Der Markab-Krieg: Reverse Battle

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P18
05.10.2014
05.10.2014
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Spoiler-Hinweis. Ab hier beginnt die eigentliche Geschichte um die Markabi, ihren Invasionsversuch und vor allem um Joaquin und seine Gefährten. Wer mit der Geschichte so, wie sie in Kapitel eins steht, zufrieden ist, möge hier stoppen und sie in seiner persönlichen Realität zu ihrem Ende erklären. Alle anderen mögen weiterlesen. Ihr seid gewarnt.


"...aufwachen." Was? Joaquin schreckte im Geiste hoch. Aber sein Körper reagierte nicht. Konnte oder wollte er nicht?
"Ich sagte, du sollst endlich aufwachen, mein Sohn."
Joaquin kannte die Stimme, sehr gut sogar, aber sie gehörte definitiv nicht Adrin Velasquez Montago, seinem Vater. Sie gehörte... General Logghan Estuuh Zolingarb! Nun gehorchte ihm sein Körper plötzlich doch, aber es reichte nicht dazu, hochzufahren, nur um die Augen einen Schlitz weit zu öffnen. Grelles Licht blendete ihn, und es dauerte einige Zeit, bis er sich daran gewöhnt hatte. Bis er mehr erkennen konnte als Schlieren. Bis er den General sah. Aus Schlieren und Farbtupfern schälte sich das vieräugige Gesicht des Markabi, das mit einem markabischen Lächeln auf ihn herab sah. "Na also. Wie fühlst du dich, mein Sohn?"
Joaquin wollte antworten, aber es kam nur ein Krächzen zustande.
"Wohoo, das war eine rhetorische Frage gewesen. Du bist noch gar nicht in der Lage, um zu antworten, geschweige denn um zu reden. Also lass es. Hör einfach nur zu. Und wenn du mir etwas sagen willst: Einmal die Augen schließen ist ein ja, zweimal ist ein nein. Hast du das verstanden?"
Joaquin schloss die Augen dreimal.
Verblüfft sah der General ihn an. "Soll das vielleicht heißen?" Er lachte heiser. "Nun gut. Vielleicht sollte ich dir einiges erklären. Du hast verdammt viel Glück gehabt. Deine Wunden und die Strahlenschauer der Reaktorexplosion waren nicht gerade gut für dich. Wir haben dich in einen Genesungstank gesteckt und gerade erst wieder rausgeholt. Du wirst überleben, und nicht nur das. Nach ein paar Tagen strikter Bettruhe wirst du wieder aufstehen können und vollständig gesund werden. Wir... Noch dreimal? Okay, ich erkläre wohl besser Dinge, die dich auch interessieren." Er schmunzelte. "Der Artam-Reaktor? Durchgegangen. Aber wir haben für solch einen Fall eine ERAD in der Reaktorhalle montiert. Das hat zwar bedeutet, die ganze Festung offline zu setzen, aber in dem Fall erschien es mir besser als die komplette Zerstörung von MORGBIHL. Ach ja, da nun alle unsere Verteidigungssysteme off waren und der Reaktor nicht schnell genug repariert und gebootet werden konnte, hat die Erdflotte MORGBIHL erobert." Der General tippte sich auf die Brust. "Es hat ein paar Veränderungen gegeben."
Erst jetzt sah Joaquin es. Zolingarb trug die Uniform der Erdflotte mit dem Abzeichen eines Fünf Sterne-Admirals. "Da der Großkönig den Verlust seiner Mega-Festung nicht sehr wohlwollend aufnehmen wird und ich und meine Leute in derem Zug zu Vogelfreien erklärt werden, habe ich mich entschlossen zu desertieren und in die Erdstreitkräfte einzutreten. Ich bin jetzt einer von euch, mein Sohn. Ich und die meisten meiner Leute. Ein Teil hat sich selbst entleibt, ein kleiner Rest bestand auf Kriegsgefangenschaft, obwohl jeder königliche Soldat sie ohne Strafe zu fürchten umbringen darf. Na, vielleicht werden sie noch schlauer, aber egal, das Problem wird später gelöst." Er lachte erneut. "Ich wusste, dass du ein verdammt fähiger Soldat bist. Das habe ich bei all unseren Treffen gesehen. Aber dass du mal mich und meine Mega-Festung bezwingen würdest, habe ich nicht erwartet. Nun, das bedeutet ein paar Jahre Ruhe, um MORGBIHL wieder herzurichten und die Flotte weiter aufzubauen, denn der nächste Angriff kommt bestimmt. Aber auch das werden wir in Angriff nehmen, wenn die Zeit reif ist. Jetzt solltest du versuchen, noch etwas zu schlafen, damit du schnell wieder aufstehen kannst." Der General, nein, der Admiral, wandte sich ab, um zu gehen. "Ach ja, das Wichtigste habe ich ja vergessen." Er sah noch einmal zurück. "Deine Kameraden, soweit sie dazu schon in der Lage sind, warten draußen vor der Tür, um hier rein zu dürfen. Da das aber zuviel Stress bedeutet, haben die Ärzte es verboten. Noch. Ich wollte aber, dass du weißt, dass sie überlebt haben." Der Admiral verließ den Raum und ließ Joaquin mit seinen Gedanken allein. Dann hätte er fast aufgelacht, und tatsächlich klang ein sehr heiseres Krächzen auf, von seinen überlasteten Stimmbändern produziert. Er träumte. Er träumte sich die Welt zurecht, so wie sie sein sollte. Eine ERAD-Bombe im Reaktorraum, der General desertiert und nun sein Gefährte und Freund... Und dazu die Nachricht, seine Kameraden hätten überlebt... Ganz klar ein Traum, ja. Aber... Aber dieser Traum bot ihm die Chance, sie alle noch einmal zu sehen. Ein letztes Mal, lebend, nicht zerfetzt, zerrissen, mit toten Augen... Er wollte träumen. Er brauchte diesen Traum.
Joaquin schloss die Augen, weil sie ihm schwer wurden. Er dachte, er hätte die Rechte zur Faust geballt, aber sicher war er sich nicht.

Er öffnete die Augen wieder, weil er etwas gespürt, etwas gerochen hatte. Es war so vertraut, so nostalgisch gewesen, dass... "Colonel Arida."
Wirklich, da saß sie, auf einem Stuhl neben seinem Bett und hielt seine Hand. Ihr langes blondes Haar war abgeschnitten worden, nur ein paar Millimeter lang, ihr linker Schädel unter einem Verband verborgen, ebenso ihr linkes Gesicht bis über die Wange, und das linke Auge. Aber sie lächelte ihn an und das rechte Auge strahlte. "Du kannst ja schon wieder sprechen!", rief sie erfreut. "Die Ärzte haben gesagt, das dauert noch mindestens einen Tag."
"Colonel, ich... Was... ist... das...?"
"Ach, das?" Ihre freie Linke ging zum Verband. "Erinnerst du dich, dass mich ein Scharfschütze erledigt hat?"
"Hart... mantel... Kobalt... kern...", antwortete er stockend.
"Tückische kleine Biester. Der Hartmantel ist panzerbrechend und sprengt alles an Rüstung auf, was wir Terraner haben. Und wenn die Kugel aufschlägt, bricht sich der Kobaltkern seine Bahn und durchschlägt alles, was dahinter liegt. Eigentlich ein Todesurteil, gerade bei einem Kopftreffer." Ein Schatten ging über ihr Gesicht. "Die Techniker haben den Schuss rekonstruiert und die Reste der Munition untersucht. Es war ein Quertreiber."
Quertreiber. So nannten sie jene Kugeln, in denen die Kobaltstifte nicht exakt an der Achse eingesetzt waren und somit alles perforierten, was sie trafen. Hier waren die Stifte so gesetzt, dass sie zwar an der Spitze begannen, nach oben hin aber den Rand der Patrone berührten. Solche Stifte wurden gegen sogenannte "weiche" Ziele eingesetzt, also leicht gepanzerte Soldaten. Denn der Kobaltkern taumelte beim Aufschlag und richtete somit viel mehr Schaden an. Das glich die unkoheränte Flugbahn durch das nicht austarierte Gewicht im Innern der Patrone mehr als aus. Immerhin, diese Waffe konnte man auch gegen Panzer einsetzen, theoretisch zumindest. Meist schossen die Markabi damit auf schwer gepanzerte Infanterie. "Der..." Sie stockte, strich über den Verband. "Der Treffer kam aus einem ungünstigen Winkel, schräg seitlich. Der Schütze hatte auf meine Stirn gezielt, aber ich muss da eine Bewegung gemacht haben, sodass sie an meiner Schläfe auftraf, gleich da, wo der Knochen wieder beginnt. Der Helm hat die Wucht etwas gemildert, nebenbei bemerkt, was wohl geholfen hat, mein Leben zu retten. Der Aufprallwinkel war derart, dass der Kobaltstift nicht in Richtung meines Schädels zielte, sondern von ihm weg und wieder durch den Helm schlug. Die Techniker haben ihn ein paar Meter hinter mir im Fußboden gefunden. Aber die Kugel hat genug Schaden angerichtet. Sie sprengte einen Teil des Schädelknochens weg, ein paar Splitter drangen in mein Gehirn ein, aber das große Ganze ging zum Glück glatt an mir vorbei. Ich... wurde lebensgefährlich verletzt, und nachdem ich fast zwei Liter Blut verloren habe, wäre ich alleine daran gestorben. Zolingarb selbst hat mich gerettet, indem er solange Kompressen auf meine Wunde drückte, bis die Ärzte sich um mich kümmern konnten. Das wird nicht leicht gewesen sein, so ganz ohne Strom in der gesamten Festung."
Joaquin konnte nicht anders. Obwohl er wusste, dass dies nur ein Traum war, drückte er ihre Rechte, so fest er konnte. "Nicht... so... schlimm... Colonel..."
"Rufst du mich sogar jetzt noch bei meinem Rang?", seufzte sie. "Aber was habe ich auch erwartet. Jetzt, wo mein Gesicht verwüstet ist, kannst du mich noch weniger als Frau sehen als während unseren Missionen. Ich... Entschuldige, dass ich das gesagt habe. Entschuldigen Sie, Sir." Sie erhob sich, ließ seine Hand fahren, aber er hielt sie fest, so gut er konnte. "Rebecca! Wunde... nicht... schlimm... Ärzte..."
Sie setzte sich wieder. "Endlich sprichst du mich mit meinem Vornamen an. Dafür musste ich ja auch nur fast sterben." Wieder strich sie sich über den Verband. "Ja, die Ärzte kriegen das wieder hin, restaurieren meine Schädeldecke, reparieren die Schäden in meinem Gesicht, und ich sehe wieder aus wie vorher. Aber alle werden wissen, dass mir der halbe Kopf weggeschossen wurden. Überall wohin ich gehe, werden sie mich aus mitleidigen Augen anschauen, immer das Opfer sehen, nicht den Soldaten, nur die hübsche, aber so furchtbar entstellte Frau. Und dann werden sie auf meinem neuen Gesicht herumdrücken und fragen, ob es abfallen kann, und... Und..."
"Hast... dir... schon... immer... unnötige... Sorgen... gemacht...", brachte Joaquin hervor.
"Na, heiraten werde ich jedenfalls nicht mehr. Wer wird mich jetzt noch nehmen?", fragte sie spöttisch, die rechte Augenbraue hochgezogen.
"Mir... ist... egal... wie... du... aussiehst... Wer... du... bist... ist..." Ein Hustenanfall unterbrach ihn für einen Moment. "Ent... schuldige... Will... sagendass... du... wichtig... bist... Nicht... dein... Aussehen..."
Sie schnaubte leise. "Du weißt, sobald der Krieg mir eine Pause lässt, wollte ich nach zehn Jahren als Soldat auch mal wieder eine Frau sein. Endlich einen Freund finden, der zu mir passt, vielleicht heiraten, eine Familie gründen. Das war nicht nur ein Traum, das war ein Lebensziel. Und ich hatte immer gehofft, dass... Dass du, Joaquin, du... Entschuldige, ich rede wieder zuviel." Erneut erhob sie sich, wollte zur Tür gehen, aber wieder hielt er sie fest. Dies war ein Traum, ein verdammter Traum, aber der verdammt noch mal beste Traum, den er je gehabt hatte. "Ja", sagte er schlicht.
"Wie? Was, ja?"
"Ich... heirate... dich... Gründe... Familie..."
Entgeistert starrte sie ihn an. Das war eine Sekunde, bevor ihr halbes Gesicht vor Glück schier zerschmelzen wollte und Tränen der Freude ihr rechtes Kinn herabflossen und der Verband auf dem linken Auge feucht wurde. "Das würdest du tun? Eine dumme Soldatin, die nichts anderes kann, als Soldat zu sein, hässlich wie die Nacht und mit halbem Gesicht, heiraten?"
Tausende Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Ihr erstes Treffen, als man ihm Rebecca Arida als strategische Beraterin zur Seite gestellt hatte, wie sie sich die ersten Male angeblafft hatten, sich aber irgendwann zusammengerauft hatten, wie sie der alte Sarge Henderson mal absichtlich mit einem Fahrstuhl hatte "verlorengehen" lassen, damit sie einander besser kennenlernen konnten; die vielen, vielen Momente der unbewussten Berührungen, der tiefen Blicke... Und das eine Mal, als sie mit der ganzen Bande ausgegangen waren, dieser Tanz, den sie zusammen gehabt hatten, als sich ihre Körper wie Ertrinkende aneinander gedrängt hatten, ihre Lippen nur noch von der Dicke eines Blatt Papiers getrennt waren, als sie einander tiefer denn je in die Augen geschaut hatten und jeder das Verlangen des anderen gespürt hatte... Und sie beide wahrscheinlich auf einen ersten Schritt des anderen gewartet hatten, Militär hin, Militär her.
Sie hatten eben erst sterben müssen. Hätte es so sein können, in der Realität, ohne diesen Traum? Nein, natürlich nicht. Weder hätte sich Rebecca endlich getraut, den ersten Schritt zu tun, noch hätte er den Mut gefunden, den zweiten zu machen. Aber so hätte es sein sollen. So hätte es geschehen müssen, um diese Frau endlich einzufangen und nie wieder freizugeben. "Heirate mich", sagte er mit Nachdruck in der Stimme. Und das erstaunlich klar, bevor ihn ein erneuter Hustenanfall quälte. Viel sprechen war noch nicht gut für seine Lunge.
"Nur, wenn du schnell wieder gesund wirst", hauchte sie, beugte sich zu ihm herab und drückte unbeholfen ihre Lippen auf die seinen. Dennoch war es ein Gefühl wie ein Stromschlag, als sie sich berührten. Er spürte, was sie alles verpasst hatten, aus Angst, aus falsch verstandenem Pflichtgefühl und aus dem Gedanken heraus, "später" wäre immer noch genügend Zeit. Aber es gab kein später. Es gab nur diesen Traum. Und in diesem Traum fanden sie endlich zueinander.
"Schöner Traum", flüsterte Joaquin, als sie ihre warme Stirn auf die seine legte. "Will nie... wieder... aufwachen..."
"Wenn das hier ein Traum ist...", hauchte sie, und ihre Freudentränen benetzten sein Gesicht, "dann will ich auch nie mehr aufwachen."
Sie küssten sich erneut, und es war noch schöner als beim ersten Mal. So blieben sie beieinander leise miteinander flüsternd, sich küssend, bis er doch wieder einschlief.

Als er diesmal erwachte, war er allein. Merkwürdig. Er hatte erwartet, all jene Kameraden zu sehen, die eigentlich auf der MORGBIHL gefallen waren. Zolingarb hatte es doch versprochen. Strengte er sich nicht genug an? Träumte er sich seine Welt nicht gut genug zurecht? Aber immerhin, er fühlte sich relativ gut, auch wenn da ein dumpfer, ziehender Schmerz war, der sich durch seinen Körper von Wunde zu Wunde zu ziehen schien.
"Schön, wenn der Schmerz nachlässt, was, kleiner Ritter?", erklang eine spöttische Stimme von der anderen Seite des Raums. Komisch, da hatte noch nie einer gestanden oder gesessen. Alle hatten die Seite gewählt mit der Tür im Rücken. Joaquin wandte sich der Stimme zu. "Ziilighan!", rief er erleichtert. Auch wenn es nur ein verdammter Traum war, es tat gut, den alten Kämpen zu sehen und ihn wieder "mein kleiner Ritter" nennen zu hören. Aber was er eigentlich hatte sagen wollen, war: Wie hast du überlebt?
"Entschuldige, wenn ich sitzen bleibe, kleiner Ritter", sagte der Markabi. Er deutete auf seine beiden Beine. Ein Hosenbein war bis auf eine Wölbung am Oberkörper leer. "Sie regenerieren mein Bein, aber bei über einem Meter ist das eine sehr langwierige, schmerzhafte Angelegenheit. Nicht so einfach, wie dir einen neuen Lungenflügel zu klonen und zu implantieren. Man hätte mir auch ein fertiges Bein klonen und ansetzen können, aber dann wäre es nie wirklich ein Teil von mir geworden, du verstehst?"
Joaquin nickte zustimmend. "Das Bein...?"
"Tja, an was erinnerst du dich noch?"
"Das Schott ging zu. Du kamst als Letzter durch und wurdest eingeklemmt."
