Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Awesome Heroes, genau wie du und ich

OneshotHumor / P12 / Gen
Amerika Bayern England Österreich Preussen Spanien
14.10.2014
01.04.2020
55
25.563
6
Alle Kapitel
94 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
10.03.2015 658
 
Madrid, 1. Oktober 1787

Mein lieber Rodrigo,

neulich haben mir meine Diplomaten das Drama eines deutschsprachigen Dichters zukommen lassen; er stammt wohl aus dem Herzogtum Württemberg. Beim Lesen musste ich unweigerlich an Dich denken: „Ich drück’ an meine Seele dich, ich fühle / Die deinige allmächtig an mir schlagen. / O, jetzt ist Alles wieder gut. In dieser / Umarmung heilt mein krankes Herz. Ich liege / Am Halse meines Roderich.“ Macht mich das zu Don Karlos? Man sagt mir ja nach, ich sei wie er ein wenig einfältig. Herrn Schillers Version meines Infanten Carlos ist mir jedenfalls deutlich sympathischer als es mir dieses unberechenbare, gewalttätige Kind zu Lebzeiten war. Da ist es wohl keine Schande, sich mit seiner Figur zu identifizieren.

Doch ich möchte Dir nicht zu sehr Unrecht tun, denn wie schrieb es nicht ein anderer Dichter aus dem Heiligen Römischen Reich? Letztlich sind wir alle zwei betrogene Betrüger. Ich bin mir noch immer nicht sicher, ob es nun die Umstände waren, die uns getrennt haben, oder ob es das Eigeninteresse war: Dein eigenes und das Deiner Herrscher ebenso wie das von Francis und Ludwig XIV. Nun habe ich wahrlich keinen von uns beiden als Vorkämpfer für ein freies Flandern im Verdacht. Wenn ich an Deine kalkulierende Art denke, erkenne ich in meinem Rodrigo aber doch auch Karlos’ Roderich wieder: den Ritter, der seinen politischen Zielen alles andere opfert, einschließlich dieses hohen Ideals der Freundschaft, das viele eurer Dichter in letzter Zeit vertreten.

Denk mal darüber nach.

Dein Antonio


~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~

Österreich ließ den Brief sinken. Er konnte nur den Kopf darüber schütteln, dass es tatsächlich Länder gab, die Spanien für einfältig hielten. So subtil konnten einen wohl nur alte Verbündete, verlorene Freunde und geschiedene Eheleute beleidigen.

Dumm für ihn, dass auf Tonio alle drei Punkte zutrafen.

——————————

Anmerkungen:

Du liebe Zeit, da steckt einiges drin. Ich beschränke mich mal auf das Notwendigste; wenn es noch Fragen gibt, einfach fragen.

Als ich damals gehört habe, dass Österreichs menschlicher Vorname „Roderich“ ist, war der Marquis Posa aus Schillers „Don Karlos“ (1787) meine erste Assoziation. Je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto mehr fand ich, dass das auf verschiedenen Ebenen recht gut passt: Österreich hat, so wie ich ihn sehe, schon etwas Berechnendes an sich – nicht aus Verschlagenheit, sondern einfach aus Vorsicht. Außerdem ist er scharfsinnig, scharfzüngig und kann allgemein gut mit Worten umgehen. Das trifft ja auch auf den Marquis Posa zu; man denke vor allem an seine „Geben Sie Gedankenfreiheit!“-Rede vor König Philipp II. im zehnten Auftritt des dritten Aktes. Wenn man den Namen „Roderich“ dann noch aus dem Gotischen herleitet, mit rodjan als „reden“ und reiks als „Herrscher“, und sich das Ganze etwas frei als „Herrscher des Wortes“ zurechtbiegt...

Das Don Carlos-Zitat stammt aus dem zweiten Auftritt des ersten Aktes und „betrogene Betrüger“ aus Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ (1779): „Jeder liebt sich selber nur / Am meisten? – Oh, so seid ihr alle drei / Betrogene Betrüger!“, sagt der Richter aus Saladins Ringparabel im siebenten Auftritt des dritten Aufzugs zu den drei Söhnen mit den drei Ringen. Tonio verwendet das Lessing-Zitat als Anspielung auf den Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714), bei dem sich (sehr vereinfacht gesagt) die österreichischen Habsburger und die französischen Bourbonen um das Erbe des letzten spanischen Habsburgers Karl II. stritten. Letztendlich kam mit Philipp V. ein Bourbone auf den spanischen Königsthron; die spanische Königsfamilie ist bis heute bourbonisch.

Im Wesentlichen geht es also darum, dass Schillers Marquis Posa, der mit Vornamen „Roderich“ heißt, eine ambivalente Gestalt ist, was Tonio auf Roderich überträgt und ihm mit Blick auf den Spanischen Erbfolgekrieg zum Vorwurf macht.

Schillers Marquis Posa setzt sich für die Unabhängigkeit der Provinz Flandern ein. Flandern gehörte zur Zeit des historischen Don Carlos (1545-1568) zu Spanien und nach dem Spanischen Erbfolgekrieg zum Habsburgerreich. Kein Wunder also, dass die Verkörperungen von Spanien und Österreich nach Tonios Worten keine Verfechter eines freien Flandern sind.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast