Ich zeige Dir die Angst in einer Handvoll Staub - Remake "The Stand" von Stephen King

GeschichteAbenteuer / P16
15.10.2014
25.08.2015
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26.03.2015 5.941
 
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Logan war schon in Las Vegas gewesen, aber das war in einem früheren Leben in einer vergangenen Welt gewesen! Diese Stadt hatte nicht mehr viel Ähnlichkeit mit der pulsierenden Neonreklame, die sie früher gewesen war - heute waren nur recht wenig Menschen auf den Straßen unterwegs, am häufigsten sah man Wartungstrupps bei der Arbeit, die unter anderem die Straßenlaternen kontrollierten.
„Ihr habt bereits gründlich aufgeräumt, hm?“ Logan sah sich aufmerksam und ganz offen um und Bobby nickte auch nur - die fünf Stunden Fahrt mit einem so verschwiegenen Mann wie Logan waren für ihn keine Freude gewesen.
„Ich bring dich ins MGM Grand Hotel“, murmelte er und folgte dem Strip, bis sie die große Hotelanlage mit dem goldenen Löwen erreicht hatten und auf einem fast leeren Parkplatz hielten - sie waren am Ziel.
Schlagartig spürte Logan wieder Nervosität in sich aufsteigen, aber noch konnte er das meisterhaft unterdrücken, sodass er den Wagen verließ und seinen Rucksack über die rechte Schulter hing - er wünschte sich seine Waffen zurück.
Die Hotelhalle war von allen Spielautomaten geräumt worden, die einen früher in Las Vegas überall schier verfolgt hatten. Alles wirkte sauber und aufgeräumt und Bobby führte Logan in ein Restaurant im hinteren Teil, das schummrig beleuchtet war. Die Tische waren allesamt gepflegt gedeckt und an einem von ihnen saß ein hagerer, unscheinbarer Mann, zu dem Bobby ihn führte.
„Lloyd?“, sprach er den Mann an und der sah von einem Notizblock auf. Sein Blick kreuzte sich mit dem von Logan und sie musterten sich einen langen Moment intensiv, bis Lloyd zu Bobby sah. „Das ist Logan. Du weißt schon, den ...“
„Ja, ich weiß“, winkte Lloyd ab und stand langsam auf. „Danke, du kannst gehen.“ Damit war Bobby entlassen und suchte beinahe fluchtartig das Weite, während Logan unbeeindruckt vor dem anderen Mann stand, durch einen runden Tisch getrennt, den Rucksack immer noch lässig über der rechten Schulter.
Sein Gegenüber war ungefähr einsachtzig groß und sehr schlank. Er hatte ganz kurz rasierte, dunkle Haare und graue Augen, die Logan mit einem schlecht zu deutenden Ausdruck ebenfalls musterten. Sein Gesicht war grob, aber weder feindselig noch dumm, und über seinem Shirt trug er ein Amulett, das Logan eine Gänsehaut verursachte: Es sah aus wie ein schwarzer Stein, so schwarz, dass er fast harzig oder pechig wirkte. In der Mitte war eine rote Stelle, die Logan wie ein schreckliches, blutiges und halb offenes Auge vorkam, das ihn anstarrte.
„Du bist also der berühmte Logan.“ Lloyd hatte seine Musterung abgeschlossen und bot Logan mit einer Handbewegung an, sich zu setzen. „Nimm Platz! Willst du was essen? Ich schätze, Bobby hat keine Mittagspause mit dir gemacht, hm?“
„Nein, er hatte es eilig.“ Logan grinste flach, während er sich setzte und den Rucksack auf den Boden gleiten ließ.
„Der Boss ist gerade nicht in der Stadt.“ Lloyd winkte jemanden im Schatten heran und eine junge Frau trat zu ihnen an den Tisch, die Logan mit kaum verhohlenem Interesse musterte - er sah brutal aus, aber auch attraktiv, das wusste er genau.
Lloyd sprach kurz leise mit ihr, dann verschwand sie wieder und er widmete sich wieder dem Neuankömmling. „Du hast ihn ziemlich lange warten lassen“, grinste er, beide Augenbrauen erhoben. „Ich hab gehört, du warst in Boulder?“
„Reine Zeitverschwendung“, knurrte Logan in bester Wolverine-Manier. „Jesus, die haben noch nicht mal den Strom wieder angeschaltet, kannst du dir das vorstellen? Da dachte ich mir, ich sehe mir mal den Westen an.“
„Flagg wird erfreut sein.“ Lloyd grinste immer noch. „Ich hab Anweisung, dir eine sehr schöne Suite zu geben und dich gleich zu ihm zu bringen, sobald er wieder in der Stadt ist. Ich denke, er kommt wahrscheinlich morgen wieder, du hast also Zeit, dich auszuruhen.“
„Okay.“ Mehr sagte Logan nicht, denn er wollte nicht gesprächig erscheinen - er würde später noch alles erfahren, was es zu erfahren gab.
Als das Mädchen schließlich das Mittagessen brachte, war er vollkommen entspannt und freute sich irgendwo sogar darauf, den Mann seiner Albträume endlich kennenzulernen - der Abenteurer in ihm hatte die Oberhand gewonnen.
„Du wirst schnell sehen, dass hier alles wahrscheinlich vollkommen anders läuft, als drüben in Boulder.“ Lloyd sah ihn an, während sie aßen. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, alles wieder auf die Reihe zu bekommen ... Du hast ja schon ein bisschen was von der Stadt gesehen, richtig? Keine Autowracks auf den Straßen, kein Abfall ...“
‚Dafür gekreuzigte Querdenker an den Strommasten vor der Stadt’, dachte Logan, aber er behielt das für sich, genauso, wie er auf der Fahrt das Schaudern hatte unterdrücken können, als sie die Leichen passiert hatten.
Aber trotz all seiner Ablehnung für das, was hier drüben lief, genoss er doch die Vorzüge von Strom und fließendem Wasser, sodass ihn ein Fahrstuhl zusammen mit Lloyd in den zehnten Stock brachte, wo der ihn zu einer Tür führte, hinter der eine wirklich großzügige Suite lag.
„Hier wirst du wohnen“, erklärte er ihm und ging voraus, um ihm alles zu zeigen. „Das Telefon funktioniert bereits wieder, ich werde dich also anrufen, wenn er wieder da ist, einverstanden?“
„Vielen Dank, Mann.“ Logan grinste flach, dann war er alleine und ging langsam ins Badezimmer, um sich genau umzusehen. Welch ein Unterschied zu der Wasserpumpe im Garten, die in Boulder Luxus gewesen war! Hier hatte er eine große, runde Badewanne mit Sprudeldüsen am Boden, eine ebenso große, rundum verglaste Dusche und zwei Waschbecken in einem marmornen Waschtisch, daneben eine Toilette, ein Bidet und ein Pissoir.
Im ersten Augenblick zögerte er noch, aber dann zog er sich aus und drehte die Wasserhähne der Wanne auf, um das erste richtige Bad seit Monaten zu nehmen.
Für den Augenblick war er wirklich glücklich.


*.*.*
26. August 2006
Er hatte wie ein Toter in dem riesigen, weichen Bett geschlafen und selbst das Klopfen an der Tür hatte ihn nicht geweckt, sodass das Zimmermädchen Ordnung gemacht hatte, ohne dass er sie bemerkt hätte.
Frische Wäsche lag auf einem Stuhl am Fußende seines Bettes und ein Frühstück wartete unter einer Haube auf ihn, daneben eine große Thermoskanne Kaffee. Er grinste flach, während er sich den Schlaf aus den Augen rieb.
Gerade, als er sein Frühstück beendet hatte, klingelte das Telefon auf dem kleinen Beistelltisch im Wohnzimmer und er war mit einem Satz daneben, um abzunehmen.
„Lloyd hier“, meldete sich der Mann. „Bist du schon ausgehfein? Der Boss ist wieder in der Stadt.“
„Ja, ich bin fertig“, gab Logan zurück und wischte sich letzte Reste des Frühstücks aus dem Mundwinkel.
„Gut, ich hole dich ab.“ Lloyd legte wieder auf und Logan strich sich nervös über den Backenbart - jetzt war es also soweit!
Fünf Minuten später klopfte es an seine Tür und Logan öffnete sie für Lloyd, der ihn forschend ansah.
„Ich hoffe, du hast gut geschlafen?“, wollte er wissen, aber das war eine reine Höflichkeitsfloskel, das wusste Logan auch.
„Wie ein Toter“, knurrte er dennoch und trat zu ihm auf den Flur. „Gehen wir?“
„Ja.“ Lloyd wunderte sich ein wenig, dass Logan es so eilig hatte, fürchteten sich die meisten doch vor Flagg, aber in Logans Gesicht war nichts davon zu entdecken - es blieb vollkommen ausdruckslos.
Sie stiegen in den Fahrstuhl und fuhren ins oberste Stockwerk, wo Lloyd einen Schritt weiter an die Rückwand des Fahrstuhls trat - er würde nicht mitkommen.
„Wir sehen uns später“, ließ er Logan wissen. Der quittierte das mit einer knappen Kopfbewegung und stieg dann aus, damit sich die Türen wieder hinter ihm schließen konnten.
Er stand in einer geräumigen, prächtigen Halle mit nur zwei Türen. Die am anderen Ende ging langsam auf und Logan konnte sehen, dass es dahinter dunkel war. Aber er konnte auch eine Gestalt in der Tür erkennen, oder vielmehr einen Schatten, und Augen. Rote Augen.
Mit langsam in der Brust klopfendem Herzen und einem trockenen Gefühl im Mund ging Logan dieser Gestalt entgegen. Dabei schien die Luft immer kälter zu werden und eine Gänsehaut breitete sich auf seinen Armen aus. Irgendwo tief in seinem Inneren schrie der alte Hugh Jackman schrill auf, aber Logan ignorierte ihn, auch wenn er panische Angst hatte.
„Logan“, sagte eine tiefe und angenehme Stimme. „Wie gut, dass du doch noch gekommen bist. Sehr gut.“
Logan fühlte sich wie betäubt. „Es freut mich, dass ich immer noch willkommen bin“, murmelte er, obwohl er andere Worte im Geist hatte: ‚Mein Leben für dich!’
Das würde er nicht sagen.
„Ja, das bist du“, sagte die Gestalt in der Tür begütigend und auch irgendwie eine Spur ... enttäuscht? Die Lippen öffneten sich und das Grinsen entblößte weiße Zähne. „Komm rein, lass dich ansehen.“
Logan trat langsam und vorsichtig ein, jede Faser seines Körpers war zur Flucht bereit. Dann ging die Tür hinter ihm zu und sie standen im Halbdunkel. Eine schrecklich heiße Hand schloss sich um Logans eiskalte ... und plötzlich fühlte er sich ganz ruhig.
