Ich zeige Dir die Angst in einer Handvoll Staub - Remake "The Stand" von Stephen King

GeschichteAbenteuer / P16
15.10.2014
25.08.2015
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Der Regen, den sie in New York als schwarze Wolken und in New Jersey als feuchten Geruch in der Luft wahrgenommen hatten, war weitergezogen, und der Rest des Tages präsentierte sich ihnen freundlich.
Dennoch hatten sie nur noch eine kleine Strecke hinter sich gebracht und richteten sich jetzt ein Lager für die Nacht ein, mitten im Nirgendwo am Rand eines kleinen Wäldchens.
Die Kinder waren am Ende, weit mehr als nur körperlich erschöpft, und auch den beiden Erwachsenen ging es nicht anders, sodass sie stumm zu Abend aßen und dann die Jungs fürs Bett fertigmachen wollten.
„Wie machen wir das?“, wollte Hugh wissen, während er Oscar beim Umziehen half. „Schlafen die Kiddies bei uns, oder ...?“
„Ich will mit Lukas in einen Schlafsack!“, stellte Oscar entschieden fest und Lukas war der gleichen Ansicht, nachdem Leah leise mit ihm auf Deutsch gesprochen hatte - der Kleine lernte die fremde Sprache gerade erst.
„Jaaa, dann ...“ Hugh sah Leah fragend an, hatte er doch zwei Doppelschlafsäcke mitgenommen. „Geht das denn? Können wir in einem Schlafsack schlafen?“
„Wenn du nicht schnarchst ...“ Leah zwinkerte ihm zu, ehe sie ernsthaft die Schultern hob. „Es macht mir nichts aus“, war sie ehrlich. „Wenn es dich nicht stört, können wir es so machen.“
„Gut, dann ... machen wir es so.“ Hugh hatte nichts dagegen, er mochte Leah gerne und wollte den Kindern ihren Wunsch erfüllen, sodass die sich wenig später im Schatten eines Baumes zum Schlafen aneinander kuschelten, beinahe wie junge Welpen.
„Ich hoffe, ihre kleinen Seelen haben nicht zu sehr gelitten“, flüsterte Leah, während sie die beiden beobachtete, und Hugh nickte langsam, ehe er sie forschend ansah.
„Du hättest es mir wirklich schon in der Wohnung sagen müssen, Lady!“, tadelte er sie noch im Nachhinein. „Du bist da drin fast vor Angst gestorben, hab ich recht?“
„Ja“, gab sie schlicht und einfach zu. „Aber ... was hätten wir machen sollen? Die Brücken waren einfach zu weit weg! Wir hätten alleine zwei Tage durch dieses Leichenhaus irren müssen, um sie zu erreichen!“
„Trotzdem.“ Hugh konnte nicht umhin, er bewunderte sie dafür, aber es machte ihn gleichzeitig wütend. Wenn sie im Tunnel vollends zusammengebrochen wäre ... Er mochte sich dieses Bild gar nicht ausmalen.
„Verzeih mir, Logan!“, schnurrte sie regelrecht und schenkte ihm ein weiches Lächeln. „Darf ich dich überhaupt so nennen?“
„Ja, darfst du.“ Er grinste erheitert. „Es ist besser, denke ich. Hier draußen werde ich eine Rolle spielen müssen, und er ist doch wahrlich die beste Wahl, was denkst du?“
„Ich ...“ Leah hob die Schultern, denn wenn sie ehrlich war, so hätte sie gerne gewusst, wie es in Hugh Jackman aussah, aber diese Frage durfte sie ihm nicht stellen, das wusste sie - damit würde sie den Zauber zerstören, der ihn aufrecht hielt. Also verabschiedete sie sich in Gedanken von Hugh Jackman und hieß Logan Howlett willkommen.
Leah richtete ihnen ein Nachtlager ganz dicht bei den Kindern ein und Logan sammelte noch einen Armvoll trockenes Holz für den nächsten Morgen, bevor er zu ihr kam und sich aus seinen Stiefeln und der Jeans schälte, ehe er in Unterhosen und T-Shirt in seine Seite des Schlafsacks rutschte. Leah folgte ihm Augenblicke später und drehte ihm den Rücken zu.
Wenige Minuten danach waren sie alle eingeschlafen.

