Geschichte: Fanfiction / TV-Serien / Glee / Begegnung

Begegnung

von Ylvi
KurzgeschichteRomanze, Angst / P18 Slash
Blaine Anderson Kurt Hummel
18.10.2014
02.01.2015
4
35927
2
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Part I: Blaine



Die Musik ist ein immer gleichbleibendes Wummern, das Blaine normalerweise verabscheut. Die Party um ihn her ist in vollem Gange und die meisten scheinen seine Abneigung nicht zu teilen, denn die Tanzfläche ist voller schöner Menschen, die sich zum Rhythmus bewegen.

Blaine schaut von der Bar aus zu ihnen hinüber, ein Bier in der Hand.

Er hat seinem Freund Nick versprochen für einen Drink zu bleiben und dieses Versprechen wird er halten. Aber jede weitere Minute wäre zu viel verlangt – vor allem seitdem Nick ihn hier hat sitzen lassen und mit seinem Date irgendwohin verschwunden ist. Wahrscheinlich in einen der Nebenräume.

Es ist nichts ungewöhnliches bei diesen Partys, das Ins-Nebenzimmer-Verschwinden. Alle tun es ständig. Für Sex. Oder um Drogen zu nehmen. In der Regel ist es beides.

Blaine kippt den Rest seines Biers hinunter und steht auf. Noch ist Nick nicht wieder hier, aber was solls. Er geht ihn jetzt sicher nicht suchen; will sich gar nicht vorstellen, was er da vorfinden wird. Blaine ist nicht prüde, nicht wirklich. Aber er hat keine Lust seinen besten Freund beim Sex zu überraschen und er könnte sich selbst auch nicht vorstellen Sex an einem Ort zu haben, an dem andere ihn beobachten könnten. Schon gar nicht zwischen diesen ganzen Junkies der Modeindustrie.

Er versucht sich auf dem Weg zum Ausgang am Rand der Tanzfläche entlang zu quetschen und entgeht einmal nur knapp einem verschütteten Drink. Nur noch ein paar Meter – da stolpert jemand direkt in seine Arme.

Groß, schlank, perfekt sitzende Kleidung und ein Gesicht wie aus einem Modemagazin. Das Model schwankt kurz, stützt sich auf ihm ab und lacht.

„Sorry“, sagt er und mit den Lachfalten um die Augen sieht er besser aus als mit dem verführerischen Blick, den er der Kamera zeigt. Kurt Hummel. Blaine hat ihn schon fotografiert. Normalerweise hat er nicht viel für die Perfektion der Models übrig, aber er muss zugeben, dass er für Hummel wohl eine Ausnahme machen würde. Er ist ziemlich bekannt für ein Model. Sein Gesicht ziert mehrere wichtige Kampagnen und er hat sogar eine kleine Rolle in einem bekannten Hollywoodstreifen bekommen. Blaine weiß nicht wie viele Magazine ihn schon unter die Top 5 der schönsten Männer der Welt gewählt haben.

„Anderson!“, ruft er und es klingt, als würde er sich freuen, Blaine zu sehen. „Der süße Fotograf.“ Kurt zwinkert ihm zu und Blaine grinst etwas verlegen. „Komm, tanz mit mir!“

„Eigentlich wollte ich grade...“ Blaine lässt den Satz unbeendet und nickt Richtung Ausgang.

Kurt zieht die Augenbrauen hoch.

„Gehen?“, fragt er. „Kommt nicht in Frage. Ich hab eine Wette mit Santana mit dem heißesten Fotografen zu tanzen.“ Kurt zieht ihn an der Hand. Er lächelt immer noch. Seine Pupillen sind riesig und schwarz. Er ist high, Blaine ist sich ganz sicher. Er arbeitet lang genug in der Branche um zu wissen, wie das aussieht.

Bevor er protestieren kann hat Kurt ihn mitten auf die Tanzfläche gezogen, eine Hand in der Luft, jauchzend, den Arm um Blaines Taille geschlungen.

Sie finden ihren Rhythmus schnell und ohne Anstrengung. Bewegen sich als hätten sie es schon oft getan.

„Siehst du, wir sind ein gutes Team“, sagt Kurt dicht an seinem Ohr und beginnt an Blaines Ohrläppchen zu knabbern, während er seine Arme um Blaines Hals schlingt und ihn noch näher zu sich heran zieht.

Wow.

