Comeback

von PhilippaJ
GeschichteRomanze, Thriller / P18
Catherine Rollins Chin Ho Kelly Danny "Danno" Williams Jenna Kaye Steve McGarrett
26.10.2014
22.11.2014
30
116.142
7
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26.10.2014 4.424
 
Kapitel 1 – Fisch auf dem Trockenen

Es war ein schöner Morgen, der 10. März. Jetzt am späten Vormittag hatten sich die morgendlichen Staus aufgelöst und man kam gut durch die Innenstadt von Honolulu. Steve war seit ein paar Minuten unterwegs zu einer Kundin am Diamond Head, als sein Handy klingelte. „Anruf von Catherine Rollins“ sagte die Computerstimme der Sprachunterstützung. Es war ihr dritter Anrufversuch heute. „Rangehen“, knurrte er. „Hi, Cath!“

„Happy Birthday, Steve!“ sagte Cath am anderen Ende.

“Danke. Aber das ist nicht nötig.” Er hatte allen gesagt, dass sie seinen Geburtstag ignorieren sollten. Alle Mitarbeiter der Firma hatten diese strikte Anweisung befolgt, lediglich Chin, Toast und Jerry hatten sich kurz in sein Büro geschlichen und ihm gratuliert.

„Du hast dir Besuche oder Geschenke verbeten“, sagte sie. „Aber du wirst mir nicht verbieten können, dir zu gratulieren. Was machst du?“

„Ich bin auf dem Weg zu einem neuen Kunden.“

„Du?“ Das klang etwas zu sehr überrascht.

„Warum glaubt ihr eigentlich alle, dass es besser ist, mich von den Kunden fernzuhalten?“ Steve war schnell auf 180 und Cath konnte die gerunzelte Stirn mit der Zornesfalte geradezu vor sich sehen.

„Warum wohl?“ Ihre Stimme klang belustigt. „SEAL-Diplomatie hat nicht den besten Ruf, Commander.“

„Ich bin durchaus in der Lage...“

„Ich weiß. Du kannst auch zivilisiert sein. Manchmal.“ Man hörte ihr an, woran sie jetzt dachte. An die „Extras“ in ihrer Freundschaft. „Dann will ich dich nicht länger aufhalten. Wann sehen wir uns?“

„Wann bist du wieder in Honolulu?“

„In zehn Tagen. Und ich bleibe eine Weile.“ Ihre Stimme klang ein wenig abwartend.

„Dann lass uns essen gehen.“

„Gerne.“

Steve runzelte wieder die Stirn. Hatte er etwas Falsches gesagt? „Bis bald!“

„Bis bald! Ich rufe dich an, wenn wir gelandet sind.“

Er seufzte. Manchmal wurde er aus Catherine einfach nicht schlau. Sie waren Freunde und sie waren auch einmal mehr als Freunde gewesen. Manchmal taten sie auch heute noch so, als wären sie ein Paar.  Und sie schliefen miteinander, wenn ihnen danach war. Aber beide wussten, dass es besser war, nicht mehr daraus zu machen. Steve jedenfalls wusste es. Doch manchmal fragte er sich, ob Catherine es auch so sah - oder ob sie nur so tat.

Er konzentrierte sich wieder auf den Termin, der vor ihm lag. Ja, es stimmte, Kundenbesuche waren nicht sein Ding, deshalb hatte er durchaus gemischte Gefühle. Chin und er hatten bei KellyMcGarrett P.I. & S. eine strikte Arbeitsteilung, die sich bewährt hatte. Der verbindliche, freundliche Chin hatte den direkten Kundenkontakt, er ließ sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Er, Steve, war für die ausgefeilten Sicherheitskonzepte zuständig und die Ausbildung sämtlicher Mitarbeiter.

Seine Erfahrungen aus Navy und NavySEAL Zeiten waren unbezahlbar. Aber so ganz hatte er das Militär auch nach seiner Entlassung in den Ruhestand nie hinter sich gelassen. Er war der Commander, man folgte seinen knappen Befehlen und beugte sich seinem Urteil. Mit den Leuten, die er ausbildete, konnte er umgehen. Obwohl er streng und hart war, respektierten sie ihn über die Maßen und wenn sie dann vollwertige Mitarbeiter waren, änderte sich das nicht. Wer seine harte Schule durchlaufen hatte, konnte einen Job in jeder anderen Sicherheitsfirma bekommen – hier oder auf dem Festland. Da nahm man in Kauf, dass man völlig erschöpft vom Training kam, angeschrien wurde und Liegestütze oder Geländeläufe zur Strafe machen musste. McGarrett war der Beste und verrückterweise schätzten sie ihn auch noch, mochten ihn sogar.

Kunden hingegen, Kunden mussten gehätschelt werden, Kunden mussten den Eindruck haben, dass sie immer Recht hatten und dass ihre Meinung zählte, egal was für idiotische Wünsche und Ideen sie auch hatten. Für Steve zählte nur das Ergebnis: größtmögliche Sicherheit und Erfüllung des Auftrages. Und da er der Beste war und das auch wusste, störten die Vorstellungen der Kunden dabei nur oder sabotierten im schlimmsten Fall den Einsatz. Sie vorsichtig zu überzeugen und ihnen dabei auch noch vorzugaukeln, dass sie die Fäden in der Hand hielten, war in seinen Augen ineffektiv und schlicht Zeitverschwendung. Die Kunden sahen das natürlich nicht so und deshalb hatten Chin und er nach einigen Beschwerden in der Anfangszeit ihre Zuständigkeiten neu geregelt.

Aber manchmal funktionierte auch die beste Arbeitsteilung nicht. Chin hatte seiner Frau Malia versprochen, sie diesmal zu ihrem Frauenarzt zu begleiten. Über Steves Gesicht huschte ein Lächeln. Chin wurde Vater. Und manchmal hatte er den Eindruck, dass es Chin und nicht Malia war, der die Hauptlast zu tragen hatte und schwanger war. Er hatte sogar ein bisschen zugenommen. Immerhin würde sein Partner im Anschluss an den Arzttermin einen anderen Kundenbesuch übernehmen, die Abschlussbesprechung des Sicherheitskonzeptes für ein neues Hotel auf Maui, bei dem die Möglichkeit winkte, dass auch die anderen Hotels der Kette es übernahmen. Mit diesem Auftrag konnte das Unternehmen KellyMcGarrett P.I.&S. weiter wachsen.

Der Auftrag, den er jetzt hereinholen sollte, war nicht groß, würde sich aber sehr gut in den Referenzlisten machen.  Jody Martin, Anfang der 90er ein Teenie-Superstar, war in ihre Heimat Hawaii zurückgekehrt und obwohl ihr Ruhm ein wenig verblasst war, gab es Anlass, sich um ihre Sicherheit zu sorgen. Sie hatte ein paar unangenehme Briefe bekommen, da sie jedoch nicht in die Kategorie Morddrohungen fielen, war dies noch kein Fall für das HPD. Chin hatte mit ihrem Manager und Berater Barney Blake gesprochen und sie waren übereingekommen, dass zwei bis drei Leute für den Personen- und Gebäudeschutz zunächst ausreichend sein würden. Und Steve sollte mit Blake und Jody Martin die Einzelheiten besprechen und den Auftrag endgültig an Land ziehen.

Als Chin ihm den Termin aufgedrückt hatte, hatte Steve ihn zunächst ungläubig angesehen. Jody Martin? Die Jody Martin? Sie war auf seine High School gegangen, ein Jahrgang über ihm, aber er erinnerte sich nur vage an sie. Zöpfe, Brille, Zahnspange, eher unscheinbar. Und dann hatte sie die Schule verlassen und wurde zu einer Vorgängerin der späteren Teenie-Stars wie Britney Spears oder Christina Aguilera. Blond und ein bisschen zu sexy und frühreif für die Zeit, war sie - fand Steve – trotzdem eine hervorragende Musikerin, die mehrere Instrumente spielte und eine sehr gute Stimme hatte.

Er hatte Chin nicht verraten, dass Jodys Bild damals und auch noch später, als er dem Teenie-Alter schon entwachsen war, in seinen diversen Spinden gehangen hatte. Über seinen Musikgeschmack früher wie heute machten sich ohnehin alle lustig, das musste er nicht noch dadurch befeuern, dass er zugab, peinliche Liedchen wie „I love you, Billy Boy“ gemocht zu haben.

Er hatte sich als Vorbereitung für den Termin das Dossier angesehen, das KellyMcGarretts Recherche-Chef Adam Charles, genannt Toast, zusammengestellt hatte. Den ersten Top-Ten-Hit hatte sie mit 16, in den Jahren danach folgten neun Nummer 1 Hits weltweit, es gab sogar einen Grammy, auch wenn der von der Musikkritik eher belächelt wurde. Mit 22 Jahren, das war 1998, war Jody Martin nach sechs erfolgreichen Jahren einfach von der Bildfläche verschwunden. Die Hintergründe waren lange nicht bekannt geworden, erst als sie ab 2003 in ein paar Filmen spielte, erzählte sie in einem Interview, dass der Knebelvertrag ihrer Plattenfirma sie dazu veranlasst hatte, die Musik völlig aufzugeben. Sie fühlte sich künstlerisch eingeengt und finanziell übervorteilt und war fast pleite, weil sie hohe Strafen für das Nichterfüllen der Verträge zahlen musste. Finanziell war sie durch die Schauspielerei aber wieder auf die Beine gekommen und hatte sogar eine Oscar-Nominierung eingeheimst. Doch auch die Filmkarriere schien jetzt Vergangenheit zu sein. Es war in den letzten Jahren wieder still geworden um sie.

Das noble Wohnviertel am Diamond Head kam in Sicht. Er war da. Langsam fuhr Steve die Auffahrt hoch. Das Haus der Kundin lag am Rande der teuersten Gegend und war bescheidener, als er vermutet hatte. Ein großes, aber nicht riesiges Haus in ähnlichem Stil und Alter wie sein eigenes, zwei Stockwerke hoch, viele alte Bäume sowohl vorne als auch hinten. - Schwierig zu übersehendes Gelände – machte er sich in Gedanken eine Notiz.

Steve stellte den Wagen vor dem Haus ab und betrachtete das Gebäude. Er konnte keine Kameras entdecken bis auf eine direkt an der Tür. Die Kundin würde ein wenig Geld in die Hand nehmen müssen für vernünftiges Sicherheitsequipment.

Er half nach, seine Beine aus dem Auto zu stellen, stand ein wenig steif auf, hielt sich an der offenen Wagentür fest, um die hintere zu öffnen und sein Jackett hervorzuholen und es anzuziehen. Er hatte lange keinen Anzug mehr getragen und obwohl er ein dunkles offenes Hemd dazu trug, fühlte er sich nicht ganz wohl darin. Er schlug die Tür wieder zu und nach ein paar unbeholfenen Schritten zurück nach vorn, griff er nach seinem Stock, für den er extra eine Halterung in der Fahrertür angebracht hatte. Langsam ging er herüber zur Haustür, klingelte und wurde von einer älteren Frau hereingelassen.

„Commander McGarrett von KellyMcGarrett P.I.&S. - Ms. Martin und Mr. Blake erwarten mich.“

Die Frau nickte. „Ich bin Sarah, die Haushälterin“, stellte sie sich vor. „Kommen Sie bitte, Commander.“

Sie führte ihn in ein gemütliches, nicht zu großes Wohnzimmer. In einer Ecke mit  zwei Sofas und einem Couchtisch, der über und über mit Papieren bedeckt  war, saßen eine Frau und ein älterer Mann, der sich als Barney Blake vorstellte – der Manager.  

Die Frau, von der Steve zunächst vermutet hatte, dass sie eine Angestellte war, entpuppte sich zu seiner Überraschung als Jody Martin. Sie trug die dunklen Haare halblang, war gänzlich ungeschminkt und eine große Brille mit recht dicken Gläsern dominierte fast alles in ihrem Gesicht. Gekleidet war sie auch nicht gerade sexy: ausgeblichene Leggings und ein langes weites T-Shirt zeigten, dass sie sich von der bulimischen Größe 32 ihrer Jugend inzwischen um einiges entfernt hatte – kurz, er hatte eine erwachsene Frau vor sich und das passte ganz und gar nicht zu seinen Erinnerungen.

Jody hatte sich den ganzen Morgen mit ihren Finanzen beschäftigt und sah von den Papieren, die sie gerade studierte, auf. Fast auf die Minute pünktlich war der große Mann, der gerade das Wohnzimmer betrat. Der Anzug zeugte von gutem Stil, elegant, aber lässig, unterstrich er die Aura von Autorität, die seinen Träger umgab. Er sah gut aus, die Haare ziemlich kurz mit leicht grauen Schläfen, ein Bart, der gerade die drei Tage überschritten hatte. Als er jetzt näher kam, registrierte sie den Stock und seinen langsamen hinkenden Gang. Er wirkte sehr konzentriert, als er vorsichtig die zwei Stufen in den eigentlichen Wohnbereich herunterging. Seinem Gesicht gab das einen scharfen Ausdruck. Sie war sich aber sicher, dass er mit den wenigen Blicken, mit denen er den Raum gescannt hatte, alles Sicherheitsrelevante erfasst hatte.

An ihr blieben seine grau-blauen Augen etwas länger hängen. Ein intensiver Ausdruck, aber sie mochte diese Augen sofort, auch wenn sie für einen Moment etwas verwirrt schauten. Was hatte er erwartet? Dass sie in ihrem eigenen Heim den Superstar gab? Sie streckte ihm ihre Hand hin.

„Commander Steve McGarrett“, sagte er.

„Ich bin Jody. Setzen Sie sich doch, bitte.“

Er schob ein paar Papierstapel beiseite und ließ sich vorsichtig auf das Sofa herunter. Hoffentlich schaffte er es nachher wieder aufzustehen, das Möbel war niedrig und zu weich, ganz und gar nicht das richtige für ihn.

„Kaffee?“ fragte Jody.

„Wenn Sie einen Tee hätten…“

Sie nickte. „Sarah?“ rief sie in Richtung der Haushälterin, die sofort verschwand.

„Wir hatten mit Mr. Kelly gerechnet…“ Die dicken Brillengläser verkleinerten ihre Augen und gaben ihrem Gesicht etwas Herbes.

Sie sah, wie er etwas unwirsch die Augenbrauen hob. „Wir sind gleichberechtigte Partner. Mr. Kelly musste unerwartet einen anderen Termin wahrnehmen.“

„Ein wichtigerer Kunde?“ fragte sie mit einem ganz leicht aggressiven Unterton.

- Benimm dich – hatte Chin ihm eingebläut, bevor er losfuhr. Aber er hatte das sichere Gefühl, dass dieser kleine Frontalangriff Jody insgeheim Spaß machte.

„Woher wissen Sie, dass nicht ich es bin, der die wichtigeren Kunden übernimmt?“ konterte er.

Bevor Jody etwas erwidern konnte, das bestimmt nicht sehr freundlich war, versuchte sich Barney Blake an einem verbindlichen Ton. „Was sind denn Ihre Aufgaben in der Firma, Mr. McGarrett?“

„Ich kümmere mich in erster Linie um unsere Sicherheitskonzepte und ich bilde die Leute dafür aus. ‚Commander‘ ist kein Spitzname. Ich war unter anderem beim Navy-Geheimdienst. “

Jody sah unzufrieden aus. „Ich habe gerne einen festen Ansprechpartner“, sagte sie. „Werden Sie das in Zukunft sein?“

„Das wird sich zeigen.“ Das kam ziemlich schroff.

„Inwiefern?“ Jody war hartnäckig.

„Wie ernst Ihr Sicherheitsproblem ist.“ Steve wollte sich jetzt nicht mehr hineinreden lassen. „Sie haben, soweit ich es gesehen habe, nur eine Kamera auf dem Gelände und zwar an der Tür. Sie sollten dringend auch die Einfahrt überwachen und die Teile des Grundstücks, die durch die alten Bäume nicht einsehbar sind.“ Er sah aus dem großen Fenster zum Lanai. „Im hinteren Bereich natürlich auch. Haben Sie eine Alarmanlage?“

„Die funktioniert nicht“, sagte Blake.

„Sie funktioniert“, verbesserte ihn Jody. „Aber ich kann mir den Code nicht merken und da schon einmal die Polizei wegen eines Fehlalarms hier war...“ Sie wirkte ein wenig gelangweilt.

Steve runzelte die Stirn. „Es gibt andere Möglichkeiten als einen Code. Fingerabdrücke zum Beispiel. Haben Sie mal über eine solche Lösung nachgedacht?“

Jody beobachtete fasziniert die steile Falte, die sich zwischen seinen Brauen gebildet hatte. Er konnte wirklich böse gucken. Und wirkte dabei einschüchternd - und attraktiv. Wahrscheinlich gingen seine Angestellten bei diesem Blick in Deckung. Jody gedachte das nicht zu tun.

„Meine Karriere läuft derzeit auf Sparflamme. Dann und wann verirrt sich mal ein alter Fan hierher, das haben wir aber im Griff. Ich dachte, das sei nicht so wichtig. Bis...“

„Bis?“ fragte Steve.

„Bis ich diese Briefe bekam.“

„Die habe ich gelesen. Wie bedroht fühlen Sie sich?“ wollte er wissen.

„Sie halten es also auch für übertrieben, deswegen einen solchen Aufstand zu machen...“ In diesem Moment klingelte Jodys Handy. „Endlich! Da muss ich ran.“

Sie nahm einen großen Zettel vom Tisch, stand auf und ging hinüber zum Lanai. „Haben Sie das Risiko geprüft?“ hörte Steve sie fragen. „Liegt es über oder unter dem von mir festgelegten Index?“

„Ihr Finanzberater“, erklärte Barney Blake. „Das macht sie gern selbst. Und das wird eine Weile dauern, fürchte ich.“ Er nahm einen der Stapel auf dem Tisch hoch und hielt Steve plötzlich einen kleinen Packen mit einzeln in Plastikhüllen geschützten Briefen hin.

„Diese Briefe hier kennen Sie noch nicht. Und Jody auch nicht. Ich habe sie ihr nicht gezeigt.“

Steve nahm die Hülle und begann den ersten Brief zu lesen. Er runzelte wieder die Stirn. „Ich bin kein Fachmann für solche Untersuchungen, aber das hier klingt völlig anders als die, die Sie Chin Ho Kelly geschickt haben. Persönlicher, direkter.“

Blake nickte. „Den Eindruck hatte ich auch. Und es sind fünfzehn Briefe, seit wir hergekommen sind.“

„So viele?“ Steve las den nächsten. „Du Schlampe, verschwinde von der Insel und wage nicht, dich noch einmal in der Öffentlichkeit zu zeigen. Du wirst es bereuen.“ stand da. Und der nächste: „Wenn dir dein Leben lieb ist, verschwinde von hier.“

Er ließ die Briefe sinken. „Damit hätten Sie zum HPD gehen können. Das ist eine klare Morddrohung.“

Blake seufzte. „Dann hätte ich es Jody sagen müssen...“

„Und sie muss es auch wissen, damit sie sich entsprechend verhalten kann. Sie hält das doch alles für überflüssig...“ Steve sah hinüber zu Jody, die immer noch mit ihrem Finanzberater telefonierte und inzwischen recht laut geworden war.

„Nein, so ist das nicht“, erklärte Blake. „Sie weiß schon, dass sie Schutz braucht. Vielleicht noch nicht jetzt, aber bald. Wir planen ihr musikalisches Comeback. Ende April laufen die alten Verträge mit der Plattenfirma aus.“

„Die Verträge, derentwegen sie aufgehört hat, Musik zu machen?“ fragte Steve.

Blake lächelte. „Sie hat niemals aufgehört, Musik zu machen, Commander. Musik ist ihr Leben. Da sie nicht mehr bereit gewesen ist, sich dem Diktat der Plattenfirma, ihres damaligen Managements und ihrer Mutter zu beugen, hat sie nichts mehr veröffentlicht. Das heißt, eigentlich hat die Plattenfirma das verhindert. Sie haben sogar geklagt, als Jody in einem ihrer Filme ein kleines Gutenachtlied singen sollte. Aber in ihrem Studio da unten stapeln sich Bänder und Digitalaufnahmen seit dem Jahr 2000.“

„Und die Rechte an ihren alten Aufnahmen, ihren großen Hits, fallen jetzt an sie zurück?“ fragte Steve.

„Nein, so einfach ist das nicht. Aber sie könnte versuchen sie einzuklagen. Wichtiger ist, dass ihr das Label nicht mehr verbieten kann, die Musik zu machen, die sie möchte und sie anderswo zu veröffentlichen. Die Optionsklausel war der Dreh- und Angelpunkt. Sie durfte ihre Songs nur ihrer Plattenfirma und nur zu deren Bedingungen anbieten. Es gab eine andere Firma, die versucht hatte, sie herauszukaufen, aber die Summe war so astronomisch, dass es ihr Ruin gewesen wäre. Jodys einzige Möglichkeit war, einfach nichts mehr zu produzieren.“

Steve runzelte die Stirn. „Wage nicht, dich noch einmal in der Öffentlichkeit zu zeigen...“ zitierte er.

Barney schüttelte den Kopf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ariana Records verhindern will, dass sie auftritt. Sie haben ja die alten Songs. Und Jody hat nicht vor, noch einmal ‚Billy Boy‘ zu singen.“

„Was ist mit Ariana Records?” fragte Jody, die endlich das Gespräch beendet hatte und wieder herüber kam.

Noch bevor Barney Blake es verhindern konnte, drückte ihr Steve einen der Briefe in die Hand. Jody las ihn und wurde blass.

„Mr. Blake wollte das von Ihnen fernhalten“, sagte Steve knapp. „Die Plattenfirma hätte ein Motiv.“

Jody sah ihn an. „Sie meinen, um mich weiterhin mundtot zu machen oder unter Druck zu setzen, zu ihnen zurückzukommen?“

„Zum Beispiel.“

Jody setzte sich und ließ den Brief auf den Tisch fallen, als hätte sie sich die Finger verbrannt. „Sie hätten im Gegenteil Vorteile, wenn ich mein Comeback starte“, sagte sie leise. „Dann würden sich die alten Songs wahrscheinlich wieder gut verkaufen. Sie haben mir schon mehrere Angebote gemacht, in den vergangenen Jahren.“

„Und sie haben abgelehnt?“

„Die Verträge waren nur wenig besser als die alten“, sagte Blake. „Und sie wollten einen viel zu großen Anteil an den Kompositionstantiemen, angeblich als Ausgleich, weil ihre eigenen Songschreiber nicht beschäftigt werden.“

„Die leben in der Steinzeit“, schnaubte Jody. „Rudy Prentiss möchte regieren wie Ahmet Ertegün bei Atlantic und Barry Gordy bei Motown in den 50er und 60ern. Die haben ihre Künstler aber geschätzt.“

„Er möchte regieren wie sein Vater“, ergänzte Blake.

Steve blieb fokussiert. „Die Briefe müssen untersucht werden. Auf Spuren im HPD-Labor und ich möchte sie auch unseren Analytikern zeigen. Allerdings...“

„Was?“ fragte Jody.

„KellyMcGarrett kann nicht einfach das HPD beauftragen, etwas für uns zu untersuchen. Die Briefe enthalten ernstzunehmende Morddrohungen, das heißt, auch das HPD wird Ermittlungen aufnehmen.“

„Ich habe keine Zeit für so etwas.“ Jodys Stimme klang gefährlich genervt. „Können Sie nicht mit denen reden?“

„Ms. Martin, das ist die Polizei...“, Steve seufzte. „Ich habe einen sehr guten Freund dort, Lieutenant Danny Williams. Ich könnte ihn bitten, sich selbst darum zu kümmern und Ihre zeitliche Belastung so gering wie möglich zu halten. Aber wir brauchen die kriminaltechnische Untersuchung der Briefe und die bekommen wir nun mal nicht ohne das HPD.“

„Was genau wollen Sie denn in Bezug auf meine Sicherheit tun?“ fragte sie.

„Ich erstelle ein Konzept für eine technische Überwachung mit Kameras...“

„Und dann habe ich Tag für Tag hier Leute sitzen, die in kleine Fernseher starren?“

Steve hob die Brauen. War es ihr ernst damit oder wollte sie ihn nur provozieren? „Wir können die Bilder auch von unseren Geschäftsräumen aus überwachen.“ Schnell, bevor sie etwas anderes sagen konnte fuhr er fort: „Ihre Alarmanlage sollte auf ein Fingerabdruck- oder Iris-Erkennungssystem umgestellt werden. Wenn Sie möchten, können wir auch das in die Hand nehmen, dann müssen weder Sie noch einer Ihrer Angestellten sich darum kümmern.“

„Und der Personenschutz?“ wollte sie wissen.

„Da ich die Sache sehr ernst nehme – zumindest bis sich das Gegenteil herausgestellt haben sollte – möchte ich Ihnen zwei unserer besten Personenschützer zur Seite stellen, ergänzt durch weitere Leute als Ablösung.“

„Die ständig hier im Haus sind?“ An ihren fest zusammengepressten Lippen konnte Steve erkennen, dass sie nicht bereit war, sich darauf einzulassen.