"Ich habe mir mit der Laserklinge das Bein abgeschnitten, gerade als die Falz zuzuklappen drohte. Habe mich fallen gelassen und es so aus dem Torrahmen geschafft. Beinahe hätte das Schott auch noch meinen rechten Unterschenkel erwischt, es war haarscharf. Tja, und dann lag ich da eine Zeitlang in meinem eigenen Blut beim verzweifelten Versuch, die Wunde zu kauterisieren. Ich dachte, das macht schon die Laserschneide für mich, aber das Brandsiegel war so dünn, dass die Hauptschlagadern das Blut hindurch drücken konnten. Und nebenbei musste ich mich auch noch gegen die Besatzung wehren, so gut ich konnte. Tja, und dann wurde es dunkel und die Ventilation setzte aus, und ich wusste: Verdammt, alter Knabe, der kleine Ritter hat's geschafft. Jetzt kannst du in Frieden sterben. Tja, aus dem Sterben ist nichts geworden. Chun und die Marines von der UNITED NATIONS haben mich gefunden und evakuiert. Dort wurde ich dann mit den anderen versorgt. Aber eines verstehe ich dabei nicht. Warum hat Henderson gelacht und gemeint, ich hätte ja noch ein drittes Bein?"
Joaquin gluckste über diesen für den alten Bärenbeißer so typischen Witz, bis ihm bewusst wurde, was sein alter Freund und Kampfgefährte gerade gesagt hatte. "Der Sarge lebt?"
"Natürlich lebt er. Hatte Glück wie eine ganze Kompanie, und... Entschuldige bitte. Du verstehst." Der Markabi zückte seinen Komm. "Sergeant Ziilighan hier. Ja, er ist wach. Wenn der Arzt nichts dagegen hat, kommt rein. Ja, danke." Er grinste Joaquin an. "Bereit für ein Happy End?"

Die Tür ging auf, und der alte Bärenbeißer trat ein, auf seiner Zigarre kauend, die er aber nicht anstecken durfte, schon gar nicht auf der Krankenstation der MORGBIHL. "Verdammt, bist du zäh, kleiner Bruder!" Er trat an das Bett heran und knuffte ihm leicht gegen die Schulter. Leicht zumindest für seine Begriffe. "Und was musste ich da hören? Du hast dir das schönste Vögelchen der Flotte geangelt? Wurde ja auch langsam mal Zeit."
"Allerdings wurde das Zeit!", rief Lieutenant Est, als er eintrat. Dabei humpelte er leicht, aber er war eindeutig am Leben. "Wie ihr zwei umeinander scharwenzelt seid, das konnte ja keiner mehr mit ansehen. Also, wann kannst du hier raus, Commander?"
"Sei nicht so ungeduldig", warf Verena Stellvin ein, als sie das Zimmer betrat. "Ich will lieber einen gesunden Commander sicher auf den eigenen Füßen stehen sehen, als ihn um jeden Preis rauszuholen. Rebecca läuft ihm garantiert nicht weg." Sie ließ die Rechte in die Linke krachen, was bei der zierlichen Afrikanerin ein bisschen komisch aussah. "Und dass er nicht wegläuft, dafür sorge ich schon.
"Franklin! Verena! Ich meine Lieutenant." Sein Blick flog vor Glück und Freude von einem zum anderen. "Colmar?"
Die drei senkten betreten den Blick. "Dick hat's nicht rechtzeitig geschafft", brummelte Stellvin.
"Was?" Ihm ging ein schmerzhafter Stich durchs Herz. Auch wenn dies nur ein Traum war, sein Traum, es wäre ihm so wichtig gewesen, auch den PFC zu sehen, der ihm ein so guter Freund und Kampfgefährte geworden war. Konnte er diesen Traum nicht wissentlich gestalten? Es war doch seiner.
"Was die drei Idioten dir sagen wollen, Commander", klang eine weitere Männerstimme auf, während ein Schwebestuhl in den Raum kam, "dass ich auf Toilette war und nicht mit hinterher gekommen bin, als die anderen los sind, um dich zu sehen. Ihr Verräter!" Böse funkelte Colmar die drei an.
"Das heißt Lieutenant Verräter, Private", tadelte Stellvin mit übertrieben ernster Miene.
"Ärger den Kleinen doch nicht, Rena", tadelte der Sarge. "Und, hast du wenigstens gut abgewischt, Dick?"
Der Protest des Mannes im Schwebestuhl ging im allgemeinen Gelächter unter.
"Ja, ja, Humor ist, wenn man trotzdem lacht." Er fuhr den Sessel bis ans Bett heran und griff nach Joaquins Linker. "Schön, dich lebend zu sehen, Commander. Meine Lichter gingen schon aus, bevor du die Lichter ausgemacht hast, und aufgewacht bin ich mit einem zerquetschten rechten Bein, einem halb abgerissenen linken, ein paar Schnittwunden und einem geplatzten Dickdarm. Das waren die harmlosen Verletzungen. Zum Glück bin ich auf der Krankenstation aufgewacht. Aber ich dachte echt, das wäre es für den alten Richard. Ich habe jedoch nie daran gezweifelt, dass du Zolingarb kräftig in den Arsch trittst. Äh, dass mir das keiner dem Admiral weitersagt. Er ist ja jetzt unser kommandierender Offizier, und so."
Joaquin richtete sich im Bett auf, was die anderen protestieren ließ. Dann aber beließ es Verena dabei, ihm ein Kissen hinter den Rücken zu stopfen, damit er gut sitzen konnte. Währenddessen drückte er die Hand des PFC. "Und ich dachte, als die Wand links von dir weggeblasen wurde, du wärst mit fortgeblasen worden, ab ins Jenseits."
"Ha! Unkraut vergeht nicht! An mir ist vielleicht nicht mehr alles heile, aber immerhin ist noch alles dran. War kein Seitenhieb, Ziili."
"Habe ich so auch nicht verstanden, Dick."
Sie lachten, und es fühlte sich gut an. "Wie war es bei euch? Sarge?"
Der große grummelige Mann lächelte, als wäre ihm ein zweiter Plumpudding zum Frühstück versprochen worden. "Ich habe doch gesagt, ich halte sie auf. Irgendwann war einfach keiner mehr da, der aufgehalten werden wollte, und dann stand ich da, ohne Gegner. Ich bin dann hinterher und habe Dick gefunden und notdürftig verarztet. Als dann die Station dunkel wurde, war eh alles klar."
"Bei mir ging's besser", sagte Franklin Est. "Als ich abgedrängt und abgeschnitten wurde, haben mich die Bastarde von der V. Sturmbrigade überwältigt, um das Kopfgeld dafür zu kassieren, mich lebend zu übergeben. War ein furchtbarer Kampf, und ich habe mich gewehrt wie ein Großer, aber irgendwann hatten sie mich am Boden. Die sind jetzt übrigens alle auf unserer Seite, und ich kann's nicht erwarten, mit denen Seite an Seite zu stehen."
"Bei mir war es ganz anders." Lieutenant Verena Stellvin deutete auf ihren Hals, wo ihre milchkaffefarbene Haut durch ein tiefes Rot unterbrochen wurde. "Als mich der Sniper erwischt hat, hat er etwas zu tief gezielt. Das gleiche Ding eine Handlänge höher, und mein Kopf wäre geplatzt wie eine reife Melone. So hat er mir nur einen Durchschuss verpasst, der mir die halbe rechte Schilddrüse zerfetzt hat. Mein Kehlkopf hat auch was abbekommen, deshalb spreche ich gerade per Voicer mit euch. Hat ewig gedauert, bis die künstliche Stimme wie meine eigene klang. Danke dafür noch mal, Dick."
Der Mann im Schwebestuhl lächelte. "Du weißt, nichts kenne ich so gut wie deine liebliche Stimme, mein Schatz."
"Schatz?", echote Joaquin.
Verena winkte ab. "Ist gerade nicht wichtig. Auf jeden Fall haben wir die Mega-Festung erobert und auch noch alle überlebt. Das ist ein Grund zum Feiern, also werde gefälligst schnell wieder gesund, Joaquin. Schließlich..." Ihr Grinsen wurde breiter. "Schließlich haben wir ja auch einen richtig guten Grund, um zu feiern. Wir werden ja wohl alle auf deine Hochzeit eingeladen werden, nicht?"
"Hochzeit?"
"Becky hat keine Zeit verloren, kaum dass sie dein Krankenzimmer verlassen hat, kleiner Bruder", sagte der Sergeant. "Hat euren Heiratswunsch gleich Admiral Keller gemeldet und einen Termin festgesetzt. Ich glaube, aus der Nummer kommst du nicht mehr raus."

"Nun ist aber gut!", klang die etwas zu schrille Stimme von Doktor Zort herein. Er betrat das Zimmer und sah sich tadelnd um. "Drei, habe ich gesagt. Maximal drei. Wie viele seid Ihr?"
"Mehr als drei?", fragte Dick grinsend.
"Exakt, also alles raus hier, bis auf Ziilighan!
"Aber dann fehlen ja zwei", murrte der weibliche Lieutenant. Dennoch schloss sie sich den widerstrebend aufbrechenden Kommandosoldaten an.
"Da fehlen zwei, weil da zwei sind, die hier unbedingt rein wollen und es meiner Meinung nach auch sollten!", rief er ihnen hinterher. Als der Raum fast verlassen war, trat er in den Gang. "Sir, Sie können jetzt eintreten."