Für einen Moment vergisst Blaine zu atmen.

Er arbeitet zwar fast jeden Tag mit Models, Männern und Frauen, aber so nah kommt er ihnen dabei nicht und er kann nicht leugnen, dass sich Kurts Körper an seinem ziemlich gut anfühlt. Es erinnert ihn daran, dass er schon viel zu lange keinen Sex gehabt hat.

Es ist nicht, als hätte er Probleme willige Partner zu finden. Ganz im Gegenteil. Wenn er wollte könnte er jeden Tag mit einem anderen schlafen; er kennt genug Leute. Aber Blaine ist ein Beziehungsmensch und bei bedeutungslosem Sex fühlt er sich unwohl. Er hat nach dem ersten Versuch eines One Night Stands aufgegeben.

Allerdings hat er seit sechs Monaten keinen Freund mehr gehabt. Und sechs Monate ohne feste Beziehung heißt sechs Monate ohne Sex. Und das kann eine ganz schön lange Zeit sein.

Er kann nicht verhindern, dass sein Körper entsprechende Reaktionen zeigt. Und es hilft auch nicht gerade, als Kurt anfängt Küsse zwischen seinem Ohr und seinem Mund zu verteilen. Er denkt nicht darüber nach, als seine Hand nach unten rutscht, bis sie gegen Kurts Hintern presst. Und bildet er sich das ein oder stöhnt Kurt bei dieser Berührung?

„Was meinst du?“ Diesmal ist Kurts Stimme lauter an seinem Ohr. „Sollen wir kurz nach nebenan verschwinden? Ich könnte dir einen blasen.“

Bei diesen Worten hätte Blaine beinahe selbst gestöhnt. Allein die Vorstellung dieser Mann würde vor ihm in die Knie gehen und -

„Nein, nein, nicht... da“, bringt er gerade so hervor.

„Kein Voyeurismus für dich, Baby?“, fragt Kurt und lächelt wieder, bevor er ihm einen Kuss gibt, wobei er seinen Mund verfehlt. „Ups.“ Er kichert.

Blaine schüttelt den Kopf.

„Fahren wir zu dir“, schlägt Kurt vor. „Komm schon... du kannst alles mit mir anstellen, was du willst. Hättest mich schon beim Fotoshooting haben können...“

Und dieses Mal küsst er ihn wirklich, lang und leidenschaftlich, die Hände in Blaines Haaren vergraben.

„Okay“, sagt Blaine, als sie sich voneinander lösen. Er kann keine Sekunde länger widerstehen.

Kurt zögert nicht, nimmt erneut seine Hand und schlängelt sich durch die Tanzenden. Nicht wenige Blicke folgen ihnen und es ist Blaine unangenehm, aber Kurt lacht nur und verabschiedet sich von ein paar Leuten im Vorbeigehen.

Sie kennen ihn alle. Er ist schon lang im Geschäft, mindestens vier oder fünf Jahre, denkt Blaine. Und er ist noch jung. Erst 22.

Viele reden über ihn.

Mit den Frauen kommt er meistens besser zurecht. Keine direkte Konkurrenz. Aber Blaine hat schon üble Worte über Kurt gehört, meistens von Männern, die neidisch sind auf seinen Erfolg oder ihren eigenen bedroht sehen.

Hochnäsig. Zickig. Schlampe. Bei einem Shooting haben sich einmal zwei der Models darüber unterhalten, wie Kurt mit seinem Agenten schläft, um für bessere Jobs vorgeschlagen zu werden.

Kurt hat er noch nie in dieser Art lästern hören. Er zieht höchstens über die Kleider her, in die sie ihn gesteckt haben. Aber es ist nicht so, als wäre Blaine ein Experte, was Kurt Hummel angeht. Ganz im Gegenteil. Er weiß fast nichts über ihn.


Auf der Straße winkt Kurt nach einem Taxi, seine Hand immer noch in Blaines. Als er einsteigt stolpert er ein bisschen und das erinnert Blaine daran, wie er vermutet hat, dass Kurt auf Drogen ist. Wenn das stimmt kann er nicht mit ihm schlafen, denn woher soll er wissen, ob Kurt es auch wirklich will?

„Sag ihm deine Adresse“, sagt Kurt und Blaine gehorcht ohne groß darüber nachzudenken.

Erst als sie schon sitzen, fängt er an: „Kurt -“, doch der beugt sich zu ihm hinüber und küsst ihn wieder. Er ist nicht angeschnallt, fällt Blaine auf, und so kniet er auf dem Sitz, beinahe in Blaines Schoß.

„Hey!“, sagt er Taxifahrer laut von vorne. „Hinsetzen.“

Kurt löst sich genau so lange von Blaine, wie er braucht, um seinen Geldbeutel herauszuholen und einen Schein auf den Beifahrersitz zu werfen. Blaine kann nicht erkennen, wie viel Geld es ist, aber es scheint zu reichen, denn der Taxifahrer schweigt, bis sie halten und selbst dann sagt er nichts, als Kurt einige Zeit braucht, um seine Hände von Blaine zu nehmen, der inzwischen unangenehm steif in seiner Hose ist.

Blaine will bezahlen, aber Kurt winkt ab.

„Glaub mir, wir haben ihn gut bezahlt.“ Er zwinkert ihm zu und verschränkt ihre Finger, sobald sie auf der Straße stehen. „Wohin jetzt?“

Blaine nickt zu seinem Haus hin.

„Uhhh“, macht Kurt. „Hübsch. Hast du eine Hollywoodschaukel? Ein Haus wie dieses sollte eine Hollywoodschaukel haben.“

„Nein, noch nicht“, gibt Blaine zu. „Ich wohne noch nicht so lange hier.“

„Ich sollte dir eine Hollywoodschaukel kaufen“, sagt Kurt verträumt während sie auf das Haus zugehen.

„Du brauchst nicht -“, sagt Blaine, aber er hat das Gefühl, dass Kurt ihm gar nicht zuhört, also schließt er schweigend die Tür auf.

Es fühlt sich komisch an, Kurt in seinem Haus. Kurt mit seiner unwirklichen Schönheit. Und mit seinen großen Pupillen und seinen Designerkleidern.

Blaines Haus ist einfach eingerichtet. Es stimmt, er wohnt noch nicht so lange hier und er ist oft unterwegs, also hat er nur die nötigsten Möbel und einige seiner gerahmten Fotos, die er noch nicht alle aufgehängt hat und die jetzt an allen möglichen Wänden gelehnt stehen.

Kurt schaut sich nicht lange um, bevor er Blaine gegen die Tür drückt und ihn erneut küsst. Seine Hand öffnet geschickt Blaines Gürtel und Hose und Blaines Kopf sinkt nach hinten gegen die Tür, sein Mund leicht geöffnet, als Kurt tatsächlich vor ihm auf die Knie sinkt und er seinen warmen Atem über den Boxershorts spüren kann.

„Oh Gott“, murmelt er. Dann werden auch die Boxershorts nach unten gezogen und Kurts Mund sinkt ohne zu zögern über sein erigiertes Glied.

Kurt...“, stöhnt er und da war doch noch irgendetwas, über das er hatte reden wollen. Etwas wichtiges. Aber es ist verdammt schwer sich daran zu erinnern, während Kurt – oh Gott.

„Kurt, Kurt, warte mal“, sagt er. Sein Atem geht schneller. Kurt weicht ein Stück zurück und schaut unter langen Wimpern hervor zu ihm hoch. Seine Lippen glänzen feucht und rot und Blaine denkt, er könnte allein von diesem Anblick kommen.

„Was ist?“, fragt Kurt und zum ersten Mal klingt er unsicher. „Willst du nicht...?“

„Doch, doch. Glaub mir, ich will. Aber ich...“ Blaine unterbricht sich. Weiß nicht so richtig, wie er das fragen soll. „Bist du high?“, sprudelt es dann einfach aus ihm heraus.

Was?“, fragt Kurt und erhebt sich, schlingt einen Arm um seinen Oberkörper. Er hat ein bisschen Abstand zwischen sie gebracht, doch Blaine muss noch immer zu ihm hochschauen. Models und ihre verdammte Größe.

„Willst du Stoff oder was?“

„Was? Nein! Ich dachte nur, es sei keine gute Idee, dass wir miteinander schlafen, während du nicht du selbst bist.“

Kurt prustet los. „Ist das dein Ernst?“

Blaine nickt nur.

„Wow...“, macht Kurt und beruhigt sich langsam. „Wow. Wirklich. Ich dachte du willst mich ficken. Wusste nicht, dass du so ein Moralapostel bist. Scheiße.“

Er sieht wütend aus, aber auch verletzt und Blaine wüsste gern, was er falsch gemacht hat. Schließlich hat er versucht das Richtige zu tun. Er möchte niemanden ausnutzen, egal wie sexy diese Person ist.

