Der Geist des alten Bürgermeisters

GeschichteAbenteuer, Humor / P6
Freddie Faulig Sportacus Stephanie
17.10.2014
28.11.2014
5
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Es waren noch drei Tage bis Halloween. Die Kinder freuten sich auf diesen Tag – auch wenn Ziggy sich ein bisschen davor fürchtete. Besser gesagt, er konnte sich nicht entscheiden, ob er sich fürchten oder freuen sollte. Seine Freunde versprachen ihm aber, dass er vor nichts Angst zu haben brauchte.
„Überall werden nur verkleidete Leute herumlaufen. Und die Kinder bekommen viel Süßes und Powersnacks!“, versicherte Stephanie. „Und denke nur an die Halloween Party, dass wir im Rathaus feiern werden! Mein Onkel und Senta werden Kuchen backen und etwas leckeres kochen. Es gibt Musik und wir werden viel Spaß haben!“
Ziggy war wieder ruhiger geworden. Diesmal hatten sich seine Freunde in seinem Zimmer versammelt, weil sie in Ruhe ihre Kostüme fertig machen wollten. Gerade Ziggy brauchte Hilfe. Er wollte unbedingt als Riesenlolli gehen und hatte sein erstes Kostüm versehentlich kaputt gemacht, weil er es in Zuckerwasser getaucht hatte. Er wollte nämlich nicht nur aussehen wie ein Lolli, er wollte auch so schmecken!

„Du kommst auf Ideen!“, lachte Trixie. „Wolltest du etwa an deinem Kostüm herumknabbern? Und jetzt musste dir deine Mutter in der kurzen Zeit nochmal ein neues Kostüm nähen!“
„Sie musste auch die Badewanne und das Badezimmer putzen“, erklärte Ziggy. „Dabei wollte ich doch nur, dass mein Kostüm süß wird. Ich habe ganz viel Wasser in die Badewanne laufen lassen und unseren ganzen Zucker reingeworfen. Und ein paar Süßigkeiten. Und dann habe ich das Kostüm reingetan. Ich habe es nach einer Weile rausgeholt, durch den Flur und durch das Wohnzimmer geschleift, bis draußen in den Garten um es dort zum Trocknen aufzuhängen.“
„Deine arme Mama!“, seufzte Stephanie. „Dann hat sie nicht nur das Bad, sondern fast die ganze Wohnung putzen müssen!“
„Und das Kostüm neu schneidern musste sie auch noch!“, sagte Pixel. „Das sie das noch für dich gemacht hat. Sie hätte auch sehr böse werden können.“
„Meine Mama wird nicht böse, jedenfalls nicht richtig“, sagte Ziggy. „Aber wenn ich dieses Kostüm auch kaputt mache, kriege ich kein neues mehr, hat sie gesagt.“
„Zieh' es mal über“, sagte Stephanie. „Ich möchte auch mal sehen, ob es passt.“
Ziggy zog es über. Sein Kopf war ein riesiger, weiß-rot gestreifter Lolli und das andere Teil des Kostüms sah aus wie ein großer, breiter weißer Stiel. Das weiße, röhrenförmige Teil war aus Stoff, so dass Ziggy sich gut bewegen konnte. Er hatte Löcher für die Arme und genug Platz, um seine Beine und Füße zu bewegen. „Sieht doch gut aus!“, meinte Stephanie. „Und deinen Kopf kannst du auch gut drehen?“
„Es geht so.“
„Dann musst du eben deinen ganzen Körper zur Seite drehen“, riet Meini. „Das geht schon.“ Ziggy sah wirklich wie ein leibhaftiger, kleiner Lolli aus.

