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Herzstillstand

von Lilli2014
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
Arthur Hamilton Florence Spencer Grayson Spencer Henry Harper Jasper Grant Olivia "Liv" Silber
11.10.2014
24.04.2015
31
87.654
11
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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08.03.2015 4.729
 
„Habt ihr irgendwo Verbandszeug?“, fragte Henry.
Wir hatten uns keine Mühe gemacht Schuhe oder dergleichen auszuziehen. Mir war es im Moment auch egal. Ich spürte nämlich gar nicht mehr meine Füße, die in den Highheels so geschmerzt hatten.
Das einzige, was ich fühlte war meine Nervosität. Warum konnte ich mich nicht einmal normal benehmen?
„Ja, in dem Küchenschrank“, ich zeigte mit meinem gesunden Arm auf einen der obersten Schränke in der Küche.
Henry ging sofort hin und holte den großen Koffer hinunter. Der Grund warum er ging und nicht ich war leicht zu erraten. Mit meiner Wunde am Arm konnte ich ihn nicht richtig ausstrecken. Zumindest dachte ich das und selbst wenn ich es gekonnt hätte, wäre ich nicht zum Schrank hingekommen, selbst mit den hohen Schuhen.
Henry dagegen kam mit Leichtigkeit an den Koffer.
Wir setzten uns auf das Sofa und Henry klappte den Koffer auf.
Henrys Augen weiteten sich und ich lief rot an.
„Ihr könntet ja selbst ein Krankenhaus öffnen“, meinte er erstaunt.
Ich grinste, aber er hatte recht. Lottie hatte in diesem Koffer alles, was man nur haben konnte. Aidshandschuhe und Pillen gegen alles mögliche. Vermutlich packte sie den Koffer soweit nach oben, damit nicht jemand auf die Idee kam Selbstmord mit irgendwelchen Tabletten zu begehen.
Henry wühlte kurz in dem Koffer herum, dann nahm er eine kleine Flasche und Watte.
Vorsichtig träufelte er die Flüssigkeit auf die Watte.
„Was ist das?“, fragte ich, während Henry meine Hand von der Wunde hob.
„Das ist nur etwas zum desinfizieren“, erklärte er. „Es brennt ein wenig“
Ja, das kannte man ja immer aus Filmen, wenn der Arzt dem Patienten etwas auf die Wunde tat und der dann mit schmerzverzehrtem Gesicht versucht nicht zu schreien.
Henry berührte mit der Watte vorsichtig die Wunde, mit der anderen drückte er meinen Arm sanft dagegen.
Ich sah gebannt zu. Ich verspürte den Schmerz, aber er war nur im Hintergrund. Ein Kribbeln überzog meinen Arm, nur bei Henrys Berührung. Es war kindisch.
„Was ist mit deinem Arm überhaupt passiert?“, wollte Henry wissen.
Er tupfte mit der Watte noch an dem Rand meiner Wunde herum, dann legte er es beiseite und nahm einen Verband in die Hand.
„Ich bin auf ein paar Scherben ausgerutscht und eine hat sich da... eingeschlitzt“, sagte ich.
Henry sah mich verwirrt an. Zuerst dachte ich, er sah mich so an wegen dem Wort >eingeschlitzt<, was wohl wirklich nicht die beste Wortwahl war, aber er fragte etwas ganz anderes: „ Und du hast sie da rausgezogen?“
Ich grinste erneut. „Tu nicht so überrascht“
Henrys Finger wickelten geschickt den Verband um meinen Arm, der sich auf meiner Wunde angenehm kühl anfühlte.
„Das muss ich ja sein“ entgegnete er grinsend. „Ich meine, du bist du. Du kannst noch nicht einmal Horrorfilme ansehen“
Kurz sah er zu mir hoch, dann wand er sich wieder dem Verband zu.
„Aber Horrorfilme sind ja auch widerlich“, erwiderte ich störrisch. „So etwas kriege selbst ich hin“
Henry machte den Verband fest, dabei grinste er ununterbrochen. „Also hast du überwunden, dass du kein Blut mehr sehen kannst?“
Ich sah ihn erstaunt an. Natürlich wusste ich noch genau, wann ich ihm das gesagt hatte, nämlich an dem Tag, als ich in den Zirkel für die Beschwörung des Dämons gekommen bin. Es wunderte mich nur, dass Henry sich daran erinnerte.