„Fuck“, sagt Kurt, bedenkt ihn mit einem letzten abschätzigen Blick, dann stürmt er an Blaine vorbei zur Tür hinaus und schlägt sie hinter sich zu. Blaine zuckt zusammen, zieht hastig seine Hose hoch. Die Regel gegen One Night Stands hat er eben doch nicht umsonst.

Vom Wohnzimmerfenster aus beobachtet er, wie Kurt draußen telefoniert und dann versucht sich mit zitternden Händen eine Zigarette anzuzünden, an der er hastig zieht.

Ein paar Minuten später kommt ein Taxi. Kurt wirft die Kippe auf den Boden und steigt ein.

Missmutig macht sich Blaine auf ins Bett. Beim Zähneputzen schreibt er noch mit Nick, der sich wundert, wohin er auf einmal verschwunden ist, dabei hat er die Party vor inzwischen einer knappen Stunde verlassen. Aber Blaine ist ein guter Freund und fragt nach Nicks Date, obwohl sein Kumpel ihn einfach hat sitzen lassen. Er bekommt einen Zwinkersmiley zur Antwort. Na, Details will er nun wirklich nicht wissen. Nicht nachdem sich sein eigener Abend als solch eine Katastrophe herausgestellt hat.

Und wieder hat er nur seine Hand zur Gesellschaft.


Er wacht genauso schlecht gelaunt auf wie er eingeschlafen ist und seine Laune verschlechtert sich nur weiter.

Beim Frühstück bekommt er einen Anruf, bei dem er gebeten wird für einen anderen Fotografen einzuspringen. Und wie es das Glück so will ist es ein Modeshooting für Herrenmode. Und eines der Models ist Kurt.


„Falls es Gott gibt: Ich will mein Geld zurück“, murmelt Blaine zu sich selbst während er seine Ausrüstung aufbaut. Von seiner Position im Raum hat er den perfekten Überblick und er kann nicht anders als den Blick schweifen zu lassen.

Kurt läuft über das Set als würde der ganze Wirbel nur wegen ihm veranstaltet werden und nicht wegen der Kleider und es verursacht ein Kribbeln in Blaines Magen. Ihm fällt auf, dass Kurt sich von seinen Kollegen so gut es geht fern hält. Stattdessen kommt irgendwann George Howardson herein, Kurts Agent, und die beiden verschwinden nach einem kurzen Gespräch aus dem Raum. Blaine hofft nur, dass sie schnell wieder kommen. Er hat keine Lust auf eine Verzögerung, weil er eines der Models erst hat suchen müssen.

Doch Kurt ist ein vollkommener Profi. Gerade als es Zeit ist für Probefotos taucht er auf.

Er redet nicht viel, gerade das Nötigste, während Blaine ihm Anweisungen gibt. Es ist, als wäre ihr Zusammentreffen bei der Party und das danach nie passiert. Für einen kurzen Moment fragt sich Blaine, ob Kurt sich überhaupt noch daran erinnern kann, aber da wirft Kurt ihm einen eisigen Blick zu und er weiß, dass der andere nichts vergessen hat.

Blaine hasst es mit Leuten zu arbeiten, die ihn nicht leiden können. Er hasst es, wenn Leute ihn nicht leiden können. Normalerweise kommt er mit allen gut zurecht. Er bemüht sich immer freundlich zu sein und einen guten Eindruck zu machen und meistens gelingt ihm das auch. Aber bei Kurt... da weiß er nicht, was er falsch gemacht hat und es wurmt ihn.

Ein paar Stunden später erklärt er eine Pause für angebracht und Kurt geht sofort auf langen Beinen davon, um etwas Wasser zu trinken und sein Make-up auffrischen zu lassen. Blaine folgt ihm etwas zögerlich.

„Hi“, sagt er, ganz so, als hätten sie die letzten Stunden nicht miteinander verbracht.

Kurt hebt die Augenbrauen, sagt aber nichts.

„Ich wollte nur sagen, es tut mir Leid, was gestern Nacht passiert ist. Ich weiß nicht genau, was ich gemacht habe, aber ich hab dich verletzt und das wollte ich nicht.“

„Ist das dein ernst?“, fragt Kurt und es ist ein kleines Deja-vu. Genau das hat er letzte Nacht auch gefragt. Und Blaines Antwort hat ihm da schon nicht gefallen. Vorsichtshalber zuckt er mit den Schultern. Kein ja und kein nein.

„Hör mal“, sagt Kurt. „Ich bin nicht der Typ, der denkt, dass die Welt ihm zu Füßen liegen muss. Zugegeben, ich kenne kaum einen schwulen Mann, der außerdem Single ist, der zu mir nein sagen würde, aber das ist deine Sache und meine Welt geht deswegen nicht unter. Wars das?“

„Nein, das... Es ist nicht so, dass ich nicht wollte“, protestiert Blaine. „Ich wollte nur sichergehen, dass du dir auch sicher bist.“

„Kannst du uns kurz alleine lassen, bitte?“, fragt Kurt in freundlichem Ton die junge Frau, die immer noch sein Gesicht pudert.

Sie seufzt und legt ihre Sache weg. „Ich muss sowieso pinkeln“, sagt sie und zieht von dannen. Kurt schaut ihr lächelnd hinterher. Erst als sie sicher außer Hörweite ist sagt er: „Ich weiß nicht, was es an „du kannst mit mir machen was du willst“ misszuverstehen gibt. Ich dachte, das wäre klar. Und dann servierst du mich einfach ab? Ich kam mir vor wie bestellt und nicht abgeholt.“

„Weil ich nicht mit dir schlafen wollte während du unter Drogeneinfluss bist?“

„Das ist doch wohl mein Problem oder nicht?“, faucht Kurt. „Deine Moralansprüche kannst du behalten; ich komm ganz gut ohne zurecht.“

„Ich versteh dein Problem nicht. Bist du angepisst, weil du keinen Sex hattest oder weil du denkst, es gibt jemanden, der dir widerstehen kann oder was?“ Blaine wird langsam wütend. Er versteht das Problem immer noch nicht.

„Ich bin angepisst, weil du dich für etwas Besseres hältst.“

„Ich halte mich nicht für etwas Besseres“, widerspricht Blaine automatisch. Wie kommt Kurt nur darauf?

„Ach, ich weiß schon, was du für einer bist.“

„Was soll das heißen?“

„Das soll heißen, dass jeder weiß, dass du zwar Eyecandy, aber nicht zu haben bist, solang man keine ernsthafte Beziehung mit dir anfängt. Bist dir wohl zu gut für den schnellen Fick. Also dachtest du, du könntest die Schlampe kurz heiß machen und es dir dann anders überlegen. War wohl nicht romantisch genug für dich.“

„Du spinnst doch total!“ Blaine ballt die Hand zur Faust und wippt auf den Fussballen auf und ab. Was Kurt ihm da vorwirft ist absoluter Blödsinn und es tut weh zu wissen, dass er so etwas über ihn denkt.

„Du hast dich mir doch nur an den Hals geworfen, weil du total auf Drogen warst“, schnauzt Blaine zurück.

„Oh ja, ich kleiner Junkie! So etwas würde dem großen, guten Blaine Anderson nicht einmal im Traum einfallen. Dafür ist er viel zu gut erzogen!“

„Ja, tatsächlich hat mir jemand beigebracht, dass Drogen gefährlich sind. Weil sie süchtig machen. Und bewusstseinsändernd wirken. Weshalb ich es für keine gute Idee hielt, mit dir Sex zu haben.“

„Klingt als hättest du das aus einem Schulbuch auswendig gelernt. Herzlichen Glückwunsch zu deiner lückenlosen Bildung. Warst bestimmt ein Musterschüler.“

„Und du warst bestimmt einer von den Punks, die statt in den Unterricht zu gehen heimlich geraucht haben.“

„Oh ja, rauchen ist auch böse, wie könnte ich das vergessen? Da werde ich wohl jetzt an Lungenkrebs sterben. Ups. Pech gehabt.“

„Ja, vielleicht wirst du das.“

„Wenigstens kannst du dann sagen: Ich habs ja gewusst. Freut dich sowas?“

„Nein.“ Blaine schüttelt den Kopf, atmet tief durch, bevor er sich noch zu etwas hinreißen lässt, das er später bereut. Nicht, dass er nicht schon genug gesagt hat, das er später bereuen könnte. „Hör mal, ich wollte nicht streiten. Ich bin nur rüber gekommen, um mich dafür zu entschuldigen, dich verletzt zu haben. Wir sollten sowieso weiter machen.“

„Ich bin so weit“, sagt Kurt kühl und erhebt sich. Blaine bleibt nichts anderes übrig, als ihm zum Set zu folgen und im Gehen Kurts lange muskulöse Beine zu bewundern.


