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Awesome Heroes, genau wie du und ich

OneshotHumor / P12
Amerika Bayern England Österreich Preussen Spanien
14.10.2014
01.04.2020
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14.10.2014 1.401
 
Wien, Anfang der 1870er Jahre.

Roderich schreckte aus dem Schlaf auf. Es dauerte eine Weile, bis er wieder wusste, wo er war — in Elizavetas und seinem gemeinsamen Schlafzimmer — und was ihn aus dem Schlaf gerissen hatte: Vor dem Fenster ertönte ohrenbetäubender Lärm. Es klang, als ob einer dieser Trödler mit seinen klappernden Töpfen und Tiegeln direkt vor Roderichs Haus vorbeifahren würde — nur, dass der Lärm sich nicht zu entfernen schien. Außerdem hörte er Blasinstrumente, die so schräg tröteten, dass es schon Absicht sein musste, dass die Spieler den Ansatz nicht fanden. Er erkannte unter anderem eine Trompete, eine Tuba und sogar ein Alphorn.

Noch immer leicht schlaftrunken ertastete Roderich seine Brille auf dem Nachttisch, setzte sie auf und tappte zum Fenster. Er blinzelte. Draußen stand eine Kompanie Bayern, komplett mit Lederhose und Gamsbart, und machte einen Heidenlärm. Die Gesichter hatten sie geschwärzt. In der Mitte stand, wie hätte es auch anders sein sollen, sein lieber Bruder Theodor.

Roderich riss das Fenster auf und brüllte, so laut er konnte: „Theo, bist deppert? Was soll der Mordsradau da drunten?“

Theo, der ihn irgendwie über den Lärm hinweg gehört haben musste, setzte seine Tuba ab und rief zurück: „Was soll des hoaßn, deppert? Kunnst dir’s ned denken, wos des is, Rodi?“

„Was soll des jetzt wieder haaßn? Waaßt, wie viel Uhr’s is?“ Eine kleine innere Stimme warnte Roderich davor, sein Wienerisch so vor den Bayern herauszukehren. Er ignorierte sie.

„Freili! Woaßt was, mir fangat jetzt oifach a, dann wirst scho seng!“ Theo ließ die Tuba los, die er an einem Riemen um seinen Körper trug, und zog ein großes Blatt Papier hervor. „Im Namen Kaiser Karls des Großen im Untersberg!“, verlas er. „Ich, Theodor, Prinz von Bayern, klage dich an, Roderich, Fürst von Edelstein!“

Da dämmerte es Roderich. Theo wich zwar teilweise von der üblichen Form ab  — weder er noch seine Begleiter waren vermummt und als Vorleser nannte der Bayer die einzelnen Treiber nicht namentlich —, aber was sein Bruder hier veranstaltete, war eindeutig ein Haberfeldtreiben.

„Als Herr des Deutschen Bundes war er schlecht.
Gar grausam zerrt’ er seinen Diener her
und zwang ihn, für sich in den Krieg zu ziehn.
Dass sie verlieren würden, wussten beide.
Den schlimmern Schaden hatt’ jedoch der Bayer:
Er verlor nicht nur sein eigen Reich,
sondern musst’ dem Feind die Krone reichen!“

Theodor sah sich Beifall heischend um und fragte, an die Menge gerichtet: „Is des wahr?“

„Ja, wahr is!“, schallte es zurück.

„Nachad treibts zua!“, rief Theodor, worauf derselbe ohrenbetäubende Lärm wie zuvor einsetzte.

Roderich knirschte mit den Zähnen. Die Geschichte hätte er wohl nicht so erzählt und insbesondere die Frage, wer hier von der Gründung des Deutschen Kaiserreichs den größeren Schaden davongetragen hatte, anders beantwortet. Er musste jedoch zugeben, dass sein großer Bruder mit seiner Kritik nicht völlig falsch lag.

Währenddessen war auch Elizaveta von dem Lärm aufgewacht und neben Roderich getreten. „Was wollen die da unten denn?“, fragte sie verschlafen.

„Das ist ein Rügebrauch, bei dem dem Gerügten seine Verfehlungen vorgeworfen werden“, erklärte ihr Roderich. „Man nennt es ‚Haberfeldtreiben’. Allerdings sind die Verfehlungen des Gerügten normalerweise sittlicher Natur, während es Theo offenbar eher um Politik geht.“

Er sollte sich täuschen, denn sein Bruder fuhr fort:

„Einem Weib warf er sich an den Hals,
das als rechte Furie war bekannt.“

Elizaveta schrie empört auf, doch Theo war noch nicht fertig.

„Schon immer zog sie gerne in den Krieg
und kämpfte besser als ihr Ehemann.“

Dagegen ließ sich wenig sagen, überlegte Roderich.

„Auch im Bette lag sie immer oben.“

Da riss es Roderich. „Jetzt g’langt’s aber!“, brüllte er nach unten. Elizavetas „Das ist ja wohl die Höhe!“ und den Luftzug, als sie aus dem Zimmer lief, nahm er nur am Rande wahr.

„Nicht nur im Zweikampf tat er keinen Stich“, beendete der Theodor unbeirrt sein Sextett.

Mit einem Wutschrei stürmte Elizaveta aus dem Haus und auf den Bayern zu. Der konnte nur noch seine Tuba nach oben reißen, um nicht mit voller Wucht von Elizavetas Bratpfanne getroffen zu werden. Ein metallisches Scheppern erklang. Elizaveta entriss Theodor das Blatt, auf das er seine Schandverse geschrieben hatte, und ging nun auch auf die Umstehenden los. Diese hatten mit dem Angriff offenbar nicht gerechnet und zerstreuten sich schnell. Nach einigen weiteren Attacken auf Theodors Tuba suchte schließlich auch Roderichs Bruder das Weite, um sein Instrument nicht völlig zu verbeulen.

~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~

Elizaveta stand in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer und hielt Theodors Zettel vor sich. Mit ironischem Unterton begann sie, sein letztes Sextett vorzutragen.

„Jesus sagt, man soll die Feinde lieben,
doch sicher meint’ er nicht des Ösis Art,
denn der liebt heimlich einen feindlich’ Preußen,
der ihn verlachen würde, wenn er’s wüsst’.“

Sie unterbrach sich. „Soll ich die letzten beiden Zeilen wirklich vorlesen?“, fragte sie.

„Ich glaube, ich kann mir den Schluss schon denken“, erwiderte Roderich und nahm ihr den Zettel aus der Hand.

„Er verriet’ sein Land und all’ Moral,
um wie ein Weib bei diesem Mann zu liegen.“

Kopfschüttelnd hielt Roderich das Corpus Delicti über eine Kerzenflamme. „Nicht nur, dass er mir die Männlichkeit abspricht, jetzt wirft er mir auch noch vor, ich könnte für Gilbert Landesverrat begehen. Mir, der Personifikation Österreichs!“, empörte er sich, während das Papier Feuer fing und sich allmählich zu Asche verwandelte. „Es ist wohl besser, dass die Nachbarn das nicht mehr gehört haben.“

——————————

Anmerkungen:

Glaubt es mir oder nicht, die Ausgangsidee für diese Geschichte war, dass die Brüder Bayern und Österreich mal freundlich miteinander umgehen. Das wurde dann daraus... Vielleicht schreibe ich aber noch mal eine Geschichte, in der sie wirklich nett zueinander sind.

Bitte weist mich darauf hin, wenn euch in Sachen bairischer bzw. wienerischer Dialekt etwas unpassend vorkommt; ich bin nicht so gut darin, Dialekt zu schreiben.

Bei dem Namen „Theodor“ für Bayern habe ich mich an KahoriFutunaka orientiert, obwohl ich z.B. „Maximilian“ oder — schön katholisch — „Josef/Sepp“ auch ganz nett fände. Schließlich hießen auch eine ganze Reihe bayerischer Herrscher Max bzw. Max Josef. Andererseits gab es im Frühmittelalter bei der bajuwarischen Dynastie der Agilolfinger auch mehrere Herzöge namens „Theodo“. Der erste Wortbestandteil, „Theo“, leitet sich übrigens aus dem althochdeutschen Begriff für „Volk“ ab (und ja, der Name klingt nicht nur zufällig so ähnlich wie der von Théoden aus „Herr der Ringe“). Außerdem finde ich es nicht so sinnvoll, wenn sich jeder seinen eigenen Lieblingsnamen ausdenkt, weil man dann irgendwann völlig durcheinander kommt, wer wer ist.

Als Ansatz bezeichnet man bei Blasinstrumenten die Lippenstellung und -spannung, mit der man sie spielen muss, um über längere Zeit klare Töne erzeugen zu können.

Einem Mythos zufolge soll Kaiser Karl der Große (747-814, Kaiser seit 800) im Untersberg, der zwischen Bayern und Österreich liegt, auf seine Auferstehung warten. Das wird allerdings nur geschehen, wenn die Raben nicht mehr um den Berg fliegen. (Darauf spielt auch Sternenschwester in ihrer Geschichte „Raben von Untersberg“ in der Sammlung „Wie Blätter aus einem Tagebuch...“ an. Falls Du das hier liest: Ich weiß, ich lese gerade schwarz. Du bekommst noch Reviews, wenn ich mehr Zeit habe, versprochen!)

Das Haberfeldtreiben ist ein Ritual aus dem Bayerischen Oberland, das mit verschiedenen anderen Formen der „Katzenmusik“ und des Charivari verwandt ist und ursprünglich rügegerichtliche Funktion hatte. Es wurde im 19. Jahrhundert immer weiter verboten und ist heute nicht mehr gebräuchlich — wenn man von einem Wiederbelebungsversuch bayerischer Milchbauern absieht, die damit in den Jahren 2008 und 2009 gegen die Milchpreis-Politik des Deutschen Bauernverbands bzw. gegen die Landwirtschaftspolitik der Bayerischen Staatsregierung protestiert haben. Dass Bayerns Spottgedicht gerade aus 19 Zeilen à ein Septett und zwei Sextette besteht, die im Blankvers verfasst wurden, ist nicht Teil des Brauchs, sondern Teil von Theodors eigener Variante.

Bayerns politische Spottverse beziehen sich darauf, dass Österreich (ebenso wie Preußen und einige andere europäische Mächte) eine Garantiemacht des Deutschen Bundes war. Österreich erinnerte Bayern, das im Deutschen Krieg (bzw. Österreichisch-Preußischen Krieg) 1866 eigentlich neutral bleiben wollte, an seine Bündnispflichten, worauf König Ludwig II. (1845-1886, König von Bayern seit 1864) sich schließlich auf österreichischer Seite an dem Krieg beteiligte. Von „grausamem Zerren“ kann allerdings nicht die Rede sein. Auf Druck Ottos von Bismarck (1815-1898) unterschrieb Ludwig II. im Jahr 1870 dann den sogenannten „Kaiserbrief“, mit dem er Wilhelm I. (1797-1888, König von Preußen seit 1861) die deutsche Kaiserkrone (seit 1871) antrug. Bayern blieb zwar Königreich, wurde aber Teil des Deutschen Kaiserreichs und verlor einen großen Teil seiner Eigenständigkeit.
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