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Awesome Heroes, genau wie du und ich

OneshotHumor / P12 / Gen
Amerika Bayern England Österreich Preussen Spanien
14.10.2014
01.04.2020
55
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10.08.2015 1.094
 
Speisesaal des Weißen Hauses, Washington, D.C., 28. Februar 1984

Österreich wusste, dass er sich eigentlich dankbar dafür fühlen sollte, zum ersten Mal auf einen Staatsbesuch in die Vereinigten Staaten von Amerika eingeladen zu sein. Als er den Speisesaal des Weißen Hauses betrat und das Namensschild direkt neben dem seinen sah, wusste er außerdem, dass das Abendessen an diesem Tag seine Nerven wahrscheinlich arg strapazieren würde: Sein Schild stand direkt neben dem eines gewissen „Alfred F. Jones“, dem freundlichen, extrovertierten, optimistischen, aber manchmal auch ignoranten und aufdringlichen Land namens Amerika.

Nachdem jeder Platz genommen hatte, begannen die Ansprachen. Sowohl Österreich als auch sein aktueller Chef sprachen fließend Englisch, auch wenn Österreich gelegentlich in ein früheres Sprachstadium zurückfiel. Seine Bekanntschaft mit England reichte schließlich bis weit ins Mittelalter zurück.

Natürlich war Österreich erfreut zu hören, dass Amerikas Chef die österreichisch-amerikanische Freundschaft „echt, greifbar und beständig“ nannte, auch wenn er nicht so recht einsah, was es bezwecken sollte, das Musical The Sound of Music als Symbol für diese Freundschaft zu erwähnen.

„Hey, Dude“, sprach Amerika ihn an, nachdem die Reden vorbei waren und das eigentliche Essen begann. „Ich wollte dir nur sagen, dass jeder hier dich und dein Volk total mag.“

„Äh... danke?“, erwiderte Österreich höflich und schob seine Brille die Nase hoch. Seine eigene Brille rutschte zwar gar nicht, aber dafür Amerikas, obwohl das andere Land es überhaupt nicht zu bemerken schien. Eine sehr sarkastische Stimme in Österreichs Kopf sagte ihm, er solle Amerika besser nicht daran erinnern, dass Hitler auch gebürtiger Österreicher war.

„Und deine Nationalhymne rockt echt, Dude!“, fuhr Alfred fort. „Ich glaub, fast jeder aus meinem Volk kennt die auswendig!“ Dann fing er tatsächlich an, mit lauter Stimme zu singen: „Edelweiss, Edelweiss / Every morning you greet me...“

„Ähm... Amerika...“, begann Österreich vorsichtig. „Ich weiß nicht, wie ich dir das jetzt sagen soll, aber das ist eigentlich gar kein österreichisches Lied.“ Er musste sich anstrengen, um Amerika nicht anzufahren: Wie kannst du es nur wagen, mir zu unterstellen, ich könnte mittelmäßige Musik wie diese als meine Nationalhymne auswählen? Wie kam das andere Land überhaupt dazu zu denken, dass die Nationalhymne eines deutschsprachigen Landes auf Englisch wäre? Aber das war ja mal wieder typisch für Alfred F. Jones.

„Nicht?“, war die gedämpfte Antwort. Es klang mehr wie Mmmiff?, denn Amerika hatte sich eben erst ein ziemlich großes Stück Fleisch in den Mund gesteckt. Er sah Österreich mit großen Augen an, schluckte das Essen in seinem Mund herunter und sagte fast panisch: „Du meinst ... das ist gar nicht die österreichische Nationalhymne?“

Österreich seufzte. Jetzt war er eher resigniert als wirklich verärgert. „Nein, das ist ein Lied, das eigens für das Broadway-Musical The Sound of Music geschrieben wurde“, erklärte er. „Ein Musical, das in New York von zwei Amerikanern geschrieben wurde, wie ich betonen möchte. Meine Nationalhymne heißt ‚Land der Berge, Land am Strome’“.

„Aber ... aber in Österreich kennt doch bestimmt jeder The Sound of Music?“, sagte Amerika voller Hoffnung. „Schließlich feiert es ja dein Land!“

„Niemand in Österreich hat je davon gehört“, erwiderte Österreich streng. „Versuch’s doch einfach mal. Bitte irgendeinen meiner Diplomaten, mit dir das Edelweiß-Lied zu singen. Niemand wird es kennen... Gut, niemand außer meinem Botschafter hier, nehme ich an.“

Amerika sah ihn wie ein Welpe an, den man getreten hatte, und war den Rest des Abendessens über ungewöhnlich still.

Österreich fühlte sich wie der böse Vater, der seinem kleinen Sohn gesagt hatte, dass es keinen Weihnachtsmann gab.

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Anmerkungen:

Während das 1965 v.a. in Salzburg verfilmte Broadway-Musical The Sound of Music (1959) in Österreich, Deutschland und der Schweiz völlig unbekannt ist, kennt es in Amerika und vielen anderen Ländern eigentlich jeder. In dem Musical muss die Familie von Trapp nach der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich 1938 (den sogenannten „Anschluss“) aus Österreich fliehen. Baron von Trapp singt die Hymne „Edelweiß“, ein Loblied auf Österreich, in Anwesenheit böser Nazis in der Salzburger Konzerthalle, und das Lied erscheint dabei als Symbol für passiven Widerstand gegen die Annexion.

In seinem The Sound of Music Companion (2006) behauptet Laurence Maslon, dass Ronald Reagan (1911-2004, 40. US-Präsident 1981-89) vermutlich gedacht habe, das „Edelweiß“-Lied sei tatsächlich die echte österreichische Nationalhymne (vgl. S. 177). Als Rudolf Kirchschläger (1915-2000), der von 1974 bis 1986 achter österreichischer Bundespräsident war, im Jahr 1984 die USA besuchte, ließ Reagan die Musikkapelle der Marines während des Statsbanketts am 28. Februar das „Edelweiß“-Lied spielen. Unter den Ehrengästen bei dem Bankett war die damals 79-jährige Baronin Maria von Trapp. Dass Reagan „Edelweiß“ tatsächlich für die österreichische Nationalhymne hielt, könnte aber gut und gerne eine Urban Legend sein: In seiner Ansprache sagt er, das Lied sei so, wie es Baron von Trapp singt, zu „einem Gebet für Österreich selbst geworden. Es ist ein Gebet, bei dem die Amerikaner einstimmen – ‚Blüte des Schnees, mögest du blühen und wachsen -- und Ihr Heimatland sei ewig gesegnet’“ (“a prayer for Austria itself. It is a prayer Americans join in – ‘Blossom of snow, may you bloom and grow -- and bless your homeland forever’” http://www.reagan.utexas.edu/archives/speeches/1984/22884c.htm). Er behauptete aber nicht, dass das die österreichische Nationalhymne sei, zumindest nicht in dieser Rede. Allerdings scheint es so, als hätte das der Handelsvertreter der Vereinigten Staaten gedacht, William Emerson Brock III. (*1930): Während des Essens erzählte Brock Thomas Klestil (1932-2004), der damals österreichischer Botschafter war und später Bundespräsident (1992-2004) wurde, es gäbe „200 Millionen Amerikaner, die wissen, dass es [d.h. das „Edelweiß“-Lied] die österreichische Nationalhymne ist“ (“200 million Americans who know it’s [i.e. the “Edelweiß” song was] the Austrian national anthem”). Zumindest zitieren ihn Donnie Radcliffe und Sarah Booth Conroy so in ihrem Artikel „Campaign Waltzing“ vom 29. Februar 1984 in der Washington Post http://www.washingtonpost.com/archive/lifestyle/1984/02/29/campaign-waltzing/c914aca2-5b06-4a22-a8d0-34e1804dad84/ (die Idee für dieses Ficlet entstammt dem Dialog zwischen Brock und Klestil, wie er gegen Ende des Artikels zitiert wird).

Kirchschläger und die österreichischen Diplomaten, die mit ihm die USA besuchten – unter ihnen auch der jetzige österreichische Bundespräsident (seit 2004), Heinz Fischer (*1938), der damals österreichischer Wissenschaftsminister (1983-7) war – hatten das „Edelweiß“-Lied vermutlich noch nie zuvor gehört. Deshalb kann ich mir schon vorstellen, dass sie Reagans Rede ein wenig verwirrt hat, wie es Norbert Rief in seinem Artikel „‚Sound Of Music’. Der unbekannte Klang der Musik“ vom 4. April 2004 in der Presse schreibt http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/467493/Sound-Of-Music_Der-unbekannte-Klang-der-Musik (der Artikel ist übrigens ziemlich witzig).
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