Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Herzstillstand

von Lilli2014
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
Arthur Hamilton Florence Spencer Grayson Spencer Henry Harper Jasper Grant Olivia "Liv" Silber
11.10.2014
24.04.2015
31
87.654
11
Alle Kapitel
185 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
09.04.2015 3.806
 
„Hey“, sagte Henry.
Er lehnte mit dem Rücken sitzend an der Wand meiner Traumtür.
„Hi“, ich schluckte und sah betreten auf den Boden
Ich hatte das richtige getan. Aus meiner Tür zukommen war vermutlich das beste was ich hätte tun können.
Er machte den Mund auf, doch ich stoppte ihn. „Hör zu, bevor du mir etwas sagt, muss ich dir etwas sagen. Ich habe dich und Natalie belauscht“
Henry sah mir in die Augen. Ich hatte keine Angst vor seiner Reaktion. Warum wusste ich auch nicht. Vermutlich weil ich so oder so schon alles aufgegeben hatte.
Vielleicht lag es aber auch daran, dass er so schöne Augen hatte, in denen ich mich wie immer verlor.
„Alles?“, wollte Henry wissen.
Er klang nicht sauer. Er sah auch gar nicht so aus, als hätte er die Kraft dafür.
„Ja“, gab ich zu und sah wieder weg.
Ich spürte wie auch Henry von mir weg sah. Er schwieg einfach nur. Und das viel zu lange. So lange, dass ich es war, die wieder aufsah.
„Geht es dir gut?“, erkundigte ich mich.
Ich setzte mich neben Henry an die kalte Wand. Es war unglaublich. Alles sah wie immer aus. Offensichtlich hatten wir es geschafft, aber darüber war ich im Moment nicht froh.

„Tu die Hände weg von meinen Augen“, protestierte ich lachend.
Schon seit bestimmt einer Viertelstunde führte Henry mich blind im Korridor herum.
„Vergiss es“, murmelte er.
„Ich beiß dich noch“, ich verschränkte meine Arme und blieb störrisch stehen.
Henry lachte. „Das brauchst du nicht“
Er nahm die Hände von meinen Augen.
Vor uns lag eine goldene Tür.
„Von wem ist die?“, fragte ich skeptisch.
Ich war mir sicher, dass ich so eine Tür noch nie gesehen hatte. An so etwas hätte ich mich erinnert.
„Komm einfach mit“, Henry grinste geheimnisvoll und nahm mich an der Hand.
Ich zögerte nicht mit ihm über die Türschwelle zugehen. Ich wäre mit ihm überall hingegangen.
In dem Traum war es dunkel, als plötzlich ein Scheinwerfer anging und Musik ertönte. Klaviermusik...
Ich runzelte die Stirn und sah zu Henry hinter. Irgendwoher kannte ich dieses Lied doch.
„Willkommen, in den Träumen von...“, Henry strahlte und machte eine Geste, die den ganzen Raum erhellte.
Plötzlich wich die Musik in Pop und eine blonde Frau stand auf einer Bühne, mit einem Mikrofon in der Hand. „Atemlos, durch die Nacht, bis ein neuer Tag erwacht!“
„ ... Helene Fischer!“
Ich lachte laut los, während Helene weitersang. Henry hatte einfach immer eine Überraschung für mich. Egal ob es jetzt so eine war, von der Sängerin, die ich im Grunde kein bisschen mochte oder einer romantischen wie ich sie erwartet hatte. Er hatte immer eine, die mich zum Lächeln brachte.
„Du bist ein Idiot, weißt du das?“, fragte ich Henry immer noch lachend.
Henry stimmte in mein Lachen mit ein.

„Ich denke schon“, antwortete er mir.
Ich konnte nicht einschätzen, ob es eine Lüge war oder, ob er die Wahrheit sagte.
Wir schweigen wieder eine halbe Ewigkeit. Wir beide hatten den selben Gedanken, doch keiner von uns schien ihn aussprechen zu können.
Doch schließlich sprach Henry ihn aus. „Das funktioniert nicht mehr, oder?“
Ich schüttelte den Kopf. Meine Augen finge an zu tränen. Wie fast immer, wenn ich mit ihm über unsere Zukunft sprach.
