Ich zeige Dir die Angst in einer Handvoll Staub - Remake "The Stand" von Stephen King

GeschichteAbenteuer / P16
15.10.2014
25.08.2015
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24. August 2006
Für Tom Cullen war es mehr als nur unverständlich gewesen, dass ausgerechnet Logan abgehauen war, und so saß er jetzt traurig auf der vorderen Veranda seines Hauses, kurz bevor es dämmerte.
Nick, Ralph, Larry und Stu saßen auf der Treppe vor Toms Haus und sahen ihn unbehaglich an - es war nicht gut, ihn gerade jetzt fortzuschicken!
‚Es ist Zeit‘, schrieb Nick dennoch und gab Stu den Zettel.
„Müssen wir ihn wieder hypnotisieren?“, wollte der leise wissen, aber Nick schüttelte nur den Kopf.
„Gut“, sagte Ralph ebenso leise. „Ich glaube nicht, dass ich das aushalten würde.“ Dann sah er Tom an und schenkte ihm ein Lächeln. „Hey, Tommy! Komm doch mal her zu uns, ja?“
Und der stand aus seinem Stuhl auf und setzte sich neben Ralph auf die obere Stufe.
„Tommy, es ist Zeit, zu gehen“, sagte Ralph schlicht und Toms Lächeln, das sich eben erst auf seinem Gesicht gezeigt hatte, verschwand wieder. Er schien zum ersten Mal zu bemerken, dass es dunkel wurde.
„Gehen? Jetzt? Meine Fresse, nein! Wenn es dunkel wird, geht Tom ins Bett. M-O-N-D und das buchstabiert man Bett. Tom mag nicht im Dunkeln draußen sein. Wegen der Gespenster. Tom ... Tom ...“ Er verstummte und die anderen sahen ihn unruhig an.
Tom war in dumpfes Schweigen verfallen, ehe er wieder zu sich kam - aber nicht auf die übliche Weise. Es war kein plötzliches Wiedererwachen, bei dem alles Leben auf einen Schlag zurückkehrte, sondern eine langsame Angelegenheit, widerwillig, fast traurig.
„Nach Westen gehen?“, fragte er unglücklich. „Ihr meint, es ist die Zeit?“
Stu legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ja, Tom. Wenn du kannst.“
„Auf die Straße.“
Ralph gab einen erstickten, murmelnden Laut von sich und ging hinter das Haus. Tom schien es nicht zu bemerken - er sah abwechselnd Stu und Nick an.
„Nachts gehen, am Tag schlafen.“ Tom fügte langsam in der Dämmerung hinzu: „Und den Elefanten sehen.“
Nick nickte nur und Larry brachte Toms Rucksack, der neben der Treppe gestanden hatte. Tom streifte ihn langsam und verträumt über.
„Du musst vorsichtig sein, Tom“, sagte Larry mit belegter Stimme.
„Vorsichtig. Meine Fresse, ja.“ Immer noch schien er abwesend.
Stu fragte sich - ein wenig zu spät -, ob sie Tom ein Einmannzelt geben sollten, aber er verwarf den Gedanken. Tom hätte auch das einfachste Zelt nicht aufschlagen können.
„Nick“, flüsterte Tom. „Muss ich das wirklich?“ Der legte einen Arm um Tom und nickte dann langsam. „Gut.“
„Du musst immer auf der breiten, vierspurigen Straße bleiben, Tom“, sagte Larry. „Die 70 heißt. Ralph fährt dich mit dem Motorrad dorthin, wo sie anfängt.“ Keiner von ihnen wusste, dass Logan gestern erst den gleichen Weg genommen hatte.
„Ja, Ralph.“ Pause. Ralph war hinter dem Haus hervorgekommen, er wischte sich die Augen mit einem Taschentuch.
„Bist du fertig, Tom?“, fragte er rau.
„Nicky? Ist es noch mein Haus, wenn ich zurückkomme?“ Echte, tief empfundene Sorge war in Toms Augen, und Nick nickte heftig. „Tom liebt sein Haus. Meine Fresse, ja!“
„Das wissen wir, Tommy.“ Stu konnte jetzt auch warme Tränen tief in der Kehle spüren.
„Gut. Ich bin fertig. Mit wem fahre ich?“ Er sah leicht verwirrt aus.
„Mit mir, Tom“, sagte Ralph behutsam. „Zur Route 70, erinnerst du dich?“
Tom nickte und ging zu Ralphs Motorrad. Nach einem Augenblick folgte ihm Ralph mit hängenden Schultern, selbst die Feder in seinem Hutband schien traurig herabzuhängen. Er stieg auf das Motorrad und trat den Starter durch.
Einen Augenblick später fuhr er auf den Broadway und bog nach Osten ab. Sie standen beisammen und sahen, wie das Motorrad in der purpurnen Dämmerung zu einer Silhouette vor dem Scheinwerferlicht wurde. Dann verschwand das Licht hinter dem Holiday Twin Autokino und war nicht mehr zu sehen.
Mit hängendem Kopf und den Händen in den Taschen ging Nick davon.
Stu wollte sich ihm anschließen, aber Nick schüttelte fast wütend den Kopf und winkte ihn fort. Stu ging zu Larry zurück.
„Das wär`s“, sagte der düster und Stu nickte traurig.
„Glaubst du, dass wir ihn je wiedersehen, Larry?“, wollte er wissen, wie um sein Gewissen zu beruhigen.
„Wenn nicht, dann werden wir sieben - nun, vielleicht nicht Fran, sie war nie dafür, ihn zu schicken - den Rest unseres Lebens mit der Entscheidung, ihn geschickt zu haben, leben müssen“, sagte Larry weiter so düster. „Ich wünsche manchmal, ich hätte nie von dem elenden Komitee der Freien Zone gehört.“
„Nick mehr als jeder andere“, bemerkte Stu und Larry nickte.
„Ja, Nick mehr als jeder andere.“
Sie sahen Nick nach, der langsam den Broadway hinab schritt und in den Schatten unterging, die um ihn herumwuchsen. Dann betrachteten sie eine Zeit lang schweigend Toms dunkles Haus.
„Wir müssen dafür sorgen, dass niemand anders hier einzieht“, murmelte Stu, dann machten auch sie sich auf den Weg. „Irgendwie müssen wir uns um eine Menge kümmern, hab ich das Gefühl ... Frannie sagte, Leah hat gestern den ganzen Tag geweint.“
„Ich wüsste zu gerne, was zwischen den beiden vorgefallen ist, dass er gegangen ist.“ Larry sah Stu forschend an, aber der hob nur die Schultern.
„Ich kann es dir nicht sagen“, gab er zurück. „Ich weiß nur, dass ich immer das Gefühl hatte, seine Familie ginge ihm über alles. Einer der Jungs ist sein leibliches Kind, der andere gehört zu Leah ...“
„Diese ganze Sache mit den Spionen ist Wahnsinn!“ Jetzt, wo sie alle auf dem Weg waren, machte sich Larry gehörig Vorwürfe. „Was kann es uns nützen, Stu? Ich meine, wir wissen, dass er kommen wird, richtig? Und wir haben keine Idee, was wir dagegen tun können.“
„Ja.“ Mehr nicht.