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Awesome Heroes, genau wie du und ich

OneshotHumor / P12
Amerika Bayern England Österreich Preussen Spanien
14.10.2014
01.04.2020
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22.05.2017 738
 
Wien 1765

Österreich fand es immer noch seltsam faszinierend, dass das Osmanische Reich, sein Feind von einst, inzwischen als Kaufmann in seine Stadt reiste, um ihm Kaffee und andere Waren wie zum Beispiel modische Pfauenfedern zu verkaufen. Als er Sadıqs Gesichtsausdruck sah, wurde ihm allerdings klar, dass dies hier kein gewöhnlicher Besuch war. Irgendetwas stimmte nicht.

„Kannst du mir mal sagen, was das ist?“, fragte das Osmanische Reich und drehte eine Silbermünze in seiner Hand, bevor er sie vor seinem Gastgeber auf den Tisch klatschte.

„Das ist die neueste Ausfertigung unseres Maria-Theresien-Talers“, stellte Österreich fest. „Ist damit etwas nicht in Ordnung?“

„Das ist nicht in Ordnung.“ Das Osmanische Reich tippte mit dem Finger auf die Vorderseite der Münze. „Sie ist verschleiert.“

„Ja“, erwiderte Österreich. „Der Kaiser ist vor Kurzem gestorben und sie hat befohlen, sie von jetzt an mit einem Witwenschleier zu porträtieren.“

„Offen gestanden...“ Sadıq holte tief Luft. „Das mag ich nicht. Das will ich nicht haben. Gib mir stattdessen lieber von den älteren Münzen.“

Österreich blinzelte. „Ich verstehe nicht, was daran ein Problem sein soll. Es ist doch einfach nur beschlagenes Silber.“

„Aber es sieht aus wie eine Fälschung!“

„Schau“, sagte Österreich, nahm die Münze in die Hand und hielt sie dem Osmanischen Reich entgegen. „Du kannst die Erhebungen der Prägung auch bei der neuen Münze spüren. Ihre Ränder sind ebenfalls beschlagen, damit man sie nicht abschaben kann. Sie sind genau wie die alten Münzen.“

„Aber, aber...“

Roderich merkte Sadıq an, dass er schmollte. In gewisser Weise war das amüsant; allerdings ... war absolut nichts Lustiges daran, wenn das Osmanische Reich Österreichs Münzen nicht mehr akzeptierte. Sadıq war zu einem geschätzten Handelspartner geworden und der Maria-Theresien-Taler war seine Lieblingsmünze. Roderich seufzte.

“Das Problem ist der Schleier, oder?”

„Ja“, bestätigte das Osmanische Reich sofort. „Ich mag ihn nicht.“ Er schmollte immer noch, aber Österreich glaubte, da noch ein anderes Gefühl zu erkennen... Wurde Sadıq etwa rot? Roderich war sich nicht sicher. Er legte den Kopf schräg und warf seinem Handelspartner einen forschenden Blick zu.

„Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich dir sage, dass ich es seltsam finde, dass gerade du darauf bestehst, ein Porträt einer unverschleierten Frau auf einer Münze zu haben.“

„Ich weiß nicht, ob das wirklich so seltsam ist.“ Sadıq war jetzt definitiv rot im Gesicht, ein seltener Anblick bei diesem großen, sonnengebräunten Mann.  „Weißt du... Wann sonst bekomme ich je das Porträt einer unverschleierten Frau zu sehen?“

Österreich dachte darüber nach. Er seufzte noch einmal.

„In Ordnung. Ich werde sehen, was ich für dich tun kann.“

Es war nicht so schwer, eine Münzstätte zu finden, die dazu bereit war, Münzen mit einer älteren Prägung speziell für den Handel mit dem Osmanischen Reich herzustellen. Als ein paar Jahre später ein neuer Maria-Theresien-Taler ausgegeben wurde, entschied man sich, die Kaiserin nur mit einem kleinen Schleier darzustellen, ein Kompromiss, mit dem sowohl sie als auch die osmanischen Händler leben konnten. Letztendlich ging es ja nur darum, mit Waren zu handeln. Na ja ... zumindest aus Österreichs Sicht.

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Anmerkungen:

Der Maria-Theresien-Taler (MTT) ist eine silberne Anlagemünze, die erstmals 1741 geprägt wurde, kurz nach dem Beginn der Herrschaft Maria Theresias (1714-1780) als Erzherzogin von Österreich im Jahr 1740. Als ihr Ehemann Franz Stephan (1708-1765, Kaiser seit 1745) unerwartet starb, ordnete Maria Theresia an, von nun an mit einem Witwenschleier dargestellt zu werden ... mit dem Ergebnis, dass ihre Silbermünzen in der Levante/im östlichen Mittelmeerraum kaum noch akzeptiert wurden. Deshalb wurden seitdem Münzen mit einem älteren Prägestempel und solche Münzen ausgegeben, die sie nur mit einem kleinen Schleier zeigen. Als ihr Porträt 1772 geändert wurde, akzeptierten Kaufleute aus der Levante das. Die am weitesten verbreitete Variante des MTT ist allerdings die, die Maria Theresias Porträt aus ihrem Todesjahr 1780 zeigt. Münzen mit diesem Porträt und einem kleinen Kreuz nach dem Jahr 1780 werden bis heute geprägt. Sie waren im Osmanischen Reich/in Westasien und Westafrika weit verbreitet und wurden dort als offizielles Zahlungsmittel teils bis in die 1960er Jahre (!) verwendet.

Siehe für diese Informationen: Heinz Moser/Heinz Tursky: Tirols Beitrag zur Überwindung eines regionalen Münzwesens, in: Von Stadtstaaten und Imperien. Kleinterritorien und Großreiche im historischen Vergleich. Tagungsbericht des 24. Österreichischen Historikertages, Innsbruck, 20.-23. September 2005, hrsg. v. Christoph Haidacher/Richard Schober, Innsbruck: 2006, S. 470-477, hier S. 475. Eine moderne Ausgabe der Münze von 1780 könnt ihr hier sehen: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:MTThaler.png
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