„Das heißt Personenschutz normalerweise.“

„Ich will, dass Sie das machen. Persönlich.“ Jody sah ihm direkt ins Gesicht und entdeckte, dass sie den brummigen Mann wohl aus dem Konzept gebracht hatte.

Steve atmete tief durch. „Das wird nicht gehen. Ich arbeite nicht vor Ort. Ich leite und koordiniere die Einsätze von unserer Zentrale aus.“ Was bildete diese Frau sich eigentlich ein?

„Nun, dann können Sie sicher einmal eine Ausnahme machen“, sagte Jody knapp, als wäre alles bereits entschieden. „Ich sagte ja, ich möchte nur einen Ansprechpartner. Sie können morgen anfangen, ich erwarte sie um zwölf Uhr – vorausgesetzt, das endgültige Angebot sagt mir zu.“ Und damit stand sie auf und schickte sich an, den Raum zu verlassen.

„Ms. Martin.“ Steves Stimme klang lauter und schärfer als sie sollte. Als er sah, dass sie zwar stehengeblieben war, sich aber keineswegs wieder umzudrehen gedachte, machte ihn das erst recht wütend. „KellyMcGarrett ist die beste Sicherheitsfirma auf den Inseln und ich bin einer der Eigentümer. Ich arbeite nicht als Personenschützer.“

Sie hatte sich immer noch nicht gerührt. Steve schäumte. Er war solch ein respektloses Verhalten nicht gewöhnt. „Sehen Sie mich gefälligst an, wenn ich mit Ihnen rede. So viel Höflichkeit werden Sie doch wohl noch aufbringen können“, brüllte er, als ob er einen renitenten Kadetten vor sich hatte. „Falls nicht, schlage ich vor, Sie wenden sich vielleicht an eine andere Firma.“

Langsam drehte sie sich um und er konnte sehen, dass sie blass geworden war.

Trotzdem ließ sie sich nicht beirren und auch sie wurde lauter. „Sie denken vielleicht, das hier ist nur ein kleiner Auftrag und Sie als die Nummer eins können es sich leisten, ihn anderen zu überlassen. Aber Sie sollten wissen, dass wir ein Comeback-Konzert planen im Aloha Stadium. Und wenn dann das Sicherheitskonzept von einer anderen Firma als der ihren stammt, glauben Sie nicht, dass Ihre Kunden ins Grübeln kommen, warum die Nummer eins es nicht macht?“

Steve versuchte zu überspielen, dass sie einen Punkt gemacht hatte. - Oh Gott, Chin wird wütend sein, wenn ich das hier in den Sand setze -, dachte er.

„Entschuldigen Sie“, sagte er um einiges leiser. „Aber es gibt einen guten Grund, warum ich nicht bei aktiven Einsätzen dabei bin.“ Er nahm seinen Stock hoch. „Den haben Sie sicher bemerkt?“

Jody nickte stumm. Steve behielt sie ganz genau im Blick, als er jetzt ein Hosenbein ein Stück hochzog und über dem Fußteil mit dem Schuh das blanke Metall zum Vorschein kam. Ihre Augen weiteten sich für einen Moment.

„Das ist eine Prothese. Ich bin beidseitig oberschenkelamputiert. Und jeder direkte Angreifer kann mich leicht umwerfen und überwältigen. Ich kann Sie nicht schützen. Aber meine Leute können es. Und ich verspreche Ihnen die besten, die ich habe. Von mir selbst ausgebildet.“

Jody schluckte. „Ich will trotzdem Sie.“

Barney Blake war aufgestanden und zu ihr hinübergegangen. „Lass gut sein, Jody.“

Sie sah ihn wütend an. „Ich will McGarrett hier als Ansprechpartner...“

Einen Augenblick herrschte eine fast unheimliche Stille, in der Jody und Steve sich nur anstarrten. Sie sah die Zornesfalte auf seiner gerunzelten Stirn und die Augen schienen sie zu durchbohren. Und er sah ihren Blick voller Sturheit und Durchsetzungswillen, bemerkte jetzt erst, dass ihre Augen grau waren - ein klares, dunkles Grau. Der Blick auf die Prothese hatte sie geschockt, aber sie hatte sich gut im Griff.

