Ich zeige Dir die Angst in einer Handvoll Staub - Remake "The Stand" von Stephen King

GeschichteAbenteuer / P16
15.10.2014
25.08.2015
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06. Juni 2006
Hugh Jackman saß am Morgen des sechsten Juni auf einer Bank im Central Park und sah in die Menagerie. Die Fifth Avenue hinter ihm war auf gespenstische Weise mit Autos verstopft, aber sie waren alle stumm, ihre Besitzer entweder tot oder geflüchtet. Viele der eleganten Geschäfte unten an der Fifth waren qualmende Ruinen.
Von seiner Bank aus sah Hugh einen Löwen, eine Antilope, ein Zebra und einen Affen. Außer dem Affen waren alle tot. Er glaubte nicht, dass sie an dieser grässlichen Grippe gestorben waren - sie waren weiß Gott wie lange nicht gefüttert und getränkt worden, das hatte sie umgebracht.
Alle, außer den Affen.
Bisher war das Tier scheinbar schlau genug gewesen, um nicht zu verhungern und zu verdursten, aber er war ganz offenkundig schwer krank - auch die nächsten Verwandten der Menschen bekamen die Supergrippe.
„Es ist eine grausame Welt!“, murmelte Hugh beinahe tonlos in den leeren Park, während rechts von ihm die Uhr mit den vielen Tieren sieben schlug - er musste bald nach Hause. Die kleinen Tierfiguren, die sonst alle Kinder in Entzücken versetzten, spielten jetzt vor leeren Rängen. Der Bär stieß in sein Horn, ein mechanischer Affe - der niemals krank wurde - spielte auf dem Tamburin, der Elefant schlug mit dem Rüssel die Trommel.
Nach einer Weile verstummte die Uhr und Hugh hörte wieder das heisere Schreien, das ihn schon in den letzten Tagen verfolgt hatte, diesmal zum Glück leiser, weiter entfernt. Der Monster-Schreier war an diesem hübschen Morgen links von ihm, wahrscheinlich am Heckscher-Spielplatz. Vielleicht fiel er da in das Planschbecken und ertrank.
Wäre nicht der schlechteste Tod in diesen Tagen.
„Die Monster kommen!“, schrie die leise, heisere Stimme. „Jetzt kommen die Monster!“
Als Hugh ihn zum ersten Mal gehört hatte, war es mitten in der Nacht gewesen, und als die Finsternis über der unnatürlich ruhigen Stadt gelegen hatte, hatte die schwache, heulende Stimme sonor und dunkel geklungen. Die Stimme eines wahnsinnigen Jeremiahs, die durch die Straßen von Manhattan schwebte, von den Wänden zurückgeworfen und durch das Echo verzerrt.
Tags darauf hatte Hugh ihn dann aber im Park gesehen, und er war nur ein verrückter alter Mann, hochgewachsen, vielleicht Mitte sechzig, in Cordhosen und einem dünnen Hemd und mit einer Hornbrille, die von Klebestreifen zusammengehalten wurde.
Seit dem ging Hugh nicht mehr mit Oscar in den Central Park, nicht einmal mehr in seine Nähe - was sollten sie auch noch hier? Die letzten Tiere waren gestorben, es gab nur noch das Grauen für den Kleinen zu entdecken.
„Verdammte, beschissene Welt!“ So etwas war sonst ganz und gar nicht seine Art, aber Hugh fluchte jetzt inbrünstig, ehe er auf die Füße kam und in leichtem Trab zurück zu seiner Wohnung strebte, die inmitten dieses Wahnsinns immer noch ein Refugium war.

*.*.*

In der Nähe von Hughs Wohnung gab es einen kleinen Park mit einem Spielplatz und einer Grünfläche. In Ermangelung einer sinnvollen Aufgabe verbrachte er sehr viel Zeit dort. Er konnte Oscar kaum in der Wohnung einsperren.
Hier in der Gegend gab es keine Toten auf den Straßen, die Menschen zogen sich in ihre vier Wände zurück, wenn das Ende kam, und er war ihnen dafür mehr als nur dankbar. Außerdem gab es Lebensmittelläden, die - dank der zurzeit noch funktionierenden Stromversorgung - alles boten, was sie zum Leben brauchten.
Jedenfalls für den Augenblick.
„Tooor!“ Eine fröhliche, weibliche Stimme riss ihn aus seinen düsteren Grübeleien und er begriff mit einem Anflug von Entsetzen, dass er Oscar aus den Augen gelassen hatte - er konnte ihn mit einem hektischen Rundumblick nicht entdecken.
