And Time Has No Meaning At All

von - Leela -
GeschichteRomanze / P6
Futura Jake
22.10.2014
22.10.2014
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Diese Geschichte ist dem Wettbewerb  »Mondscheinblume« von Daja Celebplinn gewidmet.
Hinweis: Geschrieben wurde die Geschichte wie gewohnt nach klassischer Rechtschreibung, und inhaltlich sollte sie sich eigentlich von selbst erklären! ^^

Ich wünsche euch eine schöne Lesezeit und einen wundervollen Aufenthalt in meiner Geschichte.


And Time Has No Meaning At All

Die Zukunft ist ein faszinierender Ort; besonders, wenn man nur zu Besuch dort ist, und nicht dort wohnt – so wie Futura. Seit Jake sie kennengelernt hatte, hatte das Mädchen aus der Zukunft - aus seiner Zukunft - ihm schon so viele erstaunliche Dinge und Plätze gezeigt, die für sie zur Normalität gehörten, ihn aber immer wieder staunend innehalten ließen.
      Da waren die beeindruckende futuristische Architektur oder die Schwebefahrzeuge, die in mehreren Ebenen durch den Verkehr der erstaunlichen Städte geleitet wurden, es gab Reisen durch das Weltall, imposante Raumschiffe und Stationen, von denen man in seinem Jahrhundert nur träumen konnte, und ferne Planeten mit sonderbaren Bewohnern, für die Jake - das sagte er sich bei so einer Gelegenheit immer wieder - selbst genauso sonderbar aussehen mußte.
      Seine Freundin, mit der er jetzt bereits seit einem Jahr zusammen war, hatte ihn schon zu außergewöhnlichen Konzerten mitgenommen, und er hatte Klänge von Instrumenten gehört, die in seiner Zeit noch weit entfernte Zukunftsmusik waren, – im wahrsten Sinne des Wortes.
      All das war für den jungen blonden Ghostbusterchef so überwältigend, daß es einem Kulturschock gleichkam, jedes Mal, wenn er das hübsche Mädchen in der Zukunft besuchte, das ihn auch so schon, ohne all die unwahrscheinlichen Zukunftsaspekte, faszinierte.
      Und Futura selbst? Die junge Frau, – Jake mußte bisweilen schmunzeln, wenn er darüber nachdachte, wie jung sie im Vergleich zu ihm tatsächlich war; immerhin trennten sie 972 Jahre! Aber zumindest chronologisch war sie rund ein Jahr älter als er. Also nochmal: Die junge Frau mit der für die Zukunftsleute typischen blaßvioletten Hautfarbe war ihm genauso dankbar, denn durch ihn erfuhr sie den Zauber selbst immer wieder neu, der für sie eigentlich selbstverständlich war.

Heute hatte sich das Mädchen mit den langen schwarzen Haaren etwas Besonderes einfallen lassen. Die beiden hatten sich auf der Mondstation getroffen und sich zusammen an eines der großen Fenster gesetzt, um den Ausblick in das weite All zu genießen. Noch immer konnte sie ihn damit fesseln, obwohl sie schon oft hier zusammen gesessen hatten. Diesmal aber hatte sie sich noch etwas anderes überlegt, von dem sie hoffte, daß sie ihn damit genauso würde bezaubern können. Nach einem besinnlichen Moment und einem romantischen Zukunftsessen stand sie von ihrem Platz vor dem Fenster der Mondstation auf und reichte ihm die Hand.
      Der Blick seiner tiefblauen Augen traf sich überrascht und neugierig mit dem ihren, als er ihre Geste annahm und mit unwillkürlich rasendem Puls an ihre Seite trat. Ihr Lächeln hatte etwas geheimnisvolles, doch sie sagte nichts, als sie ihn mit sich nahm zu dem Hangar der Station, wo ein kleines Passagierschiff bereitstand.
      Das Raumschiff bot vielleicht acht Gästen Platz, doch heute abend hatten sie es für sich allein. Ein kleiner Außerirdischer mit heller blauer Haut, großen gelben Augen und Antennen an den Seiten des Kopfes, wo bei den Menschen die Ohren waren, begrüßte das Pärchen freundlich.
      Jake ließ den Blick schnell durch den Innenraum schweifen. Der hochgewachsene Mann konnte gerade so in dem Passagierraum stehen und sah sich fasziniert um, als er vor seiner Freundin den Gang mit den Sitzen betrat. Unwillkürlich kam ihm der Gedanke, daß das Schiff vielleicht für Leute aus der Rasse des Piloten gebaut war, für welche die Deckenhöhe kaum ein Problem darstellen würde – vorausgesetzt, die Größe in dessen Volk variierte nicht ebenso stark wie bei den Menschen.
