist einmalig, nicht wahr?“

Gina nickte. „Ja, allerdings. Die Gegend muss wunderschön sein.“ In Wirklichkeit interessierte sie das Panorama des Fotos kein bisschen. Der Grund für ihr Interesse war ein ganz anderer.
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