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Herzstillstand

von Lilli2014
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
Arthur Hamilton Florence Spencer Grayson Spencer Henry Harper Jasper Grant Olivia "Liv" Silber
11.10.2014
24.04.2015
31
87.654
11
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
11 Reviews
 
 
24.04.2015 4.714
 
10 Jahre nach Natalies und Henrys Trennung




Ich bemerkte eine grüne Tür und plötzlich wachte ich auf....
Viel mehr wurde ich aufgeweckt.
Eine Schwester sah zu mir hinunter. Sie musste mich aufgeweckt haben.
„Mrs Harper?“, fragte sie. „Sie dürfen jetzt zu ihm“
Ich nickte verschlafen. Es war ein Wunder, dass ich hier eingeschlafen war. In dem letzten Jahr war dieses Krankenhaus zwar ein zweites zuhause für mich geworden, doch ich hatte in letzter Zeit kaum geschlafen.
Vor meinen Augen sah alles verschwommen aus.
Die Gänge mieften nach Chemikalien. Es war der typische Krankenhaus Geruch.
Die Schwester führte mich zu der Tür, obwohl ich sie natürlich schon kannte.
Sie zeigte auf die Tür und ich nickte.
Alles sah wie immer gleich aus. Selbst der Türgriff fühlte sich genau gleich an, doch ich wusste, dass nie mehr alles wie früher sein konnte. Auch nicht wie vor ein paar Monaten.
Die Tür erinnerte mich an meinen Traum. Seit Henry hier war, waren wir nicht mehr im Korridor gewesen. Er brauchte jetzt seine ganze Kraft. Allerdings hatte sich auch dort alles verändert. Die schönen Orte, die nur mir und ihm gehört hatten besiedelten nun hunderte von Leuten. Der Korridor war jede Nacht überfüllt und wir gingen nicht mehr in den Gängen spazieren. Das einzige, was wir taten war zu der gegenüberliegenden Tür des anderen zu gehen.
Vor einem Jahr hatte Henrys Tür wie neu ausgesehen. Das 'Dream on' war wieder da gewesen und sie war schöner denn je. Henry und mir war es ein Rätsel, wieso sich die Türen so veränderten. Wir hatten keine logische Erklärung dafür, dass nun wieder die alten Schriftzeichen in seiner Tür standen.
Doch jetzt ein Jahr später, war seine Tür zerkratzt, der Lack blätterte ab und die Tür hatte jede Farbe verloren.
„Hey, mein Käsemädchen“, sagte Henry.
Ich schloss die Tür leicht lächelnd hinter mir. „Hey, du“
Meine Stimme war leise. Fast weinerlich. So oft wie ich allerdings weinte, war das kein Wunder.
„Wie geht es dir?“, fragte ich und ging ein paar Schritte näher an sein Bett.
Natürlich kannte ich schon seine Antwort. Er hatte unerträgliche Schmerzen, die er wenn ich da war immer hinunter spielte.
„Etwas Kopfschmerzen und mir ist ein wenig schlecht, aber sonst gut“, sagte er.
Er lag da wie in den letzten Monaten auch. Seit einem Monat konnte er nicht mehr laufen. Er brach sofort zusammen, bei jedem ersten Schritt. Jede Bewegung war eine Gefahr für ihn.
Ich setzte mich auf den Stuhl, der neben dem Bett bereit stand.
Meine Hände zitterten, waren kalt und blass. Unter den Augen  hatte ich Augenringe.
Das wusste ich selbst, ohne dass ich in den Spiegel sah.
Ich sah wie Henry zögerte. Er selbst wollte die Frage nicht stellen. Nicht weil sie ihn selbst traurig machte, sondern weil sie mich zum Ende brachte.
„Wie lange noch?“, fragte er schließlich doch.
Ich hatte die Antwort noch nicht einmal ausgesprochen, als mir die Tränen in die Augen schossen. Dieses Gefühl war ich nun schon so lange gewöhnt. Die warmen Tränen, die über meine Wangen schossen und die meine Augen zum brennen brachten.
„Vielleicht noch eine Woche“, antwortete ich.
Meine Stimme fing an zu zittern. Die erstenTtränen liefen mir über das Gesicht.
Henry lächelte schwach. „Ich verstehe nicht, warum Mike es dir sagt und nicht mir“
Mike war Henrys behandelter Arzt und nicht nur das.
„Er ist dein Freund“, sagte ich. „Ich kann verstehen, dass er dir nicht so etwas sagen will“
„Trotzdem weiß er, dass es dir mehr weh tut, als mir selbst“, entgegnete Henry.
Da hatte er recht. Es war nicht so, dass Henry mich nicht liebte. Dass er nicht traurig wäre, doch ich würde noch viel länger verletzt sein als er. Das war der entscheidende Punkt. Am Ende würde ich viel mehr ertragen müssen, als Henry es könnte.
Eine Weile schwiegen wir. Es war schwer einen Ansatz zu finden. Irgendetwas, was wir jetzt noch sagen konnten.
„Du weinst, oder?“, wollte Henry wissen.
In seiner Stimme schwankten unterdrückte Schmerzen mit. Ohne diverser Schmerzmittel könnte er nicht einmal mit mir reden.
„Was soll ich sonst tun?“, fragte ich.
„Ich weiß nicht“, Henry seufzte. „Feiern? Immerhin hast du mich bald los. Das ist doch was Gutes, nicht?“
Obwohl ich wusste, dass er mich nur aufmuntern wollte verstand ich ihn nicht. Wie konnte er so etwas sagen? Wie konnte er denken, dass mich so etwas aufmuntern würde?
„Nein, das ist es nicht“, mein Klang war fassungslos. „Es gibt nicht einmal eine Gute Sache an dem, was hier passiert“
„Natürlich gibt es die“, er überlegte. „Du musst zu keinen blöden, langweiligen Feiern gehen“
Bei dem Wort <Feiern> machte er eine sarkastische Geste mit dem rechten Arm.
In den letzten Jahren war ich oft mit ihm zu dummen 'Feiern' gegangen. Egal ob es eine in London, Moskau oder Florida war. Es war ein vornehmes Treffen mit den weltbesten und bekanntesten Ärzten. Darunter auch Henry. Er hatte nicht nur an der Oxford University in Medizin den besten Abschluss der ganzen Geschichte der Universität gehabt, sondern war wirklich ein wahrer Profi geworden.
Die Feiern waren in einem Ballsaal immer in alten Gebäuden, man musste edle Kleider und Anzüge tragen und traf dort nur auf schnöselige Typen oder einfach nur nervige.
„Ich würde lieber zu tausenden von diesen Bällen gehen, als das hier mit zu erleben“, erwiderte ich.
„Wenn du in den nächsten Tagen nichts gegen einen Gehirntumor erfindest, wird das schwer“, scherzte Henry.
Immer wenn ich bei ihm war versuchte er mich zum Lachen zu bringen. Das Schlimme daran war nur, dass er es immer schaffte. In den Momenten, wo ich mich einfach nur in die hinterste Ecke stellen und weinen wollte, schaffte er es mich zum Lächeln zu bringen.
Ich lächelte und griff nach seiner Hand. „Du bist der Schlaue von uns beiden hier. Denk du dir was aus“
„Wenn es noch eine Möglichkeit gäbe, dann hätte ich sie schon längst herausgefunden“, sagte er. „Oder ich bin einfach zu dumm“
„Du bringst mich nicht zum Lachen“, murmelte ich. „Nicht Heute“
Henry lachte auf, als wüsste er genau, dass das nicht stimmen würde.
Ich verstand mich selbst nicht. Ich hatte in den Momenten gelacht an denen ich an wenigsten hätte Lachen sollen.
Sie hatten bei ihm alles versucht. Alles. Das Dümmste an dieser ganzen Sache war nur, dass Henry selbst auf Krebs spezialisiert war. Er war Arzt an dem Royal Marsden Hospital in London gewesen. Und wäre er das nicht gewesen, dann wäre er jetzt schon tot.
Es war kein gewöhnlicher Gehirntumor. Er war bösartig, das schon, allerdings hatte keiner in dem Krankenhaus schon so etwas erlebt. Henry erlitt einen Anfall nach dem anderen. Der Gehirntumor breitete sich rasend schnell aus. So schnell, dass es ein Wunder war, dass er noch sprechen konnte und noch nicht vollkommen gelähmt war.
„Ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll, wenn du nicht mehr da bist“, flüsterte ich.
Ich hatte nicht die Kraft lauter zu sprechen. Alles in mir war gelähmt. Mein Körper war wie ausgeschaltet. Das einzige, was ich spürte war Henrys Hand.
„Du wirst irgendjemand anderes kennenlernen“, sagte Henry als wäre es etwas ganz verständliches.
Für mich war es das jedoch nicht. Nach dieser Geschichte sollte ich wirklich noch jemanden daten? Alles noch einmal durchmachen, nur um am Ende zu erfahren, dass ich über Henry nie hinwegkommen würde?
„Du willst, dass ich mich mit Anderen treffe?“, fragte ich ungläubig und auch etwas säuerlich.
Ich selbst konnte mir nicht vorstellen, dass Henry wollte, dass jemand anderes auch nur in meine Nähe kam.
„Wollen... Das“, wieder seufzte er. „Eigentlich nicht. Glaub mir ich würde sonst jemanden umbringen, der dich in dem Sinn anfasst, aber... aber ich hab nicht mehr viel Zeit. Wir beide wissen das und wenn ich weg bin, dann musst du jemand Neues kennenlernen. Und irgendwann willst du das auch“
Jedes seiner Worte tat mir weh. Es tat mir unglaublich weh.
„Vielleicht nicht Morgen, aber du weißt, was ich meine“, sagte er.
Schon wieder brachte er mich zum Grinsen.
Es war eine absurde Vorstellung für mich jetzt noch mit jemand anderes zusammen zu sein. Möglicherweise hatte er recht und in ein paar Jahren wollte ich das aber das konnte ich nicht einschätzen. Ich liebte Henry. Wenn es vor zehn Jahren nicht geklappt hatte, wie sollte es in ein paar Jahren anders sein?
„Es gibt zu hundert Prozent jemanden, den du mehr lieben wirst als mich“, sagte er.
Mein Ton senkte sich ins sarkastische: „ Und jemanden der mich mehr lieben wird als du mich, stimmt's?“
Das was er sagte klang wie eine Fremdsprache in meinen Ohren. Es war so unmöglich, dass es schon wieder lächerlich war.
„Nein, das ist völlig unmöglich“, erwiderte er.
Ich musste grinsen.
Er drückte meine Hand etwas fester. „Liv, gerade jetzt musst du stark sein. Gerade für Lea“
„Das weiß ich“, murmelte ich.
Durch dieses neue Thema, strömten mehr Tränen meine  Wangen hinunter. Der Schmerz, der sich tief in mein Fleisch hineingefressen hatte, war zu schmerzhaft. Ich konnte ihn nicht unterdrücken.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte er nach einer Weile, in der ich still geschwiegen hatte.
„Sie wird dich nie kennenlernen“, nuschelte ich.
„Was meinst du?“, fragte Henry vorsichtig.
Meine Stimme zitterte nun schon so von den vielen Tränen, dass ich kaum ein Wort sagen konnte. Alles in mir war kaputt.
„Lea wird nie ihren Vater kennenlernen, sie wird nie erfahren wie du warst“, sagte ich. „Und du weißt genauso wenig wie sie aussieht. Du wirst sie nicht aufwachsen sehen“
Henry sagte nichts. Das brauchte er auch gar nicht. Er wusste, dass ich in jedem dieser Punkte recht hatte.
Denn genau an dem Tag, an dem ich Henry beichtete, dass ich schwanger war, wurde bei ihm der Tumor festgestellt.
An dem Tag, an dem Lea zur Welt kam war Henry durch den Tumor schon seit zwei Monaten blind. Er hatte sie nicht ein einziges Mal gesehen. War nicht ein einziges Mal da, um sie schreien zu hören und würde nie da sein, wenn sie älter wurde.
„Sie braucht einen Vater, das ist dir klar“, sagte Henry.
Natürlich war es mir klar. Aber ich würde es nie mit klaren Augen sehen können.
Ich erwiderte nichts. Henry wusste so oder so wie ich darüber dachte.
Das Thema von unserer Tochter war eigentlich tabu. Zumindest für mich. Hin und wieder hatte ich Henry von ihr erzählt, doch jedes mal konnte ich die Trauer in seinem Blick sehen.
Heute war der erste Tag, an dem wir offen sprachen. An dem wir die Wahrheit sagten. Sonst hatte ich mir immer etwas vorgelogen, dass er gesund wurde, dass sich alles ändern würde und wir doch noch ein normales Leben führen konnte.
Henry konnte allerdings noch nie dieser Tatsache aus dem weggehen. Der Wahrheit. Er wusste am besten und Frühesten von allen, dass er das hier nie überleben könnte.
„Glaub mir, ihren ersten Freund werde ich auch noch vom Himmel aus befragen und hassen“, meinte Henry.
Ich musste grinsen.“Ich dachte du glaubst nicht an so etwas wie ein besseres Leben nach dem Tod?“
„Tu ich auch nicht“, erwiderte er. „Ein Leben ohne dich, ist noch schlimmer als das hier“
Ich schüttelte den Kopf. Er redete Unsinn. Vollkommenen Unsinn.
„Und das trotz der Schmerzen?“, fragte ich sarkastisch. „Trotz deines gelähmten Armes und Beines und trotz, dass das hier wohl das beschissenste ist, was einem passieren kann?“
„Das war vielleicht nicht das leichteste Jahr in meinem Leben, aber besser als ein Jahr ohne dich“, sagte er.
Ich wusste, dass er das sagte, damit ich glücklicher war. In Wahrheit war das ganz sicher nicht so, doch seine Worte ließen mich wirklich glücklicher werden.
Alles, was er in den letzen Jahren für mich getan hatte, ließ mich glücklich werden.
Er hatte selbst seinen Traumberuf für mich aufgeben wollen. Ein Stellenangebot aus der USA. Eins der bekanntesten Krankenhäuser der Welt und er hatte es für mich ablehnen wollen, weil er mich nicht wie meine Eltern aus meinen Wurzeln ziehen wollte. Und genau deswegen hatte ich ihn dazu gebracht das Angebot anzunehmen, doch kurz bevor wir wegziehen wollten wurde er krank.
Es fing mit einer simplen Grippe an, doch dann wurden die Kopfschmerzen immer schlimmer und er brach zusammen.
Das einzige Mal, dass er mich verletzt hatte, war als er mir berichtete, was Mike gesagt hatte. Dass er einen bösartigen Tumor hatte.
Selbst nach Operationen und allem was man noch tun könnte. Passierte nichts. Der Tumor wurde größer und größer, bis wir hier angekommen waren.
Es klopfte an der Tür und Mike kam herein. Oder besser Doktor Hampton.
„Wir müssen noch in paar Tests machen, Liv... also“, sagte er vorsichtig.
Ich nickte. Doch als ich aufstand fühlte es sich an als würde mein Körper fünf Tonnen wiegen. Alles bewegte sich in Zeitlupe und jede Sekunde fühlte sich ewig an.
„Das ist vielleicht das letzte Mal, dass ich dich sehe“, sagte ich bevor ich die Tür aufmachte.
Ich war von den Schmerz gelähmt, den dieser Satz in mir auslöste. Alles in mir stand still.. Mein Herz hörte ich nicht mehr schlagen.
„Ja“, sagte Henry matt.
„Was sagt man in so einem Moment?“, fragte ich.
Abschiede waren noch nie meine Stärke gewesen, doch das hier war viel schlimmer.
„Du weißt doch, dass jeder Mensch einen letzten Wunsch hat“, sagte Henry.
„Ja“, sagte ich zögerlich.
Worauf wollte er hinaus?
„Mein letzter Wunsch ist, dass du nicht mit neun Katzen als Witwe endest“,entgegnete er.
Ich lachte los. „Verdammt“
Ich hasste ihn wirklich dafür. Für jedes Lachen, dass er aus mir doch noch heraus holte. Es tat gut zu lachen, doch gleichzeitig tat es auch weh. Niemand würde mich wieder zum Lachen bringen, wenn er tot war. Wer könnte das schon?
Henry lachte auch, jedoch nur kurz. „Ich liebe dich“
„Ich liebe dich auch“

Und so war es auch. Das war das letze Mal, dass ich mit ihm gesprochen hatte,
Noch am nächsten Morgen hatte sein Herz aufgehört zu schlagen. Der Tumor hatte überhand genommen.