„Deine Mama kann wirklich gut nähen“, lobte Trixie. „Meine ist leider nicht so geschickt darin. Sie mag es auch nicht.“
„Als was verkleidest du dich Trixie?“, fragte Meini.
„Als Hexe.“
„Schon wieder?“
„Na und? Aber diesmal habe ich einen neuen Umhang und einen neuen Hut. Und für meine Zöpfe habe ich diesmal Plüschspinnen als Haarbänder!“ Trixie holte alles aus ihrem Rucksack hervor. „Ist doch cool!“, fand Stephanie.
„Danke. Und ich habe diese rote Umhängetasche auf dem Flohmarkt gekauft. War ganz billig. Das wird meine Zaubertasche! Da werde ich auch noch Spinnen drauf machen.“
„Und was kommt in die Tasche?“, fragte Meini. „Etwa auch Spinnen?“
„Spinnen, Kröten, alles was ich finde. Mal sehen, was bei mir im Keller so rumkriecht.“ Meini sah Trixie erschrocken an.
„War nur Spaß!“, lachte Trixie. Meini seufzte erleichtert auf.
„Im Keller haben wir keine Kröten. Ich muss mich mit Spinnen begnügen.“ Jetzt sah Stephanie leicht entsetzt aus.
„Stoffspinnen!“, sagte Trixie und lachte abermals. „Stoff- und Plastikspinnen! In diese Tasche kommen keine echten.“
„Das will ich auch hoffen..!“, sagte Stephanie und lächelte etwas verunsichert. Sie wandte sich wieder Ziggy zu. „Und dein Gesicht soll geschminkt werden? Sollen wir das mal ausprobieren?“
„Ja!“, rief Ziggy begeistert.
„Okay, aber dafür müssen wir deinen Lollikopf wieder ausziehen. So kann ich dich besser schminken und wir machen dein Kostüm nicht gleich wieder schmutzig.“
„Du hast dein Kostüm noch nicht gezeigt!“, sagte Pixel zu Meini. „Als was gehst du denn?“
„Wird eine Überraschung!“, verkündete Meini.
„Und warum bist du dann hier? Ich dachte, wir wollten unsere Kostüme zusammen fertig machen?“
„Ich muss doch vorher sehen, was die Konkurrenz so macht“, erklärte er Pixel hochnäsig. „Und? Als was gehst du?“
„Das möchtest du jetzt wissen, was? Das werdet ihr gleich sehen...ich gehe mal ins Badezimmer und zieh' mich um.“

Pixel schnappte sich seine große Sporttasche und lief aus dem Zimmer. „Und was wirst du sein?“, fragte Trixie ihre Freundin. „Mal wieder Prinzessin? Fee? Superheldin? Tänzerin?“
„Eine Tänzerin und Superheldin ist sie doch schon!“, belehrte Meini. „Dafür muss sie sich nicht extra verkleiden!“
„Ich wollte mein Musketier Kostüm wieder anziehen“, sagte Stephanie. „Ich fand das damals so toll!“
„Das ist wirklich toll!“, stimmte Trixie zu.
„Ich muss nur an dem Umhang etwas nähen. Einige Fäden sind ausgefranst, aber das ist nicht so schlimm. Das kriege ich hin.“, meinte Stephanie. Ziggy hatte sich auf sein Bett gesetzt und Stephanie half ihm beim schminken. Sie hatte den großen breiten Pinsel in weiße Schminke getaucht. „Halt doch still, Ziggy!“
„Das kitzelt aber so!“ Gerade als Stephanie mit dem ersten, weißen Strich fertig war, ging langsam Ziggys Tür auf. Eine Menge Nebel quoll ins Zimmer. „W-was ist denn jetzt?!?“, rief Meini und sprang vom Sessel auf. „Es brennt! Raus hier! Schweini und kleine reiche Kinder zuerst!“
Aber es brannte nicht. Es war nur weißer Nebel und in der Tür stand ein mittelgroßer, silberfarbener Roboter. Er hatte einen Motorradhelm auf, jedoch konnte man nicht durch das silberfarbene Visier gucken.

An seinem Helm und am Anzug blinkten viele runde bunte Lichter, besonders am Oberkörper. Auf der Brust des Roboters prankte ein großes Abzeichen: P-5000. Ziggy war vom Bett gesprungen und starrte auf das unbekannte Wesen, wie alle anderen auch.
„Ich bin der große Pixel-5000“, tönte es laut und metallisch. Es klang wie eine echte Roboterstimme. „Auch P-5000 genannt. Ich bin das neueste Model und einzigartig.“ Der P-5000 drehte seinen Kopf ein wenig hin und her und bewegte seine Arme. Bei jeder Bewegung hörte man ein mechanisches Surren. Dann blickte der Roboter auf seine Brust und drückte einen Knopf. Eine schmale Schublade öffnete sich und er holte eine Karotte heraus. „Powersnack gefällig?“, sprach der Roboter.
„Boar! Echt super, Pixel!“, raunte Trixie anerkennend. „Wie machst du das mit der Stimme?“
„In meinem Helm habe ich einiges installiert“, erklärte er. „Auch einen Stimmenversteller. Aber das ist noch nicht alles. Seht her!“ Er drückte rechts seitlich am Helm einen Knopf und das silberne Visier leuchtete blau, rot und grün auf. „Kaum zu glauben!“, rief Meini.
„Und das ist noch nicht alles! Mein Anzug kann noch viel mehr! Aber das möchte ich noch nicht verraten, wenn das okay ist.“
„Na klar“, sagte Stephanie. „Ich freu' mich schon!“ Meini freute sich eher weniger. Er war neidisch, wie immer.