„Ich habe eine Menge Arbeit für dich, Logan“, sagte Flagg ruhig. „Großartige Arbeit ... Wenn du willst.“
„Alles“, gab Logan ruhig zurück. „Alles.“
Randall Flagg legte einen Arm um Logans breite Schultern, wobei er sich strecken musste, denn er war nicht ganz so groß wie er. „Komm mit, wir trinken etwas und unterhalten uns über das, was wir füreinander tun können.“
Logan kannte Flaggs Gesicht aus seinen Träumen, es machte ihm schon lange keine Angst mehr, und so ließ er sich tiefer in das Penthouse ziehen, um schließlich vor der großen Glasfront zur Terrasse zu stehen, während Flagg hinter seinem Rücken werkelte - er machte ihnen tatsächlich einen Drink.
„Weißt du, weswegen ich dich hier haben wollte?“ Seine Stimme war durchaus angenehm und Logan begann, sich innerlich zu entspannen, als er ihm den Scotch mit Eis aus der Hand nahm und langsam den Kopf schüttelte.
„Nein, das habe ich nie begriffen“, gestand er offen und Flagg lachte - es klang beinahe wie das Krächzen einer Krähe.
„Vielleicht gerade deshalb, mein guter Junge.“ Er bot ihm an, sich in einen bequem aussehenden Ledersessel zu setzen und Logan ließ sich nieder, die langen Beine in den Jeans überschlagen. „Vielleicht gerade aus dem Grund, dass du dir deiner Einzigartigkeit gar nicht bewusst bist.“ Flagg trank einen Schluck und sah auf die Stadt in der Wüste hinaus.
„Ich möchte, dass du zusammen mit Lloyd meine Geschäfte führst“, kam er dann zum Punkt, nachdem er eine lange Weile geschwiegen hatte. „Du bist jemand, der weiß, wie die Sache läuft, und du bist auch jemand, der anderen Menschen Respekt vermitteln kann.“
„Das kann schon sein.“ Da konnte Logan ihm wirklich nicht widersprechen.
„Du wirst viele Dinge wissen, die außer dir nur noch ich selbst weiß“, sprach Flagg weiter. „Ebenso, wie es Dinge geben wird, die ich nur mit Lloyd teilen werden - ist das für dich akzeptabel?“
„Ja.“ Logan legte wahrlich keinen Wert darauf, Flaggs alleinige rechte Hand zu werden! Auch so verblüffte ihn der Dunkle Mann schon weit mehr, als er erwartet hätte.
„Zum Teufel, bist du immer so gesprächig?“ Flagg lachte ihn ehrlich erheitert an, als er sich wieder zu ihm umdrehte. „Kann man sich mit dir nicht vernünftig unterhalten?“
„Doch, Sir, das kann man schon.“ Logan grinste flüchtig und nippte an seinem Drink - er trank normalerweise nicht schon am Vormittag. „Aber ich habe dazu einfach nicht viel zu sagen, okay? Ich denke, ich werde eine Menge mehr sagen und fragen, wenn ich erstmal genau weiß, worum es geht.“
„Gut, damit kann ich leben.“ Flagg grinste und setzte sich ihm gegenüber, damit er ihm ins Gesicht sehen konnte. „Es hat mit ihr nicht geklappt, hab ich Recht?“
„Mit wem, Sir?“ Logan blinzelte irritiert, aber Flagg hob nur beide Augenbrauen an.
„Mit der Rothaarigen, Logan!“ Er schnaubte amüsiert. „Du hast nicht getan, was ich dir geraten hatte, oder?“
„Sie mit Gewalt genommen? Nein.“ Er schüttelte entschieden den Kopf. „Das ist nicht meine Art, Sir! Ich mag wesentlich lieber willige Frauen unter mir, verstehen Sie?“
„Nein, das ist etwas, was ich an dir so ganz und gar nicht verstehen kann.“ Flagg schüttelte langsam den Kopf. „Aber das ist auch nicht wichtig ...“ Er sah Logan mit seinen dunklen Augen an, die mal gelb, mal rot zu glühen schienen - es war unheimlich. „Willst du sie wiederhaben?“
„Meine Frau?“ Logans Kehle wurde trocken und er hatte das Gefühl, einen Schwarm Bienen im Kopf zu haben - er wusste nicht, was er denken, fühlen oder gar sagen sollte.
„Ich gebe sie dir zurück.“ Flagg klang unglaublich gönnerhaft und Logan hätte das am liebsten abgelehnt, war er doch nach wie vor der Überzeugung, dass niemand die Toten zurückholen konnte, aber er ahnte, dass er dieses Theater mitspielen musste.
„Das ist mehr, als ich mir je erträumt hätte“, ließ er Flagg deswegen demütig wissen und der lachte laut, ehe er aufstand.
„Lloyd wird dich rumführen und dir alles zeigen.“ Er griff zum Telefon und rief Lloyd an. „Wir werden uns nicht so wahnsinnig oft sehen, befürchte ich, denn ich habe eine Menge Arbeit ... Aber wenn du mich brauchst, werde ich es wissen, in Ordnung?“
„Ja.“ Wieder war Logan schrecklich einsilbig und Flagg brachte ihn mit einem Lächeln zur Tür, das so echt wie seine ganze menschliche Gestalt war, und Logan grauste vor seiner Berührung.
Lloyd wartete im Fahrstuhl auf ihn und schenkte ihm ein Grinsen, als sich die Türen hinter ihm geschlossen hatten und sie auf dem Weg nach unten waren.
„Er hat sich wirklich gefreut.“ Das klang erstaunt und Logan lehnte sich gegen die Wand des Fahrstuhls, um für einen Augenblick die Augen zu schließen.
