Der Markab-Krieg: Reverse Battle

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P18
05.10.2014
05.10.2014
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Das war es also. Dies war das Ende. Nicht das Ende für die Welt, für die Menschheit oder gar für das Universum, nur das Ende für ihn selbst. Seit die Markabi die Erde überfallen hatten, die Befehle ihres Großkönigs zur Unterwerfung Terras ausführten, war es abzusehen gewesen, dass jemand, der als aktiver Soldat auf Seiten der Erde kämpfte, irgendwann sterben würde. Jemand wie er, Joaquin Montago. Und nun stand er inmitten des Herzens der Mega-Festung MORGBIHL, seinem Erzfeind General Zolingarb direkt gegenüber und war nicht in der Lage, ihn zu töten oder auch nur zu überwältigen. Er stand hier in dieser riesigen Halle, im Herzen MORGBIHLs, direkt am Artam-Reaktor, die Waffe auf Logghan Estuuh Zolingarb gerichtet, aber ein Energieschirm, ein schlichter Energieschirm verhinderte, dass er seine Aufgabe erfüllte und die Kämpfe mit dem Königreich Markab beendete. Zumindest für ein paar Monate oder Jahre, bis Großkönig Molvar IV. die nächste Mega-Festung mit dem Auftrag zur Erde schickte, die Menschheit zu unterwerfen und tributpflichtig zu machen. Dazu kam, dass er aus mehreren Wunden blutete. Ein Wunder, dass der Wundschock ihn noch nicht getötet hatte, geschweige denn der Blutverlust; aber nicht umsonst war er ausgewählt worden, um das kleine, aber feine und äußerst fähige Elite-Team in diesen Einsatz zu führen, während fast die gesamte Erdflotte gegen die Festung anrannte und die Ablenkung schuf, die er und seine Leute für diesen Vorstoß gebraucht hatten. Und dann... Hatte es nicht zu mehr gereicht als hierher zu kommen und sich sein Versagen einzugestehen.
Da stand er vor ihm, keine fünfzig Meter entfernt, derjenige, der über fünfzig ERAD-Bomben auf die Erde abgeworfen hatte, die nach dem Prinzip eines Elektromagnetischen Impuls einer Atombombe sämtliche Elektrizität und damit die Arbeit aller Elektrik und Elektronik, sprich Strom unterband. Bemerkenswert, dass die Markabi dies erreicht hatten, ohne eine tatsächliche Atomexplosion einzusetzen. Schlimm genug blieb es trotzdem, wenn vom Auto bis zum Computer nichts mehr funktionierte. Das hatte die Zivilisation der Erde fast an den Abgrund gedrängt, wären die Menschen nicht findig genug gewesen, Markab das Geheimnis des Schutzschirms zu stehlen und selbst gegen die ERAD einzusetzen. Dennoch, die Verwüstungen, das Leid der Menschen und die Toten dieses Krieges standen auf seiner Soll-Seite, und Joaquin war eigentlich hier, um nun die Haben-Seite auszugleichen. Eigentlich. So weit waren er und seine Gefährten gekommen, so viele von ihnen hatte er auf dem Weg hierher verloren, Menschen, die ihm lieb und teuer gewesen waren und noch mehr... Und nun... Nun...

Zolingarb sah ernst zu ihm herüber. Der humanoide, vieräugige Markab war sein Feind, aber ein  hochgeachteter. Er hatte die Ritterlichkeit der Markab stets gepflegt und war nie von ihr abgewichen, selbst wenn es zu ihm zum Nachteil geworden war. Zudem wollte er erobern, besitzen, beherrschen, nicht die Erde von der Menschheit räumen und für die Nachmieter präparieren. In einer anderen Zeit, in einem anderen Leben hätten sie mehr tun können, als einander zu respektieren, hätten Freunde sein können, ging es Joaquin durch den Kopf, und der Griff um die Partikelpistole, seine letzte funktionierende Waffe, begann für einen Sekundenbruchteil nachzulassen.
"Es ist gut, Commander", sagte der General mit seiner für menschlichen Ohren etwas zu lauten, tiefen Stimme. "Sie haben tapfer gekämpft, ehrenhaft und gut. All Ihre Gefährten sind gefallen." Joaquins Blick strich wie beiläufig zu Arida herüber, Lieutenant Colonel Rebecca Arida, die mit zerborstenem Visier in einer Lache ihres eigenen Blutes lag, die Augen geschlossen und mit seltsam friedlichen Gesichtszügen; sie war seine letzte Begleiterin gewesen, sie hatte es zuletzt erwischt; ein Scharfschütze mit den gefürchteten Hartmantelgeschossen mit Kobaltkern, die nahezu alles durchdrangen was nicht weit genug weg stand oder aus abgereicherten Uran bestand, hatte sie hier in der Halle erschossen, kaum dass sie eingedrungen waren, bevor er den Sniper hatte treffen können.
Und davor? Ziilighan, sein guter Freund und ehemaliger Ritter Markabs, der zu ihnen desertiert war, um die Ritterlichkeit des Großkönigreichs gegen seinen derzeitigen Herrscher zu verteidigen, war von einem zuschnappenden Schott zerquetscht worden, Sergeant Henderson, der Zigarrenrauchende, Stiernackige Veteran, hatte direkt nach ihrem Eindringen mit dem Helthor-Invasionssystem ganz alleine ihren Angriff gegen eine Übermacht an Markab-Veteranen gedeckt, grinsend, auf seiner Zigarre kauend, die zuckenden Lichtreflexe seines Geschützfeuers über sein Gesicht zuckend und rufend: "Um die hier kümmere ich mich. Kümmern Sie sich um den Krieg, Commander!"
Und Stellvin, Est und Colmar? Die besten Kommando-Soldaten der Erde, die ihm vertraut hatten, blind vertraut hatten? Nach und nach auf der Strecke geblieben, entweder um ihren Vormarsch zu decken, oder so hinterhältig abgeknallt wie Rebecca.
Irgendjemand schluchzte, und es dauerte ein paar Sekunden, bis Jaquin begriff, dass er es selbst war. So viele Gefährten tot. So wenig erreicht. So knapp vor dem Ende des Krieges... So knapp gescheitert.