„Oscar?“, fuhr er erschrocken hoch, aber noch, während sein Puls in die Höhe schnellte, entdeckte er die Frau zu der Stimme.  Und in ihrer Nähe auch den kleinen, schwarz gelockten Wirbelwind, der eigentlich auf den Namen ‚Oscar’ hören sollte.
Die Frau war vielleicht Mitte oder Ende zwanzig und etwa einsfünfundsiebzig groß. Ihre Haare hatten die Farbe von in der Sonne glänzendem Kupfer und fielen ihr ohne Pony in weichen Wellen bis unter die Schulterblätter. Ihre Haut hatte einen feinen Bronzeton, der durch viele Sommersprossen noch verstärkt wurde und ihre Augen waren hellgrüne Katzenaugen. Ihre Nase war elegant und schmal und die Lippen voll und sinnlich, ebenso wie ihre Stimme, die ihm ein nicht mehr gekanntes Gefühl der Lebendigkeit verlieh, als sie jetzt lachte. Sie war an den richtigen Stellen rund und hatte im Allgemeinen ein paar Pfund zu viel auf den Rippen, was ihr aber ausgezeichnet stand - sie war sehr hübsch.
Bei sich hatte sie einen kleinen Jungen von etwa drei Jahren, weizenblond und wunderschön, der mit einem fröhlichen Lachen dem Ball nachjagte, den Oscar auf die Grünfläche geschossen hatte - die beiden freuten sich ganz offenkundig über einen Spielkameraden.
Deswegen betrachtete Hugh dieses unerwartete Bild des Glücks auch noch einen sehr langen Augenblick, ehe er langsam von seiner Bank aufstand und zu der Frau schlenderte. Die hatte die Arme unter den vollen Brüsten verschränkt und lachte glücklich über das Spiel der Kinder, sodass sie ihn zuerst gar nicht bemerkte.
„Wie schön, festzustellen, dass es nicht nur Irre in dieser Totenstadt gibt.“ Seine weiche, dunkle Stimme ließ sie den Kopf drehen und sie schenkte ihm sofort ein Lächeln, während sie die Augen mit einer Hand beschattete, damit sie ihn gegen die Sonne ansehen konnte.
Dabei musterte sie ihn, und was sie sah, gefiel ihr: Er war groß, sicherlich einsneunzig, und breitschultrig, was man in dem weißen Shirt und den verwaschenen Jeans gut sehen konnte. Sein Körper war durchtrainiert und gab ihm das leicht brutale Aussehen, das sie so sehr an ihm liebte - sie wusste genau, wen sie hier vor sich hatte. Sein Gesicht war weit weicher, als es zu seinem Körper passen wollte, die dunkelbraunen Haare waren länger und wuschelig und die dunklen Augen blitzten fröhlich, auch wenn er die Brauen fest zusammenzog und somit eine steile Falte auf die Stirn zauberte, während sein schmaler Mund freundlich lächelte.
„Ja, das gebe ich sehr gerne zurück“, sagte sie und strich sich Haare aus der Stirn. „Gott, ich hab seit einer wahren Ewigkeit niemanden anders als Irre oder halb Tote gesehen! Und jetzt ein freundlicher Vater mit Kind ...“
„Darf ich mich vorstellen?“ Hugh erinnerte sich an seine Manieren und deutete eine leichte Verbeugung an. „Mein Name ist Hugh Jackman, das da ist mein Sohn Oscar.“
„Ich weiß.“ Die Frau lächelte. „Ich bin Leah Gehrke und der kleine Knirps ist Lukas.“
„Ihr eigenes Kind?“ Das war in diesen Tagen eine berechtigte Frage und deswegen traute sich Hugh überhaupt, sie zu stellen.
Leahs Lächeln wurde ein wenig schmaler, als sie langsam nickte. „Jaaa, mein eigen Fleisch und Blut“ Sie seufzte leise und betrachtete das Kind dabei zärtlich. „Die Welt ist in diesen Tagen vollkommen verrückt und unberechenbar, oder? Die einen leben, die anderen sterben ...“
„Sein Vater?“ Eine weitere mutige Frage, die Hugh dennoch stellte, und er konnte sehen, wie Tränen in die schönen Augen stiegen, was ihm sofort leidtat. „Entschuldigen Sie bitte, das war eine Unverschämtheit“, wollte er die Frage zurücknehmen, aber Leah winkte nur leicht ab.
„Nein, es ist eine berechtigte Frage in diesen Zeiten“, wies sie das zurück. „Ja, seinen Vater hat die Grippe vor fast zwei Wochen erwischt.“ Sie hob die runden Schultern. „Eigentlich wollten wir schon längst wieder zu Hause sein, aber jetzt ... jetzt sitzen wir in New York fest.“ Ihre Augen musterten ihn offen. „Und Sie? Haben Sie den Sprung nach Hause auch nicht rechtzeitig geschafft?“
„Nein, wir sitzen ebenfalls hier fest.“ Er schniefte leise und rieb sich die Nase. „Und auch wir sind nur noch eine halbe Familie: Meine Frau Deborra und unsere kleine Tochter hat die Grippe in der Heimat erwischt.“
„Das tut mir sehr leid.“ Und trotz der Absurdität dieses ganzen Gespräches spürte Hugh sehr genau, dass sie das aus dem Grund ihrer Seele meinte und das ließ ihn den Kopf schief legen.
„Es sind verrückte Zeiten ...“, setzte er an und sah zu den Kindern, die immer noch Ball spielten, fröhlich und von allem unbeeindruckt. „... und vielleicht sollte man deswegen ein paar alte Regeln und Konventionen vergessen ...“ Sein Gesicht sagte ihr sehr deutlich, dass er sich nicht klar darüber war, ob er das Richtige tat, aber er würde trotzdem weitermachen. „Ich nehme an, Sie wohnen im Hotel?“
Leah nickte und hob fröstelnd die Schultern, während sie die Arme um den Oberkörper schlang. „Wir wohnen im Sherry-Netherland“, bekam er zur Antwort und konnte Angst in ihren Augen erkennen. „Da ist so gar kein Leben mehr ...“
„Nein, das dachte ich mir.“ Um seinen Mund zeigte sich ein grimmiger, entschlossener Zug. „Mrs Gehrke, was halten Sie davon, wenn Sie mit Lukas bei uns einziehen?“ Er sah sie forschend an. „Und, bitte! Verstehen Sie das nicht falsch. Ich denke einfach nur, dass hier schon genügend Chaos herrscht. Zwei halbe Familien sollten sich vielleicht zusammentun und ...“ Er lächelte schief. „Naja, ich denke, ich würde gerne auf etwas so Kostbares wie eine Mutter mit Kind aufpassen.“
„Oh, vielen Dank!“ Leah wurde rot und sah lange zu Lukas und Oscar, die sich offensichtlich blendend verstanden. „Und ich ... ich denke ... ich denke, ich werde Ihr Angebot annehmen!“
„Na, das klingt doch hervorragend!“ Hugh lächelte glücklich und lud sie mit einer Handbewegung ein, sich mit ihm zusammen auf eine Parkbank zu setzen, wo sie die Jungen beaufsichtigen konnten. „Und Sie dürfen wirklich nicht denken, dass ...“
„Nein, das denke ich auch nicht von Ihnen.“ Leah schüttelte entschieden den Kopf. „Verzeihen Sie mir, aber ... ich ‚kenne’ Sie.“ Dabei malten ihre langen, schlanken Finger Anführungszeichen in die Luft und ließen ihren Trauring an der rechten Hand blitzen. „Ich denke, ich weiß, dass Sie kein schlechter Mensch sind.“
„Vielen Dank.“ Hugh grinste schief. „Okay, dann ... schlage ich vor, wir machen gleich nachher einen Abstecher ins Hotel und holen eure Sachen, ja?“
„Ich kann das gar nicht fassen.“ Leah rieb sich müde über die Augen und auf einmal konnte er die emotionalen Strapazen sehen, die sie in den letzten Wochen erlitten haben musste. „Ich treffe endlich einen normalen, lebenden Menschen und kann auch gleich noch Freundschaft schließen.“
„Das geht mir ganz genauso“, beruhigte Hugh sie, ehe er einen Blick auf die Uhr warf. „Vielleicht sollten wir dann gehen? Dann sind wir zum Mittagessen im Loft ...“
„Gute Idee.“ Leah kam sofort wieder auf die Füße und rief Lukas, der sich murrend von Oscar löste, aber Hugh fing ebenfalls seinen Sohn ein und erklärte ihm mit wenigen Worten, was er mit der netten Frau besprochen hatte.
„Das ist toll!“, freute sich das dunkelhäutige Kind und strahlte Leah offen an. „Dann bleibt Lukas also bei uns? Und du auch?“
„So sieht es aus.“ Das überwältigte Leah vollkommen, das konnte Hugh ihr ansehen, aber er machte einfach eine Kopfbewegung in Richtung Parkausgang und so gingen sie das kurze Stück zum Hotel.
Die Lobby war kalt und verlassen und ein muffiger Hauch hing in der Luft, der Hugh eine Gänsehaut über den Rücken trieb - es musste grässlich sein, jeden Tag hierher zurückkommen zu müssen, mit dem Wissen, dass hinter den allermeisten Türen Tote lauerten.
„Die Fahrstühle funktionieren noch, aber ...“ Leah hob die Schultern. „Ich vertraue ihnen nicht mehr, wissen Sie? Wir sollten besser die Treppe nehmen.“
Dagegen hatte Hugh nichts einzuwenden, er folgte ihr die Treppe hinauf in den dritten Stock. Die Beleuchtung war in diesem Teil des Hotels ausgeschaltet worden oder ausgefallen, sodass sie über einen stockdunklen Flur gingen.
Leah führte sie zielsicher zu ihrer Zimmertür und schloss auf, ehe sie ein helles Zimmer betraten, das sauber und aufgeräumt wirkte, selbst die Betten waren gemacht - zwanghaftes Aufrechthalten von Normalität.
„Wir haben nicht viel“, erklärte sie und hob die Schultern in einer entschuldigenden Geste. „Wir wollten ja eigentlich nur zehn Tage auf Urlaub bleiben ...“
„Kommen Sie, wir packen schnell zusammen.“ Hugh fühlte sich alles andere als wohl, das war ihm deutlich anzusehen. Leah nickte wortlos, ehe sie zwei Koffer vom Schrank zog und begann, ihre Sachen einzupacken.
Hugh sah, dass sie auch die Sachen ihres verstorbenen Mannes einpackte, aber ... er konnte es durchaus verstehen. Dies hier war kein Ort, um sich in Ruhe und Würde davon zu verabschieden.
Wortlos half er ihr, suchte Lukas‘ Spielzeug zusammen und schob es in eine Tasche, die sie ihm gab, ehe sie sich beeilten, von hier zu verschwinden.
Für die beiden Erwachsenen war es eine Flucht.

*.*.*

Für Leah war der vollkommene Umschwung unwirklich und auch erschreckend, und auch Hugh kam sich wie in einem Traum vor.
Die Kinder hatten es mit ihrer ansteckenden Fröhlichkeit geschafft, eine sofortige Atmosphäre von Glück zu schaffen und die beiden Erwachsenen sahen sich an diesem Abend lange an, als die Kids endlich in ihren Betten lagen und schliefen - sie hatten in einem Zimmer schlafen wollen.
„Ich komme mir seltsam surreal vor“, murmelte Leah leise, als sich die Nacht über die eh schon stille Stadt gesenkt hatte und Hugh Kerzen anzündete, ehe er ihr ein Glas Rotwein in die Hand gab. „Vor vierundzwanzig Stunden gab es nichts als Albträume um mich herum, und jetzt ...“ Sie hob hilflos die Schultern.
„Ja, ich finde es auch vollkommen verrückt“, stimmte ihr Hugh mit einem unsicheren Lächeln zu. „Und ich finde es auch ... seltsam falsch, falls du das verstehen kannst.“
„Das verstehe ich nur zu gut.“ Ihre Augen blitzten im Licht der Kerzen. „Wir sind erst seit einer kurzen Weile verwitwet und finden uns auf einmal in einer perfekten, kleinen Familie wieder. Das ist vollkommen verrückt und sicherlich auch vollkommen falsch!“
„Ja und nein.“ Dabei konnte sie beobachten, wie er sich die Fingerknöchel rieb - eine Angewohnheit, die er von seiner Rolle als ‚Wolverine’ übernommen hatte, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. „Ich will nicht, dass es sich falsch anfühlt, verstehst du? Ich will, dass wir weiterleben!“
Dazu sagte sie nichts. Der Ausdruck ihrer Augen war traurig und gleichzeitig zärtlich, als sie ihn lange musterte und dann zögernd nickte. „Du bist ein großherziger Mensch, Hugh“, zollte sie ihm Vertrauen. „Und ich werde versuchen, meinen Teil dazu beizutragen.“
„Das wäre sehr schön.“ Sie konnte ihm ansehen und in seiner Stimme hören, dass er wirklich keine Hintergedanken hatte, sodass sie langsam einen Schluck Wein trank.
„Oscar ist gerade sechs geworden, richtig?“, wollte sie wissen und sah wieder aus dem Fenster. „Lukas ist genau drei Jahre jünger ... Es wundert mich, dass sie sich so gut verstehen.“
„Vielleicht liegt es daran, dass auch sie schon begriffen haben, dass die Auswahl an anderen Menschen begrenzt ist.“ Er grinste verlegen. „Bitte versteh das nicht falsch! Ich sehe dich nicht irgendwie als ... Notlösung oder so etwas an! Auch früher hätte ich dich mit Sicherheit gerne gehabt und ...“
„Nein, schon gut.“ Aber er konnte sie weinen sehen, ohne dass er den augenblicklichen Grund hätte erkennen können - es gab sicherlich unzählige.
Also schwieg er und genoss schlicht die Nähe eines anderen, erwachsenen Menschen.