Der hagere, etwas zu kleine und etwas unterernährt wirkende Mann, der eintrat, war Adrin, sein Vater. Erschüttert sah der Mann zu seinem Sohn im Krankenbett herüber. "Sie haben mir erzählt, du hast Strahlung abbekommen. Wärst mehrfach getroffen worden. Dem Tode näher als dem Leben. Aber du siehst gut aus, richtig gut aus."
"Es geht ihm auch gut. Dank der markabischen Heiltanks haben wir die Mikroschäden durch die Strahlung restlos getilgt. Dann hat er einen neuen Lungenflügel und eine neue Herzklappe bekommen, und es wurden noch ein paar Kleinigkeiten gemacht. Aber er ist weit über dem Berg. Wenn er morgen aufwacht, können Sie ihn mitnehmen, Sir."
"Danke, Doktor. Darf ich ihn berühren?"
"Das weiß ich nicht. Das müssen Sie schon Ihren Sohn fragen."
Die Hand seines Vaters schwebte über seiner Schulter. Dann ließ er sie ohne zu fragen langsam herab, bis sie ihn berührte. War das der gleiche Vater, der sich immer schwer getan hatte, Gefühle zu zeigen? "Ich war immer dagegen, dass du Soldat wirst. Aber du hast die Welt gerettet, und kein Vater könnte stolzer sein als ich. Und dann dieses Mädchen, das du dir da geangelt hast, Respekt, Respekt." Er lächelte verschmitzt.
"Mädchen", klang es spöttisch aus dem Gang. "Ich bin schon über die dreißig."
"Rebecca?", fragte Joaquin. "Warum kommst du nicht rein?"
"I-ich trau mich nicht", gestand sie. "Die Ärzte haben die Verbände abgenommen, und... Und ich weiß nicht, ob du mich so noch magst."
Innerlich stählte er sich für den Anblick einiger handfester Narben im Gesicht seiner Angebeteten. "Du weißt, ich liebe dich für das, was du bist, nicht das, wonach du ausschaust." Innerlich lachte er über sich selbst. In der Wirklichkeit hätte er nie so frei, so offen sprechen können.
Ein Seufzer kam vom Gang, dann ein Haufen Stimmen, die gemeinschaftlich auf Colonel Arida einredeten, bis ein Dutzend Hände sie schließlich gegen ihren Willen durch das Schott ins Krankenzimmer schob. "Verräter!", beschwerte sie sich. Aber es war zu spät. Nun war sie im Raum. Sie wandte ihm das Gesicht zu. "Und?", fragte sie ängstlich.
Erleichtert atmete Joaquin aus. "Du siehst aus wie immer, Schatz."
"Siehst du es denn nicht?", fragte sie erstaunt und trat näher heran.
"Nein, die Chirurgen haben perfekte Arbeit geleistet. Worüber ich sehr froh bin. Die Leute sollen mich doch um meine schöne Braut beneiden."
"Du brauchst mir nicht zu schmeicheln. Ich heirate dich doch schon", tadelte sie. Dann war sie ihm so nahe wie damals beim Tanz. "Siehst du es jetzt?"
"Ja, doch, ja. Dein linkes Auge hat jetzt eine weiße Iris. Und?"
"Was, und? Ein Auge blau, das andere weiß, das ist doch..."
"Besonders?"
"Irritierend!", sagte sie. "Oder hässlich! Ich..."
Joaquin drückte sie an sich und küsste sie. "Nichts, was mit dir zusammenhängt, kann jemals hässlich sein. Selbst wenn du nur noch ein halbes Gesicht haben würdest, ich nehme dich trotzdem. Das beste Mädchen von ganz Terra schnappt mir keiner mehr weg."
"So hättest du vor zwei Jahren mit mir reden sollen", murrte sie. "Dann hätten wir nicht so viel Zeit vertan."
"Was denn? Wir haben doch genug Zeit", lachte er. Zumindest hoffte er, dass der Traum noch sehr lange dauerte, sein Tod in der Explosion noch nicht eintrat. "Dies ist ein Traum, ein wunderschöner Traum, und ich kann dir jetzt endlich alles sagen, was ich denke und für dich fühle. Glaubst du, das hätte ich vor zwei Jahren gekonnt, selbst wenn du mir damals gesagt hättest, dass du mich liebst?"
"Unser Traum", lachte sie und küsste ihn erneut.
"Ihr heiratet natürlich in unserem Haus", sagte Vater bestimmt. "Deine Eltern überrede ich schon noch, mach dir da keine Sorgen, Rebecca. Unsere Hazienda ist wie geschaffen für so ein Ereignis. Und ich werde froh sein, wenn auch mein letztes unverheiratetes Kind unter der Haube ist. Ich habe auch schon mit der Planung begonnen! Wird viel Militär kommen? Dann wäre es gut, in den Einladungen zu schreiben, dass die Garderobe nicht hinter den Paradeuniformen zurückstecken sollte."
Joaquin runzelte die Stirn. "So weit habe ich noch nicht gedacht. Ich war ja hier im Bett gefangen."
"Aber ich. Wir müssen unbedingt die Liste absprechen. Und wir müssen bestimmen, auf welcher Seite Logghan sitzen wird."
"Logghan Zolingarb wird natürlich auf meiner Seite sitzen", bestimmte Joaquin resolut. "Dafür kannst du auf deiner Seite Präsidentin Mogabo bekommen."
"Wie edel von dir, mir die Präsidentin der Vereinten Nationen zu überlassen. Aber abgemacht, ist ein Deal. Was machen wir mit Admiral Keller? Wir können ihn ja kaum teilen oder klonen."
"Ich sehe, Ihr habt viel zu besprechen. Und ich habe noch mehr Patienten. Mit Komplikationen ist nicht zu rechnen, aber denkt dran, dass der Admiral immer noch etwas schwach ist. Ich meinte Commander." Zolt nickte und trat wieder in den Gang hinaus.
"Admiral?", fragte Joaquin. "Was meinte er damit?"
"Vielleicht bist du befördert worden", nuschelte sie. "So ein kleines bisschen über zwei, drei  Rangstufen."
"Ach, deshalb willst du mich heiraten. Weil ich jetzt einen anständigen Sold kriege", scherzte Joaquin.
"Nanu, das nimmt aber jemand sehr gefasst auf. Ohne Gestammel, ohne Selbstzweifel und auch noch mit Humor", lachte sie.
"Warum nicht? Dies ist ein Traum. Ich kann nicht enttäuscht werden, oder?" Er küsste sie, seine Braut, erneut. "Ein Traum, der niemals enden soll."
"Niemals", bestätigte sie und küsste ihn seinerseits. "Ach ja, wir müssen den lieben Doktor noch fragen, ab wann du wieder kannst."
"Ab wann ich was kann?"
Rebecca wurde rot wie eine Tomate. "Kinder zeugen."
"Ja, das ist eine sehr wichtige Frage. Das sollten wir auf jeden Fall wissen."
"Wird das schlimmer? Sollen wir den Raum verlassen und ein "Bitte nicht stören"-Schild draußen anhängen?", fragte der Markabi grinsend.
"Keine Sorge, nicht bevor ich nicht die Freigabe meines Arztes habe", beschwichtigte Joaquin den Freund und Weggefährten. "Und wenn ich die habe, dann..." Er ließ seine Augenbrauen hochzucken.
"Das ist ein Versprechen, ja?"
"Das ist ein Versprechen."
Sie kicherten wie kleine Kinder, dann küssten sie sich erneut.
***
Draußen auf dem Gang passierte der behandelnde Arzt die Elite-Soldaten, die er aus Konteradmiral Montagos Zimmer geworfen hatte und ging weiter, bis er eine bequeme Ruhezone erreichte. Admiral Keller und Admiral Zolingarb erwarteten ihn dort.
"Und wie lange wollen Sie ihn in dem Glauben lassen, er sei in Wirklichkeit noch immer in der Reaktorhalle kurz vor dessen Explosion und träumt sich hier ein Happy End zurecht, Doktor?"
Zolt grinste. "Oh, ich werde es ihm gar nicht sagen. Das soll er mal schön alleine herausfinden. Umso nachhaltiger ist dann die Wirkung."
Zolingarb lachte schallend. "Wie gut, dass er im Schlaf redet. So konnten wir einiges arrangieren und seine Begegnungen vorsortieren. Und warum haben wir das gemacht?"
Keller schmunzelte. "Damit Joaquin und Rebecca endlich zueinander finden. Sobald er merkt, dass dies die Realität ist, hätte er nicht ein Wort zu ihr herausbekommen. Also drücken wir die Daumen, dass er es nie herausfindet. Oder zumindest nicht bis zur Hochzeit. Es war ja kaum noch zu ertragen, die beiden so leiden zu sehen. Einander so nahe und doch so fern."
"Dann lassen wir ihn doch träumen, solange er das will", schmunzelte Admiral Zolingarb. "Zumindest so lange, bis die Realität uns wieder einholt."
Aber das hatte rund zwei Jahre Zeit. Genug Zeit für einen ausgiebigen Traum mit perfektem Happy End.