Für uns alle hatte das Leben einen anderen Weg eingeschlagen. Kein Mensch hatte die selbe Geschichte, wir alle haben eine andere.
Grayson hatte sich an meiner und Henrys Hochzeit getrennt, da er sich nicht langfristig an Jassy binden wollte. Er war immer noch single. Jassy war nach der Trennung nach Florida gezogen. Mehr hatte ich nicht von ihr gehört.
Jasper war nach all den Jahren auch immer noch mit Pandora zusammen. Sie waren nicht verheiratet, doch sie hatten einen dreijährigen Sohn Kyle und Pandora war wieder schwanger.
Von Persephone hörte ich nur noch wenig und das nur über Pandora. Sie hatte sich vor Jahren von Gabriel getrennt, zu dem ich keine Verbindung hatte und war jetzt single.
Emily und Florence waren beide in einer Beziehung. Florence hatte dazu noch den Verdacht, dass ihr Freund ihr bald einen Antrag machen wollte. Sie waren seit drei Jahren zusammen und ein wirklich perfektes Paar.
Auch Mia war seit einem Jahr mit jemanden zusammen und hat sich ihre alten Regeln abgeschworen.
Amy ist Klassenbeste an der Frognal Academy und hat den großen Wunsch später einmal Jura zu studieren.
Milo hatte sich in den Jahren weiterentwickelt. Er arbeitete in Afrika bei einer Kinderhilfe und ist mit einer Kollegin seit Jahren zusammen.
Meine Mutter war immer noch mit Ernest verheiratet und Lottie war mit Charles verlobt. Er ließ es offensichtlich langsam angehen. Kurz nachdem wir den Korridor gerettet hatten, war Anabel aus dem Koma erwacht. Sie hatte letztes Jahr wieder angefangen zu studieren nach einer langen Therapie.
Bocker, so wie wir sie immer noch nannten war vor sechs Jahren an einem Schlaganfall gestorben.
Ein kühler Windhauch durchfuhr mich und wehte mir meine Haare ins Gesicht.
Die Stimme des Pfarrers drang nur teilweise in meinen Kopf. Seine Worte verschwammen in meinem Kopf.
Ich starrte auf Henrys Grab. Ich konzentrierte mich nicht auf die Menschen, die drumherum standen und trauerten, sondern sah einfach nur auf sein Bild. Ich verlor mich in ihm, konnte an nichts anderes mehr denken.
Die Schmerzen in meiner Brust ließen kein Stück nach. Einen Monat war es nun bestimmt her, seit er nicht mehr hier war, seit er mich nicht mehr geküsst hatte, umarmt hatte. Einen Monat seit dem ich seine Stimme nicht mehr gehört hatte.
Die Nächte lag ich wach in meinem Bett. Jede Stunde schrie Lea wieder. Es war fast so als spürte auch sie die Abwesenheit von Henry. Vielleicht war es nur Einbildung, doch ich glaubte sie hatte weniger geschrien, als er noch da war.
Jedes Mal wenn ich sie ansah, hatte ich das Gefühl ein Stück von Henry im Arm zuhalten. Sie hatte genau seine Augen. Dieses faszinierende Grau, was ich so sehr liebte und immer lieben werde.
Meine Tränen waren aufgebraucht. Selbst zu weinen fühlte sich schwer an. Alles was ich tat fühlte sich so anstrengend an.
Ich wollte das hier nicht mehr, doch wusste auch, dass ich musste. Wenn ich jetzt aufgab würde ich Lea alleine lassen, würde sie im Stich lassen und sie würde ihre Eltern nicht kennen. Auch wenn er tot war würde Henry mir das nie verzeihen.
Jeder von Henrys und meiner Familie war hier. Selbst Natalie war mit Sam gekommen, obwohl wir die beiden nur einmal flüchtig gesehen hatten. Jeder war hier außer einer Person. Ronald Harper. Henrys eigener Vater war nicht zu seiner Beerdigung gekommen. Er lebte in Südafrika hatte sich nur einmal nach den vielen Jahren gemeldet und ich hatte ihm berichtet, dass Henry tot war. Seine Reaktion auf diesen Satz hatte mich beinahe ausrasten lassen < Und deshalb unterbrechen sie meine Arbeit?>. Ich verstand ihn nicht, würde ich auch nie. Ich war von Henrys Vater enttäuscht und würde er mir noch einmal über den Weg laufen , wusste ich nicht, was ich tun sollte.
Selbst Milo war mit dem Flugzeug hergeflogen. Er hielt Amy in dem Arm. Sie weinte. Er selbst sah mit traurigem Blick zu dem Pfarrer. Milo war nicht kurz davor zu weinen, eher wirkte er so wie ich. Von der Welt enttäuscht, mit Hass auf Gott und einfach nur leer.
Doch als ich zusah wie Amy weinte traf es mich mitten ins Herz.
„Ich kann das nicht, ich muss hier weg“, flüsterte ich Grayson zu, der neben mir stand.
Er nickte nur kurz. Er hatte Tränen in den Augen und sah nicht so aus, als wäre er ansprechbar.
Ich drehte mich um und ging unbemerkt.
Das Rauschen der Blätter begleitete meine sanften Schritte auf dem Gras.
Überall sah ich Grabsteine. Ich musste einige umgehen, bis ich zu einem kleinen Platz gelang. Ein kleiner gepflasterter Weg mit einem Baum daneben und einer Bank, umzingelt von hunderten von Grabsteinen.
Es war der Highgate Cemetery. Womöglich der schlimmste Friedhof an den Henry hätte liegen können. Überall wo ich hinsah, sah ich Erinnerungen. Und wieder spielte sich alles in meinem Kopf an. Der Traum mit dem Grab von Christiana Rosetti und der Herbstball.
Tränen flossen meine Wangen hinunter.
Er hatte in mir ein großes Loch zurückgelassen. Ich war leer und fragte mich, ob dieses Gefühl jemals weggehen könnte.
Ich setzte mich auf die kleine Bank und starrte auf meine Finger.
Sie zitterten wie immer und waren kalt. Alles Blut schien meinen Körper nicht mehr richtig zu erwärmen. Mein Herz war wie eingefroren.
Der Gedanke daran, dass ich Henry nie wiedersehen würde, nie wieder seine Stimme hören würde und nie wieder etwas von ihm hören würde war zerstörend.
Mein schwarzes Kleid wehte im Wind und meine Wimperntusche war bestimmt schon wieder auf meinen Wangen verteilt.
Ich strich mir ein paar Haare aus dem Gesicht,als ich Schritte hörte.
Es war Milo. Müsste er nicht bei Amy sein?
Er setzte sich schweigend neben mich. Immer noch sah er nicht so aus, als hätte er geweint.
Was wollte er hier?
„Du warst nicht bei der Ausgabe von Henrys Testament“, sagte er nach einer Weile.
Milo sah immer noch genauso aus wie sein Bruder, nur war er viel kleiner. Ich sah in ihm nicht Henry, was mich wunderte, sondern sah einfach nur ein Familienmitglied. Er hatte sich in den letzten Jahren verändert. Er war um einiges seriöser geworden und freundlicher.
Ich sah ihn nicht an als ich sprach: „Wieso auch? Nur damit ich noch etwas habe, was mich an ihn ewig erinnert?“
Ich klang ungewollt unhöflich. Eigentlich mochte ich Milo, doch ich wollte im Moment mit niemandem reden. Erst recht nicht über das Testament.
„Liv, ich verstehe dich sehr gut, aber...“
„Nein, Milo das tust du nicht“, unterbrach ich ihn. „Niemand wird mich je verstehen“
Den Schmerz, den ich spürte konnte niemand nachempfinden. Er war tief in meinem Körper drinnen und würde sich nie wieder auflösen.
„Ich verstehe, dass du traurig bist, aber du bist nicht die Einzige“, Milos Stimme war mitfühlend, doch gleichzeitig eindringlich. „Henry war mein Bruder. Er hat mich und Amy durch schwere Zeiten gebracht und uns fast ganz alleine erzogen“
Ich wusste, dass er recht hatte. Ich benahm mich egoistisch.
„Es tut mir leid, es ist nur, dass das, was hier passiert so...“, ich seufzte. „Es gibt nicht einmal ein Wort dafür“
Milo wand den Blick ab und sah nach Vorne.
Es war warm. Ein typischer Frühlingstag, doch kein Strahlen Sonne kam durch die dicke Wolkendecke. Es waren schwarze, undurchschaubare Wolken, die kein Ende zu schienen haben.
Ich konnte nur schwer atmen. Das Weinen verschlechterte nur noch alles.
Meine Augen brannten, doch ich konnte sie nicht länger als ein paar Sekunden schließen. Immer wieder sah ich Henry vor mir. Das war auch einer der Gründe, warum ich nicht schlafen konnte.
Ich lag im Bett und sah nur die leere Seite neben mir, dachte nur noch an ihn, was jetzt sein könnte, wäre er noch hier. Dann wäre ich heute nicht hier mit verheulten Augen, sondern in Amerika. Hätte ein ganz anderes Leben und mich von allem verabschiedet. Doch das wäre mir alles egal. Ich wäre bei Henry und das war das Wichtige.
„Damals an eurer Hochzeit“, durchbrach Milos sanfte Stimme die Stille. „ Da war ich ziemlich sauer auf ihn, weil er sein ganzes Leben hinwarf und das noch so jung. Das habe ich ihm auch direkt ins Gesicht gesagt. Weißt du, was er gesagt hat?“
Ich sah ihn fragend an.
War das so eine Art, er war schon immer ein Idiot Gespräch, damit ich besser über ihn hinwegkam?
„Er hat gesagt, dass ich ein Vollidiot wäre und dass er sich für mich schämt“, fuhr Milo fort. „Er hat gesagt, dass wenn ich einmal das Glück hätte jemanden wie dich kennenzulernen ihn verstehen würde, weil du alles bist, was er je brauchen wird“
Meine Tränen wurden größer und dicker.
„Warum sagst du mir das?“, fragte ich. „Damit ich ih noch mehr hinterher trauere?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, das sage ich dir, damit du alles über ihn weißt. Ich denke, man ist erst über jemanden hinweg, wenn man alles weiß, was der andere gedacht hat, weil dann auch die Geschichte abgeschlossen ist“
In irgendeiner Weise verstand ich das, was er sagte. Milo sagte mir nicht wie jeder andere, dass alles gut werden würde. Er sagte mir das was die Wahrheit war, weil er mich verstand.
„Er hat dich wirklich geliebt“, sagte Milo. „Niemand von uns hätte geglaubt, dass er sich je fest binden würde und ich weiß, wie schwer es dir jetzt fallen muss, weil du und Henry eben seit Jahren zusammen und verheiratet ward. Ich sage dir nicht, dass du über ihn hinwegkommen wirst. Das kannst nur du wissen, aber du solltest nicht alles Schwarz malen. Auch wenn du nie wieder mit jemanden zusammenkommen solltest, hast du noch ein schönes Leben vor dir“
Ich hatte bei der Hälfte aufgehört ihn anzusehen und auf den Boden gestarrt. Milos Worte trafen bei mir genau ins Schwarze. Genau ins Herz.
„Sein letzter Wunsch war, dass ich jemanden Neues finde und nicht mit neun Katzen als Witwe ende“, flüsterte ich mit Tränen in den Augen.
Milo lächelte, schüttelte den Kopf und stand auf. „Nein, das war nicht sein letzter Wunsch. Er hätte nie gewollt, dass du jemanden anderen anfasst“, ich sah ihn irritiert an, während er ein Din A4 Umschlag aus der Tasche in seiner Jacke kramte. „Er wollte einfach nur, dass du ohne ihn glücklich wirst“
Er übergab mir ohne einen Wort den Umschlag und drehte sich um.
Mein Blick haftete noch kurz an ihm und ich fragte mich, ob ich ihm etwas hinterher rufen sollte, doch mein Blick wich auf den Umschlag.
Er war braun und leicht dick.
Vorsichtig öffnete ich ihn und nahm ein Blatt heraus, dass dir Größe des Umschlags selber hatte.
Es waren ein paar Zeilen. In Henrys Handschrift.

Ich hätte dir einen Abschiedsbrief schreiben sollen, aber ich denke, du verstehst es, dass ich es nicht schaffe. Ich habe diesen Umschlag Milo gegeben, weil ich genau wusste, dass du niemals zu einem blöden Testament ja sagen würdest. Das was noch in diesem Umschlag ist, habe ich gesammelt, bevor ich ins Krankenhaus musste. Ich will nicht, dass du es dir ewig ansiehst. Aber es ist das, was uns beiden immer bleiben wird.
Ich liebe dich mein Käsemädchen.
Henry

Ich war in einer Starre, so erschrocken, dass ich nicht einmal weinen konnte. Er hatte das vor seinem Tod geschrieben.
Ich fasste in den Umschlag, bis ich einen Bündel verschiedener Blätter zu fassen bekam.
Mein Herz schlug schneller, doch als ich sah, was dort mit einem Gummi zusammengebunden war stoppte es, dafür setzte jede einzelne Träne ein, die ich nicht nicht verbraucht hatte.
Ich ließ den Umschlag und den Gummi auf den Boden fallen.
Es war ein dicker Stapel an Bildern. Bilder von mir und Henry.
Meine Hand zitterte, als ich die Bilder durchsah. Meine Tränen flossen wie ein Wasserfall meine Wangen hinunter.
Ich spürte Tropfen, doch bemerkte sie gar nicht.
Es war jedes noch so bescheuerte Selfie, Kuss Bild und stalker Bilder von Secrecy (alias Florence Spencer wie sie uns eines Tages beichtete) . Der Gedanke an diese Zeit ließ mich Lachen und gleichzeitig weinen. Die Bilder vor dem Eifelturm, unser Hochzeitsbild, von Berkeley, als Henry mir den Antrag gemacht hatte.
Jedes Bild tat in meinem Herzen weh, weckte in meinem Kopf Erinnerungen, ließ mich weinen und strahlen.
Der Regen über mir wurde stärker.
Ich verstand nicht, wie ich es schaffte jedes Bild anzusehen. Doch diese Bilder weckten in mir etwas, was mich besser fühlen ließ.
Alles an ihnen war furchtbar. Ich schien auf jedem Bild hässlich zu sein und Henry ein wahrer Adonis.
Umso weiter ich dem Ende des Stapels kam, umso jünger wurden wir.
Und die letzten zwei Bilder ließen den Regen stärker denn je werden. Meine Tränen hörten auf zu fließen.
Es waren die Bilder vom Herbstball. Egal wie viele Jahre das her war, es weckte noch die gleichen Erinnerungen in mir. Wieder spürte ich jede von Henrys Berührungen und sah den Abend so vor mir, als würde er gerade passieren.
Ich saß mitten im Ballsaal und sah mir und Henry dabei zu zu tanzen. Ich sah mich in diesem wunderschönen Kleid und Henry in dem Frack mit dem Orden seines Großvaters.
Der Regen strömte an mir herab und ließ meine Haare durchweichen. Doch das war mir egal.
Vielleicht hatten die Anderen recht und ich würde über ihn hinwegkommen, jemanden Neues finden, Lea mit ihm großziehen und glücklich werden. Doch ich würde nie wieder so glücklich werden wie mit ihm.
Ich würde ihn immer lieben, bis mein

                Herz                                     still                                    stand

                                                              …

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Das letzte Kapitel und jetzt versteht ihr vermutlich auch, was ich mit dem 'nicht Happy End' gemeint habe.  Man könnte zwar jetzt sagen, dass es ein Happy End war, denn sie waren ja wieder zusammengekommen haben geheiratet ( die Ausschnitte aus dem letzten Kapitel waren wahre Momente aus der Zukunft, die ich einfach einbauen wollte, um euch ein wenig zu verwirren. Der letzte Satz also dieses 'ich sah eine grüne Tür und wachte auf' ist wenn ihr genau hinseht auch eine Zeile heruntergerutscht. Also nein, Liv hat das alles nicht geträumt, sondern sie ist in der Zukunft aufgewacht). Ich wollte mit dieser Geschichte eben sagen, dass egal wie schön unser Leben wird und auch wenn es ein paar Kurven hat nie ein richtiges Happy End hat. Man hat ein glückliches Ende, zumindest viele, aber wir sterben alle.
Nun ja, ich hoffe euch hat diese Geschichte gefallen und ich möchte mich noch einmal bei allen bedanken, die meine Geschichte gelesen haben und vor allem bei denen, die  mir die liebsten Reviews überhaupt geschrieben haben ^^!
Lilli <3
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