„Unsere Zeit ist abgelaufen“, sagte er.
Ich verdrückte meine Tränen. Es gab nichts, weswegen ich weinen müsste. Zumindest in diesem Moment
„Wie meinst du das?“, ich fuhr mir unbemerkt über meine Augen, um Tränen aufzufangen.
„Ich meine, dass wir nichts mehr miteinander zu tun haben“, erwiderte Henry.
Ich sah zu ihm. Er hatte wirklich vor, dass zwischen uns für immer zu beenden.
Ich atmete einmal tief durch. „Das haben wir schon lange nicht mehr“
Abgesehen von diesem blöden Vorfall vor ein paar Tagen.
Meine Stimme klang überbasiert normal. Ich hatte einen dicken Klos in meiner Kehle.
„Nein, du verstehst nicht“, meinte Henry. „Ich meine nicht die Trennung“
Ich zog eine Augenbraue hoch. „Und was dann?“
Unsere Bekanntschaft? Dass das alles hier nur Mist war und zum Scheitern verurteilt war?
„Uns verbindet nichts mehr“, erklärte er. „Arthur wird jetzt nie wieder ein Problem sein und er war das einzige, was uns noch zusammengehalten hat“
War das sein Ernst? Nein, das stimmte nicht. Er log. Er erzählte Blödsinn.
„Nein, dass stimmt nicht“, widersprach ich. „Wir haben noch das hier. Die Träume, diesen Korridor“
Er war alles, was uns verband. Unsere ganze Geschichte hatte sich hier abgespielt.
„Nein, haben wir nicht“, konterte Henry. „Ich werde hier nicht mehr zurückkommen. Ich will ein normales Leben, nicht eins mit dem hier“
„Ach, und was willst du jetzt machen?“, fragte ich.
Er konnte das hier nicht aufgeben. Nicht er. Nicht Henry Harper, der diesen Ort noch mehr liebte als alles Andere.
„Ich werde mich in meinen Träumen einsperren“, entgegnete er.
Meine Augen weiteten sich. Er hatte sie nicht mehr alle.
„Du spinnst doch!“, sagte ich.
Er konnte doch nicht wirklich so verrückt sein. Sich selbst in seinen Träumen einzusperren! Er hatte sich verändert. Irgendetwas an ihm war ganz anders als früher.
„Das musst du gerade sagen!“, konterte er.
Ich stoppte sofort meinen lauteren Ton. Ich wollte nicht mit ihm streiten. Nicht schon wieder. Noch viel trauriger machte mich allerdings die Erkenntnis, dass er das hier nur aufgab, weil er mich aufgeben wollte. Wenn er diesen Korridor hinter sich ließ, dann auch mich.

„Dir ist doch klar, dass du schon genug gelernt hast, oder?“, ich legte meine Arme von hinten um Henrys Hals.
Er saß seit Stunden an einem seiner dicken Wälzer, den er jetzt bestimmt schon auswendig konnte.
Er lächelte und drehte sich zu mir um. „Du wirst bestimmt auch einen Tag ohne mich klar kommen ich...“
Sofort unterbrach ich ihn. „Wie kommst du auf die bescheuerte Idee?“
Er lachte und küsste mich. „Na schön, nur noch eine Stunde, dann gehen wir.... shoppen“
Er löste sich aus meinem Klammergriff und setzte sich wieder an den Schreibtisch.
„Wieso kaufst du nicht gleich eine Folterbank?“, fragte ich gespielt traurig.
Wieder lachte er.
Wie sehr ich dieses Lachen liebte.

„Eins wird uns immer zusammenhalten“, erwiderte ich.
Die Tränen in meinen Augen versuchte ich so gut wie möglich zu verbergen, während ich auf den Boden starrte.
„Und das ist?“, fragte Henry.
Ich sah ihn an. „Erinnerungen“
Dieses eine Wort, tat mir so sehr weh. Es gab so viele schöne Erinnerungen, die ich und Henry hatten. Und auch wenn er das hier beendete, dann würde er nie die Erinnerungen in seinen Kopf loswerden können. Nun ja, außer er starb
„Erinnerungen?“, wiederholte Henry.
Ich nickte. „Ja, zum Beispiel, als wir uns das erste Mal gesehen haben“
Mein Herz schmerzte bei dem Bild, das ich von unserer ersten Begegnung im Kopf hatte.
Er lachte auf. „Die Geburt deines Spitznamen“
Eine neue Welle an Tränen trat in meine Augen, aber dieses mal beachtete ich sie gar nicht.
„Die Pampelmuse“, sagte ich.
Einen Moment lang, fühlte es sich an als würde alles schweben. Die Erinnerungen ließen mich von meinen Sorgen wegkommen.
Ich spürte gar nicht mehr die dicken Tränen, die meine Wangen überströmten.
„Das erste Mal am Highgate Cemetery“, bemerkte Henry.
Ich nickte. „Ja, als du mir von Plum erzählt hast“
Er grinste. „Stimmt. Weißt du noch in Graysons Traum beim Basketballspiel?“
Ich musste Lächeln und gleichzeitig weinen. „Du hast mich damals total nervös gemacht“

„Bist du traurig, dass Amy und Milo weg sind?“, fragte ich.
Er schüttelte den Kopf. „Ich brauche für mein Studium viel Zeit und bei meiner Tante geht es ihnen gut“
Ich kuschelte mich näher an ihn und sah in die Sterne. Ich wäre damit nicht so schnell klargekommen wie Henry. Er hatte sich drei Jahre lang nur um die beiden gekümmert und auf einmal waren sie weg.
„Außerdem, habe ich dich“, sagte er.
Ich sah zu ihm hoch.
„Warum sollte ich, wenn ich dich habe, traurig sein?“, er lächelte mich an.
Eine Gänsehaut überzog meinen Körper, was aber nicht an der angenehmen Wärme lag.
„Ich liebe dich“, entgegnete ich.
Henrys Lächeln vertiefte sich. „Ich liebe dich auch“

Henry lachte wieder, dann schwieg er kurz. „Das sind wirklich Momente, die ich nie vergessen werde“
Meine Augen mussten mittlerweile schon so rot wie eine Tomate sein, aber das war mir egal.
„Ohne dieses Treffen wäre wohl alles anders gelaufen, oder?“, fragte ich.
Henry nickte.
Wenn ich Henry damals nicht begegnete wäre, dann wäre jetzt so vieles anders. Nicht nur die Tatsache, dass ich dann noch mit Sicherheit Jungfrau geblieben wäre, sondern auch die Tatsache, dass ich jetzt ein komplett anderes Leben führen würde. Alles wäre anders.
„Ich bin froh, dass das alles passiert ist“, meinte Henry. „Sonst hätte ich wahrscheinlich immer einfach weitergemacht mit meine alten Leben“
Ich sah an die Decke. „Und dann hätte ich dich nie gemocht“
Hätte sich Henry damals vor meinen Augen wie ein Frauenheld aufgeführt, dann wäre ich nicht mal im Traum darauf gekommen mit ihm zu reden. Aber jetzt, wo unsere erste Begegnung passiert ist, würde ich nichts lieber tun.
Aber es war kompliziert. So kompliziert, dass ich dieses mal unser Schweigen brechen musste: „ Wieso hast du dich für mich entschieden?“
Henrys Augen verengten sich. „Weißt du das nicht schon?“
Er sah flüchtig zu mir hinüber und unsere Blicke streiften sich, doch ich sah sofort wieder weg.
Ich war mir nicht sicher, was ich wissen sollte. Der Gedanke daran, dass er mich liebte, kam mir so unnatürlich vor.
„Wenn das wahr ist, was du gesagt hast“, ich räusperte mich. „Hast du dann schon einmal daran gedacht, dass wir...?“
„Jeden Tag“, unterbrach er mich.
Dieses mal, war ich es, die ihn ansah, doch nun sah er mich nicht an.
„Aber ich kann das nicht“, fuhr er fort.
