Die sieben Brücken des Lebens

von - Leela -
GeschichteAngst, Familie / P12
12.10.2014
12.10.2014
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Der Wettbewerb:
Diese Geschichte wurde geschrieben für den Wettbewerb  »Sieben sollt ihr sein« von Roheryn.
Hinweis: Geschrieben nach klassischer Rechtschreibung, und wer auf Slash aus ist, der sucht bei mir vergebens (zumindest in diesem Fandom)! ^.~

Have Fun!


Fandom-Background:
Das Ghostkommando ist eine kleine Villa mitten zwischen den Hochhäusern in New York und Firmensitz einer kleinen Ghostbustingfirma.
Die drei Partner Eddy, Tracy und Jake leben in dieser Villa in einer WG zusammen und führen gemeinschaftlich die Firma. Die drei Jungs - wobei zu erwähnen ist, daß es sich bei Tracy um einen Gorilla handelt - sind aber nicht nur Geschäftspartner, sondern auch die besten Freunde.
Und genau hier setzt die folgende Geschichte an:


Die sieben Brücken des Lebens

Ein gellender Schrei durchschnitt die Nacht, und ließ Eddy und Tracy unvermittelt aus dem Schlaf schrecken. Schneller als zu jeder anderen Gelegenheit zuvor sprangen sie hellwach aus den Betten und trafen sich automatisch auf dem Flur, als sie ohne jede Absprache durch das Ghostkommando zu Jakes Zimmer liefen. Eddy überlegte nicht einmal, ob es Jake recht sein würde, als er die Tür öffnete, und zusammen mit seinem animalischen Partner besorgt in das Zimmer ihres Kameraden sah. „Jake, alles in Ordnung?“ erkundigte er sich atemlos, eher rhetorisch, denn das Bild vor ihm sprach für sich.
      Jake saß kerzengerade im Bett, schweißgebadet, und versuchte, seine Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen. „So einigermaßen…“ brachte er hervor. „Es geht langsam wieder.“
      „Was ist passiert?“ hakte nun auch Tracy nach.
      Jake, der wirkte, als könnte er gerade etwas seelischen Beistand vertragen, bemühte sich gerade, sich zu fassen, um überhaupt erzählen zu können.
      Eddy ging nun zu ihm herüber und setzte sich an seine Bettkante, während Tracy sich auf der anderen Seite des Bettes einen Stuhl nahm. Der etwas fülligere Ghostbuster legte seinem Partner beruhigend eine Hand auf den Arm.
      Jake atmete tief durch. „Ich… Ich habe geträumt… Opa wäre gestorben. Es war… alles so unwirklich… Plötzlich… war er nicht mehr da… Und dann standen wir alle an seinem Grab…“ Der junge Mann konnte plötzlich nicht mehr weitererzählen, zitterte, atmete schwer, als wolle er gleich in Tränen ausbrechen und schlug die Hände vors Gesicht.
      Eddy faßte ihn sanft bei den Armen. „Jake, es war nur ein Traum.“
      „Aber es war alles so real!“ Seine Stimme entglitt ihm in eine verzweifelt hohe Tonlage. „Ich meine, jetzt wirkt alles völlig surreal, aber als ich in dem Traum gefangen war, da war es, als wäre alles real.“
      „Aber es ist nicht real, Jake.“ beruhigte Eddy ihn. „Ich kenne niemanden im Alter deines Großvaters, der sich besserer Gesundheit erfreut!“
      „Zukunftsängste, würde ich sagen…“ mutmaßte Tracy.
      „Das denke ich auch!“ bestätigte Eddy. „Vermutlich hast du Angst vor dem Moment, wenn es irgendwann einmal soweit ist, und das hast du im Traum umgesetzt.“
      Jake nickte. „Ja, das wird es sein. Ich meine, es wäre ja auch lächerlich zu glauben, daß man im Traum irgendwelche Visionen hätte, oder so etwas.“ meinte er mit einem nervösen Lachen.
      „Jetzt mach dich nicht verrückt!“ Die Stimme seines Partners wurde eine Spur strenger. „Jeder von uns hat mal skurrile Alpträume. Das ist in dem Moment schlimm, dafür sind wir ja jetzt auch für dich da; aber es ist nur ein Traum! Alles ist in bester Ordnung!“
      „Genau!“ Tracy nickte beipflichtend.
      „Ich weiß, ihr habt Recht.“ Der Blonde atmete einmal tief durch, um sich zu beruhigen. „Das war trotzdem eine Spur zu viel.“
      Eddy quittierte es mit einem hilflosen Lächeln. Er wußte, wie sehr Jake an seinem Opa hing. Manchmal hatte er das Gefühl, sein Großvater würde ihm fast noch näher stehen als sein Vater, und die beiden hatten schon ein sehr herzliches Verhältnis zueinander. Der Brünette wußte, wenn irgendwann der Tag kommen würde, an dem sich Jakes Traum bewahrheitete, würden sie alle für den sonst so starken Teamführer da sein müssen. Aber noch war es nicht soweit. Und das mußte Jake jetzt erst einmal verinnerlichen. Der mollige Ghostbuster sparte sich in diesem Augenblick jegliche Worte und nahm seinen Kameraden statt dessen beruhigend in den Arm. Er wußte, das würde in diesem Moment besser helfen als alles, was er hätte sagen können.
      Jake beruhigte sich langsam wieder und sammelte sich etwas, bevor er Eddy aus der freundschaftlichen Umarmung entließ. „Schon komisch, wie einem ein Traum so den Boden unter den Füßen wegreißen kann.“ sinnierte er und schüttelte leicht den Kopf, als könne er seine eigene Reaktion, die letztendlich seine Kameraden zu dieser nachtschlafenden Stunde zu ihm geführt hatte, nicht begreifen.
      „Oh, das geht!“ schmunzelte Eddy tiefgründig, und Tracy nickte beipflichtend. „Geht’s denn wieder?“ fragte sein Partner besorgt nach.
      Jake nickte. „Ja, danke. Jetzt geht’s mir schon besser. Geht nur wieder schlafen.“
      „Sicher?“ hakte Eddy nach. „Wir haben die ganze Nacht Zeit, wenn du es brauchst.“
      Tracy, der die Szene ebenfalls mit einem sorgenvollen Blick beobachtete, nickte zustimmend.
