Zeiten des Chaos

von Malktru
GeschichteThriller, Übernatürlich / P18
14.10.2014
05.08.2015
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[Letztes Update: 31.08.2016 - z.B. Innerer Dialog von Jane erweitert (kleinere Änderungen)
ganz herzlichen Dank an meine Beta-leser :) ]



Jane Doe(1)


9. Juli 2010, Freitag. - Downtown. 20:04 Uhr

Es war einer dieser Abende, wo die untergehende Sonne einen einladend warmen Ton auf alles legte. Gerade so, als würde es durch die Luft flüstern: ›mach es dir bequem und gemütlich‹.
Ein jeder der noch arbeiten musste konnte nicht anders, als innerlich zu fluchen. Danett und Javier(1) gehörten zu den Fluchenden. Unter anderem deshalb, weil für sie malerähnliche Schutzanzüge, genauso wie Handschuhe und Atemschutz-masken, bei jedem Wetter Pflicht waren.
Während der Nebler vor sich hin surrte und dabei entschlossen für schwüle Luft sorgte, putzten Danett und Javier die Wohnung von Mr. Persley. Sie kannten sich nun grob zwei Jahre und waren ein eingespieltes Team.
Danett saß auf der Couch des Loft, sie hatte mittellanges, leicht gewelltes Haar, welches sie gründlich unter einer weißen Haube verstaut hatte und einen Hautton, der einen an helles Nougat erinnerte. Sie hätte eine wirklich schöne Frau sein können mit ihren 32 Jahren, aber das Leben hatte seine Spuren hinterlassen. Ihre Gesichtszüge waren markant geworden und ihr Haar schimmerte schwächer. Das sah man am deutlichsten ihren Augen an. Wo ruhig funkelnde Seen gewesen waren, da zog vor Jahren die Härte ein und war seitdem nicht wieder gegangen. Aber ihre Stimme war am auffälligsten an ihr. Wenn sie sprach, so hörten die Leute zu und erkannten ihre Stimme wieder, ohne sie beschreiben oder gar nachahmen zu können.
Javier war wohl vier oder fünf Jahre jünger als sie und hatte als Puertoricaner einen ähnlichen Teint. Er konnte durchdringend schauen, aber oft mischte sich bald der Schalk hinein und ließ seine Augen amüsiert funkeln. Er trug einen Linksscheitel mit kurzen Haaren auf der linken und einem langen Pony auf der rechten Seite, welcher ihm oft ins Gesicht fiel. Zusammen mit seinem Oberlippenbart, den Piercings im Gesicht und Tattoos auf dem rechten Arm könnte man ihn sogar für einen gemäßigten Punk halten. Aber als Punk sah er sich selbst nicht mehr.
Die letzten Jahre hatten sie alle beide hart werden lassen. Dennoch – sie hatten überlebt.
Während Danett einen Fleck auf der Couch malträtierte, arbeitete Javier in der Küche und ließ sein rechtes Lippenpiercing vor und zurück wandern – wie so häufig, wenn er sich ganz auf eine Sache konzentrierte. Schließlich seufzte er und holte nach kurzem Kramen eine Flasche aus der Sporttasche und begann diese zu schwenken, sodass sich deren Phasen vermischten.
»Jev, ich brauche den Chlor«, sagte Dantte von der Couch aus.
»Klar, Boss.«
Was ein kleiner Schritt war, sollte nicht folgenlos bleiben. Denn er war alles, was die wirbelnde Chemikalie noch an Bewegungsmoment brauchte. Einem Fisch gleich sprang ein Schluck aus der Flasche, um mit einem Flop, gefolgt von sehr leisem Zischen, in den Flor des Teppichs zu tauchen. »Verdammt«, zischte Javier und ein herzhaftes »Scheiße!« folgte, als ein paar Tropfen der Chemikalie den Weg zwischen Handschuh und Anzug fanden, auf seine Haut trafen und sofort zu ätzen anfing.
Seine ganze Selbstbeherrschung nutzend stellte er die Flasche langsam ab. Verbrennungen durch Feuer sind ein lieblicher Kuss verglichen mit chemischem Brand. Alarmiert kam Danett zur Küche. Ggehetzt riss Javier den Wasserhahn der Spüle auf, hielt die Hand unter das strömende Wasser und endlich wurde das Brennen schwächer.
Dem Teppich jedoch würde nicht so einfach zu helfen sein. Der Flor hatte bereits seine Farben verloren und präsentierte sich als cremeweißer Fleck im blauen Teppich. Danett konnte gerade noch zu einer Frage ansetzen, als plötzlich Schritte im Treppenhaus zu hören waren. Schnell und mit einem Fluch auf den Lippen eilte sie zur Tür. Ein Blick durch den Spion zeigte, dass eine junge Frau kam, Einkaufstüten und einen Schlüssel in der Hand und scheinbar auf direktem Weg zur Wohnung.
›So eine Scheiße aber auch‹, dachte Danett angespannt, ›Wir sind nicht Fertig. Ich muss sie irgendwie los werden‹
Dann schob sie die Atemschutzmaske herunter und öffnete die Tür.
Überrascht wich die Frau einen Schritt zurück, den Schlüssel noch in der Hand. Für einen Moment stockte sie, als ihr ein seltsamer Geruch aus der Wohnung entgegen strömte – etwas... wie Kupfer.
»Was zum! Wer?... Sind sie der Kammerjäger?!«, brachte die Frau schließlich hervor, starrte Danett an und versuchte zu verstehen, was hier vorging. Was war los, dass diese Frau bei der wärme einen  Maler ähnlichem Ganzkörperanzug mit einer verdammten Atemschutzmaske um den Hals trug?
»Wollen sie zu dieser Wohnung oder...?«, fragte Danett und hielt ihre Aufregung im Zaum.
»Nein, nein, eh.. Ja. Ich wollte zu ihm. Also.. em... er hat mich doch... heute früh hat er mir noch gesagt, dass, wenn ich von der Arbeit komme, die Einkäufe noch machen soll. Wo steckt er denn? Er hat gar nicht erwähnt, dass heute Kammerjäger kommen.«
»Und Sie sind?«, hakte Danett ungerührt nach.
Javier trocknete sich nun zügig die Hände ab und näherte sich langsam der Tür.
»Mrs. Persley.«, antwortete die Frau jetzt mit Entrüstung in der Stimme.
Der Name war für Danett wie ein Schlag ins Gesicht, kurz hob sie ihre Augenbrau, verwarf ihren bisherigen Plan schon einen neuen.
»Ah, ja gut – entschuldigen Sie, ich musste sicher gehen, dass sie hier sein dürfen.«, meinte Danett nach einer kleinen Pause. Die Tür hielt sie weiterhin nur gerade soweit geöffnet, dass sie den Blick in die Wohnung versperren konnte. Ihr linker Arm verbarg sich für Mrs. Persley hinter der Tür und so deutete sie Javier, er solle rechts von ihr Position beziehen.

»Wie war nochmal der Name ihrer Firma?«, fragte Mrs. Persley mit einer Spur Misstrauen.
Javier kramte kurz. »Hier, unsere Karte.«, warf er ein und reichte diese weiter. Mrs. Persley stellte eine der Taschen ab und nahm die Karte entgegen. Im leicht angewärmten Metall stand dort in weißen, geprägten Buchstaben: „Jane D. Gebäudereinigung“ und eine Nummer, nicht geprägt, deren Tinte bereits leicht abgerieben war.
»Kommen Sie ruhig, er hat Sie erwähnt. Er sollte auch bald kommen.«
»Oh, aber Sie sprühen doch schon, ist das nicht...?«, sprach sie leicht verunsichert, als sie den feinen Nebel entdeckte, welcher vorsichtig in den Flur zu wabern begann.
»Nein, nein, das ist nicht giftig.«
»Das ist nur die Vorbereitung.«, betonte Javier Danetts Worte.
»Ach so... Ja, ich würde ganz gerne die Einkäufe abstellen.«
»Natürlich.«, sagte Danett und für einen winzigen Moment huschte ein Grinsen über ihre Lippen, das beinahe spöttisch wirkte, aber innerlich war ihr übel. Sie wusste was zu tun war.

Mrs. Persley musste all dies entgangen sein, denn sie verstaute schlicht die Visitenkarte und ihren Schlüssel und nahm die Einkäufe wieder auf.
Der Nebel brannte leicht in ihren Augen, als sie die Wohnung betrat und brachte sie zum tränen, zum blinzeln. Danach ging alles ganz schnell.
Ihre Taschen fielen zu Boden, als ihre Hände auf einmal an Kraft verloren. Starr versuchte sie zu begreifen, was ihre schreckgeweiteten Augen ihr zeigten. In der Küche lag ein Leichensack.
Ihr Mann war vor ihr nach Hause gekommen.
Mrs. Persley setzte zu einem Schrei an, doch Javier und Danett waren während der verstrichenen Sekunden nicht untätig gewesen. Den Schreckmoment ausnutzend, hatte Javier sie von hinten gepackt und wie aus dem Nichts einen Fleischerhaken gezogen, dessen Spitze nun auf ihrem Hals ruhte. Danett schloss die Tür mit einem Tritt und gab Javier von vorne Gegendruck, eine Hand auf den Rippen der Frau, die andere auf dem Mund, um den nahenden Schrei im Keim zu ersticken.
Geschockt, bebend und um Atem ringend drang schließlich die unmittelbare Gefahr in Mrs. Persleys Bewusstsein. Aber Javier hatte sie nun besser zu packen bekommen, hielt sie allein fest und Danett verschwand für einen Moment aus dem Sichtfeld von Mrs. Persley. Aufgeputscht vom Adrenalin nahm sie den Stich kaum wahr. Wenige Momente später war sie bewusstlos.

Jev ließ sie darauf hin langsam zu Boden sinken.
»Ich mag kein Totgewicht. Ich meine... noch lebendes Gewicht... willst du sie verkaufen? Naja... nett sieht sie ja aus.«
»Gute Idee.«, kommentierte Danett, ohne ihn anzusehen, ihr war so schlecht.
Sie wusste was sie zu tun hatte, dennoch...
»Hach, wann immer du eine Geschäftsidee witterst. Naja, eine weniger, die wir entsorgen müssen.«
»Ja. Mach ein schönes Päckchen aus ihr.«, sagte Danett, während sie wieder ins Wohnzimmer ging, um ihre Arbeit dort zu beenden. ›Um die Frau muss ich mich später kümmern‹, dachte sie, entschlossen sich wieder ins cleaning zu vertiefen, ehe noch mehr schief gehen konnte.
»Alles klar...«, antwortete Javier, holte die Kabelbinder hervor und begann Mrs. Persley mit geübten Griffen zu fesseln.
Nachdem er alle Blutlachen ausgestreut hatte und das Spezialsalz seine Arbeit tat, unterbrach er das geschäftige Schweigen. ».Kann ich Musik anmachen?«

»Warum nicht, die Wohnung sollte nun ja frei sein.«, antwortete Danett, während sie zügig Gewehr-Schrotsplitter aus dem Putz las.
»Was soll ich mit dem Teppich machen... Boss?«, fragte er und deutete auf eine Blutlache, welcher der Ätzfleck Gesellschaft leistete.
Für einen Moment schaute sie sich den Teppich an und spitzte die Lippen, wie jemand, der seinen Kaffee mit einem Stück Zucker zu wenig bekommen hatte.
»Wir machen uns da nicht so viel Arbeit, schneide alles raus – geht auch schneller.«
Eine Dreiviertelstunde verging, während die beiden aufräumten und so die Beweise der Schießerei vernichteten, welche Mr. Persley das Leben gekostet hatte.

»Heute Abend sind die Orlando Predators auf dem Feld.«, sagte Danett gekünstelt beiläufig.
»Was? wettest du jetzt wieder? Chef, ich dachte, du hast aufgehört?«
Ein Grinsen umspielte ihre Lippen und ihre Augen funkelten leicht als sie antwortete: »Jeder hat seine Schwächen… und... wer spielt am besten? Auf wen setzt du?«
»Ooooch komm schon, du weißt, dass ich es dir nicht sagen kann, dir gefallen die Orlando Predators. Da verliere ich doch automatisch«, antwortete er leicht zerknirscht, während er das mit Blut vollgesogene Salz vom Küchentresen in einen Eimer beförderte.
»Musst ja kein Geld setzen – na los, auf wen tippst du?«, hakte sie fordernd nach.
»Also die letzte Saison haben sie sich ja nicht schlecht geschlagen, aber du weißt ja … mein Herz gehört den Alabama Vipers.«
»Oh, oh Jev.«, antwortete sie und gespieltes Bedauern lag in ihrer Stimme.
»Die haben Potential! Weißt du die...«, unterbrach er sich. »Ich glaube, du hast die Dosis zu gering angesetzt, die wacht wieder auf.«
»Gib ihr was nach, aber nimm nicht zu viel.« Danett nickte in Richtung der gefesselten Mrs. Persley, welche leise zu ächzen begonnen hatte. ›Das muss warten‹, dachte sie, schob alle weiteren Gedanken beiseite und setzte dann nach: »Könnte es vielleicht daran liegen, dass Jamy für die Vipers ist?«
»Vielleicht.«, antwortete Javier, zog das Wort länger als nötig und schickte Mrs. Persley wieder in die Bewusstlosigkeit. Danett lachte.
»Na und... wir haben alle unsere Präferenzen, du legst dich doch auch nicht gerne alleine ins Bett bei Nacht – da braucht man wenigstens ein paar warme Gedanken«, echauffierte sich Javier.
»Ich habe nichts dagegen, dass du Jamy magst. Aber vielleicht könnte ich über Christien an sie  rankommen, dann wird sie das Team wechseln.«, führte sie knapp aus und gipste ein paar Schusslöcher zu.
»Du immer am intrigieren. Ja. Ja.«
»Nun?«, hakte Danett unnachgiebig nach.
»Das würde dir so passen, meinst du, ich wechsle deshalb meine Präferenzen?«
Amüsiert darüber, wie leicht Javier sich triezen ließ, fuhr sie fort: »Ich kann es ja mal probieren.«
»Du probierst es doch immer«, nuschelte Javier in Richtung des Küchentresens.
»Ehj... er hatte sich grad Sandwiches gemacht.«, kommentierte er seinen Fund im Kühlschrank und versuchte das Thema weg von seinem aktuellen Schwarm zu lenken.
»Wie viele?«, fragte Danett, ohne sich mit einem „Gibst du mir welche ab?“ aufzuhalten.
»Oh. Ja. Gut. ...Schinken?«, fragte er und brachte die Sandwichs für eine kleine Pause zur Couch.
»Ja«, bestätigte Danett.
So saßen sie also da auf der cremefarbenen Couch, hinter ihnen die nicht mehr ganz so blutige Wohnung, welche langsam den Geruch klinischer Sauberkeit annahm.
»Poker? Heute Abend mit den andern im „Monte Christo“?«, fragte Danett mit einem leichten versöhnlichem Lächeln.
»Klar.«
»Gut.«
Sie unterhielten sich beide noch etwas, aber Danett war in Gedanken woanders.
›Ok... Javier bringt Mr. Persley als John Doe mit dem Van weg und ich muss mich um Mrs. Persley kümmern... Verdammte Scheiße! Was muss die hier auch aufschlagen... Schutzgelder sind eine Sache aber... wird schon. Muss. Irgendwie werde ich sie schon los‹, dachte Danett angespannt. Sie war routiniert darin Tatorte verschwinden zu lassen. Wo andere sich übergaben, fing ihre Arbeit an. Aber Mord? Das war etwas ganz anderes. Aber jetzt war sie am Zug. Die Frau musste verschwinden.


1 - Jane Doe - ein englischer Platzhaltename für fiktive oder nicht identifizierte Personen. [...] Eine Person (auch eine Leiche) mit ungeklärter bzw. unbekannter oder geheimer Identität, beispielsweise in Akten und auf Formularen
(http://de.wikipedia.org/wiki/John_Doe stand vom 18.07.2014).

2 - Javier - ein puertoricanischer Vorname; ausgesprochen [Chav'jé].
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