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Green Eyed Killer

GeschichteMystery, Horror / P12
Lindsay Donner Professor Connor Doyle
25.10.2014
25.10.2014
1
6.390
 
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25.10.2014 6.390
 
Titel: Green Eyed Killer
Autor: DancingStar
Crossover: PSI Factor/ Sue Thomas F.B.Eye
Pairing: Connor/ Lindsay,
Rating: 16 (enthält weniger schöne Szenen)
Kategorie: AU, Mystery, Crime
Inhalt: Ein mysteriöser Killer mit grünen Augen, die wie Diamanten funkeln, hält Kapstadt in Atem…
Anmerkungen: Happy Halloween! Hoffe, ihr gruselt euch nicht zu sehr…!


Green Eyed Killer

Der Basketball von Jeremy und Albert war in den Garten des Nachbarhauses gerollt. „Wir müssen den Ball zurückholen“, sagte Jeremy zu seinem besten Freund. Die beiden Jungs waren zehn Jahre alt und gingen in die Selbe Klasse einer Privatschule in Kapstadt. Jeremys Mutter, eine Ärztin, war spontan zum Dienst im Krankenhaus gerufen worden und so waren die Jungs alleine zuhause, denn Jeremys Dad hatte die Familie vor Jahren verlassen. Und weil die Jungs keine Lust hatten, zu schlafen, hatten sie beschlossen, im Garten ein wenig Basketball zu spielen. Dann aber hatte Jeremy den Ball zu fest geworfen und er war auf das Grundstück der Nachbarin gefallen. Heute war Vollmond und die Nacht war klar. Sie würden also keine Taschenlampen brauchen, um das Spielzeug zurück zu holen.
„Ich habe kein gutes Gefühl dabei“, sagte der schüchterne Albert, als die beiden gemeinsam über den Zaun kletterten.
„Miss Winsloo wohnt alleine in dem Haus“, erzählte Jeremy, „Sie hat bestimmt nichts dagegen. Sie ist immer sehr nett.“ Und außerdem tröstete Jeremy sich damit, dass Miss Winsloo zu dieser späten Stunde sicherlich schon schlief.
Der Basketball war auf der Terrasse von Miss Winsloos Haus gelandet. Jeremy und Albert näherten sich und schließlich hob Jeremy seinen Ball auf, der direkt vor der Glastür lag. „Das war doch gar nicht so schwer“, sagte er zu seinem besten Freund und grinste, aber Albert wich einen Schritt zurück. Er machte ein erschrockenes Gesicht, als er eine große, schmale Gestalt am Fenster sah. Jeremy erkannt eine blonde Frau im weißen Nachthemd. „Das ist Miss Winsloo“, erklärte er, doch dann bemerkte er, dass mit der Frau etwas nicht zu stimmen schien. Miss Winsloo sah aus, als ob sie im Stehen schliefe, denn ihr Kopf war auf ihre Brust gesunken.
Besorgt legte Jeremy seine Hände auf die Glasscheibe. Sein Basketball rollte über die Terrasse. „Miss Winsloo?“, er war sehr besorgt und auch Albert schaute durch das Fenster. Neben Miss Winsloos´ Kopf erschienen zwei leuchtend grüne Punkte. Als Albert und Jeremy genauer hinsahen, erkannten sie, dass die Punkte Augen waren, die zu einem maskierten Gesicht gehörten.
Die Jungs bekamen es mit der Angst zu tun, denn Miss Winsloo´s Körper kippte nach vorne und fiel gegen die Fensterscheibe.
Jeremy und Albert rannten, so schnell sie konnten. Sie kletterten über den Zaun und als sie auf der anderen Seite ankamen, bemerkten sie ein lautes Motorengeräusch. Der maskierte Mann mit den leuchtend grünen Augen raste auf seinem Motorrad auf sie zu. In seiner linken Hand schwang er eine Machete.
„Lauf, Albert!“, rief Jeremy seinem besten Freund zu. Das Motorrad durchbrach den Zaun und der Fahrer holte die Jungs ein.
Dann tötete er sie.

„Hast du dir schon überlegt, was du in Kapstadt machen willst?“, wollte Lindsay von Connor wissen, als sie drei Tage später mit Sue und Jack aus ihrem Wagen ausstiegen. Sie hatten das Auto am Bürgersteig geparkt und machten sich auf den Weg zu dem Haus, in dem Jeremys Mutter lebte.
„Ich habe gehört, am Kap der guten Hoffnung gibt es eine Pinguin- Kolonie“, berichtete Jack, „Aber auch eine Herde Paviane soll dort leben. Man muss aufpassen, dass die Affen nicht die Picknickkörbe ausrauben.“
„Ihr scheint wohl zu vergessen, dass wir alle nicht zum Spaß hier sind, was?“, fragte Connor und sah seine Freunde an.
Lindsay, Jack und Sue entschuldigten sich. Der Fall, wegen dem man sie nach Südafrika gerufen hatte, war äußerst mysteriös. Keiner von ihnen hatte je von einem vergleichbaren Fall gehört: Zwei zehnjährige Jungs waren von der Mutter von einem der Kinder tot im Bett aufgefunden worden. Die Jungs waren enthauptet gewesen, soweit Connor wusste. Er hatte in dem Bericht, welchen das OSIR enthalten hatte, gelesen, dass die Polizei den Fall ebenfalls untersucht hatte: Die Mutter von Jeremy Snow sowie die Eltern von Albert Finney hatten wasserdichte Alibis und an dem Haus, in dem das Verbrechen geschehen war, gab es keine Einbruchspuren. Die Mutter von Jeremy Snow sagte außerdem, dass sie die Haustür abgeschlossen hatte und es keinen Ersatzschlüssel gab. Außer der Haustür gab es keine Möglichkeit, das Haus zu verlassen: Die Terrasse des Hauses war mit einem starken Metallgitter gesichert, welches unbeschädigt war. Offenbar besaß die Familie eine Katze, für die die Terrasse zum Freigehege hergerichtet worden war.
Das gesamte Team fragte sich, wie der Mörder der beiden Jungs ins Haus gekommen war und es wieder verlassen konnte, ohne Spuren zu hinterlassen. Und vor allen Dingen fragte sie sich, welches Motiv der Killer haben könnte, zwei zehnjährige Jungs zu töten. Während des Fluges nach Kapstadt hatten Jack und Connor die Eltern der getöteten Kinder überprüft: Jeremys Mutter war Ärztin im Krankenhaus. Sie war ein vielbeschäftigter Mensch und weil sie kaum zuhause war, hatte sie keine Gelegenheit, sich in der Nachbarschaft unbeliebt zu machen. Bei ihren Kollegen im Krankenhaus war sie beliebt, aber sie verbrachte die meiste Zeit alleine. Albert Finneys Eltern gehörten zum Mittelstand: Der Vater des Jungen besaß in der Nähe von Victoria & Albert Waterfront einen Gemüseladen, die Mutter war mit Zwillingen schwanger und arbeitete halbtags in einem Büro.
Die Polizei hatte um Hilfe gebeten, da dieser Mordfall ihre Grenzen überschritt und so kamen Connor und sein Team zur Hilfe. Auch sie fanden den Fall sehr ungewöhnlich. „Müssen wir uns das Haus wirklich ansehen?“, fragte Sue und sah ihre Teammitglieder prüfend an.
„Das müssen wir“, bestätigte Connor, „Keine Sorge, die Polizei hat die schlimmsten Beweismittel vor Tagen gesichert.“ Er hatte die Fotos des Kinderzimmers gesehen und die blutüberströmten Betten waren wirklich kein schöner Anblick. Er wollte lediglich, dass sie ein Gefühl für diesen Fall bekamen.