„Jaaa, hat er wirklich“, seufzte er tief und ehrlich, die Augenbrauen erhoben. „Jesus, ich hatte echt Schiss! Aber ... offenbar mag er mich, hm?“ Er sah Lloyd wieder an. „Ich hoffe, wir beide werden keine Feinde sein?“
„Nein, Mann.“ Lloyd schüttelte sofort und ehrlich den Kopf. „Ich bin sogar froh, den Job mit jemandem teilen zu können!“
Das ließ Logan schmal lächeln.
Sie hatten das Erdgeschoss erreicht und Lloyd nickte in Richtung des großen Restaurants, in dem sie sich auch kennengelernt hatten.
„Ich würde dich gerne erstmal den anderen vorstellen, ehe wir eine Rundfahrt machen“, erklärte er, und Logan folgte ihm wortlos.
Es war schon Zeit fürs Mittagessen und aus dem Restaurant war das Summen der Unterhaltungen zu hören, als sie sich ihm näherten.
Als Lloyd einen halben Schritt vor ihm eintrat, sahen ein paar Leute kurz auf und wandten sich dann wieder ihrem Essen und ihren Gesprächen zu, während Lloyd ihn zwischen den Tischen hindurch zu einem großen Tisch mitten im Raum führte, an dem drei Männer saßen und ihnen neugierig entgegensahen.
Aber Lloyd führte ihn zuerst an das Buffet, hinter dem ein großer Mann im schmutzigen Weiß des Koches stand und ihnen entgegensah.
„Das ist Whitey Horgan“, stellte Lloyd ihn vor. „Whitey, das ist Logan Howlett.“
„Hab von dir gehört, Mann.“ Der Koch reichte Logan die Hand, die der fest ergriff. „Greif bei den Eiern zu, die bekommen wir täglich frisch. Aber pass mit den Fritten auf, die Dinger sind alt und zäh.“ Dabei entblößte er mit einem Grinsen lückenhafte Zähne und Logan nickte knapp.
Wenig später hatten beide ihre Teller gefüllt und gingen zu dem Tisch, wo die anderen Männer schon auf sie warteten und ihnen gespannt entgegensahen.
„Das ist unser neuer Junge, Logan Howlett“, stellte ihn Lloyd vor, während er sich an den Tisch setzte. „Logan, das hier ist Ken DeMott. Der Junge mit der kahlen Stelle ist Hector Drogan. Und der Bengel hier, der im Gesicht züchten will, was ihm ums Arschloch herum wild wächst, nennt sich Ace High.“
„So.“ Logan unterdrückte ein Schmunzeln, während er Hände schüttelte - er hatte einen Trupp fieser Schlägertypen erwartet, fand aber im Grunde ganz normale Männer vor.
„Bobby Terry ist der Arsch ganz schön auf Grundeis gegangen, als er dich herbringen sollte.“ Ken grinste ihn freundlich an. „Ich sag dir, der wünschte sich den ganzen Tag, du hättest eine andere Route genommen!“
„Wirklich?“ Logan hob die rechte Augenbraue an, ohne die steile Falte zwischen den Augenbrauen aufzugeben, was Leah immer so an ihm bewundert hatte - es war unglaublich lässig und hatte ihn eine Menge Arbeit gekostet, es zu lernen. „Jesus, sie hatten mir doch sogar meine Waffen abgenommen!“
„Ich hab gehört, du trägst sie hinten an den Hüften?“ Ace sah ihn interessiert an, denn das war mehr als nur ungewöhnlich. „Ist das bequem?“
„Und ob, Junge!“ Logan lachte sein bellendes Lachen. „An den Beinen stören sie doch so sehr, dass man sie zweckmäßig an den Oberschenkeln anbinden muss, oder? Und hinten liegen sie vollkommen sicher, du spürst sie nicht einmal. Und auf einem Pferd oder einem Motorrad ist es die einzig wahre Haltung.“ Er hob wieder die Augenbraue an. „Außerdem sieht man sie nicht, wenn du ein offenes Hemd oder eine lange Jacke trägst.“
„Ich hab deine Waffen übrigens draußen im Wagen.“ Lloyd sah ihn flüchtig von der Seite an. „Du bekommst sie nachher wieder.“
„Ausgezeichnet.“ Das war ein ganz dunkles Grollen und Logan grinste wölfisch, was ihm sofort eine Menge mehr Respekt verschaffte.

*.*.*

Als sie abends zurück ins Hotel kamen, hatte Logan die halbe Stadt besichtigt, hatte die Wartungstrupps bei ihrer Arbeit gesehen, die Gruppen, die immer noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt waren, und die Arbeiter im Kraftwerk in Boulder City am Hoover Damm, wo - genau wie in Boulder - Kupfer auf die durchgeschmorten Motoren gewickelt wurde.
„Für heute ist Schluss“, beschied Lloyd, als er den Wagen auf dem Parkplatz abstellte und Logan ansah. „Morgen fahren wir dann raus nach Indian Springs.“
„Was ist da draußen?“ Logan spürte instinktiv, dass es dort wirklich wichtig wurde, und die feinen Haare in seinem Nacken stellten sich auf, aber Lloyd lachte nur leise.
„Oh nein, das lasse ich mir nicht verderben!“, wies er ihn zurück. „Das siehst du dir schön morgen selbst an, okay? Ich will dein Gesicht genießen.“
Dazu sagte Logan gar nichts mehr, sondern schüttelte nur leicht amüsiert den Kopf - er konnte nicht umhin, er mochte Lloyd.