„Das hast du dir gemerkt?“, fragte ich.
Meine Stimme war seltsam leise und gerührt. Ich wusste nicht, warum ich das so süß fand. Vermutlich waren es nur die Hormone oder sonst etwas, aber in diesem Moment tat es gut zu wissen, dass Henry nicht alles von mir vergessen hatte. Vielleicht war ich nicht nur eine von seinen Exfreundinnen?
„Natürlich, immerhin war das einer der peinlichsten Tage meines Lebens gewesen“, Henry machte den Koffer zu.
„Wieso das?“, fragte ich.
Mir war es damals auch ein wenig peinlich gewesen, aber ich war mir sicher, dass Henry schon weit aus peinlicheres erlebt hatte, zumal Arthur dieser Tag eher peinlich hätte sein müssen. Henry hatte damals nur daneben gesessen und die Formeln, die Arthur gesprochen hatte nachgesagt, genau wie wir anderen auch.
Henry stand auf und ging in die Küche zurück zu dem Schrank, wo er den Koffer wieder auf seinen Platz stellte.
„Na ja, ich war damals total in dich verknallt gewesen und dann sitzt du wirklich bei so einem Mist dabei“, er lachte. „Es war mir peinlich, dass du wusstest, dass ich bei so einem Schrott mit mache“
Ich lächelte. An die alten Zeiten zu denken tat mir sonst immer weh, jetzt breitete sich in mir Freude auf. Es war schön zu erfahren, was Henry in diesem Moment gefühlt hatte.
Henry war das anscheinend jetzt auch noch peinlich. Er lehnte sich grinsend gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme. „Grins nicht, dass war wirklich peinlich“
Ich lachte. „ Ich hatte ja keine Ahnung, dass du so gefühlvoll bist“
Er setzte sich wieder neben mich auf die Couch und lehnte sich zurück. „ Ich bin nicht gefühlvoll. Ich habe keine Ahnung, warum mir alles in deiner Nähe  peinlich ist“
Mir entging nicht, dass er nicht davon sprach, wie es ihm in der Vergangenheit peinlich gewesen war. Es war ihm auch jetzt noch peinlich?
Ich sah auf den Boden. Wir mussten das Thema wechseln, sonst würde aus mir noch alles heraus platzen. Ich wollte Henry unter keinen Umständen den wahren Grund für meine und Jakes Trennung erzählen.
Ich gabelte das erst beste Thema auf, dass mir einfiel: „Also wirst du Medizin studieren?“
Henry nickte.
Er hatte die Arme verschränkt und sah auf den Tisch nach vorne. Er sah so lässig aus wie immer, während ich total angespannt war.
„Wieso?“, erkundigte ich mich.
Er zuckte mit den Achseln. „Ich denke, weil ich damit schon immer etwas zutun gehabt habe. Meine Mutter war so gut wie immer weg und da hab ich mich immer um Milo und Amy kümmern müssen. Ich kenne mich mit so etwas aus“
Henrys gesamte Geschichte faszinierte mich. Mir war bewusst, dass es viel schlimmere Geschichten auf dieser Welt gab, aber es war zum Bewundern wie Henry all seine Probleme beiseite stellte und sich um seine Geschwister kümmerte.
„Und wie machst du das mit dem studieren? Wo wirst du wohnen?“, wollte ich wissen.
Ich hatte keine Ahnung, ob Henry bei solchen Themen immer schon so aufgeschlossen war, aber im Moment fühlte sich alle so unecht an. Henry redete das erste mal über sich mit mir und auch wenn es keine sehr privaten Themen waren, war ich überrascht.
„Ich werde zuhause weiter wohnen“, erklärte er. „Oxford hat das mir angeboten. Sie sind von meiner Geschichte ganz fasziniert“
Genau wie ich.
„Das ist sie ja auch“, sagte ich. „Ich könnte mir das nie vorstellen mich um zwei kleine Geschwister zu kümmern“
Henry lachte. „Spiel das nicht so hoch. Milo und Amy haben sich ziemlich gebessert. Milo zum Beispiel macht keinen Scheiß mehr und außerdem ist die Frau vom Jugendamt, die uns besucht eine alte Freundin von meiner Mutter, die immer ein Auge zudrückt“
Mich hatte es so oder so auch davor gewundert, dass Henrys Mutter das Sorgerecht für Milo und Amy nicht weggenommen wurde. Sie war depressiv, da sollte sie sich nicht um zwei kleine Kinder kümmern.
„Und wie geht es Milo und Amy mit.... na ja, eurer Mutter?“, fragte ich.
Es war ein gutes Gesprächsthema, was mich auch wirklich interessierte. Wie sollte Henry all das schaffen? Auch mit der Schule? Das konnte gar nicht gehen.
„Milo.... keine Ahnung, er war nie richtig traurig. Ich mache mir auch Sorgen um ihn, dass er das ganze nur verdrängt, denn mittlerweile ist er zu schnell erwachsen geworden. Er kümmert sich um Amy, wenn ich weg bin und tröstet sie. Einerseits mache ich mir natürlich Sorgen um ihn, aber andererseits würde ich gerne, dass es Amy auch so geht wie ihm. Sie weint fast ununterbrochen. Es ist schrecklich“
Das konnte ich mir vorstellen. Amy war erst vier. Das alles war für sie natürlich schwer zu verkraften. Allerdings hatte sie ganz normal geklungen, als Grayson und ich bei Henry gewesen waren, Vermutlich besserte sie sich gerade.
„Und wie stellst du das mit dem Geld an und der Schule?“, fragte ich. „Das muss doch total stressig sein“
Er musste nicht nur Geld für Essen nach Hause bringen, sondern auch noch für die Steuern und das alles.
„Na ja, unser Haus ist abbezahlt. das ist eine Sorge weniger“, erklärte er. „Und sonst gehe ich in der Früh in die Schule, komme spätestens um fünf Uhr zurück und arbeite dann von sechs bis zehn Uhr. In dieser Stunde mache ich dann Abendessen und helfe noch bei Hausaufgaben oder so etwas“
Das bedeutete, dass Henry keine Minute Freizeit hatte. Schon früher war er nicht oft auf Partys gewesen, aber so... das war wirklich unglaublich.
„Und wo arbeitest du?“, wollte ich wissen. „Als Putzfrau?“
Henry lachte. In meinem Magen breitete sich ein warmes Gefühl aus.
„Nein, ich arbeite bei einer...“, er seufzte. „Selbstmordhotline“
Mein Mund klappte auf. Ich wusste nicht ob ich erschrocken sein sollte oder amüsiert. Aus irgendeinem Grund konnte ich mir Henry richtig gut an so einem Hörer vorstellen.
Er sah mich erwartungsvoll an.
„Ich habe keine Ahnung, was ich dazu sagen soll“, gab ich zu.
Auf der einen Seite war es deprimierend bei so etwas zu arbeiten, auf der anderen fand ich es amüsierend.
Henry grinste. „Du kannst ruhig lachen. Es ist wirklich ein total dummer Job. Manche haben wirklich noch ein besseres Leben als ich, aber ich bin mir sicher, dass ich manche schon gerettet hatte“
Ich lächelte ihn stolz an.
Es musste langweilig sein dort zu arbeiten, allerdings beneidete ich Henry darum, dass er Menschen wieder auf die Beine half. Es war ein perfekter Job für ihn. Er kümmerte sich um andere, anstatt um sich selbst. So wie auch wenn er Arzt wäre.
„Am Abend danach lerne ich dann noch bis ungefähr zwölf oder zwei“, fuhr er fort. „Deswegen war ich auch noch wach, als du und Grayson geklingelt habt. Ich habe mir nur Zeit gelassen, weil ich so müde war“
Meine ganzen Gefühle waren in den Hintergrund gedrängt. Ich machte mir wirkliche Sorgen um Henry.
„Und dir geht es damit gut?“, erkundigte ich mich.
Er sah mich an. „Ja, klar ich habe davor ja auch nie richtig geschlafen...“
„Nicht das“, unterbrach ich ihn. „Wie geht es dir, mit dem Tod von deiner Mutter?“
Mich interessierte es natürlich schon wie es Henry auch mit dem Schlafen ging, aber ich hatte das Gefühl, dass er diesem Vorfall und seiner Trauer einfach aus dem Weg ging.
„Es ist wirklich alles okay“, er sah mir in die Augen. „Es ist ein wenig komisch zu wissen, dass sie nicht mehr da ist und nie wieder da sein wird, aber.... Ich weiß nicht“
Ich konnte ihn verstehen. Ich wüsste auch nicht, wie ich mich fühlen würde, wenn meine Mutter auf einmal tot wäre.
„Das ist wirklich nicht fair“, sagte ich.
Henry zog eine Augenbraue hoch. „Was meinst du?“
„Das dir so etwas passiert“, erwiderte ich.
Henry hatte schon von Anfang an eine Pechsträhne mit seiner Familie gehabt, doch das nun auch seine Eltern weg waren, war einfach zu viel. Das hatte er nicht verdient.
„Das Leben ist nicht fair“, entgegnet er. „Man muss nur schaffen alles zu überwinden und durchs Leben zukommen“
Ich sah ihn erschrocken an. „So siehst du das also? Einfach durch das Leben kommen, egal wie?“
Henry sah mich fragend an.
Ich verstand ihn wirklich nicht. Wie konnte er so denken?
„Du musst Spaß am Leben haben, sonst kannst du dich selbst bei deinem Job anrufen“, sagte ich.
Henry grinste breit.
Henry war nicht der Typ, der aufgab, allerdings war es im Augenblick wirklich schwer für ihn. Ich wusste nicht, ob ich das geschafft hätte.
Eine Weile schweigen wir.
Ich hatte keine Ahnung, worüber wir reden sollten. Nach so einem ernsten Thema konnte ich nicht einfach wieder lachen. All meine glücklichen Gedanken von vorhin waren wie weggeblasen. Ich dachte nur an Henry, wie er sich bemühte alles unter einen Hut zu bekommen und das nur, damit Milo und Amy ein schöneres Leben hatten, denn es war natürlich schöner so zu leben, als bei einer anderen Familie.
„Kann ich dich was fragen?“, erkundigte sich Henry.
Er durchbrach die Stille so plötzlich, dass ich beinahe erschrocken wäre, wäre ich nicht so in Gedanken versunken gewesen.
„Klar“, antwortete ich.
Immer noch starrte ich gebannt nach vorne. Ich war mir dessen bewusst, das mich keine Frage erschüttern könnte, doch Henry traf wie immer genau den Punkt, der meine hintersten Ecken erwischte.
„Warum hast du mit Jake wirklich Schluss gemacht?“, wollte er wissen.
Ich sah ihn verblüfft, mit leicht offenem Mund an.
„Was?“, fragte ich.
„Ich glaube dir nicht, dass du mit ihm Schluss gemacht hast, weil er nicht dein Typ war“, erwiderte er. „Das ist nicht deine Art. Entweder wärst du gar nicht mit ihm zusammengekommen oder hättest sofort Schluss gemacht. Das hast du aber nicht, also was ist der Grund?“
Ich musste schlucken. Warum kannte er mich so gut? Eine Minute lang rang ich mit mir selbst. Sollte ich es ihm erzählen? All meine Gefühle, waren doch meine Sache. Allerdings bezweifelte ich, dass ich ihm noch weiter etwas vorlügen konnte.
„Es könnte sein, dass... du der Grund dafür warst“, gab ich zu.
Mein Herz schlug schneller. Ich hatte Angst vor dem was Henry als nächstes tun würde.
„Was?“, fragte er verwirrt.
Er war nicht laut oder sauer. Seine Stimme war ganz leise und wirklich verwirrt. Er schien gar nichts mehr zu verstehen. Aber wie sollte ich ihm das erklären? Ich verstand es ja selbst noch nicht einmal.
„Ich hab das dir nicht sagen wollen, weil wir uns gerade erst wieder vertragen haben und dir zu sagen, dass ich immer noch in dich verliebt bin hätte ja sofort alles ruiniert“, erklärte ich.
Ich schloss die Augen. Ich wollte wirklich nicht wissen, was Henry jetzt sagen oder tun würde. Würde er mich wieder anschreien? Nein,die Mühe würde er sich nicht noch einmal machen. Er würde sofort unsere Bekanntschaft beenden.
Aber Henry schweig. Er sah ebenfalls nach vorne. Eine Zeit lang war es totenstill im Raum, während die Zeit immer langsamer verging.
„Okay“, murmelte er dann.
Ich hob beide Augenbrauen.
Okay? Das war alles? Ein einfaches >okay<?
„Du bist nicht sauer?“, fragte ich.
Eigentlich hätte ich das von ihm erwartet. Keine Ahnung warum, aber in letzter Zeit hatte ich ihn bei solchen Angelegenheiten nur so erlebt.
„Liv, wie oft habe ich dir in den letzten Wochen gesagt, dass ich noch in dich verliebt bin?“, fraget er. „Warst du damals je sauer?“
Nein, das war ich nicht gewesen, aber nur weil ich es nie richtig wahr genommen hatte. Doch in diesem Moment war es mir so klar. Er hatte mir es jedes mal gesagt. Bei dem Gespräch als er unsere Freundschaft beendet hatte, an dem Tag als er mir das mit unserem letzten Kuss erzählt hatte...
Ich schloss die Augen erneut. Ich musste mich konzentrieren. Hieß das, er war auch jetzt noch in mich verliebt?
„Das heißt, wir haben uns mit jemandem neues nur getroffen, weil wir beide dachten, dass der andere uns nicht mehr liebt?“, fragte ich.
Meine Augen waren noch immer geschlossen. Ich hatte Angst zu weinen. All meine Gefühle liefen gerade über. Verwirrtheit, Freude, Trauer, all das stürzte auf einmal auf mich ein.
„Ja“ stimmte mir Henry zu.
„Ich habe wirklich alles falsch gemacht“, eine Träne lief mir über die Wange. „Anstatt auf dich zu zugehen habe ich nur darauf gewartet, dass du zu mir kommst, bis du einfach eine andere geküsst hast. Und das schlimmste ist, dass ich auch noch Jake seine Zeit weggenommen habe. Ich habe so sehr verletzt und das nur weil ich so dumm war“
Meine Tränen vermehrten sich. Sie liefen warm meine Wangen hinunter. Ich wollte sie stoppen, aber ich konnte nicht. All diese Schuldgefühle kamen wieder heraus. Vielleicht war es tatsächlich besser so, doch ich wollte nicht vor Henry weinen.
Henry drehte meinen Kopf so, dass ich ihn ansah. „Du hast nichts falsch gemacht“
Ich öffnete die Augen und sah in Henrys. So tief hatte ich schon lange nicht mehr in seine gesehen. Wie sehr ich dieses Grau vermisst hatte. Wie sehr ich ihn vermisst hatte...
„Du hattest völlig recht“, sagte er. „Ich bin nicht der richtige für dich“
„Du bist so ein Idiot“, erwiderte ich. „Das tust du immer. Du redest dir immer ein, dass du schlecht wärst und ich etwas besseres, aber falls es dir noch nicht aufgefallen ist, bin ich das nicht. Ganz im Gegenteil, du bist so viel besser als ich und ich kann verstehen, dass du Natalie mir vorziehst. Sie ist viel hübscher, klüger und was weiß ich noch alles“
Henry lachte und schüttelte den Kopf. „Glaub mir, Natalie ist in keinster Weise besser als du“
Er sah mir bei jedem dieser Worte genau in die Augen. Mein ganzer Körper überzog sich mit einer Gänsehaut. Meine Tränen versiegten, doch ich glaubte ihm keinWort.
„Liv, du brauchst kein Make-up,um schön auszusehen und auch keine blöden Highheels. Für mich bist du perfekt, genauso wie du bist“
Nun schlug mein Herz ungleichmäßig und schnell.
„Wieso sagst du mir das?“, wollte ich wissen.
Ich war nicht nervös. Ich fühlte mich sicher, doch in Henrys Gegenwart fühlte sich alles auf einmal so.... anders an. So wie ich es bei Jake nie gespürt hätte.
„Ich habe keine Ahnung“, gab er zu. „Vielleicht weil ich es dir noch nie gesagt habe“
Und ganz plötzlich wie auf einen Schlag waren meine Gedanken ausgeschaltet. Mein Gehirn gab es nicht mehr. Es gab nur noch mein Herz, dass so viele Gefühle zeigte. Es gab nur noch mein Herz, auf das ich hörte. Immer hatte ich auf meinen Kopf gehört. Darauf, dass es richtig wäre und dass man nur wenn man auf den Kopf hört ein perfektes Leben führt. Aber wenn es sich wirklich richtig anfühlt, auf sein Herz zu hören war es dann falsch?
Doch darüber dachte ich nicht nach. Ich dachte gar nicht nach, sondern führte meine Lippen einfach an Henrys. Zurückblickend hatte er wohl genau die selben Gedanken wie ich. Dass das falsch wäre, doch auch er dachte nicht nach, sondern erwiderte meinen Kuss.
Ich hatte gar nicht gewusst, wie sehr ich dieses Gefühl vermisst hatte. In meinem Magen flogen tausende von Schmetterlingen. Ich hatte keine Angst oder etwas dergleichen. Alles in mir war so glücklich.
Ich hatte Henry so sehr vermisst und noch mehr seine Nähe.
Unser Kuss wurde intensiver. Keiner von uns beiden dachte mehr nach, was wir da taten und wen wir da überhaupt küssten.
Meine Hände glitten unter den Saum von Henrys T-Shirt und ich spürte wie er zögerte.
Ich dachte nicht nach, warum er zögerte, ob es nun wegen Natalie war oder ob er nicht mit mir schlafen wollte,aber das war auch nicht wichtig.
Henry ließ es zu. Wir beide dachten nicht nach und gaben uns einfach nur hin.
Kaum hatte ich Henrys T-Shirt über seinen Kopf gezogen hob er mich hoch und küsste mich weiter. Ich spürte jede seine Berührungen. Alles fühlte sich an, als hätte sich nichts geändert. Ich wollte nicht, dass er aufhört und das tat er auch nicht.
Alles fühlte sich schwerelos an, doch auf eine gute Weise.

Meine Augen fühlten sich seltsam leicht an. Ich musste mit ihnen gegen das Licht von außen blinzeln.
Ich spürte nichts unter oder über mir. Mein Körper fühlte sich an, als wäre er Luft.
Ich schloss meine Augen erneut und versuchte mich daran zu erinnern was gestern passiert war. Ich wollte nie wieder aus diesem schwerelosen Körper heraus. Es fühlte sich toll an.
Doch kaum hatte ich auch nur eine Sekunde daran gedacht, was gestern passiert war schreckte ich hoch.
Mein Blick wich an mir herunter. Ich war bis auf meine Unterwäsche vollkommen nackt. Schnell zog ich meine Bettdecke nach oben und sah zu Henry hinüber. Auch er trug seine Boxershorts, allerdings war ich mir ganz sicher, dass weder ich noch er das Zeug nicht abgelegt hatten.
Verdammte Scheiße... Was hatte ich nur getan?
Hektisch sah ich mich im Raum um. Noch niemand war wach, vermutlich da sowieso jeder einzelne von ihnen einen Kater hatte. Bei Ernest war der Abend wahrscheinlich auch nicht nüchterner gewesen.
Ich kniff die Augen zusammen.
Was hatte ich denn bloß getan? Oh Gott, ich war so bescheuert! Und das war noch nett ausgedrückt. Wieso war ich nur so blöd?
Was sollte ich denn jetzt tun?
Ich sah nochmal hinüber zu Henry, der  immer noch schlief.
Er sah beim Schlafen wirklich süß aus. Verdammt, ich musste mich konzentrieren!
Vorsichtig rüttelte ich an seiner Schulter.
Er stöhnte, doch bewegte sich kein Stück. Den Scham, den ich gerade verspürte war unbeschreiblich.
„Henry?“, flüsterte ich.
Ich hatte keine Ahnung, warum ich flüsterte. Vermutlich hatte ich Angst Grayson oder sonst wer könnte uns hören.
„Was?“, nuschelte er verschlafen.
Er schien noch nicht ganz bei Bewusstsein zu sein. Er drehte sich nur sehr langsam um. Ich gab ihm einige Sekunden, in denen er sich den Arm vor den Augen hielt und langsam zu sich kam.
In seinen Augen spiegelten sich die Gefühle. Schläfrigkeit, Verwirrung und schlussendlich Angst. Er war erschrocken.
„Oh Gott, nein“, er setzte sich auf und sah sich in meinem zimmer um. „Nein, nein, nein, nein, nein“
Seine Stimme war ganz leise, jedoch genauso panisch. Ich konnte so gut mit ihm mitfühlen.
Er sah an mir herunter. „Wir haben doch nicht...?“
Ich brauchte kein weiteres Wort sagen. Henry verstand nur meinen Blick.
Nun wich große Verzweiflung in seinen Blick. „Nein, das darf nicht wahr sein“
Mich enttäuschte es kein bisschen, dass er so etwas sagte, immerhin hatte er eine Freundin.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, doch in diesem Moment hätte ich wohl irgendetwas sagen müssen.
Henry stieg hastig aus dem Bett und schnappte sich seine Jeans. Er wollte offenbar nur nicht halbnackt mit mir im Bett liegen und so fand selbst ich es besser. So wurden meine Schuldgefühle weniger.
„Es tut mir leid“, stammelte ich.
Ich konnte selbst noch nicht richtig glauben, was da passiert war und was ich getan hatte. Ich hatte mit meinem Exfreund geschlafen, mit dem ich noch nicht einmal Sex in der Beziehung hatte.
„Nein, es... es ist nicht diene Schuld“, er seufzte wütend. „Es ist ganz alleine meine Schuld, weil ich so ein verdammter, Scheißkerl bin“
ich konnte seinen Selbsthass förmlich greifen und das konnte ich verstehen, allerdings gehörten zu so etwas wohl doch immer zwei.
„Ich habe angefangen, es tut mir so unendlich leid“, sagte ich.
Henry lief unruhig im Zimmer auf und ab. „Was haben wir nur getan?“
Genau die selbe Frage hatte ich mir auch schon gestellt und er hatte so recht. Wir hatten einen riesigen Fehler gemacht.
„Nein, das kann ich Natalie doch nicht antun“, schimpfte er. „Ich bin so ein Arsc**och! Und das ist noch nicht einmal schlimm ausgedrückt!“
Ich presste die Augen zusammen. „Das ist nicht nur deine Schuld“
Ich wusste ganz genau, warum er so sauer auf sich war. Er hatte Natalie betrogen und das war wohl eins der schlimmsten Dinge, die er hätte tun können.
„Du hast aber wenigstens keinen Freund mehr“, Henry fuhr sich durch die Haare.
Da hatte er wohl oder übel recht, allerdings war die Erklärung warum ich keinen mehr hatte, der Grund gewesen warum das hier erst passiert war.
„Wieso hast du mich nicht unterbrochen?“, fragte ich. „Ich meine, du warst doch bei vollem Bewusstsein, du hättest nur etwas sagen müssen“
„Weil ich nicht wollte“, versuchte er zu erklären.
Ich zog eine Augenbraue hoch. Was? Ich verstand nur Bahnhof.
Henry seufzte. „Ich habe schon seit Wochen vor mit Natalie... Schluss zu machen. Gestern war einfach mein Gehirn weg. Ich habe gar nicht mehr an Natalie gedacht. Ich komme so was von in die Hölle!“
Ich hörte ihm gar nicht mehr zu, wie er wieder über sich selbst schimpfte.
„Du wolltest mit Natalie Schluss machen?“, fragte ich. „Wieso?“
Henry hörte auf wie ein Verrückter herum zu laufen und sah mich an. „Wieso hast du mit Jake Schluss gemacht?“
Ich sah ihn erstaunt an. Er wollte wegen mir mit Natalie Schluss machen? Alles in mir sagte, dass er log, aber wieso sollte er das tun?
Immer noch bewarf er sich selbst mit Schimpfwörtern, während ich über alles nach dachte.
Vielleicht war das gar kein Fehler gewesen? Möglicherweise war das nur ein Anstupser gewesen an uns zu arbeiten. Daran uns wieder richtig zu versöhnen.
Mein Blick wich zu Henrys halbnackten Oberkörper.
Er war so durchtrainiert, dass ich mich wirklich fragte, wie oft er am Tag ins Fitnessstudio ging.
„Liv!“, riss mich Henry aus meinen Gedanken.
Ich sah erschrocken zu ihm auf. Er sah mich fassungslos an und selbst ich hätte mich am liebsten geohrfeigt. Ich hatte gerade einen riesigen Fehler gemacht und hatte nichts besseres zu tun als Henry weiter anzustarren.
„Tut mir leid ich... Wir brauchen frische Luft“, sagte ich. „Treffen wir uns draußen?“

Eigentlich hatte ich erwartet, dass Henry schon längst weg gegangen war, aber er stand wirklich draußen und wartete auf mich.
Er wirkte viel entspannter als vorhin. Im Gründe hätten wir mit dem Timing fast nicht besser liegen können. Niemand hatte Henrys Jacke bemerkt, die an der Garderobe hing, da so oder so jeder einen Kater hatte. Offensichtlich hatten sie mich noch nicht einmal vermisst. Jeder schlief in seinem Bett.
„Wirst du es Natalie erzählen?“, fragte ich Henry.
Er lehnte mit dem Rücken gegen den Zaun vor unserem Haus und sah verträumt auf die Straße. „Ja“, er schüttelte deprimiert den Kopf. „Ich wollte sie nie verletzten“
„Deswegen hast du nie Schluss gemacht?“, erkundigte ich mich.
Er nickte.
Natalie zu verletzen war etwas anderes als mich zu verletzen. Natalie war das sensibelste Mädchen, das ich kannte. Mit ihrer schlimmen Vergangenheit wurde es nur noch schlimmer.
„Wann wirst du es ihr sagen?“, fragte ich weiter.
Mir war bewusst, dass ich an all dem Schuld war. Ich alleine würde ihre Beziehung zerstören.
„Morgen in der Schule“, entgegnete er.
Er war in Gedanken und hatte den Blick nicht von der Straße abgewandt.
„Du bereust es“, bemerkte ich.
Er schüttelte den Kopf. „Nicht unbedingt das hier ich bereue es nicht mit Natalie Schluss gemacht zu haben. Hätte ich das getan wäre jetzt alles anders“
Er klang nicht wütend, sondern ganz neutral. Ich konnte ihn verstehen. Ich hatte ebenso keine Ahnung wie ich mich jetzt verhalten sollte.
„Du hast dir dein erstes Mal bestimmt anders vorgestellt, nicht?“, fragte Henry leicht grinsend.
Es war klar, dass er jetzt nicht wirklich lächeln konnte. Wir beiden hatten unglaubliche Schuldgefühle.
„So schlecht war es gar nicht“, sagte ich.
Abgesehen davon, dass ich mit einem Typen geschlafen hatte, der eine Freundin hatte.
„War das etwa ein Kompliment?“, wollte er jetzt wissen.
Ich grinste. „Klappe“
Henry grinste ebenfalls. Es war nicht sein Normales Lächeln. Ich konnte nicht einschätzen, was er fühlte. Ob es nun Wut auf sich selbst war oder Enttäuschung. Ich war beides, allerdings auf mich.
„Ich habe mir etwas überlegt“, sagte er nach einer Weile. „Ich werde dir helfen den Korridor zu retten. Heute Nacht“
Ich sah ihn verwundert an. „So plötzlich?“
Er nickte nur stumm.
Anscheinend wich er wieder zu dem alten Henry, vermutlich war er aber auch nur deprimiert.
„Und du weißt eine Lösung?“, hakte ich nach.
„Ja, aber du musst mir vertrauen“, erwiderte er.
Dieses mal nickte ich nur stumm. Ich vertraute ihm, allerdings hatte ich Angst vor diesem Korridor.
„Gut, dann fahr ich“, erwiderte Henry und nahm seine Schlüssel aus der Hosentasche.
Ich nickte abwesend.
Henry war schon am Auto, als er sich noch einmal umdrehte. „Ach und Liv, ich weiß, ich bin ein unglaublicher Idiot, der seine letzten beiden Freundinnen betrogen hat, aber ich würde nie mit jemandem schlafen, bei dem es mir nichts bedeutet“
ich lächelte amüsiert. Selbst in solchen Situationen schaffte er es mich zum Lachen zu bringen.
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Hey, meine Lieben :),
Okay, also wer hat das jetzt erwartet?
Ich wette ein paar haben gedacht, sie küssen sich oder streiten sich wieder,aber so weit ich weiß hat das niemand erwartet oder :D.
Schade, ich habe eigentlich versprochen es gestern hochzuladen. Wir haben leider schon 00:15 Uhr ;).
Nun ja, egal.
Ich bin mega gespannt auf eure Rückmeldung und seid nicht allzu sauer auf Henry, weil er Natalie betrogen hat. So eine Wendung muss einfach sein und Teenager machen solche Fehler anscheinend ja oft (zumindest im Fernsehen ;D)
Ich hoffe, euch hat das Kapitel gefallen und ihr lasst mir ein paar liebe Reviews da.
HEGDL Lilli <3
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