Ich zeige Dir die Angst in einer Handvoll Staub - Remake "The Stand" von Stephen King

GeschichteAbenteuer / P16
15.10.2014
25.08.2015
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31. Mai 2006
Das rote Licht ging an, die Pumpe zischte und die Tür öffnete sich. Der Mann, der den Raum betrat, trug keinen weißen, sterilen Anzug, sondern einen kleinen, glänzenden Nasenfilter, der ein wenig an eine zweizinkige Gabel erinnerte, wie die Kellnerin sie auf dem kalten Buffet lässt, damit man die Oliven aus dem Glas bekam.
„Hi, Mr Redman“, sagte er, während er durch den Raum schlenderte. Er streckte eine durch einen dünnen, durchsichtigen Gummihandschuh geschützte Hand aus, die Stu sofort ergriff, obwohl er vollkommen verdattert war.
In den letzten fünf oder sechs Wochen hatte er die Menschen immer nur in voluminösen Schutzanzügen gesehen, seit das Militär sie aus Arnette ‚evakuiert’ hatte, wie man es freundlich auszudrücken versuchte.
„Ich bin Dick Deitz“, stellte sich der Mann jetzt vor. „Denninger sagt, dass Sie nicht mehr mitspielen wollen, wenn Ihnen nicht jemand sagt, was Sache ist.“
Stu sagte nichts, er hob lediglich die Augenbrauen an - besser konnte man seine Auseinandersetzung mit dem anderen Mann nicht zusammenfassen.
„Gut.“ Deitz setzte sich auf Stus Bettkante. Er war ein kleiner, brauner Mann, und wie er da saß, die Ellenbogen über den Knien angewinkelt, sah er aus wie ein Zwerg aus einem Disneyfilm. „Was wollen Sie wissen?“
„Ich glaube, als Erstes will ich wissen, warum Sie keinen Raumanzug tragen“, hob Stu die Schultern.
„Weil Geraldo dort sagt, dass Sie nicht ansteckend sind.“ Deitz deutete auf ein Meerschweinchen hinter einer Scheibe aus Doppelglas. Das Tier saß in einem Käfig, und hinter dem Käfig stand mit ausdruckslosem Gesicht Denninger selbst.
„Geraldo, hm?“ Stu schüttelte langsam den Kopf.
„Geraldo hat seit drei Tagen via Konvektor die gleiche Lust wie Sie geatmet“, erklärte Deitz. „Die Krankheit, die Ihre Freunde haben, wird leicht von Menschen auf Meerschweinchen übertragen, und umgekehrt. Wären Sie ansteckend, müsste Geraldo inzwischen nach menschlichem Ermessen tot sein.“
„Aber Sie gehen kein Risiko ein“, bemerkte Stu trocken und deutete mit dem Daumen auf den Nasenfilter.
„Das“, grinste Deitz zynisch. „Steht nicht in meinem Arbeitsvertrag.“
„Was habe ich?“ Darum drehte sich alles, und Stu wollte es wissen, aber Deitz lächelte nur.
„Schwarzes Haar, blaue Augen, eine tolle Sonnenbräune ...“, gab er aalglatt, wie einstudiert, zurück, ehe er den Kopf schief legte. „Nicht komisch, hm?“
Stu sagte nichts, er starrte ihn nur an.
„Wollen Sie mir eine runterhauen?“, wollte Deitz deswegen liebenswürdig wissen, aber Stu schnaubte nur humorlos.
„Ich glaube nicht, dass das etwas nützen würde“, gab er zurück und Deitz seufzte, ehe er sich den Nasenrücken rieb, als würde die Stöpsel in den Nasenlöchern schmerzen.
„Wissen Sie“, sagte er schließlich. „Ich mache immer Witze, wenn es ernst aussieht. Andere rauchen oder kauen Kaugummi. So verhindere ich, dass ich durchdrehe. Ich bezweifle, ob viele Leute eine bessere Methode haben. Und was Ihre Krankheit betrifft - soweit Denninger und seine Kollegen feststellen konnten, haben Sie gar keine.“
Stu nickte gleichgültig. Dennoch hatte er den Eindruck, als hätte dieser kleine Gnom von einem Mann hinter sein Pokerface gesehen und die plötzliche, gewaltige Erleichterung erkannt.
„Was haben die anderen?“, versuchte er es weiter, aber Deitz lächelte nur liebenswürdig.
„Tut mir leid, das ist geheim“, bedauerte er.
„Wie hat dieser Typ an der Tankstelle, dieser Campion, das bekommen?“, wollte Stu einfach nicht aufgeben.
„Das ist ebenfalls geheim“, bekam er die erwartete Antwort.
„Ich nehme an, dass er in der Armee war“, spann Stu seinen Faden deswegen selbst. „Und dort hat es irgendwo einen Unfall gegeben - wie damals vor zwanzig Jahren mit diesen Schafen in Utha, nur viel schlimmer.“
„Mr Redman, ich könnte schon hinter Gitter wandern, wenn ich nur heiß oder kalt sage.“ Deitz sah ihn an, und Stu wusste, dass er es ehrlich mit ihm meinte. „Sie sollten froh sein, dass wir Ihnen nicht mehr erzählen“, führte Deitz weiter aus. „Das wissen Sie, oder nicht?“
„Nein, eigentlich nicht“, stellte sich Stu bewusst dumm und Deitz legte den Kopf schief.
„Auch Sie sind geheim“, erklärte er ihm ruhig. „Sie sind vom Antlitz dieser Erde verschwunden, als Sie von Arnette nach Atlanta und von Atlanta hierher nach Stovington gebracht wurden. Wenn Sie genug wüssten, könnten die Bosse auf den Gedanken kommen, dass es sicherer wäre, wenn Sie für immer verschwunden bleiben.“
Darauf sagte Stu nichts - konnte gar nichts sagen, denn er war fassungslos.
„Aber ich bin nicht hergekommen, um Ihnen zu drohen“, wollte Deitz ihn sofort beruhigen. „Wir sind dringend auf Ihre Mithilfe angewiesen, Mr Redman. Wir brauchen Sie.“
„Wo sind die anderen Leute, die mit mir hergebracht wurden?“ Stu versuchte, seine Gedanken zu sortieren, aber das gelang ihm nicht besonders gut.
Deitz schien ihm darauf tatsächlich antworten zu wollen, denn er zog ein Blatt Papier aus der Tasche. „Victor Palfrey, verstorben. Norman Bruett, Robert Bruett, verstorben. Thomas Wannamaker, verstorben. Ralph Hodges, Bert Hodges, Cheryl Hodges, verstorben. Christian Ortega, verstorben. Anthony Leominster, verstorben.“
Die Namen wirbelten in Stus Kopf, Gesichter tauchten dazu auf und er schluckte schwer. Vic Palfrey ... mein Gott, er hatte Vic sein Leben lang gekannt! Wie konnte Vic tot sein? Aber was ihn am schwersten traf, war die Familie Hodges.
„Alle?“, hörte er sich sagen. „Ralphs ganze Familie?“
Deitz drehte das Blatt um. „Nein, da ist noch ein kleines Mädchen, Eva, vier Jahre alt. Sie lebt.“
„Und wie geht es ihr?“ Vollkommene Fassungslosigkeit.
„Tut mir leid, das ist geheim.“
Wut durchfuhr ihn mit der ganzen Unerwartetheit einer freudigen Überraschung. Er sprang auf, packte Deitz am Kragen und schüttelte ihn. Aus den Augenwinkeln sah er erschrockene Bewegungen hinter der Doppelglasscheibe und schwach - durch Entfernung und nahezu schalldichte Wände gedämpft - hörte er eine Sirene aufheulen.
„Was habt ihr gemacht?“, brüllte er vollkommen außer sich. „Was habt ihr nur gemacht? Um Gottes Willen, was habt ihr gemacht?“
„Mr Redman ...“
„Zum Teufel, was habt ihr gemacht?“ Durch seine Wut drang das Zischen der Tür und drei große Männer in olivgrünen Uniformen kamen herein - auch sie trugen Nasenfilter.
„Machen Sie, dass Sie rauskommen!“, fauchte Deitz sie an, als er sie sah, und die Männer blieben unentschlossen stehen.
„Unsere Befehle ...“, setzte einer an, aber Deitz unterbrach ihn sofort.
„Raus hier, das ist ein Befehl!“ darauf zogen sie sich zurück und Deitz setzte sich wieder ruhig auf das Bett. Sein Kragen war zerknittert, das Haar hing ihm in die Stirn, aber das war auch schon alles. Er sah Stu ruhig, beinahe gleichgültig an.
Einen wilden Augenblick überlegte Stu, ihm den Nasenfilter runterzureißen, aber dann dachte er an Geraldo - was für ein dummer Name für ein Meerschweinchen.
Dumpfe Verzweiflung überkam ihn wie ein kalter Wasserguss und er setzte sich wieder. „Jesus, steh mir bei“, murmelte er fast tonlos.
„Hören Sie“, sagte Deitz beinahe gelassen. „Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass Sie hier sind. Auch Denninger nicht, oder die Schwestern, die Ihren Blutdruck messen wollen. Wenn es eine Verantwortlichkeit gibt, dann liegt sie bei Campion, aber wir können auch ihm nicht alles anhängen. Er ist weggelaufen, aber unter den Umständen hätte ich das vielleicht auch getan. Ein technischer Fehler hat ihm die Flucht ermöglicht, und diese Situation ist nun einmal eingetreten. Wir versuchen, damit fertig zu werden, wir alle. Aber deshalb sind wir noch lange nicht dafür verantwortlich.“
„Wer dann?“ Stu war müde.
„Niemand“, zuckte Deitz fast lächelnd die Schultern. „In diesem Fall erstreckt sich die Verantwortlichkeit in so viele Richtungen, dass sie unsichtbar ist. Es war ein Unfall - es hätte auf jede erdenkliche Weise geschehen können.“
„Schöner Unfall“, sagte Stu beinahe flüsternd. „Was ist mit den anderen? Bill und Hank Carmichael und Lila Bruett? Ihrem Sohn Luke? Monty Sullivan ...“
„Geheim“, sagte Deitz und sah ihm in die Augen. „Wollen Sie mich nochmal schütteln? Bitte, wenn Sie sich dann besser fühlen, schütteln Sie.“
Stu sagte nichts, aber der Blick, mit dem er Deitz ansah, veranlasste den plötzlich, den Kopf zu senken und nervös an den Bügelfalten zu zupfen.
„Sie leben“, sagte er leise. „Und irgendwann sehen Sie sie vielleicht wieder.“
„Was ist mit Arnette?“
„Unter Quarantäne.“
„Wer ist dort gestorben?“
„Niemand.“
„Sie lügen.“
„Tut mir leid, dass Sie das denken.“
„Wann komme ich hier raus?“
„Das weiß ich nicht.“
„Geheim?“, fragte Stu verbittert, dem das Spielchen auf die Nerven ging.
„Nein, nur unbekannt“, schüttelte Deitz den Kopf. „Sie scheinen diese Krankheit nicht zu haben. Wir wollen wissen, warum nicht. Dann ist die Sache erledigt.“
„Kann ich mich rasieren? Es juckt.“ Seit er in den Streik getreten war, hatten sie ihn am ausgestreckten Arm verhungern lassen, was so etwas anging.
„Wenn Sie Denninger gestatten, mit seinen Untersuchungen fortzufahren, werde ich einen Pfleger schicken, der Sie auf der Stelle rasiert“, lächelte Deitz zuvorkommend.
„Das kann ich selbst“, wandte Stu ein. „Seit ich fünfzehn bin.“
„Ich glaube nicht“, schüttelte Deitz nachdrücklich den Kopf - darüber würde es keine Diskussion geben.
„Haben Sie Angst, ich würde mir die Kehle durchschneiden?“, grinste Stu humorlos.
„Sagen wir einfach ...“
Stu unterbrach ihn mit hartem, trockenem Husten, so schlimm, dass er sich krümmte.
Das hatte auf Deitz eine elektrisierende Wirkung. Er schoss vom Bett hoch und zur Luftschleuse, ohne dass seine Füße den Boden zu berühren schienen. Dann kramte er in den Taschen nach dem Vierkantschlüssel und rammte ihn ins Schloss.
„Nicht nötig“, sagte Stu zufrieden lächelnd. „Das war nur getürkt.“
„Das war was?“
„Vorgetäuscht“, erklärte Stu und sein Lächeln wurde breiter.
Deitz ging unsicher zwei Schritte auf ihn zu. Er ballte die Fäuste, öffnete sie und ballte sie erneut. „Aber warum? Warum machen Sie das?“
„Tut mir leid“, grinste Stu übers ganze Gesicht. „Das ist geheim.“
„Sie beschissener Hurensohn“, sagte Deitz mit leisem Staunen - er hatte ihn falsch eingeschätzt.
„Gehen Sie. Gehen Sie raus und sagen Sie den anderen, dass sie mit ihren Untersuchungen fortfahren können.“ Stu hatte alles erfahren, was es zu erfahren gab.
Er machte sich mehr Sorgen, als jemals zuvor.