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Awesome Heroes, genau wie du und ich

OneshotHumor / P12 / Gen
Amerika Bayern England Österreich Preussen Spanien
14.10.2014
01.04.2020
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24.03.2016 707
 
Irgendwo in Zentralindien, 1920er Jahre

England bereute seine Entscheidung, Indien zu besuchen, als die Temperaturen höher und höher stiegen und die Luft drückend heiß und schwül wurde. Er fragte sich, wie seine Kolonie noch immer so unbeeindruckt von der Hitze erscheinen konnte, aber Indien tat es.

England staunte noch immer darüber, wie gut Indien auf die Hitze reagierte, während seine Kolonie sich mit einem seiner Landsleute in einem gerade geschnittenen Kurta unterhielt. Sie sprachen Hindi, sodass England ohnehin nicht verstand, worüber sie redeten.

Nach einer Weile ging der Mann fort und bedeutete Indien und England, ihm zu folgen.

„Was hat er dir erzählt?“, fragte England.

„Er sagte, eine Maharani in der Nähe habe vor fünf Tagen eine Tochter zur Welt gebracht und wir sind jetzt zu den Feierlichkeiten eingeladen“, erklärte Indien. „Es tut mir leid, England Sahib, aber ich konnte die Einladung schlecht ablehnen. Die Familie des Maharadscha und ich sind schon befreundet, seit...“ Er benutzte seine Hände zum Rechnen. „Seit etwa zweihundert Jahren“, entschied er.

„Ist schon gut, Indien“, beruhigte England seine Kolonie. „Ich nehme an, dass es für mich interessant sein wird, an einigen Feierlichkeiten deines Volkes teilzunehmen.“

„Wenn du das sagst“, sagte Indien zweifelnd.

~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~

Mehrere Stunden später wurde England allmählich klar, warum Indien so gezögert hatte, die Einladung anzunehmen. Im Wesentlichen bestanden die „Feierlichkeiten“ daraus, dass einige Männer im Garten vor dem Palast des Maharadscha in der Hocke saßen und der Musik zuhörten, die die ganze Zeit über spielte. England brachte in Erfahrung, dass die Männer einschließlich des Maharadscha und seiner Freunde Mutter und Kind nach der Geburt fünf Tage lang nicht sehen durften, dass sie aber auf dem Gelände schlafen und der Musik zuhören mussten, die dort fünfzehn Tage lang spielte. Da England und Indien am fünften Tag gekommen waren, mussten sie nun mittelmäßiger Musik zuhören, die die ganze Nacht über spielen würde.

Das war psychologische Folter, entschied England. Für Mutter, Kind und alle anderen Beteiligten.

Er war nicht amüsiert. Ganz und gar nicht amüsiert. Und er konnte nicht schlafen.

~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~

Irgendwann mitten in der Nacht—England musste doch trotz der Musik eingedöst sein, fühlte sich aber wie gerädert—hörte er ungewöhnliche Klänge. England blinzelte und richtete sich auf. Er hörte eine männliche Stimme in etwas singen, das er für C-Dur hielt. Sie wurde von kunstvollen Rhythmen auf einer Trommel begleitet. Die Musik war anders als das, was er zuvor gehört hatte—sie war wunderschön.

„Indien?“, flüsterte er der schlafenden Gestalt neben sich zu. „Indien, hörst du das?“

„Was?“, gähnte Indien. „Lass mich schlafen!“

„Aber, Indien, hörst du das nicht? Diese Musik...“

„Ja, is’ nich’ schlecht, oder?“, lallte Indien schlaftrunken, bevor er sich wieder in seine Schlafhaltung zusammenrollte.

„In der Tat!“, sagte England, kreuzte seine Beine und hörte zu. „Aber warum sie sich ihren besten Sänger aufgehoben haben, bis...“ England sah auf seine Armbanduhr. „...bis um drei Uhr morgens, wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben.“

„Sin’ halt meine Leute“, nuschelte Indien. „Was erwartest du?“

Ja, grübelte England. Was habe ich eigentlich erwartet?

Jedenfalls nicht solch schöne Musik.

——————————

Anmerkungen:

– Ein Kurta ist ein traditionelles indisches Kleidungsstück (ein knielanges Hemd).
– Eine Maharani ist die Frau eines Maharadscha (Sanskrit für „großer Herrscher“).
– „Sahib“ ist ein Begriff arabischen Ursprungs und bedeutet „Herr“ oder „Eigentümer“. Er wurde für Europäer in Britisch-Indien als Äquivalent zu „Mister“ verwendet.

Das Ficlet basiert auf einer Szene, die der englische Schriftsteller E.M. Forster (1879-1970) in seinem Buch The Hill of Devi (1953; „Briefe aus dem Jahr 1921“, Abschnitt „Geburt eines Babys“, 9. Mai 1921) beschreibt: „Ich bin so weit davon entfernt wie eh und je, indischen Gesang zu verstehen, aber ich bezweifle nicht, dass ich großer Kunst zugehört habe, es war so komplex und doch so leidenschaftlich. Der Sänger (männlich) und der Trommler waren beinahe gleich wichtig und haben um einen C-Dur-Akkord kunstvolle Muster gewoben, die im selben Augenblick ein Ende fanden—zumindest kommt das der Musik so nahe, wie ich sie beschreiben kann: es war, als ob westliche Musik in bebendem Wasser gespiegelt würde, und sie dauerte eine halbe Stunde lang in einer einzigen Salve an“ (meine Übersetzung).
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