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Awesome Heroes, genau wie du und ich

OneshotHumor / P12 / Gen
Amerika Bayern England Österreich Preussen Spanien
14.10.2014
01.04.2020
55
25.563
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Dieses Kapitel
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01.07.2015 603
 
12. Dezember 1941

Amerika verspeiste Hamburger, während er seinen Kampf gegen Japan plante. Es war unvermeidlich geworden, Krieg zu führen, nachdem die japanischen Marineluftstreitkräfte nur vier Tage zuvor seine Pazifikflotte in Pearl Harbor angegriffen hatten.

Während er noch immer an einem der Hamburger kaute, klingelte sein Telefon. Er hob ab und rief „Mmmf?“ in den Hörer.

„Äh ... hallo?“, sagte eine weibliche Stimme. „Spreche ich da mit Amerika?“

Amerika schluckte seinen Bissen herunter. „Ja, das bin ich“, sagte er in seiner gewohnt lauten Stimme. „Wer ist denn dran?“

„Hier spricht das Königreich Ungarn. Ich rufe dich an, um dir im Namen meines Chefs den Krieg zu erklären.“

Amerika seufzte. Schon wieder jemand. Das Deutsche Reich hatte ihn erst einen Tag vorher angerufen, um genau dasselbe zu tun. „Okay“, antwortete er, „dann sag deinem König...“

„Ich habe gar keinen König“, unterbrach Ungarn ihn.

„Aber hast du nicht gerade selbst gesagt, dass du ein Königreich bist?“

„Ja, aber mein Chef ist Admiral Horthy, der Reichsverweser des Königreichs Ungarn.“

„Dein Chef ist ein Admiral? Dann wird deine Flotte Japan in seinem Krieg gegen mich...“

„Nein“, unterbrach Ungarn ihn noch einmal. „Ich habe überhaupt keine Flotte. Ich habe nicht mal eine Küste, also wieso sollte ich eine Flotte haben?“

„Aber du hast doch gerade gesagt...“ Amerika seufzte wieder. „Also schön. Dann hast du bestimmt Gebietsansprüche gegenüber einem unserer Verbündeten, oder?“ Es schien schließlich nicht sonderlich viele europäische Länder zu geben, die sich nicht über irgendwelche Gebiete stritten.

„Ach, ich habe schon Gebietsansprüche, aber nicht gegenüber einem deiner Verbündeten“, erklärte Ungarn. „Hauptsächlich erhebe ich Gebietsansprüche gegenüber Rumänien.“

„Also kämpfst du auch gegen Rumänien?“

„Natürlich nicht!“, erwiderte Ungarn empört. „Warum sollte ich das denn machen? Mit Vlad bin ich schließlich verbündet!“

Amerika merkte, wie er immer stärkere Kopfschmerzen bekam. „Habe ich das richtig verstanden?“, fragte er sie. „Du bist ein Königreich ohne König, dessen Chef ein Admiral ohne Flotte in einem Land ohne Seehafen ist? Und du erklärst mir den Krieg, obwohl du Gebietsansprüche gegenüber einem deiner Verbündeten erhebst?“

„Ja“, bestätigte Ungarn, „das kommt ungefähr hin.“

„Bist du denn total verrückt?!“

„Nein“, sagte Ungarn fröhlich, „nur europäisch!“

Amerika fragte sich ernstlich, ob das nicht manchmal auf dasselbe hinauslief.

——————————

Anmerkungen:

Miklós Horthy (1868-1957) wurde während des Ersten Weltkriegs Admiral der österreich-ungarischen Kriegsmarine, die Österreich am 31. Oktober 1818 an das neu gegründete Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (kurz „SHS-Staat“) übergeben musste. Ebenfalls am 31. Oktober 1918 verkündete das Königreich Ungarn seinen Austritt aus der Realunion mit dem Kaiserreich Österreich. König Karl IV. von Ungarn (Karl I. von Österreich, 1887-1922, Kaiser 1916-1918) verzichtete daraufhin am 13. November 1918 auf jeden Anteil an den ungarischen Staatsgeschäften. Für kurze Zeit war Ungarn Republik (vgl. meine Geschichte „Herbstrosen“), doch nachdem Horthy von der ungarischen Nationalversammlung zum Reichsverweser (kormányzó) gewählt worden war, führte er schon am 1. März 1920 die Monarchie wieder ein.

Eigentlich ist ein Reichsverweser der Vertreter eines Monarchen während einer Thronvakanz, doch nach einem vergeblichen Versuch Karls IV., wieder ungarischer König zu werden, beschloss das ungarische Parlament am 6. November 1921 die Dethronisation des Hauses Habsburg. Ungarn blieb damit weiterhin offiziell Königreich, hatte aber keinen König mehr. Schon in dieser Zeit entstand das ungarische Bonmot, man habe einen Admiral ohne Flotte als Staatsoberhaupt, der ein Land ohne Küste regiere, das ein Königreich ohne König sei. Die Grundlage für diese skurrile Situation war das revisionistische Prinzip der Rechtskontinuität (jogfolytonosság): Ungarn vertrat die juristische Position, es könne die Gebiete, die es im Pariser Vorortvertrag von Trianon (4. Juni 1920) abtreten musste, nur dann weiterhin beanspruchen, wenn die rechtliche Situation aus der Zeit vor 1918 formal bestehen blieb.
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