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Schwarz-Schwarz

von Kakyuu
GeschichteDrama, Tragödie / P18 / Gen
Dieter Hellstrom Hans Landa
06.10.2014
20.08.2015
16
23.428
1
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Dieses Kapitel
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06.10.2014 1.557
 
Vorwort: Ach, was soll ich dazu noch sagen? Ich spreche am drittbesten Italienisch? Nein. Mh … ach, ist mir doch Wurscht, wir pfeifen auf die Aussage, dass Slenderella Landa in Schwarz-Weiß zum letzten Mal im Hotel gesehen hat. Einen Vorfall gab es danach nämlich noch. Einen bedeutenden. Spielt kurz vor dem Beginn von Inglourious Basterds, da wo Landa Shosanna laufen lässt.

Schwarz - Schwarz


the hunt is what defines us

imminent defeat

the back of your shirt soaking

fear all you can feel



Isarland könnte schön sein, wenn es nicht diesen braunen Makel tragen würde. Es ist Webers Schöpfung durch und durch und es wird nicht besser, wenn sie noch länger hier herumsteht. Er ist der heimliche Herr von München (oder zumindest von Riem) und so gebärdet er sich auch. Slenderella mag den Ort nicht, dabei ist sie erst das zweite Mal dort. Und wenn es nach ihr geht, dann bleibt sie auch nicht lange.
Webers schnaufender Atem nervt sie, er kündigt ihn immer schon lange vorher an.
„Mein liebes Fräulein von Stahl“, keucht er hinter einer der Hecken schon vernehmlich. „Darf ich Sie zu einem Rundgang einladen?“
„Ich hatte bereits einen“, erwidert sie in Richtung unbekannt und wartet, bis Weber, gefolgt von diversen SS Unterscharführern, aus dem Gebüsch hervortritt, das er wohl irgendwie Hecke nennt. Was treibt er da überhaupt? Bespitzelt er sie? Na, und wenn schon. Slenderella verhält sich tadellos. Mehr oder minder jedenfalls. Oder: Niemand könnte ihr das Gegenteil beweisen. Dafür ist sie mittlerweile zu gut in ihrem Beruf.
„Ach, ich erinnere mich, Sie waren beim Braunen Band, nicht wahr?“
„Korrekt.“ Sie nickt.
„Das Rennen hat immer mehr Bedeutung gewonnen“, erläutert Weber erfreut. „Es ist bereits besser dotiert als Hamburg. Wer braucht schon ein blaues Band?“
Slenderella lacht mechanisch, denkt sich aber: Für die Leute war es bisher gut genug. Und braun ist ganz schön hässlich, wenn man auch blau haben kann.
„Ihr Sturm?“, wechselt Weber das Thema.
„Wartet draußen. Ich glaube nicht, dass Sie ein dutzend Jungspunde haben wollen, die Ihnen den Rasen platt trampeln.“
Weber lacht abermals. „Gewiss, Fräulein, da haben Sie Recht. Wenn nur jeder so viel von der Pferdezucht verstünde, dann hätte ich ein viel einfacheres Leben.“
Was immer ein platter Rasen mit Pferdezucht zu tun hat, denn sie hätte die Männer kaum über die Weiden von Isarland geschickt. Aber Webers komischen Assoziationen konnte sie noch nie folgen und er versucht eh immer nur das Thema so hinzudrehen, wie es ihm passt.
„Sie verstehen sicherlich, dass ich nicht sonderlich viel Zeit habe. Ich habe Anweisungen aus Berlin …“, beginnt sie, aber Weber schneidet ihr das Wort ab.
„Ich weiß, dass Sie Order aus Berlin haben, doch ich habe bereits entsprechende Vorkehrungen getroffen. Das hier ist wichtiger.“
„Wer entscheidet denn, welcher Deserteur wichtiger ist?“
„In diesem Falle: ich.“ Weber grinst schelmisch und macht dabei dicke Backen. Slenderella hasst ihn. Sie kann es gar nicht oft genug in Gedanken erwähnen.
„Wir haben es hier mit einem Mann zu tun, der gefährlicher nicht sein könnte. Denn er hat einen ganzen Sturm bei sich.“
„SS also, ja?“
Weber nickt und lässt sich einen Umschlag reichen, den er an Slenderella weitergibt. Sie nimmt ihn entgegen, ohne ihn zu öffnen. Die Buchstaben dort drinnen können warten. Interessanter sind meist Webers Ergänzungen. „Frankreich“, sagt Weber. „Sie kennen sich dort aus.“
Ungute Erinnerungen. An ihn. An Hugo. An Donnie. „Gewiss. Allerdings im Sommer. Wir haben Winter.“
„Das macht es für sie einfacher. Diese Jungs dort im Elsass, die werden die Wälder verlassen müssen, wenn sie nicht erfrieren wollen. Sie melden sich bei Sturmbannführer Hüttig.“
Hüttig, Hüttig … woher kennt sie den? Verflucht … der hat doch erst dieses Jahr im Mai die Leitung von Natzweiler-Struthof übernommen.
Weber scheint ihr den Unmut anzusehen.
„Ich werde nicht verlangen, dass Sie und Ihr Sturm dort einkehren müssen.“ Er tätschelt mitfühlend ihren Arm. Nicht, weil er irgendwie Bedauern empfindet über das, was in Natzweiler-Struthof geschieht. Sondern weil sie eine Frau ist und als solche damit nicht konfrontiert werden soll. Ist ja kein Wunder, dass sie sich unwohl fühlt. Weber kann man lesen wie ein offenes Buch. Mit Druckbuchstaben. Sehr groß!
Slenderella zwingt sich zu einem ausdruckslosen Grinsen, einem Totenkopflächeln nicht unähnlich, und dreht den braunen Umschlag in ihren Händen.
„Wie viele?“
„Nicht messbar. Unser Mann ist Hauptsturmführer gewesen. Weiß der Teufel, was ihn in die Hände der Résistance treibt.“
„Weiber“, antwortet Slenderella. Das hat sie schon häufig erlebt. Da wird aus vaterlandstreuen Helden plötzlich ein Rebell. Die Marken schickt sie nach Berlin zurück. Die Männer lässt sie laufen. So wie das auch mit Hugo geschehen wäre, wenn der sich nicht so dumm angestellt hätte. Auf den Deal lässt sich jeder ein. Nur die anderen, die Feiglinge ohne Ziel, die lässt sie nicht laufen. Eigentlich macht es ihr sogar Spaß. Dennoch: Im Konzentrationslager würde sie diese Burschen niemals abliefern. Das hat niemand verdient.
„Das kann sehr gut sein“, antwortet Weber. Dass er da nicht selbst drauf gekommen ist, wurmt ihn sichtlich, allerdings weiß er auch, dass er von allem, was außerhalb von München geschieht, keine Ahnung hat. Er liebedienert lieber beim Führer, der seine kostbare Rennbahn dennoch nie betreten hat. Er denkt im Ernst, mit einer Rennbahn bekäme man Besuch vom Führer? Das ist so kindisch, dass Slenderella die Worte fehlen. Aber sie darf sich nicht täuschen lassen: Weber ist mit dem Führer auf du. Auch wenn er die Rennbahn nicht besucht.
„Sie sollten wissen, dass dort viele Juden sind.“
„Und?“
„Es ist lediglich eine Warnung. Ich weiß nicht, wie viele sich ihnen angeschlossen haben.“
„Sie wissen doch sicherlich, dass mein letztes Treffen mit einer jüdischen Rebellentruppe positiv ausgegangen ist. Positiv für mich.“
Mehr oder minder. Sie hat ein paar von ihnen erwischt, allerdings nur deswegen, weil diese ihr nach dem Leben trachteten. Landa war dahingehend wohl erfolgreicher. Ein paar Juden weniger für ihn. Während sie nur Hugo verloren hat. Das hängt ihr immer noch nach. Dieser dumme Kerl.
„Sturmbannführer Hellstrom dürfte ebenfalls dort sein, wenn ich mich recht entsinne“, sagt Weber. „Sie kennen Hellstrom.“
„Flüchtig.“ Und sie hasst ihn genauso sehr wie Weber. Wenn nicht noch ein bisschen mehr. Weber ist einfach nur dumm, was ein Hauptgrund dafür ist, dass sie ihn nicht leiden kann. Sturmbannführer Dieter Hellstrom ist nicht dumm. Natürlich kann er Landa nicht das Wasser reichen. Aber in Hellstroms Gegenwart geht sie automatisch auf Zehenspitzen. Ein guter Mann ihres Vaters, der sie ständig in die Wange kniff; viel zu schmerzhaft, als dass es gut gemeint war.
Sie nickt erneut. „Ich werde morgen aufbrechen.“
„Instruktionen erhalten Sie von Sturmbannführer Hüttig. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es ihm vollauf reicht, wenn Sie die Männer in Natzweiler-Struthof abliefern.“
„Jawohl“, macht Slenderella, weil sie weiß, dass dies die einzig gültige Antwort auf einen solchen Befehl ist. „Gibt es noch etwas, das ich wissen sollte?“
Weber schüttelt den Kopf. Seine Kumpanen im Hintergrund schauen desinteressiert in der Gegend herum. Sie sind wohl genauso wenig begeistert wie sie, hier in Isarland herumzustehen und den letzten Blättern beim Fallen zuzusehen. Und ihre Füße sind garantiert genauso kalt wie Slenderellas. Ihr Atem wirft weiße Dampfwölkchen, als sie ausatmet.
„Es ist eigentlich keine große Sache. Aber es hat oberste Priorität. Ein Hauptsturmführer … also, ich bitte Sie. Das möchte in Berlin niemand hören. Und bis zum Obersalzberg sollte es auch nicht durchdringen. Die Sache ist … nun, wie soll ich sagen … recht delikat.“
Slenderella glaubt, sich verhört zu haben. Geheimhaltung? Vor dem Führer? Wie amüsant. Das kann man nutzen, je nach Bedarf.
„Was ist mit den Juden, von denen Sie sprachen?“
„Stehen höchstwahrscheinlich unter dem Schutz dieses Mannes. So genau können wir das nicht sagen. Sie nennen sich: Die Mannen vom Sherwood Forrest.“
„Robin Hood?“ Sie lacht verächtlich. „Sie sind so weit vom Sherwood Forrest entfernt, wie es nur geht. Stehlen sie auch bei den Reichen und geben es den Armen?“
Weber fällt in ihr meckerndes Lachen ein, das ihr augenblicklich leidtut. Immerhin ein edles Motiv. Falls es in dieser Welt noch so etwas wie Edelmut gibt: Sie wird ihn nicht auslöschen, so viel ist klar. Und mit Hüttig wird sie fertig. Der wird am Ende nicht mal nachfragen. Hellstrom ist jedoch eine Komponente, die sie ungern mit einkalkuliert.
Weber lässt sich ein Zigarrenetui reichen und zündet sich eine an. Der Rauch kräuselt sich im Morgennebel. Der Kies unter ihren Füßen knirscht, als sie ihr Gewicht verlagert.
„Noch etwas?“
Er schüttelt den Kopf. „Nein, Fräulein von Stahl.“ Er nimmt einen tiefen Zug.
In der Ferne hört sie den Hufschlag vieler Pferde, wahrscheinlich wird den Mutterstuten die Weide geöffnet. Warum er sie ausgerechnet auf Isarland empfangen hat, ist ihr nicht wirklich klar. Wahrscheinlich will er nur protzen. Ein schrecklicher Mensch.
„Brigadeführer Weber“, sagt sie, den Titel verächtlich in die Länge ziehend, aber er merkt es nicht. „Sie können sich darauf verlassen, dass diese Angelegenheit zu Ihrer Zufriedenheit erledigt wird.“
„Mit äußerster Diskretion“, ergänzt Weber hastig. Slenderella ist mittlerweile wirklich neugierig auf das Gesicht, das ihr aus diesem Umschlag entgegenstarren wird.
Sie salutiert und wendet sich zum Gehen, als Weber abermals die Stimme erhebt: „Fräulein von Stahl, sollten die Juden Ihnen allzu viele Probleme bereiten, dann können Sie sich vertrauensvoll an Standartenführer Landa wenden. Er verweilt derzeit in Nancy und ist bereits über Ihr Kommen informiert.“
Landa. Nancy. Slenderellas Lächeln gefriert. Oh, Scheiße.

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Weil Musik immer geht:
El condor pasa - Simon & Garfunkel
http://www.youtube.com/watch?v=Ddb9Br_iywU
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