Stephanie schminkte Ziggys Gesicht fertig. Rot-weiß gestreift, genau wie der Lolli. Vorsichtig setzte sie ihm seinen Lollikopf auf, in der ein großes Loch für sein Gesicht war. Ziggy sah toll aus in seinem Kostüm! „Zum anbeißen!“, fand Trixie. „Ein richtiger, lebensgroßer Lollipop!“
„Hoffentlich bekomme ich auch viele Lollipops!“
„Bestimmt!“, meinte Stephanie. Während Ziggy sich stolz seinen Eltern als Lollipop präsentierte und probehalber schon mal das Sammeln von Süßem übte, (er ging mit seiner Tüte überall in der Wohnung herum und rief: „Süßes oder Saures!“) nähte Stephanie ihren Umhang und Trixie ihre Tasche fertig. Pixel justierte noch einiges an seinem Helm, während Meini ihn dabei ununterbrochen mit Fragen über sein Kostüm löcherte.

Als sie alle – bis auf Meini – ihre Kostüme fertig hatten, schminkten sie sich wieder ab und packten alles zusammen. Sie gingen gemeinsam durch die Stadt und besahen sich die Schaufensterdekorationen. Am liebsten ging Ziggy natürlich beim Bäcker vorbei. Im Schaufenster lockten große dunkle Schokoladentorten mit orangefarbener Zuckerglasur, dekoriert mit süßen Geistern, Schokoladenspinnen und Marzipankürbissen. „Onkel Meinhard kann auch toll backen!“, sagte Stephanie. „Wissen wir! Letztes Jahr hat er auch so eine ähnliche Torte gemacht. War superlecker!“, sagte Pixel.
„Aaaach, sieht die traumhaft aus...“, seufzte Ziggy und drückte sich fast die Nase an der Scheibe platt. Neben Ziggy stand ein großer, schlanker und dunkelhaariger Mann, der gerade überlegte, ob er sich diese Torte kaufen sollte.
„Seht mal da hinten!“, rief Meini. Er deutete auf eine zweistöckige Torte im nächsten Schaufenster. Sie war ganz mit violettem Marzipan überzogen und auf den Sahnehauben saßen kleine Geister aus hauchdünner, weißer Schokolade. Der große Mann warf einen Seitenblick darauf und änderte seine Meinung. Er wollte jetzt diese Torte haben!
Aber die beiden Torten waren nicht die einzigen Leckereien. Die beiden großen Schaufenster waren über alle Maßen mit Halloweensüßigkeiten dekoriert: Es gab Muffins, die hauptsächlich mit orangefarbenem oder schwarzem Zuckerguss verziert waren, den Farben des Halloweens. Es gab aber auch Muffins mit dunklem Schokoguss und Spinnenweben aus weißer Schokolade als Verzierung, aber auch quietschbunte Kuchen und Kekse mit lachenden Geistergesichtern und Fratzen. Äpfel mit Karamellüberzug, süße Geister und Mäuse aus Marshmallows und noch viel, viel mehr. Den Kindern gingen die Augen über und ihnen lief das Wasser im Munde zusammen.