Ich sah ihn verständnislos an. Was meinte er damit?
Henry stand auf. „Ich habe dich schon mal verloren, ein zweites Mal schaffe ich das nicht“
„Du glaubst also nicht einmal daran, dass es funktionieren könnte?“, fragte ich.
Ich hatte immer gedacht, Henry liebte das Ungewisse, aber jetzt wich er aus.
„Nach unserer Trennung war ich am Ende“, er fuhr sich durch seine Haare. „Ich möchte das nicht riskieren“
Ich nickte und sah von ihm weg. Auf eine seltsame Weise verstand ich ihn. Ich war ihm nicht wichtig genug, um so etwas zu riskieren.
„Du glaubst, dass du mich wieder verletzen wirst, oder?“ fragte ich nach.
Ich sah ihn nicht an. Ich musterte den Boden unter mir. Zum ersten Mal fiel mir auf, dass der Boden hier einen ekligen Grünton hatte.
„Glaubst du, dass ich das etwa nicht tun werde?“, fragte Henry mich.
Ich sah zu ihm.
Er hatte die Arme verschränkt und stand ein paar Meter vor mir.
Ich stand ebenfalls auf. „Merkst du eigentlich wie sehr Natalie dich verändert hat?“, konterte ich und ignorierte seine Frage.
„Was hat das damit....?“
Ich unterbrach ihn sofort: „Sie hat dich total eingeschüchtert. Früher hast du alles geliebt was irgendwie neu war, aber jetzt hast du dich total verändert“
Das sah man alleine schon daran, dass er diesen Korridor vergessen wollte. Bei Grayson und Jasper verstand ich es, aber Henry war nicht so.
„Daran ist Natalie nicht Schuld“, widersprach mir Henry. „Ich habe jetzt nur besseres zu tun“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das stimmt nicht. Du hast aufgehört zu träumen. Deshalb hat sich auch deine Tür verändert“
Immer noch stand an der Tür nicht >Dream on<. Ganz im Gegenteil. Jetzt stand nichts mehr an ihr.
Ich wand meinen Blick ab
„Und jetzt willst du das hier aufgeben“, fuhr ich fort. „Sodass alles was passiert ist umsonst war“
Henry sah mich nicht an. Er sah auf den Boden. Anscheinend hatte ich tatsächlich ins Schwarze getroffen.
„Gerade hast du noch gesagt, du wärst froh, dass das alles passiert ist. Wieso willst du es jetzt wegwerfen?“, fragte ich.
„Weil du etwas viel besseres als mich verdient hast“, platzte es aus ihm heraus. „Zum Beispiel Jake. Er war nett, ja hatte eine schlimme Vergangenheit, aber er hätte dich nie betrogen. Auch nicht für seinen Bruder“
Es tat weh, zu wissen was Henry wirklich von sich selbst dachte. Von Außen sah er immer so unzerbrechlich aus, aber Innen war er kaputt.
„Das bedeutet nicht, dass er besser ist“, entgegnete ich.
Meine Stimme war plötzlich ganz leise.
Henry schüttelte verständnislos den Kopf. „Wieso hast du dich für einen Typen entschieden, der ein totaler Arsch ist?“
„Ich weiß es nicht“, gab ich zu. „Ich weiß nicht, was du mit mir gemacht hast, dass ich dich nie vergessen konnte. Ich weiß nicht, warum ich nicht aufhören kann dich zu lieben“

„Na?“, fragte eine Stimme hinter mir.
Ich drehte mich erschrocken um, so gut das in diesem weiten Kleid ging.
„Süß, dass du immer noch erschreckst“, sagte Henry amüsiert.
Ich lachte , dann wurde ich wieder ernst. „Was machst du hier? Du weißt Florence wird dich umbringen, wenn sie weiß, dass du mich so siehst“
Sie dachte immer an blöde alte Sagen, die ich für den reinsten Blödsinn hielt.
„Mein vertrauenswürdige Trauzeuge passt gerade auf sie auf“, erwiderte Henry.
Ich erschrak. „Du hast sie bei Jasper gelassen?“
Jasper war zwar mit den Jahren vertrauensvoller geworden, aber er würde Florence nie beschäftigen können.
Henry lachte. „Ich sagte vertrauenswürdiger Trauzeuge“
„Also Grayson?“, erkundigte ich mich.
Henry nickte. Sofort beruhigte ich mich wieder.
„Lass mich raten“, sagte ich nach fünf Sekunden Schweigen. „Du bist hier, um mir höchstpersönlich zu sagen, dass du abhauen wirst?“
Henry lachte und umfasste sanft meine Taille. „Nein, ich bin hier, um das letzte mal das Mädchen zu sehen, in das ich mich verliebt habe. Liv Silber“
Ich lächelte und legte meine Arme um seinen Hals. „Noch ist es noch nicht zu spät. Henry Silber klingt auch gut“
Wieder musste er lachen, dann küsste er mich.
„Du siehst übrigens toll aus“, flüsterte Henry.
„Das kann ich nur zurück geben“, erwiderte ich.
Er lächelte.

„Du hast keine Ahnung wie oft ich mir die Bilder von damals ansehe“, sagte ich. „Diese Bilder vom Herbstball damals, weißt du noch?“
Henry lächelte schwach. „Wir haben beide so loslachen müssen“
Ich nickte lachend.
Der Gedanke an diese Fotos ließ Schmetterlinge in einem Bauch herum flattern.
Doch kaum hatten wir gelacht folgte wieder ein großes Schweigen. Ich hatte das Gefühl, dass alles was ich sagte irgendwie ins Nichts führte.
„Liv, du weißt gar nicht, wie sehr ich mir so etwas wie damals wünsche, aber ich glaube nicht, dass wir zurück können“, sagte Henry. „Zwischen uns ist zu viel passiert“
Unrecht hatte er damit nicht. Zuerst unsere Trennung, dann Natalie und Jake,dann dieser Betrug. Es war viel Ballast.
„Du kannst nicht alles hinwerfen“, entgegnete ich. „In den letzten Monaten konnte ich nicht eine Minute alleine sein, weil ich dann sofort angefangen habe zu heulen. Ich vermisse dich Henry“
Er schloss für einen Moment seine Augen.
Mein Herz wummerte. Während des ganzen Gespräches hatte es nicht aufgehört schneller und schneller zuschlagen. Alles was Henry sagte überraschte mich.
Doch jetzt antwortete er nichts. Er öffnete die Augen und sah in den leeren Korridor, weg von mir.
Wieder traten mir Tränen in die Augen. „Du weißt, dass du mir nicht aus dem Weg gehen kannst, oder?“, fragte ich ihn. „Ich wohne bei Grayson. Wir werden uns begegnen, ob du willst oder nicht“
„Das weiß ich“, entgegnete Henry und sah mich flüchtig an.
Es tat weh, dass er sich mit aller Macht gegen mich wehrte. Ich wollte ihn nicht verlieren. Mir wäre es ebenso egal gewesen, wenn wir nur Freunde wären. Die Hauptsache war, ich war bei ihm, doch mir war klar, dass wir nicht mehr zu einer Freundschaft zurückkonnten. Das zwischen uns war nie platonisch und würde es auch nie sein.
Damals als wir noch befreundet waren und wir im Traum zwischen diesen Felsbrocken eingesperrt waren und Karten gespielt hatten hatte es zwischen uns selbst wieder gefunkt. Doch jetzt fiel mir etwas auf.
„Weißt du noch, als wir uns damals Witze erzählt haben?“, fragte ich ihn. „Als wir nicht mehr wegkonnten?“
Er sah mich etwas irritiert an. Mit so einem Themenwechsel hatte wohl selbst er nicht gerechnet. Doch dann nickte er.
„Wieso bist du nicht einfach aufgewacht?“, wollte ich wissen.
Er hatte sich einfach aufwecken können. Henry konnte so etwas schon immer, er war der beste Träumer, den ich kannte, doch er hatte es nicht getan.
Er sah wieder betreten von mir ab. „Ich weiß es nicht. Ich wollte dich einfach nicht alleine lassen“
„Aber jetzt willst du es“, ich verschränkte meine Arme.
