Lady Lucy von Knighton

GeschichteRomanze / P18
Sir Guy of Gisborne
16.10.2014
16.10.2014
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16.10.2014 1.569
 
Es vergingen einige Tage in denen Lucy und ihr Vater sich anschwiegen und Lucy sich, wenn auch nur teilweise, an den Befehl ihres Vaters hielt. Teilweise deshalb, da sie zwar nicht als Nightwatchman unterwegs war, jedoch Robin beauftragt hatte Essens- und Geldrationen zu verteilen die sie ihm übergab.

Aber auch Gisborne schwieg beharrlich. Er war seit dieser Eskapade nicht mehr in Knighton Hall zu sehen und lies auch nichts ausrichten. Eine Tatsache die Lucy mehr als begrüßte wenn man bedachte, dass er regelmäßig vorstellig wurde um sie zu irgendwelchen Festen einzuladen, sich selbst zum Essen einzuladen oder ihr einfach nur irgendwelche Sachen schenkte. Er hegte offensichtlich den Wunsch ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu sichern. Nur war Lucy überhaupt nicht an ihm interessiert. Nicht dass sie überhaupt an irgendeinem Mann interessiert war.

Seitdem ihre Schwester Marian vor fünf Jahren von ihrem Verlobten Robin so sehr verletzt wurde, dass sie Trost in einem Kloster suchte, waren für Lucy alle Männer aus ihren Gedanken verbannt. Sie dachten ja sowieso nur an sich. Auch diejenigen von denen man wirklich angenommen hatte, dass sie tiefe Gefühle hegten. So wie Robin zu Marian. Doch am Ende war der Kreuzzug, ein unsinniges Unterfangen, wichtiger als eine Familie mit Lucys Schwester zu gründen.

Abgesehen von den wenigen nächtlichen treffen mit Robin, begann Lucy sich bald nach Gesellschaft zu sehnen. Natürlich hatte sie noch die Mägde und die Bauern aus Knighton Hall mit denen sie die meiste Zeit des Tages verbrachte, doch sie sahen in ihr immer die Adlige und waren daher zumeist etwas gehemmt. Selbst die Kinder mit denen sie spielte und denen sie Geschichten erzählte waren höflich und achteten darauf sie niemals ohne ihren Titel anzureden. „Lady Knighton hier“ und „Lady Knighton dort“.

Eines Tages beschloss Lucy daher auszureiten. Und zwar nicht nur einmal über die Felder, sondern den ganzen Tag lang. Jeden Stock und jeden Stein in Nottingham zu besuchen und den großen Sherwood Wald zu durchforsten. Sie stattete sich mit Proviant aus und legte sich einen leichten Umhang um die Schultern. Zwar war es bereits tiefster Herbst, aber der Schnee blieb aus und auch die Temperatur war angenehm solange die Sonne schien. Wolken waren heute keine in Sicht.

Es war bereits nachmittags als es zu dämmern begann. Lucy dachte zumindest, dass es dämmerte, denn sie war im Wald und erkannte erst zu spät, dass sich ein Gewitter zusammengebraut hatte. Als eine eisige Windböe sie umhüllte, wurde ihr bewusst, dass sie es nicht mehr rechtzeitig vor dem Gewitter nach Hause schaffen würde. Dass sie sogar bis auf die Knochen nass werden würde. Trotzdem zog sie sich den Umhang dichter um den Hals und ritt in Richtung Knighton Hall davon.

Sie war bereits durchnässt und durchgefroren, als ihr klar wurde, dass sie sich verirrt hatte und da der Schauer nicht abriss, hielt sie an und wollte sich einen notdürftigen Unterstand suchen. Einen hohlen Baum, eine Höhle oder eine überdachte Futterkrippe würde schon reichen. Doch da sie weder das eine noch das andere entdecken konnte, band sie ihr Pferd an einen Baum und kugelte sich in einer Mulde am Fuß des Baumes zusammen und zog den nassen Umhang enger um sich. Das schlimmste war der eisige Wind der sich durch ihre regennasse Kleidung zwängte und sie vor Kälte schlottern ließ. Irgendwann wurde ihr so kalt, dass sie in einen Dämmerzustand überglitt der ihr die Schmerzen in den Gliedern linderte und ihr wohltuende Gefühllosigkeit schenkte. Sie war bereits so betäubt, dass sie weder mitbekam wie langsam der morgen dämmerte, noch wie sie von zwei starken Armen emporgehoben und davongetragen wurde. Der Regen dauerte weiterhin an und verkündete endgültig das Ende der warmen Tage des Jahres. Bald würden die Regentropfen zu Schneeflocken werden.

Lucy erwachte hin und wieder aus ihrem traumlosen Zustand, jedoch immer nur für wenige Augenblicke. So bemerkte sie mit wohltuen, dass sie zwar der nassen Kleidung entledigt wurde, sie sich aber bald darauf in warmen Daunendecken wiederfand. Die aufkeimende Wärme lullte sie so schnell ein, dass sie nicht sagen konnte wo sie sich befand.

Anschließend suchten sie wirre Fiberträume heim und sie fühlte wie ihr Körper von innen heraus verbrannte wenn sie nicht bald etwas kühlte. Ab und zu fühlte sie wie jemand mit einem kalten Lappen ihre Stirn abtupfte und jemand leise flüsterte dass sie in guten Händen sei. Dann war sie wieder in ihren wirren Träumen gefangen.

Schließlich öffnete Lucy nach einem langen traumlosen Schlaf die Augen.

Langsam gewöhnte sie sich an die Lichtverhältnisse des Raumes. Es war Nacht und ein warmes, angenehmes Feuer prasselte im Kamin rechts neben dem breiten Bett. Schwere und wohlige Daunendecken bedeckten ihren nackten Körper. Auf ihrer Stirn lag ein Lappen, der bereits dieselbe Temperatur wie ihr Körper aufwies. Links neben dem Bett direkt neben ihr saß ihr Vater in einem Stuhl und schien vor Erschöpfung eingeschlafen zu sein.

Obwohl Lucy erfreut war ihren Vater so dasitzen zu sehen, fragte sie sich wo sie sich eigentlich befanden. Dieses Zimmer befand sich nicht in ihrem Zuhause.

Ruhig erhob sie sich und nahm den Lappen von ihrer Stirn. Doch ihre Kräfte verließen sie und sie sank wieder in die Kissen zurück. Dabei stöhnte sie erschöpft auf, was ihren Vater aufschrecken ließ. Er erkannte, dass seine Tochter wach war und sich aufzurichten versucht hatte und stand auf um ihr sanft über die Stirn zu streicheln. „Lucy, bin ich froh dass es dir wieder besser geht“, erklärte Edward und nahm den Lappen aus ihren Händen.

„Wo…“, krächzte Lucy und brach ihren Satz ab. Ihr Hals schmerzte und ihre Kehle war trocken. Edward verstand und füllte einen Becher mit Wasser aus einem Krug neben dem Bett. „Hier“, sagte er und half seiner Tochter etwas Wasser zu trinken. Nachdem sie ihren Durst gestillt und wieder im Bett versunken war, ließ sich Edward wieder im Stuhl nieder und berichtete: „Es hat in Strömen geregnet und du bist die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen. Da habe ich mir Sorgen gemacht und habe den einzigen Mann um Hilfe gebeten der mir eingefallen ist. Sir Gisborne war so freundlich und begab sich auf die Suche nach dir. Er hat dich auch gefunden und sich um dich gekümmert.“ Lucy riss erschrocken die Augen auf und wollte etwas fragen, als ihr Vater noch hinzufügte: „Das war vor vier Tagen. Du hattest schweres Fieber und ich bin sofort gekommen als ich darüber unterrichtet wurde.“

„Wir… sind in Locksley?“, fragte Lucy mit rauer Stimme. Ihr Vater brauchte nicht zu antworten. Sie wusste es bereits. Sie wollte es einfach nicht wahrhaben. „Mir geht es gut Vater, lass uns nach Hause gehen“, bat sie. Doch nicht ihr Vater antwortete.

„Das wäre keine gute Idee Mylady. Ihr seid noch nicht kräftig genug um zu reisen.“ In der Türe zum Zimmer lehnte Gisborne mit verschränkten Armen am Türrahmen. Seine Lederhose spiegelte das Licht vom Kaminfeuer, während das schwarze Tuch seines Oberteils jedes Licht zu verschlucken schien.

„Ich muss Sir Gisborne Recht geben Lucy. Das wäre noch zu gewagt. Lass uns bis morgen warten. Vielleicht geht es dir dann besser und wir können dann gehen“, erklärte Edward seiner Tochter ruhig und konnte nur schwer seine wahren Gefühle dazu aus seinen Augen bannen. „Leider muss Euer Vater die Nacht in Knighton Hall verbringen“, erklärte Gisborne kalt und ohne bedauern.

Edward stand auf. „Sir Gisborne, das kann nicht Euer Ernst sein! Bedenkt…“, weiter kam er nicht, denn Gisborne stemmte sich vom Türrahmen ab und kam näher an das Bett heran während er unterkühlt feststellte: „Dieses Haus hat kein freies Gästezimmer. Natürlich könnt Ihr hier übernachten aber dann müsstet Ihr mit dem Pferdestall vorlieb nehmen.“ Edward wollte etwas erwidern aber seine Tochter kam ihm mit krächzender Stimme zuvor.

„Sir Guy, mein Vater könnte hier in diesem Raum schlafen.“ Ihr wurde übel bei dem Gedanken alleine und ohne Bekleidung in Locksley zu sein. In Gisbornes Nähe zu sein.

„Und wo soll er ruhen? Im Stuhl? So wie die letzten Nächte? Euer Vater ist völlig erschöpft und sollte sich in einem Bett erholen. Immerhin ist er nicht mehr der Jüngste“, erklärte Gisborne mit unverhohlener Genugtuung und richtete sein Wort dann an Edward. „Ihr könnt morgen früh jederzeit wiederkommen, aber bedenkt Eure eigene Gesundheit. Eure Tochter ist hier in guten Händen.“ Damit blieb Edward nichts anderes mehr übrig als sich zu fügen. Er hauchte seiner Tochter noch einen liebevollen Kuss auf die Wange und verließ das Zimmer. Jedoch nicht ohne sich noch einmal umzudrehen und Lucy besorgt anzusehen.

Gisborne stand mit verschränkten Armen am Bett und hatte gewartet bis Edward gegangen war, dann sah er Lucy direkt in die Augen. Es schien als wollte er etwas sagen, doch Lucy wurde dabei unangenehm bewusst, dass sie kaum eine Armlänge von ihm entfernt lag und nichts trug. Lediglich die Decke schütze sie vor seinem Blick. Er sah sie nur an und sie dachte unwillkürlich an den Moment zurück, als er sie tatsächlich nackt gesehen hatte und sie errötete.

„Gute Nacht Mylady…“, sagte er schließlich und wandte sich zum Gehen. Bevor er die Türe hinter sich schloss, sah er sie noch einmal an und sein Blick wurde weich als er leiser sagte: „Lucy.“

Lucy erschauerte und erinnerte sich mit Entsetzen, dass sie in ihren Fieberträumen Gisbornes Stimme gehört hatte, wie er sagte sie sei in guten Händen. Hatte sich Gisborne um sie gekümmert? Hatte er sie ausgezogen und ins Bett gelegt? Hatte er sie schon wieder nackt gesehen? Ekel und Abscheu stiegen in ihr auf, bei dem Gedanken daran, dass sie nicht bei Bewusstsein gewesen war.
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