„Hallöchen zusammen!“ Es war Meinhard Meintsgut. „Na, fertig mit den Kostümen?“
„Ja“, antwortete Stephanie freudestrahlend.
„Wir freuen uns schon so auf Halloween!“, sagte Trixie. „Und auf Ihre Party, Herr Bürgermeister! Danke für die Einladung!“
„Nichts zu danken, Trixie. Ich feiere gerne mit euch Partys! Ach, das sieht ja lecker aus! Diese Kuchen und Torten sind ja zum anbeißen!“
„Genau das findet Ziggy auch!“, sagte Pixel. Er war sich nicht einmal sicher, ob Ziggy überhaupt bemerkt hatte, dass der Bürgermeister neben ihm stand. Aber jetzt war Pixel selbst zum ersten Mal etwas aufgefallen. „War das nicht Freddie Faulig, der mit uns vor dem Schaufenster gestanden hat?“, fragte er.
„Ich weiß nicht. Hab' selbst nicht drauf geachtet“, gab Meini zu. „Nur auf das Süße, dass alles meins ist!“
„Das sind wirklich wahre Meisterwerke im Schaufenster“, gab Meinhard zu. „Der Bäcker versteht sein Handwerk.“
„Du und Senta aber auch, Onkel Meinhard! Eure Kuchen und Torten können sich sehen und schmecken lassen.“
„Vielen Dank“, sagte Meinhard stolz und strich den Kragen seines Anzuges glatt. „Das Lob werde ich an Senta weitergeben. Ich glaube, wenn ich nicht Bürgermeister geworden wäre, dann Bäcker oder Konditor.“ Freddie Faulig, der eben wirklich noch vor dem Schaufenster gestanden und sich jetzt heimlich gegenüber an die Mauer drückte, bedauerte, dass Meinhard kein Bäcker oder Konditor geworden war. „Dann wäre ich Bürgermeister!“, seufzte er. „Wann hauen die denn ab? Ich will mir weiter die Torten ansehen! Hoffentlich kaufen die mir keine weg!“

Da brauchte Freddie nichts zu befürchten. Meinhard versprach den Kindern ihre Lieblingsleckereien. Nicht zu vergessen, die vielen, vielen Süßigkeiten und Powersnacks, die sie am Abend noch einsammeln würden. Trotz der vielen verheißungsvollen Versprechungen war es nicht leicht, bis Halloween mit dem naschen zu warten. Das Angebot im Schaufenster sah so verlockend aus!
„Und morgen kommt ihr dann alle ins Rathaus, um die Halloweendekoration zu basteln?“, fragte Meinhard. „Und übermorgen machen wir die Kürbislaternen?“ Die Kinder versicherten es. „Ach Gottchen! Ich freue mich schon darauf wie ein kleines Kind!“
„Ich...weiß nicht, ob ich mich darauf freue...“ Es war Ziggy. Ihm war wieder seine Angst vor Geistern eingefallen. Das war jetzt der einzige Gedanke, der ihn von den Süßigkeiten ablenken konnte. Er wandte sich vom Schaufenster ab und sah den Bürgermeister sorgenvoll an.