      „Ja, sicher. Es wird schon gehen.“ beruhigte Jake ihn. „Macht euch keine Sorgen.“
      „Na gut. Wenn irgendwas ist, du weißt, wo wir sind.“ erklärte Eddy und stand auf. „Und wenn es nur reden ist.“
      „Danke. Aber ich kriege das schon hin!“ Jake schenkte ihm ein kleines Lächeln, von dem die beiden Partner merkten, daß es noch etwas gequält war. Dennoch nickten sie und ließen Jake mit einem aufmunternden Lächeln wieder allein.

Das Ereignis aus der Nacht ließ Jake noch immer nicht los. Entsprechend nervös war er, als er mit den Jungs beim Frühstück saß. Gleich im Anschluß machte er sich auf den Weg, um seinem Großvater einen Besuch abzustatten. Er mußte sich zumindest vergewissern, daß es ihm auch wirklich gutging.
      Noah wohnte seit kurzer Zeit in einem Seniorenwohnpark, wo jeder noch immer eigenständig lebte und seinen eigenen Haushalt führte, es aber eine ärztliche Betreuung für alle Notfälle gab. Die Familie hatte es eigentlich noch nicht als notwendig empfunden, aber Noah hatte sich dafür entschieden. Es gab ihm eine gewisse Sicherheit; – und außerdem liebte er den Garten, der zu der Seniorenresidenz dazugehörte. Die Häuser vermittelten nicht einmal den Eindruck, zu einer großen Seniorenanlage zu gehören, sondern wirkten eher wie ein ganz normales Wohnviertel. Und zu dem heimeligen Wohngebiet gehörte auch eine große Parkanlage, in der sich die Anwohner und Besucher aufhalten konnten, und der schnell zu Noahs neuem Lieblingsort geworden war.
      Jake klopfte das Herz bis zum Hals, als er das Wohnviertel erreichte. Als er bei dem Haus seines Großvaters ankam, stand er allerdings vor verschlossener Tür. Ein ungutes Gefühl strömte durch seinen Körper.
      Eine ältere Dame, die gerade auf dem Nachbargrundstück arbeitete, sah auf. „Suchen Sie Noah Kong?“
      „Ja!“ Jake merkte, wie dünn seine Stimme klang, da er nicht wußte, welche Antwort er zu erwarten hatte.
      Doch die Alte lächelte und zeigte in eine Richtung. „Gehen Sie mal zu den Gärten! Dort ist er häufig, sicher finden Sie ihn dort.“
      Jake lächelte unwillkürlich zurück. „Danke!“ Er machte auf dem Absatz kehrt und lief in die angegebene Richtung. Die große Parkanlage war nicht weit und bestand aus vielen schön gestalteten Gartenanlagen, die sich harmonisch miteinander verbanden. Auf seinem Weg wurde der junge Mann von einer gewissen Ehrfurcht ergriffen. Die Gärten wirkten riesig; wie sollte er seinen Großvater hier finden? Er sah sich schnell um und sprintete, einer Eingebung folgend, zu einem hölzernen Tor, hinter dem eine steinerne Treppe zwischen wunderschönen Blumenbeeten und einigen kleinen Bäumen hindurch auf einen Hügel führte. Er hatte kaum die ersten Stufen genommen, als er den Älteren oben auf dem Plateau stehen sah. Der Mann mit der noch immer kerzengeraden Statur wirkte würdevoll wie immer, mit dem dunklen Jackett und der Krawatte, die er unter einer dunkelgrünen Weste zu dem weißen Hemd trug; den Blick in einer hübschen, rankenden Blume vertieft. Der junge Besucher lief freudig die Stufen hoch. „Opa!“
      Noah reagierte nicht, besah sich noch immer die Blume, die ihn so faszinierte, so daß Jake etwas verunsichert im Schritt innehielt. Im ersten Moment schien es, als habe Noah seinen Enkel nicht registriert. Dann aber wandte der Ältere sich zu ihm um und lächelte. „Jakey, mein Junge!“
      Erleichtert lief Jake auf ihn zu und schloß ihn zur Begrüßung in die Arme. Es war ein wenig intensiver als gewöhnlich, und so sah Noah ihn argwöhnisch an. „Jake, ist alles in Ordnung?“
      Der hochgewachsene blonde Mann konnte nicht verhindern, daß ein Zittern durch seinen Atem ging. Doch er wußte, daß er seinem Großvater nichts vormachen konnte, und so erzählte er Noah von seinem Traum.
      Der Mann mit dem weißen Haar hörte sich die kleine Erzählung gedankenvoll an und schwieg einen kurzen Augenblick, nachdem Jake schon geendet hatte. „Irgendwann wird es unweigerlich so kommen.“ sagte er schließlich. „Den Lauf der Zeit können wir nicht aufhalten.“
      „Ich weiß.“ Jakes Stimme brach. „Aber darüber möchte ich noch nicht nachdenken.“
      „So langsam solltest du es aber.“ Noah kam nicht umhin, in einer sachten Geste über die Wange seines Enkels zu streichen. „Denn wenn es soweit ist, dann möchte ich, daß du darauf vorbereitet bist. Es wird sicher nicht einfach für dich sein. Aber ich möchte nicht, daß du um das trauerst, was du verloren zu haben scheinst. Ich möchte, daß du dein Leben weiterlebst, mit den schönen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit, und diese als Bereicherung siehst.“
      Jake schluckte und versuchte, Tränen zu unterdrücken. „Das wird noch eine Weile dauern, bis ich soweit bin.“
      Noah ließ sich ein leichtes Lächeln vernehmen. Dann ging sein Blick plötzlich an Jake vorbei, nachdenklich, so als hätte etwas völlig anderes seine Gedanken abgelenkt. Nur einen Moment später sah er Jake wieder an, als wäre ihm gerade ein interessanter Gedanke gekommen. „Wußtest du, daß dieser Garten aus sieben Brücken besteht?“
      Jake schüttelte den Kopf. Er versuchte, sich zu erinnern, aber er war nie mit Noah hier im Garten gewesen, und allein schon erst recht nicht. Er hatte ihn nur aus der Ferne bewundert, ohne abschätzen zu können, wie groß er wirklich war. Dennoch fragte der junge Mann sich, wie sein Opa ausgerechnet jetzt, völlig aus dem Zusammenhang gerissen, darauf kam.
