Ich zeige Dir die Angst in einer Handvoll Staub - Remake "The Stand" von Stephen King

GeschichteAbenteuer / P16
15.10.2014
25.08.2015
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Angefangen hatte alles an der Westküste der USA im April 2006.
Was genau passiert war, würden sie niemals erfahren, die Nachrichtenkanäle waren in den letzten Tagen rapide versiegt, und wenn man auch nur die Hälfte der Gerüchte glauben durfte, waren sie bis dahin schon längst mehr als nur streng kontrolliert worden.
Aber es gab eine Geschichte ...

Es war ein kleines Kaff in Ost-Texas, das man mit Sicherheit nicht als ‚Stadt’ bezeichnen konnte - Arnette, Texas.
An einem tristen, langweiligen Abend irgendwann im April hatten sich die üblichen Männer in der Tankstelle von Bill Hapscomb versammelt, um ihr billiges Bier zu trinken und die billigen Zigaretten zu rauchen - niemandem ging es mehr wirklich gut, seit die Papierfabrik geschlossen hatte und auch die Taschenrechnerfabrik nur noch Kurzschicht arbeitete.
An diesem tristen, langweiligen Abend kam Abwechslung in ihr Leben, allerdings auf eine Art und Weise, auf die sie alle gerne verzichtet hätten, hätten sie auch nur eine Ahnung gehabt, was dort in dem alten, rostigen Chevy auf sie zukam.
Der Wagen fuhr mit etwa fünfzehn Meilen schlingernd die Straße herunter, und mit ebensolchen fünfzehn Meilen pro Stunde fuhr er auf die Tankstelle zu, um sechs von acht Zapfsäulen einfach abzurasieren.
Geistesgegenwärtig hatte einer von den Männern in der Tankstelle die Zapfsäulen Augenblicke vor dem Aufprall abgestellt, sodass nichts weiter passiert war - die Tankstelle war versichert, wie Bill irgendwie vergnügt im Geiste feststellte.
Sie liefen alle aus dem Büro, Bill zuerst, und ein großer, schlanker Mann namens Stu bildete die Nachhut. Bill, Tommy und Norm waren gleichzeitig am Wagen und rochen das Benzin, während das langsame, uhrwerkartige Ticken des abkühlenden Motors das einzige Geräusch war.
Bill machte die Fahrertür auf und der Mann hinter dem Steuer fiel heraus wie ein alter Wäschesack.
„Gottverdammt!“, schrie Norm Bruett fast, wandte sich ab, hielt sich seinen stattlichen Bauch und übergab sich in einem heißen Schwall.
Nicht wegen des Mannes, der herausgefallen war, sondern wegen des Geruchs, der aus dem Wagen drang - eine widerliche Mischung aus Blut, Exkrementen, Erbrochenem und menschlicher Verwesung. Ein gespenstischer, durchdringender Geruch von Krankheit und Tod.
Einen Augenblick später drehte sich Bill um und zerrten den Fahrer an den Achselhöhlen vollends heraus. Tommy packte hastig die baumelnden Füße, dann trugen sie ihn ein paar Schritte zur Seite.
Die anderen blickten ins Wageninnere, dann wandte sich Hank ab und hielt eine Hand vor den Mund, den kleinen Finger abgespreizt wie ein Mann, der ein Weinglas hält und einen Trinkspruch ausbringen will. Er stapfte zur Nordseite der Tankstelle und ließ sein Abendessen hochkommen.
Vic und Stu sahen eine Weile in den Wagen, blickten einander an und wieder hinein. Auf der Beifahrerseite saß eine junge Frau, das Kleid über die Schenkel hochgezogen. An ihr lehnte ein Junge oder ein Mädchen von vielleicht drei Jahren - sie waren beide tot.
Ihre Hälse waren schlauchartig angeschwollen, die Haut dort purpurschwarz, wie bei einem Bluterguss. Auch unter ihren Augen war die Haut aufgedunsen und sie sahen irgendwie aus wie Baseballspieler, die sich Ruß unter die Augen schmierten, damit sie nicht von der Sonne geblendet wurden. Ihre Augen quollen blind aus den Höhlen. Dicker Schleim war ihnen aus der Nase geflossen und angetrocknet. Fliegen summten auf ihnen herum, ließen sich auf dem Schleim nieder und krochen ihnen in die offenen Münder und wieder heraus.
Stu musste immer wieder zu den verschränkten Händen sehen - die Frau hielt noch im Tod ihr Kind fest.
Hank stand an der offenen Fahrertür - am Rückspiegel baumelten ein Paar Babyschuhe - und wischte sich mit einem schmutzigen Taschentuch den Mund ab. „Mein Gott, Stu“, sagte er unglücklich, und Stu nickte auch nur, ehe er zu dem Fahrer rüber sah.
Der hatte dieselben Symptome wie die beiden anderen. Aus seiner Nase lief Schleim, und sein Atem hatte einen unterseeischen Klang, ein Gurgeln irgendwo aus der Brust. Die Haut unter den Augen war aufgedunsen, zwar noch nicht schwarz, aber purpurn. Sein Hals war unnatürlich dick, die Haut wurde wie eine Säule hochgedrückt, sodass er ein Dreifachkinn bekommen hatte. Er hatte hohes Fieber - wenn man neben ihm kauerte, war es, als würde man neben einem offenen Grill stehen, in dem die Holzkohle glühte.
Er war noch nicht tot, würde es aber bald sein.

Tatsache war jedenfalls, dass die Menschen reihenweise wie die Fliegen an etwas starben, das an der Westküste ‚Captain Trips’ genannt wurde, während die Menschen hier an der Ostküste es schlicht und ergreifend als ‚die Supergrippe’ bezeichneten.
Die Ansteckungsrate war unglaublich hoch, die Inkubationszeit betrug wenige Stunden und die Sterblichkeitsrate lag bei glatten einhundert Prozent.