Seine Freunde kannten diesen Blick. „Aber Ziggy“, sagte Stephanie. „Es gibt rein gar nichts, vor dem du Angst haben musst.“
„Alles was du siehst, sind nur Puppen und verkleidete Menschen. Groß und Klein wollen ihren Spaß haben. Und wir werden Spaß haben, das verspreche ich dir!“, sagte Meinhard.
„Erzählen wir uns denn auch Gruselgeschichten?“, fragte Trixie den Bürgermeister.
„Wenn ihr wollt, gerne.“
„Nein! Keine Gruselgeschichten!“, rief Ziggy erschrocken.
„Sie werden nicht zu gruselig“, versprach Meinhard. „Aber wenn ihr wollt, könnt ihr selbst welche erfinden.“
„Am besten finde ich ja Geschichten, die wirklich passiert sein sollen!“, sagte Trixie. „Kennt ihr  die Geschichte des ersten Bürgermeisters von Lazy Town?“
„Du meinst den ehrenwerten Meinfried Meintsgut?“, fragte der Bürgermeister. „Mein und Stephanies Vorfahre und Gründer von Lazy Town?“
„Genau!“, antwortete Trixie. „Man sagt, dass er ab und zu als Geist erscheint. Und zwar hat ihn jeder Bürgermeister von Lazy Town mindestens einmal gesehen!“
„Davon habe ich ja noch nie gehört!“, sagte Stephanie. „Das hast du dir ausgedacht, stimmt's?“
„Es steht in einem kleinen Buch. Es heißt: „Mythen und Sagen von Lazy Town – Der Geist von Meinfried Meintsgut.“ Ich habe es letztens in der Bücherei entdeckt. Ich wusste gar nicht, dass es das gibt!“
„Ich habe es auch völlig vergessen“, sagte der Bürgermeister verblüfft. „Und dabei hatte ich es als Kind gelesen. Auch als ich erwachsen wurde, interessierte ich mich für die Geschichte. Ein Exemplar davon habe ich sogar Zuhause. Ich weiß nur nicht mehr genau, wo. Ich hatte es ewig nicht mehr in der Hand.“
„Wie – dann stimmt das jetzt?“, fragte Stephanie noch verblüffter.
„Haben Sie den Geist etwa schon gesehen?“, fragte Meini.
„Ach Gottchen, das wüsste ich aber! Das es diese Geistergeschichte über Meinfried gibt, kann ich bejahen. Aber ob sie auch wahr ist, das kann ich nicht bestätigen. Jedenfalls ist mir mein Vorfahre noch nie begegnet.“
„Was nicht ist, kann noch werden“, sprach Trixie geheimnisvoll. „Ich sagte ja schon, dass er jedem Bürgermeister mindestens einmal erscheint. Soweit ist dann noch alles in Ordnung.“
„Wie meinst du das jetzt?“, fragte Pixel.
„Wenn Meinfried nureinmal erscheint und zu Herr Meintsgut sagt, dass er seine Arbeit gut erledigt hat, ist alles okay. Es kann aber auch sein, dass er dir einen guten Rat gibt, den du unbedingt beherzigen solltest. Ansonsten erscheint er in der nächsten Nacht ein zweites Mal. Meinfried wird sehr böse werden und ihn dann warnen.“
„Warnen? Wovor?“, fragte Ziggy und bereute seine Frage sofort.
„Dass sonst etwas schreckliches passieren wird, wenn Herr Meintsgut sich nicht ändert und ein besserer Bürgermeister wird. Und wenn das nicht geschieht, erscheint Meinfried ein drittes Mal...und dann...“
Meini begann zu zittern. „Was dann..?“
„Ja, dann passiert das Schreckliche. Aber was dann genau passieren soll – keine Ahnung. Es ist bis jetzt ja noch nie passiert.“
„Das ist wirklich unheimlich“, fand Stephanie.
„Solchen Geschichten sollte man keinen Glauben schenken“, sagte Meinhard. „Früher haben sich die Leute viele Geschichten erzählt, um die Langeweile zu vertreiben oder um sich zu gruseln. So, wie wir das auch an Halloween tun!“
„Aber manchmal steckt auch ein Körnchen Wahrheit drin“, warf Meini belehrend ein.
„Solche Schauermärchen beruhen meistens auf Irrtümern“, erklärte Meinhard. „Man hört es im Dunkeln irgendwo rascheln und knistern, eine Eule ruft, und schon glaubten die Leute damals an Gespenster. Als Kind habe ich auch daran geglaubt.“
„Und wenn es doch wahr sein sollte?“, fragte Ziggy zitternd.
„Dann werde ich meinen Vorfahren mit Freude empfangen, und ihn fragen, ob ich ein guter Bürgermeister bin. Und ihm meine Nichte vorstellen! Ich denke, er wird sich freuen.“ Stephanie war erleichtert. Wenn ihr sonst so ängstlicher Onkel die Geschichte so leicht nahm, konnte wirklich nichts Wahres dran sein! Freddie Faulig interessierte sich nicht mehr für die Torten im Schaufenster. Er lenkte seine Schritte zur Bücherei von Lazy Town.

Aber auch die Kinder waren interessiert. Meinhard fand die Geschichte tatsächlich nach längerem suchen bei sich Zuhause. Es war eher ein dünnes Heft als ein Buch, und hatte jahrelang unbemerkt in einer Büchervitrine gestanden. Zwischen den vielen, vielen, dicken Büchern war es so gut wie unsichtbar gewesen und es war lange her, dass Meinhard einen Blick darauf geworfen hatte. Er brauchte die Bücher nicht einmal abstauben. In der Vitrine waren sie vor Staub gut geschützt. Das Heft war klein und schmal, die Seiten vergilbt und der Text sehr klein geschrieben. „Ach Gottchen! Diese winzige Schrift kann ich ohne meine Brille nicht mehr lesen! Ich werde sie mal eben holen...“
„Eine Lupe wäre wohl besser“, bemerkte Meini. „Oder ein Mikroskop!“
„Es sind auch nur wenige Bilder drin. Aber da ist wenigstens eines von Meinfried!“, sagte Stephanie.
„Es ist eine Zeichnung. Man erkennt die Ähnlichkeit zwischen ihm und Herrn Meintsgut“, bemerkte Meini. „Aber im Geschichtsbuch von Lazy Town findet man auch Bilder von ihm.“
„Das ist richtig“, sprach Meinhard, der die Kinder gehört hatte. „Also kennst du die andere, wahre Geschichte von ihm?“
„Ähem – ein bisschen. Er soll Lazy Town nicht nur gegründet, sondern die Leute damals auch gerettet haben, wenn ich richtig liege?“
„Ja, das stimmt“, sagte Meinhard. „Die Leute wurden mit einem Mal plötzlich sehr faul. Und weil sie dabei fast verhungert wären, hat Meinfried alles getan, damit sie wieder fleißig wurden.“
„Die Überschrift des Buches heißt „Mythen und Sagen von Lazy Town“. Aber hier drin ist nur eine Sage. Müsste es nicht noch mehr geben?“, schlussfolgerte Stephanie.
„Du hast schon recht“, sagte Meinhard, der seine Lesebrille gefunden hatte. „Es soll ein ganzes Buch voller geheimnisvoller Geschichten gegeben haben. Nachdem ich die Geschichte von Meinfried gelesen hatte, suchte ich danach. Aber leider ohne Erfolg.“
„Schade“, bedauerte Stephanie.
„Also, mir reicht eine Geschichte!“, sagte Ziggy. „Wenn sie sehr gruselig ist, reicht sie mir völlig!“

Und so begann der Bürgermeister zu lesen: „Die Sage vom Geist des Meinfried Meintsgut.“ Er machte eine kurze, bedeutungsvolle Pause, bevor er weiterlas. „Damals war Lazy Town noch keine Stadt, sondern noch ein Dorf und hieß daher Lazy Village. Der erste Bürgermeister von Lazy Village hieß Meinfried Meintsgut. Die Bürger hatten ihn gewählt, weil sie ihn von Anfang an respektierten. Er war gutherzig, wusste immer Rat und hatte mitgeholfen, das Dorf mitaufzubauen. Er hatte sogar den Platz ausgesucht, auf dem es stehen sollte und war Namensgeber. Als die allererste Bürgermeisterwahl anstand, gab es also keine Frage, für wen die meisten Leute stimmen wollten: Meinfried Meintsgut!
Meinfried nahm sein Amt sehr ernst. Er war stets um das Wohl seiner Bürger besorgt, und bis ins hohe Alter war er ein guter und fürsorglicher Bürgermeister. Aber er machte sich große Sorgen: Würden seine Nachfolger sich auch so gut um sein Dorf und die Bewohner kümmern?

Als Meinfried eines Tages starb, wurde sein Sohn Friedhard zum neuen Bürgermeister gewählt. Er war zwar noch recht jung, aber er war klug und hatte viel Gutes von seinem Vater gelernt. Trotzdem war auch er in Sorge, ob er in die großen Fußstapfen seines Vaters treten konnte. Er gab sich immer die größte Mühe. Ein ganzes Jahr war Friedhard schon Bürgermeister, als ihm etwas gar wunderliches passierte. Es war sehr spät in der Nacht und er wollte gerade zu Bette, als ihm der Geist seines guten Vaters erschien.
Wie erschrak der junge Mann! Aber der Geist wollte ihm nichts Böses. Meinfried erzählte, dass er nach seinem Tod nicht ruhen konnte, weil er sich weiterhin Sorgen um seine Bürger machte. So war er in der Nacht – und sogar am Tag – für die Leute unsichtbar umhergeschwebt um nach dem Rechten zu sehen und herauszufinden, ob es den Menschen in diesem Dorf gut erging. Er war sehr zufrieden und stolz auf seinen Sohn, dem neuen Bürgermeister.  
„Verwalte das Dorf zukünftig so gut und klug wie jetzt, mein Junge, und ich werde meine Ruhe finden. Und zwar so lange, bis der nächste gewählte Bürgermeister in seinem Amt tätig wird. Mögest du viele, glückliche Jahre als Bürgermeister arbeiten! Lebe wohl, mein lieber Friedhard. Ich wünsche dir alles Glück dieser Welt“, sprach Meinfried und entschwand so lautlos, wie er gekommen war. Es gab nur einen Menschen, dem Friedhard von dieser Geistererscheinung erzählte, und das war sein engster und bester Freund, den er seit seiner Kindheit kannte.