Nach dem Abendessen fuhr er in seine Suite hoch, und noch während er die Codekarte durch den Schlitz zog, warnten ihn seine immer noch so unerwartet neuen Instinkte - der Raum dahinter war nicht leer.
Als er sehr vorsichtig die Tür öffnete und langsam eintrat, brannte Licht im Wohnzimmer und eine Frau stand am abgeklappten Fenster, den Rücken zu ihm gedreht.
Dennoch erkannte er sie sofort und sein Herzschlag setzte für einen endlosen Moment aus, um dann schmerzhaft langsam wieder einzusetzen.
Deborra.
Er hatte Flaggs Versprechen den Tag über vergessen, aber jetzt stand sie da ... Die blonden Haare reichten ihr offen bis kurz über die Schultern und wehten leicht im Wind. Ihr Körper war in ein dünnes Kleid gehüllt und sie hatte eine Stola um die Schultern liegen, die sie jetzt enger um sich zog, als fröstelte sie.
„Debbie?“ Seine Stimme war kratzig, das konnte er selbst hören, während er einen Schritt weiter ins Zimmer trat und die Tür hinter sich schloss. „Darling, bist du das wirklich?“
Und da drehte sie sich zu ihm um, langsam, beinahe in Zeitlupe, und er konnte immer mehr Details von ihr erkennen: Ihr großflächiges Gesicht mit der breiten Stirn, die katzenhaften Augen, die sehr schmale Nase ... Ihre üppigen Brüste unter dem Kleid, der weiche Frauenkörper ...
Schließlich sah sie ihn an und er erschauderte, denn ihre Augen waren kalt, ohne jegliches Leben. Ihr Gesicht war ausdruckslos und sie musterte ihn, als wüsste sie nicht, wo sie war, was sie hier tat, und wer er war.
„Debbie?“, sprach er sie erneut an und sie legte den Kopf schief, als würde sie versuchen, den Klang seiner Stimme einzuordnen. „Geht`s dir gut, Liebes?“
„Ja, danke.“ Ihre Stimme klang fast wie die von Deborra-Lee Furness, aber eben nur fast, ebenso, wie die ganze Frau fast seine Frau war.
‚Das ist also deine Art, Versprechen zu halten!’, dachte Logan bitter, während er zu ihr ging, um sie sachte an der Schulter zu berühren. Er spürte eine Welle Mitleid für sie, schien sie doch vollkommen orientierungslos in dieser Welt zu sein, und das tat ihm weh - er liebte sie immer noch so sehr, dass es ihm den Atem nahm.
„Seit wann wartest du schon hier?“ Er führte sie vorsichtig zu einem Sessel und sie ließ sich steif darauf nieder, als er sie sachte an den Schultern herunterdrückte. „Hast du Hunger, Durst?“
Aber sie sah ihn einfach nur aus diesen verschreckten, unsicheren, leblosen Augen an, was ihn seufzen ließ.
„Darling, weißt du, wer ich bin?“, wollte er wissen und ging vor ihr in die Hocke, was seine Kniegelenke knacken ließ.
Aber sie sah ihn einfach nur lange und sehr intensiv an, ehe sie etwas wie ein Lächeln versuchte - es glich eher einer Grimasse. „Du bist mein Ehemann“, bekam er dann aber doch endlich eine Antwort, die ihn langsam nicken ließ, ehe er ihr einen Kuss auf die Stirn hauchte.
„Ich gehe unter die Dusche.“ Er musste hier weg, jedenfalls für eine Weile, und so verschwand er ins Bad, wo er vor dem Waschbecken stehen blieb, den Kopf gesenkt, und versuchte, seine Gedanken auf die Reihe zu bringen.
Das Wesen da nebenan glich eher einem Zombie als seiner Frau und er fragte sich allen Ernstes, ob Flagg das nicht bewusst war!? Glaubte er wirklich, Logan würde sich darüber freuen? Für ihn war diese Frau eine Strafe, das Grauen, sie war ...
Aber vielleicht brauchte sie nur etwas Zeit, um sich wieder in dieser Welt zurecht zu finden. Wer wusste schon, was nach dem Tod kam? Vielleicht ...
„Willst du sie überhaupt noch zurückhaben, Logan?“ Das fragte er sein Spiegelbild ganz ernsthaft, aber eine ehrliche Antwort hätte Nein gelautet, sodass er sie sich ersparte und vielmehr unter die Dusche stieg.
Als er eine halbe Stunde später nackt ins Schlafzimmer ging, saß Deborra immer noch bewegungslos in dem Sessel und sah ihn an - oder besser durch ihn hindurch, sie schien ihn gar nicht wahrzunehmen.
Sie würde dort morgen früh immer noch sitzen, wenn er sie nicht mit ins Schlafzimmer nahm, das wurde ihm schlagartig bewusst. Also zog er sich eine Boxershorts und ein Unterhemd an, wobei er sah, dass für ihn und für sie Kleidung im Schrank hing - man hatte sich auch hier gut um ihn gekümmert.
Deswegen legte er ihr ein Nachthemd auf das Bett und ging dann langsam wieder zu ihr, um ihr eine Hand hinzustrecken.
„Es ist Zeit fürs Bett, Liebes“, bat er sie weich und sie legte ihre Hand in seine, sodass er sie in die Höhe ziehen konnte. Sie ließ sich ins Schlafzimmer führen und blieb dann am Fußende des Bettes stehen, um wieder blicklos vor sich hinzustarren.
„Oh, Jesus!“ Das zerbiss er zwischen den Zähnen, ehe er ihr das Nachthemd hinhielt. „Du musst dich umziehen“, bat er sie und Deborra ließ wortlos die Träger des Kleides von ihren Schultern gleiten. Sie war darunter nackt und Logan hielt ihr das Nachthemd so hin, dass sie es nur überstreifen musste, ehe er das Bett auf ihrer Seite aufschlug und sie sich hinlegte - es waren roboterhafte Bewegungen.
Er selbst schlüpfte auf der anderen Seite ins Bett und löschte dann das Licht, um mit klopfendem Herzen neben ihr liegen zu bleiben. Aber sie rührte sich nicht mehr, keinen Millimeter, er konnte nur ihren gleichmäßigen Atem hören und war sich nicht einmal sicher, ob sie schlief, oder einfach nur so ... tot neben ihm lag.
Irgendwann schlief er darüber ein.

*.*.*

27. August 2006
Ein Teil von Logan hatte gehofft, Deborra würde einfach verschwunden sein, so wie die Nachbilder eines schlechten Traums, aber als er am nächsten Morgen die Augen aufschlug, lag sie immer noch neben ihm.
Sie hatte sich irgendwann in der Nacht auf die Seite gedreht und wandte ihm so das Gesicht zu, das verhärmt und entspannt zugleich aussah, was bei ihr kein Widerspruch war. Sie war wie ein Spiegelbild seiner Frau, durch eine schon leicht blinde Oberfläche verzerrt, und er wünschte sich auf einmal schmerzlich Leah an seine Seite. Selbst wenn sie niemals seine Geliebte sein würde, so war sie ihm doch allemal lieber, als dieses mitleiderregende Wesen!
Es gruselte ihn und er stand leise auf, um sie nicht zu wecken, ehe er unter die Dusche stieg und sich dann anzog - er würde sich mit Lloyd und den anderen unten im Restaurant zum Frühstück treffen.
Vorher wählte er am Telefon die Null und bekam die Vermittlung, die ihn in die Küche durchstellte, wo er Whitey selbst am Apparat hatte.
„Logan hier“, meldete er sich. „Könntest du dafür sorgen, dass jemand ein Frühstück in meine Suite bringt? Und ... ich wäre dir auch dankbar, wenn diejenige bei meiner Frau bleiben würde, bis sie wirklich gegessen hat.“
„Na... natürlich.“ Whitey klang deutlich irritiert. „Ich werde dir Suzie hochschicken.“
„Danke. Ich erkläre es dir später.“ Logan legte auf und ging zurück zu Deborra ins Schlafzimmer. Er musste sie wecken und dafür sorgen, dass sie sich anzog, damit sie auf das Frühstück warten konnte - er hasste es jetzt schon!
„Liebes? Magst du aufwachen?“ Er machte seine Stimme ganz weich und streichelte ihr zärtlich den Rücken, während er sich auf ihre Bettkante setzte und spüren konnte, wie sie übergangslos wach wurde.
Sie drehte sich zu ihm herum und sah ihn aus diesen blicklosen Augen an, ehe sie ihn immerhin zu erkennen schien, denn sie versuchte wieder dieses falsche Lächeln.
„Komm, steh doch bitte auf und geh dich duschen, ja?“, bat er sie. „Ich muss gleich los und es wird ein Mädchen mit Frühstück für dich kommen.“
Deborra sagte nichts dazu, aber sie kam tatsächlich aus dem Bett und ließ sich ins Badezimmer bringen, wo sie mit mechanischen Bewegungen unter die Dusche stieg und sich hinterher in einen Bademantel hüllte - immerhin soweit schien sie klarzukommen.
„Kann ich dich alleine lassen?“ Ehrliche Besorgnis schwang in seiner Stimme mit, aber sie nickte nur und setzte sich dann in einen Sessel, um auf das Frühstück zu warten.
Logan seufzte noch einmal tief, aber ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass er keine Zeit mehr hatte, also verließ er die Suite und traf am Fahrstuhl auf eine junge Frau, die ein Tablett in den Händen hielt.
„Ich wollte zu dir“, erklärte sie ihm und schenkte ihm ein Lächeln. „Frühstück für deine Frau?“
„Ja, sie ist in der Suite“, erklärte er und rieb sich durch den Bart. „Bleibst du bitte bei ihr und sagst ihr, dass sie essen soll? Es geht ihr im Augenblick nicht so gut, und ...“
„Kein Thema, Whitey hat mir das schon gesagt.“ Sie schenkte Logan noch ein hinreißendes Lächeln, dann verschwand sie den Gang hinunter und er stieg in den Fahrstuhl.
„Morgen, Jungs.“ Er brauchte sich nicht einmal Mühe geben, er knurrte ganz von alleine unwillig, als er zu den anderen in das Restaurant kam und sie kurz begrüßte, ehe er sich Frühstück holen ging, wobei er sich durchaus Whiteys Blicken bewusst war. Aber er versorgte sich erstmal mit allem, ehe er den Koch zu sich ans Ende des Buffets winkte.
„Danke“, bedankte er sich schlicht, beide Augenbrauen erhoben, was die grimmige Falte für einen Augenblick glättete. „Meine Frau ist im Augenblick etwas ... indisponiert.“
„Nein, das ist schon okay“, winkte der Koch aber ab und versuchte ein Lächeln. „Ich freue mich, wenn ich dir helfen kann.“
Das genügte, mehr musste darüber nicht gesagt werden, und Logan ging zu den anderen, um zu frühstücken.

*.*.*

Indian Springs lag etwa vierzig Meilen außerhalb von Las Vegas und war über den Highway 95 gut zu erreichen, der bis dahin geräumt worden war - jedenfalls auf einer Seite, sodass die zwei Spuren für beide Fahrtrichtungen dienten.
Heute, am Sonntag, war nicht viel los, die meisten hatten frei, aber dennoch konnte Logan Menschen an der Umzäunung sehen, als sich Lloyd einem Luftwaffenstützpunkt näherte.
Er hatte auf der Fahrt hierher geschwiegen, hatte er mit Deborra doch eine Menge neuer Sorgen bekommen, aber dennoch hatten seine Augen die Hinweisschilder wahrgenommen und das ungute Gefühl, das er seit gestern Abend hatte, war rapide angewachsen.
Jetzt standen sie also vor einem ausgewachsenen Luftwaffenstützpunkt und er wurde der Wache vorgestellt, ehe Lloyd den Wagen über die Zufahrtsstraße rollen ließ.
„Hier war die Nationalgarde stationiert“, erklärte er mit stolzgeschwellter Brust. „Wir geben im Augenblick Lehrgänge für den Umgang mit den Jets und den Hubschraubern - wenn alles so weiterläuft wie bisher, haben drei Jungs bis zum ersten Oktober ihre Ausbildung an den Skyhawks abgeschlossen, wenn nicht sogar schon eher.“
„Skyhawks ...“ Alleine der Name ließ Logan nichts Gutes ahnen, aber Lloyd fuhr einfach einmal mit ihm über den gesamten Stützpunkt, erklärte ihm die Anlage und zum Schluss stoppte er vor einem Hangar, dessen Tore weit geöffnet waren.
Im Inneren konnte Logan vier Kampfjets stehen sehen und er hätte nicht sagen können, dass ihm der Anblick behagte! Vor allem nicht die Raketen, die unter den Tragflächen montiert waren ...
„Sind die scharf?“ Er wies mit dem Kopf auf die Waffen und Lloyd nickte geradezu begeistert, ehe er Logan in den Hangar zog, wo ein paar Techniker mit Wartungsarbeiten beschäftigt waren - Routinearbeiten am Wochenende.
„Du hast eines unserer größten Talente noch gar nicht kennengelernt, Mann!“, strahlte er übers ganze Gesicht. „Er nennt sich selbst den Mülleimermann - warum auch immer. Jedenfalls kann der Kerl einmalig gut mit Waffen umgehen!“
Er ging zu einem der Jets und tätschelte die Rakete unter der Tragfläche beinahe zärtlich. „Luft-Boden-Raketen“, erklärte er fachmännisch. „Shrike-Raketen, wie sie wohl geheißen haben. Ist es nicht komisch, wie sie den ganzen Mist nennen? Kein Mensch wusste, wie man die gottverdammten Dinger an den Flugzeugen anbringt. Kein Mensch wusste, wie man sie scharfmacht und zündet. Wir haben einen ganzen Tag gebraucht, um uns zu überlegen, wie wir sie aus den Halterungen im Arsenal herausbekommen! Und Hank sagt: ‚Wir sollten Mülli holen, wenn er wieder hier ist. Vielleicht kommt er damit zurecht.’“
„Wenn er wieder hier ist?“ Logan sah sich die Raketen sehr genau an, ebenso wie den Jet - man musste seine Feinde kennen.
„Er ist ein komischer Kerl.“ Lloyd zuckte die Schultern. „Er verschwindet immer wieder in die Wüste. Nimmt sich einen Landrover und fährt einfach los. Auf seine Art ist Müll genauso unheimlich, wie der Boss. Westlich von hier liegen nur Wüste und gottverlassene Öde - ich muss es wissen, ich hab da in einem Höllenloch namens Brownsville Station im Knast gesessen.“
Logan sah ihn flüchtig an, sagte aber nichts.
„Ich weiß nicht, wovon er da draußen lebt, aber er schafft es. Er sucht neues Spielzeug und bringt immer etwas mit zurück. Ungefähr eine Woche, nachdem ich mit ihm aus L.A. zurückgekommen war, schleppte er ein paar Maschinengewehre an, die ‚immer treffen’. Das letzte Mal brachte er Tellerminen, Tretminen, Splitterminen und einen Kanister Parathion. Er sagt, er habe jede Menge von dem Zeug gefunden, außerdem genügend Entlaubungsmittel, um den ganzen Staat Colorado kahl wie ein Hühnerei zu machen.“
„Na, der macht mir ja Spaß!“ Logan hob wieder seine Augenbraue auf diese besondere Art an und stemmte die Hände in die Hüften, um den Kopf zu schütteln. „Er riecht es regelrecht, hab ich Recht? Ich meine, es verwundert mich nicht besonders: Große Teile dieser Gegend haben der Regierung gehört, richtig? Da haben sie ihr ganzes Spielzeug getestet und gelagert, einschließlich der A-Bombe.“
„Ja, eines Tages wird er auch noch so etwas anschleppen.“ Der Gedanke machte Lloyd Angst, das konnte Logan deutlich sehen, und er konnte es auch verstehen - ihm machte der Kerl so schon genügend Angst.
„Und der Boss lässt ihn einfach so ziehen, wenn er das will?“ Das verwunderte Logan etwas, ging doch wirklich jeder hier einer geregelten Arbeit nach und wurde mehr oder weniger überwacht. Es gab sogar eine Schule, um die etwa zwanzig Kinder im Alter von vier bis fünfzehn zu unterrichten. Sie hatten zwei Leute mit Lehrbefähigung gefunden, und nun wurde an fünf Tagen Unterricht gegeben.
„Er sagt, man soll ihm seinen Willen lassen, er soll fahren, wohin er will.“ Lloyd zuckte die Schultern. „Jedenfalls, als Müll zurückkam, haben wir ihn hergebracht. Er hat sich die Shrikes angesehen, gesummt und gemurmelt und sie innerhalb von sechs Stunden montiert und scharfgemacht. Ist das zu glauben? Techniker der Airforce müssen schätzungsweise neunzig Jahre dafür ausgebildet werden ... Aber sie sind eben nicht Müll, der ist ein Genie.“

Auf dem Rückweg nach Las Vegas war Logan wieder in tiefes Schweigen verfallen und erst, als Lloyd vor dem MGM Grand stoppte, schien er daraus zu erwachen.
„Was dagegen, wenn ich mich morgen mal alleine in Ruhe in der Stadt umsehe?“, wollte er wissen, denn es war sicherlich etwas anderes, als einfacher Fußgänger zwischen den Leuten umherzustreifen, als zusammen mit der rechten Hand vom Boss in einem Wagen zu fahren - sein Gesicht kannte hier noch niemand.
„Nein, du kannst dich vollkommen frei bewegen“, bekam er von Lloyd zur Antwort. „Wie sieht`s aus, wir treffen uns alle nachher so gegen acht in der Bar ... Hast du Lust?“
„Ja, ich schätze, ich werde da sein.“ Logan stimmte sofort zu, denn er konnte sich nicht vorstellen, den ganzen Abend mit Deborra zu verbringen! Alleine der Gedanke an sie bereitete ihm eine Gänsehaut.

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28. August 2006
Deborra machte ihm keine Schwierigkeiten, sie war einfach nur da ... Gut, er musste ihr sagen, was sie tun sollte, aber Whitey hatte das offenbar ganz von alleine erkannt, denn er hatte Suzie auch mittags und abends zu ihr geschickt, damit sie etwas aß.
Logan spürte tiefes Mitleid mit ihr. Sein Verstand weigerte sich vehement, sie als seine geliebte Deborra zu sehen, wobei sein Herz wie ein waidwundes Tier jaulte und greinte. Sie hatte eine tiefe, ehrliche Liebe verbunden, die noch lange nicht vergessen war. Aber dieses Schattenwesen konnte nichts davon erwidern oder auch nur wahrnehmen.
Er aß an diesem Morgen zusammen mit ihr Frühstück, dann drückte er ihr einen Kuss auf die Stirn und verließ das Hotel, um durch die Innenstadt von Las Vegas zu spazieren.
Er sah sich sehr genau um und unterhielt sich auch hier und da mit jemandem, immer mit dem Hinweis darauf, dass er neu hier war und sich noch nicht wirklich zurechtfand.
Dabei bekam er den Eindruck, dass der Anteil der Dummen in Vegas größer als in der Zone war, aber keiner hatte Reißzähne, und sie würden sich sicherlich auch nicht in Fledermäuse verwandeln, wenn der Mond aufging.
Auf jeden Fall arbeiteten die Leute hier viel härter als in der Zone. Dort sah man die Leute zu jeder Tageszeit im Park spazieren gehen, und viele dehnten ihre Mittagspause auf zwei Stunden aus. So etwas passierte hier nicht. Von acht Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags arbeitete hier jeder, entweder in Indian Springs oder bei den Wartungs- und Aufräumtrupps hier in der Stadt.
Die Apotheken waren geöffnet und wurden nicht bewacht. Die Leute gingen ständig ein und aus, aber sie nahmen nichts Schlimmeres mit als ein paar Aspirin oder eine Flasche Gelusil. Ein Drogenproblem gab es im Westen nicht, denn die Strafe darauf war der Tod. Alle waren freundlich und ehrlich und es war vernünftig, nichts Stärkeres als Flaschenbier zu trinken.
‚Deutschland im Jahre 1938’, dachte Logan, als er auf dem Weg zurück ins Hotel war. ‚Die Nazis? Oh, die sind nette Leute, sehr athletisch. Sie besuchen keine Nachtclubs, die sind für Touristen ...’
Ein bitteres Lachen steckte ihm im Hals und er wusste, dass die Zone die einzig wahre Art war, nach der Seuche neu anzufangen, selbst mit all ihren Problemen. Er hätte die Suite mit Klimaanlage und großem Bad sofort wieder gegen sein Haus ohne Strom und fließend Wasser eingetauscht, wenn er nur gekonnt hätte!
Und Deborra gegen Leah ...
Gerade, als er ins Hotel zurückkehren wollte, kamen die Busse aus Indian Springs zurück und Logan erblickte unter den Leuten ein Gesicht, das ihn wie angewurzelt stehen bleiben ließ. Dieses breite, lächelnde, erstaunte Gesicht!
‚Gott im Himmel, ist das Tom Cullen?’, schoss es ihm durch den Kopf, als sich der rotblonde Mann abwandte, um seiner Wege zu gehen. ‚Tom? Würden sie tatsächlich Tom schicken?’ Er starrte fassungslos den Leuten hinterher, die miteinander schwatzten, die Frühstücksbehälter in den Händen. ‚Gott, natürlich nicht! Das ist so verrückt, das ist ... fast schon wieder vernünftig.’
Tom Cullen! Der Freund seiner Kinder, der sich immer vor ihm gefürchtet hatte!
Er schüttelte den Kopf, um ihn wieder klar zu bekommen, und ging dann zurück ins Hotel.
Tom Cullen ...