Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die letzte Überlebende

KurzgeschichteFantasy / P12 / Gen
Nihal
11.10.2014
14.10.2014
3
1.748
1
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
11.10.2014 617
 
Von den Wänden der Schmiede hallte der Klang der Hammerschläge auf dem Eisen wieder, das Livon gerade bearbeitete.  Funken stoben in alle Richtungen.  Er legte all seine Kraft und Geschicklichkeit in die Schläge, ging ganz in der Arbeit auf.  So kam es, dass er das Klopfen nicht hörte.  Erst zaghaft, doch dann immer lauter schlug jemand gegen die Tür.  
"Livon, mach auf!"
Endlich ließ er für einen Moment den Hammer sinken, um das Eisen zu drehen, und vernahm die Stimme.  Er hielt einen Moment inne, und als das Klopfen wieder einsetzte, durchmaß er mit großen Schritten den Raum und riss die Tür auf.  Dort stand eine relativ junge, schöne Frau.  
"Soana!"
Er beugte sich schon vor, um sie zu umarmen, doch sie entwich ihm nach hinten.  
"Jetzt nicht, Livon."
Bei diesen Worten hob sie das Bündel in ihren Armen etwas hoch.  Livon erblickte ein kleines Gesichtchen mit einer spitzen Nase und geschlossenen Augen.  Ein kleines Kind.  
"Schwester?", fragte Livon entgeistert.  "Was...?"
"Schscht, das erkläre ich dir gleich", erwiderte Soana.  
Da erst sah Livon sie genauer an.  Sie wirkte müde und erschöpft, obwohl es erst früher Morgen war.  In ihrem Blick glaubte Livon so etwas wie Trauer zu erkennen.  Doch er sah ein, dass er jetzt wohl keine Erklärungen bekommen würde.  
"Na dann, komm rein."
Seine Stimme klang rau und er fühlte sich irgendwie befangen.  Er wusste nur, dass seine Schwester mit ihrer Meisterin Rais in das Land des Meeres gereist war.  Was war da nur passiert?
Livon machte die Tür frei und führte Soana in einen Hinterraum, wo er ihr einen Stuhl zurechtrückte und sich dann ihr gegenüber selbst setzte.  In seinem Kopf wirbelten tausende Gedanken durcheinander und er lechzte nach einer Erklärung, doch er wartete.  Aus Erfahrung wusste er, dass sie von selbst reden würde.  Soana setzte sich und blickte kurz auf das schlafende Kind in ihren Armen.  Dann hob sie stockend zu erzählen an.  
"Du weißt doch, dass ich mit Rais im Land des Meeres war.  Auf dem Hinweg... ging alles gut, und wir haben unseren Auftrag erfolgreich ausgeführt.  Doch als wir wieder zurückkehrten..."
Sie holte tief Luft.  
"Wir wollten nachschauen, was aus den letzten Halbelfen geworden ist.  Auf der Flucht vor dem Tyrannen haben sie ja ein Dorf gegründet.  Ohne Schwierigkeiten erreichten wir es, da wir wussten, wo es lag.  Aber dort..."
Sie stockte.  Erneut drängten die Bilder des Grauens an die Oberfläche.  Blut.  Leichen.  Verstümmelte Leiber.
Und dann brach alles aus ihr heraus.  
"Das ganze Dorf war verwüstet.  So grausam, das kannst du dir gar nicht vorstellen.  Überall lagen Leichen, auch Frauen und Kinder, einfach niedergemetzelt.  Alles voller Blut."
Soana konnte nicht verhindern, dass ihr bei diesen Worten die Tränen in die Augen traten und ihren Blick verschleierten.  Eine davon rann heiß ihre Wange hinunter.  
Das Kind in ihren Armen bewegte sich im Schlaf.  Sie blickte es traurig an und begann, es sanft hin und her zu wiegen.  Dann sprach sie weiter.
"Ich fühlte mich... wie tot, aber wir gingen weiter durch das Dorf.  Plötzlich war da ein Laut,... ein Weinen.  Wir gingen in diese Richtung.  Und dann fanden wir dieses Kind... unter der Leiche einer jungen Frau."
Wieder wiegte sie es in ihren Armen .  
Livon war wie versteinert.  
"Dann... ist das..."
"...die letzte Halbelfe", sagte Soana leise.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast