Ich zeige Dir die Angst in einer Handvoll Staub - Remake "The Stand" von Stephen King

GeschichteAbenteuer / P16
15.10.2014
25.08.2015
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Teil 2
I may be going into hell, but for once I`m not going alone.
‚Van Helsing’

- 36 -

23. August 2006
Leah und die Jungs waren nach dem Frühstück zu Lucy Swann gegangen, die einen Ausflug mit den Kindern geplant hatte - Leah würde sie dabei begleiten.
So hatte Logan eine ‚sturmfreie Bude’ und konnte in Ruhe seine wenigen Sachen zusammenpacken, die er überhaupt mitzunehmen gedachte - er würde unterwegs nicht viel brauchen, und in Vegas würde es alles geben.
So kniete er jetzt vor seinem großen Rucksack im Schlafzimmer, um ein paar saubere Sachen einzupacken, oben auf sein Waschzeug.
„Was machst du da?“ Leahs strenge Stimme ließ Logan erschrocken zusammenzucken. Er hatte sie nicht kommen gehört und verlor beinahe das Gleichgewicht, als er aus der Hocke zu ihr herumfuhr.
„Jesus, Weib!“, fauchte er sie an und schob sein Waschzeug richtig in den Rucksack, ehe er ihn schloss. „Wonach sieht es denn aus?“
„Du packst deine Sachen.“ Jetzt drang Angst in ihre Stimme und Leah kam näher, während er sich aufrichtete, damit sie einen Blick in das Ankleidezimmer werfen konnte, wo seine Sachen immer noch neben ihren lagen. „Aber du ziehst nicht aus, hab ich recht?“
„Doch, irgendwie tue ich das schon.“ Er hob unwillig die Schultern und wich ihrem Blick aus. „Aber ... ich muss jetzt gehen.“
„Wohin?“ Ihre grünen Katzenaugen suchten den Blick seiner braunen Wolfsaugen und hielten ihn fest. „Das Motorrad draußen - es ist deins. Logan, was hast du vor, zum Teufel?“
„Ich gehe für `ne Weile weg, Lady.“ Seine Stimme war nur noch ein dunkles Knurren, denn genau das hatte er vermeiden wollen. „Ich hab einen Job angenommen.“
„Einen Job?“ Ihre Stimme wurde schrill. „Was für einen Job?“ Dann weiteten sich ihre Augen, als sie begriff. „Du gehst in den Westen! Zu ihm!“ Und da war sie, die Panik, gepaart mit Tränen, die er kaum ertrug.
„Es kann dir doch egal sein“, knurrte er sie deswegen nur an und wollte sich an ihr vorbei drängen, aber Leah folgte dieser Bewegung und stellte sich ihm in den Weg.
„Es ist mir aber nicht egal!“, fauchte sie, ehe sie ihm eine Hand an die Wange legte. „Was ist mit Oscar? Und Lukas? Was soll ich den Jungs sagen?“
„Sag ihnen, ich hab einen Job angenommen und bin deswegen eine Weile nicht in der Stadt“, gab er gelassener zurück, als er sich gerade bei dieser Sache fühlte, aber Leah schüttelte entschieden den Kopf.
„Sag mir wenigstens, warum!“, bat sie ihn und er konnte sehen, dass sie versuchte, nicht zu weinen. „Warum willst du das tun? Er wird dich töten!“
Logan hob einen Augenblick hilflos die Schultern, denn er hatte diese Diskussion um alles in der Welt nicht führen wollen. „Ich weiß nicht, ob Hugh Jackman je wiederkehren wird“, gab er ihr dann aber doch einen Einblick in sein Seelenleben. „Ich hab so viel gesehen, so viel erlebt ... Außerdem träume ich immer noch von ihm, Leah! Ich muss mich diesen Träumen stellen, verstehst du das denn nicht? Und die Gemeinschaft braucht jemanden, der sich drüben in Ruhe umsehen kann.“
„Du musst das nicht tun!“, bat sie ihn inbrünstig und streckte sich dann unvermittelt, damit sie ihn küssen konnte. Dabei streichelte sie seine Brust und griff nach seiner großen Hand, um sie auf ihren Busen zu legen, aber Logan wich sogar dem Kuss aus.
„Du brauchst dich nicht zu prostituieren, Leah“, wies er sie harsch zurück und konnte sehen, wie sie rot wurde. „Es würde auch nichts ändern, verstehst du? Ich würde mit dir ficken, danach würde ich auf meine Maschine steigen und verschwinden.“
Leah starrte ihn sprachlos an, denn so etwas hätte sie von ihm nie erwartet, und Logan nutzte den Augenblick, um das Schlafzimmer zu verlassen, den Rucksack über einer Schulter, eine Lederjacke in der Hand. Dabei war sein Gesicht vollkommen verkniffen und ausdruckslos, musste er sich doch beherrschen, um nicht zu ihr zu rennen, sie in den Arm zu nehmen und zu küssen, ehe er sie lieben würde und dann mit Sicherheit nicht in den Westen gehen könnte!
Aber er hatte etwas angefangen, und er war sich absolut sicher, dass sie nur mit ihm schlafen wollte, um ihn zu halten - in ein paar Tagen wären sie wieder genau da, wo sie jetzt waren.
Also schnallte er seinen Rucksack am Heck der Maschine fest, schlüpfte in die Lederjacke und schwang dann ein Bein über das Motorrad, um es mit einem festen Tritt zum Leben zu erwecken.
„Logan!“ Leah kam aus dem Haus gerannt, als er gerade anrollte, und sie rannte hinter ihm her, aber er drehte nicht einmal den Kopf zu ihr - er konnte sie im Außenspiegel sehen, und das brach ihm schon beinahe das Herz. „Logan! Hugh!“ Das kreischte sie regelrecht, aber an der nächsten Straßenecke blieb sie stehen und sah ihm keuchend hinterher, wie er die Maschine rasant beschleunigte, um von hier zu verschwinden.
Er hatte riesige Schwierigkeiten damit, nicht zu weinen.