"Sie gehen mit allen Ehrungen und aller Wertschätzung, die ein Ritter wie Sie verdient hat, in die Kriegsgefangenschaft. Auf Markab wird man Ihnen einen großartigen Empfang bereiten..."
Joaquin nahm die Waffe ab, die auf Zolingarb zielte. Die Ladung reichte noch für einen gut gezielten und wohl fokussierten Schuss, war aber nicht stark genug, um das Schutzfeld zu durchdringen, das zwischen ihm und dem General stand. Dem einzigen Schutzfeld in der großen Halle zu diesem Zeitpunkt. Ein letzter Schuss. Ein einziger Schuss, um was zu tun? Zolingarb töten? Im Moment unmöglich. Warten, auf die eine Gelegenheit? Wenn er sich nicht ergab, würden die Markab ihn töten, seinem Leben ein Ende setzen, in der einen Sekunde, in der sie begriffen, dass er sich nicht ergeben würde. Da waren die Markabi recht konsequent und ehrten tapfere Gegner mit einem ehrenvollen Tod.
Oder die zweite Möglichkeit, er würde aussteigen aus dem Kampf, der Schlacht, dem Krieg. Was hielt ihn denn sonst noch hier? Nichts. Rebecca war tot, Ziilighan tot, der alte Sarge tot, die anderen tot, was sollte er noch hier?
Joaquin wechselte die Waffe von der Rechten in die Linke. "Einen Schuss habe ich noch", verkündete er mit lauter, viel zu selbstsicherer Stimme, weit selbstsicherer, als er es eigentlich in sich verspürte.
"Junge, mach keinen Scheiß!", fuhr der General ihn an.
"Keine Sorge, ich beende es jetzt." Mit diesen Worten drückte er sich die Partikelpistole an die Schläfe.
"Ich sagte, mach keinen Scheiß, Joaquin!", blaffte Zolingarb.
Der junge Mann grinste schief. "Ein Mann sollte immer wissen, wann das Ende gekommen ist." Mit diesen Worten veränderte er den Winkel der Waffe weit genug, dass sie nicht mehr auf seinen Schädel zeigte, sondern... Auf den Artam-Reaktor. Der ungeschützte Reaktor, kaum fünfzig Meter von ihm entfernt, wurde vom lichtschnellen Partikelschwarm getroffen, beschädigt, gestört, und beschloss, komplett durchzugehen. Der General wurde bleich wie der Tod, brüllte seinen Untergebenen Befehle entgegen, während das Unvermeidliche geschah. Ja, kein Markab hatte mit diesen zwei Dingen gerechnet. Einerseits, dass es die Kommando-Soldaten der Menschen bis in diese Halle schafften, andererseits, dass einer von ihnen wirklich verrückt genug war, um auf den Reaktor zu schießen, was die gesamte Festung und alle, die in ihr waren, hoch gehen ließ. Oder verzweifelt genug. Oder einsam genug.
Licht blendete ihn. Licht, heller als alles, was er je zuvor gesehen hatte. Der Reaktor ging durch. Na, wenigstens der Part der Mission funktionierte. Die nun nutzlose Waffe entfiel seinen plötzlich kraftlos gewordenen Fingern, er sackte auf die Knie durch.

Die Worte von Doktor Zolt fielen ihm wieder ein, die er ihm kurz vor dem Abflug mit dem Helthor-Invasionssystem mitgegeben hatte.
'Weißt du', hatte der alte Kämpfer und Feldscher ihm gesagt, 'wenn alles den Bach runtergeht, dann träume. Mach die Augen zu und träume dir ein besseres Ende als das, was du erlebst, Junge.'
'Und was sollten mir Träume dann noch bringen, wenn eh alles den Bach runtergeht?', hatte Joaquin gefragt.
Da hatte der alte Mann gelacht. 'Zufriedenheit. Für deine letzten Sekunden. Denn in deinen Träumen kannst du alles ändern. Einfach alles. Dann wirst du nicht sterben, dann werden all jene bei dir sein, die dir etwas bedeuten, egal wo und wann sie sind. Sie werden bei dir sein.'
'Für ein paar Sekunden, für ein paar Bruchteile von Sekunden.'
'Die Zeit kann sich in der Wahrnehmung furchtbar dehnen. Und du kannst in diesen Augenblicken wenigstens glücklich sterben.'
Dann hatte der alte Arzt ihn stehen lassen. Glücklich sein in seinen letzten Sekunden. Die hatten definitiv begonnen, denn der durchgehende Reaktor würde nicht mal Asche von ihm übrig lassen. Oder von Zolingarb. Oder von...
Sein Blick suchte Rebecca, fand sie aber nicht, denn alles, wirklich alles, war in furchtbar grelles Licht getaucht. Ob er in den letzten Sekundenbruchteilen im Diesseits noch blind werden würde? Oh, was war ihm das egal...
Auf ihn wartete das große Nichts, das Vergessen, das Ende. Auf ihn wartete...