Jeremys Mutter weinte bitterlich, während sie mit ihr sprachen. Sie war für zwei Wochen vom Dienst im Krankenhaus freigestellt worden um den Tod ihres einzigen Kindes zu verarbeiten. Die Polizei hatte das Kinderzimmer bereits untersucht, trotzdem prüfte Lindsay ihre Theorie, dass jemand durch das Fenster im Kinderzimmer hereingekommen sein könnte: Sie rüttelte und zerrte am Rahmen, doch dann gab sie auf. „Das Fenster klemmt“, sagte sie zu Sue.
„Ja“, Sue nickte zustimmend und wandte sich dann vom Kinderzimmer ab. Die Wände waren noch immer mit feinen Blutflecken übersät.
Connor und Jack betraten den Raum. „Was habt ihr herausgefunden?“, wollte Sue von ihnen wissen.
Connor hatte mit der Mutter geredet, Jack hatte sich in der Nachbarschaft umgehört. „Ich wollte euch das nicht sagen, wenn die Mutter uns hört, aber ich habe mich mit einem Nachbarn unterhalten: Er berichtet, dass er Schreie in der Nacht, in der die Jungs starben, gehört hat. Angeblich haben die Jungs im Chor gerufen >Nicht in das Riesenrad<.“
„Was soll denn das bedeuten?“
„Das weiß ich nicht“, Jacks Stimme war sehr leise, „Ein weiterer Nachbar…“ Jack war einen Blick auf die Notizen, welche er auf seinem Smartphone erstellt hatte, „Ein weiterer Nachbar sagt, er habe eine Vermutung, wie die Jungs gestorben sind…“
„So? Das ist sehr verdächtig“, meinte Lindsay.
„Aber wenn man bedenkt, dass es keine Einbruchsspuren gibt, ist es eine logische Erklärung“, sagte Jack und warf erneut einen Blick auf sein Handy, „Der Mann kommt ursprünglich aus einer Provinz namens Gauteng. Sie liegt im Nordosten des Landes…. In dieser Provinz gibt es ein Volk, welches sich Zulu nennt. Diese Leute glauben an ein Wesen, welches die Seelen der Menschen in ihren Träumen holt.“
„Was?“, fragte Connor, „Das glaubst du doch nicht wirklich, oder?“
„Es wäre zumindest eine Erklärung…“
„Das ist richtig“, gab Connor nun zu, denn seine Freunde waren es nicht gewohnt, dass er so schnell klein beigab, „Da ist noch etwas Ungewöhnliches, was im Polizeibericht nie veröffentlich wurde. Ich habe es soeben von Mrs. Snow erfahren: Am Haus der toten Nachbarin, Miss Winsloo, wurden Handabdrücke von Kindern gefunden. Der Abgleich hat ergeben, dass es die Handabdrücke von Jeremy Snow und Albert Finney waren.“
„Aber wie ist das möglich?“, fragte Lindsay, „Die Mutter hat  angegeben, dass die Jungs das Haus nicht verlassen haben können.“ Und auch im Polizeibericht stand, dass die Tür verschlossen war: Die Mutter hatte die Tür aufgesperrt, als sie am nächsten Morgen von der Arbeit nach Hause gekommen war.
„Das überlasse ich eurer Fantasie…“

Lindsay war unheimlich müde, als sie an diesem Abend zu Bett ging. Der Jetlag war anstrengend, aber sie war erleichtert, dass sie zumindest ein schönes Hotel im Zentrum von Kapstadt gefunden hatten. Als ihr Kopf das Kissen berührte, schlief sie ein und es dauerte nicht lange, als sie sich in einer Traumwelt wiederfand: Sie träumte, sie stand vor dem Haus, in dem Miss Winsloo, die Nachbarin der Snows wohnte. Es war dunkel und neben ihr standen die beiden Jungs Albert und Jeremy. Sie hatte sie von den Fotos auf den Autopsie- Berichten der Polizei wiedererkannt.
Die Jungs bewunderten erst das Riesenrad, dessen Lichter in der Ferne glitzerten. Sie waren gekommen um nach dem Basketball zu suchen, stattdessen starrten sie beide durch das Fenster des Wohnhauses und sahen eine junge Frau, die auf der anderen Seite der Glasscheibe stand. Aber etwas stimmte nicht, denn ihr Körper sah merkwürdig aus. Ihr Kopf war außerdem zur Seite gedreht. Die Jungs traten neugierig näher und pressten ihre Handflächen auf die Glasscheibe, als plötzlich ein grünes, leuchtendes Augenpaar neben dem Kopf von Miss Winsloo erschien. Die Jungs wichen zurück und rannten. Ein polterndes Geräusch im Inneren des Hauses verriet Lindsay, dass die Gestalt, zu der die leuchtend grünen Augen gehörten, den leblosen Körper von Miss Winsloo zu Boden geworfen haben musste. Die Geräusche von lauten Schritten führten sie zur Haustür, die schließlich geöffnet wurde. Die Gestalt mit den grünen Augen schwang sich dann auf ein Motorrad, startete den Motor und raste den Kindern hinterher. In der Hand schwenkte die maskierte Gestalt eine Machete.
Sie versuchte, den Jungs zu folgen und als sie ihre Namen rief, stoppte die mysteriöse Gestalt das Motorrad und wendete. Mit den Augen, die wie Diamanten funkelten, fixierte der Maskierte sie und raste in ihre Richtung. Bevor er Lindsay erreichte war ihr Traum zu Ende…

