Ich zeige Dir die Angst in einer Handvoll Staub - Remake "The Stand" von Stephen King

GeschichteAbenteuer / P16
15.10.2014
25.08.2015
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20. Juni 2006
Lloyd Henreid kniete auf dem Boden. Er summte und grinste. Hin und wieder vergaß er, was er gesummt hatte, dann verschwand das Grinsen aus seinem Gesicht, und er schluchzte ein kleines bisschen, aber dann vergaß er, dass er geweint hatte, und summte weiter. Das Lied, das er summte, hieß ‚Camptown Races’. Ab und zu summte und schluchzte er nicht, sondern flüsterte „Duu-dah, duu-dah“. Abgesehen vom Summen, dem Schluchzen, dem gelegentlichen Duu-dah und dem leisen Scharren des Pritschenbeins, mit dem sich Lloyd zu schaffen machte, herrschte völlige Stille im Hochsicherheitstrakt des Stadtgefängnisses von Phoenix, Arizona. Er versuchte, Trasks Leiche umzudrehen, damit er ein Bein erreichen konnte. Bitte, Herr Ober, bringen Sie mir noch etwas Krautsalat und noch ein Bein.
Lloyd sah aus wie ein Mann, den man auf eine radikale Diät gesetzt hatte. Der Gefängnis-Overall hing an seinem Körper wie ein schlaffes Segel. Die letzte Mahlzeit, die im Zelltrakt serviert worden war, war das Frühstück vor acht Tagen gewesen. Lloyds Haut spannte straff über dem Gesicht, jeder Knochen war darunter zu erkennen. Seine Augen waren hell und glänzend. Er hatte die Lippen von den Zähnen zurückgezogen. Sein Kopf wirkte seltsam gescheckt, weil ihm die Haare allmählich büschelweise ausfielen. Er sah aus wie ein Wahnsinniger.
„Duu-dah, duu-dah“, flüsterte Lloyd und angelte mit dem Pritschenbein. Es war einmal, da hatte er nicht gewusst, warum er sich die Finger kaputtmachte, um das verdammte Ding abzuschrauben. Es war einmal, da hatte er zu wissen geglaubt, was Hunger heißt. Aber verglichen mit dem, was er jetzt erlebte, war der Hunger von damals lediglich ein etwas kräftiger Appetit gewesen.
„Ride around all night ... ride around all day ... duu-dah ...“
Das Pritschenbein hakte sich in Trasks Hosenaufschlag fest und rutschte wieder ab. Lloyd senkte den Kopf und schluchzte wie ein Kind. Hinter ihm, achtlos in die Ecke geworfen, lag das Skelett der Ratte, die er vor fünf Tagen in Trasks Zelle totgeschlagen hatte. Der lange rosa Schwanz der Ratte hing noch am Skelett. Lloyd hatte wiederholt versucht, auch den Schwanz zu essen, aber er war zu zäh. Fast alles Wasser in der Kloschüssel war verschwunden, obwohl er versucht hatte, es möglichst lange aufzubewahren. In der Zelle stank es nach Urin - er hatte in den Korridor gepinkelt, um seinen Wasservorrat nicht zu verderben. Den Darm hatte er - was einleuchtete, wenn man die radikal zurückgeschraubten Standards seiner Diät betrachtete - nicht entleeren müssen.
Er hatte die Lebensmittel, die er sich zurückgelegt hatte, zu schnell verschlungen, das war ihm jetzt klar. Er hatte gedacht, dass jemand kommen würde. Er hatte nicht glauben können, dass ...
Er wollte Trask nicht essen. Die Vorstellung, Trask zu essen, war schrecklich. Gestern Abend war es ihm gelungen, mit dem Pantoffel eine Kakerlake zu fangen, und er hatte sie lebendig gegessen - wie verrückt war sie in seinem Mund herumgewuselt, bis er sie halb durchgebissen und dann geschluckt hatte. Sie hatte nicht einmal schlecht geschmeckt, viel köstlicher als die Ratte. Nein, er wollte Trask nicht essen. Er wollte kein Kannibale sein. Es war wie mit der Ratte: Er wollte Trask in Reichweite haben ... für alle Fälle. Nur für alle Fälle. Er hatte einmal gehört, dass ein Mensch es lange ohne Nahrung aushalten konnte, wenn er nur Wasser hatte.
