Ich zeige Dir die Angst in einer Handvoll Staub - Remake "The Stand" von Stephen King

GeschichteAbenteuer / P16
15.10.2014
25.08.2015
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15.10.2014 887
 
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10. Juni 2006
Randall Flagg, der Dunkle Mann, ging auf der US 51 nach Süden und lauschte den nächtlichen Geräuschen, die von beiden Seiten dieser schmalen Straße, die ihn irgendwann aus Idaho hinaus nach Nevada führen würde, auf ihn eindrangen. Von Nevada aus konnte er dann gehen, wohin er wollte. Von New Orleans nach Nogales, von Portland, Oregon, nach Portland, Maine - es war sein Land, und niemand kannte es besser und liebte es mehr, als er. Er wusste, wohin die Straßen führten, und wanderte nachts. Jetzt, eine Stunde vor Tagesanbruch, war er irgendwo zwischen Grasmere und Riddle, westlich von Twin Falls und immer noch nördlich der Duck Valley Reservation, die sich über zwei Staaten erstreckte. War es nicht herrlich?
Flagg ging rasch, seine abgelaufenen Absätze klopften auf dem Straßenbelag. Er ging nach Süden, nach Süden auf der US 51, die abgelaufenen Absätze seiner spitzen Cowboystiefel klopften auf das Pflaster - ein großer Mann unbestimmten Alters in verblichenen Nietenjeans und einer Jacke aus grobem Baumwollstoff.
In seinen Taschen steckten fünfzig verschiedene Exemplare gegensätzlicher Literatur, Flugschriften für jede Gelegenheit, Rhetorik für jeden Anlass. Wenn dieser Mann einem ein Traktat reichte, nahm man es, ganz gleich, um welches Thema es sich dabei handelte: Die Gefahren von Atomkraftwerken, die Rolle der internationalen jüdischen Verschwörung beim Sturz befreundeter Regierungen, die CIA-Contra-Kokain-Connection, die Farmarbeitergewerkschaft, die Zeugen Jehovas, die Black for Militant Equality, der Kodex des Klans.
Auf jeder Seite der Jacke trug er einen Button. Auf der rechten ein lächelndes, gelbes Gesicht, auf der linken ein Schwein mit einer Polizeimütze. Darunter stand mit bluttriefender Schrift: HEUTE SCHWEIN - MORGEN SCHINKEN.
Er bewegte sich weiter, ohne stehen zu bleiben, ohne langsamer zu werden, aber empfänglich für die Geräusche der Nacht. Die Möglichkeiten der Nacht ließen seine Augen wie im Wahn glänzen. Er trug einen alten, schäbigen Pfadfinderrucksack auf dem Rücken. In seinem Gesicht lag düstere Ausgelassenheit, und vielleicht auch in seinem Herzen. Es war das Gesicht eines hasserfüllt glücklichen Menschen, ein Gesicht, das eine entsetzliche, angenehme Wärme ausstrahlte, ein Gesicht, das Wassergläser in den Händen müder Truck-Stop-Kellnerinnen zerplatzen ließ, das kleine Kinder dazu brachte, mit ihrem Dreirad in Bretterzäune zu fahren, um dann mit Splittern in den Knien jammernd zu ihren Müttern zu laufen. Es war ein Gesicht, das garantiert jede harmlose Biertischdiskussion über Sportergebnisse in eine blutige Schlägerei verwandelte.
Er ging nach Süden, irgendwo auf der US 51 zwischen Grasmere und Riddle, jetzt näher an Nevada. Bald würde er sein Lager aufschlagen, den Tag über schlafen und aufwachen, wenn sich der Abend herabsenkte. Während sein Abendessen über dem rauchlosen Feuer kochte, würde er lesen, ganz gleich, was. Worte aus einem zerfledderten Porno ohne Umschlag, oder vielleicht „Mein Kampf“ oder einen Comic von R. Crumb, möglicherweise auch aus einer reaktionären Zeitung er America Firsters oder der Sons of the Patriots. Wenn es um Gedrucktes ging, gab Flagg keinem den Vorzug.
Nach dem Essen würde er weiterziehen, nach Süden auf diesem herrlichen, zweispurigen Highway, der diese gottverlassene Wildnis durchschnitt, und er würde sich umschauen und riechen und lauschen, während das Klima immer trockener wurde, bis die Vegetation nur noch aus Salbei und Steppengras bestand, würde die Berge sehen, die wie Saurierknochen aus der Erde ragten. Morgen früh in der Dämmerung oder einen Tag später würde er in Nevada sein und zuerst Owyhee erreichen und dann Mountain City.
Er stapfte weiter und ließ die Arme an den Seiten schwingen. Er war bekannt, gut bekannt, an diesen verborgenen Straßen, auf denen die Armen und Verrückten reisten, die Berufsrevolutionäre und jene, die so gut hassen gelernt hatten, dass sich der Hass auf ihren Gesichtern spiegelte, wie Hasenscharten und die nirgends willkommen sind, außer bei ihresgleichen.
Er ging weiter, seine Füße fühlten sich wohl in den Stiefeln, die genau an den richtigen Stellen Risse hatten. Seine Füße und diese Stiefel waren alte Freunde. Der Dunkle Mann ging und lächelte.
Er ging mit gleichmäßigen, ausgreifenden Schritten. Vor zwei Wochen war er bei einem Sabotagetrupp gewesen, der ein Kraftwerk in die Luft gesprengt hatte. Heute war er auf der US 51 unterwegs nach Süden ...
Und er war glücklicher, als er es je zuvor gewesen war, weil ... Er blieb stehen.
Weil etwas in der Luft lag.
Er konnte es fühlen, konnte es in der Nacht schmecken. Er konnte es schmecken, ein rußiger, heißer Geschmack, der von überall kam, als wolle Gott ein Grillfest machen, bei dem die ganze Zivilisation das Barbecue war. Die Holzkohle war außen schon heiß, weiß und blättrig und innen rot wie Dämonenaugen. Etwas Riesiges, Gewaltiges.
Die Zeit seiner Verwandlung war gekommen. Er würde zum wiederholten Male geboren werden - eine große, sandfarbene Bestie, die jetzt schon in den Wehen lag, würde ihn unter Schmerzen aus ihrem Schoß herausstoßen.
Er war geboren worden, als sich die Zeiten änderten, und die Zeiten würden sich wieder ändern. Es lag im Wind, hier an diesem warmen Abend in Idaho.
Die Zeit seiner Wiedergeburt war fast gekommen, das spürte er. Warum sonst konnte er plötzlich Wunder tun?
Er schloss die Augen und wandte das heiße Gesicht leicht dem dunklen Himmel zu, der schon bereit war, die Dämmerung zu empfangen. Er konzentrierte sich, lächelte. Die staubigen, abgelaufenen Absätze seiner Stiefel hoben sich von der Straße. Einen Zentimeter, zwei, drei. Das Lächeln wurde zum Grinsen. Jetzt schwebte er dreißig Zentimeter über der Straße, fünfzig Zentimeter.
Die Zeit würde bald kommen.