Steve seufzte. „Ich kann Ihnen folgendes anbieten: ich kann jeden Tag für zwei bis drei Stunden herkommen. Flexibel, denn ich habe ebenso wie Sie Termine wahrzunehmen. Wir können dann täglich besprechen, was zu tun ist, wenn zum Beispiel neue Briefe kommen. Sie richten mir hier irgendwo eine Ecke ein, wo ich arbeiten kann, ich habe nämlich noch viele andere Aufträge. Aber wenn Sie unterwegs sind, werden Sie meinen Leuten vertrauen müssen. Ich kann das nicht.“ Er deutete noch einmal auf seine Beine.

Jody schien unschlüssig und plötzlich begriff Steve, was sie antrieb, denn das kannte er nur zu gut: sie wollte die Kontrolle, offensichtlich musste sie sie haben, um klarzukommen. Er war genauso gestrickt, er hatte nach seiner Verletzung erst mühsam lernen müssen, dass die Behinderung ihn zwang, die Kontrolle manchmal abzugeben und er hatte erbittert um jeden Bereich gekämpft, in dem er sie behalten konnte.

Barney Blake strich Jody beruhigend über den Arm. „Jody, sie sind die besten. Und ich finde, dass der Commander dir sehr entgegengekommen ist“, half er etwas nach. In Steve brandete ein wenig Bewunderung hoch. Der Mann musste tagtäglich mit ihren Launen umgehen.

„Er ist arrogant und unverschämt“, sagte sie leise zu Blake, aber Steve hatte es trotzdem verstanden. „Ich hätte nicht wenig Lust...“

„Jody! Wir brauchen die besten für das Konzert.“ Blake blieb fest.

Jody sah Steve an. „Ihre Firma mag die beste sein. Aber im Umgang mit Kunden haben Sie wohl noch etwas Nachholbedarf, Commander McGarrett.“

Steve zwang sich zu einem kleinen Lächeln. „Da mögen Sie Recht haben, Ms. Martin. Tut mir leid. Ich bin chronisch schlecht gelaunt.“

„Oh, das bin ich auch“, konterte sie. „Ich erwarte ein schriftliches Vertragsangebot von Ihnen mit allen finanziellen Details. Und den Bedingungen, die Sie eben genannt haben.“

Er nickte. „Wenn Sie einverstanden sind, werde ich mich unabhängig davon, ob wir uns einigen, um die neuen Drohbriefe kümmern und sie dem HPD zukommen lassen. Mr. Blake, würden Sie auf einem sauberen Glas Ihre Finderabdrücke zum Vergleich hinterlassen? Es waren doch nur Sie, der die Schreiben angefasst hat?“

Barney Blake nickte, ging zur kleinen Hausbar, wo ein paar Gläser standen, und reichte eines Steve, der es mit einem Taschentuch in Empfang nahm.

„Und darf ich Sie jetzt bitten, mir beim Aufstehen behilflich zu sein? Dieses Sofa ist leider etwas zu tief und zu weich für mich...“

Jody beobachtete, wie Steve sich an Blakes Hand hochzog und sein Gleichgewicht fand. Er ging auf sie zu und reichte ihr die Hand. „Das Angebot kommt morgen früh per Mail. Dann bis morgen Nachmittag, Ms. Martin.“

„Nennen Sie mich Jody, Commander.“

„Gut, Jody.“ Über sein Gesicht huschte ein kleines Lächeln. „Commander oder Steve, ganz wie Sie wollen.“

Er verabschiedete sich von Blake und ging hinaus.

„Bist du zufrieden, Jody?“ fragte Barney. „Musstest du ihn so in die Enge treiben?“

„Das mit den Prothesen war eine Überraschung“, sagte sie nachdenklich.

„Warum willst du eigentlich unbedingt, dass er jeden Tag hier ist?“ Barney sah sie aufmerksam an.

Sie blitzte ihn an. „Weil er grundehrlich ist. Er kann ja nicht einmal geschäftlich schönes Wetter machen. Und im Gegensatz zu dir hat er mir die Briefe sofort gezeigt...“

„Ich wollte dich nur schützen. In den nächsten Wochen wird es noch genug Situationen geben, in den du Angst haben wirst.“ Barney strich ihr beruhigend über die Schulter.

„Du denkst, ich packe das alles nicht...“

Blake sah ihr in die Augen. „Ich glaube, dass du alles schaffen kannst, was du wirklich willst. Und wenn du dazu den Commander brauchst, dann sollst du ihn haben.“
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