Ich zeige Dir die Angst in einer Handvoll Staub - Remake "The Stand" von Stephen King

GeschichteAbenteuer / P16
15.10.2014
25.08.2015
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03. Juli 2006
Logan und die anderen waren nicht die einzigen Menschen auf dieser entleerten Welt, die von Mutter Abagail geträumt hatten, und sie waren nicht alleine auf dem Weg zu ihr.
Und sie würden nicht die Ersten sein, die sie erreichten.
Mutter Abagail hatte gewusst, dass die Menschen kommen würden, ebenso wie sie einige von ihnen in ihren Träumen gesehen hatte und wusste, was sie mit ihnen tun sollte, um Gottes Willen zu erfüllen.
Am Morgen des dritten Juli saß sie auf ihrer Veranda und sang zur Musik ihrer Gitarre, als sie Motorengeräusche im Norden hören konnte, die auf der County Road näher kamen. Sie hörte auf zu singen, aber ihre Finger strichen noch geistesabwesend über die Saiten, als sie den Kopf schräg hielt und lauschte.
‚Sie kommen, ja, Herr, sie haben den Weg gut gefunden’, dachte sie und jetzt konnte Abby den Staub sehen, den die Räder des Wagens aufwirbelten, als er vom Asphalt auf den Sandweg gelenkt wurde, der zu ihrem Haus führte.
Sie freute sich darauf, die Gäste zu begrüßen, und war froh, dass sie ihr bestes Kleid angezogen hatte. Sie stellte die Gitarre zwischen die Knie und hielt die Hand über die Augen, obwohl die Sonne immer noch nicht zwischen den Wolken hervorgebrochen war - Gott hatte ihr einen kühlen, wolkenverhangenen Tag geschenkt.
Jetzt war das Motorengeräusch schon viel lauter, noch einen Moment, und dort, wo der Mais aufhörte und der Bewässerungsgraben von Cal Coodell anfing ...
Ja, jetzt sah sie ihn, einen alten Chevrolet-Lieferwagen, der langsam fuhr. Die Fahrerkabine war voll: Wie es aussah, drängten sich dort vier Leute zusammen und auf der Ladefläche saßen noch drei, die jetzt aufstanden und über das Fahrerhaus blickten. Sie sah einen schlanken, blonden Mann, ein Mädchen mit roten Haaren und in der Mitte ... ja, das war er, ein Junge, der gerade die letzten Lektionen lernte, was es hieß, ein Mann zu sein. Dunkles Haar, schmales Gesicht, hohe Stirn. Er sah sie auf der Veranda sitzen und winkte aufgeregt. Ein wenig später tat es der blonde Mann ihm nach, das rothaarige Mädchen schaute nur. Mutter Abagail hob die Hand und winkte zurück.
„Gott sei Lob, dass er sie hergebracht hat“, murmelte sie heiser und Tränen liefen ihr heiß über die Wangen. „Herr, ich danke Dir so sehr.“
Der Wagen fuhr holpernd und rumpelnd auf den Hof. Der Mann am Steuer trug einen Strohhut mit blauem Samtband, in dem eine Feder steckte.
„Juuuuhuuuuh!“, schrie er und winkte. „Hallo, Mutter! Nick sagte, dass Sie hier sein müssen, und das sind Sie ja auch!“ Er drückte auf die Hupe, das Gesicht glühend vor Freude.
Neben ihm im Fahrerhaus saß ein Mann um die fünfzig, eine Frau im gleichen Alter und ein kleines Mädchen im roten Cordoverall. Sie wirkte schüchtern, den Daumen der einen Hand hatte es fest in den Mund gedrückt.
Der junge Mann mit der Augenklappe und den dunklen Haaren - Nick - sprang herunter, bevor der Wagen hielt. Er behielt das Gleichgewicht und kam langsam auf sie zu. Sein Gesicht war ernst, aber die Augen strahlten vor Freude. Er blieb vor den Stufen zur Veranda stehen und sah sich erstaunt um ... Hof, Haus, den alten Baum mit der Reifenschaukel. Aber ganz intensiv sah er Abby an.
„Hallo, Nick“, sagte sie. „Ich freue mich, dich zu sehen. Gott segne dich.“
Er lächelte, und auch bei ihm flossen die Tränen. Er ging die Stufen hinauf zu ihr und nahm ihre Hände. Sie bot ihm die faltige Wange und er küsste sie behutsam. Inzwischen hatte der Wagen hinter ihm angehalten, und die anderen waren ausgestiegen. Der Mann, der gefahren war, hielt das kleine Mädchen im roten Overall, das am rechten Bein einen Gipsverband trug, an sich gedrückt. Sie hatte die Arme fest um den sonnengebräunten Nacken des Fahrers geschlungen. Neben ihm stand die etwa fünfzigjährige Frau, neben dieser der Rotschopf und der blonde junge Mann mit Bart.
‚Nein, kein Mann’, dachte Mutter Abagail. ‚Er ist schwach.’
Als Letztes in der Reihe stand der Mann, der im Fahrerhaus gesessen hatte. Er putzte die Gläser seiner Nickelbrille.
Nick sah Abby auffordernd an, und sie nickte.
„Du hast das Richtige getan“, sagte sie freundlich. „Der Herr hat dich geschickt, und Mutter Abagail wird dir zu essen geben. Ihr seid alle willkommen!“, fügte sie mit lauter Stimme hinzu. „Wir können nicht lange bleiben, aber bevor wir aufbrechen, werden wir ausruhen, zusammen das Brot brechen und gute Gemeinschaft halten.“
Das kleine Mädchen auf den sicheren Armen des Fahrers piepste: „Bist du die älteste Lady der Welt?“
„Pssst, Gina!“, wollte sie die etwa fünfzigjährige Frau zurückrufen, aber Mutter Abagail legte eine Hand an die Hüfte und lachte.
„Vielleicht, mein Kind, vielleicht.“
So brachen sie zusammen das Brot, aßen zum ersten Mal seit vielleicht einem Monat wieder etwas selbst gekochtes und nachdem alle außer dem Fahrer - sein Name war Ralph Brentner - und Nick ins Bett gegangen waren, sah Mutter Abagail sie forschend an - es wurde Zeit zum Reden.
Wobei das Reden bedeutete, dass sie redete und Nick seine Antworten für Ralph auf einen Zettel schrieb, denn er war taubstumm, was aber für niemanden hier mehr eine Bedeutung hatte - die Welt hatte sich weitergedreht.
„Ich habe erfahren ...“, setzte sie an und sah Nick in die Augen. „... dass wir nach Westen gehen sollen. Das hat mir Gott der Herr im Traum gesagt. Ich wollte nicht darauf hören, denn ich bin eine alte Frau und möchte auf diesem Stück Land sterben. Es gehört seit hundertzwölf Jahren meiner Familie, aber es ist mir genauso wenig bestimmt, hier zu sterben, wie es Moses bestimmt war, mit den Kindern Israels nach Kanaan zu gehen.“
Sie schwieg und die beiden Männer sahen sie im Schein der Lampe an, während draußen langsam und unaufhörlich der Regen rauschte.
„Schon zwei Jahre, bevor diese Seuche ausbrach, hatte ich Träume“, fuhr sie irgendwann fort. „Ich habe immer geträumt, und manchmal wurden meine Träume wahr. Großmutter nannte sie den Lampenschein Gottes, manchmal auch nur das Shining. In meinen Träumen sah ich mich nach Westen gehen. Zuerst nur mit wenigen Leuten, dann mit ein paar mehr, dann noch ein paar. Zuletzt waren wir eine ganze Karawane, zweihundert oder mehr. Und es gab Zeichen ... nein, keine Zeichen von Gott, sondern gewöhnliche Straßenzeichen, und auf allen stand so etwas wie BOULDER, COLORADO, 609 MEILEN oder RICHTUNG BOULDER.“
Sie machte eine Pause.
„Diese Träume, die haben mir Angst gemacht. Ich hab nie einer Menschenseele erzählt, dass ich sie hatte, solche Angst hab ich gehabt. Mir war etwa so zumute, wie Hiob zumute gewesen sein muss, als Gott aus dem Wirbelwind zu ihm gesprochen hat. Ich hab sogar so getan, als wären es nur Träume. Ich war eine dumme, alte Frau, die vor Gott weggelaufen ist, wie Jonas. Aber du siehst, der große Fisch hat uns trotzdem verschluckt. Und wenn Gott zu Abby sagt: Du musst es erzählen!, dann muss ich es erzählen. Und ich habe mir immer gedacht, dass jemand zu mir kommen würde, jemand ganz Besonderes, und so würde ich erfahren, dass die Zeit gekommen ist.“
Sie betrachtete Nick, der am Tisch saß und sie mit seinem guten Auge ernst durch den Dunst von Ralphs Zigarettenrauch ansah.
„Ich wusste es, als ich dich gesehen habe“, sagte sie würdevoll. „Du bist es, Nick. Gott hat seinen Finger auf dein Herz gelegt. Aber er hat mehr als einen Finger, und draußen sind andere, die noch kommen, und auch auf sie hat er seinen Finger gelegt. Ich träume von ihm, wie er immer nach uns sucht, und, Gott vergebe meinem kranken Geist, ich verfluche ihn von ganzem Herzen.“ Sie fing an zu weinen und Nick konnte es nur zu gut verstehen, hatte er doch selbst grausame Träume von ihm gehabt, vom Dunklen Mann, vom Ewigen Wanderer.
Mutter Abagail stand auf, um sich etwas Wasser ins Gesicht zu spritzen und einen Schluck zu trinken und Nick schrieb derweil etwas, bis er Ralph den Zettel gab und der vorlas.
„Ich weiß nichts von Gott, aber ich weiß, dass etwas im Gange ist. Alle, die wir getroffen haben, waren auf dem Weg nach Norden. Als wüssten Sie die Antwort. Haben Sie auch von den anderen Leuten geträumt? Dick? June oder Olivia? Vielleicht von dem kleinen Mädchen?“
„Von denen nicht“, schüttelte Abby den Kopf. „Von einem Mann, der nicht viel redet. Von einer schwangeren Frau. Von einem jungen Mann in deinem Alter, Nick, der seine Gitarre mitbringt. Und von einem Mann, der schwer an der Last der Verantwortung trägt, die er übernommen hat.“ Sie musterte Nick. „Und von dir, Nick.“
„Und Sie glauben, dass es das Richtige wäre, nach Boulder zu gehen?“
„Wir sollen dorthin gehen“, stellte sie klar und Nick kritzelte eine Weile auf seinen Block.
„Was wissen Sie über den Dunklen Mann? Wissen Sie, wer er ist?“, las Ralph schließlich vor.
„Ich weiß, was er vorhat, aber nicht, wer er ist“, gab Mutter Abagail zurück. „Er ist das reinste Böse, das es auf der Welt noch gibt. Die übrigen Bösen sind kleine Fische - Ladendiebe, Sexualverbrecher und Leute, die gerne die Fäuste gebrauchen. Aber er wird sie rufen, er hat schon angefangen. Er versammelt sie viel schneller um sich, als wir uns zusammenfinden. Nicht nur die Bösen, die wie er sind, auch die Schwachen ... die Einsamen ... und diejenigen, die Gott nicht in ihr Herz lassen.“
„Vielleicht gibt es ihn gar nicht“, schrieb Nick. „Vielleicht ist es nur ...“ Er musste eine Weile an seinem Stift knabbern und nachdenken, bis er schließlich hinzufügte: „... das Ängstliche, Böse in uns allen. Vielleicht träumen wir nur Dinge, vor denen wir selbst Angst haben, wir könnten sie tun.“
Abby hatte so etwas schon sehr oft gehört, von all den Predigern, die der Meinung waren, es gäbe Satan nicht wirklich. „Du hast von mir geträumt“, entgegnete sie deswegen schlicht. „Gibt es mich etwa nicht?“
Nick nickte.
„Und ich habe von dir geträumt. Gibt es dich nicht? Gelobt sei Gott, du sitzt mir gegenüber, mit einem Notizblock auf den Knien. Diesen anderen Mann, Nick, gibt es wirklich, genau wie dich. ... Er ist nicht Satan, aber er und der Satan kennen einander, sie stecken von altersher unter einer Decke.“ Sie sah einen langen Augenblick aus dem Fenster.
„Die Bibel sagt nicht, was aus Noah und seiner Familie wurde, als das Wasser zurückging. Aber ich würde mich nicht wundern, wenn es einen schrecklichen Kampf um die Seelen dieser wenigen Menschen gegeben hätte - um ihre Seelen, ihre Körper, ihre Art zu denken. Und es würde mich nicht wundern, wenn uns das auch bevorsteht.
Er ist jetzt westlich der Rockies. Früher oder später wird er nach Osten kommen. Vielleicht nicht dieses Jahr, aber sobald er bereit ist. Und es ist unser Los, mit ihm fertig zu werden.“
Nick schüttelte beunruhigt den Kopf.
„Doch“, sagte sie leise. „Du wirst es sehen. Vor uns liegen bittere Tage. Tod und Entsetzen, Verrat und Tränen. Und wir werden nicht alle am Leben bleiben und sehen, wie es ausgeht.“
„Mir gefällt das alles nicht“, murmelte Ralph. „Ist nicht schon alles schlimm genug, auch ohne diesen Burschen, von dem Sie und Nick reden? Haben wir nicht schon genügend Probleme? Keine Ärzte, keinen Strom, nichts? Warum müssen wir uns auch noch mit diesem verdammten Problem herumschlagen?“
„Ich weiß es nicht. Das ist Gottes Art“, zuckte sie die Schultern. „Er erklärte Leuten wie Abby Freemantle nichts.“
„Wenn das seine Art ist ...“, murmelte Ralph. „... dann wünschte ich, er würde abtreten und einem Jüngeren Platz machen.“
„Wenn der Dunkle Mann im Westen ist“, schrieb Nick derweil. „Sollten wir dann nicht unsere Sachen packen und nach Osten ziehen?“
„Nick, alle Dinge dienen dem Herrn“, schüttelte Abby geduldig den Kopf. „Glaubst du nicht, dass dieser Dunkle Mann Ihm auch dient? Er tut es, wie unergründlich Gottes Wege auch sein mögen. Wohin du auch gehst, der Dunkle Mann wird dir folgen, denn es dient Gottes Zwecken, dass du ihm begegnest. Es nützt nichts, wenn man vor dem Willen des Herrn der Heerscharen davonläuft. Ein Mann oder eine Frau, die das versuchen, landen unweigerlich im Bauch der Bestie.“
Nick schrieb kurz, aber Ralf zögerte um so länger, es vorzulesen. Er räusperte sich, ehe er Abby flüchtig ansah. „Nick sagt ... er sagt, dass er nicht an Gott glaubt.“
Nachdem er die Botschaft übermittelt hatte, blickte Ralph unbehaglich auf seine Schuhe und wartete auf die Explosion.
Aber sie kicherte nur, stand auf und ging zu Nick hinüber. Sie nahm seine Hand und tätschelte sie. „Gott segne dich, Nick, denn das spielt keine Rolle. Er glaubt an dich.“

Zwei Tage später brachen sie Richtung Boulder auf.