Der Rest des Shootings ist eine mittlere Katastrophe.

Blaine ist unkonzentriert. Er ertappt sich häufig dabei wie er Kurt einfach beobachtet, anstatt über das Setting nachzudenken und ihr Gespräch geht ihm einfach nicht aus dem Kopf. Er weiß, er sollte es vergessen; es ist ganz offensichtlich, dass sie die Situation vollkommen unterschiedlich sehen und Blaine hat keine Ahnung was er tun soll, um seinen Standpunkt verständlich zu machen.

Es hilft nicht, als Kurts Agent Howardson zurück kommt und zuschaut, denn seine Anwesenheit scheint Kurt ähnlich nervös zu machen wie es Blaine bereits ist. Die anderen Models werden unruhig und Blaines Assistent wirkt schlicht genervt.

Diesmal ist es Kurt, der um eine Pause bittet, die Blaine nur zu gerne gewährt. Er lässt seine Ausrüstung liegen, um im Bad zu verschwinden. Kaltes Wasser ins Gesicht hat bei ihm schon öfter Wunder bewirkt.

Heute scheint er damit allerdings kein Glück zu haben. Er ist immer noch hibbelig. Vielleicht sollte er sich für ein paar Minuten zurück ziehen, denkt er und verschwindet im ersten leeren Zimmer zwischen Bad und Set.

Nur dass das Zimmer nicht leer ist.

Stattdessen ist Kurt dort, an die Wand gepresst von einem andern Mann, in einen leidenschaftlichen Kuss vertieft.

Es braucht nur einen kleinen Moment, bis Blaine erkennt, dass es George Howardson ist, Kurts Agent. Kurts 25 Jahre älterer und angeblich heterosexueller Agent.

Blaine ist sofort klar, dass das keine einmalige Sache sein kann. Die beiden arbeiten Kurts gesamte Karriere miteinander. Dieses Verhältnis hat sich sicher in den letzten Jahren schon entwickelt.

Nur... wenn die beiden eine Beziehung haben, warum wollte Kurt dann mit Blaine schlafen?

Es sind nur ein paar Sekunden, in denen Blaine dort wie angewurzelt steht, aber er bekommt mit, wie Howardson den Kuss beendet und etwas in Kurts Ohr flüstert und da öffnet Kurt die Augen und sieht Blaine.

Sie sind beide wie erstarrt. Blaine sieht wie Kurts Hand weiterhin über den Nacken des älteren Mannes streicht, die geweiteten Augen auf Blaine gerichtet. Er sieht so ertappt aus. Dabei geht es niemanden etwas an, was sie hier tun.

Und dieser Gedanke ist es, der ihn dazu bringt, sich umzudrehen und leise aus dem Raum zu gehen.


Blaine ist nicht zufrieden – aber der Tag geht trotzdem irgendwann zu Ende. Wie immer sind die Models so schnell wie möglich verschwunden, während er noch seine Ausrüstung zusammenpackt.

Jedenfalls denkt er das.

Denn als er das nächste Mal aufblickt steht Kurt auf einmal vor ihm.

„Lust auf einen Kaffee?“, fragt Kurt ohne Vorrede. „Ich zahle.“

„Sicher“, sagt Blaine, obwohl er am liebsten einfach nach Hause gehen und diesen schrecklichen Tag vergessen würde. Aber er ist auch neugierig. Und er war schon immer schlecht darin, anderen etwas abzuschlagen. Außerdem sieht Kurt nicht so aus, als wollte er sich streiten. Vielleicht gibt es ja doch noch eine Möglichkeit ihr schlechtes Verhältnis wieder gerade zu biegen.

„Cool.“ Kurts Gesicht hellt sich augenblicklich auf und er wartet geduldig, bis Blaine seine Sachen zusammengepackt hat.

Sie gehen schweigend nebeneinander her zu Blaines Auto, wo er seine Ausrüstung ablädt.

Da sich keiner der beiden in der Gegend auskennt, beschließen sie in das erste Café zu gehen, an dem sie vorbei kommen. Überraschenderweise ist es kein Starbucks, sondern eine modern eingerichtete Kaffeebar.

„Holmes' Coffee” steht in großen Lettern über der Eingangstür, die Blaine für Kurt aufhält.

Kurt bestellt einen Skinny Mocha, während sich Blaine für einen Cappuccino mit Milch und viel Zucker entscheidet, in der Hoffnung, das heiße Getränk weckt ihn ordentlich auf.

Dann verziehen sie sich in ein Eck an einen der winzigen runden Tische. Kurt streckt seine langen Beine unter dem Tisch aus und spielt mit seinem Löffel ohne zu trinken.

„Ich hab vorhin überreagiert“, sagt Kurt. „Und ein paar Sachen gesagt, die ich nicht hätte sagen sollen. Tut mir Leid.“

Okay... Das hat er jetzt nicht erwartet. Blaine ist erleichtert.

„Ich hab mich auch nicht gerade benommen wie ein Gentleman. Mir tut es auch Leid“, sagt er.

Kurt reibt sich mit den Fingern über die Stirn. Er sieht bei weitem nicht so erleichtert aus wie Blaine sich fühlt und er weiß sofort, dass da noch etwas kommt.

„Blaine...“, fängt Kurt an, holt tief Luft. „Ich denke, du bist ein guter Mensch. Nicht so wie der Rest... Nicht so wie...“ Er bricht ab. Es fällt ihm sichtlich schwer und so schweigt Blaine, gibt ihm Zeit.

„Ich weiß, was du vermutlich von mir hältst“, fährt er schließlich fort und Blaine fragt sich sofort, was er damit meint. „Aber ich würde es wirklich zu schätzen wissen, wenn du nicht herum erzählst, was du heute gesehen hast...“

Aha. Da war es ja.

„Du meinst das mit dir und Howardson?“, hakt Blaine nach, nur um sicher zu gehen, dass er alles richtig verstanden hat.

Kurt nickt kaum merklich. „Ich will nicht, dass alle darüber reden. Es ist nicht so, als würde es irgendwen etwas angehen, dass George und ich...“

„Habt ihr eine Beziehung?“, fragt Blaine. Er kommt von dem Gedanken nicht los, dass Kurt seinen Freund mit ihm betrogen hätte. So jemand will Blaine nicht sein; der Mensch, der der Grund für Betrug ist.

Kurt zuckt mit den Achseln. „Es ist kompliziert.“

„Also weiß er, dass du auch mit anderen schläfst?“

Diese Frage erntet ihm ein Stirnrunzeln und da ist wieder dieser wütende, abwehrende Blick in Kurts Gesicht.

„Wir sind nicht exklusiv, falls du das meinst. Wir haben eigentlich nie darüber geredet... Aber er kann ganz schön eifersüchtig werden, also versuche ich es ihm nicht gerade ins Gesicht zu reiben. Es ist nicht so, als würde er sich nur mit mir begnügen, also...“ Er unterbricht sich und läuft ein bisschen rot an. Er sieht aus wie jemand, der denkt, er hätte zu viel gesagt.

„Ich verurteile dich nicht“, sagt Blaine schnell. „Falls du davor Angst hast. Ich weiß, ich bin eher die Ausnahme. Glaub mir, ich kenne genug Leute aus der Community und die meisten davon sind nicht die romantischen Typen.“

„Ja...“, sagt Kurt, weicht seinem Blick aus. Er sieht alles andere als glücklich aus.

Vielleicht sollte er aufstehen und gehen. Kurt fühlt sich sichtlich unwohl. Doch irgendetwas sagt Blaine, dass dieses Unwohlsein nichts mit seiner Anwesenheit zu tun hat. Da ist mehr. Und er bringt es nicht über sich jemanden allein zu lassen, der offensichtlich Hilfe braucht. Wenn er nur wüsste, wo das Problem liegt.

„Seid ihr schon lang zusammen, du und Howardson?“

Wieder zuckt Kurt die Schultern. „Eine Weile. Jahre, ehrlich gesagt. Er hat eine Menge für mich getan.“

„Er hat dich entdeckt?“

„Ja, so könnte man es nennen. Er hat mich gefunden. Hat mich quasi aus der Gosse gezogen.“ Er lässt ein humorloses Lachen ertönen.