      Noah legte sanft eine Hand auf Jakes Rücken und dirigierte den Blonden in die Richtung, in die er gerade noch geblickt hatte. Seitlich von der Treppe, über die Jake gerade nach oben gekommen war, führten weitere Stufen von dem kleinen steinernen Plateau nach links in die Tiefe. Auch hier war der Weg zu beiden Seiten von Blumen und Bäumen gesäumt, die den Besucher in eine geheimnisvolle Welt entführten. Jake konnte von seinem Standpunkt aus nicht ausmachen, was sich wohl am Ende der Treppe befinden mochte, da diese in einer leichten Neigung nach rechts in der Natur verschwand. „Komm‘, ich möchte dir den Garten zeigen!“ sagte Noah.
      Jake widersprach nicht. Zwar irritierte der plötzliche Themenwechsel ihn mehr, als er sich anmerken ließ, aber wenn es der Wunsch seines Opas war, dann würde er ihm diesen sicher nicht abschlagen. Außerdem war es für ihn eine willkommene Ablenkung nach der schweren Thematik. Er mußte zugeben, er fühlte sich jetzt schon gleich viel besser, als sie zu einem wesentlich angenehmeren, alltäglicheren Thema wechselten als das aus seinem Traum. Vielleicht war es auch das, was sein Großvater bezweckte, denn Noah tat selten etwas ohne einen tieferen Sinn, auch wenn sich dieser manchmal erst etwas später erschloß. Und interessant würde es allemal, dessen war Jake sich sicher. Er war jetzt schon neugierig auf das, was ihn in den Gärten erwarten würde.
      Eine beruhigende, angenehme Atmosphäre stellte sich ein, als sie gemeinsam die Stufen hinuntergingen. Der Ältere ließ sich überhaupt nicht aus der Ruhe bringen, auch wenn Jake am liebsten die Stufen hinuntergelaufen wäre, so neugierig wie er war. Doch der Jüngere hielt sich zurück und paßte sich dem Tempo seines Großvaters an, um sich weiter mit ihm zu unterhalten. „Wohin führt diese Treppe?“ erkundigte er sich.
      „Was meinst du wohl?“ fragte Noah tiefgründig zurück.
      „Zu einer Brücke, nehme ich an. Wenn du sagst, dieser Teil des Gartens besteht aus sieben Brücken…“
      Noah schmunzelte. „Ich wußte, die Pfiffigkeit der Kongs würde sich auf dich weitervererben!“ Jake sah ihn perplex an und konnte sich nicht zurückhalten, ihn kameradschaftlich leicht in die Seite zu knuffen, was Noah mit einem Lachen quittierte. „Nur an verbalen Gegenattacken müssen wir noch arbeiten!“
      „Das kann ich auch!“ widersprach Jake. Näher ging er aber nicht mehr darauf ein, da nun tatsächlich die erste der sieben Brücken in Sicht kam. Sie lag am Ende der Treppe und war kaum mehr als ein kurzer, hölzerner Steg mit einfachen Seitengeländern. Ein wenig enttäuscht musterte Jake sie. Als Noah vom »Garten der Brücken« gesprochen hatte, hatte er etwas imposanteres erwartet. Das aufregendste an dieser Brücke war noch, daß sie völlig zugewachsen war, so daß sie förmlich einen Tunnel bildete, durch den man hindurchschlüpfen mußte.
      Noah merkte ihm an seiner Miene bereits an, daß er sich etwas anderes vorgestellt hatte. Vor der Brücke blieb er stehen und legte den Arm leicht um seinen Enkel. „Das hier ist die »Brücke der Zeugung«.“ Er ignorierte den merkwürdigen Blick, den Jake ihm zuwarf, als er den Jüngeren sanft vor sich auf den Steg zuschob.
      Jake sah sich auf seinem Weg aufmerksam um. Auf dieser Seite der Brücke dominierten noch immer Pflanzen mit weißen oder rosafarbenen Blüten. Als sie den eher feucht wirkenden Steg, auf dem man aufpassen mußte, um nicht auszurutschen, passiert hatten, bemerkte er zu seiner Befremdung, daß auf der anderen Seite der Boden morastig war. Holzbohlen waren ausgelegt, auf denen man auf die andere Seite des moorartigen Gebietes kam, und die Atmosphäre war hier merkwürdig feuchtwarm. Die Wärme fühlte sich unangenehm an. Vorsichtig schritten die beiden über die Holzbohlen. „Wie kommt es, daß das Klima hier plötzlich so anders ist?“ fragte Jake.
      „Nun, kannst du dich noch daran entsinnen, wie es im Mutterleib gewesen ist?“ fragte Noah unbedarft. Der befremdete Blick seines Enkels amüsierte ihn fast, der deutlich sagte, daß er dieses Thema nicht vertiefen wollte. „Keine Sorge, dies ist der kürzeste Abschnitt auf unserem Weg.“ beruhigte der alte Mann seinen Begleiter.
      Jake versuchte, nicht näher über Noahs merkwürdige Bemerkung nachzudenken und konzentrierte sich auf den Weg vor ihm.
      Nach ein paar Metern gelangten sie an eine zweite Brücke, und diese stand im krassen Gegensatz zu der ersten. Sorgfältig verarbeitetes Holz war weiß gestrichen. Sie war ein wenig gewölbt und hatte schöne, geschwungene Geländer. Es war nichts besonderes, machte aber bei weitem mehr her als die erste Brücke, wenn man diese als solche bezeichnen wollte. Jake kam nicht umhin, den Blick einmal zurückzuwerfen, als könne er den Unterschied nicht in Einklang bringen.
      „Dies hier ist die »Brücke der Geburt«!“ erklärte Noah.
      Jake maß ihn mit einem argwöhnischen Blick. Langsam wurde ihm klar, worauf die Reise hinauslaufen würde. Noah ließ ihm mit einer Geste den Vortritt, und so schritt der junge Mann zuerst auf die andere Seite. Hier fühlte er sich schon bedeutend wohler; vor allem, weil er wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Der Weg führte nun zwischen Wiesen hindurch, und zu seiner Verwunderung bemerkte er mit einem Mal eine quadratische Decke, die auf einer Wiese im hinteren Teil ausgebreitet war. Eine Rassel und einen Teddybären konnte er auf ihr liegend erkennen. Er ließ den Blick über die Umgebung schweifen. Doch es gelang ihm nicht, sie zu charakterisieren.
      „Und, gefällt es dir hier besser?“ fragte Noah.
      „Ich weiß nicht…“ überlegte Jake. „Ich kann es nicht genau benennen… Hier ist irgendwie… nichts besonderes!“
      „Vielleicht siehst du es nur nicht.“ erwiderte der Ältere mit der Halbglatze.
      Jake machte eine hilflose Geste. „Was soll ich denn hier sehen? Ich meine, hier sind Bäume und Wiesen, aber spektakulärer als der Sumpf eben ist es hier auch nicht. Irgendwie wirkt alles so abstrakt! Ich könnte nicht einmal sagen, was für Bäume es sind, die hier stehen.“
      „Es ist eine Sache der Wahrnehmung.“ erklärte Noah. „Wir haben gerade die »Brücke der Geburt« überquert. Wir sind nun in einem Teil angelangt, wo der Fokus auf etwas gesetzt wird, was alles andere darum herum unwichtig werden läßt.“ Der Ältere merkte, daß Jake ihm überhaupt nicht folgen konnte. „An diese Zeit wirst du dich auch kaum noch erinnern können. Komm, dort vorne ist die nächste Brücke. Dort wird es sicher interessanter.“
      Jake dachte noch immer über die kryptische Aussage seines Großvaters nach. Er hatte ja selbst keine Kinder und konnte es nicht beurteilen; – aber sollte es tatsächlich so sein, daß nach der Geburt eines Kindes alles andere an Bedeutung verlor, so daß man es nicht mehr richtig wahrnahm? Oder hatte sein Großvater etwas anderes gemeint? War das, was er hier sah, an die Wahrnehmung eines Babys angelehnt, so daß er alles aus der Perspektive eines Neugeborenen sah, und er deswegen nichts richtig zuordnen konnte? Er schüttelte den Gedanken ab und bemühte sich, zu seinem Großvater aufzuschließen, der bereits ein paar Schritte vorgegangen war.
      Tatsächlich konnten sie bereits die geschwungene Konstruktion der nächsten Brücke sehen, die der vorherigen gar nicht so unähnlich war – nur daß diese noch verschnörkelter und in Bonbonfarben gestrichen war.
      „Wir kommen jetzt zur »Brücke der Kindheit«.“ bemerkte Noah.
      Jake wundere das nicht und quittierte es lediglich mit einem Lächeln. Als sie diese Brücke nun überquerten, staunte er aber doch. Wieder änderte sich die Atmosphäre kolossal, und diesmal war kein Vergleich mehr zu ziehen. Die Blumen strahlten in erfrischenden Farben und die Wiesen lagen in einem frühlingshaften, saftigen Grün. Schneeglöckchen säumten den Wegrand, und im Hintergrund sah Jake Weidenkätzchen blühen. Die Luft war vom Zwitschern der Vögel erfüllt.
      Sie brauchten nur ein paar Schritte zu gehen, als sich ihnen zu beiden Seiten ein großer Spielplatz zeigte, mit Schaukeln, Wippen, einem Sandkasten, einer Seilbahn und einem großen Klettergerüst. Der junge Ghostbuster verspürte fast den Drang in sich, einfach loszulaufen und alles auszuprobieren. Doch er riß sich zusammen und blieb an der Seite seines Gastgebers.
      Noah erfreute sich an der Miene seines Enkels, die der eines aufgeregten Kindes glich. „So sollte die Kindheit sein: Bunt und aufregend, spielerisch das Leben kennenlernen.“
      „Hier könnte ich ewig bleiben!“ kommentierte Jake von Herzen.
      „Das glaube ich dir!“ schmunzelte Noah. „Aber wir müssen weiter!“
      Mit ein wenig Wehmut ging Jake an dem großen Spielplatz vorbei, der Abenteuer verhieß und ihm das erste Mal so etwas wie ein Wohlgefühl vermittelte. Nach einigen Metern blieb er staunend stehen. Vor ihnen offenbarte sich nun eine Hängebrücke, die über einen kleinen Graben führte.
      „Abenteuerlich, nicht wahr?“ ließ sich Noah vernehmen. „Das ist die »Brücke der Jugend«.“
      Jake war sprachlos. Wer auch immer diesen Garten angelegt hatte, hatte sich wirklich bei allem etwas gedacht. Er musterte erst die Brücke, dann seinen Großvater etwas unsicher, kam dann aber zu dem Schluß, daß es nur ein kurzes Stück, und sein Großvater in so guter gesundheitlicher Konstitution war, daß er sich keine Sorgen zu machen bräuchte, daß er es nicht schaffen würde. Er verbiß sich die Frage, ob er ihm helfen sollte.
      Noah bewies ihm, wie richtig er mit seiner Einschätzung lag. Der agile alte Mann nahm zwar sein eigenes Tempo, nichtsdestotrotz überquerte er die Brücke souverän, und bewies seinem Enkel so, was der ohnehin schon immer gewußt hatte: Daß sein Opa sich seine Jugend bewahrte.
      Der nächste Abschnitt ihres Weges faszinierte Jake ebenso wie der Bereich der Kindheit, den sie gerade hinter sich gelassen hatten. Auch hier bemerkte er Weidenkätzchen, doch sie hatten sich schon von der frühen weißen Farbe in einen gelben Ton verfärbt, so als wären sie schon ein Stück weiter, als ihre Nachbarn von dem vorherigen Wegabschnitt. Er sah an den Rändern der Wiesen Birnbäume blühen, und sogar die eine oder andere Apfelblüte sah er, die eigentlich den Vollfrühling einläuteten. Hier und dort waren Bänke und kleine verspielte Nischen zu sehen, sogar eine Schaukel mit einer einfachen Sitzfläche aus einem weiß gestrichenen Holzbrett, die mit Seilen an einem Baum befestigt war, fiel ihm auf, und einmal bemerkte er ein Pärchen weißer Tauben auf dem Ast eines Baumes sitzen. „Das ist der Abschnitt der Jugend?“ fragte er erstaunt. „Ich hätte etwas mehr… Action erwartet.“
      Noah lachte. „Was hast du geglaubt? Daß du hier einen Jahrmarkt mit wilden Fahrgeschäften vorfindest?“
      „Nein, ich meine…“ Er machte eine hilflose Geste. „Ich weiß auch nicht; jedenfalls nicht diese romantische Aufmachung wie hier!“
      Noah legte ihm kameradschaftlich den Arm um die Schultern. „Du bist doch im besten Alter, Jakey. Worum geht es in diesem Abschnitt des Lebens hauptsächlich? Die erste Liebe, der erste richtige Kuß? Die Zweisamkeit? Das erste Mal…“
      „Okay, okay, schon verstanden!“ hakte Jake schnell ein, der spürte, wie ihm die Röte in die Wangen schoß.