*.*.*

Logan wachte mitten in der Nacht auf und hatte im ersten Moment keine Ahnung, wo er sich befand und was ihn geweckt hatte. Alles war fremd, selbst er selbst fühlte sich anders als gewohnt an. ‚Logan‘, dachte er. ‚Ich bin nicht mehr Hugh. Ich bin jetzt Logan.‘ Es erstaunte ihn, wie schnell er das verinnerlicht hatte.
In der nächsten Sekunde durchfuhr ihn schreckliche Angst, Oscar könnte fort sein, aber als er sich aufsetzte, konnte er die Kinder im diffusen Licht der Sterne dicht bei sich friedlich schlafen sehen.
Aber die andere Seite seines Schlafsackes war leer, und als sich sein Herzschlag wieder beruhigte, konnte er Leah hören - sie schluchzte und wimmerte, wobei sie diese Laute zu unterdrücken schien. Dadurch klang sie, als bekäme sie keine Luft mehr.
Als sich seine Augen vollends an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, konnte er sie ein Stück entfernt an einen Baum gelehnt sitzen sehen, die Taschenlampe zu ihren Füßen, die einen hellen Lichtstreifen aus der Nacht schnitt.
Offenbar hatte sie schlecht geträumt und im Licht Zuflucht gesucht, was Logan im Herzen wehtat, aber ... er war tief in sich drin bewusst, dass sie ihn nicht bei sich haben wollte, nicht gerade jetzt. Sie hätte den Schlafsack nicht verlassen müssen, sie hätte ihn wecken können, dann hätte er sie in den Arm genommen und getröstet, aber ... das hatte sie so ganz offenkundig nicht gewollt.
Also streckte er sich wieder auf der Seite aus, das Gesicht zu ihr gewandt, und beobachtete sie einfach stumm, wie sie sich ganz klein machte, die Beine an den Körper gezogen, die Arme fest darum geschlungen, und ganz verzweifelt weinte.
Irgendwann versiegten die Tränen und sie wischte sich die Wangen ab, um noch eine Weile in den Streifen Helligkeit zu starren, ehe sie die Lampe ausschaltete.
Offenbar hatte sie wirklich große Angst im Dunkeln, denn er konnte ihre nackten Füße über den weichen Boden rennen hören, ehe sie mit einer einzigen, fließenden Bewegung in den Schlafsack glitt und er ihren hektischen Atem hörte, während sie versuchte, ihn nicht zu wecken.
Er stellte sich derweil schlafend, lauschte einfach, bis sich ihr Atem beruhigt hatte, dann drehte er sich langsam zu ihr um, brummelte dabei wie im Schlaf und legte einen Arm zu ihr. Leah drehte sich unter dieser Berührung, brachte ihr Gesicht dicht an seines und seine Hand lag auf ihrer Hüfte, wo sie ihn einen Augenblick lang berührte, ehe sie versuchte, wieder einzuschlafen.

*.*.*

14. Juni 2006
Als Logan das nächste Mal wach wurde, war es kurz nach halb neun, die Sonne schien und die Vögel zwitscherten. Er nahm das alles mit einem wohligen Seufzen wahr und ließ die Augen noch für einen Moment geschlossen, um die klare Luft einzusaugen, während er neben sich eine Regung spüren konnte.
„Guten Morgen“, wünschte ihm Leah verschlafen und setzte sich auf, damit sie nach den Kindern sehen konnte, die aber noch schliefen. „Gott, ist das nicht wunderschön? Unter dem Sternenzelt zu schlafen und dann mit so einem Morgen aufzuwachen?“
„Jaaa, das ist wunderschön.“ Er grinste leicht, ehe er sich ebenfalls aufsetzte und ihr ins zerknitterte Gesicht sah. „Hast du gut geschlafen?“
„Gut und traumlos“, erwiderte sie sofort. Viel zu schnell für seinen Geschmack. Dabei schaffte sie es sogar, den Blick seiner Wolfsaugen zu erwidern. „Und du?“
„Wirklich gut.“ Er lächelte freundlich. „Was denkst du, setzen wir uns einen Kaffee auf und warten, wann die Kiddies wach werden?“
„Das klingt hervorragend.“ Leah reckte sich genüsslich, dann zog sie die Beine an den Körper und stieg aus dem Schlafsack. „Da hinten ist ein kleiner Bach, der reicht zum Augenauswaschen, was denkst du?“
„Aber ich würde es nicht trinken“, warnte Logan sie. Leah nickte knapp, ehe sie zwischen den Bäumen verschwand.
