Ich zeige Dir die Angst in einer Handvoll Staub - Remake "The Stand" von Stephen King

GeschichteAbenteuer / P16
15.10.2014
25.08.2015
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20. Juli 2006
Die Neuankömmlinge ihrer Gruppe hatten sie etwas langsamer gemacht, aber nachdem sie den Frauen in Gothenburg, Nebraska, Motorräder besorgt hatten, wurde es besser. Shirley und die namenlose Frau fuhren als Sozius mit, was erstaunlich gut funktionierte, und so kamen sie relativ gut voran. Logan schätzte, dass sie durch diese Geschichte schlimmstenfalls zwei Tage verloren hatten, damit konnte er leben.
Die Kinder hatten das alles auf eine sehr leise, fast stumme Art weggesteckt, die Leah so gar nicht gefiel. Sie kümmerte sich bestmöglich um sie, spielte und lachte viel mit ihnen und nutzte die Pausen immer, um sie zu kitzeln und zu jagen und in Bewegung zu halten, damit sie abends schön müde waren und gut schliefen.
Sie hatten selten Albträume.
Logans Träume hingegen hatten wieder an Intensität zugenommen, je weiter sie sich von Hemingford Home entfernten, und je weiter sie nach Westen kamen, in die Richtung, in der er war.
Er hoffte inständig, dass sie in der direkten Nähe von Mutter Abagail abklingen oder vielleicht sogar ganz verschwinden würden, denn so langsam hielt er das nicht mehr aus. Er brauchte eigentlich weit mehr Schlaf, als er im Augenblick bekam.
Tagsüber ließ er seine Instinkte schleifen, hing oft Gedanken nach oder döste sogar und Leah ritt meistens sehr dicht bei ihm, damit sie ein Auge auf ihn und Oscar halten konnte.
So hörte sie auch nahezu gleichzeitig mit ihm ein Geräusch, das ihre Augen blitzen ließ, und Logan drehte den Kopf zu ihr.
„Hast du das auch gehört?“, wollte er wissen, aber sie brauchte gar nicht zu antworten, denn Anger wieherte nervös und begann, an der langen Leine zu tänzeln, die an Leahs Sattel befestigt war - er witterte eine Stute.
„Jaaa, hab ich“, gab sie dennoch zurück und Logan hob beide Augenbrauen.
„Ich glaube, wir könnten Familienzuwachs bekommen“, ließ er die anderen wissen, als er sich zu ihnen umdrehte. „Da draußen ist irgendwo eine Stute, und so, wie sich Anger benimmt ...“ Er wies mit einem Kopfnicken auf den Hengst, der sich äußerst aufgeregt gebärdete, „... kann es durchaus sein, dass die Lady rossig ist. Wie sieht`s aus, nehmen wir uns ein paar Stunden, um sie einzufangen?“
„Deine Entscheidung, Cowboy.“ Dayna flirtete mit ihm, wenn sie ihn so nannte, und für Leah war es jedes Mal ein Stich Eifersucht, aber sie sagte nichts dazu - was sollte sie auch sagen? Logan schlief bei ihr, ohne sie je auch nur ‚zufällig’ anzufassen, das sagte doch genügend aus.
„Okay, wenn es also keinen Widerspruch gibt, denke ich ...“ Er sah Leah forschend an. „Kannst du mir helfen, schöne Frau? Alleine werde ich Schwierigkeiten bekommen.“
„Gut. Was soll ich machen?“ Leah freute sich ganz offenkundig auf ein kleines Abenteuer und Logan zwinkerte ihr zu, während er seine Stute zu einer Stelle lenkte, die ihm als Lagerplatz geeignet schien, um dann abzusteigen.
„Also, ihr bleibt alle hier und verhaltet euch am besten recht leise“, erklärte er, nachdem er Oscar aus dem Sattel gehoben und auch Leah mit Lukas geholfen hatte. „Vor allem keine Motorengeräusche mehr, ja? Ich denke, sie wird nach all den Wochen ziemlich scheu sein.“
Er nahm Anger das Gepäck ab und holte sich ein langes Lasso, das er erneut sehr sorgfältig aufrollte, ehe er sich in den Sattel seiner Stute schwang und Leah zunickte.