„Du hast früh angefangen, oder? Mit dem Modeln?“

„Mit 16. Mein erster richtiger Job. Von der Aushilfsarbeit in der Autowerkstatt meines Vaters einmal abgesehen.“ Diesmal lächelt er ein richtiges Lächeln. Es steht ihm. Blaine würde es gern öfter sehen. Schade, dass Lächeln meistens nicht sexy ist, zumindest laut seiner Auftraggeber. Kurt sieht so jungenhaft damit aus.

„Ich hatte Auftritte in Erlebnisparks“, sagt Blaine. „In wirklich furchtbaren Kostümen.“

Kurt lacht auf, hält sich eine Hand vor den Mund während er kichert. „Das hätte ich gern gesehen“, sagt er.

„Du hättest mich sowieso nicht erkannt als Bruno, der Bär.“

Kurt kichert noch immer und Blaine grinst.

„Kaum zu glauben, dass du inzwischen lieber als Fotograf arbeitest. Du hast bestimmt einen guten Bruno abgegeben.“

„Einen sehr guten. Den besten, den es je gab. Aber nicht alle Träume können in Erfüllung gehen...“

„Fotografieren war nicht dein Traum?“

„Als Kind wollte ich Astronaut werden. Dann Schauspieler wie mein großer Bruder. Dann wollte ich an den Broadway. Und irgendwann hab ich die Fotografie für mich entdeckt.“

„Broadway, hm?“, macht Kurt. Er wirkt nachdenklich, nippt an seinem Kaffee.

„Leider ist das verdammt schwer.“

„Wem sagst du das. Während ich aufgewachsen bin wollte ich nichts anderes. Broadway war das einzige, das mich interessiert hat. Das einzige, das mich am Leben gehalten hat.“

„Scheiß Zeit an der High School?“

„Erraten. War wohl normal für Ohio zu dieser Zeit.“

„Das kann ich leider nur bestätigen.“

„Du kommst aus Ohio?“

„Geboren und aufgewachsen. Und als ich alt genug war bin ich so schnell wie möglich raus“, sagt Blaine.

„Das kann ich gut verstehen. Besonders Schule war die Hölle.“

„Ich wurde in der neunten zusammengeschlagen. Kurz nach meinem Coming out.“ Er weiß nicht, warum er das jetzt sagt. Es ist nichts, das er gerne herum erzählt. Die meisten Menschen interessiert es auch nicht, was einem erwachsenen Mann in der High School passiert ist.

Kurt hebt den Blick langsam von seinem Kaffee, schaut ihn an, schweigt, bevor er zur Seite sieht, die Augen auf den Boden gesenkt. Er wirkt ehrlich erschüttert.

„Ich weiß nicht, warum ich das jetzt erzählt habe. Es ist ewig her...“, sagt Blaine, dem sein spontanes Plaudern aus dem Nähkästchen ein bisschen peinlich ist. Kurt schweigt noch immer. In seinen Augen glänzt es verdächtig.

„Kurt...“ Seine Stimme ist sanft, als er über den Tisch hinweg nach Kurts Hand greift und sie drückt. Blaine kann kaum glauben, dass dem Mann die Sache so nahe geht. Er drückt Kurts Finger. „Es ist Jahre her. Ich bin darüber hinweg, glaub mir.“

„Es ist nur... unfair. Dass manche so etwas erleiden müssen, wenn sie so viel Besseres verdient haben.“

„Ich weiß. Aber es macht uns auch stärker, oder?“

„Du kannst nur von dir selbst sprechen“, sagt Kurt leise und zieht seine Hand weg. „Ich glaube, ich habe meinen Mut bereits vor langer Zeit aufgebraucht.“

„Das glaube ich nicht“, widerspricht Blaine. „Du bist doch noch hier, oder?“

„Ja.“ Kurt lächelt unmerklich. „Ich bin noch hier. Aber wer bin ich überhaupt noch?“

„Um das zu beantworten kenne ich dich wohl zu wenig. Doch das können wir ändern, wenn du willst.“

Es ist ein plötzliches Bedürfnis, das da in ihm aufkommt. Kurt kennen lernen. Und Sex ist nicht einmal ein Punkt auf der Liste der Gründe, warum er das will. Es ist mehr als das, tiefer, wichtiger, schwerer. Er will den Mann kennen lernen, der weint vor Mitgefühl. Den Mann, der sein Lachen versteckt. Den Mann, der so verzweifelt durchs Leben stolpert, auf Partys Drogen nimmt und mit älteren Männern schläft. Den Mann, der nicht einmal mehr selbst weiß, wer er ist.
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