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Gottes Spiel

von C-Sor
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Übernatürlich / P16 / Gen
Engel & Dämonen
15.10.2014
03.02.2015
5
9.706
 
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15.10.2014 2.161
 
Langsam trugen Gabriels Schwingen ihn durch die dichte Wolkendecke hindurch. Die weißen Federn fingen den Wind zwischen sich auf, während er in einen Sturzflug überging. Immer schneller raste er hinab, scheinbar ohne einen sichtbaren Boden auf den er sich zubewegte. Stattdessen brach er durch immer mehr Ebenen aus Wolken, bis sie sich in ein Gewirr aus tausenden Farben hüllten, die in Sekundenschnelle an dem Engel vorbeizogen, bis ihn endlich ein grelles Licht erfasste und er seinen Sturz abbremste. Er schwebte über einer riesigen Fläche aus Wasser, das Meer, wie die Menschen es nannten.
Einige Momente verharrte er ruhig in dieser Position, die Flügel stetig in Bewegung um ihn in der Luft zu halten. Die irdische Luft flutete seine Lungen, während er darauf wartete, dass Gottes Hand ihm eine Richtung weisen würde, in der jene Menschen warten würden, die die Kräfte ihres Herren tragen sollten.
Endlich erhob sich ein leichter Wind, den die Menschen wohl als nichts anderes als eine Meeresbrise wahrgenommen hätten, der dem Engel allerdings, dessen Glaube an Gottes Allmacht unerschütterlich war, jene Richtung gab, die sein Ziel sein sollte.

Ruckartig setzte sich Gabriels Abbild in der Kristallkugel in Bewegung und schoss, kaum oberhalb der Wasseroberfläche über den Ozean, wobei er eine Schneise in die Flüssigkeit riss.
„ Es hat also bereits begonnen.“, kicherte eine kindliche Stimme und einige tänzelnde Schritte trugen den zierlichen Körper einige Male durch den Raum, bevor der junge Mann lächelnd wieder zum Stehen kam und sich nach vorne beugte, wobei er sein Kinn auf die linke Schulter einer Person legte, die gänzlich unter einem schwarzen Mantel verschwand, abgesehen von einem Ansatz ihres alten und von Falten durchzogenen Gesichtes und den Fingern ihrer knochigen Hände, die seitlich an der Kristallkugel lagen, mit der die beiden Personen Gabriel beobachtet hatten.
„ ich bin ja so aufgeregt.“, lachte die Stimme wieder und der Junge erhob sich, wobei sein hellrotes Haar ihm ins Gesicht peitschte und eine einzelne Strähne genau zwischen seinen Augen kleben blieb. Er wirkte verspielt und ohne Sorgen wie er da im Raum stand, mit dem breiten, frechen Grinsen auf den Lippen, während die ältere Person reglos auf die Kugel blickte, in der weiterhin Gabriels Reise wie in einem Film gezeigt wurde.
„ Vergebt mir meine überschwängliche Freude, ehrwürdige Hekate.“, flüsterte er abrupt und das Lächeln schwand aus seinem Gesicht, welches plötzlich um unzählige Jahre altern zu scheinen, nur weil sein Blick ernster geworden war. Aus dem Kind war ein Mann geworden, der genau gefühlt hatte, wie die Laune der vermummten Gestalt, die Atmosphäre in dem Raum geändert hatte. Eine eisige Kälte, die selbst dem himmlischen Wesen einen Hauch von Furcht durch den Verstand jagte, hatte sich breit gemacht, während die alte Gestalt eine ihrer Hände erhob und ihm mit einem kurzen Wink deutlich machte, dass seine Zeit in ihrem kleinen Reich vergangen war und er sich wieder in die Außenwelt begeben sollte. Er war ein Kind unter den Engeln, doch verging selbst dem fröhlichsten Kind das Lächeln im Angesicht des Todes.
Langsam lief er rückwärts in Richtung der Tür, durch die er die Kammer betreten hatte, den Blick fest auf die erhobene Hand gerichtet. Ein flackerndes Feuer warf den Schatten des Körperteils auf die gegenüberliegende, dunkelbraune Holzwand, die von Löchern durchzogen war und an der vereinzelte Würmer und Maden entlang krochen. Ansonsten war der Raum fast leer, die Feuerstelle im Kamin, der Tisch in der Mitte mit der Kristallkugel und ein einziges Regal, das voll gestellt war mit Büchern und Gefäßen, mit mysteriösen Inhalten die man gar nicht genauer hinterfragen wollte.
Er spürte wie er mit dem Rücken gegen die Tür stieß im selben Augenblick als das Knarzen der Holzbretter erklang. Ruckartig wirbelte er herum, verschwendete seine Konzentration nicht auf das optische Erscheinungsbild dessen was vor ihm lag, eine Tür deren Bretter vermodert und auseinander gebrochen waren und die scheinbar von magischer Hand zusammengehalten wurden.
Sein schmalen Finger umfassten einen Messingknauf, drehten ihn, während er das Objekt aufdrückte, nach draußen trat und das Tor zu Hekates Welt schnell hinter sich verschloss.
Die kalte Hand die seine Seele umfasst hatte schwand und wich einer physischen Kälte, die die Härchen auf seinen Arme augenblicklich aufrichtete und ihm einen Schauder über den Rücken jagte, der jedoch nichts im Vergleich zu der panischen Angst war, die ihn vorher im Griff hatte.
Einen Augenblick stand der junge Mann still da, beobachtet den Atem den er aus seinem Mund ausstieß, der in der kalten Nachtluft zu weißem Dampf wurde. Endlich konnte er die lähmende Panik überwinden und richtete seinen prüfenden Blick hinter sich.
Er lehnte an einem dicken Baumstamm, nicht mehr. Da war keine Tür, keine Löcher, durch die das Innere angedeutet wurde, ein gewöhnlicher Baum, mit zugegeben sehr schwarzem Holz aber nicht mehr.  
Sanft strich er über die Oberfläche der Rinde, bevor er ruckartig herum wirbelte und sich federnden Schrittes auf den Weg machte. Ein frohes Pfeifen auf den Lippen trugen ihn seine Beine einen in den Waldboden getretenen Pfad entlang, wobei er immer mal wieder einen kurzen Sprung tat oder stehen blieb um sich entspannt zu strecken.
Sein Erscheinungsbild wollte sich einfach nicht in seine Umgebung fügen, dieser Junge wie er mit seinem frechen Gesichtsausdruck und dem breiten Grinsen durch den wohl unheimlichsten Ort lief, den man sich vorstellen konnte. Ein vereinzelter und entlegener Pfad, der sich durch einen Wald schlängelte, dessen Bäume frei waren von Blättern und dessen Boden nicht mit grünem Gras gespickt war, sondern von tiefen Rissen durchzogen war, als wäre der Grund selbst mit Narben übersät. Graue Erde und abgestorbene Baumstämme, so weit das Auge nur reichte und kein Leben, egal wohin das Auge streifte.  
Jener Ort war es, den die Engel als das „dunkle Paradies“ kannten, ehemals bekannt als ein heiliger Garten, an dem Gott die Freiheit des Menschen erprobte, indem er ihm damals erlaubte alles zu verzehren und zu nutzen was in diesem Garten existierte, solange sie die Früchte eines einzelnen Baumes mieden. Er erteilte ein Verbot, das für jedes andere Wesen bindend gewesen wäre, dessen Überwindung den Menschen aber keine Mühe bereitete.
Nachdem er also die Früchte jenes einen Baumes verzehrt hatte entfernte Gott den Menschen aus dem Paradies und schickten ihn zur Erde hinab, während sein Garten zu verfaulen und zu sterben begann. Sein prächtiges Leben verwelkte und nur einige wenige Kreaturen des Himmels wagten es noch einen Fuß an diesen Ort zu setzen, darunter Hekate, der Engel des Orakels.
Abrupt stoppte der junge Mann seine Schritte, als ein Laut an sein Ohr drang. Die beruhigenden Klänge einer Flöte tönten durch die toten Bäume und ließen eine sanfte Melodie erklingen. Langsam richtete der Engel seinen Blick nach oben, bis er hoch oben in den schwarzen Wolken zwei gigantische Flügel erkannte, deren kräftige Schläge eine Person zu Boden trugen, die mit geschlossenen Augen, scheinbar voller Ruhe wartete, bis ihre Füße den zerfetzten Untergrund berührten. In seinen Fingern lag eine weiße Flöte, auf der die langen, schmalen Finger mit geübten Bewegungen umher tanzten, während er dem Instrument ein bezauberndes Lied entlockte.
Anders als die Flügel eines Erzengels, wie Gabriel, waren seine Flügel in ein dunkles Waldgrün getaucht, ähnlich der Farbe seiner Haare. Einige Augenblick stand er reglos da, bevor seine Flügelschläge sich verlangsamten und sich die Schwingen auf seinem Rücken zusammen falteten.
Seine Kleidung war einfach und schlicht, eine Stoffhose und ein weißes Hemd, mit hochgeschlagenem Kragen.
„ Pan, was bringt dich hierher?“, begrüßte ihn der Junge, der jedoch den ehrwürdigen Ton vermied, den er aus Angst vor Hekate angeschlagen hatte. Die grazilen Bewegungen der Finger erstarben und kurz darauf schwand auch der Klang des Musik aus ihrer Umgebung, bevor Pan das Mundstück der Flöte langsam von seinen Lippen löste und das Instrument in einer Tasche verstaute, die an seiner Seite hing.
„ Gabriel erreicht in Kürze die Erde. Vater will, dass wir uns ebenfalls auf den Weg machen.“, erklärte der Flötist und setzte ein freundliches Lächeln auf seine Lippen.
„ Ich muss ohnehin noch einmal zu ihm.“, kam die grinsende Erwiderung, während er sich seinem Bruder mit tänzelnden Schritten nährte und mit einem gezielten Griff die Flöte aus seiner Tasche stibitzte. Amüsiert drehte er das makellose Instrument zwischen seinen Finger und versuchte seinerseits einige Klänge zu produzieren, doch vergebens, jener Flöte konnte nur durch Pans Odem Musik entlockt werden, dem Atem des Engels der Natur, etwas das dem rothaarigen Knaben, Loki, dem Engel der Streiche vorenthalten war.
Angeblich lag es sogar in den Fähigkeiten Pans mit dem Spielen des richtigen Instruments ganze Felder und Wälder erblühen zu lassen und selbst die Quelle eines Baches zu erschaffen, doch zumindest an diesem Ort wäre es ohnehin sinnlos, hier sollte die Natur einfach nicht ihren Platz finden, hier hatte sich längst der Tod eingenistet.
„ Dann sollten wir uns beeilen.“, erklärte Pan und entriss seinem Bruder die Flöte wieder, ließ sie dieses Mal jedoch nicht aus seinen Händen, während Loki frech nickte und seine Hände zu seinem Rücken führte. Er trug ein Hemd, ähnlich dem von Pan, dessen Knöpfe jedoch nicht bis oben geschlossen waren und dessen Kragen nicht aufgerichtet war. Auch war es an vielen Stellen mit Flecken bedeckt. Er blieb nun einmal ein Kind unter den Engeln.
Seine Finger krallten sich durch den Stoff in seinen Rücken und zerrten an seiner Haut bis sie ruckartig aufriss und das Federkleid seiner Flügel seine Kleidung durchbrach. Ruckartig weiteten sie sich zur ganzen Spannweite, nicht ohne seinem Bruder einmal mit einer Feder provokant über das Gesicht zu streichen. Das Gefieder, welches sich aus seinem Rücken gelöst hatte war im Ansatz zwar weiß, wie das von Gabriel, ging jedoch schnell von einem leichten Rotstich in ein dunkles Weinrot über, welches sich bis die Spitzen erstreckte.
Kraftvoll begannen die Schwingen der beiden Engel zu schlagen, bis ihre Füße sich vom Grund lösten und sie sich langsam in die Luft erhoben, immer schneller empor stiegen und endlich mit unglaublicher Geschwindigkeit in der schwarzen Wolkendecke des dunklen Paradieses verschwanden.
Ihr Flug führte sie durch ein Gewirr aus Farben, ähnlich dem welches auch den Weg zur Erde begleitete. Das bunte Durcheinander zog an ihren Augen vorbei und wandelte den düsteren Himmel, den sie durchquerten die strahlend hellen Wolken von Gottes Reich. Die Aufregung, die sich in Loki gestaut hatte, seit er Gabriels Abbild über dem Ozean erblickt hatte, erreichte ihren Höhepunkt als sein Blick das goldene Licht am Firmament streifte. Kaum hatte er es erblickt tönte bereits die dumpfe Stimme seines Vaters durch seinen Verstand.
„ Loki, Pan ihr habt euch Zeit gelassen. Kommt zu mir und nehmt meine Kraft entgegen.“
Ein gehorsames Nicken, von Seiten seiner Söhne folgte, bevor sie weiter hinaufstiegen, wobei der Herzschlag des Herrn der Streiche mit jeder Sekunde kraftvoller und aufgeregter wurde. Welche Fähigkeit würde er den Menschen verleihen dürfen? Welche Zerstörungen würden sie damit vollbringen können? Gierig fuhr seine Zunge aus seinem Mund hervor und leckte sich eifrig über seine Lippen, solange bis er endlich die höchste Ebene der Wolkendecke erreichte und neben Pan landete.
Anders als Gabriel, einer der ältesten Söhne, es getan hatte verneigten sie sich nicht, sondern verharrten in einer aufrechten Haltung, lediglich gespannt auf das was man ihnen überreichen würde.
„ Da ihr ohnehin wisst, was ich euren Brüdern und Schwestern bereits mitgeteilt habe, werde ich euch wohl kaum erklären müssen, was ihr zu tun habt.“, donnerte die dunkle Stimme umher und zwei kleinere goldene Lichter, lösten sich von ihrem Ursprung. Im Sinkflug erreichten sie die beiden Engel und kamen in ihren vorgestreckten Händen zum Erliegen. Fast schon feierlich legten sich Lokis Finger um das Objekt seiner Begierde, während er seine kindliche Freude kaum noch unterdrücken konnte und bereits zu Jubelschreien ansetzen wollte.
„ Vater, darf ich euch etwas fragen?“, brach es nach einigen Momenten der Selbstkontrolle aus ihm heraus, in denen er seine Freude verzweifelt zu kontrollieren versucht hatte. Im Grunde war seine Frage sinnlos und lediglich eine Formsache, zumal er die Antwort bereits kannte. Die Engel waren vorherbestimmte Wesen, ihre Zukunft war zu jedem Zeitpunkt eine besiegelte Sache und so war einfach von vorneherein zu bestimmen, was ihnen geschehen würde.
„ Ich weiß um den Gedanken, der sich durch deinen Verstand zieht.“, erklärte die Stimme seines Vaters, als das Licht einen Augenblick noch heller leuchtete als zuvor, wo es die Augen seiner Kinder ohnehin schon reizte.
„ Und was sagt ihr?“, konnte Loki sein Verlangen kaum noch zügeln, während offenes Verlangen sein Gesicht durchzog und fast schon verunstaltete. Einen Moment zögerte die Stimme, dann setzte sie wieder ein und ihre Worte ließen den rothaarigen Engel in eine Euphorie ausbrechen, die keinerlei Zurückhaltung mehr kannte, jedes Gefühl welches die Menschen ähnlich dem Verlangen zuordnen würde zeichnete seine kindlichen Züge.
„ Das Spiel das vor uns liegt, soll lange wären und viel Unterhaltung bieten. Es wäre nicht von Vorteil, würde ich einem Herren der Spiele und Streiche die kurze Leine anlegen, die er eigentlich verdient.“
„ Danke Vater, danke!“, schrie der Junge fast schon empor, während neben ihm auch Pan sich eines leichten Grinsens nicht erwehren konnte. Sie hatten das Hindernis umschifft, das ihnen im Weg gestanden hatte. Nun war es an der Zeit ihr Spiel zu beginnen, das Spiel der Engel.
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