„Du reitest mit Anger im Schlepp ein gutes Stück auf die Wiesen raus“, erklärte er ihr. „Da pflockst du ihn fest an, ja? Danach kannst du dich so weit zurückziehen, dass du ihn gerade noch siehst. Ich werde mich in einer anderen Richtung versteckt halten.“ Er grinste unternehmenslustig. „Sie wird zu ihm kommen, darum wette ich! Sie will ... Naja, du weißt schon.“ Er hob die Augenbrauen. „Wenn sie kommt, werde ich sie mit dem Lasso fangen und du musst ihr einen möglichen Fluchtweg abschneiden, verstanden? Dann sollte das eigentlich ein Kinderspiel werden.“
„Na, dann lass uns mal Spaß haben!“ Leahs Wangen glühten vor Aufregung, sie drückte Falbella die Hacken in die Flanken und verschwand mit Anger im Schlepp, der nervös die Nüstern blähte und immer wieder leise wieherte und schnaubte.
Es war ein Leichtes, ihn da draußen fest anzupflocken, und Leah zog sich in ein Gebüsch zurück, wo sie alles im Auge behalten und schnell genug reagieren konnte - von Logan war nichts zu sehen.
Scheinbar funktionierte sein Plan, denn Anger gebärdete sich immer mehr wie ein Wilder, schlug mit den Hinterbeinen aus, wieherte schrill und warf immer wieder den Kopf in den Nacken - männliches Imponiergehabe.
Und er war auch eine wunderschöne Erscheinung! Schwarz wie die Nacht, glänzend und gut gepflegt.
Dieser Gedanke ließ Leah versonnen lächeln, während sie ihn so beobachtete und dabei an Logan denken musste ...
... als auf einmal eine weiße Stute aus dem Unterholz trat, langsam und sehr, sehr zögernd.
Sie nahm immer wieder Witterung auf, während sie langsam auf die Wiese ging, und Leah konnte ihre Ohren nervös zucken sehen, aber schlussendlich siegten ihre Instinkte über alle Vorsicht - sie war hier, um sich zu paaren.
Schritt für Schritt näherte sie sich Anger, der ganz stillstand, ehe er ihr entgegen ging, soweit seine Leine das zuließ. Dabei schnaubte er leise und streckte die Schnauze nach ihr aus, was eine zärtliche Geste war.
Die beiden Pferde beschnupperten sich auf der Weide eine ganze Weile und Leah betrachtete das alles, als sie einen Schatten hinter der Stute am Rand des Wäldchens sehen konnte - Logan kam.
Er hatte die Zügel seiner Stute um das Sattelhorn geschlungen, ebenso das Ende des Lassos, und ritt aufrecht in den Steigbügeln stehend, wobei er das Lasso über seinem Kopf kreisen ließ.
Dieser Anblick nahm Leah für einen Augenblick den Atem, aber sie vergaß nie ganz, wofür sie hergekommen war, und so griff sie Falbellas Zügel fest, um jederzeit reagieren zu können.
Und die weiße Stute war gut! Obwohl sich Logan gegen den Wind näherte und sie ihm den Rücken zudrehte, schien sie seine Anwesenheit zu spüren, denn sie brach ganz plötzlich mit einem schrillen Wiehern nach links aus, direkt auf Leah zu.
„Los, meine Schönheit!“ Die trieb sofort Falbella an und beschrieb eine weiche Kurve, sodass sie nicht direkt vor der Nase der Stute aus dem Versteck brechen würden, sondern ihr noch die Gelegenheit gaben, ihren Kurs weiträumig zu ändern und sie so zurück in Logans Arme zu treiben.
Man merkte ihr an, dass sie nicht in Freiheit aufgewachsen war, denn ihre Reaktionen waren leicht träge und beinahe vorhersehbar, sodass Logan und Leah sie nur eine kurze Weile über die weit offenen Wiesen jagen mussten, bis der dritte oder vierte Wurf von ihm schlussendlich saß und er das Seil über ihrem Hals straff ziehen konnte.
Sie stieß ein erschrockenes, verzweifeltes Wiehern aus, aber Logan war schon vom Rücken seiner Stute herunter, während er das Seil einholte und sich dabei mit beiden Hacken in den Boden stemmen musste, denn sie wehrte sich nach Kräften - Leah konnte die Muskeln an seinen Armen und Schultern hervortreten sehen.
„Ist doch gut, meine Schönheit!“, gurrte er ihr zu, als er sich ihr bis auf drei Meter genähert hatte. „Dir will doch niemand etwas tun! Ganz im Gegenteil, schöne Lady! Da hinten wartet immer noch ein Hengst auf dich, hast du das schon vergessen?“
Die Stute war nicht mehr kräftig, die kurze Jagd hatte ausgereicht, um sie zu erschöpfen, und Logan konnte unter dem struppigen Fell ihre Rippen sehen - sie war nicht gut genährt.
So schaffte er es, sich ihr vollends zu nähern und Leah ging langsam zu ihm, ein Halfter in der Hand, das er ihr anlegen würde, sobald er bei ihr war.
„Ist doch gut!“, murmelte er leise zu ihr, als er ihr eine Hand auf den Hals legte und sie nervös zuckte. „Ich tue dir wirklich nicht weh.“ Er zog einen Apfel aus der Hosentasche, um ihn ihr auf der flachen Hand zu präsentieren, was ein Vertrauensbeweis war, denn der Biss eines Pferdes konnte ungemein schmerzhaft sein.
Sie beugte die weiche Schnauze über seine Hand, nahm den Apfel und verspeiste ihn mit lautem Krachen, sodass er ihr schnell das Halfter anlegen konnte und das Lasso löste, um ein Ende an ihrem Halfter zu befestigen.
„Na, dann komm mal mit“, lockte er sie und sie folgte ihm, als er sie am Halfter griff und zurück zu Anger führte, der sich immer noch wie wild gebärdete - er hatte schon Angst gehabt, die Schönheit verloren zu haben.
Aber Logan pflockte sie nur ganz dicht bei ihm an und ließ die beiden dann alleine, um zu Leah zu gehen, die mit ihren beiden Pferden ein Stückchen abseits wartete, das Gesicht glühend vor Freude.
„Sie ist wunderschön, oder?“, wollte sie leise wissen und Logan legte ihr einen Arm um die Taille, ehe er sich Schweiß mit dem Arm aus der Augenbraue wischte.
„Ein bisschen mager, aber jung und schön, ja“, gab er dann zurück und küsste sie flüchtig auf den Hals. „Du hast deinen Job ganz ausgezeichnet gemacht, Lady! Mit dir könnte man ziemlich gut auf `ner Ranch leben, glaube ich.“
„Vielen Dank für das Kompliment.“ Sie sah zu den beiden Pferden, die inzwischen angefangen hatten, sich ausgiebig zu beschnuppern und sanft in den Nacken zu beißen - sie gefielen sich und würden sich mit Sicherheit in der nächsten halben Stunde paaren.
Logan blieb die ganze Zeit mit Leah in der Nähe, und erst, als die Stute Anger mit einem nicht ganz ernst gemeinten Tritt für den Augenblick von sich vertrieb, ging er langsam zu ihr, um sie erneut am Halfter zu greifen.
„Magst du mit uns mitkommen, meine Schöne?“, wollte er wissen, während Leah Anger losband und zu Falbella führte. „Du bekommst gutes Futter, wirst gepflegt ...“ Sie ließ sich führen, folgte ihm, als er zu seinem Pferd ging und aufstieg und sie konnten eine neue Stute für ihre Zucht mit ins Lager bringen.
„Da ist ja unser großer Cowboy!“ Dayna strahlte ihm breit entgegen, als er mit der neuen Errungenschaft ins Lager geritten kam, ein sehr breites Grinsen im Gesicht. „Na, die braucht aber erstmal Pflege, oder?“
„Einmal striegeln und waschen, ordentliches Futter, dann strahlt sie bald wieder“, winkte er aber ab und glitt vom Pferd, um sie zu den anderen beiden Stuten zu bringen. Er würde sich in aller Ruhe um sie kümmern, sie putzen und untersuchen - heute würden sie nicht mehr weiterreisen.

*.*.*

Die kleine Gemeinschaft ging an diesem Abend früh schlafen, aber Logan hatte eine Weile bei Wayne am CB-Funk gesessen und machte jetzt einen Abstecher zu den Pferden, ehe er zu Leah gehen würde - sie war auch gerade erst schlafen gegangen, wie er aus den Augenwinkeln mitbekommen hatte.
„Logan?“ Aaron sprach ihn zögernd an und er drehte leicht den Kopf, während er einen langen Blick auf die schlafenden Pferde warf. „Sorry, Mann! Ich weiß ja nicht, wie ihr das macht, aber ... hast du vielleicht Gummis da?“
„Ja, Junge, hab ich.“ Dabei schaffte er es sogar, ein überhebliches Schmunzeln aus seiner Stimme fernzuhalten. „Welche der Ladies ist es denn, hm?“
„Patty.“ Logan war sich vollkommen sicher, dass der junge Mann rot wurde, was er sogar verstehen konnte.
„Komm mit“, forderte er ihn auf und ging neben dem Gepäck in die Hocke, um eine Seitentasche an seinem Rucksack zu öffnen. „Sie sind hier drin“, erklärte er ihm und kramte die Packung Kondome hervor. „Du kannst jederzeit rangehen, du musst mich nicht fragen. Aber es wäre besser, wenn du Bescheid sagst, ehe sie zu Ende sind, ja?“
„Klar, Mann!“ Aaron grinste breit und schob das Kondom in seine vordere Hosentasche. „Vielen Dank!“
„Viel Spaß, Kleiner!“, gab Logan aber nur zurück, dann ging er zu Leah, zog seine Stiefel und die Jeans aus und schlüpfte zu ihr in den Schlafsack, wo er sich zu ihr auf die Seite drehte und ihren Geruch in sich aufnahm.
„Süße Träume, Leah“, wünschte er ihr leise, dann schloss er die Augen und versuchte, nicht an Aaron zu denken, der jetzt sicherlich Spaß haben würde.
Er hingegen fühlte sich innerlich vollkommen zerrissen von Bedürfnissen und Gefühlen, die in verschiedene Richtungen drängten.

*.*.*

22. Juli 2006
Auf ihrem weiteren Weg hörte Logan immer wieder Pferde und sah auch ab und an welche. Leah sah ihn fragend von der Seite an, als sie gerade wieder eine kleine Gruppe von etwa drei Tieren am Horizont ausmachen konnten.
„Es sind so viele hier!“, ließ sie ihn erstaunt wissen.
„Das liegt wahrscheinlich daran, dass hier früher auch proportional wesentlich mehr Pferde gelebt haben“, erklärte Logan. „Es gab in diesen Staaten eine Menge Ranches. Wenn wir erstmal in Boulder sind, könnte ich mir durchaus vorstellen, eine Herde von ihnen einzufangen, aber vorerst will ich eigentlich nur, dass diese Reise endlich zu Ende ist.“ Er lächelte matt. „Die Weiße haben wir nur so leicht bekommen, weil sie rossig ist.“
„Jaaa, kann sein.“ Leah schmunzelte, tänzelte Anger doch immer noch um sie herum und die beiden hatten sich inzwischen mehr als das eine Mal gepaart - die Natur ging auf Nummer sicher.
Leah wollte auch endlich in Sicherheit kommen und für die anderen würde es ebenso eine Wohltat sein, da war sie sich sicher, vor allem für die Frauen, die sie getroffen hatten.
Shirley ging es langsam besser, sie kam immer weiter zu sich und versuchte, aktiv am Leben teilzunehmen, auch wenn ihr das noch nicht wirklich gelang. Dafür hatte sie nachts grässliche Albträume, schrie und kreischte und streckte die Hände abwehrend aus, bis man sie weckte.
Die andere Frau allerdings ... Logan wusste nicht, ob sie je wieder zu sich kommen würde. Sie ließ alles vollkommen teilnahmslos über sich ergehen. Sie aß, wenn sie gefüttert wurde, schlief, wenn sie hingelegt wurde, führte ihre Ausscheidungen aus und war ansonsten ... tot.
Sie tat ihm sehr leid, aber ab und an wünschte er sich, sie wäre schon tot, denn es war ein grässlicher, gespenstischer Anblick, den er den beiden Jungs nur zu gerne erspart hätte.
Solche Gedanken gingen ihm durch den Kopf, als er wieder einmal nicht schlafen konnte und irgendwann aufstand. Wayne hatte um diese Uhrzeit Wache und er wollte sich ein wenig unterhalten, dem CB-Funk lauschen, der selbst nachts selten vollkommen verstummte - die sogenannte ‚Freie Zone Boulder’ war für die Menschen hier draußen immer erreichbar, und viele wollten in den dunkelsten Stunden der Nacht einfach nur reden.
So kroch er aus dem Schlafsack, achtete sorgfältig darauf, dass Leahs Rücken nicht kalt werden konnte, und schlich sich aus dem Lager heraus.
Aber er ging nicht zu Wayne, hörte er doch Aaron und Patty irgendwo in der Nähe des Lagers, und diese Geräusche machten ihn so nervös, dass er es vorzog, eine Weile alleine zu sein - er schämte sich für den brennenden Neid, den er bei den Geräuschen des Liebesspiels empfand.
Leah hingegen warf einen Blick auf ihre Uhr, ehe sie bewegungslos in ihrem Schlafsack lag und darauf wartete, dass Logan wiederkam.
Sie würde eine lange, lange Weile warten müssen.

Leah machte sich am nächsten Tag nicht zum ersten Mal in der letzten Woche Gedanken darüber, wo Logan oftmals nachts so lange war, und so überwachte sie mit Argusaugen die Blicke, die ihm Dayna - immer noch - zuwarf.