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Awesome Heroes, genau wie du und ich

OneshotHumor / P12
Amerika Bayern England Österreich Preussen Spanien
14.10.2014
01.04.2020
55
25.563
6
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Dieses Kapitel
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05.03.2016 751
 
Moskau, Winter 1958/1959

Als Russland sein Wohnzimmer betrat, saß Preußen auf seinem Sofa und hatte die Stiefel auf der Polsterung. (Russland wusste, dass sein Chef von ihm erwartete, Preußen jetzt Deutsche Demokratische Republik oder DDR zu nennen, aber er kannte Preußen nun schon seit Jahrhunderten und alte Gewohnheiten ließen sich nur schwer ablegen. Davon abgesehen ließ Пруссия sich für ihn auch einfach leichter aussprechen.)

Was Russland seltsam vorkam, war nicht Preußens Freizeitbeschäftigung an sich—Preußen hatte viel mehr von einer Leseratte als er vorgab; Russland wusste das spätestens seit der Zeit im achtzehnten Jahrhundert, als sie beide danach gestrebt hatten, gebildeter zu werden—sondern die Tatsache, dass Preußen auf Russisch las. Normalerweise bevorzugte er Bücher in seiner Muttersprache Deutsch.

„Zeig mir das Buch“, befahl Russland.

„Später“, erwiderte Preußen zerstreut. „Ich lese gerade.“

Die Zimmertemperatur schien zu fallen, als Russlands lilafarbene Aura zu glühen begann.

„Schon gut, schon gut“, seufzte Preußen und hielt den Buchumschlag so, dass Russland den Titel sehen konnte. „Da. Kann ich jetzt weiterlesen?“

Statt einer Antwort riss Russland das Buch aus Preußens Händen. „Glaubst du wirklich, dass ich nicht weiß, dass Doktor Schiwago antisozialistische Propaganda ist und die Revolution verunglimpft?“, sagte er grimmig. „Das Buch ist konfisziert! Konfisziert!“, wiederholte Russland und stapfte aus dem Zimmer.

„Aber ich wollte doch wissen, ob sich Juri und Lara nach der Revolution wieder treffen!“, schmollte Preußen.

~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~

Russland wusste, dass eigentlich von ihm erwartet wurde, dass er Preußen dem KGB meldete, wenn dieser ungehorsam war, aber... Aber dieser Roman! Er liebte Literatur, und wie sehr hatte er sich danach gesehnt, die melancholische Liebesgeschichte zwischen Juri Schiwago und Lara Guichard zu lesen, seit sie zuerst in Italien veröffentlicht worden war! Auf keinen Fall würde er es zulassen, dass der KGB das Buch tatsächlich konfiszierte.

Na ja, dachte Russland bei sich, während er Doktor Schiwago in der Lücke zwischen seiner Matratze und dem Bettrahmen versteckte, wer auch immer von meinen Feinden das Buch raubkopiert hat, hat mir tatsächlich einen Gefallen getan.

~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~

Irgendwo auf der anderen Seite des Pazifiks nieste Amerika.

——————————

Anmerkungen:

Eine kleine Erklärung (auch wenn sie im deutschen Fandom nach NepheleNilfhains Geschichten, „White Flame“ von Schokokuchen und „Die Hochzeit im Königspalast“ von Alrauna wahrscheinlich gar nicht mehr notwendig ist): Russland und Preußen (Пруссия heißt „Preußen“ bzw. wörtlich „Prussija“, auf Kyrillisch) haben eine lange gemeinsame Geschichte, die vom Großteil des Hetalia-Fandoms anscheinend oft übersehen wird. Ich shippe die beiden nicht als Paar, aber ich betrachte sie als frühere Verbündete, Ex-Rivalen und so was wie Kumpel (vor allem im 18./19. Jahrhundert), die schwere Zeiten erlebt haben (vor allem im 20. Jahrhundert). Auf jeden Fall muss Preußen weitaus weniger Angst vor Russland haben als die meisten im Fandom zu glauben scheinen.

Die Geschichte hinter diesem Kapitel: Der russische Schriftsteller Boris Leonidowitsch Pasternak (Борис Леонидович Пастернак, 1890-1960) gab das Manuskript seines heute berühmten Romans Doktor Schiwago (Доктор Живаго) 1956 einem italienischen marxistischen Verleger. Pasternak konnte nicht hoffen, dass sein Buch in der Sowjetunion erscheinen würde, weil es der sowjetischen Kulturpolitik nicht entsprach und die russische Revolution von 1917 nicht in einem positiven Licht erscheinen ließ. Der Verleger, Giangiacomo Feltrinelli (1926-1972), veröffentlichte tatsächlich 1957 eine italienische Fassung von Doktor Schiwago.

Offenbar gelang es der CIA dann, Fotografien von dem Manuskript zu bekommen, und sie verbreitete während der Weltausstellung Expo 58 in Brüssel illegale Kopien der ursprünglichen russischen Fassung im vatikanischen Pavillon. Die Journalisten Peter Finn und Petra Couvée erzählen diese Geschichte unter Verwendung freigegebener CIA-Dokumente in dem Buch The Zhivago Affair (2014), das im März 2016 unter dem Titel Die Affäre Schiwago auf Deutsch erscheint. Wer sich an ein bisschen Englisch nicht stört, kann etwas mehr darüber in dem Artikel “The Zhivago Affair review – how a novel became a weapon in the cold war” von Christopher Bray im Guardian (06.07.2014) lesen http://www.theguardian.com/books/2014/jul/06/the-zhivago-affair-cia-soviet-review-novel-weapon-cold-war. Preußen (der schließlich der Deutsche Orden war—oder immer noch ist?) könnte über ein paar alte Verbindungen zum Vatikan und/oder Katholiken auf Russlands Gebiet eine russische Kopie von Doktor Schiwago in die Finger bekommen haben. Ich glaube, dass sowohl Preußen als auch Russland insgeheim eine Schwäche für melancholische Liebesgeschichten haben, dass es sie aber nie besonders interessiert hat, ob politische Anspielungen in diesen Geschichten das nachrevolutionäre Russland befürwortet oder nicht befürwortet haben...
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