Er wollte nicht sterben. Er wollte nicht verhungern. Er war zu sehr von Hass erfüllt.
Dieser Hass hatte sich in den letzten drei Tagen ganz allmählich in ihm aufgestaut und war mit dem Hunger gewachsen. Lloyds Wut war um ein einfaches, bildliches Konzept herum geronnen, und dieses Konzept war der SCHLÜSSEL.
Er war eingesperrt. Früher einmal war ihm das gerecht vorgekommen, denn er war einer von den bösen Jungs. Kein wirklich böser Junge, denn der wirklich böse Junge war Poke gewesen. Ohne Poke hätte er sich höchsten kleinen Scheißdreck geleistet. Trotzdem gebührte ihm natürlich eine Mitschuld. Der schöne George in Vegas und die drei Insassen des weißen Continental - da war er dabei gewesen, und wahrscheinlich traf ihn ein Teil der Schuld. Er schätzte, dass er seinen Sturz verdient hatte und eine gewisse Zeit absitzen musste. Nicht, dass man sich dazu freiwillig meldete, aber wenn sie einen kalt erwischten, servierten sie einem die Chose und man schluckte sie eben. Wie er seinem Anwalt gesagt hatte, seiner Meinung nach verdiene er schätzungsweise zwanzig für seinen Anteil an der ‚Amokfahrt durch drei Staaten’. Aber nicht den elektrischen Stuhl. Himmel, nein! Der Gedanken, dass Lloyd Henreid einen zappelnden Abgang machte, war ... war verrückt.
Aber sie hatten den SCHLÜSSEL, darum ging es. Sie konnten einen einsperren und mit einem machen, was sie wollten.
Während der letzten drei Tage hatte Lloyd vage die symbolhafte, magische Bedeutung des SCHLÜSSELS begriffen. Der SCHLÜSSEL war die Belohnung dafür, dass man die Regeln beachtete. Beachtete man sie nicht, wurde man eingesperrt. Und mit dem SCHLÜSSEL waren Vorrechte verbunden. Sie konnten dir zehn Jahre deines Lebens stehlen, oder zwanzig, oder vierzig.
Aber den SCHLÜSSEL zu haben, gab ihnen nicht das Recht, wegzugehen und dich im Kittchen verhungern zu lassen. Es gab ihnen nicht das Recht, dich zu zwingen, eine tote Ratte zu essen oder zu versuchen, die trockene Füllung deiner Matratze zu verspeisen. Es gab ihnen nicht das Recht, dich in einer Lage zurückzulassen, wo du vielleicht den Mann aus der Zelle nebenan aufessen musstest, um am Leben zu bleiben.
Es gab gewisse Dinge, die machte man einfach nicht mit Menschen. Auch mit dem SCHLÜSSEL konnte man nur bis hierher gehen, und nicht weiter. Sie hatten ihn hier zurückgelassen, damit er eines grausigen Todes starb, dabei hätten sie ihn rauslassen können. Er war kein tollwütiger Killer, der den ersten Menschen abservierte, den er sah.
Deshalb hasste er, und der Hass befahl ihm, zu leben ... oder es wenigstens zu versuchen.
Das Pritschenbein verfing sich wieder in Trasks Hosenaufschlag.
„Komm schon“, flüsterte Lloyd. „Komm. Komm rüber ... schon ... Camptown ladies sing this song ... all du-dah day.“
Trasks Leichnam rutschte langsam, steif, über den Boden seiner Zelle. Geduldiger und geschickter als Lloyd Trask hatte noch nie ein Angler eine Makrele eingeholt. Einmal riss der Stoff von Trasks Hose, und Lloyd musste an einer anderen Stelle einhaken. Aber schließlich war der Fuß nahe genug, dass Lloyd durch die Gitterstäbe greifen und ihn packen konnte ... wenn er wollte.
„Ist nicht persönlich gemeint“, flüsterte er Trask zu. Er berührte Trasks Bein, streichelte es. „Ist nicht persönlich gemeint, ich werde dich nicht essen, alter Junge. Nur, wenn es sein muss.“
Er war sich nicht bewusst, dass ihm das Wasser im Mund zusammenlief.

*.*.*

22. Juli 2006
Lloyd hörte jemanden im aschfahlen Widerschein der Dämmerung, zuerst war das Geräusch so weit entfernt und so seltsam - das Klirren von Metall auf Metall -, dass er glaubte, er würde es träumen. Wachen und Schlafen waren mittlerweile fast gleiche Zustände für ihn - er überschritt die Grenze zwischen ihnen, fast ohne es zu merken.
Aber dann kam die Stimme, und er fuhr kerzengerade von der Pritsche hoch, seine Augen glänzten riesig, weiß und unstet in dem abgemagerten Gesicht. Die Stimme drang von Gott weiß wie weit entfernt aus dem Verwaltungsflügel herunter und dann die Treppe herab durch die Flure, welche die Besuchszimmer mit dem zentralen Zellenblock verbanden, wo Lloyd war. Sie dröhnte heiter immer weiter durch die doppelt verriegelten Türen und drang schließlich an Lloyds Ohren. „Hoooo-hoooo! Jemand da?“
Und, seltsam, Lloyds erster Gedanke war: ‚Nicht antworten, vielleicht geht er wieder.’
„Jemand da? Zum ersten, zum zweiten? ... Okay, ich muss weiter, bin dabei mir den Staub von Phoenix von den Stiefeln zu schütteln ...“
Das riss Lloyd aus seiner Lethargie. Er katapultierte sich von der Pritsche, packte das Pritschenbein und schlug wie wild gegen die Gitterstäbe - die Vibrationen pflanzten sich durch das Metall fort und brachten die Knochen seiner geballten Faust zum Erzittern.
„Nein!“, schrie er. „Nein! Gehen Sie nicht weg! Bitte gehen Sie nicht weg!“
Die Stimme - inzwischen näher - kam von der Treppe zwischen der Verwaltung und diesem Zellentrakt. „Wir haben dich zum Fressen gern, so lieben wir dich ... und, oh, da hört sich jemand so ... hungrig an.“ Dem folgte ein träges, öliges Lachen.
Lloyd ließ das Pritschenbein fallen und umklammerte die Gitterstäbe der Zellentür mit beiden Händen. Jetzt konnte er die Schritte hinten im Schatten hören, sie kamen gleichmäßig den Korridor herauf, der zum Zellentrakt führte. Lloyd hätte vor Erleichterung in Tränen ausbrechen mögen, schließlich war er gerettet ... aber er empfand keine Freude, sondern Angst im Herzen, ein wachsendes Grauen, das den Wunsch in ihm weckte, er wäre lieber still geblieben. Still geblieben? Großer Gott! Was konnte schlimmer sein, als zu verhungern?
Beim Stichwort ‚verhungern’ musste er an Trask denken. Trask lag auf dem Rücken im aschfahlen Widerschein der Dämmerung, ein Bein ragte steif in Lloyds Zelle, und an der Wadenregion dieses Beins hatte eine sichtbare Veränderung stattgefunden: Dort waren Spuren von Zähnen zu sehen. Lloyd wusste, wer dort abgebissen hatte, aber er konnte sich nur noch ganz vage erinnern, Filet de Trask gegessen zu haben. Dennoch war er von übermächtigen Empfindungen des Ekels, der Schuld und des Grauens erfüllt. Er hastete zu den Gitterstäben und schob Trasks Bein wieder in dessen Zelle. Dann sah er über die Schulter, vergewisserte sich, dass der Besitzer der Stimme noch nicht zu sehen war, griff hinüber und zog - das Gesicht gegen die Gitterstäbe gepresst - Trasks Hosenbein herunter, um zu verbergen, was er getan hatte.
Natürlich bestand kein Grund zur Eile, denn die massiven Türen am Ende des Zellentrakts waren zu, und da der Strom ausgefallen war, funktionierten die automatischen Türöffner nicht. Sein Retter würde zurückgehen und den SCHLÜSSEL suchen müssen. Er würde ...
Lloyd grunzte, als der Elektromotor, der die Tür öffnete, surrend zum Leben erwachte. Die Stille im Zellentrakt machte das Geräusch noch lauter, nachdem das altbekannte Klick-bumm! ertönte, mit dem das Schloss aufging.
Dann kamen die Schritte stetig den Flur des Hochsicherheitstraktes entlang.
Nachdem er Trask aufgeräumt hatte, war Lloyd wieder zu seiner Zellentür gegangen - jetzt wich er unwillkürlich zwei Schritte zurück. Er richtete den Blick auf den Boden draußen und sah als Erstes ein Paar staubige Cowboystiefel mit spitzen Zehen und abgelaufenen Absätzen, und sein erster Gedanke war: ‚Poke hatte auch so ein Paar gehabt.’
Die Stiefel blieben vor seiner Zelle stehen.
Langsam hob er den Blick, sah die verblichene Jeans über den Stiefeln, den Ledergürtel mit der Messingschnalle, die Jeansjacke mit einem Button auf jeder Brusttasche.
In dem Augenblick, als Lloyd wiederstrebend in Flaggs dunkles, gerötetes Gesicht sah, schrie Flagg „Buuuh!“. Der kurze Laut schwebte durch den toten Zellenblock und kam rasch wieder zurück. Lloyd kreischte, stolperte über seine eigenen Füße, stürzte und fing an zu weinen.
„Schon gut“, beruhigte ihn Flagg. „Hey, Mann, schon gut. Alles in bester Ordnung.“
„Können Sie mich rauslassen?“, schluchzte Lloyd. „Bitte, lassen Sie mich raus. Ich will nicht wie mein Kaninchen sein, so will ich nicht enden, das ist nicht fair, wenn Poke nicht gewesen wäre, hätte ich nur kleine Sachen abgezogen, bitte, lassen Sie mich raus, Mister, ich mache alles.“
„Armer Kerl“, schüttelte Flagg bedauernd den Kopf. „Du siehst aus wie eine Reklame für einen Sommerurlaub in Dachau.“
Obwohl Flaggs Stimme mitfühlend klang, wagte Lloyd nicht, höher als bis zu den Knien des Fremden zu sehen. Wenn er noch einmal in dieses Gesicht blickte, würde er sterben. Es war das Gesicht eines Teufels.
„Bitte“, murmelte er. „Bitte, lassen Sie mich raus. Ich verhungere.“
„Wie lange sitzt du in diesem Scheißhaus, mein Freund?“ Flaggs Stimme war wie dunkler Samt.
„Ich weiß nicht“, sagte Lloyd und massierte sich die Augen mit den dünnen Fingern. „Ziemlich lange.“
„Wie kommt es, dass du noch nicht tot bist?“ Immer noch so samten.
„Ich wusste, was kommen würde“, antwortete Lloyd den Beinen in den Bluejeans und raffte die letzten Fetzen seiner Verschlagenheit um sich. „Ich habe etwas Verpflegung zurückgelegt, deshalb.“
„Hast nicht zufällig ein Stück von dem netten, jungen Mann in der Zelle nebenan gemampft, oder?“ Flagg klang belustigt.
„Was?“, krächzte Lloyd entgeistert. „Was? Nein! Um Himmels Willen! Wofür halten Sie mich? Mister, Mister, bitte ...“
„Sein linkes Bein sieht dünner aus, als das rechte. Nur aus dem Grund hab ich gefragt, guter Freund.“ Flagg klang wirklich eindeutig amüsiert.
„Davon weiß ich nichts“, flüsterte Lloyd. Er zitterte am ganzen Körper.
„Und was ist mit Bruder Ratte? Hat er geschmeckt?“ Lloyd schlug die Hände vors Gesicht und schwieg. „Wie heißt du?“
Lloyd versuchte, es zu sagen, aber er brachte nur ein Stöhnen heraus.
„Wie heißt du, Soldat?“
„Lloyd Henreid.“ Mehr konnte er nicht sagen, denn in seinem Kopf war ein solches Durcheinander, das von schierer Panik zeugte - er hatte weit mehr Angst vor diesem Mann, als er jemals zuvor in seinem ganzen Leben gehabt hatte.
„Sieh mich an, Lloyd.“ Flaggs Stimme war einschmeichelnd.
„Nein“, flüsterte Lloyd aber nur - er rollte vor Angst wild mit den Augen.
„Warum nicht?“
„Weil ... Weil ich nicht glaube, dass Sie wirklich existieren“, flüsterte Lloyd. „Und wenn Sie wirklich existieren ... Mister, wenn Sie wirklich existieren, dann sind Sie der Teufel.“
„Sieh mich an, Lloyd.“
Hilflos richtete Lloyd den Blick auf das schwarze, grinsende Gesicht, das zwischen einer Kreuzung der Gitterstäbe hing. Die rechte Hand hielt etwas neben dem rechten Auge hoch. Als er es sah, wurde Lloyd heiß und kalt zugleich. Es sah aus wie ein schwarzer Stein, so schwarz, dass er fast harzig oder pechig wirkte. In der Mitte war eine rote Stelle, die Lloyd wie ein schreckliches, blutiges und halb offenes Auge vorkam, das ihn anstarrte. Dann drehte Flagg es zwischen den Fingern hin und her - jetzt war es das Auge, dann der Schlüssel.
„Du bist gewiss ein Mann, der den Wert eines guten Schlüssels zu schätzen weiß“, lächelte Flagg. Der schwarze Stein verschwand in seiner geballten Faust und tauchte in der anderen Hand wieder auf, wo er aufs Neue von einem Finger zum anderen wanderte. „Davon bin ich überzeugt. Ein Schlüssel ist dazu da, Türen zu öffnen. Gibt es etwas Wichtigeres im Leben, als Türen zu öffnen, Lloyd?“
„Mister, ich habe schrecklichen Hunger ...“
„Logisch“, sagte der Mann. Sein Gesichtsausdruck wurde besorgt, aber so übertrieben besorgt, dass es grotesk wirkte. „Mein Gott, eine Ratte, das ist doch nichts zu essen! Ich lass dich sofort raus, und dann besorgen wir was zu essen, ja?“
Lloyd war so verblüfft, dass er nicht einmal mehr nicken konnte - aber er war davon überzeugt, dass der Mann vor seiner Zelle wirklich der Teufel war.
Der Stein in seiner Hand hatte sich wieder in einen Schlüssel verwandelt, einen flachen, silbernen Schlüssel mit reich verziertem Griff. Flagg beugte sich vor und steckte den Schlüssel ins Schloss von Lloyds Zelle. Und das war seltsam, denn wenn Lloyd seinem Gedächtnis trauen durfte, hatten diese Zellen gar keine Schlüssellöcher, sondern wurden elektrisch geöffnet. Aber er zweifelte nicht daran, dass der Schlüssel funktionieren würde.
Als sich der Schlüssel schon drehte, hielt Flagg plötzlich inne, sah Lloyd mit einem listigen Grinsen an, und Verzweiflung kam wieder über Lloyd - es war also doch nur ein Trick.
„Habe ich mich überhaupt vorgestellt? Mein Name ist Flagg, mit zwei g. Freut mich, dich kennenzulernen.“
„Ganz meinerseits“, krächzte Lloyd.
„Und ich denke, bevor ich diese Zelle öffne und wir essen gehen, sollte eines klar sein, Lloyd.“ Jetzt kamen die Bedingungen dieser Rettung.
„Natürlich“, krächzte Lloyd und fing wieder an zu weinen.
„Du sollst meine rechte Hand werden. Ich werde dich dem heiligen Petrus gleichstellen. Wenn ich diese Tür geöffnet habe, werde ich dir den Schlüssel zum Königreich in die Hand geben. Tolles Geschäft, was?“ Flagg grinste diabolisch.
„Ja“, flüsterte Lloyd, der längst wieder Panik in sich aufsteigen spürte. Ja, er spürte Entsetzen, aber auch noch etwas anderes: Eine Art religiöser Ekstase. Freude. Die Freude, auserwählt zu sein. Das Gefühl, dass er etwas erreicht hatte ... etwas.
„Du möchtest gerne mit den Leuten abrechnen, die dich hier eingesperrt haben, richtig?“ Flagg zwinkerte ihm tatsächlich zu.
„Junge, und wie!“ Lloyd vergaß seine Angst für einen Augenblick - sie wurde von einer ausgehungerten, zügellosen Wut aufgesogen.
„Und nicht nur mit den Leuten, sondern mit allen, die so etwas fertigbringen“, fügte Flagg hinzu. „Es ist ein bestimmter Typ Mensch, richtig? Für einen bestimmten Typ Mensch ist ein Mann wie du nur Dreck. Denn sie sind ganz oben. Für sie haben Leute wie du überhaupt kein Recht, zu leben.“
„Stimmt genau“, nickte Lloyd. Sein großer Hunger hatte sich plötzlich in eine andere Art Hunger verwandelt. Er hatte sich so verwandelt, wie der schwarze Stein in den Schlüssel.
„Du bist nicht besonders hell im Kopf“, sagte Flagg gutmütig. Aber du bist der Erste. Und ich habe das Gefühl, du wirst sehr loyal sein. Du und ich, Lloyd, wir werden es weit bringen. Es herrschen gute Zeiten für Menschen wie uns. Alles ist für uns bereit. Ich brauche nur dein Wort.“
„W... Wort?“
„Dass wir zusammenhalten, du und ich. Keine Weigerung. Auf Posten wird nicht geschlafen. Sehr bald werden andere kommen - sie sind schon auf dem Weg nach Westen -, aber im Augenblick gibt es nur uns. Ich gebe dir den Schlüssel, wenn du mir dein Versprechen gibst.“
„Ich gebe Ihnen ... mein Versprechen“, sagte Lloyd und die Worte schienen und der Luft zu hängen und seltsam zu vibrieren.
Im nächsten Augenblick fiel Flagg das Schloss vor die Füße - es rauchte leicht. „Du bist frei, Lloyd. Komm raus.“
Ungläubig und zögernd berührte Lloyd die Gitterstäbe, als könne er sich daran verbrennen - und wirklich, sie schienen warm zu sein. Als er schob, glitt die Tür leicht und geräuschlos zurück. Er sah seinem Erlöser in die flammenden Augen.
Etwas wurde ihm in die Hand gedrückt: Der Schlüssel. „Er gehört jetzt dir, Lloyd.“
„Mir?“ Flagg packte Lloyds Finger und drückte sie zu ... und Lloyd spürte, wie der Schlüssel sich in seiner Hand bewegte, sich veränderte. Er stieß einen heiseren Schrei aus und machte die Hand auf. Der Schlüssel war verschwunden, er hielt den schwarzen Stein mit dem roten Auge in der Hand. „Mir“, antwortete Lloyd sich selbst. Diesmal schloss er die Hand ohne Hilfe und hielt den Stein verbissen fest.
„Wollen wir uns ein Abendessen besorgen?“, fragte Flagg. „Wir müssen heute Nacht noch weit fahren.“
„Abendessen“, sagte Lloyd abwesend. „Okay.“
„Es gibt viel zu tun“, sagte Flagg heiter. „Und wir werden uns sehr beeilen.“
Sie gingen, an den toten Männern in den Zellen vorbei, gemeinsam zur Treppe. Als Lloyd vor Schwäche stolperte, ergriff Flagg seinen Arm über dem Ellenbogen und stützte ihn. Lloyd wandte sich ihm zu, und sein Blick in dieses grinsende Gesicht verriet mehr als Dankbarkeit - er sah Flagg mit so etwas wie Liebe an.