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Awesome Heroes, genau wie du und ich

OneshotHumor / P12 / Gen
Amerika Bayern England Österreich Preussen Spanien
14.10.2014
01.04.2020
55
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07.02.2015 1.057
 
Wien, Ende November 1870

Österreich saß in eine Decke gewickelt auf seinem Schreibtischsessel und reckte die Füße in Richtung des warmen Feuers, das im Kamin knisterte. Er nippte an seinem Kakao, während er die Akten studierte, die ihm seine Regierung zur Durchsicht und Erledigung vorgelegt hatte. Versunken in die friedliche Atmosphäre um sich konzentrierte sich Österreich ganz auf das Schriftstück, das er in den Händen hielt: einen Bericht über den Stand der höheren Bildung an seinen Schulen.

Mit einem Knall flog die Tür zu seinem Arbeitszimmer auf und jemand packte Österreich am Schlafittchen. „Du Schlawack!“, fauchte es dicht an seinem Ohr. „Oida Haderlump!“

„Was?“, fragte Österreich gereizt. „Woran soll ich denn jetzt schon wieder schuld sein?“

„Du woaßt ganz genau, was los is!“, brüllte Bayern viel zu dicht an Österreichs Ohr und zog ihn vom Stuhl.

„Naa, verdammt nomal, waaß ich net!“ Österreich seufzte. Der Tag war so schön gewesen, aber dann musste ja Bayern vorbeikommen und ihn von seiner warmen Kuscheldecke trennen... Da spürte er einen Luftzug und duckte sich nach rechts, um dem Schlag auszuweichen.

„Doch, woaßt du!“, behauptete sein bayerischer Bruder standhaft und warf ihn zu Boden. „Hundskrüppel!“ Diesmal hatte Bayern das Überraschungsmoment auf seiner Seite, und der Schlag traf Österreich am Kinn.

„Hammel, verdammter!“, fauchte Österreich und landete einen wohlplatzierten Schlag gegen Bayerns Wange. „Du waaßt genau, dass i des hass!“

„Dafiar schlogst aber goar net schlecht!“, kam es zurück, und diesmal konnte Österreich wieder ausweichen.

~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~

Zehn Minuten und eine saftige Prügelei später lag Österreich über Bayern und drückte seinem Bruder mit dem Unterarm die Luft ab. Schwer zu sagen, wer überraschter über den Ausgang war... Theoretisch war Bayern eher muskulös gebaut, während Österreich ... nun ja, man merkte ihm schon an, dass Bierzeltschlägereien nicht gerade seine bevorzugte Freizeitgestaltung waren. Das Kräfteverhältnis hatte vielleicht etwas damit zu tun, dass Bayern gerade dabei war, einen Teil seiner Souveränität abzugeben.

„Gibst auf?“, keuchte Österreich atemlos. Erst als Bayern nickte, nahm er seinen Unterarm weg.

„I leg koa Wert auf a zwoate Rund’“, sagte Bayern und befühlte vorsichtig sein linkes Auge. Möglich, dass Österreich da vielleicht etwas zu gut getroffen hatte... „Für so a Zwetschgenmanndl bist scho a Hund, des muaß ma dir lassen!“

Österreich entschied sich dafür, nur den anerkennenden Teil des Satzes gehört zu haben. „Wart mal, ich hol an feuchten Lappen für dei Aug’“, sagte er und verschwand aus dem Zimmer.

Als er wiederkam, hatte sich Bayern Österreichs Decke unter den Nagel gerissen und es sich mit angewinkelten Beinen auf dem Sofa des Hausherrn gemütlich gemacht. Österreich schwieg dazu und schob nur Bayerns Oberkörper nach vorn, um sich auch noch setzen zu können. Nun lag Bayerns Kopf auf seinem Schoß. Der Bruder befühlte immer noch sein Auge.

„Hand weg“, kommandierte Österreich und legte vorsichtig das feuchte Tuch auf Bayerns Auge. „Schön kühlen, wir wollen ja nicht, dass das zuschwillt.“

„Ach, woll mer des net?“, fragte Bayern zweifelnd.

„Ich hab jedenfalls nicht angefangen“, verteidigte sich Österreich. Und dir sogar was zum Kühlen geholt, du undankbarer Lackl, fügte er in Gedanken hinzu. „Was war denn jetzt eigentlich der Grund für das alles?“

„Weißt des wirklich net?“, fragte Bayern gedämpft. Er war damit beschäftigt, das Tuch so zu drehen, dass es richtig auf seinem Auge lag.

„Wenn es wieder mal um Preußen und deinen Beitrittsvertrag zu dem neuen deutschen Bund geht, bin ich jedenfalls nicht daran schuld“, brummte Österreich.

„Bist du wohl“, behauptete Bayern. „Wenn du nicht drauf bestanden hättest, dass ich 1866 mit dir in den Krieg ziehe...“

„...dann wärst du heute vermutlich in ganz genau derselben Situation “, beendete Österreich den Satz gleichmütig. Sein Bruder war eine elende Nervensäge, aber irgendwie hatte Österreich noch nie ernsthaft böse auf ihn sein können. Selbst dann nicht, wenn sie gerade dabei gewesen waren, sich mit gezücktem Schwert gegenseitig den Schädel einzuschlagen.

„Wenn du den Krieg nicht verloren hättest...“, versuchte Bayern es noch mal.

„Ganz ehrlich, Bayern, wie wahrscheinlich war das?“

„Des is ja genau des Problem!“, fauchte Bayern und setzte sich auf. Dabei schien ihn ein plötzlicher Schmerz daran zu erinnern, dass er auch ein paar Schläge in die Magengrube kassiert hatte, und er sank stöhnend wieder zurück. „Zefix!“

„Tuat ma laad“, sagte Österreich und ließ es bewusst offen, ob er nun seine Niederlage bei Königgrätz oder doch nur die Schläge von gerade eben meinte. Wenn Bayern nachgefragt hätte, wären es jedenfalls nur die Schläge gewesen. Er strich Bayern über die kurzen, drahtigen Haare. Sein Bruder war zwar ungefähr so niedlich wie ein ausgewachsener Löwe, aber möglicherweise hätte er auch etwas weniger fest zuschlagen können.

„Vielleicht hätt ma beide stärker sein miaßn“, sagte Bayern versöhnlich und warf Österreich einen Blick aus dem unverletzten Auge zu.

„Schau, warum net glei so?“ So konnte Österreich ja durchaus damit leben.

„Woaßt, manchmal tuat’s oifach guat, sich z’priagln“, behauptete Bayern. „Jetzt geht’s mer scho vui besser.“

„Ahhh ja. Ich erinnere dich noch mal dran, wenn dein Auge doch zuschwillt.“

„Des verstehst net.“

„Naa, des versteh i wirklich net.“

„I mog di trotzdem.“

„Ich dich auch. Jedenfalls meistens.“

——————————

Anmerkungen:

Bairische Schimpfwörter:
- Schlawack: durchtriebener Bursche, Betrüger
- Haderlump: Betrüger, liederlicher Mensch, Taugenichts
- Hundskrüppel: boshafter, raffinierter Kerl
- Hammel: (hier) ungehobelter, unverschämter, rücksichtsloser Mensch
- Zwetschgenmanndl: dünner, schmächtiger, schwächlicher Mann
- Hund: schlauer, ausgefuchster Mensch („a Hund is er scho“)
- Lackl: derber, grober, ungehobelter Kerl
- Zefix: Verballhornung von „Kruzifix“ (Fluch)

Ja, das war der bei „Haberfeldtreiben“ angekündigte Versuch, noch mal eine Geschichte zu schreiben, in der Bayern und Österreich nett miteinander umgehen... Tun sie dann ja auch ... am Schluss. xD

Der historische Hintergrund ist ein ähnlicher wie bei „Haberfeldtreiben“: es geht um den sogenannten „Vertrag, betreffend den Beitritt Bayerns zur Verfassung des Deutschen Bundes, nebst Schlußprotokoll“ vom 23. November 1870, dem das bayerische Parlament am 21. Januar 1871 schließlich zustimmte. Damit trat Bayern dem Gebilde bei, das letztlich das Deutsche Reich wurde; es hieß im November 1870 nur noch nicht so. Bayern hatte sich zwar einige Reservatrechte vorbehalten, z.B. ein eigenes Heer, eine eigene Eisenbahn und eine eigenständige Post, aber letztlich war es damit ein Bundesstaat des Deutschen Reichs geworden.

„Königgrätz“ spielt mal wieder auf die entscheidende Niederlage Österreichs bzw. der von Österreich geführten Truppen des Deutschen Bundes (inklusive Bayern, nachdem Österreich es an seine Bündnisverpflichtung erinnert hatte) gegenüber einer preußischen Allianz im Preußisch-Österreichischen (bzw. Deutschen) Krieg von 1866 an.
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