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Mein Vater, seine Kollegen und Ich

GeschichteAbenteuer, Drama / P12 / Gen
Barney "The Schizo" Ross Gunnar Jensen Hale Caesar Lee Christmas Toll Road Yin Yang
26.10.2014
15.04.2018
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26.10.2014 1.257
 
Es war Sommer, 38 Grad im Schatten und die Sommerferien standen vor der Tür. Normalerweise hatte ich mich jedes Jahr auf diesen Tag gefreut, doch dieses Mal war alles anders. Erstens, sollte ich nach diesen sechs Wochen Auszeit, aufs College gehen, doch ich hatte noch keine Zusage einer Universität erhalten, an die ich geschrieben hatte. Und zweitens, schob mich meine eigene Mutter zu meinem Vater ab, den ich schon fast acht Jahre nicht mehr gesehen hatte.

Der neue Freund meiner Mutter war Profifußballer und sie musste deswegen mit ihm nach Europa fliegen, weil er von seinem jetzigen Verein dorthin ausgeliehen wurde, um dort für einen anderen Verein zu spielen. Und als meine Mutter mir diese Nachricht mitgeteilt hatte, war ich überhaupt nicht erfreut gewesen.

Sie meinte, ihr wäre die Sache auch nicht ganz geheuer, mich zu meinem Vater zu schicken, der von der CIA angeheuert wird, um die Drecksarbeit zu erledigen, aber sie hatte keine andere Wahl.

*****

Die Schulklingel ertönte und alle sprangen freudig auf. Jeder versuchte so schnell wie möglich den Klassenraum zu verlassen, nur ich ließ mir alle Zeit der Welt. Denn ich hatte auf die ganze Sache, die mir bevorstand, sowas von keinen Bock! Bestimmt würde jeder meiner Klassenkameraden seine letzten Ferien der Highschool genießen und etwas schönes machen. Nur ich musste meine letzten Schulferien bei meinem Vater und seinen seltsamen Kollegen verbringen, bevor der Hauptteil vom Ernst des Lebens begann.  

Nachdem ich ein paar Schritte aus dem klimatisierten Gebäude der Schule nach draußen auf den Campus getan hatte, kam es mir vor, als würde ich gegen eine Wand laufen - so heiß war es! In sekundenschnelle bildeten sich Schweißperlen auf meiner Stirn, die ich sofort mit dem Handrücken wegwischte. Anschließend lief ich über die schön angelegte Grünfläche, hinüber zum Parkplatz, auf dem mein Wagen stand: ein roter Ford Mustang, Baujahr 1967. Bei dem Gedanken, mein geliebtes Auto so lange zurücklassen zu müssen, tat es mir in der Seele weh. Ich liebte mein Auto, mehr als alles andere auf der Welt.

Der röhrende Oldtimersound drang über den Parkplatz, als ich davon fuhr.

*****

Als ich zuhause angekommen war, machte ich mich fertig und packte widerwillig meine restlichen Sachen in die Reisetasche.

"Mel, kommst du?”, hörte ich meine Mutter von unten rufen und ich ließ daraufhin einen genervten Seufzer aus. Warum musste meine Mutter immer so einen Stress machen?!
Wir hatten noch alle Zeit der Welt, da mein Flug erst in drei Stunden gehen würde. Und bis zum Flughafen war es auch keine Weltreise. Vielleicht eine viertel Stunde, wenn der Verkehr normal lief.

"Mel?!", rief sie noch mal ins obere Stockwerk.

"Ja, verdammt noch mal! Ich komm ja schon!", schrie ich, wie von der Tarantel gestochen, und packte meine Reisetasche, mit der ich anschließend die Treppe herunter lief. Im Flur erblickte ich meine Mutter, die schon in den Startlöchern stand.

"Du hast heute ja wieder eine Laune…", stellte die Frau, mittleren Alters nüchtern fest, als sie mich ansah. Ich lehnte mich mit verschränkten Armen an die Wand und betrachtete meine Mutter ebenfalls.

"Tja, warum nur?", kam es sarkastisch aus meinen Mund und ich wendete meinen Blick genervt ab. Die Sekunden verstrichen und aus Sekunden wurde mehr als eine Minute, als Thomas das Schweigen beendete. Er sah zwischen mir und meiner Mutter hin und her und fing dabei fett an zu grinsen. Mit einem sanften Schlag gegen meine Schulter, versuchte er meine Laune zu heben. Doch das funktionierte nicht!

"Ach komm schon, Mellina! Sei doch nicht so mies gelaunt! Dein Vater wird sich sicher freuen, seine Tochter wieder zu sehen", meinte Tom und öffnete die Haustür.

//Wenn du wüsstest...//, dachte ich und verdrehte die Augen. Tom hatte nämlich nicht den geringsten Schimmer was mein Vater für einer war.

Er schnappte sich meine Reisetasche am Griff und trug sie nach draußen zum Auto. Meine Mutter und ich - wenn auch widerwillig  - folgten ihm.

*****

Als wir am Flughafen angekommen waren, verabschiedete sich meine Mutter mit einer Umarmung von mir. Ich erwiderte sie nur halbwegs, weil ich immer noch keinen Bock darauf hatte, zu meinem Vater gehen zu müssen.

"Machs gut, mein Schatz! Melde dich wenn du gut angekommen bist und lass dich von deinem Vater nicht irgendwo mit reinziehen…", sagte meine Mutter etwas bedrückt und umarmte mich noch einmal ganz fest. Ich nickte nur und verabschiedete mich dann mit einem Handschlag von Thomas. Er wünschte mir einen guten Flug und eine schöne Zeit bei meinem Vater. Pah! Das ich nicht lache!

"Die werde ich ganz bestimmt haben!", kam es von mir, mit nochmals viel Sarkasmus in der Stimme, bevor ich meine Reisetasche nahm und in Richtung Abflughalle lief.
Mein Gepäck gab ich am Schalter der Fluggesellschaft, mit der ich flog, ab und anschließend suchte ich mir ein ruhiges Plätzchen, um die restliche Zeit ohne nervigen Elternteil verbringen zu können.

Aus meiner Umhängetasche kramte ich Kopfhörer, die ich an mein Handy anschloss, um mit Musik die restliche Wartezeit zu vergessen.

*****

Nachdem das Bording hinter mir lag, suchte ich meinen Sitzplatz, den ich zuvor reserviert hatte und machte es mir auf diesem gemütlich. Da mein Platz am Fenster lag, war das erste was ich tat, aus dem Fenster zu blicken. Draußen wuselten viele Mitarbeiter des Flughafens herum. Die einen legten die Gepäckstücke auf ein Fließband, die die Taschen und Koffer in den Frachtraum beförderten und andere wiederum wiesen die anrollenden Flugzeuge ein.

Ich betrachtete das Geschehen noch eine ganze Weile, solange bis die Stewardess die Passagiere aufforderte sich anzuschnallen, weil es jeden Moment losgehen würde. Und es war kein Witz! Nachdem ich den Sicherheitsgurt angelegt hatte, setzte sich der Flieger in Bewegung und rollte langsam aber sicher in Richtung Startbahn.

*****

Während des Flugs schaute ich immer wieder gelangweilt aus dem Fenster und musste feststellen, dass sich in meiner Magengegend ein ungutes Gefühl breitmachte. Mir war nicht schlecht oder so, aber trotzdem hatte ich ein ungutes Bauchgefühl.

//Noch fast zwei Stunden// , dachte ich genervt, als ich auf den Monitor schaute, der zwei Sitze vor mir von der Decke hing. Dieser zeigte den Flugverlauf an, wo sich das Flugzeug momentan befand.

*****

Je mehr sich das Flugzeug dem International Airport von New Orleans näherte, verstärkte sich auch das schlechte Bauchgefühl. Irgendetwas war im Busch, doch ich wusste nicht was.

Als das Flugzeug mit einem Ruck gelandet war und alle Passagiere - außer mir - zu klatschen begannen, dauerte es noch eine Weile bis die Türen geöffnet wurden. Alle Leute um mich herum standen schon in den Startlöchern und scharrten mit den Füßen, während ich noch brav auf meinem Platz saß und das Spektakel mit ansah.

Als die Türen schließlich geöffnet wurden, rannten alle ohne Rücksicht auf Verluste los, so als würde es einen Preis dafür geben, als Erster draußen anzukommen. Ich wartete bis die meisten Passagiere draußen waren, bevor ich mich erhob und das Flugzeug samt Handgepäck ebenfalls verließ.

Meine Füße führten mich als erstes zur Gepäckausgabe. Dort sah ich schon, als eines der ersten Gepäckstücke, meine Reisetasche, die auf dem Förderband die Runde machte. Ich nahm sie an mich und verließ die Ankunftshalle.

Auf dem Weg nach draußen, malte ich mir schon die Szene im Kopf aus, wie mein Vater dort wartete und mich plötzlich erblickte. Seine Schuldgefühle, das er sich so selten meldete, führten dazu, dass er wie ein Irrer auf mich zustürmte und mich mit seinen muskulösen und tätowierten Armen halb an seiner durchtrainierten Brust zerquetschte.

Doch als ich durch die letzte Tür schritt, die in die Empfangshalle führte, stellte ich sofort fest, dass etwas nicht stimmte.
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