Er ging derweil in die andere Richtung, außer Sichtweite ihres Lagers, und pinkelte genüsslich gegen einen Baum, ehe er zurückkehrte und sich daran machte, ein Feuer zu entfachen.
Als Leah wiederkam, hatte sie die langen Haare zu einem lockeren Zopf geflochten und sah wirklich frisch aus, fröhlich und ausgeschlafen. Er streckte eine Hand nach ihr aus, damit sie sich neben ihn auf den Boden setzte, die Beine unterschlagen.
„Hast du darüber nachgedacht, wohin wir eigentlich wollen?“, fragte sie ihn, als er den leichten Wasserkessel auf das Feuer stellte.
Er hob nur die breiten Schultern, um sie anzusehen. „Und du?“, fragte er zurück, wollte er doch nicht sämtliche Entscheidungen alleine treffen, was sie das Gesicht verziehen ließ.
„Ich denke, wir sollten in die Zukunft denken“, breitete sie dann ihre Gedanken vor ihm aus. „Ich meine, diese Seuche hat - Dank unserer modernen Verkehrstechnik - nicht nur die USA vernichtet, oder? Das wissen wir ja ...“, fügte sie sehr leise hinzu und Logan nickte. „Ich weiß nicht, wie hoch wird die Ansteckungs- und Sterblichkeitsrate gewesen sein? Ich meine, New York hatte mal gute acht Millionen Einwohner! Wie viele Lebende haben wir auf den Straßen gesehen? Wie viele mag es noch geben?“
„Ich denke, die Supergrippe war sehr gründlich.“ Er hob fröstelnd die Schultern, während die Kinder wach wurden. „Vielleicht fünfundneunzig Prozent? Vielleicht mehr.“
„Gut, rechnen wir mal damit.“ Leah ließ sich nicht ansehen, wie sehr sie dieser Gedanke erschreckte. „Wir hatten irgendwann mal acht Milliarden Menschen auf dem Planeten, richtig? Wenn fünf Prozent überlebt haben, heißt das, dass noch etwa ... vierhundert Millionen Menschen übrig wären.“ Sie hob erneut die Schultern. „Das bedeutet für eine Zivilisation wie die unsere das Aus. Es gibt kein Personal mehr, um die Fabriken am Laufen zu halten, die uns mit Energie versorgt haben. Keine Raffinerien, keine Atomkraftwerke.“
„Lady, ich wollte eigentlich wissen, in welche Richtung wir gehen wollen“, unterbrach er sie mit einem Schmunzeln, während die Kinder zu ihnen kamen und sich in den Arm nehmen ließen. „Keine Aufstellung unserer Soll- und Haben-Werte.“
„Jaaa, schon gut.“ Leah verzog das Gesicht. „Also, ich denke, wir sollten in einen Teil der Staaten gehen, wo Landwirtschaft betrieben wurde, denn alleine das wird uns das Überleben sichern.“ Sie sah ihm fest ins Gesicht. „Diesen Winter können wir vielleicht noch mit den Dingen überleben, die aus der ‚Alten Welt’ geblieben sind, aber dann sollten wir uns wirklich Gedanken machen.“
„Gut, das war doch eine Aussage.“ Er zwinkerte ihr munter zu. „Also in den Mittleren Westen, richtig? Kansas, Nebraska ...“
„Ja, so hatte ich mir das gedacht.“ Leah hob die Schultern. „Aber es ist ein unglaublich langer Weg, Logan! Das können wir nicht zu Fuß bewältigen.“
„Nein, mit Sicherheit nicht.“ Darüber war er sich längst im Klaren und warf jetzt Kaffeepulver in das kochende Wasser. „Ich hatte ursprünglich über Motorräder nachgedacht, aber ...“ Er legte den Kopf schief. „Kannst du fahren?“
„Ich könnte es lernen.“ Sie hatte einen Anflug von Arroganz in den Augen und er nickte auch nur versonnen.
„Oh, das könntest du mit Sicherheit“, gab er ernsthaft zurück. „Aber ich denke, mit den Kids sollten wir das vielleicht vergessen. Wir bräuchten Motorräder mit Beiwagen, und damit würden wir die Beweglichkeit einbüßen.“
„Hm.“ Mehr sagte sie nicht, sondern dachte ganz offenkundig darüber nach, ehe sie die Schultern hob. „Lass uns die nächste kleine Stadt erreichen, dann sehen wir weiter, ja?“
„Einverstanden.“ Er war froh, dass sie immerhin ein Ziel hatten, und so machten sie sich ein Frühstück aus den getrockneten Lebensmitteln, ehe sie das Lager abbrachen und sich fröhlich auf den Weg machten.
Das Grauen von New York und dem Lincoln Tunnel hatte im Sonnenschein keine Macht mehr über sie.

*.*.*

Sie hielten sich den ganzen Tag auf kleinen Nebenstraßen mehr oder weniger parallel zum Highway. Hin und wieder konnten sie die Autolawine durch die Bäume sehen, aber weder Leah noch Logan war scharf darauf, erneut in die stinkende Nähe der Leichen zu kommen.
Ein paar abseits gelegene Häuser hatten sie gesehen, aber nichts von wirklichem Interesse. Für den Augenblick genossen sie das wunderbare Wetter, die frische Luft und die Stille, die nur von den Geräuschen der Natur untermalt wurde.
Die Kinder tollten fröhlich um sie herum und schienen den Albtraum bereits gänzlich vergessen zu haben, was Logan immer wieder grinsen ließ. Leah hingegen war wieder ebenso schweigsam wie in den ersten Tagen ihrer Gemeinschaft.
„Hörst du das?“ Scheinbar war sie in tiefe Grübeleien versunken gewesen, denn sie sah ihn irritiert an, als er ihr am späten Nachmittag diese Frage stellte, die Augenbrauen erhoben.
„Was denn?“, fragte sie, aber die Antwort erübrigte sich, als sich das Geräusch wiederholte: Irgendwo in ihrer Nähe wieherte ein Pferd.
„Na, wenn das keine gute Nachricht ist!“ Logan grinste breit und rückte seinen Rucksack zurecht. „Hätte nicht gedacht, dass noch welche von ihnen am Leben sind. Die in New York waren alle tot.“
„Ja, ich weiß.“ Leah starrte ihn immer noch an, als spräche er eine fremde Sprache. „Ebenso, wie die Hunde. Katzen gab es dafür um so mehr.“
„Süße, wenn mich nicht alles täuscht, hat da mehr als nur ein Pferd gewiehert“, erklärte er ihr freundlich und nahm sie an der Hand. „Und das hieße für uns, dass wir ein Transportmittel gefunden haben. ... Kannst du reiten?“
„Kommt darauf an, was unter mir ist.“ Das hatte sie mit einem beiläufigen Ernst gesagt, der ihn für den ersten Augenblick sprachlos machte, ehe er in brüllendes Gelächter ausbrach und schwer die Hände auf die Knie stützte, weil ihm der Bauch wehtat.
„Gott, Lady!“, tadelte er sie und wischte sich Tränen aus den Augen. „Wie kannst du so etwas nur sagen?“
„Sorry, Großer.“ Aber sie grinste dabei und Logan rief die Jungs zu sich, damit sie auf eine staubige Auffahrt abbiegen konnten, die sie hoffentlich zu den Pferden führen würde.
Bäume, Hecken und dichtes Unterholz verwehrte ihnen den Blick auf das Anwesen, aber schließlich durchschritten sie die letzte Kurve und konnten ein weiß gestrichenes Farmhaus sehen, an das sich eine Scheune schmiegte. Im Anschluss daran gab es eine große Pferdekoppel und Logan stieß einen Freudenschrei aus, als er tatsächlich eine Handvoll Tiere entdecken konnte.
„Das ist unser Glückstag, Lady!“, freute er sich ganz offen und beeilte sich, die Koppel zu erreichen, wo sich die Pferde bereits neugierig näher drängten - offenbar hatten sie ihre menschlichen Gefährten vermisst.
Es musste einmal eine recht große Herde gewesen sein, denn hinter dem Haus und der Scheune waren weitere Koppeln, doch die meisten Tiere waren tot und lagen verwesend in der abendlichen Sonne. Lediglich vier von ihnen waren noch auf den Beinen und sahen gesund aus, jedenfalls in Leahs Augen.
„Na, meine Freunde“, sprach Logan sie mit weicher Stimme an und stieg auch schon in bester Cowboymanier über den Zaun. „Geht`s euch denn auch gut, hm?“ Er sprach ganz sanft und freundlich, sodass die Tiere näher kamen, auch wenn sie mit den Ohren zuckten, als er die Hände nach ihnen ausstreckte. Sie ließen sich anfassen, schoben ihm die Schnauzen in die offenen Hände und schnupperten lautstark an seiner Hose, was ihn leise lachen ließ.
„Oscar, pass bitte auf, dass Lukas nicht reinkommt“, bat er seinen Sohn, dann winkte er Leah - sie sollte zu ihm kommen.
Die zögerte auch nur kurz und schärfte Lukas noch ein, bei Oscar außerhalb der Koppel zu bleiben, bis sie ihn holte, ehe sie zu Logan kletterte und neben ihn trat.
„Na, wie gefallen sie dir?“, wollte er mit blitzenden Lausbubenaugen wissen und Leah lächelte ihn an.
„Sie sind wunderschön“, gab sie zurück und streckte ebenfalls die Hände nach ihnen aus. „Und wir wollen also reiten, ja?“
„Dachte ich mir so.“ Er musterte sie fest. „Die Frage vorhin war ernst gemeint, Lady! Kannst du auf einem Pferd reiten?“
„Ich hab das eine oder andere Mal drauf gesessen“, gab sie schwammig zurück. „Aber ich bin keine geübte Reiterin, nein.“
„Und Lukas? Hat er Angst?“, lotete Logan weiter aus, aber Leah verneinte das mit einem Lächeln zu ihrem Sohn, der ganz aufgeregt am Zaun stand.
„Er liebt Pferde“, erklärte sie und hob die Augenbrauen. „Seine Tante hat eines und er ist auch schon geritten, hat also keine Angst vor den Tieren oder der Höhe.“
„Na, das ist doch großartig!“ Logan streichelte weiter die vier Tiere, die sich inzwischen um sie drängten. „Und, welches willst du?“
Die Frage erübrigte sich, denn noch während Leah die Tiere betrachtete, schob eine wunderschöne Falbendame ihre Schnauze an Leahs Hals, um sie zärtlich anzuprusten, was Leah laut lachen ließ.
„Ich glaube, ich hab gerade eine Freundin gefunden!“ Ihre Augen funkelten glücklich. „Wenn mich nicht alles täuscht, ist das eine Stute, richtig? Dann werde ich die hübsche Falbella nehmen.“
„Das ist wirklich unser Glückstag.“ Logan war in die Hocke gegangen, um die anderen Pferde zu betrachten. „Falls ich das immer noch unterscheiden kann, ist unser Freund hier ein Hengst.“ Damit deutete er auf ein pechschwarzes Tier mit weißer Blesse, ehe er sich wieder aufrichtete und neben das Pferd trat, um an seinem Hinterlauf in die Hocke zu gehen. „Es scheint so, als wäre noch alles da“, grinste er und Leah schüttelte langsam den Kopf. „Hier stehen die Stammeltern unserer Pferdezucht, was meinst du?“
„Das klingt sehr vernünftig.“ Leah schwirrte der Kopf, eröffneten ihnen Pferde doch ganz andere Möglichkeiten, auch und vor allem für die Zukunft, wenn das Benzin ausgehen würde.
„Okay, dann ... sehe ich mal in der Scheune nach, was für Sattelzeug da ist.“ Logan grinste immer noch wie ein Honigkuchenpferd und Leah konnte das sehr gut verstehen. Sie streichelte die Tiere, bis er mit Zaumzeug über dem Arm wiederkam, einen Eimer mit Putzzeug in der Hand.
„So, die Lady, darf ich dann bitten?“ Er hielt Falbella ein Zaumzeug hin und ließ sie daran schnuppern, ehe er es Leah in die Hand gab und ihr erklärte, wie sie es der Stute anlegen musste.
Die ließ sich das bereitwillig gefallen und Leah führte sie anschließend an den Rand der Koppel, wo sie den Zügel am Zaun befestigte und Logan den Eimer neben ihr abstellte.
„Wir müssen sie erstmal sehr gründlich striegeln“, erklärte er und nahm schon Putzzeug heraus. „Nach all den Wochen werden sie wahrscheinlich eine Menge Dreck im Fell haben und ich will nicht, dass sie unter dem Sattel wund scheuern.“
„Nein, das fehlt uns noch.“ Leah ließ sich das Putzzeug geben und Logan führte ihre Hände, ehe sie die Arbeit selbst machen konnte.
Dann ließ er die Kinder zu ihnen, die sofort Freundschaft mit Falbella schlossen und von ihr mit der Nase angestupst wurden. Er suchte sich ebenfalls eine Stute aus und begann, sie zu putzen.
Als ihre ausgesuchten Reittiere gestriegelt waren, kümmerten sie sich um die anderen beiden, aber als Logan dem Hengst das Zaumzeug anlegen wollte, scheute der mit einem Wiehern zurück und warf den Kopf in den Nacken, während er aufgeregt mit den Vorderhufen scharrte.
„Na, so was!“ Logan legte den Kopf schief und streckte eine Hand nach ihm aus, was er sich auch nur noch mit zuckenden Ohren gefallen ließ. „Magst du das nicht, Großer?“ Damit winkte er Leah näher und gab ihr das Zaumzeug in die Hand. „Versuch du es“, bat er sie. „Es gibt Hengste, die sich nur von Frauen satteln und reiten lassen.“
„Wirklich?“ Das verblüffte Leah, aber sie ging langsam auf das schwarze Tier zu und der sah ihr aufmerksam entgegen, bis er die Schnauze zu ihr beugte und ihr gegen die Hand prustete, in der sie das Zaumzeug hielt - er würde sich von ihr aufzäumen lassen.
„Braver Junge“, lobte Logan ihn freundlich, als Leah ihm das Halfter über die Ohren zog und die Schnallen schloss. „Sie ist mit Sicherheit eine gute Wahl!“ Er zwinkerte ihr zu und Leah streckte ihm die Zunge raus, ehe sie den Hengst zum Zaun führte und begann, ihn zu putzen.
Im Anschluss an das Striegeln kratzte Logan die Hufe aus und überprüfte die Eisen auf festen Sitz, damit sie nicht unterwegs unerwartete Schwierigkeiten bekommen würden.
Erst dann verschwand er wieder in der Scheune und kam mit einem großen, schweren Sattel zurück, den er auf den Zaun legte, um wieder in die Koppel zu klettern.
„Die haben hier Westernsättel“, freute er sich und wischte sich den Schweiß aus der Stirn. „Darauf hält man es wenigstens den ganzen Tag aus.“
„Gut, dann ...“ Leah sah den schweren Sattel zweifelnd an, aber Logan schob sie einfach nur sachte beiseite und breitete eine Satteldecke sorgfältig auf Falbellas Rücken aus, ehe er den Sattel hinterher wuchtete und die Gurte festzog.
„Lass das mal immer meine Sorge sein“, bat er Leah freundlich, die Augenbrauen erhoben. „Die Sättel sind ziemlich schwer und ich bin ein gutes Stück größer als du, okay?“
„Vielen Dank, Großer!“ Dabei klang eine Menge Spott in ihrer Stimme mit, aber Leah meinte das nicht so und das wusste Logan auch, sodass er ihr einfach das fertig gesattelte Pferd präsentierte und sie daneben trat, um einen Fuß in den Steigbügel zu stellen.
„Ich hab sie grob auf dich eingestellt“, erklärte er ihr, während sie sich abstieß und sich am Sattelhorn nach oben zog. „Wir gucken gleich mal, ob es passt.“ Damit umrundete er Falbella, um sich die Steigbügel ansehen zu können, ehe er langsam nickte. „Wir sollten dann sehen, dass wir vielleicht Cowboystiefel bekommen“, sinnierte er, denn die Wanderstiefel waren zu breit und klobig zum Reiten.
„Gut, dann ... wollen wir doch mal.“ Logan griff die Stute am Zaumzeug, hakte eine Longe in das Halfter ein und führte sie zu einer freien Fläche auf der Koppel, wo sie Platz haben würden. Dann trat er ein paar Schritte zurück, ließ Falbella an der langen Longe und auf ein Zungenschnalzen von ihm setzte die sich in Bewegung.
Im ersten Moment hatte Leah Mühe, das Schwanken des Pferderückens auszugleichen, dann hatte sie den Rhythmus des Pferdes erkannt und wiegte sich nur weich im Becken, während Falbella begann, im Kreis zu gehen.
Eine Weile ging sie im Schritt, dann ließ Logan sie traben und Leah hatte wieder größere Schwierigkeiten, sich zu halten, aber die Stute ging weich und gleichmäßig und Logan gab Leah Anweisungen, wie sie sich zu bewegen hatte.
Schließlich stoppte er das Pferd und schenkte Leah ein Lächeln, das sie sofort erwiderte - die Kinder beobachteten sie die ganze Zeit still vergnügt.