Ich hatte auf einmal eine Gänsehaut am ganzen Körper.
„Du bist nicht alleine“, erwiderte Henry. „Du hast deine Mutter, Grayson, Ernest, Mia, Florence und Buttercup“, sein Blick wurde intensiver. „Du warst nie alleine und wirst es auch nie sein, du hast mehr als du brauchst“
Seine Worte trafen mich wie einen Schlag, jedoch nicht weil er mich damit verletzte. Er hatte recht. Ich hatte alles, was er nicht hatte. Henry hatte von Anfang an eine schere Zeit gehabt, doch jetzt hatte er keinen Vater und keine Mutter mehr.
„Du brauchst Hilfe“, flüsterte ich.  Meine Stimme war auf einmal ganz leise geworden. „Du kriegst vieles hin, aber du kannst nicht alleine zwei Kinder groß ziehen und dazu noch studieren“
Henry grinste Freunden los. „Und was soll ich deiner Meinung nach machen? Ich habe keine Verwandten, Liv, und wenn ich Milo und Amy zu irgendeiner Familie gebe, dann werden sie mich hassen und selbst wenn nicht, würde ich sie wahrscheinlich nie wieder sehen“
Und dann hatte er niemanden mehr.
Ich verstand ihn, wirklich. Allerdings war es schwer sich in diese Lage zu versetzen. Mir kam alles so seltsam vor, so unnatürlich. Ich hatte in meinem ganzen Leben immer jemanden bei mir gehabt. Entweder meine Mutter, Mia oder Lottie. Im Ernstfall auch meinen Vater.  Und da begriff ich, dass mein Leben ein wirkliches Geschenk war.
„Du hast recht“, stammelte ich. „Ich kann mich nicht bei dir einmischen. Du hast eine schwere Zeit, aber du kannst dir helfen lassen“
„Ich werde nicht mit dir zusammenkommen, nur damit ich eine Absicherung habe“, erwiderte er.
Irgendwie war ich froh, dass er das sagte.
„Das meine ich auch gar nicht“, wehrte ich ab. „Ich meine, dass du dir auch von Grayson oder Jasper helfen lassen kannst“
Henry nickte sarkastisch. „Klar, dann kann Jasper ihnen zeigen wie man richtig Shots trinkt“
Mich hatte es so oder so gewundert, dass Japser ihnen das noch nicht irgendwann heimlich gezeigt hatte.
Ich lachte. „Du weißt, was ich meine“
Er lächelte. „Ja“
Bei diesem Lächeln wurde mir etwas bewusst. Er hatte genug Probleme. Henry hatte keine Zeit für eine Freundin.
„Vielleicht hast du recht“, murmelte ich dann. „Vielleicht soll das einfach nicht sein“
Henry nickte nur. Er sah mir direkt in die Augen. Und zum ersten Mal tat es nicht weh. Das was ich tat war das Richtige. Er brauchte Zeit, um das alles zu schaffen.
Ich schloss meine Augen und drehte mich um. Ich ging stumm zu meiner Tür zurück.
Henry rührte sich nicht vom Fleck.
Meine Hand legte sich auf den kühlen Eidechsenknauf und drehte ihn um.
„Ich hab noch eine Frage“, sagte ich dann.
Aus meinem Traum strömte kühle Luft.
Henry sah zu mir. Er lehnte mit dem Rücken an der Wand gegenüber, mit den Händen in den Hosentaschen. „Was?“
„Wieso hast du mich geküsst?“, fragte ich ihn.
Mir vielen dazu nur zwei Theorien ein. Entweder er hatte es getan, weil er mich liebte oder um mich aufzuwecken. Beides schien mir plausibel, da er mich das letzte Mal aus beiden Gründen geküsst hatte.
„Ich liebe dich, Liv“, sagte er.
Ich hielt inne und sah ihn perplex an.
