Ich zeige Dir die Angst in einer Handvoll Staub - Remake "The Stand" von Stephen King

GeschichteAbenteuer / P16
15.10.2014
25.08.2015
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11. Juni 2006
Die ersten zwei Tage hatte Leah stets geschwiegen, wenn die Kinder nicht bei ihnen waren, aber dann begannen die abendlichen Gespräche über Gott und die Welt und Hugh hätte ihr dafür die Sterne vom Himmel geholt. Endlich spürte er wieder, dass noch Leben in ihm war, dass es eine Zukunft für sie geben konnte, und das ließ ihn vieles klarer sehen.
Er stand mit einem kalten Bier in der Hand an der großen Fensterfront, die auf den Fluss zeigte, und betrachtete sein altes New York, das er so gar nicht wiedererkennen konnte.
Durch die obere, abgeklappte Front wehte ein Geruch zu ihm herein, den er schon seit Tagen wahrgenommen, aber nicht hatte wahrhaben wollen.
Der Geruch war schwer auf eine Weise zu definieren, die korrekt und trotzdem nicht schmerzhaft wie die nackte Wahrheit war. Man konnte sagen, er war wie schimmlige Orangen oder verdorbener Fisch oder der Gestank in U-Bahn-Schächten, den man mitbekam, wenn die Fenster offen waren - nichts davon traf den Kern der Sache.
Den Kern traf voll und ganz, dass es der Geruch tausender Menschen war, die hinter geschlossenen Türen in der Hitze verwesten, aber vor diesem Eingeständnis schreckte man dann doch etwas zurück.
In Manhattan funktionierte der Strom noch, aber Hugh glaubte nicht, dass das noch lange so weitergehen würde. In den meisten anderen Stadtteilen war er bereits abgeschaltet, das konnte er gerade jetzt sehr gut sehen. Die Lichter in halb Brooklyn und ganz Queens waren ausgegangen, jenseits der 110th bis zum Ende von Manhattan Island war eine dunkle Fläche. In der anderen Richtung konnte er noch helle Lichter in Union City und - möglicherweise - Bayonne sehen, aber ansonsten war New Jersey schwarz.
Und die Schwärze hieß weit mehr als nur den Ausfall des Lichts. Unter anderem bedeutete sie den Ausfall der Klimaanlagen, diesem modernen Komfort, der es möglich machte, nach Mitte Juni in dieser riesigen Stadt überhaupt bequem zu leben. Sie hieß ebenso, dass alle Menschen, die friedlich in ihren Wohnungen gestorben waren, jetzt in Backöfen verwesten.
„Wir müssen hier weg, stimmt`s?“ Leahs Stimme ließ ihn erschrocken zusammenfahren und er fragte sich einen Augenblick, ob sie seine Gedanken gelesen hatte, ehe er sich leicht zu ihr umdrehte und dann mit einer Hand auf die immer schwärzer werdende Nacht wies.
„Du weißt, was der Stromausfall bedeutet, oder?“, fragte er zurück und Leah nickte, ehe sie die Arme unter den Brüsten verschränkte und so dicht neben ihn trat, dass er den leichten Duft ihres Shampoos riechen konnte.
„In welche Richtung willst du gehen?“, fragte sie leise weiter und er konnte Angst in ihrer Stimme hören. „Nach Norden? Nach New England?“
„Ja, ich glaube, das wäre eine gute Wahl.“ Hugh seufzte tief und widerstand dem Impuls, sie in den Arm zu ziehen. „Wir müssen auch berücksichtigen, in welchem Teil von New York wir sind und auf welchem Weg wir hier verschwinden können. Ich meine, dir ist doch schon klar, dass wir zu Fuß gehen müssen, oder?“
„Natürlich.“ Leah starrte weiter nach draußen. „Du kennst dich hier aus, ich vertraue dir.“
„Gut.“ Das war eine klare Aussage, die es ihm leichter machte. „Dann besorgen wir uns morgen einen Stadtplan und sehen zu, wie wir Manhattan am besten verlassen können.“ Er begann schon, zu planen. „Wir werden nicht viel mitnehmen können, aber das ist auch nicht wichtig, oder? Alles, was wir brauchen, gibt es auf der anderen Seite.“
„Hugh? Ich hab Angst.“ Er bewunderte sie stumm dafür, dass sie es aussprach, obwohl sie es gar nicht hätte sagen müssen, er konnte es auch so spüren.
„Ich auch“, gab er dennoch ehrlich zurück und schniefte leise, ehe er sich über die Wange rieb, was ein schabendes Geräusch erzeugte, hatte er sich doch vor über zwölf Stunden zuletzt rasiert. „Leah? Es kann da draußen gefährlich werden. Ich werde auf euch drei aufpassen, so gut ich kann, aber ...“ Er hob die breiten Schultern. „Ich bin nicht Wolverine, das weißt du, oder?“
„Ja, das weiß ich.“ Sie schmunzelte. „Weißt du, was verrückt ist? Ich hab dich erst vor drei Wochen im Kino gesehen, in ‚X-Men 3’ ...“
„Vielleicht sollte ich mir seinen Bart stehen lassen.“ Das meinte er vollkommen ernst, das konnte Leah hören. „Es macht mich grimmiger, härter, richtig? Vielleicht verschafft es uns da draußen mehr Respekt und Sicherheit.“
„Wenn du es für richtig hältst.“ Sie schmunzelte weiter. „Aber ... du hast wohl recht. Hugh Jackman hat ein zu weiches, freundliches Gesicht für die Straße.“
„Gut, dann lassen wir Wolverine aus dem Sack.“ Das sagte er mit einem dunklen Grollen und Leah berührte ihn sachte - er gab ihr einen winzigen Teil Sicherheit zurück.

*.*.*

12. Juni 2006
Hugh ging immer noch gerne morgens eine Runde joggen. An diesem Morgen kam er mit ein paar Dingen fürs Frühstück zurück.
Außerdem legte er eine Straßenkarte von New York auf den Tresen in der Küche und Leah bekam eine Gänsehaut.
Aber noch mimten sie Normalität, frühstückten gelassen mit den Kindern und erst, als die zum Spielen in Oscars Zimmer verschwanden, breitete Hugh die Karte im Wohnzimmer auf dem Couchtisch aus, um sich darüber zu beugen.
„Okay ...“, murmelte er, nachdem er lange auf die verzeichneten Straßen gestarrt hatte, Leah dicht bei sich, schweigend. „Ich hab folgenden Vorschlag: Wir gehen die Fifth bis zur 39th Street runter und biegen nach Westen ab. Im Lincoln Tunnel nach New Jersey. Danach können wir der 495 nach Nordwesten folgen, und ...“
Es war, als habe er ihr Zittern gespürt, denn als er aufsah, blickte er in so große, ängstliche Augen, dass ihr Gesicht nur noch aus diesen Augen zu bestehen schien.
„Was ist daran nicht in Ordnung?“, wollte er freundlich wissen, aber Leah schüttelte nur schnell den Kopf und versuchte, ein Lächeln über ihre Angst zu ziehen - er hatte das gar nicht sehen sollen.
„Alles in Ordnung“, wies sie ihn zurück. „Wirklich! Wenn du es für den richtigen Weg hältst, dann werden wir ihn nehmen.“
„Wenn du dich vor irgendetwas fürchtest, solltest du es mich jetzt wissen lassen!“, brauste Hugh ungewohnt harsch auf, aber Leah schüttelte nur erneut den Kopf und das nächste Lächeln wirkte schon ehrlicher.
„Es ist der schnellste Weg.“ Sie konnte durchaus Karten lesen und ihre Augen waren seinem Finger durch die Straßen gefolgt. „Wir müssen in erster Linie an die Kinder denken. Ich meine, Lukas kann ja gerade noch so im Buggy sitzen, aber Oscar ... Sie werden eine Menge laufen müssen.“
„Ja.“ Mehr sagte er nicht dazu, denn er spürte, dass sie ihm etwas verheimlichte, und das gefiel ihm ganz und gar nicht.
Aber was sollte er machen?

*.*.*

Sie gingen für ihre Besorgungen ins erste Haus am Platz.
Manhattan Sporting Goods war verschlossen, aber Hugh schlug mit einem langen Eisenrohr, das er gefunden hatte, ein Loch ins Schaufenster. Der Einbruchsalarm heulte sinnlos in die verlassene Straße und erschreckte lediglich die Kinder, aber Leah beruhigte sie wieder und so konnten sie in den Laden einsteigen.
Hugh stellte zügig ein großes Bündel für sich und ein kleineres für Leah zusammen, hauptsächlich gefriergetrocknete Lebensmittel, mit viel anderem würden sie sich nicht belasten können.
In seiner Wohnung kämen noch Kleidung zum Wechseln hinzu, außerdem vielleicht ein oder zwei persönliche Gegenstände, dann waren die Rucksäcke auch schon voll, die er ihnen gerade herausgesucht hatte.
Es waren große, massige Wanderrucksäcke, die vor der Brust und um die Taille mit Schnallen gesichert werden konnten, sodass sich das Gewicht optimal verteilte.
Jetzt stand Hugh vor dem Tresen mit den Waffen und rang ganz offenkundig mit sich, aber schließlich griff er nach einer doppelläufigen Flinte Kaliber .30 und hundert Schuss Munition. Es war ein wunderschönes Gewehr und auf dem Preisschild, das er gerade vom Abzug riss und zu Boden fallen ließ, stand vierhundertfünfzig Dollar.
Es hatte keine Bedeutung mehr.
„Willst du eine Pistole?“ Seine dunklen Wolfsaugen suchten ihre grünen Katzenaugen und hielten ihren Blick lange fest, bis sie langsam und nachdrücklich nickte, obwohl er wieder Angst in ihren Augen sehen konnte.
„Es wäre vielleicht besser, richtig?“, bat sie ihn um einen Rat und Hugh nickte grimmig, ehe er ihr ein paar Modelle auf den Tresen legte, die er für geeignet hielt.
Leah die betrachtete Waffen mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination. Schließlich entschied sie sich für eine, die ihr gut in der Hand lag, und Hugh packte auch ihr eine Schachtel Munition ein, ehe er ihnen noch leichte Schlafsäcke aussuchte.
Ihr letzter Weg in diesem Laden führte sie zur Bekleidung und Hugh suchte sich zusammen mit Leah ein paar feste Wanderschuhe heraus. Ihr Weg aus der Stadt führte zwanzig oder dreißig Meilen zu Fuß, bis sie sich draußen ein anderes Transportmittel besorgen konnten.
Auch für die Kinder gab es kleine Wanderschuhe und Leah ließ sich ausreichend Zeit, ihnen die passenden anzuprobieren, ehe sie den Laden endlich wieder verlassen konnten, um zurück ins Loft zu gehen.
Die letzten Stunden in Ruhe und Sicherheit waren angebrochen.

*.*.*

„Es tut mir sehr leid, aber du wirst dich auf ganz wenige Dinge beschränken müssen.“ Hugh hatte Leah bewusst in Ruhe gelassen, doch jetzt schliefen die Kids und es wurde Zeit, ihre Sachen zu packen, ehe sie selbst versuchen mussten, Schlaf zu finden. „Die Sachen deines Mannes ...“
„Ja, ich weiß.“ Leahs Stimme verriet ihm, dass sie geweint hatte und vielleicht immer noch weinte. Sie hatte ihre Kleidungsstücke vor sich auf ihrem Bett im Gästezimmer liegen und hielt ein T-Shirt in der Hand, das ganz offenkundig ihrem Mann gehört haben musste. „Aber es fällt mir sehr schwer, das kannst du doch verstehen, oder nicht?“
„Natürlich kann ich das.“ Seine Stimme war ein ganz sanftes Grollen und sie konnte spüren, wie er hinter sie trat. „Glaub mir, auch ich würde am liebsten die halbe Wohnung mitnehmen, um nur immer wieder an meine Familie erinnert zu werden! Aber ich kann es eben nicht.“
„Wir leben und atmen immer noch.“ Das klang trotzig und er konnte sehen, wie sie ihre Schultern straffte. „Das alleine zählt doch, hab ich Recht? Die Vergangenheit ist tot und kein T-Shirt wird mir meinen Mann zurückbringen!“
„Es tut mir leid.“ Seine Hände berührten beinahe ihre Schultern, ehe er sie aber wieder alleine ließ, um seine eigenen Geister zu bewältigen.