„Jetzt wollen wir mal sehen, ob du sie lenken kannst“, erklärte er ihr. „Wartet hier einen Moment auf mich, ich bin gleich wieder da.“
Er wickelte die Longe im Gehen wieder auf und ging zurück zu den anderen Pferden, die sich immer noch sehr dicht beieinander hielten - die letzten Wochen waren auch für sie nicht einfach gewesen.
„Gut, dann wollen wir.“ Logan schwang sich mit einer unglaublich lässigen Eleganz auf den bloßen Rücken seines Pferdes und trieb es weich an, um zu Leah und Falbella zu gelangen.
„Du musst deine Hacken in ihre Flanken drücken, um sie anzutreiben“, erklärte er ihr und beugte sich zur Seite, um nach ihrem Fuß zu greifen. „Die Zügel sind lediglich zum Lenken da, komm bitte nie auf die Idee, dich an ihnen festhalten zu wollen.“
Spott tanzte in seinen Augen und Leah steckte ihm spontan die Zunge heraus.
„Verrätst du mir, weswegen du ein halber Cowboy bist, du Alleskönner?“, maulte sie.
Logan grinste frech, ehe er die Schultern hob. „Ich hab die meisten meiner Ferien bei einem Freund meines Vaters auf einer Ranch verbracht“, erklärte er offen. „Da hab ich Reiten und eine Menge über Pferde und Rinder gelernt.“
„Okay, damit kann ich leben.“ Leah schenkte ihm ein offenes Lächeln, dann ließ sie sich auf seine Anweisungen ein, neigte sich der Tag doch langsam seinem Ende.
Wenig später gingen die beiden Pferde im Schritt nebeneinander her, beschrieben Kehren und Kreise, bis Logan sie antraben ließ. Aber auch jetzt noch hatte Leah Falbella unter Kontrolle und irgendwann war er zufrieden mit ihr und sie kehrten an den Zaun zurück.
„Genug für heute“, entschied Logan, als er sich vom Pferderücken gleiten ließ. „Ich denke, wir brechen morgen auf? Die Jungs können bei uns vorne mit im Sattel sitzen, das müsste gut funktionieren.“
„Einverstanden.“ Leah war froh, dass sie wieder absteigen konnte, denn es war doch sehr ungewohnt. Logan nahm dem Pferd noch Sattel und Zaumzeug wieder ab, ehe sie die Kinder einsammelten und in der Scheune verschwanden.
Sie würden hier auf dem Heuboden ihr Nachtlager aufschlagen, denn Leah wollte nicht in fremden Betten eines verlassenen Hauses schlafen. Irgendwie machte ihr das alles immer noch Angst und Logan konnte das nur zu gut verstehen, sodass sie für die Kinder ein Nachtlager in einer Ecke des Heubodens einrichtete, während er im Haus verschwand, um sich in Ruhe umzusehen.
Als er wiederkam, schliefen die beiden schon, und Leah saß ein Stückchen von der Leiter entfernt im Heu, hatte die Schuhe und die Jeans ausgezogen und präsentierte ihm lange, leicht gebräunte Beine, was sehr sexy aussah.
„Die Leute müssen hier verschwunden sein, ehe sie zu krank dazu waren.“ Er ließ sich neben ihr nieder und schnürte ebenfalls die Stiefel auf. „Das Haus ist aufgeräumt und verlassen.“
„Und, hast du irgendwas Interessantes gefunden?“ Sie würde den Teufel tun, in den Sachen anderer zu schnüffeln.
Logan hob auch nur die Schultern. „Ich hab nach Lebensmittelvorräten geguckt“, erklärte er ihr und streckte sich dann auf dem Rücken aus, was seine Gelenke und Muskeln hörbar knacken ließ. „Morgen früh könnten wir ein ordentliches Frühstück im Haus haben, wenn du willst: Kaffee, Rührei, Pfannkuchen ...“
„Das hört sich gut an.“ Leah streckte sich neben ihm aus, drehte sich dann aber auf die Seite und sah ihn an. „Wie schaffst du das alles? Ich meine, du bist ein Schauspieler! Ich hätte dich immer für viel weicher gehalten, körperlich weit weniger belastbar.“
„Du verkennst mich, Lady!“ Da knurrte wieder Wolverine aus ihm und Leah bekam eine Gänsehaut auf dem Bauch. „Du stellst dir das zu einfach vor! Für die Rolle des Wolverine musste ich immer richtig hart an mir arbeiten und auch für jeden anderen Film. Und ganz besonders für die Arbeit an einem Musical musst du körperlich in Höchstform sein. Ausdauer und Fitness werden in meinem Job ganz groß geschrieben.“
„Verzeih mir.“ Das klang ganz leise und klein, aber Logan schüttelte nur den Kopf und drehte sich zu ihr, damit er ihr ein paar Haare aus den Augen streichen konnte, die sich in den Wimpern verfangen hatten.
„Wir beide lernen uns doch gerade erst kennen“, nahm er sie freundlich in Schutz. „Mach dir da keine Gedanken, ja? Und ab und an bin ich selbst über mich erstaunt ...“
Dazu sagte Leah nichts mehr und Logan schloss müde die Augen, waren die letzten Tage für ihn doch die Hölle gewesen.
Aber sein Geist war immer noch hellwach, und während sich Leah neben ihm ins Heu kuschelte, verschränkte er die Hände hinter dem Kopf. „Ich hab mich auch in der Scheune umgesehen“, murmelte er undeutlich, denn sein Körper wollte eigentlich schlafen. „Ich hab Gestelle gefunden, die sich für die beiden Packpferde eignen werden, denke ich.“
„Das ist gut.“ Leah war ebenfalls am Einschlafen gewesen, richtete sich jetzt aber noch einmal auf und holte ihnen den Schlafsack, um ihn im Heu auszubreiten. „Komm, zieh dich aus, dann gehen wir schlafen, ja?“
„Schlafen ...“ Das hatte aus seinem Mund einen ganz seltsamen Klang, der Leah die Nackenhaare zu Berge stehen ließ, aber schließlich knöpfte er seine Jeans auf, ohne auch nur die Augen zu öffnen, um sich aus der Hose zu winden, ehe er müde in den Schlafsack kroch und Augenblicke später eingeschlafen war.

*.*.*

Wie bereits in der vorangegangenen Nacht wurde Logan mit einem ekelhaften Gefühl der Desorientierung wach, aber diesmal lag Leah noch neben ihm, offenkundig sehr schlecht träumend, denn sie wimmerte und stöhnte im Schlaf, was ihm eine Gänsehaut verursachte.
Er drehte sich vorsichtig zu ihr um, schob seinen warmen Körper ganz dicht an ihren Rücken und legte einen Arm um sie, während er sich zu ihrem Ohr beugte.
„Ich bin bei dir, kleine Lady“, murmelte er leise und ganz dunkel, war seine Stimme doch vom Schlaf belegt. „Im Dunkeln ist nichts, und nichts scheut das Licht ...“ Dabei streichelte er unendlich sachte ihren Bauch, wobei er durch den Schlafsack hindurch einen Muskel zucken spüren konnte, dann entspannte sie sich spürbar und holte einmal tief und zittrig Luft.
Logan lauschte noch eine ganze Weile auf ihren Atem, ob die Träume zurückkehren würden, und so schlief er dicht hinter ihr wieder ein, seine große Hand lag weiterhin auf ihrem Bauch.

*.*.*

15. Juni 2006
Das Zwitschern der Vögel weckte sie am Morgen, diesmal begleitet vom Wiehern der Pferde auf der Koppel, und Logan streckte sich einen langen Moment genüsslich, was seine Sehnen und Gelenke knacken ließ.
„Na, gut geschlafen?“ Leah war schon vor ihm wach, die andere Seite des Schlafsacks war leer und sie streckte gerade den Kopf über die Leiter zu ihm hoch, damit sie ihm ein Lächeln schenken konnte.
„Tief und fest“, nickte er und sah ihr in die Augen. Dabei konnte er einen bitteren Zug um ihren Mund sehen, der vor ein paar Tagen in New York noch nicht da gewesen war. Aber das machte ihm nicht wirklich Sorgen, denn die Reise und die frische Luft würden die grässlichen Albträume bald wieder abklingen lassen, da war er sich sicher.
„Wir können uns bei nächstbester Gelegenheit mit allem eindecken, was wir gebrauchen können, oder?“ Sie kam noch ein paar Stufen höher, bis sie sich setzen konnte. „Zelte, Kochgeschirr, Kleidung ...“
„Die beiden Pferde können eine Menge tragen“, stimmte Logan zu und schob die Beine aus dem Schlafsack, denn es war schon wieder angenehm warm. „Es wird uns an nichts fehlen, denke ich.“
„Ich bin sehr froh, dass wir euch beide getroffen haben.“ Das seufzte Leah regelrecht, aber Logan nickte nur und musterte sie wieder sanft und durchdringend.
„Ich weiß nicht, ob wir beide alleine jetzt schon aus der Stadt verschwunden wären“, gab er zurück. „Ich glaube, für uns alle war das ein großes Glück.“
„Was denkst du, was wird mit der Welt geschehen?“ Leah machte sich weit mehr Gedanken, als sie sich meistens anmerken ließ, und Logan hob nur die Schultern, während er die schlafenden Kinder betrachtete.
„Ich weiß es nicht“, gab er schließlich zurück. „Vielleicht sind wir nur ein Nachspiel, ein letztes Aufzucken einer sterbenden Spezies? Ich meine, das Virus wird nicht einfach verschwunden sein! Vielleicht können wir uns nicht weiter fortpflanzen und werden mit dem Tod unser Kinder endgültig die Bühne verlassen.“
„Daran hab ich noch gar nicht gedacht.“ Leah hob fröstelnd die Schultern. „Aber ... abwegig wäre es nicht, richtig? Ich meine, unsere Kinder stammen immerhin nur zur Hälfte von einem immunen Elternteil ab ... Es kann durchaus sein, dass ihre Kinder nicht immun sind.“
„Ebenso gut kann es sein, dass unsere Kinder nicht immun auf die Welt kommen“, führte Logan weiter an, die Augenbrauen erhoben. „Obwohl in dem Fall beide Elternteile immun sind ... Wer kann das schon sagen? Aber falls die Menschheit überlebt, wird die Gesellschaft mehr oder weniger neu erschaffen werden, denke ich.“ Er rieb sich die Nase. „Ich meine, Gut und Böse wird in annähernd gleichem Verhältnis überlebt haben, oder nicht? Und genauso wird es weitergehen, schätze ich.“
„Ich bin froh, dass du auf uns aufpasst.“ Leah lächelte schmal und war froh, dass die Kinder aufwachten, denn sonst würde sie noch wirklich Angst bekommen, und das konnte sie doch so gar nicht gebrauchen!
So überließ sie es Logan, sich um die Kinder zu kümmern, und verschwand in der Küche des Hauses, wo sie sich schon in Ruhe umgesehen hatte. Es war ein altes Farmhaus, mit einem Holzofen in der Ecke, der zwar schon lange nicht mehr gebraucht, aber dennoch immer gut in Schuss gehalten worden war. Logan hatte noch am Abend Holz daneben aufgestapelt und Leah hatte ein Feuer entfacht, ehe sie wieder zu ihm in die Scheune gegangen war.
Jetzt war es so warm in der Küche, dass sie mit einem unterdrückten Stöhnen die Fenster weit aufriss.  Dann setzte sie einen Kessel Wasser auf den Herd und stellte zwei gusseiserne Pfannen daneben, ehe sie begann, Rührei aus Tüten und Pfannkuchenteig mit Wasser zuzubereiten.
„Hmmm, das riecht hier aber schon gut!“ Logan grinste sie an, als er eine Viertelstunde später mit den Kindern zu ihr kam und die Jungs an den gedeckten Tisch scheuchte. „Jaaa, dafür hält man sich eine Frau.“
„Vielen Dank für die Blumen“, maulte Leah säuerlich, aber er hauchte ihr nur einen Kuss in die Haare, ehe er Kaffeepulver in das siedende Wasser warf und sich ein betörender Duft in der Küche breitmachte.
Sie waren für den Augenblick glücklich.

*.*.*

Der schwarze Hengst - Leah nannte ihn ‚Anger’, weil er so wild war - hatte sich mit sehr unwilligen Gehabe von Leah aufzäumen lassen, ehe sie ihm nach Logans Anweisungen das Gestell über einer Satteldecke auf den Rücken geschnallt hatte. Sie hatten ihn mit ihren Habseligkeiten beladen, während die andere Stute im Augenblick lediglich ihr leeres Packgestell zu tragen hatte.
Jetzt schwang sich Leah in den Sattel und Logan hob ihr Lukas nach vorne, der vor ihr noch bequem Platz hatte, war es doch ein schlankes Kind. Als Nächstes wurde Oscar in den Sattel gesetzt, ehe sich Logan hinter ihm auf den Rücken des Pferdes schwang und sie langsam auf die Straße ritten.
Tag Eins der großen Reise begann.

*.*.*

Vorerst ließ Logan sie langsam gehen, sollte sich doch Leah ans Reiten gewöhnen, ebenso wie Lukas - Oscar war oft mit seinem Vater ausgeritten.
So erreichten sie gegen Mittag eine Kleinstadt, deren Hauptstraße von Autowracks verstopft war, die kreuz und quer auf der Straße abgestellt worden waren.
Sie sahen zwar keine Toten, aber Leah konnte sie riechen. Sie war sich sicher, dass auch Logan es konnte, denn seine Augen wanderten sehr aufmerksam umher, während er - lässig wie ein Outlaw aus einem alten Western - die Straße herunter ritt.
Schließlich stoppte er sein Pferd vor einem Geschäft, stellte sich in den Steigbügeln auf und schwang dann sehr elegant ein Bein über den Rücken des Tieres, um abzusteigen. Er half erst Oscar vom Pferd, ehe er neben Leah trat und ihr Lukas abnahm, damit sie ebenfalls absteigen konnte.
Das tat sie schon jetzt merklich steif und er hob eine Augenbraue an, während die Kinder bereits zum Schaufenster liefen, um in den Laden zu sehen.
„Sag mir, wenn es dir zu viel wird“, bat er sie und in seinen Mundwinkeln tanzte ein freches Grinsen. „Ich meine, wir beide werden uns wahrscheinlich über kurz oder lang auf die eine oder andere Art wund reiten, aber ... du hast da ein paar Kostbarkeiten, die geschützt werden sollten.“
„Gott, Logan!“ Leah lachte ehrlich erheitert, ehe sie ihm mit der Hand drohte. „Was machst du dir für Gedanken über meine ‚Kostbarkeiten’, hm?“
„Ich will nicht, dass sich da irgendwas entzündet.“ Er hob die Schultern, obwohl er deutlich verlegen aussah, während er sich über den immer dunkler werdenden Bartschatten rieb. „Ich ...“
„Schon gut, Großer.“ Sie winkte ab und band Falbella an einer Säule vor dem Laden fest. „Ich passe auf mich auf, versprochen.“
„Na, dann gehen wir doch mal einkaufen, hm?“ Er zwinkerte ihr zu, schob sich dann an ihr und den Jungen vorbei, um als Erstes den Laden zu betreten, musste er doch sehen, ob sich nicht vielleicht irgendwo eine unangenehme Überraschung versteckte.
Doch der Laden war sauber, sodass sie hineingehen konnten und Leah ließ die Augen über die Regale schweifen, ehe sie leise durch die Zähne pfiff. „Ein richtiger Landladen!“, freute sie sich, denn es gab nahezu alles, was sie brauchen konnten. Kochgeschirr, Kleidung, trockene Lebensmittel ...
Beinahe eine Stunde später packte Logan ihre ‚Einkäufe’ auf die Pferde, während Leah den Kindern half, ihre neuen Sandalen anzuziehen, waren die Wanderschuhe doch viel zu warm gewesen. Aber sie würden sie weiter mitnehmen, denn man wusste ja nie.
Sie selbst trug inzwischen weiche Cowboystiefel, die mit den Modeschuhen keine Ähnlichkeit hatte, die es in der Stadt zu kaufen gab. Vielmehr waren es gut sitzende, schmucklose Stiefel, die sich ideal auf dem Pferd machen würden. Außerdem hatte sie sich einen breitkrempigen Lederhut ausgesucht, ebenso wie Logan, während die Kinder Baseballcaps trugen. Die Sonne brannte gnadenlos auf sie herab, sie brauchten Schutz.
„Hey, die Nase da weg!“ Logan schob Angers Schnauze zum wiederholten Male beiseite, während er zwei große Säcke am Gestell der Stute befestigte. „Es ist noch nicht Zeit fürs Mittagessen!“ Er hatte Hafer für die Tiere mitgenommen, damit sie etwas anderes als Gras zu fressen bekamen, und Anger schnappte jetzt beleidigt nach ihm, ohne ihm allerdings wirklich wehzutun.
„Kommt schon, seid artig!“ Leah lachte die beiden aus und streckte Anger einen runzeligen Apfel hin, den sie ebenfalls im Laden gefunden hatte, und nachdem der krachend zwischen den Zähnen des Hengstes verschwunden war, bekamen auch die Stuten ihre Äpfel.
Dann ging es weiter, aus der stinkenden Stadt heraus, wo sie irgendwann später auf einer Wiese Mittagspause machten.