      Futura hatte ihm extra den Vortritt gelassen, war es für sie doch nichts neues; und doch - zumindest heute abend - etwas besonderes. Jake suchte sich einen Platz auf einem der Zweiersitze aus und bekam dadurch automatisch, ganz wie Futura es geplant hatte, einen Fensterplatz. Sie setzte sich an seine Seite. Das Mädchen beobachtete ihn mit einem leichten Lächeln, als er sogar im Hangar schon beeindruckt aus dem Fenster sah. Wie würde es erst werden, wenn sie an ihrem Zielort angekommen waren…?
      Nach einem kurzen Moment nahm sie unvermittelt seine Hand, und er schrak leicht zusammen, bevor er sie ebenfalls anlächelte und ihre Geste erwiderte. Kurz darauf schloß sich die Luke, und das Raumschiff startete. Sterne zogen an ihnen vorbei, und als das Raumschiff beschleunigte, verschwammen sie in langen Streifen vor den Fenstern.
      Der Flug dauerte gerade mal ein paar Minuten, dann kehrte der Weltraum zu seinem Normalzustand zurück, und Jake stockte der Atem – er mußte sich erst einmal von dem mehrere Lichtjahre umfassenden Sprung erholen. Nun langsamer, in Normalgeschwindigkeit, auch wenn selbst diese jeden Sportwagen aus seinem Jahrhundert noch immer in den Schatten gestellt hätte, ging der Flug weiter, und nur einige Augenblicke später kam ein atemberaubender Planet in ihre Sichtweite. Er schimmerte blau und grün, und Jake meinte sogar einen weißgoldenen Glanz erkennen zu können, der sich dezent in die Farben mischte.
      Eine Durchsage aus den Lautsprechern kündigte an, daß sie ihren Zielort nun erreicht hatten. Atemlos konnte der junge Mann aus Futuras Vergangenheit beobachten, wie das Passagierschiff dem Planeten entgegensteuerte, gemächlich tieferging und zur Landung ansetzte.

Das Schiff setzte sanft auf einer Plattform inmitten einer grünen Landschaft auf, die schon durch das Fenster betrachtet eine der schönsten Naturlandschaften sein mußte, die Jake je gesehen hatte. Er löste sich von dem Anblick, als er spürte, wie Futura neben ihm aufstand. Schnell kehrte er in das »Hier und Jetzt« zurück und folgte dem selbstbewußten Mädchen, das ihm zumindest in dieser Zeit einiges an Gelassenheit voraus hatte.
      Als das Pärchen ausstieg, offenbarte sich ihnen ein atemberaubender Anblick von der Anhöhe aus über eine einzigartige Parklandschaft. Von hohen Bäumen gesäumte Wege führten den Besucher in ein wundervolles Naturreich.
      Weiter im Hintergrund meinte Jake ein glitzerndes blaues Band zu erkennen, und in die anbrechende Abenddämmerung hinein tauchten sanfte Lampen die Umgebung in ein warmes, goldenes Licht. Er fragte sich, was der Planet für Wesen, Tiere und Pflanzen hervorgebracht haben würde, die er noch nie zuvor gesehen hatte und vielleicht jenseits seiner Vorstellungskraft lagen.
      Futura wartete an der Treppe auf ihn. Kaum mochte sie den andächtigen Moment, der ihn gefangennahm, stören, doch sie waren noch nicht am Ende der Reise angelangt. Gerade in dem Moment entsann er sich aber ihrer Gegenwart, und errötete, als sich ihre Blicke trafen. Futura lächelte lediglich.
      Ihr Freund schloß schnell zu ihr auf, und so ging es eine mächtige, lange Treppe hinunter, hinein in die harmonische Welt eines fremden Planeten, von dem Jake nicht einmal wußte, ob er zu seiner Zeit überhaupt schon existiert hatte.
      Futura führte ihn einen Kiesweg entlang, der sich durch die geheimnisvolle Landschaft schlängelte, in die das Mädchen aus der Zukunft ihn jetzt entführte.
      Sie ließen die Landeplattform bald hinter sich und tauchten in eine grüne Welt aus Bäumen und Büschen, dekoriert mit bunten Akzenten aus rankenden Blumen mit leuchtenden Blüten ein, die den eigentlich recht bodenständigen jungen Firmenchef schon im ersten Moment gefangennahmen.
      In die Atmosphäre mischte sich das Zwitschern von Vögeln und leise Geräusche, die auf andere Bewohner des Planeten schließen ließen, die sich im Verborgenen hielten. Jake meinte sogar, leise Musik auszumachen, war sich aber nicht ganz sicher, ob es tatsächlich so war. Er lauschte und überlegte, ob die Melodien von den Waldbewohnern kommen mochten, oder ob er es sich schlicht einbildete. Er ertappte sich sogar dabei, wie er verstohlen nach Lautsprechern suchte, die versteckt zwischen der Natur installiert waren, um ein gewisses Ambiente zu schaffen.
      Futura schien es zu bemerken, denn unvermittelt lehnte sie sich etwas zu ihm herüber und erklärte leise: „Das, was du da hörst, sind die »Trumpets«, die Trompeten-Blumen.“
      Jake stockte verblüfft. Das war die letzte Erklärung, mit der er gerechnet hatte. „Diese Melodien kommen von Blumen?“
      Die junge Frau nickte mit einem leichten Lächeln, sah sich kurz suchend um und zeigte in eine Richtung. „Dort. Siehst du sie? Die Ranke mit den trichterförmigen Blüten?“
      Jake folgte ihrem Fingerzeig und bemerkte die goldenen, trompetenartigen Blüten, die in unregelmäßigen Abständen und verschiedenen Größen und Formen von der Ranke abgingen.
      „Bei der kleinsten Berührung erzeugen die Blüten einen Ton.“ erklärte das Mädchen mit den dunklen Augen weiter. „Wenn der Wind sie streift, wenn die Ranke bewegt wird, wenn sie angestoßen werden… Und jede Blüte gibt je nach Größe, Form und Lage, und Art der Berührung, unterschiedliche Töne von sich.“
      „Und so wird, ganz automatisch, die Musik erzeugt!“ schlußfolgerte Jake fasziniert.
      Futura nickte. „Es ist unglaublich schön, oder?“
      Auch Jake konnte nur mit einem Nicken antworten. Er fand keine Worte, die seine Gedanken hätten ausdrücken können.
      Als sie weitergingen, konnte der schlanke junge Mann den Blick nicht von den faszinierenden Trompetenblumen lösen. Während er sich immer wieder nach diesen Ranken umsah, schaute Futura vor sich auf den Weg, und hinderte ihren Freund einmal daran, in seiner Faszination vom Weg abzukommen.
      Sie kamen gerade auf eine kleine Lichtung, auf der zu beiden Seiten ein schön angelegter Rasen jeweils halbkreisförmig abging. Ein Weg führte an der Außenseite der Rasenflächen entlang zu mehreren schönen Bänken, bei denen man rasten konnte. Futura jedoch ging strikt geradeaus weiter.
      Jake indessen beobachtete die Umgebung genau, und stellte schon bald fest, daß im Hintergrund weitere Wege in unergründliche Tiefen führten, die er gerne erforscht hätte. Seine Neugierde jedoch mußte er zügeln, da Futura offensichtlich nicht vorhatte zu rasten, oder gar nur vom Weg abzukommen. Er riß sich zusammen, um nicht doch seiner Neugierde nachzukommen. Irgend etwas an dem Verhalten seiner Freundin sagte ihm, daß das heute nicht angebracht war. Auf eine Bewegung hin war er aber sofort aufmerksam, und bemerkte bald schon ein Stück entfernt bei einem großen, eigentümlichen Busch mit gefächerten Blättern ein kleines Tier mit braunem Fell sitzen, das ihn entfernt an einen Hasen, aber auch ein bißchen an einen Igel erinnerte – einen puscheligen Igel mit langen Ohren und einer spitz zulaufenden Nase.
      Futura drehte sich zu ihm um, als sie feststellte, daß er fasziniert stehengeblieben war und folgte seiner Blickrichtung. Das kleine Wesen mit dem plusterigen Fell, das weit genug von den Besuchern entfernt auf dem Rasen im Schutze des großen Busches mit den violetten Blüten saß, ließ sich gar nicht stören. „Das ist ein Churula!“ erklärte die Frau aus der Zukunft ihrem Freund. „Sie können die Farbe und Länge von ihrem Fell beeinflussen, so daß sie nur dann auffallen, wenn sie es wollen.“
      „Fast so wie ein Chamäleon?“ fragte Jake überrascht.
      Futura lachte. „Ja, fast so ähnlich, nur nicht ganz so professionell. – Dieser scheint nichts vor uns zu befürchten, wenn er sich uns so offen zeigt.“
      „Na, er hat vor uns ja auch nichts zu befürchten!“ Jake ging in die Hocke und versuchte, das kleine Wesen anzulocken, welches dem Versuch nun aber doch mit einem skeptischen Blick begegnete.
      Futura konnte sich ein liebevolles Grinsen nicht verkneifen. „So zutraulich sind sie auch nicht. Du kannst dich schon glücklich schätzen, daß es sich nicht getarnt hat, als wir kamen. Wenn du aber mal Bewegungen ausmachst, die du nicht zuordnen kannst, dann könnte das ein Churula sein!“ Sie gab ihm noch einen Moment, dann animierte sie ihn mit einer sanften Geste zum Weitergehen.
      Er riß sich etwas widerwillig von der putzigen Szene los, um sie weiter zu begleiten, auch wenn er nur schwer den Blick von dem kleinen Tier lösen konnte. Dafür aber kannte das anmutige Mädchen aus der Zukunft ihren Freund zu gut, so daß sie dafür aufpaßte, daß er nicht gedankenverloren gegen sie rannte, bis er das kleine Wesen aus den Augen verlor.
      Nur wenige Schritte weiter ließen sie die Lichtung hinter sich, und die Büsche und Bäume am Wegrand wurden wieder höher.
      Futura steuerte bereits auf einen Tunnel zu, in den der Weg ein paar Meter weiter überging. Als ihr Freund den Blick wieder nach vorne wandte, schluckte er. Dunkel sah es aus, so als würde man gleich von einem schwarzen Loch verschluckt werden. Der jungen Frau schien es nichts auszumachen. Das Mädchen in dem praktisch geschnittenen, rot-blauen Dress ging zielstrebig voran. Mit einem mulmigen Gefühl folgte er ihr. Er war sich sicher, sie würde schon wissen, was sie tat.
      Tatsächlich war es so, als würde man das Licht hinter sich lassen, als der Pfad in den Tunnel hineinführte. Für einen Moment hatte der Ghostbuster das Gefühl, nicht die Hand vor Augen sehen zu können. Als sich seine Augen schließlich an die Dunkelheit gewöhnten, ließ er den Blick zu den Seiten und der Decke schweifen. Der ganze Tunnel war ein Flechtwerk aus Stämmen und Ästen eines Buschwerkes, das so dicht verflochten war, daß kaum ein Lichtschein eine Chance hatte durchzudringen.
      Plötzlich nahm er wahr, daß es nicht nur der Eingewöhnung geschuldet war, daß er sich vage orientieren konnte. Nicht weit entfernt vor sich konnte er ein leichtes, weißes Glühen ausmachen – ein Leuchten, das nicht das Ende des Tunnels bezeichnen konnte.
      Futura, die er schemenhaft neben sich ausmachen konnte, legte den Arm um ihn, und er erwiderte die Geste automatisch. Erst jetzt wurde ihm das wunderbare Gefühl bewußt, das ihm ihre Nähe gab, gerade hier in dieser romantischen Umgebung, und genoß es in vollen Zügen. Als sie weiter den Durchgang entlanggingen, stellte Jake fest, daß das Glühen von den Blüten einer anderen Pflanze erzeugt wurde. Jeweils fünf weiße große Blütenblätter, die zusammen einen handgroßen Teller formten, fluoreszierten mit einem leicht pulsierenden Licht und erleuchteten den Tunnel auf eine eigentümliche Weise. Je weiter sie in den Tunnel hineinkamen, desto mehr Farben mischten sich in das Licht, das durch die wundersame Blume erzeugt wurde.
      Jake konnte den Blick nicht von den Blüten abwenden, und konnte nicht vermeiden, prüfen zu wollen, ob sie wirklich echt waren, oder eher geschickt installierte Lampen, die dem Besucher und Passanten des Tunnels ein gewisses Ambiente schenken sollten.
      „Sie sind schön, nicht wahr?“ stellte Futura fest.
      „Ja. Aber wie funktioniert das?“ fragte Jake zurück, als er den Blick über das dichte Flechtwerk schweifen ließ.
      „Genau weiß ich das auch nicht. Aber irgend etwas löst diesen Effekt von ganz allein aus. Die Luminesza leuchtet nur im Dunklen.“
      „Aber sie können sich hier doch nirgends aufladen!“ erwiderte Jake mit einer hilflosen Geste.
      „Ich habe auch noch nicht herausgefunden, wie das funktioniert. Es wirkt fast so, als würde die Dunkelheit ihnen erst ermöglichen zu leuchten. – Diese Blume gibt es draußen auch, dort sind die Blüten aber mattweiß und eigentlich völlig unspektakulär.“ erklärte Futura.
      Das Mysterium der Luminesza ließ Jake nicht mehr ganz los, doch er wußte, daß weder er noch Futura es heute würden auflösen können. Und so versuchte er, sich damit abzufinden und sich nur an dem wundersamen Effekt zu erfreuen, bis sie spärlicher wurden und kaum mehr leuchteten, als das Ende des Tunnels in Sicht kam.
      Die Umstellung, als sie den Tunnel verließen, war entgegen Jakes Vermutung nicht so schlimm, wie er erwartet hatte, da der Abend bereits weit fortgeschritten war. Trotzdem mußten sich die beiden erst wieder an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnen.
      Die Büsche wurden hier wieder niedriger, und die Bäume standen nicht so dicht. In sanftem Schein der Straßenlaternen offenbarte sich ihnen ein kleiner, harmonisch angelegter Park, mit kleinen Wegen, auf denen man zu Bänken, Pavillons und Skulpturen gelangen konnte, mitten zwischen wunderschön angelegten Beeten und Rasenflächen hindurch. Doch auch diesmal ging Futura zielstrebig weiter, ohne sich nach rechts oder links zu orientieren, während Jake sich bald sehnsuchtsvoll umsah. Der junge, abenteuerlustige Mann konnte gar nicht entscheiden, welchen Weg er am liebsten zuerst ausgekundschaftet hätte – von überall her überfluteten ihn die geheimnisvollen Passagen mit ihren Reizen; doch es schien, als bekäme er nicht einmal die Gelegenheit, einen Abstecher über einen der längeren Wege zu machen.
      Futura wartete ein Stück entfernt und schmunzelte. Sie wußte, sie forderte ihm gerade viel ab, doch es hatte einen besonderen Grund, warum sie mit ihm hier war. Sie wußte, es mußte für Jake eine Tortur sein, diesen ganzen wundersamen Reizen zu unterliegen, doch von der Landeplattform aus war dies der einzige Weg, der zu ihrem Zielort führte, und für das, was sie im Ansinnen hatte, durften sie nicht allzu viel Zeit verlieren.
      Ein Schwarm Schmetterlinge, der aussah wie Blüten mit jeweils sechs Blütenblättern, flog plötzlich auf und holte den Mann in dem blauen Anzug, der gerade vor sich hinträumte, in die Wirklichkeit zurück – wobei die Wirklichkeit in diesem Falle die gleiche Konsistenz eines Traumes hatte. Er sah dem flatternden Schwarm lächelnd nach und hinterfragte gar nicht mehr, ob es tatsächlich Schmetterlinge waren, oder gar die Blüten einer Pflanze, die sich unabhängig machten. Er würde Futura später danach fragen.
      Während sie wartete, hatte die hochgewachsene, schlanke Frau etwas entdeckt, dem sie nun ihre Aufmerksamkeit widmete. Als ihr Freund sich nun zu ihr umwandte und das bemerkte, war automatisch sein Interesse geweckt. Er kam neugierig näher und folgte ihrem Blick, der auf einer zarten Blume ruhte. Ein schlanker, von schmalen, langen, mattgrünen Blättern gesäumter Stengel ragte aus dem Boden in die Höhe, an dessen Ende sich eine Blüte leicht im Wind neigte, die wirkte, als würde sie die Besucher ansehen. Jake erinnerte sie an eine Mischung aus Stiefmütterchen und Löwenmäulchen, die er als Kind schon geliebt hatte.
      Der junge Mann kniete sich hin, um die Blume aus der Nähe zu betrachten. Als er leicht mit den Fingern über die goldgelbe Blüte strich, entwurzelte sich die Pflanze allerdings selbst, lief wie auf kleinen Wurzelfüßen ein Stück weiter aus seiner Reichweite, und vergrub die Wurzeln wieder in der Erde, als wäre nichts gewesen. Jake saß noch förmlich erstarrt da und sah die Blume entgeistert an.
      Futura kicherte. „Das ist die Löwya. Die ist sehr scheu.“
      „Das habe ich gemerkt!“ stellte Jake verblüfft fest.
      „Die gibt es auch in anderen Farben.“ erklärte Futura. „Wenn du viel Geduld mitbringst, kannst du es schaffen, ihr Zutrauen zu gewinnen. – Leider werden wir heute nicht so viel Zeit dafür haben. Dafür brauchst du wirklich Tage, wenn nicht gar Wochen!“ fügte sie an, als sie seinen förmlich sehnsüchtig erwartungsvollen Blick bemerkte. Sie konnte ihm die Enttäuschung ansehen, auch wenn er nichts sagte, und reichte ihm die Hand. „Komm, der Planet hält noch andere zauberhafte Dinge bereit. Vielleicht kommen wir noch mal her und machen länger Urlaub hier. Dann kannst du es versuchen!“
      Jake stand auf und folgte ihr fast widerwillig, als sie weiterging.