Ihre Kleidung war schweißgebadet, als Lindsay erwachte. Sie hockte beinahe aufrecht im Bett und als sie sich wieder beruhigt hatte, warf sie einen Blick auf den Wecker. Ihr Traum hatte zwei Stunden gedauert, oder zumindest war sie vor zwei Stunden eingeschlafen. Sie fühlte sich erschöpft. Fast so, als ob der Traum Realität gewesen wäre. Lindsay beschloss, dass sie aufstehen und nach nebenan gehen würde, wenn sie Glück hatte, war Connor dort noch mit der Sichtung der Akten beschäftigt.

Connor und Jack hockten an dem großen, runden Tisch ihrer Hotelsuite. Sie lasen Akten, während sie chinesisches Essen verputzten. Offenbar wollte auch Jack bald zu Bett gehen, denn er trug eine unförmige, karierte Hose und ein T- Shirt mit Batman-Print. „Hey Jungs, was macht ihr da?“, fragte Lindsay, als sie in der Küche ihrer Suite nach einem Teller und Besteck suchte und sich anschließend aus einer der Lunchboxen ein wenig Essen nahm.
„Wir lesen noch einige Akten. Das hier sind die Zeugenbefragungen…“, antwortete Connor.
„Und wir Essen noch eine Kleinigkeit“, ergänzte Jack.
„Warum habt ihr mich nicht geweckt bevor ihr Essen bestellt habt?“
„Weil du ziemlich müde ausgesehen hast und außerdem ist genug für alle da.“
„Warum bist du noch wach?“, fragte Jack.
„Weiß nicht… Ich hatte einen Traum. Also, das glaube ich zumindest.“
„Es muss ein sehr realer Traum gewesen sein“, stellte Connor fest, „Wir haben dich schreien hören.“
„Wirklich?“, Lindsays Gesicht färbte sich rot.
„Willst du uns erzählen, wovon du geträumt hast?“
Sie zog einen Stuhl an den Tisch heran und setzte sich. „Ich glaube, es liegt daran, dass mich dieser Fall ziemlich mitnimmt…“, gestand Lindsay. Dann berichtete sie ihnen, dass sie von einer maskierten Gestalt mit leuchtend grünen Augen geträumt hatte, die die Jungs mit einem Motorrad verfolgte und schließlich einholte und köpfte. Sie erlaubte sich außerdem, ihnen zu erzählen, dass der Traum sehr real schien und dass sie nach ihrem zweistündigen Schlaf erschöpfter als davor war.
„Klingt, als wärst du sehr gestresst“, stellte Jack fest, „Unsere Träume sind ein Abbild dessen, was unser Gehirn verarbeitet.“
„Das weiß ich doch…!“
Connor beobachtete, wie die beiden Diskutierten, doch dann bemerkte er eine Spur aus dunkler, nasser Erde auf dem Boden. Die Spur führte von Lindsays Zimmer zu der Küche der Hotelsuite. „Lindsay, warst du draußen?“, fragte er.
Jetzt bemerkten auch Jack und Lindsay die Spur aus nasser Erde. „Nein, ich war die ganze Zeit über hier“, die Pantoffeln, die sie trug, waren ausschließlich für den Hausgebrauch gedacht. Außerdem hätte es dann eine Spur geben müssen, die von der Eingangstür ausging.
„Ich war die ganze Zeit über hier“, wiederholte sie, „Außer während meines Traumes.“
Jack schien eine Idee zu haben, denn er hechtete zum Fenster und schaute hinaus. Draußen regnete es. „Daher also die Spur“, sagte er, „Du hast nicht nur das Gefühl, dein Traum war sehr real. Er war es tatsächlich…“