*.*.*

Zum Glück hatte er mit seinen Berechnungen recht gehabt und der fließende Verkehr war wirklich schon in Denver zum Erliegen gekommen, sodass er auf der I-70 sehr gut vorankam. Den wenigen, liegen gebliebenen Autos konnte er auf dem Motorrad problemlos ausweichen.
So erreichte er abends Grand Junction und richtete sich ein Nachtlager ein.

Bis dahin hatte die Nachricht über sein Verschwinden die Runde gemacht und Mike war bei Leah, ebenso wie Frannie und Lucy, die sich um die Kinder kümmerte, weinte Leah doch die meiste Zeit.
„Ich wusste doch, dass etwas mit ihm nicht stimmt.“ Mike sah Frannie herablassend an. „So ein Kerl gehört nicht auf unsere Seite, oder? Ein so mürrischer Mensch, dem der Finger so locker am Abzug sitzt ...“
„Du weißt doch gar nichts über ihn, zum Teufel!“, brauste Frannie auf, während Leah aus dem Wohnzimmer auf die vordere Veranda trat und in die Dämmerung starrte. „Er hat sich da draußen auf der Straße keine begeisterte Schießerei geliefert, er wollte den Frauen und seiner Gruppe das Leben retten! Wie kannst du nur so über ihn reden? Ich hatte gedacht, ihr würdet gut miteinander auskommen?“
„Das Problem ist, liebe Frannie, dass Mike ein Auge auf die hübsche Leah geworfen hat.“ Leise wie eine Katze war Henry durch die Hintertür gekommen und Mike zuckte zusammen, ehe er wütend zu dem Blinden herumfuhr.
„Pass auf, was du sagst, alter Mann!“, fuhr er ihn an, aber Henry lächelte nur weiter.
„Logans Freunde wissen, dass er nicht zum Vergnügen in den Westen unterwegs ist“, sprach er einfach weiter und Frannie hatte das Gefühl, als würde er ihr direkt in die Seele blicken. „Und wer etwas anderes von ihm denkt, kennt ihn entweder nicht, oder er hat selbst ein rabenschwarzes Loch in der Seele.“
„Das muss ich mir nicht länger anhören!“ Mike war rot vor Wut, als er vom Stuhl aufsprang und das Haus beinahe fluchtartig verließ, und auch Frannie stand auf, um sich neben Henry zu stellen, der zu Leah zu sehen schien, die schon wieder weinte.
„Er hat es Ihnen gesagt.“ Mehr sagte sie nicht, aber Henry nickte auch nur, ehe er leise seufzte.
„Es tut mir um Leah und die Kinder sehr leid“, bedauerte er ehrlich. „Und ich möchte euch als seine Freunde bitten, ein wenig auf sie aufzupassen! Auch darauf, dass sie sich nicht am Ende mit dem falschen Kerl einlässt ... Wenn schon einer Logans Platz in ihrem Bett einnehmen soll, dann doch wenigstens einer, der ihn achtet, oder nicht?“
„Ja.“ Frannie spürte brennende Tränen in den Augen, denn sie begriff gerade jetzt, was der große, schweigsame Cowboy für sie alles aufs Spiel gesetzt hatte - es ging um so viel mehr als sein eigenes Leben ...

„Wo steckt Daddy wirklich, Mama?“ Sie hatten zwar den ganzen Tag versucht, die schlechte Stimmung von den Kindern fernzuhalten, aber als Leah sie jetzt ins Bett brachte, stellte Oscar ihr diese Frage und sie legte den Kopf leicht schief, um ihn anzusehen.
„Er hat einen Job angenommen, der ihn für eine Weile von uns trennt“, antwortete sie mit einem Lächeln, das sich sogar ehrlich anfühlte. „Du kennst das doch noch von früher, oder? Da war er doch auch öfters mal für eine Weile weg.“
„Ja, aber Mummy hat dann nie geweint.“ Oscar sah sie aus seinen sehr dunklen Augen forschend an, aber Leah hob nur die Schultern.
„Ich bin das eben nicht gewöhnt“, erklärte sie ihm ruhig. „Mein Mann war immer bei mir, verstehst du? Er hat mich und Lukas nie über Wochen oder gar Monate alleine gelassen, deswegen musste ich ein bisschen weinen.“ Und immer noch fühlte sich ihr Lächeln sehr ehrlich an, obwohl ihr erneut Tränen in die Augen stiegen - wie sollte sie das nur durchstehen?

Einhundertachtzig Meilen entfernt lag Logan unter freiem Himmel und starrte die Sterne an, die mit ihrem kalten Feuer zu ihm herunterstrahlten. Er spürte jetzt schon ein brennendes Heimweh und wäre am liebsten umgekehrt, aber alles in ihm wusste, dass er das nicht konnte.
Er hatte diesen Weg eingeschlagen und würde ihn gehen müssen, wenn er sich selbst treu bleiben und vielleicht irgendwann aufrecht nach Hause zurückkehren konnte.