      Bald fließend ging die Strecke für ein kleines Teilstück in eine Allee über. Der Klang der Trompetenblumen wurde hier wieder etwas lauter, oder besser gesagt, näher. Zwischen den Bäumen hindurch konnte man auf Wiesen schauen, und weiter in der Ferne schienen wieder weitere Wege zu verlaufen, die in andere Teile dieses riesigen Parkes führen mochten und seine Neugierde weckten. Im Zentrum zu beiden Seiten kamen sie nun an zwei großen, weißen, gemütlich aussehenden Pavillons vorbei, die Jake sich gerne einmal von innen angesehen hätte. Futura jedoch führte ihn weiter den Weg entlang; unerbittlich.
      Dieses Mal hörten die Bäume nach einer Weile unvermittelt auf, und gaben abrupt eine Wiesenlandschaft preis, die lediglich von Kieswegen durchzogen wurde. Auch hier wurde die Anlage vom goldenen Schein der Laternen in ein anheimelndes Licht getaucht.
      Als sie gerade die letzten Bäume passierten, flog plötzlich mit einem schrillen Schrei ein großer Vogel auf und stieg vor ihnen in die Höhe. Jake schreckte zusammen und mußte sich erst einmal erholen, während er das schöne Tier beobachtete, das seinen Weg in die Lüfte antrat. Lange bunte Schwanzfedern bildeten einen perfekten Fächer, der von außen in blau begann, und nach innen über lila und rot in grün, und schließlich in gelb mündete. Der schlanke, mal blau, mal grün schillernde Körper wurde von blauvioletten Schwingen schnell höher getragen, doch die beiden konnten den Vogel noch eine Weile beobachten, bis er ihren Blicken entschwand.
      „Das war ein Kaleidoskop-Vogel!“ warf Futura ein.
      Jake fragte sich, wie oft sie schon hier gewesen war, so gut, wie sie sich mit der hiesigen Flora und Fauna auskannte. Doch er fragte sie nicht danach – noch nicht zumindest.
      Futura umfaßte ihn sanft und führte ihn weiter mit sich.
      Der Weg führte sie weiter auf eine Kreuzung zu, dessen Querweg parallel zu einem Fluß verlief – das glitzernde blaue Band, das Jake bereits von der Landeplattform aus gesehen hatte. Das warme Licht der Lampen, das auch hier die Wege beleuchtete, spiegelte sich im Wasser und löste ein harmonisches, warmes Gefühl in seinem Inneren aus.
      Gerade hier kamen sie unmittelbar auf eine Auswölbung des Flusses zu, wo sich der Wasserlauf gabelte und eine kleine Insel begründete. Futura ignorierte den Querweg und führte Jake ihre Route weiter, die über eine kleine, schmiedeeiserne Zierbrücke führte. Auch hier waren die leisen Klänge ferner Trompetenblumen zu hören, als sie langsam und nur vom Mondschein begleitet über die hübsche Überführung gingen.
      Die Brücke führte auf direkt auf die Insel, die in der Ausbuchtung des Flusses lag. Sie war wie ein kleines Stück unberührt wirkender Natur, und nur der Weg, der einmal strikt auf die andere Seite zu einer zweiten Brücke verlief, war Zeuge dafür, daß vor ihnen bereits Leute an diesem Ort gewesen sein mußten.
      Futura aber brach nun vom Weg ab und suchte sich einen Pfad zwischen den Büschen hindurch, die ihre neue Strecke mit verschiedenfarbigen Blüten säumten. Jake blieb verunsichert stehen – es war ihm deutlich anzumerken, daß es ihm unbehaglich war, den Weg zu verlassen und die Natur zu stören. Seine Begleiterin drehte sich zu ihm um und faßte ihn bei den Händen. „Komm mit, ich möchte dir etwas zeigen!“
      Er wußte, er konnte dem Blick in ihre dunklen Augen nicht widerstehen, und so folgte er ihr in eine grüne Welt mit wunderschönen farblichen Akzenten aus Blüten, Blumen und Ranken, die er nie zuvor gesehen hatte, und von der er sich fragte, wie viele vor ihm schon hier gewesen sein mochten. Als er ihr nun folgte, fielen ihm immer mehr Dinge auf, die Futura ihm bereits gezeigt hatte: Ranken von Trompetenblumen, Kaleidoskopvögel, die in den Ästen von Bäumen saßen, ein weiteres Churula konnte er im Hintergrund der malerischen Gegend ausmachen, er sah Blüten, die er als Luminesza wiedererkannte, auch wenn sie hier nicht so schön leuchteten, und er sah sogar die eine oder andere Löwya.
      Am Ufer der kleinen Insel hielt Futura inne und setzte sich auf das schilfbewachsene Land, während er noch mit dem Blick dem Verlauf des Flusses folgte, der in der Ferne in der zauberhaften, weiten Landschaft des Planeten verschwand. Als er sich schließlich zu ihr gesellte, war sie so in Gedanken versunken, daß er nicht wagte, sie nach dem zu fragen, was sie hierher geführt hatte. Statt dessen betrachtete er sie forschend und wartete.
      Futura schaute in den Himmel hinauf, wo es langsam dunkler wurde, dann nahm sie seine Hände und sah ihm in die Augen. „Ich möchte dir etwas ganz besonderes zeigen!“
      „Aber zu zeigst mir doch schon die ganze Zeit so viele zauberhafte Sachen.“ erwiderte er mit einem beseelten Lächeln.
      Futura lächelte leicht und ein wenig tiefgründig. „Aber deswegen bin ich nicht mir dir hier! Nicht heute, jedenfalls.“ Sie genoß seinen sprachlosen Blick eine kurze Weile lang, dann stand sie auf und reichte ihm die Hand. Sie führte ihn ein Stück weiter von ihrem Platz fort, am Rande der Insel entlang.
      Erst jetzt bemerkte Jake den Steg, der ein Stück von ihnen entfernt im Schilf ins Wasser führte. Verblüfft registrierte er, daß sie doch nicht die ersten Menschen an diesem Ort gewesen sein konnten. An der Anlegestelle, völlig unscheinbar, lagen ein paar Boote. Sie nahm ihn bis an das Ende des Steges mit und auf ein kleines, in rot gestrichenes Boot mit dem Namen »Marie IV«. Er schloß vorsichtig zu ihr auf und versuchte, das Gleichgewicht zu wahren, als das Boot leicht ins Schaukeln geriet.
      Futura drehte sich zu ihm um, löste die Vertäuung und setzte sich auf eine der Bänke, die gerade mal einer Person Platz boten. Sie wartete, bis er sich ihr gegenüber gesetzt hatte, dann nahm sie sich die Ruder und führte sie mit einem kräftigen Schlag durch das Wasser.
      Das Boot glitt sanft durch das ruhige Wasser, das im Mondschein glitzerte. Jake sah sich aufgeregt um und spürte sein Herz schlagen. Eine eigentümliche Stille umfaßte sie. Aus der Ferne von den Ufern klangen die leisen Klänge von Trompetenblumen zu ihnen herüber und hüllten alles in eine unwirkliche Atmosphäre, fast wie ein Traum.
      Nach einigen Schlägen gelangten sie auf einen See, der so groß war, daß das Ufer um sie herum in weite Ferne rückte, und doch klein genug, als daß sie zu allen Seiten die entfernte Natur bewundern konnten. Der junge Mann konnte kaum die ganzen wundervollen Eindrücke bewältigen, die der zauberhafte Planet für das Pärchen bereithielt. In der Mitte vom See hielt Futura das Boot an und legte die Ruder beiseite.
      Jake sah sich fasziniert um. „Und was machen wir jetzt?“
      „Warten!“ war die präzise Antwort. Futura lehnte sich, soweit das Boot es zuließ, zurück, wie um den schönen Abend zu genießen. Es war warm, und eine ruhige Atmosphäre lag über dem still daliegenden See.
      Jake ließ den Blick über das Wasser schweifen, wie um nach neuen faszinierenden Dingen Ausschau zu halten. Er versuchte, sich seine Irritation nicht anmerken zu lassen. War es das hier, was Futura ihm zeigen wollte?
      Das hübsche Mädchen sah in den silbernen Mond hinauf, und plötzlich wurde sie aufmerksam und richtete sich wieder etwas auf. Sie ließ den Blick über das Wasser schweifen, als wäre sie auf der Suche nach etwas.
      Ihr Freund hielt irritiert inne und tat es ihr gleich, obwohl er nicht wußte, wonach sie Ausschau hielten. Und dann, einen Augenblick später, sah er es: Aus dem Wasser tauchten die ersten Blüten auf.
      Im Mondschein glitzerten die Blumen mit den schmalen, spitz zulaufenden Blütenblättern silbern, und das Funkeln spiegelte sich im Wasser. Staunend betrachtete Jake das Schauspiel, als immer mehr Blüten an die Oberfläche traten und sich strahlend öffneten. Jetzt wußte er, warum Futura solch ein Geheimnis aus ihrem Ziel gemacht hatte, denn der Augenblick war einfach atemberaubend schön. Dann, plötzlich, als sich eine Blüte unmittelbar in der Nähe einer anderen öffnete, gab es eine Reaktion. Jake zuckte leicht zusammen, als das Licht von einer Blüte zu anderen übersprang, und einen schimmernden Lichtbogen bildete. Je mehr Blüten auftauchten, desto öfter passierte es. Immer mehr Blumen korrespondierten miteinander und spannten Bögen aus Licht in die verschiedensten Richtungen über den ganzen See – mal kleine Bögen bei nah beieinanderliegenden Blüten, mal größere, wenn sie weiter entfernt waren. Ein ganzes Flechtwerk von Bögen entstand und veränderte sich stetig, spiegelte sich im Wasser, und ließ den Besucher glauben, in einem Kaleidoskop aus silbernen Ringen und Blüten gelandet zu sein.
      Futura beobachtete Jake mit einem versonnenen Lächeln, der das Schauspiel fasziniert wie ein kleines Kind betrachtete, bis er überwältigt fragte: „Was passiert hier, Futura?“
      „Das ist die Mondscheinblume.“ erklärte sie. „Sie heißt so, weil sie sich nur im Mondschein für eine kurze Zeit öffnet. Und bei Vollmond, so wie heute, hat ihr Licht so viel Kraft, daß sie es gegenseitig widerspiegeln und mit dem Mond reflektieren. So kommt der Effekt mit den Bögen zustande.“
      Jake hielt den Atem an, so berauscht war er von der Szenerie. Futura schmunzelte. Sie beobachtete mehr ihren Freund als den Effekt der Blüten, den sie bereits kannte – war das doch im Augenblick viel zauberhafter für sie.
      Je kräftiger das Licht des Vollmonds wurde, um so strahlender wurden die Bögen, und immer mehr von ihnen schlossen sich zu immer größeren Bögen zusammen, überspannten sogar das Boot, bis sie das Gefühl hatten, in einer leuchtenden Kugel zu sitzen, fast so, wie die Schneekugeln, die Jake als Souvenir kannte.
      Das unbeschreibliche Naturschauspiel ging eine gute Stunde, bis der Höhepunkt überwunden war und der Effekt nach und nach wieder nachließ. Eine Weile später war es vorbei. Die Blüten schlossen sich wieder und versanken in der Tiefe, bis das Wasser wieder ruhig und unspektakulär um ihr Boot herumwogte. Und dennoch hielt der Augenblick Jake noch immer gefangen, als das wundersame Schauspiel längst vorbei war.
      Futura ließ Jake einen Augenblick Zeit um sich zu sammeln, bis er den Blick von der nun dunklen Oberfläche des Sees lösen konnte, und nahm dann seine Hände. „Das war es, was ich dir zeigen wollte. Es ist gar nicht so einfach, den richtigen Zeitpunkt abzupassen, um das ganze gewaltige Naturschauspiel hautnah zu erleben. Verstehst du jetzt, warum wir uns so beeilen mußten?“
      Er nickte mit einem verträumten Lächeln. Das hier entschädigte ihn für alles, was er auf dem Weg verpaßt zu haben glaubte. „Du warst schon öfter hier, nicht wahr?“
      „Das erste Mal nahm mein Vater mich als kleines Mädchen mit hierher, auf der »Marie I«. Seit damals versuche ich, mindestens einmal im Jahr herzukommen. Und wann immer es geht, nehme ich die Marie, um hinauszufahren. – Diesen Moment habe ich noch nie mit jemandem geteilt – außer meinem Vater damals natürlich.“
      Ein unwillkürlicher Schauer ging durch seinen Körper. Er wußte, was das bedeutete, und fast war das Gefühl noch zauberhafter, als der Moment in dem Mondscheinblumenkaleidoskop. Nein, nicht nur fast, es war genauso schön, bezaubernd und ergreifend, nur auf eine andere Weise.
      „Ich hoffe, es hat dir gefallen!“ meinte sie, obwohl ihr Lächeln bereits anzeigte, daß sie wußte, daß es so war.
      Er lächelte zurück und erwiderte beseelt: „Es gibt nur eine, die der Schönheit dieses Augenblicks Konkurrenz macht!“
      Sein Blick in ihre Augen sagte genug, und so schwieg Futura verlegen.
      Auch er schwieg gedankenvoll, während in seiner Erinnerung Mondscheinblüten silberne Bögen um sein Bewußtsein herum spannten. Nie hätte Jake gedacht, daß er einmal so fasziniert von der Pflanzenwelt sein würde. Und von einer Blume im Besonderen.
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