Sie alle hatten am nächsten Morgen noch immer ein merkwürdiges Gefühl im Magen. Angesichts der Tatsache, dass Lindsay einen beinahe erschreckend realen Traum gehabt hatte, wussten sie nicht, was sie von der Sache halten sollten.
Ein anderes Gefühl lotste sie zur Polizeistation der Stadt. Dort waren die Polizisten in heller Aufregung. „Was ist passiert?“, wollte Connor vom Polizeichef wissen.
„Es hat in der vergangenen Nacht wieder einen brutalen Mord gegeben, den wir uns nicht erklären können“, sagte er, doch dann sah er das Team missbilligend an, „Wo sind Sie letzte Nacht gewesen? Ich dachte, man hat Sie hergeholt, damit Sie den Mörder finden und derartige Verbrechen verhindern.“
„Was? Er hat erneut zugeschlagen?“, ihnen allen wurde eiskalt. Sue fragte, wo der Mörder wieder zugeschlagen hatte.
„Diesmal hat es ein Mädchen in den Townships erwischt: Ihre Mutter hat sie heute Morgen tot in ihrem Bett gefunden.“ Er ersparte ihnen die Einzelheiten.
Die Townships waren die Armenviertel von Kapstadt. Verbrechen waren dort an der Tagesordnung und viele Häuser waren aus Holz, Lehm und Wellblech zusammengebaut.
„Sind Sie sicher, dass niemand in das Haus eingestiegen ist und das Mädchen getötet hat?“, fragte Connor.
„Die Familie des Mädchens besitzt mehrere Wachhunde. Einer von denen hätte gebellt, wenn eine fremde Person ins Haus eindringen wollte, finden Sie nicht?“, die Stimme des Polizeichefs klang barsch. Er war nicht sehr glücklich über diesen Vorfall, denn schon wieder war ein Kind gestorben und sie hatten keine Spur, die sie zum Killer führte. Beide Morde waren von einer Person gegangen worden, die nach dem gleichen Muster arbeitete, aber die Opfer hatten keinerlei Verbindung zueinander. Jeremy Snow und sein bester Freund Albert Finney lebten mit ihren Familien in einer mittelständischen Gegend von Kapstadt, während das dunkelhäutige Mädchen mit ihrer Familie in einer Hütte aus Lehm und Wellblech gewohnt hatte.
„Viele Mörder töten in ihrer eigenen Ethnie, das heißt…“, begann der Polizeichef.
„Ja, wir wissen was das heißt: Ein Weiser tötet einen Weisen und so weiter…“
„Jedenfalls werden wir nicht eher ruhen, bevor der Mörder gefasst ist“, machte der Polizeichef weiter, „Und ich erwarte von Ihnen und Ihrem Team, dass sie das gleiche tun.“
Sie nickten.
Jack, Sue und Lindsay beobachteten, wie Connor der Polizeichef in ein Büro folgte. Sie wollten unter vier Augen miteinander sprechen. Lindsay vermutete, dass es darum ging, dass das OSIR- Team die Erwartungen der lokalen Polizei nicht erfüllt hatte. Zumindest noch nicht…
„Wusstest du, dass Connor eine >100 Gründe zu kündigen<- Liste hat?“, fragte Jack plötzlich.
„Nein, das wusste ich nicht“, gab Lindsay zu, „Woher weißt du davon?“ Sie war neugierig.
„Er hat es mir erzählt“, sagte Jack doch dann korrigierte er sich, „Also schön: Ich habe ihn dabei erwischt, als er seine Liste um einen Punkt ergänzt hat. Er sagte, er würde kündigen, sobald er 100 Gründe zusammengetragen hat.“
„Bei wie vielen Gründen ist er momentan?“
„Das weiß ich nicht so genau“, gab Jack zu und beobachtete Connor, der ziemlich gestresst aussah, „Aber ich fürchte, heute kommt ein weiterer hinzu….“

Nach diesem anstrengenden Tag war es für Lindsay nicht schwer, Schlaf zu finden. Die Ereignisse des Tages quälten sie zwar, doch sie war zu erschöpft, um noch länger wach zu blieben. Heute hatte das Team mit der Mutter des ermordeten Mädchens gesprochen. Die verstörte Frau erzählte ihnen, sie habe noch gehört, wie ihre Tochter um Hilfe gerufen hatte und die Frau wollte das Kinderzimmer betreten. Doch aus irgendeinem Grund klemmte die sperrige Tür, obwohl das noch nie zuvor passiert war. Als der Freund der Mutter die Tür eintrat fanden die beiden nur noch den leblosen Körper des Kindes vor. Der Lärm in dem alten Backsteinhaus hatte schließlich die Nachbarn auf den Plan gerufen. Offenbar besaß einer von ihnen ein Handy, denn die Polizei erschien fünfzehn Minuten später.
In dieser Nacht träumte Lindsay erneut. Sie träumte, dass sie auf einer leeren Straße stand. Es war taghell und sie erkannte die Straße sogar wieder: Es war eine nicht betonierte Sandstraße im Township, die am Haus des Mädchens vorbeiführte. Lindsay sah jetzt, wie das Mädchen über die Straße kam um einen Ball einzuholen und dann bemerkte sie ein Motorrad. Mit einem Male war es dunkel, aber die Straße war genauso verlassen, wie vorher. In Hintergrund des Townships sah sie ein Riesenrad, doch dieses Riesenrad war ihr gar nicht aufgefallen. Sie fragte sich, ob es tatsächlich existierte.
Lindsay drehte sich noch einmal zu dem Motorrad um und für eine Sekunde blieb ihr Herz stehen. Sie sah die gleiche Gestalt, wie sie schon in dem Traum gesehen hatte, der sie zu der Nacht führte, in der die beiden Jungs getötet worden waren: Die Gestalt auf dem knatternden Motorrad war maskiert und trug einen dunklen Pullover. In der Maske steckten zwei Augen, die wie grüne Diamanten funkelten. Die Gestalt griff nun nach dem Lenker des Motorrades und brauste in ihre Richtung. Bevor er das Mädchen erreicht hatte, zückte er seine Machete. Das Kind schrie jetzt, weil sie die Absichten des Angreifers erkannte.
Als die Gestalt an dem Kind vorbeibrauste und direkt in ihre Richtung raste, entwich Lindsay ebenfalls ein entsetzter Schrei.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Connor und Sue reichte ihr ein Glas Mineralwasser. Sie hatten sich ihm Wohnbereich ihrer Hotelsuite versammelt. Lindsay zitterte noch immer am ganzen Körper.
„Die Jungs sagen, du hast so laut geschrien, als ob jemand hinter die her wäre“, stellte Sue fest. Sie war seit ihrer Kindheit taub und aus diesem Grunde musste sie sich auf das verlassen, was Connor und Jack ihr erzählten.
„Ich hatte einen Alptraum“, erzählte Lindsay. Sue setzte sich neben sie.
„Mir war fast, als wäre ich bei dem kleinen Mädchen gewesen, als es ermordet wurde. Ich habe sie deutlich vor mir gesehen….“
„Sehr ungewöhnlich…“, Connor klang besorgt.
„…Sie wurde von der maskierten Gestalt mit den leuchtend grünen Augen getötet. Genau so, wie die zwei Jungs.“
„Wir sollten das sehr ernst nehmen“, schlug Jack vor, „Wie ihr noch wisst, war Lindsays gestriger Traum real, obwohl er es gleichzeitig nicht war.“ Jack, Connor und Sue diskutierten, was sie tun sollten.
„Ich hab ihn schon einmal gesehen. Genauso wie das Riesenrad, welches schon zum zweiten Mal in meinem Traum aufgetaucht ist…“, sagte Lindsay plötzlich, „Auf dem Flug hierher hatte ich einen Traum, in dem ich vor einem großen Riesenrad stand. Das Riesenrad war hell beleuchtet, aber plötzlich gingen alle Lichter aus. Und dann war diese maskierte Gestalt mit den Augen, die wie grüne Diamanten leuchten.“
Jack setze sich an Connors Laptop und suchte im Internet nach einer Website über Traumdeutung. „Hier steht, dass Freude, Reichtum und Hoffnung mit der Farbe Grün in Verbindung gebracht werden. Grün verkörpert große Naturverbundenheit und seelisch-geistiges Wachstum.“
Lindsay schien einen Moment lang nachzudenken. „Nein, ich glaube nicht, dass mir großer Reichtum bevorsteht.“ Und besonders viel Freude bereitete ihr dieser Fall ebenfalls nicht…
„…Du sagtest außerdem, dass ein Riesenrad in deinem Traum auftaucht…“, machte Jack weiter, „Das bedeutet, du wirst für wenige Stunden in das Land deiner Träume geführt, aber diese schöne Hoffnung wird in ein Nichts zerrissen.“
„Traurig, aber wahr“, stellte Lindsay fest.
„Könnt ihr euch noch erinnern, was ich euch vor kurzem erzählt habe?“, fragte Jack, aber seine Freunde hofften, dass er nicht beleidigt war, wenn sie das nicht konnten. „In Gauteng gibt es ein Volk, welches sich Zulu nennt. Diese Leute glauben an ein Wesen, welches die Seelen der Menschen in ihren Träumen holt.“
„Ich sage das nicht gerne“, gab Sue zu, „Aber was ist, wenn an dieser Legende einen Funken Wahrheit gibt?“

Connor schien, über ihren Vorschlag durchaus nachgedacht zu haben, denn am nächsten Morgen sagte er zu ihnen: „Wir sollten nochmal mit dem Nachbarn der Snows sprechen“, schlug Connor vor und wandte sich an Jack, „Du sagtest, er gehörte zu einem Volk, welches an ein Wesen glaubt, dass die Seelen der Menschen raubt.“
„Er gehört zu den Zulu, ja“, bestätigte Jack, „Ich denke, wir können noch einmal mit ihm reden.“
„Sehr gut… Können wir gleich hinfahren, oder sollen wir erst anrufen?“
Jack wusste genau, was Connor sagen wollte und so antwortete er, dass sie besser keine Zeit verlieren und sofort hinfahren sollten. Auf dem Weg in die schöne Wohngegend vor den Toren der Stadt empfing Jack einen Anruf vom Polizeichef. Er sprach kurz mit dem Mann und informierte dann seine Kollegen über die neuesten Entwicklungen: „Die Mutter des kleinen Mädchens erinnert sich, dass sie gehört hat, wie ihre Tochter vor ihrem Tod geschrien hat >Nicht in das Riesenrad<.“
„Es beginnt mit einem Riesenrad“, murmelte Lindsay und auch Connor war besorgt: „Du hast es in deinen Träumen auch gesehen.“
„Also stellt sich uns nicht die Frage, wer der Mörder der Kinder war, sondern was er war.“ Jacks Vermutung hinterließ ein mulmiges Gefühl in den Magengegenden seiner Kollegen, als sie das schickte Haus in der Vorstadt erreichten.
Der Nachbar der Familie Snow war ein dunkelhäutiger Südafrikaner, der zum Volk der Zulu gehörte. Aber er war jung und deshalb pflegte er den traditionellen Lebensstil seines Volkes nicht: Anstelle im Lendenschurz durch den afrikanischen Busch zu streifen, zog er es vor mit seiner Freundin in der Stadt zu leben und als DJ in Clubs zu arbeiten. Er hatte den Namen abgelegt, den seine Mutter ihm vor 21 Jahren gegeben hatte und nannte sich jetzt David.
„Ich bin gespannt, wie ich Ihnen helfen kann“, sagte er zu Connor, Lindsay, Jack und Sue, als er mit seiner Freundin auf der Couch im Wohnzimmer Platz nahmen.
„Sie haben sicherlich gehört, dass der Sohn Ihrer Nachbarin getötet wurde….“
„Ja“, Davids Freundin nickte, „Eine schreckliche Sache war das.“
„Der Grund, weshalb wir hier sind, ist…“, begann Jack und sah David an, „Wir haben uns schon einmal unterhalten. Sie erzählten mir, sie hatten gehört, wie einer der Jungs in der Nacht rief >Nicht in das Riesenrad< und sie erzählten mir auch, dass es in der Zulu- Kultur ein Wesen gibt, was die Seelen der Menschen raubt.“
„Ich erinnere mich“, sagte David, „Dieser böse Geist erscheint manchmal in unseren Träumen. Die Zulu glauben, dass es hilft, anderen Menschen von diesen Träumen zu erzählen, sodass sie nicht wahr werden. Behält man diese Träume jedoch für sich, kommt der Geist und stiehlt die Seele.“ David machte eine kurze Pause. „Mein Großvater hat es einmal geschafft, dem Geist zu entkommen. Doch ein zweites Mal konnte er sich nicht an den Traum erinnern, in dem er dem Geist begegnet war. Er starb in der Nacht darauf und rief noch im Schlaf aus, dass der Geist ihn nicht mitnehmen sollte.“
Lindsay schluckte. Sie wusste nicht, ob sie Davids Worten Glauben schenken sollte, aber wenn sie berücksichtigte, dass das, was er erzählte wahr sein konnte, dann war auch sie ein potentielles Opfer.
Connor und Jack sahen sich an. „Welche Art von Menschen besucht der Geist?“, fragte Connor.
David verstand nicht: „Wie meinen Sie das?“
„Gibt es eine bestimmte Gruppe von Menschen, die dieser Geist heimsucht?... Kinder, alte Menschen…“
„Nein“, antwortete David, „Er ist an unterschiedlichen Seelen interessiert. Er ernährt sich von ihnen.“
„Wie sieht dieser Geist aus?“, wollte Lindsay jetzt wissen.
„Er zeigt sich mit einer Maske und hat leuchtend grüne Augen. Manchmal reitet er auf einer Gazelle, manchmal auf einem Pferd...“
„…und manchmal auf einem Motorrad.“
„Möglich“, David legte die Stirn in Falten und auch alle anderen sahen zu Lindsay, „Woher wissen Sie das?“
„Weil ich ihn auch gesehen habe“, Lindsay wusste nicht, ob ihr in diesem Moment nicht furchtbar schlecht werden sollte. David lehnte sich über den Couchtisch und sprach mit leiser Stimme weiter: „Sie müssen gut auf sich aufpassen. Es gibt nicht viele, die dem Geist entkommen konnten. Sie müssen Ihren Mitmenschen jetzt täglich erzählen, was Sie geträumt haben.“
„Aber man erinnert sich nicht immer an seine Träume“, murmelte Sue.
„Die andere Möglichkeit ist, dass Sie den Geist besiegen. Sie müssen ihn töten.“

„Einen Geist töten, so ein Unsinn“, sagte Connor, während sie eine Stunde später zur Polizeistation fuhren. Die Sonne schien und es war tropisch warm. Sue sehnte sich insgeheim nach dem Strand und dem tosenden Meer. Sie kurbelte das Fenster des Wagens herunter, um so ein wenig frische Luft zu bekommen.
„Wenn du David einmal zugehört hättest, würdest du wissen, dass man den Geist besiegen kann, indem man drei Tage und drei Nächte am Stück wach bleibt.“ Jack dachte aber, dass dies eine zu leichte Aufgabe sein sollte.
Am Abend in ihrem Hotel schenkte Sue für Lindsay eine Tasse schwarzen Kaffee ohne Milch ein.
„Das ist schon die sechste Tasse Kaffee, die ich heute trinken muss“, beschwerte sich  Lindsay.
„Du musst das trinken“, sagte Sue besorgt.
„Du darfst auf keinen Fall einschlafen, hörst du?“, empfahl Jack ihr.
„Macht euch keine Sorgen“, sagte Connor zu ihnen, „Wir wechseln uns ab und halten Lindsay die ganze Nacht über wach.“
„Aber wie lange soll das gehen?“, fragte sie, „Ich habe gehört, dass Menschen nur wenige Tage ohne Schlaf durchstehen.“ Sie hatte schon von Leuten gelesen, die sich in launische Monster verwandelten, weil man ihnen verbot, zu schlafen.
„Nur so lange, bis der Geist besiegt ist… Oder, bis wir Kapstadt verlassen“, antwortete Jack, aber sie alle wussten nicht, wann das sein würde.
Sue war ebenfalls skeptisch: „Für den Fall, dass wir Lindsay nicht wachhalten können, wissen wir aber auch nicht mit Sicherheit, ob Lindsay ihre Alpträume loswird, sobald wir die Stadt verlassen…“
„Naja, eine Option müssen wir in Betracht ziehen. Einen Versuch ist es wert, oder?“, diskutierte Jack, „Wir wechseln uns ab und halten Lindsay heute Nacht wach.“ Damit war es beschlossene Sache.

Jack übernahm die erste Schicht und Connor löste ihn pünktlich um 1:00 Uhr morgens ab. Er machte in der Küche der Hotelsuite für sich und Lindsay jeweils eine Tasse Kaffee und setzte sich dann vor den Fernseher. Im Spätprogramm lief eine Wiederholung von Akte X, als Connor einen Schluck von dem starken Gebräu trank.
„Ich bin müde“, gähnte Lindsay, die neben ihm hockte, gelangweilt, „Kann ich nicht einfach einschlafen?“
„Nein, es sei denn du kannst deinen Traum kontrollieren und den Geist töten. Nur sehr wenige Menschen können die Geschehnisse in ihren Träumen steuern. Die meisten sind ihnen hilflos ausgeliefert.“
„Lass mich raten, du kannst es steuern…“
„Nein“, Connor antwortete sehr ehrlich, „Erst kürzlich träumte ich, dass man mich feuern würde und ich konnte nichts dagegen tun: Stattdessen hockte ich auf dem Boden und heulte wie ein kleines Kind…“ Er wechselte zu einem anderen Kanal, auf dem eine Dauerwerbesendung lief. „Ich bezweifle, dass du aufwachen kannst, sobald du in deinem Traum ein Riesenrad siehst… Deshalb musst du wach bleiben.“ Connor schien eine Idee zu haben. „Wie wäre es mit ein wenig Sport? Das bringt den Kreislauf in Schwung…“
„Wir müssten draußen laufen gehen“, sagte Lindsay müde, „Das Hotel hat kein eigenes Fitnessstudio.“
„Eine gute Idee…!“
„In der Nacht ist es in den Straßen von Kapstadt sehr gefährlich“, erinnerte Lindsay ihn, „Da macht es keinen großen Unterschied, ob wir draußen laufen gehen oder ob ich hier einfach einschlafe.“
Sie wurden von einem Poltern gestört, welches aus Sues Zimmer kam. Connor und Lindsay erschraken. „Was war das?“, fragte sie, „Oh Gott, ich hoffe, der Geist hat sich nicht in Sues Träume geschlichen…“
„Lass uns nachsehen“, schlug Connor vor und Lindsay nickte. Sie eilte zu dem Zimmer und betraten es, ohne anzuklopfen. Sie glaubten nicht, was sie sahen: Sue stand vor dem Schrank und packte ihre Badesachen in eine Tasche. Das Fenster stand offen und weil ihr Zimmer und Jacks Zimmer durch einen Balkon miteinander verbunden war, stand er bereits in der Balkontür und wartete auf sie. Jack trug eine knielange Hose und ein Poloshirt.
„Was habt ihr vor?“, fragte Connor.
Sue rollte mit den Augen. Jetzt musste sie es ihm sagen. „Wir wollten an den Strand gehen“, erklärte sie, „Tagsüber haben wir ja kaum Zeit dazu.“
„Ihr solltet in der Nacht nicht in der Stadt und schon gar nicht am Strand unterwegs sein“, sagte Connor, „Kapstadt ist eine gefährliche Stadt.“
„Und außerdem wimmelt es in dieser Region im Meer nur so vor Haien“, ergänzte Lindsay.
„Ich verspreche euch, dass wir morgen nur halbtags arbeiten und nach unserer Besprechung bei der Polizei an den Strand gehen werden“, schwor Connor ihnen und winkte sie vom Balkon wieder in das sichere Hotelzimmer.
„Versprichst du es?“, fragte Sue.
„Ja. Und jetzt kommt schon rein.“

Connor und Lindsay sahen wieder fern, doch plötzlich fand sich Lindsay alleine an einer Uferpromenade wieder. Es gab einen Jahrmarkt am Pier und sofort bemerkte sie das große, leuchtende Riesenrad. Sie wusste genau, was das bedeutete: Sie war eingeschlafen. Offenbar war sie zu erschöpft, als das mehr als sechs Tassen Kaffee und der gut gemeinte Wille ihrer Freunde sie wachhalten konnte.
„Oh Nein“, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihr und Lindsay drehte sich um.
„Connor? Was machst du hier?“, fragte sie, „Das hier ist mein Traum.“
„Was soll das heißen, dein Traum?“, wollte Connor verständnislos wissen, doch dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, „Ich bin ebenfalls eingeschlafen!... Wo  sind wir hier?“ Connor kannte die Umgebung nicht. Das war nicht gut, sollten sie vor dem grünäugigen Geist fliehen müssen.
„Ich weiß nicht“, gab Lindsay zu.
Grüne Lichter flackerten über den Himmel. „Was ist das?“
„Das sind Morsezeichen“, Connor erkannte ein Schema hinter den grünen Lichtern, welche sich am Himmel in langen und kürzeren Strichen darstellten.
„Und was steht da?“
Connor schüttelte den Kopf. „Das sind Wörter, die keinen Zusammenhang ergeben.“ Er verstand die Botschaft nicht. Manchmal bemerkte Connor das Phänomen, dass er in seinen Träumen nicht lesen konnte: Nach einigen Worten ergaben die Sätze, welche er im Traum las, keinen Sinn mehr oder die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. Das kam daher, dass das Hirnareal, mit dem der Mensch las, beim Träumen in diesem Moment nicht aktiv war.
Ein Motorengeräusch am anderen Ende der Uferpromenade erregte ihre Aufmerksamkeit. Lindsay griff nach Connors Hand, als sie die maskierte Gestalt sah: Sie hockte auf einem Motorrad und starrte sie mit ihren funkelnden Augen an. „Da ist er!“, rief Lindsay und die Gestalt ließ dem Motor des Zweirades aufheulen.
„Lass uns verschwinden“, schlug Connor vor und Lindsay nickte. Sie sahen, wie der Geist nun in ihre Richtung raste und bevor er sich erreichte, brachten sie sich in einer schmalen Gasse in Sicherheit, welche von der Uferpromenade wegführte. „Was sollen wir machen?“, fragte Lindsay. Sie kannte die Umgebung nicht. Dies hier war die Welt des Geistes.
„Lass uns sehen, wohin diese Gasse führt“, schlug Connor vor. In der engen Gasse quetschte er sich an ihr vorbei und sie liefen so lange, bis die Mauern sie zu einer weiteren Straße führten. Sie konnten sehen, dass es auf der anderen Straßenseite einen Park gab. Im Hintergrund stand noch immer das gleiche, leuchtende Riesenrad, welches sie schon am Pier gesehen hatten. Die grünen Lichter, die Morsezeichen, flackerten noch immer am Himmel auf. „Du kannst noch immer nicht sagen, was dieser Code bedeutet, oder?“, fragte Lindsay.
„Nein.“ Connor hasste es, das bestätigen zu müssen. Ein heulendes Motorengeräusch erregte ihre Aufmerksamkeit und sie sahen, wie Jack und Sue nun in dem Park standen. Die maskierte Gestalt hatte sie fixiert und raste mit seinem Motorrad auf sie zu.
„Wie kommen die beiden hier her?“, fragte Lindsay.
„Sie sind ebenfalls eingeschlafen…“
„Wir müssen ihnen helfen.“ Sie beeilten sich, die Straße zu überqueren und liefen so schnell sie konnten, in den Park.
„Lass sie in Ruhe!“, rief Lindsay und die maskierte Gestalt stoppte das Motorrad, „Eigentlich bin ich es doch, die du willst! Ich weiß, dass du dich seit Nächten in meinen Träumen aufhältst!“
„Lindsay, nicht!“, rief Sue, doch die maskierte Gestalt hatte das Interesse an ihr und Jack verloren und raste stattdessen auf Lindsay zu. Bevor er mit seinem Motorrad gegen sie prallte, schob Connor sie zur Seite. Sie beide stürzten auf den Boden und obwohl es nur ein Traum war, war der Untergrund hart und ihre Knie und Hände schmerzten. Trotzdem kauerte Connor beschützend über Lindsay, die sich ebenfalls zusammengerollt hatte und ihre Hände schützend über den Kopf geschlagen hatte. „Was passiert jetzt?“
„Er greift uns an“, informierte Connor sie. Er nahm nur aus den Augenwinkeln wahr, wie der Motorradfahrer zum Sprung ansetzte. In seiner rechten Hand glitzerte ein Gegenstand und Connor nahm an, es war eine Machete. Sie hörten Sue schreien.
Das Motorengeräusch wurde lauter. Die Gestalt war jetzt direkt über ihren Köpfen. Er sprang direkt vor Lindsay und ergriff ihren Hals. Seine Hände legten sich fest um ihre Kehle. Lindsay versuchte, sich zu wehren, doch sie schaffte es nicht.
„Es ist dein Traum. Nur du kannst ihn kontrollieren“, sagte Connor dann zu Lindsay. Sie brauchte eine Sekunde um zu verstehen, was das bedeutete.
„Wach auf“, sagte Lindsay zu sich selbst, „Wach auf. Wach auf. Wach auf.“ Sie fühlte, wie ihre Arme und ihr Oberkörper langsam schwer wurden. Die Gestalt mit den grünen Augen entglitt ihr.
Dann schlug sie die Augen auf und sah, dass sich ihre Freunde über sie gebeugt hatten und sie besorgt anschauten. Sie hatte keine Ahnung, ob ihre Freunde diesen furchtbaren Traum ebenfalls erlebt hatten oder ob es nur Einbildung war. „Was…? Was ist passiert?“, fragte Lindsay, während sie sich aufsetzte, „Seid ihr in Ordnung? Geht es euch gut?“
„Ja“, Sue nickte, „Wir sind, wie du, soeben erst von diesem schrecklichen Traum erwacht…“

Ihr Kapstadt- Aufenthalt ging drei Tage später zu Ende. Seitdem hatte Lindsay nicht wieder von dem grünäugigen Killer geträumt. Natürlich hatte das Team noch jede Menge Bürokram zu erledigen und zu Sues Leidwesen schafften sie es nur einmal, an den Strand zu gehen. Sie würden noch einmal nach Kapstadt kommen müssen, wenn sie alle Sehenswürdigkeiten erleben wollten.
Das Team hatte die Koffer am Nachmittag gepackt und als letzes machten sie sich daran, ihre Akten und Aufzeichnungen aus ihrer Hotelsuite zu sammeln. „Hier ist mein Laptop“, sagte Connor zu Lindsay.
„Ich packe ihn ein“, meinte sie und Connor bedankte sich. Als sie den flachen Computer dann in die dafür vorgesehene Tasche stopfen wollte, rutschte ein Blatt Papier auf den Boden, welches zwischen Bildschirm und Tastatur eingeklemmt war. Lindsay hob es auf, weil sie glaubte, das Blatt Papier gehörte zu ihren Akten. Doch als sie die Überschrift las, wurde sie eines Besseren belehrt.
„Leute…!“, rief sie ungläubig, „Ich habe Connors >100 Gründe zu kündigen<- Liste gefunden!“ Sie zeigte ihnen eine Liste, welche mit Bleistift verfasst war.
„Lass das, das ist peinlich“, meinte Connor und versuchte, ihr die Liste abzunehmen, aber Jack und Sue hatten sich sofort um Lindsay versammelt und schauten über ihre Schulter.
„Grund Eins auf Connors Liste“, las Lindsay vor, „Elsinger.“
„Das wundert mich überhaupt nicht“, lächelte Sue.
„Grund Elf: Der Trip nach Russland“, las Jack vor, „Warum? Was ist dort passiert?“ Er und Sue hatten damals noch nicht zum Team gehört und wussten es daher nicht.
„Sieh mal hier“, sagte Jack jetzt zu ihnen, „Grund Zwei wurde ausradiert…“ Ihre Nasenspitzen näherten sich dem Papier, weil sie hofften, sie kamen auf diese Weise dahinter, was Grund Zwei gewesen war, bevor Connor ihn ausradiert hatte. Sue erkannte eine schmale Linie, die in das Papier eingedrückt war. Die Linie ergab das Wort „Lindsay“. Der Rest der Zeile war verschwunden. „Ich bin dein Kündigungsrund Nummer Zwei?“, fragte sie entsetzt. Lindsay hatte immer geglaubt, sie und Connor waren Freunde.
„Nein, das…! Das verstehst du falsch!“, sagte er zu ihr, „Der Rest der Zeile fehlt…!“
Sue war erleichtert, denn das hatte sie gehofft. „Und was ist der Rest der Zeile?“
„Ich… Also“, Connor war nicht sicher, ob er es ihnen sagen sollte.
„Nun sag es uns endlich“, bat Sue, „Du kannst die arme Lindsay nicht in dem Glauben lassen, sie wäre schuld, wenn du eines Tages kündigst.“
„Also gut“, gab Connor nach, „Grund Nummer Zwei lautete: Ich darf nicht mit Lindsay ausgehen.“
Jack und Sue wussten sofort was er meinte, denn in ihren Verträgen gab es eine Klausel, dass sie keine Beziehungen zu Kollegen eingehen durften. „Darf ich dich darüber in Kenntnis setzten, dass solche Klauseln unwirksam sind und du…“, begann Jack, aber Sue ergriff seine Hand und führte ihn von Connor und Lindsay weg. Als er sie fragte, warum er das tat, antwortete Sue damit, dass Connor und Lindsay jetzt sicherlich einiges zu besprechen hatten.
„Du wolltest mit mir ausgehen?“, wollte Lindsay wissen und legte die Stirn in Falten.
„Naja, das… das…“ Connor hasste sich dafür, weil er jetzt kein einziges Wort mehr herausbrachte.
Lindsay lächelte. „Schon gut, das muss dir nicht peinlich sein“, sagte sie, „Falls du irgendwann doch die richtigen Worte findest, mich nach einer Verabredung zu fragen, dann nur zu.“
„Soll das heißen, du hättest nichts dagegen?“, er war überrascht. Trotzdem erwiderte er ihr Lächeln.
„Naja… Vielleicht…“

Auf dem Rückflug nach Toronto hatte Jack für nur einen Moment die Augen geschlossen und war dann doch eingeschlafen. Er träumte, dass er am Strand war und die Sonne ging langsam unter. Dann war es finstere Nacht. Das Meer rauschte. Er fühlte den Sand unter seinen Füßen. Doch dann war er plötzlich nicht mehr am Strand sondern am Flughafen von Kapstadt. Er stand auf einer Balustrade und sah Sue, die von Connor und Lindsay ein Foto machte. Sie lachten und Sue sagte, dass sie sich ein großes Riesenrad anschauen wollten, welches in der Nähe stand aber Jack konnte sich nicht daran erinnern, bei ihrer Ankunft überhaupt ein Riesenrad am Flughafen gesehen zu haben. Das Riesenrad tauchte vor ihnen auf und es war hell erleuchtet. Aber dann schien es einen Stromausfall zu geben.
Das Flughafengebäude und das Riesenrad versanken in Dunkelheit und Jack bemerkte, dass er nicht mehr alleine war: In der Dunkelheit der Nacht tauchten langsam die funkelnden grünen Augen wieder auf.

Fin
 
 
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