      Noah grinste auf eine Weise, die es für seinen Enkel nicht einfacher machte. „Aber es ist schön hier, nicht wahr? Gib es zu!“ sagte er schließlich versonnen.
      Jake nickte.
      „Für mich ist dieser Teil des Weges der schönste von allen.“ sinnierte Noah verträumt. Dann kehrte er in die Gegenwart zurück. „Komm, wir haben noch einen guten Teil des Weges vor uns.“
      Gemächlich gingen sie weiter und ließen sich ein wenig Zeit, bis sie an die nächste Passage kamen. Die nächste Brücke war mit der Hängebrücke nicht zu vergleichen, ebenso wenig wie mit den kleinen verspielten Holzbrücken. Was sie nun erwartete, war eine stabile, schmiedeeiserne Brücke, mit schönen Mustern, die darin eingearbeitet waren. „Na, irgendeine Idee?“ fragte Noah.
      „Ich weiß nicht… Der Reihenfolge nach würde jetzt das Erwachsenenalter kommen.“ mutmaßte Jake.
      „Sehr gut! Das hier ist die »Brücke des Erwachsenseins«.“ bestätigte Noah und machte eine einladende Geste.
      Jake stockte. „Darf ich die Brücke denn überhaupt schon überqueren?“
      Noah lachte leicht. „Du darfst alle Brücken überqueren! So wie ich auch in die Bereiche der Jugend und Kindheit zurückkehren darf!“
      Jake ließ die Antwort so stehen. Ganz schlüssig war sie ihm aber nicht; hatte Noah doch alle Stationen ihres Weges schon in seinem Leben hinter sich gebracht, während ihm noch einige fehlten – doch das mochte er nicht so in Worte fassen.
      „Sieh dich ruhig um, Jake!“ ergänzte Noah ermunternd. „Das hier ist ein Themenpark, mehr nicht. Der ist für alle da.“
      Das war eine Antwort, mit der Jake etwas anfangen konnte. Er schmunzelte fast über sich selbst, als er über seine eigenen skurrilen Gedankengänge nachdachte.
      Als sie auf der anderen Seite der Eisenbrücke ankamen, empfing sie der Sommer. Das Gras hatte ein satteres Grün, es war wärmer, und ein schwerer Duft von verschiedenen Blumen lag in der Luft. Die zarten Triebe der Frühlingsblumen, die sie in dem Kindheits- und Jugendabschnitt gesehen hatten, wurden hier von Sommerblumen in voller Blüte abgelöst, und Jake meinte, Büsche zu sehen, an denen Stachel- und Johannisbeeren reiften.
      „Der Sommer des Lebens!“ kommentierte Noah und nahm sich ein paar Brombeeren. „Das leichte Leben wird langsam ruhiger und gesetzter.“
      Unwillkürlich fiel Jake auf, daß all die verspielten Accessoires aus ihren bisherigen Wegabschnitten fehlten. Statt dessen bemerkte er auf einer Rasenfläche eine Sitzgruppe, die aus einem Tisch und mehreren Gartenstühlen bestand. Ein Aktenkoffer lag auf dem Tisch, direkt neben einem benutzten Kaffeeservice. Jake konnte den Blick nicht davon lösen, und obwohl er sie sommerliche Atmosphäre sehr mochte, spürte er ein bedrückendes Gefühl in seinem Inneren, das er nicht ganz zuordnen konnte. Es war, als wäre es in diesem Bereich nüchterner als zuvor.
      Noah beobachtete ihn aufmerksam. „Worüber sinnierst du nach, Jake?“
      „Ich weiß nicht…“ erwiderte der junge Mann ratlos. „Irgendwie fehlt mir hier eine Schaukel.“
      Noah schmunzelte. „Vergiß nie, Jake: Das Leben ist immer das, was du daraus machst! Wenn du hier eine Schaukel haben willst, dann häng dir eine hin!“
      Jake konnte nicht verleugnen, wie sehr ihn die einfachen Worte seines Großvaters beruhigten. Erst jetzt, zusammen mit dieser gleichermaßen sehr saloppen wie weisen Aussage, stellte sich für Jake sogleich eine viel harmonischere Atmosphäre ein, die ihn beruhigte.
      „Laß uns weitergehen.“ sagte Noah. „Wir haben noch ein interessantes Stück Weg vor uns.“
      Jake nickte, und so setzten sie ihren Weg gemeinsam fort. Während dessen sah der junge Ghostbusterchef sich beeindruckt um. Er kam noch immer nicht über die verschiedenen Szenarien weg, die sich ihnen bis hierher präsentiert hatten. „Wie machen sie das, daß hier in jedem Abschnitt eine völlig andere Jahreszeit simuliert wird?“ fragte er schließlich fassungslos.
      „Oh, sie wird nicht simuliert, Jake!“ berichtigte Noah ihn. „Frag‘ mich nicht, wie es funktioniert, aber sie ist da!“
      „Das ganze Jahr?“ kam es von Jake verblüfft.
      Noah machte eine hilflose Geste. „Ich wohne erst seit einem Vierteljahr hier! Ich kann es dir nicht sagen!“ Er deutete in die Richtung, in die ihr Weg sie gerade führte. „Schau mal, dort!“ Jakes Blick fiel auf eine Fachwerkbrücke, die sie am Ende dieses Abschnittes erwartete. Sie wirkte alt und anmutig, sowie stattlich und gesetzt zugleich – fast so wie sein Opa. „Hier haben wir die »Brücke des Alters«.“ erklärte Noah, obwohl das schon gar nicht mehr nötig gewesen wäre.
      Der junge Blonde spürte seinen Puls rasen, als sie zusammen diese Brücke überquerten. Sie kamen jetzt langsam in Bereiche, die ein komisches Gefühl in ihm auslösten, und ihn an seinen Traum erinnerten. Der Effekt, der ihm ein paar Meter zuvor schon zu schaffen gemacht hatte, wirkte sich jetzt um so mehr aus, als sie von einer herbstlichen Allee empfangen wurden. Bunt gefärbte Blätter fielen hier und dort zu Boden und legten ihren weiteren Weg unter einen natürlichen, farbenfrohen Teppich. Eine eigentümliche Ruhe umfing sie, die Jake frösteln ließ, obwohl es nicht einmal sehr kalt war.
       „Ja, es wird ruhiger.“ ließ sich Noah neben ihm vernehmen. „Die aufregende Zeit hat man hinter sich. Es ist nicht mehr so verspielt; die Geschwindigkeit geht aus dem Leben heraus, und man läßt alles viel ruhiger angehen.“
      „Aber… Fehlt einem nicht etwas?“ fragte Jake vorsichtig.
      „Warum sollte es?“ fragte Noah erstaunt. „Das Leben bleibt das gleiche, man betrachtet nur alles aus einem anderen Blickwinkel! Und all die Stationen, die jetzt hinter uns liegen, sind noch immer da; hier, in meinen Erinnerungen.“ Noah tippte sich zur Demonstration gegen den Kopf. Dann schloß er mit einer Geste die herbstliche Umgebung ein. „Erst, wenn du hier angelangt bist, hast du die Zeit, die Ruhe und die Muße, die aufregende Zeit aus deiner Kindheit und deiner Jugend in deinen Gedanken wieder aufleben zu lassen, und eins mit ihr zu werden. Und vielleicht hast du Enkel, denen du davon erzählen kannst!“ An dieser Stelle zwinkerte er Jake zu. „Was sollte ich da vermissen?“
      Als Jake sich die Argumentation seines Opas vor Augen führte, mußte er gestehen, daß da etwas wahres dran war. Und trotzdem, da war noch ein weiterer Aspekt, der ihn beschäftigte, und der ihm Angst machte, den er jedoch nicht wagte anzusprechen. Ein Aspekt, der ihm den nächsten Abschnitt des Weges aber auch nicht leichter machte.
      Noah schien es zu spüren, denn er legte beruhigend den Arm um ihn, als sie die Allee entlanggingen. Es half Jake tatsächlich ein bißchen, und in der schützenden Gegenwart des Älteren realisierte er sogar, wie schön es hier war, mit den bunten fallenden Blättern, dem warmen Herbstwind, und nicht selten sah er ein geschäftiges Eichhörnchen einen Baumstamm hinauf- oder herunterklettern. Er bemerkte die reifen Birnen und Holunder, die eher noch in den Frühherbst gehörten; doch hier hatte er mittlerweile sein Zeitgefühl schon so verloren, daß er es nicht in Frage stellte. Und jetzt fielen ihm selbst hier die hübschen verzierten Bänke auf, die ihn an die Bänke aus der Jungendzeit erinnerten, nur daß diese nicht weiß und aus Holz waren, sondern schöne dunkle, aus Eisen gearbeitete Bänke, die solider und gefestigter wirkten, und einem alten Pärchen Platz bieten mochten. In seinen Gedanken sah er sie sogar dort sitzen, und ein kleines Lächeln stahl sich unwillkürlich auf seine Lippen.
      Ein Stück weiter kamen sie zu der letzten Brücke, und Jake schauderte schon, bevor sie bei ihr ankamen. Was er sah, war aber nicht die gebrechliche alte Holzbrücke, die der ersten in seiner Phantasie sehr ähnlich war. Im Gegenteil, es war eine solide steinerne Brücke mit einem kleinen Rundbogen. Auch hier war der Überweg ein wenig gewölbt, wenn auch nur leicht. Doch auch wenn das Ambiente wider Jakes Erwarten wesentlich freundlicher war, als er vermutet hatte, wußte er, an welcher Stelle sie nun angekommen waren. Von den sieben Brücken, die sein Opa erwähnt hatte, war nun nur noch eine übrig, und es gab nur noch eine logische Station auf ihrem Weg. Hatte Noah ihn deswegen mit auf diese Reise genommen, um ihn dafür zu sensibilisieren? Hatte er vielleicht sogar geahnt, daß sein Enkel ihn heute besuchen kommen würde, und deswegen in dem Teil des Gartens auf ihn gewartet? Nein, das war lächerlich. Sicher war es ein passender Zufall gewesen. Zumindest eines mußte er den Designern der Seniorenwohnstätte zugestehen: Sie hatten sich etwas einzigartiges, kreatives für die Besucher hier einfallen lassen.
      Noah blieb mit seinem Enkel vor der letzten Brücke stehen und musterte sie, doch eher neugierig, als zögerlich. Ihm schien, im Gegensatz zu dem jungen Mann an seiner Seite, die Präsenz der letzten Station auf ihrem Weg kein beklemmendes Gefühl zu bescheren.
      Jake schluckte merklich.
      Noah sah ihn von der Seite her mit einem kleinen wissenden Schmunzeln an. „Hast du Angst, Jake?“
      „Naja, ich kann mir ja denken, was jetzt kommt…“ sagte der junge Mann mit dünner Stimme. Er spürte die Hand seines Großvaters beruhigend auf seinem Rücken.
      „Diese Brücke heißt bewußt nicht die »Brücke des Todes«.“ Der Ältere machte eine kurze Pause, in der er seinen Enkel musterte, der nervös den Überweg vor ihnen betrachtete. „Sie heißt, die »Brücke der letzten Reise«, weil das zutreffender ist.“
      Jake versuchte vorsichtig, einen Blick auf die andere Seite zu erhaschen, doch wie bei den Brücken zuvor wollte es ihm auch hier nicht richtig gelingen.
      Noah legte leicht beruhigend den Arm um ihn und nahm ihn mit. Erst, als sie auf dem Scheitelpunkt der Brücke standen, offenbarte sich Jake ein Anblick, der so sonderbar und unerwartet zugleich war, daß ihn schauderte. Zum Teil erstaunte es ihn nicht. Gleich nach der Brücke lag die Welt unter einer weißen Schneedecke begraben. Bäume säumten den Weg, die ihre Blätter längst abgeworfen hatten; und dennoch vermochte Jake nicht zu beurteilen, ob die skurrilen Formen lediglich ihr Winterkleid angelegt hatten, oder schon längst abgestorben waren. Er wollte lieber ersteres vermuten, doch sie waren hier an der letzten Station angekommen, und so wagte er nicht, darüber zu spekulieren. Auf der einen Seite sah er einen Schneemann, von dem er nicht recht wußte, wie der ins Bild passen sollte. Er wirkte fast wie ein Wächter, der hier nach dem rechten sah.