„Daran hat sich in den letzten Monaten nie etwas geändert“, er sah zur Decke, dann wieder zu mir. „Weißt du, ich dachte, dass wenn wir uns aussprechen, du weißt schon mit Biljanja und dem ganzen Kram, dann können wir Freunde werden. Aber es hat das totale Gegenteil bewirkt“
Ich wusste genau, was er meinte. Seitdem er mir von diesen ganzen Dingen erzählt hatte, und die Wahrheit gesagt hatte, waren eine Gefühle nur noch stärker geworden.
Ich war mittlerweile zu einer richtigen Heulsuse geworden.
Ich hielt kurz inne, bevor ich weitersprach.
„Weißt du noch damals auf Arthurs Party?“, fragte ich ihn. „Mit dieser Frau und dem Typen im Heimkino?“
Ich wischte mir eine Träne aus dem Auge.
Henry lachte. „Oh ja. Die sind geflitzt, vor allem der Mann“
Ich wusste genau worauf er anspielte. Nämlich darauf, dass er mich so angerempelt hatte, dass ich beinahe umgefallen wäre, wenn Henry mich nicht aufgefangen hätte.
„Du hast echt scheiß Reflexe“, sagte ich lachend.
„Du wärst umgefallen“, entgegnete Henry.
Meine Hand lag immer noch auf dem Türknauf, doch jetzt spürte ich ihn gar nicht mehr. „Das wäre besser gewesen, dann hätte ich dich wenigstens nicht ganz so toll gefunden“
Er lachte auf.
„Das ist mein Ernst“, sagte ich. „Ich meine, dass kann unmöglich dein Ernst sein. Du kannst Gedichte rezitieren, wahnsinnig gut Gitarre spielen, jedes Mädchen fliegt sowieso schon auf dich und du hast die schönsten Augen der Welt“
Henry lächelte mich an, doch in der Art, wie er es tat wurde mir sofort in den Knien schwummrig. Es war dieses eine Lächeln.
„Du magst ein Frauenheld sein“, flüsterte ich. „Aber du bist schon verdammt süß“
Einige Sekunden erwiderte ich seinen Blick, doch dann sah ich wieder ab, auf den Boden und blinzelte die Tränen aus meinen Augen. „Tut mir leid, zur Zeit bin ich etwas sentimentaler als sonst“
Ich sah zu Henry auf, der zu mir gekommen war. Immer noch hatte er dieses Lächeln aufgesetzt und jetzt wo er nur einen Schritt von mir entfernt war, ließ es mein Herz viel schneller schlagen.
„Du hast recht“, meinte er dann. Ich sah ihn irritiert an.
Henry strich mir die Tränen weg. „Du bist keine Absicherung für mich, sondern die letzte Person, der ich vertraue. Wenn ich dich jetzt gehen lasse, dann würde ich nie mehr glücklich werden“
Sein Blick wich zu meinen Lippen.
Ich hatte nicht die Kraft zu sprechen. Alles in mir war wie gelähmt.
„Er umfasste sanft meine Taille. „Ich kann dich nicht verlieren“
Mein Gehirn realisierte erst gerade, dass Henry doch alles ändern wollte, als er mich küsste. Ich erwiderte seinen Kuss.
Das was gerade passiert war, war wie ein Rausch. Im einen Moment hatte ich alles verloren gehabt, hatte alles in meinem Leben kaputt gemacht und plötzlich hatte ich einen Sechser im Lotto.
Ich liebte ihn über alles und auch wenn der Weg bis zu diesem Punkt schwierig gewesen war, könnte ich dafür nicht glücklicher sein.

Ich bemerkte eine grüne Tür und plötzlich wachte ich auf.
------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Hey, meine lieben!
Ein sehr kompliziertes Kapitel.
Wer hat herausgefunden, was diese kleine Abschnitte zu bedeuten haben?
Eigentlich wollte ich euch in diesem Kapitel schon sagen wie das mit dem 'Happy End' gemeint ist, aber dann habe ich es doch noch etwas umgeschrieben.
Im nächsten Kapitel kommt dann zum Glück endlich die Auflösung ;).
Ich hoffe, euch hat das Kapitel gefallen und ihr lasst mir ein paar liebe Reviews da :).
HEGDL Lilli <3
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast