Lady Lucy von Knighton

GeschichteRomanze / P18
Sir Guy of Gisborne
16.10.2014
16.10.2014
26
29.377
3
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
16.10.2014 1.190
 
Es klopfte an der Türe. Lord Edward von Knighton war ob der späten Ruhestörung ungehalten. Immerhin hatte er vorgehabt ein entspannendes Bad zu nehmen und sich danach zur Nachtruhe zu betten. Die Magd hatte schon alles vorbereitet und er wollte sich gerade nach oben begeben, als jemand an die Türe pochte. „Wer ist da?“ fragte Edward laut und befehlsgewohnt. „Sir Guy von Gisborne!“, kam die vor Wut verzerrte Stimme des „schwarzen Ritters“, der rechten Hand des Sheriffs von Nottingham. „Öffnet die Türe! Sofort!“, verlangte er unwirsch.

Noch vor drei Jahren hätte Edward wegen der späten Ruhestörung und des mangelnden Respekts von Gisborne den Eintritt verwehrt und den jüngeren Mann zurechtgewiesen. Doch in diesen Zeiten war einzig das Wort des neuen Sheriffs und dessen Handlanger Gisborne Gesetz. Und diesem durfte sich Edward auf keinen Fall wiedersetzen, sonst würde es ihm so ergehen wie manch einem anderen Adligen. Manche verschwanden einfach spurlos, die meisten wurden einfach nur enteignet. Edward wollte daher auf keinen Fall Unfrieden zwischen sich und dem Sheriff stiften. Vor allem da vor ein paar Tagen erst erfahren hatte, dass seine Tochter Lucy gegen die Unterdrückung kämpfte. Zumeist nachts und verkleidet schlich sie als sogenannter Nightwatchman von Haus zu Haus und verteilte Essenspakete und Geldrationen an die Armen und Bedürftigen. Zuerst war ihr Vater aufgebracht gewesen, denn damit bedrohte sie den Frieden zwischen ihrer Familie und dem Sheriff, doch solange sie unerkannt blieb, das sah ihr Vater bald ein, war sie auf der richtigen Seite und half den Menschen damit.

„Was wollt Ihr zu so später Stunde?“, fragte Edward gezwungenermaßen höflich, während er die Türe aufsperrte. Gisborne stürmte sofort herein und verschwendete keine Zeit mit irgendwelchen Erklärungen. „Ist Eure Tochter im Haus?“. Edward juckte es brennend zu fragen welche Tochter Sir Gisborne den im Sinn hatte, doch er besann sich eines Besseren. Wenn Gisborne in einer solch schlechten Stimmung anzutreffen war, sollte man nicht mit ihm Scherzen. „Warum wollt Ihr sie zu dieser Zeit noch sprechen?“, fragte Edward und hoffte er fand eine Möglichkeit Gisborne wieder zum Gehen zu bewegen. Doch dieser wandte sich grimmig um und seine Augen funkelten gefährlich als er knurrte: „Ist sie da oder nicht?“.

Sie war nicht da. Lucy war wieder einmal als Nightwatchman unterwegs. Doch was sollte ihr Vater sagen? Warum sollte sie alleine und zu so später Stunde aus dem Haus sein? Also blieb Edward nichts übrig als zu lügen.

„Sie ist oben. Ich nehme an sie schläft bereits“, antwortete er und hoffte damit sei alles geklärt. „Ich muss sie sofort sprechen“, stellte Gisborne nur fest und stürmte bereits die Treppe nach oben.

Eigentlich hätte Edward deswegen erbost werden müssen, denn immerhin war Gisborne weder mit seiner Tochter verheiratet noch mit ihr verlobt und hatte damit kein Recht sie in der Nachtruhe zu stören. Jedoch war ihm angst und bange ob der Entdeckung Gisbornes, dass Lucy nicht im Haus war und ihr Vater damit gelogen hatte. Er rannte ihm daher hinterher und wollte an seine Vernunft appellieren, als dieser bereits die erste Türe aufgerissen hatte.

Gisborne stoppte in der Bewegung und als Edward ihn erreichte, erkannte er warum.

Lucy stand mit dem Rücken zu ihnen vor der gefüllten, dampfenden Wanne und hatte sich augenscheinlich gerade daraus erhoben, denn sie war zum einen klatschnass und zum anderen nackt. Sie drehte sich wegen der Störung zu ihnen um und bekam einen großen Schrecken. „Sir Guy!“, rief sie vorwurfsvoll und ihre Augen suchten nach einem Handtuch um sich zu bedecken. Doch diese waren ausgerechnet auf der anderen Seite der Wanne. Daher bedeckte sie ihre Blöße mit ihren Händen und wandte sich wieder ab.

Edward reagierte instinktiv und packte Gisborne etwas zu grob an der Schulter um ihn aus dem Türrahmen zu ziehen und die Türe wieder zu verschließen. „Was fällt Euch ein?“, fragte Edward wütend und warf alle Vorsicht über Bord. Gisborne hingegen war noch immer so überrascht von dem was er gesehen hatte, dass er gar nicht bemerkte wie er angefahren wurde. Blinzelnd stammelte er: „Es… ich…“ Dann besann er sich etwas, straffte die Schultern und erklärte: „Verzeiht mir Lord Knighton. Ich lag offensichtlich falsch in der Annahme Eure Tochter eben in Nottingham gesehen zu haben.“ Er wandte sich ab und wollte gehen, als er noch hinzufügte: „Richtet Eurer Tochter mein Bedauern über die Störung aus.“ Da Edward nichts erwiderte, ging er davon.

Als die Türe hinter Gisborne ins Schloss fiel, atmete Edward erleichtert aus und klopfte an die Türe hinter sich. „Lucy? Sir Gisborne ist weg, darf ich eintreten?“. „Komm herein“, kam die Antwort.

Sie hatte sich inzwischen ein Handtuch umgeschlungen und saß nun auf einem Stuhl neben dem prasselnden Kaminfeuer. Jetzt, da er mehr Zeit hatte erkannte Edward eine Spur von nassen Fußstapfen vom Fenster zur Wanne und direkt neben der Wanne ein Haufen von triefenden Kleidungsstücken. „Was…?“ setzte Edward fragend an, als Lucy ihren tropfenden Rotschopf schüttelte und nur seufzte. „Es ist besser wenn du nichts weißt“, antwortete sie dann. „Ich weiß du warst in Nottingham!“ reagierte ihr Vater aufgebracht und verlangte zu wissen: „Was ist geschehen?“ Lucy sah auf und seufzte wieder, diesmal jedoch um sich zu überlegen wie sie ihrem Vater alles erzählen konnte.

„Es war eine Falle vom Sheriff um mich zu fangen und das wäre auch fast geschehen. Doch ich konnte ein Pferd stehlen und bin so schnell ich konnte davon. Im Sherwood Wald stieg ich dann vom Pferd ab, denn wenn sie das Pferd in unseren Stallungen gefunden hätten, wäre ich enttarnt gewesen und bin zu Fuß weitergerannt. Dabei bin ich im Dunkeln in den See gefallen. Als ich hier ankam, habe ich meine Kleidung ausgezogen und wollte mich eigentlich abtrocknen, als auch schon Gisborne in der Türe stand“, berichtete sie und wrang dabei ihre Haare aus. „Ich dachte ich sterbe!“, fügte sie noch hinzu. Edward war sich sicher sie meinte es in doppeltem Sinne. Dass ein Mann sie nackt gesehen hatte und dass sie fast am Galgen gebaumelt hätte.

„Zum Glück hat er die nasse Kleidung und deinen Trampelpfad nicht entdeckt“, seufzte Edward auf. „Warum war er überhaupt hier? Niemand konnte mich erkannt haben“, wunderte sich Lucy. Ihr Vater war davon etwas beunruhigt und erklärte ihr: „Er meinte er habe dich in Nottingham gesehen. Heute Abend.“ Lucy bekam große Augen und schien zu wissen warum. „Was?“ fragte ihr Vater alarmiert. „Er könnte meine Haarspange gefunden haben“, vermutete sie. „Ich hatte zwei im Haar, aber als ich hier ankam hatte ich nur noch eine. Ich hatte angenommen sie im See verloren zu haben.“

Edward bebte vor Wut und wetterte: „Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass sich so etwas nicht ziemt! Du bist eine junge Frau und kein Mann! Es war nur eine Frage der Zeit bis du allein wegen deiner Haare enttarnt werden würdest. Ich verbiete dir weiterhin diesem Unfug nachzugehen.“ Lucy stand erbost auf. „Aber ich muss etwas unternehmen! Ich ertrage es nicht mitanzusehen wie Kinder verhungern und Kranke leiden!“, rief sie aufgebracht. „Und trotzdem verbiete ich es dir!“, bestimmte Edward und Lucy stürmte zornig davon. Als er alleine im Zimmer war, beruhigte er sich etwas und flüsterte: „Und ich ertrage es nicht mitansehen zu müssen wie meine jüngste Tochter am Strick baumelt.“
Review schreiben