      Die winterliche Landschaft aber dauerte nur ein paar Meter, bis man zu einem großen, schmiedeeisernen Tor kam. Durch die dünnen, verzierten Stäbe hindurch konnte man in weites Land blicken, das so unwirklich war, daß Jake sich sicher war, es konnte so nicht existieren. In der Ferne konnte er ein großes Schloß ausmachen, das wie aus einem Märchen wirkte, und die ganze Welt hinter dem Tor und den angrenzenden Mauern lag in prächtigen Farben. Der junge Mann konnte einen Fluß in der Ferne ausmachen, auf dem er Boote sah, Berge, die den Horizont säumten und Wälder, die sich in einem harmonischen Kontrast aus dunklem Grün in die Umgebung schmiegten. Ein gepflasterter Weg führte vom Tor bis direkt zum Schloß, und Jake bemerkte Kutschen in der Ferne. Es war kaum zu glauben, wie die Gestalter der Gärten es geschafft hatten, zwei so unterschiedliche Parkabschnitte so kraß nebeneinanderzusetzen.
      „Wo geht es denn dorthin?“ fragte Jake, neugierig geworden, und auch nicht undankbar, daß sie das Ende des Brückengartens erreicht hatten.
      „Dort geht es auf die nächste Reise.“ erklärte Noah. Den verwirrten Gesichtsausdruck seines jungen Freundes hatte er bereits erwartet. „Hier endet das Leben, so wie wir es kennen, und man geht über in die nächste Welt.“
      Jake ließ sich ein leichtes Lächeln vernehmen. Obwohl er wußte, daß es nur ein genialer Geniestreich eines kreativen Designers war, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Oder hatte sein Opa sich etwa alles nur für ihn ausgedacht? Selbst das hätte er Noah zugetraut! Aber seine Wirkung verfehlte es nicht. Es ließ den Besucher das Ende des Lebens aus dem Diesseits in einem anderen, angenehmeren Licht sehen, und wenn auch nur für den kurzen Besuch hier. Aber vielleicht erinnerte er sich ja daran, wenn die Zeit es erforderte…
      „Durch dieses Tor kann man nur gehen, wenn man bereits dafür bestimmt ist.“ erklärte Noah weiter. „Wichtig ist, daß du verstehst, daß sich dahinter nichts schlimmes verbirgt.“
      Jake schluckte. „Ich denke, das habe ich verstanden.“
      Noah nickte. Dann nahm er Jakes Hände in einer Weise, die diesem eine Gänsehaut bescherte. „Erinnerst du dich noch an das, was ich ganz zu Anfang zu dir gesagt habe?“
      „Was meinst du?“ fragte er verunsichert.
      Noah sah ihm ernst in die Augen. „Ich möchte, daß du mich so in Erinnerung behältst, wie ich jetzt vor dir stehe.“
      „Aber…“ entfuhr es Jake dünn. „Wir werden uns doch noch oft sehen…“
      In Noahs Blick lag ein Ausdruck, der einem Kopfschütteln gleichkam. „Es hatte einen Grund, daß ich dich auf diesem Weg mitgenommen habe. Für mich beginnt jetzt eine neue Reise. Ich habe keine andere Wahl. Deswegen wollte ich den Weg bis hierher mit dir zusammen gehen, damit du weißt, daß du dich nicht um mich zu sorgen brauchst. Ich sehe dem neuen Abschnitt auf meinem Weg positiv entgegen. Es stimmt mich zwar traurig, daß ich dich verlassen muß, aber es gibt keinen Grund, um mich zu trauern. Es wird mir gut gehen in der nächsten Welt, und dort in dem Schloß wartet Antonia auf mich. Dort bin ich endlich wieder mit deiner Oma vereint.“
      Jake sah Noah mit weit aufgerissenen Augen an und brachte kaum einen Ton hervor. „Du… Du willst mir doch nicht sagen, daß…“
      Noah nickte. „Doch, Jake. Ich werde jetzt durch dieses Tor gehen. Und du wirst hier bleiben, und dein Leben weiterführen. Und irgendwann, wenn viel Zeit ins Land gegangen ist, dann werden wir uns wiedersehen.“ Der Ältere nahm den völlig unter Schock stehenden Jugendlichen in die Arme. Einen Moment lang sagte keiner ein Wort. Jake atmete schwer. „Es wird nie den »richtigen Weg« geben, um jemanden auf dies vorzubereiten, Jake.“ sagte Noah nach einer Weile leise. „Ich hoffe, irgendwann verstehst du, warum ich diesen gewählt habe. Vergiß nie, ich hab‘ dich lieb, Jakey.“
      „Ich hab‘ dich auch lieb, Opa.“ kam es gebrochen über Jakes Lippen, während er sich ein wenig fester an den Älteren klammerte und gegen Tränen kämpfte.
      „Ich weiß.“ erwiderte Noah beruhigend. „Mach’s gut, mein Junge. Und grüß mir Eddy und Tracy.“ Mit diesen Worten ließ er seinen Enkel los, lächelte ihn noch einmal an und schritt langsam den Rest der Brücke hinunter und durch das schmiedeeiserne Tor.
      Jake brauchte einen ganzen Moment, um sich aus der Starre zu lösen. Als es ihm endlich gelang, lief er seinem Großvater nach, doch der war bereits ein gutes Stück des Weges auf der anderen Seite des Tores gegangen. Der junge Mann wollte ihm folgen, doch das Tor hielt ihn zurück. Er konnte es nicht öffnen. „Opa!“ Die Stimme des jungen Firmenchefs überschlug sich in Verzweiflung.
      Noah drehte sich noch einmal zu ihm um und lächelte ihm aufmunternd zu, zwinkerte, und setzte dann seinen Weg fort, ohne sich noch einmal umzudrehen.
      „Opa!“ Tränen verschleierten Jakes Sicht, als er an dem Tor rüttelte und versuchte, es zu öffnen. Er setzte seine ganze Kraft ein, doch das Tor blieb verschlossen, und gewährte es ihm nur, seinem Großvater nachzusehen, auf seinem weiteren Weg. Das erste Schluchzen entrang sich der Kehle des jungen Mannes, als er nicht aufgab und versuchte, das Schloß, das sich zuvor noch problemlos hatte öffnen lassen, bald mit Gewalt zu öffnen, bis er mit den Fäusten gegen die schmiedeeisernen Stäbe trommelte. Schmerzen spürte er schon gar nicht mehr, als er in blinder Verzweiflung gegen die Stäbe schlug, während die Silhouette seines Großvaters in der Ferne kleiner wurde.
