Ich zeige Dir die Angst in einer Handvoll Staub - Remake "The Stand" von Stephen King

GeschichteAbenteuer / P16
15.10.2014
25.08.2015
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12. August 2006
Stu und Nick gingen am Vormittag zu Mutter Abagails Haus, den Kassettenrekorder mit den Aufzeichnungen vom gestrigen Abend unter dem Arm, und keiner von ihnen hätte sagen können, dass er sich dabei wohlfühlte.
Es war immer das eine, sie als Oberhaupt der Gemeinschaft zu sehen, wenn es um unwichtige Belange ging, allerdings etwas ganz anderes, wenn man eine alte Frau mit einem ausgeprägten religiösen Empfinden in etwas wie Spionage einweihen musste!
Und dann auch noch ihr Vetorecht ...
Aber Mutter Abagail begrüßte die beiden einfach nur freundlich, bot ihnen einen Kaffee an und so kamen sie ziemlich schnell direkt zum Thema, sodass ihre Stimmen durch die Küche der alten Frau trieben, während es draußen gerade richtig heiß wurde.
Als das Band geendet hatte und die Stimmen schwiegen, schwieg auch Mutter Abagail noch eine ganze Weile, ehe sie erst Nick und dann auch noch Stu lange und sehr traurig ansah.
„Ihr habt recht damit, diese Menschen zu ihm schicken zu wollen“, gab sie ihnen vorab für das Unternehmen ihren Segen. „Aber ... ich finde, Ralph hat absolut recht! Logan ist genau der Mann, den ihr schicken müsst.“
„Warum ausgerechnet er, Mutter?“ Stu hatte ihn nur ein- oder zweimal gesehen, meistens auf einem Pferd, was an sich schon sehr ungewöhnlich war - er machte einen grimmigen, verschlossenen Eindruck. Seine Frau und die Kinder kannte er gar nicht.
„Weil er einer von denen ist, auf die Gott seinen Finger gelegt hat.“ Sie sah Nick auf dieselbe Weise an, wie schon vor Wochen in Hemingford Home, und der erwiderte ihren Blick ruhig. „Ich habe von ihm geträumt ... Aber was noch wichtiger ist: Logan träumt von ihm. Ich weiß, dass Flagg ihn haben will, er würde ihn mit offenen Armen empfangen und zu einem seiner führenden Gefolgsleute machen.“
„Denken Sie wirklich?“ Nick schrieb das schnell und Stu las es vor. „Weswegen sollte er ihn haben wollen? Ich habe ihn nicht persönlich kennengelernt, aber ich habe ein paar Geschichten über ihn gehört ... Er macht auf mich nicht den Eindruck, als würde er auf Flaggs Seite gehören.“
„Nein, das tut er auch nicht“, nahm Mutter Abagail ihn sofort in Schutz. „Ich weiß nicht, was Flagg in ihm sieht, weswegen er ihn haben will ... Vielleicht solltet ihr das herausfinden? Sprecht mit ihm über seine Träume, die werden es euch vielleicht verraten.“
„Wir können ihn fragen, aber er wird mit Sicherheit ablehnen.“ Stu sah sie mit gerunzelter Stirn an. „Sie wissen schon, dass er Familie hat, oder?“
„Ja, das weiß ich.“ Mutter Abagail seufzte leise, aber auch sehr, sehr tief. „Aber ... Gott ist nicht gerecht, stimmt`s? Und Gott sagt, Logan muss nach Westen gehen.“
„Wir werden ihn fragen.“ Stu war nicht wohl dabei, wenn sie Gott ins Spiel brachte, denn dieser Faktor war weit mehr als nur unberechenbar! Aber wenn sie es wünschte, würden sie den Mann fragen, damit verärgern und sich mit Sicherheit keinen neuen Freund machen!
Manchmal war das Spiel einfach nicht fair.

*.*.*

14. August 2006
„Bist du dir wirklich sicher, dass du das tun willst?“ Leah hatte übers Wochenende immer wieder versucht, mit Logan über seine Mitarbeit am Beerdigungskomitee zu sprechen, aber er hatte alle ihre Argumente abgeblockt und machte sich jetzt am frühen Morgen fertig, noch ehe die Kinder aufgestanden waren - sein Frühstück hatte aus einer Tasse schwarzem Kaffee bestanden.
„Teufel, nein!“, fauchte er sie unvermittelt an und strich sich nervös durch die Haare. „Mir ist jetzt schon schlecht, okay? Aber ...“
„Jaaa, ich weiß.“ Leah schnurrte das regelrecht und streckte sich, damit sie ihm einen Kuss auf die Nasenspitze hauchen konnte. „Du bist zum Helden mutiert. Aber eines solltest du dir bewusst machen: Logan hätte vieles von dem, das du getan hast, nicht getan.“
„Ich glaube, da kennst du ihn nicht so gut, wie ich. Er kämpft mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, um Menschen zu beschützen, die ihm wichtig sind.“ Er umarmte sie kurz, dann hob er die Schultern. „Ich komme erst abends wieder, okay? Und mach dir keine Sorgen, das werde ich schon überstehen.“
„Ich werde versuchen, dir irgendwie ein heißes Bad zu verschaffen“, versprach Leah, dann brachte sie ihn zur Tür, wo ein Laster auf ihn wartete.
Keine Stunde später saß er zusammen mit neunzehn anderen Männern im Greyhound-Busbahnhof zwischen Arapahoe und Walnut Street, wo das Komitee seine Operationsbasis hatte. Der Leiter des Beerdigungskomitees, Chad Norris, hatte sie dabei einen nach dem anderen gemustert. Chad hatte den Posten widerwillig angenommen, weil er früher Assistent eines Bestattungsinstitutes in Morristown, New Jersey, gewesen war.
„Dies hat nichts mit einem Beerdigungsunternehmen zu tun“, erklärte er dann als Erstes, zündete sich mit einem Streichholz eine Winston an und grinste den zwanzig Männern zu, die um ihn saßen. „Das heißt, es ist ein Unternehmen, aber kein Geschäft, wenn ihr versteht, was ich meine.“
Das erntete gequältes Lächeln, und das von Harold Lauder war das breiteste - er war auch unter den Freiwilligen, wie Logan mit einem Anflug von Missfallen feststellte. Er traute dem Kerl kein bisschen über den Weg. Nur so ein Instinkt ...
Dabei knurrte sein Magen, aber er war immer noch froh darüber, nichts gegessen zu haben - die Arbeit würde grässlich werden.
„Es ist, als würde man Klafterholz vergraben“, sagte Chad zu ihnen. „Wenn es euch gelingt, es so zu sehen, ist alles okay. Manche werden vielleicht gleich am Anfang kotzen müssen - das ist keine Schande. Aber versucht es irgendwo zu machen, wo die anderen euch nicht dabei zusehen müssen. Wenn ihr gekotzt habt, fällt es auch leichter, so zu denken: Klafterholz. Nur Klafterholz.“
Die Männer sahen einander unbehaglich an.
Chad teilte sie in drei Gruppen zu sechs Männern auf. Er und die beiden überzähligen Männer bereiteten die Plätze für die Leichen vor. Beerdigungsplatz Nr. 1 - wie Chad ihn mit fast schauerlicher Gelassenheit nannte - lag zehn Meilen südwestlich von Boulder in einem Gebiet, wo früher Kohle im Tagebau gewonnen worden war. Der Platz lag so kahl und öde wie Mondgebirge unter der glühenden Augustsonne.
Jede Gruppe wurde ein bestimmter Stadtteil zugeteilt. Logans Gruppe sollte den Tag in Table Mesa verbringen, wo sie sich von der Abfahrt Denver-Boulder langsam nach Westen vorarbeiteten. Martin Drive hinauf zur Kreuzung Broadway, Thirty-ninth Street hinunter, Fortieth Street wieder hinauf, an Reihenhäusern entlang, die vor dreißig Jahren zurzeit von Boulders Bevölkerungsboom gebaut worden waren, einstöckige Häuser mit Souterrain.
Chad hatte aus dem hiesigen Arsenal der Nationalgarde Gummistiefel, Schutzkleidung und dicke Latexhandschuhe besorgt, außerdem Gasmasken, aber die brauchten sie erst nach dem Mittagessen. Wobei Logans Mittagessen aus einem Becher Kaffee und ein paar trockenen Keksen bestanden hatte, mehr hatte er einfach nicht runtergebracht.
Jetzt betraten sie die Kirche der Heiligen der letzten Tage am unteren Table Mesa Drive und Logan schnappte entgeistert nach Luft, als der erste Mann die Tür öffnete - der Gestank war grauenhaft.
„Okay, Jungs, ich denke, es wird Zeit für die Dinger.“ Seine Stimme klang seltsam hohl, dennoch fest, und die anderen schnallten ebenfalls die Gasmasken vom Gürtel - Logan hatte seine hinten getragen, wie auch schon seine Waffen, damit sie ihn nicht behinderte. In der Kirche waren über siebzig Menschen gestorben, und er war fürchterlich blass um die Nase, als sie schließlich die Kirche betraten.
„Klafterholz“, sagte einer der Männer mit hoher, angewiderter, piepsender Stimme, und Harold drehte sich um und stolperte an ihm vorbei nach draußen.
Das verursachte bei Logan ein boshaftes Gefühl der Befriedigung, war er doch nicht gerade davon angetan gewesen, ausgerechnet den Kerl bei sich zu haben.
Obwohl Harold hinter das hübsche Ziegelgebäude lief, das in Wahljahren als Wahllokal gedient hatte, bildete sich Logan ein, ihn immer noch kotzen zu hören, und das beruhigte seinen Magen schlagartig - manchmal tat Bosheit wirklich gut.
Sie mussten zweimal mit dem großen Kipplaster fahren und brauchten fast den ganzen Nachmittag, bis die Kirche leer war.
Ihre letzte Tour machten sie um Viertel nach vier, den Lastwagen voll mit den letzten Leichen der letzten Tage. In der Stadt musste der Lastwagen Fahrzeugen ausweichen, aber auf der Colorado-119 waren den ganzen Tag Abschleppfahrzeuge im Einsatz gewesen und hatten liegen gebliebene Wagen in den Straßengraben auf beiden Seiten geschafft. Dort lagen sie wie weggeworfenes Spielzeug eines Riesenkindes.
Am Beerdigungsplatz parkten schon die beiden anderen orangefarbenen Laster. Die Männer standen neben den Fahrzeugen, hatten die Handschuhe ausgezogen, und ihre Fingerspitzen waren weiß und runzelig, weil sie den ganzen Tag unter Gummi geschwitzt hatten. Sie rauchten und unterhielten sich unzusammenhängend, die meisten waren blass.
„Chad, zwanzig Männer sind zu wenig.“ Logan sprang vom Laster, kaum dass der halbwegs gestoppt hatte, und ging direkt zu dem Leiter des Komitees. „Selbst wenn wir dem Vorschlag von Harold folgen und pro hundert Einwohner mehr um zwei Mann aufstocken - wir werden frühestens vor den ersten schweren Schneefällen fertig werden! Das kann nicht funktionieren!“
„Ich rede mit Stu“, nickte Chad auch sofort, der die Ankunft der Leichen den Tag über registriert hatte - seine Beobachtung deckte sich mit denen von Logan, was nicht verwunderlich war.
Er hatte mit seinen beiden Helfern inzwischen eine Wissenschaft aus der Beseitigung gemacht und ging jetzt wieder an die Arbeit. Logan blieb ein wenig abseits stehen und beobachtete das Ganze mit einer Mischung aus Faszination und Ekel.
Sie rollten eine große Plastikplane auf dem Felsboden aus und Logans Muldenkipper setzte bis an den Rand der Folie zurück, die hintere Ladeklappe knallte herunter und die ersten Leichen purzelten wie Schaufensterpuppen auf die Plane.
„Jesus Christ!“ Logan wurde blass, aber weniger aufgrund des Anblicks der Leichen als vielmehr wegen des Geräuschs, mit dem sie auf ihrem zukünftigen Leichentuch aufschlugen - er würde dieses Geräusch wohl für den Rest seines Lebens im Schlaf hören.
Der Motor des Kippers dröhnte tiefer, die Hydraulik jaulte und die Ladefläche hob sich langsam an. Jetzt rollten die Leichen wie ein grotesker menschlicher Regen herunter und von Logans Gefühlen des Ekels blieb nichts mehr übrig - er empfand nur noch Mitleid, so tief, dass es schon schmerzte. Mehr ist nicht von ihnen geblieben ... Nur ... Klafterholz.
„Halt!“, brüllte Chad über das Jaulen der Hydraulik hinweg und der Kipper fuhr ein paar Meter zur Seite, wo der Motor abgestellt wurde.
Chad und seine Helfer sprangen mit Harken auf die Plane und Logan konnte sehen, wie sich Harold wegdrehte und so tat, als suche er am Himmel nach Anzeichen von Regen. Dadurch, dass er selbst nun zu Harold sah, musste er die Bilder auch nicht in sein Bewusstsein lassen, aber in der entstandenen Stille bekamen seine Albträume neue Nahrung, als Kleingeld klimpernd aus den Taschen der toten Männer und Frauen fiel, die mit den Harken gleichmäßig auf der Plane verteilt wurden. Ein ekelerregend süßer Geruch der Verwesung stieg in die Abenddämmerung und Logan würgte wieder einmal trocken - er hatte es den ganzen Tag geschafft, sich nicht zu übergeben.
Als er schließlich den Blick von Harold nahm, zogen die Drei die Enden der schweren Plane über die Leichen und ihre Armmuskeln spannten sich sichtbar unter der Anstrengung - die meisten der Männer trugen lediglich Unterhemden auf den verschwitzten Oberkörpern. Logan und ein paar andere kamen ihnen zur Hilfe und so waren die Leichen zwanzig Minuten später sorgsam verschnürt und bildeten eine Art Gelatinekapsel, wie Logans Gehirn vollkommen eigenständig assoziierte - es war grausam.
Als der Motor einer schweren Planierraupe angelassen wurde, zuckte er wie unter einem Peitschenhieb zusammen und sein Blick war entgeistert, als er sah, dass sich die schwere, zerschrammte Schaufel herabsenkte und die Raupe langsam vorwärts rollte.
Ein Mann namens Weizak, der ebenfalls in Logans Gruppe gewesen war, verließ die Szene mit den ruckartigen Schritten einer schlecht geführten Marionette. Eine Zigarette zitterte unbeachtet zwischen seinen Fingern und Logan konnte sehen, wie grau er geworden war.
„Mann, das kann ich nicht sehen“, murmelte er, als er an ihm vorbeiging. „Es ist wirklich komisch: Bis heute war mir nicht bewusst, dass ich Jude bin.“
Die Planierraupe schob und rollte das große Plastikpaket in eine lange, rechteckige Grube. Chad setzte zurück, stellte den Motor ab und kletterte herunter. Er winkte den Männern, sich um ihn zu versammeln, ging zu einem der Lastwagen und stellte einen Fuß auf das Trittbrett.
„Keine Durchhalteparolen“, sagte er schlicht. „Aber ihr habt verdammt gut gearbeitet. Ich schätze, wir haben heute fast tausend Einheiten weggeschafft.“
‚Einheiten’, dachte Logan mit Grausen.
„Ich weiß, was diese Arbeit einem Mann abverlangt. Das Komitee hat versprochen, vor Ende der Woche noch zwei Leute zu schicken ...“ Dabei sah er Logan in die Augen. „... aber ich weiß, das ändert nichts daran, wie euch zumute ist - mir übrigens auch. Ich will nur sagen, wenn einer von euch genug hat, wenn er glaubt, dass er keinen Tag mehr aushalten kann, dann muss er mir auf der Straße nicht aus dem Weg gehen. Aber wenn ihr meint, dass ihr es nicht schafft, ist es verdammt wichtig, dass ihr morgen einen Ersatzmann stellt. Für mich ist dies die wichtigste Aufgabe in der Zone. Jetzt ist es nicht so schlimm, aber wenn nächsten Monat die Regenfälle einsetzen und wir in Boulder immer noch zwanzigtausend Leichen liegen haben, werden die Leute krank. Wenn ihr denkt, dass ihr es schafft, sehen wir uns morgen früh am Busbahnhof.“
„Ich bin da“, sagte jemand.
„Ich auch“, sagte Norman Kellogg, der Fahrer von Logans Laster. „Wenn ich heute Abend sechs Stunden gebadet hab.“
„Oh ja!“, lachte Logan ehrlich, die Augenbrauen erhoben. „Meine Frau hatte mir ein Bad versprochen, und ich werde darauf bestehen!“
Das brachte ein paar Männer zum Lachen, vor allem die, die schon einen Blick auf Leah hatten werfen können - er wurde allseits um diese bildhübsche Frau beneidet, vor allem, da sie auch noch zwei - eigene! - Kinder bei sich hatten.
„Hol sie zu dir, wenn du den grässlichen Gestank runter hast“, grinste einer der Männer schmierig und Logan hob auch nur eine Augenbraue, während er mit einem Mundwinkel grinste - das war eine wirklich schöne Vorstellung.
Harolds Blick hingegen war säuerlich und Logan konnte ihn noch weniger leiden - der Kleine würde ihnen noch Ärger machen, das spürte er nur zu genau in den Eingeweiden.
Aber das ignorierte er für den Augenblick, stieg vielmehr auf die Ladefläche ‚seines’ Lasters und ließ sich zurück in die Stadt bringen, wo er mit Kellogg zusammen nach Hause fahren würde.
Aber vorerst traf er noch einmal auf Chad, der ihn mit einer Handbewegung bat, zu warten. „Das mit den Kreuzen an den Türen war eine gute Idee“, lobte er ihn, denn so markierten sie die bereits erledigten Häuser. „Und was die Männer angeht: Ich rede noch heute mit Stu, einverstanden?“
„Das wäre vielleicht das Beste, ja“, stimmte Logan zu und streckte mit einem Knacken den schmerzenden Rücken. „Es wird auch so hart genug werden!“
„Ich glaube, die meisten Jungs kommen morgen wirklich wieder.“ Und das schien Chad froh zu stimmen. „Das hätte ich mir nie träumen lassen. Ich dachte mir, wenn sie sehen, wie die Arbeit tatsächlich ist, würden ihnen tausend andere Dinge einfallen, die sie zu tun haben.“
„Ich will dir sagen, was ich glaube“, sagte Logan langsam, die Augenbrauen fest zusammengezogen. „Ich glaube, es ist einfacher, eine Drecksarbeit für sich selbst zu machen, als für andere. Manche Männer haben zum ersten Mal in ihrem ganzen Leben für sich gearbeitet.“
„Ja, ich glaube, da ist was dran“, gab ihm Chad Recht. „Sag mal, was mich interessieren würde: Was hast du eigentlich früher gemacht?“
„Oh, das wirst du nicht glauben!“ Logan lachte auf, es klang beinahe wie ein Bellen. „Ich war Schauspieler, Chad! Und sogar ziemlich erfolgreich, muss ich sagen ...“
„Nein!“ Der konnte nur den Kopf schütteln. „Das glaube ich dir jetzt wirklich nicht! Du verarschst mich, oder? Ich meine, hey, du bist ein Cowboy! Vielleicht noch einer, der mal beim Militär war, aber doch kein Schauspieler!“
„Glaub`s, oder auch nicht.“ Logan zwinkerte ihm zu, dann stieg er aber zu Kellogg in den Pick-up und ließ sich nach Hause bringen - er war todmüde.
Er ging aber nicht durch die Vordertür, sondern umrundete das Haus und warf einen Blick auf die Veranda, wo der Grill brannte und eine Anzahl Töpfe und Kessel mit Wasser standen.
„Hey, da bist du ja wieder!“ Leah schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, das aber aufgesetzt wirkte, das sah er sehr wohl. Und sie kam auch nicht dicht zu ihm heran, sondern blieb hinter der Fliegengittertür zur Küche stehen und sah ihn einfach nur lange an. „War es sehr schlimm?“, wollte sie irgendwann wissen und Logan setzte sich mit einem Stöhnen auf die Stufen, um den Kopf hängen zu lassen.
„Schlimmer“, murmelte er leise und rieb sich müde über die Augen. „Aber ... Lady, ich werde morgen wieder hingehen.“
„Ja, ich weiß.“ Das überraschte sie nicht, und sie wies sie auch nur mit einem Kopfnicken auf einen alten Badezuber, der dicht bei der Wasserpumpe auf dem Rasen stand. „Ich dachte mir, das Wetter ist gut genug, dass du draußen baden kannst?“
„Egal wo, Hauptsache lange und heiß!“ Damit tappte er auch schon zu dem Badezuber, in dem bereits Wasser dampfte, und warf einen Blick hinein, bevor er die Kessel und Töpfe vom Feuer nahm und ebenfalls noch hineinleerte. Leah half ihm, kaltes Wasser aus der Pumpe hinzuzugeben, bis es angenehm war.
Wortlos setzte sie weiteres Wasser auf, damit sie später nachgießen konnte, und Logan zog sich vollkommen ungeniert mitten auf dem Rasen aus, was ihm einen Blick mit erhobenen Augenbrauen einbrachte.
Leah verschwand kurz im Haus und kam mit Badeschaum, Seife und Handtüchern wieder. Ein großes Badelaken breitete sie über dem Badezuber aus und setzte sich dann neben ihn, damit sie ihn ansehen konnte.
„Erzähl mir davon“, bat sie, denn sie wusste genau, dass er in den letzten Wochen schon viel zu viel in sich hineingefressen hatte und irgendwann daran ersticken würde. „Wie sieht es in Wirklichkeit aus? Werdet ihr es schaffen?“
„Nein, nicht mit nur zwanzig Männern“, schüttelte Logan den Kopf und seifte sich ein, nachdem er fast die halbe Flasche Badeschaum ins Wasser gegossen hatte. „Aber wir werden mehr Leute bekommen, denke ich ...“ Er schöpfte sich Wasser ins Gesicht und seifte sich alleine dort dreimal ab, ehe er sich zurücklehnte und Leah ihm ein Handtuch als Nackenrolle gab, was ihn lächeln ließ, ohne dass er die Augen öffnen würde.
„Wo sind die Kiddies?“, wollte er wissen.
„Sie sind bei Henry“, erklärte Leah ihm freundlich. „Er liest ihnen Geschichten vor. Und er hatte auch noch diesen antiken Badezuber im Keller stehen, kannst du dir das vorstellen?“
„Er ist ein Teufelskerl“, murmelte Logan leise, dann setzte er sich aufrechter hin und sah Leah in die Augen, ehe er ihr von seinem Tag erzählte, in vielen, grausigen Einzelheiten, bis hin zum ‚Verpacken’ der Leichen.
„Nun, wie sieht`s aus?“, wollte er dann irgendwann wissen und zwinkerte ihr zu. „Einer der Jungs meinte, ich sollte dich mit ins Wasser nehmen, wenn der gröbste Gestank abgewaschen ist ...“
„Gott, Logan!“ Leah lachte ihn aus, aber ihre Wangen bekamen eine feine Röte, das konnte er sehen, und es ließ ihn zärtlich lächeln.
„Komm schon!“, lockte er sie mit einem Schnurren und streckte eine verschrumpelte Hand nach ihr aus. „Es ist genügend Platz für uns zwei, wenn ich die Beine anziehe!“
Darauf antwortete Leah aber nicht, sondern stand auf und holte das restliche Wasser, um es vorsichtig am Fußende in den Badezuber zu gießen. Dabei war sie sich durchaus der Blicke bewusst, mit denen er sie ansah, und das ließ ihre Eingeweide kribbeln.
„Ich werde mich nicht in Leichensuppe setzen“, entschied sie dann aber mit einem sehr pikierten Gesichtsausdruck und wollte sich hoheitsvoll umdrehen ...
... als Logan sie einfach am Unterarm packte und zu sich zog. Sie verlor das Gleichgewicht, taumelte zwei Schritte rückwärts und landete schließlich mit dem Hintern voran im Wasser, sodass sie auf seinem Schoß saß, nur noch das Badelaken zwischen sich und seinem nackten Körper.
„Großer Gott, Logan!“, fauchte sie, aber ihre Stimme lachte, und er legte beide Arme um sie, damit er sie enger an sich ziehen konnte - er wollte sie nicht gehen lassen!
„Oh, ich hoffe, ich bringe die Jungs jetzt nicht in Verlegenheit?“ Es war Henrys Stimme, die ihn schließlich dazu brachte, sie loszulassen, ehe er ihren Körper durch den nassen Stoff des dünnen Kleides berühren konnte, und sie knuffte ihm vor die Brust, während sie versuchte, aus der Wanne hochzukommen. „Es klingt nach zwei Leuten in dem alten Badezuber.“
„Nicht freiwillig, Henry!“, erklärte Leah missmutig und kreischte auf, als Logan ihr eine Hand unter den Hintern schob, damit er ihr aus dem Wasser helfen konnte - seine Fingerspitzen berührten dabei eine Stelle an ihr, an der seine Finger so gar nichts verloren hatten. „Dieser ... feine Herr hat mich samt Sachen ins Wasser gezogen!“
„Hmmm, das klingt aufregend.“ Henry schmunzelte und ließ die Jungs von den Händen, die er durch das Dickicht nach Hause gebracht hatte - er wollte nicht, dass sie nach Einbruch der Dämmerung noch alleine unterwegs waren, wenn er für sie verantwortlich war.
Die liefen zu Logan, um ihn zu begrüßen, während Leah ins Haus ging und sich umzog, ehe sie für die Männer Abendessen machte - sie konnte Logan nach so einem Tag kaum böse sein.

*.*.*

15. August 2006
Logan war schon früh am Morgen erneut zur Arbeit verschwunden und Leah hatte ihn an der Tür lange umarmt, ehe sie ihn zu Kellogg gelassen hatte - sie hätte am liebsten geheult.
Aber er hatte in der Nacht ruhig geschlafen, keine Albträume schienen ihn gequält zu haben und er war ein Typ, der zu Ende brachte, was er angefangen hatte.
Also ließ sie ihn gehen, kümmerte sich um ihr Haus und die Kinder, ehe sie alle zu Henry gingen, um dort Waschtag zu machen - der arme Kerl hatte es bitter nötig!

Stu hingegen hatte den ganzen Tag draußen im Kraftwerk verbracht und neue Kupferdrähte auf die durchgeschmorten Motoren gewickelt. Der Elektriker Brad Kitchner arbeitete wie ein Teufel und Stu sagte sich nicht zum ersten Mal, dass die ganze Stadt wieder bis zum ersten September auf Vordermann wäre, wenn sie zehn von seiner Sorte hätten.
Hatten sie aber nicht. Sie hatten verdammt wenige von seiner Sorte.
Einer davon war wohl doch dieser Logan, das war ihm erst gestern Abend wirklich bewusst geworden, als Chad Norris nach der Arbeit bei ihm vorbeigekommen war, um über den ersten Tag der Leichenräumen zu reden.
Dabei hatte er ihm sehr deutlich gemacht, dass sie weit mehr Männer brauchen würden, um die Seuchengefahr irgendwie einzudämmen, denn nach Logans Schätzung würden sie sonst erst bis zu den wirklich schweren Schneefällen fertig werden, und er schloss sich diesen Schätzungen vorbehaltlos an.
Stu hatte ihm versprochen, das so schnell wie möglich mit dem Komitee zu besprechen, und das würde er auch machen. Aber vorerst hatte er noch etwas anderes vor ...
Er fand Logan bei den Pferden auf der Koppel, wo er nach der grässlichen Arbeit die Tiere versorgte, Heuballen über den Zaun wuchtete und ihnen Wasser gab, während ihm der Schweiß in Rinnsalen über den nackten Rücken lief.
„Hey.“ Stu ließ sein Motorrad auf der Straße stehen und ging den Kiesweg entlang, auf ihn zu. „Kann ich mit dir reden?“
„Natürlich.“ Logan wischte sich mit der Schulter Schweiß aus der Augenbraue, waren seine Hände doch vollkommen verdreckt. „Stu Redman, richtig?“
„Ja, richtig.“ Er reichte Logan trotzdem die Hand und der ergriff sie.
„Mann, warst du im Kraftwerk, Kupfer wickeln?“, wollte Logan wissen, beide Augenbrauen erhoben, denn Stus Hände waren vollkommen zerschunden.
„Ja, da helfen nicht einmal Arbeitshandschuhe“, nickte Stu und ballte eine Hand vorsichtig zur Faust. „Meine Hände sind vollkommen kaputt ...“
„Wie läuft es da draußen?“ Logan verteilte weiter Futter für die Tiere und achtete dabei genau darauf, wie sie sich untereinander verhielten, sodass Stu ihm langsam folgte.
„Das kann ich dir nicht sagen“, bedauerte er mit einem Grinsen. „Ich bin nur Hilfsarbeiter, wie alle anderen auch. Brad Kitchner sagt, es wird losgehen wie ein brennendes Haus. Seiner Meinung nach sind die Lichter Ende der ersten Septemberwoche wieder an, möglicherweise früher. Mitte nächsten Monats haben wir wieder Heizung.“ Stu zuckte die Schultern. „Er ist natürlich ziemlich jung und seine Vorhersagen vielleicht nicht ...“
„Ich würde mein ganzes Geld auf Brad setzen“, unterbrach Logan ihn und streckte den schmerzenden Rücken. „Ich vertraue ihm. Er hat jede Menge Praxisausbildung bekommen, oder nicht?“ Dabei lächelte er sogar leicht. „Wie die meisten hier ... Ralph sagte, es ist eine große Gruppe auf dem Weg, die einen Arzt dabei haben - einen richtigen Arzt, meine ich.“ Er grinste flüchtig. „Nichts gegen Dick, er gibt weit mehr, als er eigentlich könnte, und als Tierarzt ist er der Hammer, aber ... er wird sich freuen, wenn er ‚richtige’ Verstärkung bekommt.“
„Das mit Sicherheit.“ Mit jedem Satz verriet ihm Logan mehr, dass er sich über die Gemeinschaft Gedanken machte und sich hier heimisch fühlte, und das machte ihm das Gespräch nicht gerade leichter. „Logan, ich bin aus einem bestimmten Grund hier ...“
„Ach nee.“ Der lachte leise. „Und ich dachte, du wolltest dir nur mal die Pferde ansehen. Also, großer Häuptling, was kann ich für dich tun?“
„Das ist eine schwierige Geschichte.“ Stu rieb sich die Nase und Logan nickte zu einer der Parkbänke, die im Schatten standen - sie sollten das in Ruhe besprechen.
