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Awesome Heroes, genau wie du und ich

OneshotHumor / P12
Amerika Bayern England Österreich Preussen Spanien
14.10.2014
01.04.2020
55
25.563
6
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09.07.2016 530
 
Es war ein heller, sonniger Samstagmorgen. Österreich hatte die Fenster zu seinem Musikzimmer weit geöffnet und ließ einige angenehme Frühlingssonnenstrahlen herein, während er seine Geige stimmte. Er hatte sich dafür entschieden, zum diesjährigen Jahrestag seiner Hochzeit mit Ungarn am 8. Juni die Tsigane zu spielen, weil Ravels Stück Anklänge an ungarische Volksmusik enthielt. Da es eine komplexe Komposition war, beabsichtigte er, es einige Male zu üben. Dafür musste er nun nur noch die Noten auf den Notenständer legen und...

Aber wo waren sie denn? Österreich hätte schwören können, dass er sie heute Morgen genau auf den geschlossenen Deckel seines Flügels gelegt hatte. Sicher, auf dem Klavierdeckel lag ein ganzer Stapel Noten, aber er sah doch auf einen Blick, dass die Tsigane nicht darunter war.

Aber sah er das denn wirklich? Österreich war sich plötzlich nicht mehr so sicher. Schließlich war es ihm vorher schon passiert, dass er gedacht hatte, etwas sei inzwischen an einem anderen Platz, während es in Wirklichkeit die ganze Zeit an derselben Stelle geblieben war. Er fing an, die Loseblattsammlung an Stücken zu sichten, die er in den letzten Wochen gespielt hatte, wobei er die Namen der Komponisten leise vor sich hinmurmelte.

„...Brahms, Schubert, Beethoven, Beethoven, Smetana, Mendelssohn-Bartholdy, Rachmaninow, Chopin, Chopin, Chopin, Bartók, Stravinsky, Telemann, Mozart, Mozart, Mozart, Liszt, Hindemith, Bach—oh! Das Stück habe ich vor zwei Tagen gesucht!—Lanner, Strauss, Strauss, Schönberg, Webern, Debussy, Lehár, Haydn, Haydn...“

Am Ende hatte er jedes einzelne Notenblatt in dem Stapel durchgesehen. Immer noch keine Tsigane. Mit einem verärgerten Stirnrunzeln tippte Österreich auf das Pauspapier, das obenauf gelegen war. Jedes Tippen verursachte ein raschelndes Geräusch.

Moment mal ... Pauspapier? Warum liegt denn Pauspapier auf dem Stapel?

Plötzlich kam Österreich eine Erkenntnis. Er hastete in die Küche und öffnete die Backofentür.

Bingo. Da war seine Tsigane.

Früher am Morgen hatte er vorgehabt, einen Gugelhupf zum sonntäglichen Kaffee und Kuchen mit Ungarn und Tschechien zu backen. Dann hatte das Telefon geklingelt. Er hatte versucht, den Kuchen zuzubereiten, während er gleichzeitig Deutschland am Telefon zugehört hatte, der ihn angerufen hatte, um über irgendeine wichtige EU-Angelegenheit zu sprechen. Als Deutschland nicht aufgehört hatte, ihm ein Ohr abzukauen, hatte er das Backen auf den Nachmittag verschoben.

Österreich reimte sich zusammen, dass er während des Anrufs versehentlich das Backpapier—natürlich war es Backpapier, warum hätte er denn im Zeitalter der Kopiergeräte immer noch Pauspapier verwenden sollen?—auf den Klavierdeckel und stattdessen die Noten in den Backofen gelegt hatte. Er seufzte.

Gott sei Dank hat die Noten niemand anders im Backofen gefunden, dachte er. Man hätte mich so dafür ausgelacht, dass ich mich so leicht habe ablenken lassen.

——————————

Anmerkungen:

Das rhapsodische Stück Tsigane (1924) gilt als eines der anspruchsvollsten Werke für Violine. Der französische Komponist Maurice Ravel (1875-1937) schrieb es sogar für eine ungarische Geigerin, und zwar für Jelly d’Arányi (1893-1966). Tsigane ist ein französischer Begriff für „Zigeuner“, aber der Titel bezieht sich nicht auf die Sinti und Roma (eine hauptsächlich über Europa verteilte, ursprünglich nomadisch lebende Ethnie, die aus Nordindien stammt—bitte verwendet nicht den Begriff „Zigeuner“ für sie, die Bezeichnung ist abwertend). Stattdessen bezeichnete „Zigeunermelodie“ in der damaligen Zeit eine Art musikalischen Exotismus, der osteuropäische/ungarische volkstümliche Melodien aufgriff.
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