      Plötzlich spürte er, wie sich Hände auf seine Arme legten, starke Hände, wie von jemandem, der versuchte, ihn zur Besinnung zu bringen. Jake schlug um sich und versuchte, den anderen Menschen abzuschütteln, der ihn von seinem Großvater wegziehen wollte; bis sich Worte in sein Bewußtsein mischten und Gestalt annahmen.
      „Jake! Jake! Wach auf!“
      Langsam kam Jake zu sich und bemerkte Eddy im Schlafanzug, mit zerwuschelten Haaren und besorgter Miene an seinem Bett stehen, während er seinen Kumpel sanft aber bestimmt aus dem Schlaf rüttelte.
      „Jake! Alles in Ordnung?“
      Im ersten Augenblick war der große schlanke Teanchef förmlich orientierungslos und brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. „W-Wo bin ich…?“
      „In deinem Bett!“ brachte sein Partner es nüchtern auf den Punkt. „Du hast wie wild um dich geschlagen und vor dich hingeschluchzt. Hast du irgend etwas schlimmes geträumt?“
      Langsam richtete Jake sich auf und versuchte, sich zu fangen. Dann kehrte er in sich, wie um seine Erinnerungen zu sortieren. „Es war… merkwürdig. Ich habe Opa besucht, in dem Seniorenwohnpark. Wir sind durch den Garten gegangen und… Alles war vollkommen surreal. Ich kann das gar nicht beschreiben…“
      Eddy setzte sich auf die Bettkante und sah ihn forschend an, ohne etwas zu sagen.
      Jake schien derweil in seinen Gedanken festzuhängen und irgend etwas nicht greifen zu können. „Merkwürdig… Es war zwar eine andere Situation, aber ich hatte den gleichen Traum zweimal! Ich habe geträumt, daß Opa… von uns gegangen ist. Ich dachte eigentlich beim ersten Mal schon, ich sei aufgewacht, aber anscheinend war ich das nicht…“
      „Das hört sich nach einem ziemlich fiesen »Traum in einem Traum« an!“ stellte Eddy fest.
      „Allerdings, vor allem, weil das Endresultat dasselbe war…“ brachte Jake schaudernd hervor.
      „Wollen wir in die Küche gehen und heiße Schokolade machen? Dann kannst du uns ja ein bißchen mehr darüber erzählen.“ schlug Eddy vor. „Tracy ist auch schon in heller Aufregung.“
      Jake nickte. „Das ist eine gute Idee!“ Dankbar schlüpfte er aus dem Bett und folgte seinem Partner zu einer kleinen Soiree im Schlafanzug in der Küche, wo Tracy für sie alle Schokolade bereitete, und Jake seine Gedanken sortierte. Er konnte gar nicht beschreiben, wie dankbar er gerade dafür war, daß er mit den beiden reden konnte, und den Rest der Nacht nicht allein verbringen mußte.

Jake hatte mehr schlecht als recht den Rest der Nacht geschlafen. Entsprechend war er noch ein wenig zerschlagen, als der Tag im Büro begann. Am liebsten wäre er gleich losgefahren, um sich zu vergewissern, daß es seinem Opa gutging, doch der Gedanke daran hatte ein unangenehmes Déjà Vu in seinem Geist ausgelöst; außerdem mußte er vorher noch unbedingt ein paar wichtige geschäftliche Dinge erledigen.
      Als es am Vormittag klingelte, ging Tracy öffnen. Jake sah vom Schreibtisch auf, und sein Blick konnte nicht ganz leugnen, daß er ein wenig hoffte, es würde sein Großvater sein, der ihnen einen Besuch abstattete.
      Ganz falsch lag er nicht – wenngleich der Altersunterschied nicht ganz so groß war; denn es war Jack, sein Vater, der zu Besuch kam.
      „Dad! Was machst du hier?“ erkundigte sich Jake verwundert, während die drei Jungs zu dem Älteren herübergingen, um ihn zu begrüßen.
      Jack machte einen gefaßten, wenn auch angeschlagenen Eindruck. „Jake, ich komme mit schlimmen Nachrichten.“ Jack faßte seinen Sohn leicht bei den Armen und sah ihn ernst an, als er so ruhig wie möglich erklärte: „Jake, du mußt jetzt sehr stark sein! Opa Noah ist heute morgen verstorben.“ Jake sah seinen Vater an, als wäre die Nachricht noch nicht ganz bis zu ihm durchgedrungen, da erzählte Jack schon weiter: „Er ist wohl in der Nacht gestürzt und hat sich schwer verletzt. Er wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, aber er hat es nicht geschafft.“
      Den beiden Jungs wich synchron die Farbe aus dem Gesicht, und Tracy postierte sich diplomatisch hinter Jake, um diesen im Zweifel stützen zu können.
      „Ich war noch bei ihm.“ erklärte Jack weiter, und nur wer ihn gut kannte merkte, wieviel Kraft ihn dieser Augenblick wirklich kostete. „Er war noch bei Bewußtsein und sagte, wir sollen uns keine Sorgen um ihn machen. So schwer es auch ist, er ist in Frieden gegangen, und nur das ist wichtig.“
      Jake kämpfte mehr und mehr mit den Tränen. War dies ein neuer Traum? Eine zweite Verschachtelung in seinem grotesken Traumszenario? Aber dies fühlte sich anders an. Diesmal fühlte es sich wirklich echt an! Jake atmete stockend durch und versuchte, sich zu fassen. Vielleicht hatte er ja doch so etwas wie eine Vorahnung gehabt, weswegen ihm dieser Alptraum beschert worden war. Vielleicht war es erforderlich gewesen, damit er auf diesen Moment vorbereitet war, und ihn einigermaßen gut durchstand.
      „Ich soll dir noch etwas ausrichten, Jake.“ fuhr Jack fort. „Bevor er einschlief, sagte er noch, du sollst dich an die sieben Brücken erinnern! Das waren seine letzten Worte. – Weißt du, was er damit meinte?“
      Jake sah ihn vom Donner gerührt an. Dann sackte er langsam in sich zusammen.



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