Aber schon nach kurzer Zeit geschah ein Unglück: Friedhard wurde abgewählt und ein neuer Bürgermeister trat an seiner Stelle. Aber nicht durch die Stimme des Volkes, sondern durch faulen Betrug, aber das ahnte zunächst niemand. Es gab jemanden, der schon sehr, sehr lange neidisch auf Meinfried und seinen Sohn gewesen war. Ein böser, durchtriebener und fauler Kerl war das! Und er wollte schon immer Bürgermeister werden, und das war nun geschehen. Die Bürger hatten sehr unter ihm zu leiden. Die Leute mussten fast ihr ganzes Geld und die Ernte an ihm abgeben. Sie waren arm, unglücklich, und hungerten schrecklich.
Eines Nachts saß der Betrüger im Rathaus und zählte gierig sein vieles Geld. Er hatte sein Nachthemd angezogen, denn er wohnte jetzt sogar im Rathaus und wollte sogleich ins Bett. Es schlug bereits Mitternacht, als eine weiße, schwebende Gestalt im Raum erschien. Es war Meinfrieds Geist! Meinfried sprach den Mann an und sagte, dass er wüsste, was er getan habe und dass er schlecht mit den Bürgern umginge. Wenn er sich nicht ändere und sein Amt abgebe, käme er morgen Nacht wieder und dann würde er sich noch mehr fürchten.
Der Betrüger fürchtete sich überhaupt nicht. Er glaubte nicht an den Geist. Eher an einen Traum. Bestimmt war er beim zählen des vielen Geldes eingenickt, das war für ihn die einzige, wahre Erklärung und er ging zu Bett. In der darauffolgenden Nacht, Punkt zwölf Uhr, erschien ihm Meinfried jedoch ein zweites Mal, und es war furchtbar! Er trug Ketten um seinem ganzen Körper, mit denen er laut rasselte. Er leuchtete ganz giftgrün, machte dabei ein so schrecklich grimmiges Gesicht und er schrie  – ach Gottchen!“
„Ach Gottchen?“, fragte Ziggy erstaunt, „Das hat er wirklich geschrien?"

„Äh, nein“, sagte Meinhard, „Ich wollte gerade sagen: Ach Gottchen, ich brauche unbedingt einen Schluck Wasser, sonst kann ich nicht weiterlesen. Mein Hals ist so trocken.“ Danach las er weiter: „Und er schrie voller Wut so laut, dass die Scheiben klirrten. Bilder fielen von den Wänden, Spiegel zerbrachen und egal wohin der Betrüger flüchtete, der Geist folgte ihm durch Wände und schnitt ihm immer den Weg ab. Die Bürger hörten draußen den Tumult. Sie sprangen aus den Betten, öffneten weit die Fenster um herauszufinden, woher der Lärm und die schrecklichen Schreie kamen. Sie versammelten sich um das Rathaus und starrten in die Fenster und in jede Ritze.

So mancher Bürger schwor in dieser Nacht Stein und Bein, dass er den Geist des verstorbenen Meinfried erblickt hatte, der hinter ihrem neuen und arglistigen Bürgermeister her war. „Hüte dich!“, hörten sie den Geist rufen, „Wenn du nicht noch heute dein Amt niederlegst und dich als Betrüger zu erkennen gibst, dann komme ich morgen Nacht wieder! Ein letztes Mal! Aber dann ist das Unglück da und alles zu spät. Es wird etwas schreckliches passieren und niemand kann das Unheil aufhalten!“ Es klirrte und krachte im Haus und der Betrüger schrie so laut und weinerlich um Hilfe, als wäre sein letztes Stündlein gekommen.
Aber auch die Bürger fürchteten sich vor Meinfried und trauten sich nicht, zu helfen. Nur Friedhard wollte dem tobenden Geist seines Vaters entgegentreten und besänftigen. Er entfernte die losen Scherben eines zerbrochenen Fensters und wollte ins Haus, aber da sprang ihm schon der Betrüger entgegen.

Er war so bleich wie sein Nachthemd und in seinem dunklen Haar sah man eine schlohweiße Strähne, die er vorher nicht gehabt hatte. Er zitterte vor Angst am ganzen Körper und legte jetzt und sofort ein Geständnis ab.
Friedhard Meintsgut wurde wieder Bürgermeister und das gute und schöne Leben nahm in Lazy Village wieder seinen Lauf. Aber seitdem wissen die Leute, dass der Geist Meinfrieds über diesen Ort wacht. Jeder neue Bürgermeister hat den Geist mindestens einmal erblickt und musste sich seinem Urteil stellen. Wer sein Bürgermeisteramt nicht redlich und gut ausführte, dem sei die Rache des Geistes gewiss, heißt es. Wenn Meinfried bloß einmal erscheint, kann es ein gutes Zeichen sein und vielleicht gibt er nur mahnenden Rat. Muss er ein zweites Mal erscheinen, so tobt und wütet er, dass es einem Angst und Bange wird. Doch bis jetzt ist es noch nie geschehen, dass er ein drittes Mal auftaucht, und seit diesem Vorfall hoffen und beten die Leute dieses Ortes, dass das auch niemals passiert.“

Meinhard nahm seine Lesebrille ab und klappte das Heft zu. „Und, was sagt ihr?“
„Dein Urahn kann ja ganz schön böse werden, Stephanie“, meinte Trixie. „Du kannst von Glück reden, dass dein Onkel ein so guter Bürgermeister ist!“
„Also ich zweifel an dieser Geschichte“, sprach Meinhard. „Erstens glaube ich nicht an Spuk und Geister. Und das Meinfried sich an Leuten rächen soll, glaube ich auch nicht. Selbst das größte Unrecht hätte ihn nicht dazu verleitet. Dass er ab und zu ein wenig ärgerlich werden konnte, glaube ich ja noch. Aber ansonsten...“
„Er wollte diesen Fiesling erschrecken“, sprach Pixel. „Er hat die Bürger sehr schlecht behandelt, das hat ihn eben wütend gemacht.“
„Aber irgendwas muss dran sein an dieser Geschichte – das berühmte Körnchen Wahrheit, wie ich schon mal erwähnte“, erinnerte Meini. „Mich macht eine Sache sehr nachdenklich...Was hatte Meinfried zu dem Betrüger gesagt? Kann ich bitte einmal das Heft haben, Herr Bürgermeister? Danke...Ah, hier steht es doch: „Aber dann ist das Unglück da und alles zu spät. Es wird etwas schreckliches passieren und niemand kann das Unheil aufhalten!“ – das hat Meinfried gesagt!“ Meini sah auf. „Hat er mit dem Unheil nur den Betrüger damit gemeint, oder das Dorf selbst? Denn im letzten Satz steht ja auch: Doch bis jetzt ist es noch nie geschehen, dass er ein drittes Mal auftaucht, und seit diesem Vorfall hoffen und beten die Leute dieses Ortes, dass das auch niemals passiert.“

„Ich glaube, du steigerst dich da in etwas rein“, sprach Meinhard.
„Das denke ich auch“, sagte Stephanie. „Selbst wenn die Geschichte wahr wäre, Meinfried war ein guter Mensch. Er hätte niemandem etwas getan.“
„Vermutlich hätte er nur den Betrüger endgültig fortgejagt!“, überlegte Pixel. „Äh, wo ist eigentlich Ziggy?“ Die Kinder und Meinhard sahen sich im Wohnzimmer um. Plötzlich kam hinter Meinhards Sessellehne etwas orangefarbenes zum Vorschein, das leise zitterte und wimmerte. Es sah aus wie...
„EIN GESPENST!“, schrie Trixie und alle sprangen auf.
„WAS? WIE? WO?!“, klang es dumpf. Ziggy schlug die orangefarbene Wolldecke zurück, in die er sich vor lauter Furcht fest eingewickelt hatte und guckte ganz erschrocken hinter der Sessellehne hervor. „Wo ist das Gespenst?!“, rief er.
„Fehlalarm. Es war nur Ziggy!“, sagte Meini und drückte sein Sparschwein an sich. „Schweini wäre vor Angst fast gestorben, weißt du das?!“
„Tut mir leid“, entschuldigte sich Ziggy.
„Trixie hat sich auch ganz schön erschrocken!“, hatte Pixel grinsend festgestellt.
Doch Trixie stritt alles ab. „Aaaach, Quatsch!“, meinte sie. „Ich wollte euch nur warnen!“
„Ich glaube, das waren genug Gruselgeschichten für heute!“, entschied Meinhard. „Ihr solltet jetzt nach Hause gehen, es wird bereits dunkel. Und macht euch über diese Geschichte keine Gedanken. Ich bin immer noch der Meinung, dass es nur ein Märchen ist und diesen Geist niemals gegeben hat.“
„Oder...“, überlegte Stephanie, „es könnte auch sein, dass jemand diesen Betrüger reinlegen wollte und hat ihm deswegen einen Streich gespielt!“
Meinhard nickte. „Ja, wer weiß? Das könnte sogar die Lösung sein!“
„Also ich glaube weiterhin an diesen Geist!“, meinte Trixie unbeirrt. „Wer sagt denn, dass es keine Geister geben soll?“
„Glaubt meinetwegen was ihr wollt, solange es euch keine Angst einjagt“, sagte Meinhard. „So, und wir beide machen das Abendessen“, sprach er zu seiner Nichte. Die Kinder verabschiedeten sich voneinander und versprachen, sich morgen Vormittag im Rathaus zu treffen.
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