„Wir machen uns zunehmend Sorgen darüber, was unser Gegenspieler im Westen so auf der Pfanne hat“, suchte Stu einen Anfang und starrte auf seine schmerzenden Hände, während von Logan ein Geruch von süßlicher Verwesung und Schweiß ausging. „Glen meinte schon vor einer ganzen Weile, dass der wahrscheinlich dabei sein wird, die Waffenarsenale scharfzumachen, und ...“
„Ja, ich weiß.“ Logan seufzte leise. „Der alte Kampf. Gut gegen Böse ... Und wir stehen mittendrin. Aber ... was kann ich für dich tun, Stu? Ich bin nicht im Komitee, was ...?“
„Das Komitee hat lange darüber diskutiert“, nahm Stu diesen Faden auf und sah Logan ins Gesicht, „aber den Ausschlag hat eigentlich Mutter Abagail gegeben. ... Logan, wir wollen dich bitten, für die Freie Zone als Kundschafter in den Westen zu gehen.“
„Bitte?“ Logan klappte der Kiefer runter und er wurde sogar leicht blass unter seiner gesunden Bräune. „Ihr wollt, dass ich ... zu ihm gehe? Seid ihr vollkommen verrückt geworden?“ Er schüttelte sehr entschieden den Kopf. „Nein, Stu, auf gar keinen Fall! Selbst wenn mich der Papst persönlich oder auch Gott selbst fragen würde ... ich gehe nicht! Ich hab hier eine Familie, okay? Oscar hat schon seine Mutter verloren, ich will ihn nicht vollends zum Waisen machen! Und wenn der Teufel aus dem Westen herkommt, will ich wenigstens hier sein, um Leah und die Kinder verteidigen zu können!“ Er sah Stu aus sehr dunklen, flammenden Wolfsaugen an. „Euch ist schon klar, dass die Chance, zurückzukehren, gegen Null tendieren, oder?“
„Ganz so düster haben wir das nicht eingeschätzt, nein.“ Stu versuchte, seinem Blick standzuhalten, aber das gelang ihm nicht wirklich gut. „Und ... Mutter Abagail sagt, dass Flagg dich haben will ... Stimmt es, dass du immer noch von ihm träumst?“
„Oh Gott, dieses alte Weib!“ Logan stöhnte dumpf und presste zwei Finger gegen die Augen. „Ja, ich träume immer noch von ihm! Und er will mich haben, auch damit hat sie recht ... Aber ... ich will nicht sterben, okay? Ich will endlich Privatmensch sein, meine Kinder aufwachsen sehen ...“
„Denk noch einmal in Ruhe nach“, bat ihn Stu dennoch und stand langsam auf. „Ich kann deine Reaktion verstehen, und eigentlich hat niemand aus dem Komitee mit einer anderen gerechnet, aber ... Mutter Abagail hat darauf bestanden, dass wir dich immerhin fragen.“
„Ich nehme euch das nicht übel, Stu“, kam Logan ihm entgegen. „Ich weiß selbst, dass ich ein sehr geeigneter Kandidat wäre ... ihr kennt die Geschichten von unserer Reise, hm? Wahrscheinlich noch ein bisschen ausgeschmückt und aufgebläht ...“
„Kann schon sein.“ Stu hob die Schultern. „Es tut mir Leid ... Und ich bin dir sehr dankbar für die Arbeit, die du hier für die Gemeinschaft tust! Es ist mit Sicherheit kein leichter Job.“
„Schon okay.“ Logan wollte nicht mehr reden, er kam ebenfalls wieder auf die Füße, verabschiedete sich knapp von Stu und ging dann über die Straße nach Hause - Leah würde wieder die Wanne für ihn bereithaben.

*.*.*

Logans Gedanken rasten, sie drehten und wirbelten im Kreis, bis er gar keine Ahnung mehr hatte, was er denken, fühlen oder gar machen sollte.
Nur eines wusste er mit absoluter Klarheit: Er konnte nicht mit Leah darüber sprechen.
Wenn er auch nur andeuten sollte, dass er gefragt worden war, in den Westen zu gehen, so würde sie sicherlich wieder diese Angst in den Augen haben, und das wollte er doch so gar nicht! Sie hatte sich in diesen drei Wochen in Boulder so sehr entspannt, dass der bittere Zug um ihren Mund verschwunden war, der sie seit dem Lincoln Tunnel begleitet hatte.
Sie wusste nicht einmal, dass er weiterhin von Flagg träumte, ahnte nicht einmal, dass er ihn immer noch - und deutlich massiver - lockte, und sie durfte nie erfahren, dass Mutter Abagail ihn dorthin schicken wollte!
Und er wollte auch gar nicht gehen! Hier war seine Familie, hier war sein Glück! Die Menschen, die ihn brauchten - und die er brauchte, mehr als irgendetwas sonst auf der Welt.
Die Sache zwischen Leah und ihm würde sich irgendwie entwickeln, davon ging er - jedenfalls heute, in dieser ganz bestimmten Stimmung - fest aus, Oscar war schon Halbwaise und hing sehr an ihm und auch Lukas hatte nur ihn als Vater.
„Lady, ich gehe noch auf ein Bier zu Henry, okay?“ Er hatte gebadet, zu Abend gegessen und jetzt waren die Kids im Bett - und er vollkommen rastlos.
„Okay! Grüß schön!“ Leah werkelte irgendwo im Haus und so nahm er sich den ‚Rotkäppchen-Korb’, wie er ihn scherzhaft nannte, packte Abendessen und Bier hinein und machte sich auf den Weg durch die Dämmerung zu Henrys Haus.
Der saß auf der Veranda in einem Schaukelstuhl und lächelte ihm entgegen, als er aus dem Unterholz trat. „Logan!“, begrüßte er ihn vollkommen sicher. „Nach einem harten Arbeitstag noch Nerven, einem alten Schwätzer die Zeit zu vertreiben?“
„Ich hab ein dringendes Bedürfnis danach, Henry“, gab Logan trocken zurück und zog sich einen Stuhl heran. „Leah schickt dir schöne Grüße, außerdem ein Abendessen, wenn du magst.“
„Ich gebe es nur sehr ungerne zu, aber ... Leah macht mich abhängig von sich.“ Henry lächelte das leicht, wenn auch etwas schmerzlich. „Die Gute hat heute mit den Kids meine Wäsche gewaschen ... Gott, war mir das unangenehm! Aber sie hat die beiden Jungs die Wäsche mit den Füßen durchwalken lassen, während sie sich mit mir unterhalten hat ... Sie ist eine tolle Frau, Logan!“
„Wem sagst du das?“ Der lächelte auf eine so schmerzliche Art, die Henry mit seinen feinen Sinnen wahrnahm und den Kopf leicht schief legte, während er sich einen Löffel Chili in den Mund schob.
„Du hast Sorgen“, stellte er messerscharf fest und griff nach dem Bier, das Logan ihm reichte. „Was ist los, Logan?“
„Stu Redman war vor ein paar Stunden bei mir, als ich gerade die Pferde versorgt hab“, berichtete der frei heraus, denn genau deswegen war er hergekommen. „Er hat erst rumgedruckst, aber dann ... Das Komitee will ‚Kundschafter’ in den Westen schicken, und Mutter Abagail hat sie gebeten, mich zu fragen.“
„Tatsächlich.“ Henry dachte einen Augenblick darüber nach. „Es wundert mich nicht, dass sie auf diese Idee gekommen sind, und sie haben damit Recht, vermute ich.“ Er rieb sich die Nase. „Ich meine, Flagg wird nicht da drüben sitzen, sein Reich genießen und uns hier ignorieren, oder? Er will uns alle haben ... Jeder, der sich ihm nicht unterwirft, muss vernichtet werden.“
„Wenn du nur niederkniest und mich anbetest ...“ Logan fröstelte bei der Erinnerung an Flaggs Worte, aber Henry nickte nur versonnen.
„Was weiß die alte Frau, was ich nicht weiß, Großer?“, bat er Logan um seine dunkelsten Geheimnisse. „Sie wird dich nicht schicken wollen, weil du so groß und stark bist. Das spielt für eine Frau wie sie keine Rolle - sieht man einmal, dass sie einen Taubstummen wie Nick Andros favorisiert.“
„Ich vermute, sie wird von meinen Träumen wissen“, murmelte Logan und hob langsam die Schultern. „Wie auch immer ...“
„Du träumst von ihm.“ Henry nickte langsam. „Nun, das habe ich auch. Von Flagg und von Mutter Abagail, ehe sie hier war. ... Was ist an deinen Träumen besonders?“
„Sie dauern immer noch an.“ Logan rieb sich die Fingerknöchel, wie meistens, wenn er wirklich nervös war. „Und er ... er lockt mich! Er verspricht mir meine Frau und meine Tochter ...“
„Wobei ich richtig in der Annahme liege, dass beide der Supergrippe zum Opfer gefallen sind“, warf Henry ein, denn sie hatten sich nie über die ehemaligen Familienverhältnisse der beiden unterhalten - es genügte zu wissen, dass es zwei ehemals halbe Familien waren.
„Ja, in Australien“, bestätigte Logan knapp. „Und er ... er will mich für sich, verstehst du? Er verspricht mir Macht und Frauen ... selbst meine Frau, wenn ich nur niederknie und ihn anbete.“
„Du liebst sie noch.“ Das stellte Henry vollkommen wertfrei fest, aber Logan zuckte nur die Schultern.
„Wenn er dir dieses Angebot machen würde ...“ Er hob beide Augenbrauen an. „könntest du sagen, dass du nicht einmal darüber nachdenken würdest?“
„Oh, ich würde darüber nachdenken!“, gab Henry sofort entschieden zurück. „Und ich würde es vielleicht sogar annehmen! Ich würde meine Seele verkaufen, wenn ich Rhoda wiederhaben könnte! ... Und du? Hast du darüber nachgedacht?“
„Ja, hab ich“, gab Logan weiterhin sehr ehrlich zurück. „Aber ... ich denke nicht, dass er dieses Versprechen halten könnte. Und ...“ Er sah in die schnell dunkler werdende Nacht hinaus. „Ich könnte mir nie vorstellen, Oscar in so einer Welt aufwachsen zu lassen. Und ich könnte ihn auch nicht hier lassen. Und ich könnte ihn auch nicht von Lukas trennen. ... Und ich könnte auch nicht Leah verlassen.“
„Und nun bitten sie dich, zum Wohl der Gemeinschaft genau das zu tun, was du so gar nicht willst.“ Henry sah ihn bedauernd an. „Es tut mir sehr leid, Logan! Aber du hast ihnen abgesagt, oder?“
„Ja. Sofort und ganz klar.“ Seine Augen und seine Stimme waren hart. „Ich habe hier viel zu viel, um das alles aufs Spiel zu setzen! Außerdem ... wie hoch wären meine Chancen, zurückzukehren? Ich meine, dieser Flagg - er ist mindestens ein Dämon, oder? Ich könnte gar nicht schnell genug fliehen, dass er mich nicht erwischen würde.“
„Ja, da magst du recht haben. Aber sie werden andere schicken.“ Henry schien dieser Gedanke ebenso wenig zu gefallen, aber Logan nickte langsam.
„Vielleicht haben andere größere Chancen, weil sie nicht in seinem direkten Blickfeld sein werden“, vermutete er und Henry stimmte ihm stumm zu.
Er selbst wollte auch nicht, dass sein Freund ging.